Educational
0506
Meine Schwiegertochter hat während meines Aufenthalts im Schrebergarten meine alten Sachen entsorgt – doch meine Antwort ließ nicht lange auf sich warten
Na endlich, jetzt kann man hier wenigstens wieder richtig durchatmen. Vorher war es ja wie in einer Gruft, ehrlich!
Homy
Educational
06
Ein spätes Geschenk Der Bus ruckelte, und Frau Anna Berger griff mit beiden Händen zum Haltegriff, spürte das raue Plastik unter den Fingern nachgeben. Die Einkaufstüte stieß an ihre Knie, Äpfel rollten dumpf darin hin und her. Am Ausgang zählte sie die Haltestellen bis zu ihrer. Leise knisterten Kopfhörer im Ohr – die Enkelin hatte gebeten, sie nicht auszuschalten: „Oma, man weiß ja nie, ich könnte anrufen.“ Das Handy lag in der Außentasche der Handtasche, schwer wie ein Stein. Anna Berger prüfte trotzdem vorsichtshalber den Reißverschluss. Vor ihrem inneren Auge sah sie schon, wie sie die Wohnung betrat, die Tüte auf den Hocker im Flur stellte, sich umzog, den Mantel sorgfältig aufhängte, den Schal zusammenlegte. Danach sortierte sie die Einkäufe, setzte Suppe auf. Abends würde ihr Sohn kommen und die Behälter abholen. Er hatte Spätschicht, keine Zeit zum Kochen. Der Bus bremste, die Türen klappten auf. Anna Berger stieg vorsichtig die Stufen hinab, hielt sich am Geländer und trat zu ihrem Haus. Kinder tobten mit dem Ball durch den Hof, ein Mädchen auf dem Tretroller wich ihr im letzten Moment aus. Vom Eingang roch es nach Katzenfutter und Zigarettenrauch. Im Flur stellte sie die Tüte ab, zog die Schuhe aus, schob sie routiniert mit der Spitze an die Wand. Den Mantel an den Haken, den Schal ins Regal. In der Küche sortierte sie die Lebensmittel: Möhren zu den anderen Gemüsen, Hähnchen in den Kühlschrank, Brot in die Brotdose. Sie füllte einen Topf mit Wasser, gerade so viel, dass die Handinnenfläche den Boden bedeckte. Das Handy vibrierte auf dem Tisch. Sie trocknete sich die Hände am Handtuch und zog es zu sich heran. „Ja, Sascha?“ Sie beugte sich leicht vor, als könnte sie so besser hören. „Hallo Mama. Wie geht’s dir?“ Die Stimme des Sohnes war hektisch, im Hintergrund fragte jemand etwas. „Gut. Ich koche Suppe. Kommst du vorbei?“ „Ja, in etwa zwei Stunden. Hör mal, Mama, bei uns im Kindergarten ist wieder eine Sammlung – Gruppenraum muss renoviert werden. Könntest du vielleicht… – naja, wie letztes Mal.“ Anna Berger griff schon zum Schubladenfach, wo ihr graues Ausgabenheft lag. „Wie viel braucht ihr?“ fragte sie. „Wenn’s geht, dreitausend. Natürlich geben alle was, aber du weißt ja… im Moment ist es schwer.“ „Verstehe. Gut, ich geb’s dir.“ „Danke, Mama. Du bist Gold wert! Ich hole das heute Abend. Und deinen Lieblingssuppe.“ Als das Gespräch vorbei war, kochte im Topf schon das Wasser. Anna warf das Fleisch hinein, salzte, fügte Lorbeer hinzu. Setzte sich an den Tisch und öffnete das Heft. Bei „Rente“ stand die Summe, sorgfältig mit Kugelschreiber notiert. Darunter – Nebenkosten, Medikamente, „Enkel“, „Unvorhergesehenes“. Sie trug „Kita“ und den Betrag ein, hielt kurz inne. Die Zahlen rückten zusammen, als hätte jemand sie von unten angeschoben. Viel blieb nicht übrig, doch es war kein Desaster. „Wir kommen durch“, dachte sie und schloss das Heft. Am Kühlschrank hing ein Magnet mit kleinem Kalender. Darunter Werbung: „Kulturhaus. Saison-Abos. Klassik, Jazz, Theater. Ermäßigung für Rentner.“ Den Magnet bekam sie von Nachbarin Tamara, als diese zum Geburtstag Kuchen brachte. Anna Berger ertappte sich immer wieder dabei, die Werbung zu lesen, während sie auf den Wasserkocher wartete. Heute blieb ihr Blick auf „Abos“ hängen. Sie erinnerte sich, wie sie als junge Frau mit einer Freundin in die Philharmonie ging. Die Tickets waren damals Spott billig, aber man stand ewig an. Sie froren, lachten, trugen ihre schönsten Kleider und die einzigen Pumps. Jetzt sah sie den Saal vor sich – schon jahrelang keine Bühne mehr besucht. Enkel schleppen sie auf Kindervorstellungen, aber das sei etwas anderes. Dort Trubel, da Musik … Sie drehte den Magneten um: auf der Rückseite eine Webseite und Telefonnummer. Die Webseite sagte ihr nichts, die Nummer jedoch … Sie hing den Magnet zurück, aber die Idee blieb. „Unsinn“, murmelte sie. „Lieber für die Enkelin eine Jacke zurücklegen. Die wächst, alles teurer.“ Sie stand auf, drehte den Herd runter. Ließ das Heft geschlossen, stattdessen zog sie einen alten Umschlag aus der Schublade – ihr Notgroschen. Darin Geldscheine der letzten Monate. Nicht viel, aber genug für Reparaturen oder einen Arztbesuch. Die Finger zählten die Scheine, die Werbung im Kopf kreiste weiter. Abends kam der Sohn, hängte die Jacke über den Stuhl, holte die Behälter. „Oh, Borschtsch! Mama, wie immer! Hast du gegessen?“ „Ja, setz dich, schenk dir ein. Ich hab das Geld schon vorbereitet“, sie zählte dreitausend ab. „Mama, schreib wenigstens auf, was übrig bleibt“, sagte er und nahm die Scheine. „Sonst reicht es am Ende nicht.“ „Mach ich. Alles in Ordnung.“ „Du bist unsere Buchhalterin“, lächelte er. „Ach, kannst du am Samstag wieder auf die Kinder aufpassen? Tanja und ich müssten in den Laden, die Kleinen kann niemand nehmen.“ „Kann ich. Was sonst hab ich für Termine.“ Er erzählte vom Job, vom Chef, von neuen Regeln. Beim Anziehen im Flur meinte er noch: „Mama, gönnst du dir auch mal was? Immer nur für uns und die Enkel.“ „Ich hab alles, was ich brauch.“ Er winkte ab: „Du weißt es am besten. Ich komm dann nächste Woche.“ Die Tür fiel ins Schloss, die Wohnung wurde wieder still. Anna Berger spülte ab, wischte den Tisch. Wieder fiel ihr Blick auf den Magneten. Im Kopf die Frage des Sohnes: „Gönnst du dir mal was?“ Am nächsten Morgen blieb sie noch lange liegen, starrte an die Decke. Enkel in Kita und Schule, Sohn bei der Arbeit, keiner würde vor dem Abend kommen. Der Tag schien frei, dabei warteten kleine Aufgaben: Blumen gießen, Boden wischen, alte Zeitungen sortieren. Sie stand auf, machte Gymnastik wie der Arzt es gezeigt hatte: langsam die Arme heben, dehnen, den Kopf drehen. Sie setzte Wasser für Tee auf, füllte die Tasse. Wieder nahm sie den Magnet ab: „Kulturhaus. Abonnements…“ Sie nahm das Handy und tippte die kleine Nummer. Das Herz schlug etwas schneller. Mehrmals piepte es, dann meldete sich eine Dame: „Kulturhaus, Kasse. Was können wir tun?“ „Guten Tag“, sagte Anna Berger, spürte die Trockenheit im Mund. „Wegen der Abonnements …“ „Natürlich. Welcher Zyklus interessiert Sie?“ „Ich bin nicht sicher. Was gibt es denn?“ Die Dame zählte auf: Sinfoniekonzerte, Kammermusik, Romantikabende, Kinderprogramme. „Für Rentner gibt’s Rabatt“, ergänzte sie. „Aber das Abo kostet trotzdem etwas. Vier Konzerte.“ „Und einzeln?“ „Geht auch, ist aber teurer als das Abo.“ Anna Berger prüfte die Zahlen in ihrem Heft und im Umschlag. Sie fragte vorsichtig nach dem Preis, die Summe klang schwer. Machbar, aber „für schlechte Zeiten“ bliebe wenig übrig. „Denken Sie in Ruhe nach, Abos sind schnell vergriffen.“ „Danke“, sagte sie und legte auf. Der Wasserkocher pfiff. Sie schenkte sich Tee ein, öffnete das Heft. Schrieb auf eine leere Seite: „Abo“. Daneben die Summe, und: „Vier Konzerte.“ „Was ist das monatlich?“ Sie überschlug – gar nicht so viel. Weniger Süßes kaufen, Friseur verschieben … Im Kopf tauchten die Enkel auf. Der eine wünschte schon lange einen Bausatz, die andere neue Tanzschuhe. Sohn und Schwiegertochter stöhnten über die Hypothek. Und dazwischen ihr eigener Wunsch, fast peinlich, als wolle sie auf etwas Verbotenes gehen. Sie schloss das Heft, ohne zu entscheiden. Putzte, sortierte Wäsche. Doch die Gedanken an den Saal blieben. Nachmittags klingelte es. Nachbarin Tamara mit einer Dose Gewürzgurken. „Nimm, ich hab keinen Platz mehr. Und – wie läuft’s?“ „Man lebt“, lächelte Anna Berger. „Überlege bloß …“ Sie stockte. Es war ihr peinlich, es auszusprechen. „Worüber denn?“, Tamara setzte sich und holte das Strickzeug hervor. „Wegen eines Konzerts …“, seufzte Anna Berger. „Hier werden Abos verkauft. Früher ging ich oft in die Philharmonie. Jetzt überlege ich, wieder eins zu nehmen. Aber teuer.“ Tamara hob die Brauen. „Warum fragst du mich? Gehst ja du hin. Wenn du willst, geh!“ „Das Geld …“ „Ach Geld, Geld“, winkte die Nachbarin ab. „Du hast doch dein Leben lang geholfen. Dem Sohn gabst du wieder was? Den Enkeln Geschenke? Und für dich? Du läufst immer in derselben Strickjacke und dem alten Mantel rum. Gönn dir mal Musik.“ „Nicht zum ersten Mal – früher war ich auch …“ „Ja, früher war alles 20 Pfennig“, grinste Tamara. „Jetzt sind andere Zeiten. Du verlangst das ja nicht von ihnen. Du hast dein eigenes Geld.“ „Sie sagen trotzdem, es wäre Unsinn – besser für die Enkel.“ „Sag’s ihnen halt nicht“, zuckte Tamara die Schultern. „Sag, du warst beim Arzt. Wobei … wieso sich verstecken? Du bist doch kein Kind.“ Das Wort „kein Kind“ piekste. Anna Berger spürte einen Kränkungsschimmer gemischt mit Scham. „In die Klinik geh ich oft genug“, sagte sie. „Aber trotzdem – was, wenn ich das nicht schaffe, wenn die Treppen zu hoch, wenn das Herz …“ „Da gibt’s einen Fahrstuhl“, winkte Tamara ab. „Und sitzen wirst du ja. Ich war letzten Monat im Theater. Alles bestens. Wollte die Beine, aber Erinnerungen fürs Jahr.“ Sie redeten noch etwas über Neuigkeiten und Medikamentenpreise. Nach dem Besuch nahm Anna Berger wieder das Handy. Wählte die Kasse und sagte, bevor sie zu viel nachdachte: „Ich würde gern ein Romantikabo nehmen.“ Sie bekam erklärt, dass sie persönlich mit Ausweis kommen musste. Sie schrieb Adresse und Öffnungszeiten auf einen Zettel und heftete ihn mit Magnet an den Kühlschrank. Ihr Herz klopfte wie nach schnellem Gehen. Abends rief die Schwiegertochter an. „Frau Berger, können Sie am Samstag? Wir müssen zum Sonderangebot im Elektrocenter.“ „Natürlich“, bestätigte sie. „Danke! Wir bringen Ihnen was mit. Tee oder Handtücher?“ „Nicht nötig. Ich habe alles, was ich brauche.“ Nach dem Gespräch betrachtete sie den Zettel am Kühlschrank. Bis 18 Uhr geöffnet. Sie würde rechtzeitig losgehen. Nachts träumte sie vom Saal: weiche Sitze, Licht, Menschen in dunkler Kleidung. Sie saß in der Mitte, hielt ein Programmheft, wagte kaum sich zu bewegen. Am Morgen fühlte sie die Schwere in der Brust. „Warum hab ich bloß angefangen – so viel Aufwand.“ Doch der Zettel blieb. Nach dem Frühstück holte sie den besten Mantel aus dem Schrank, klopfte ihn ab, prüfte die Knöpfe. Wählte den warmen Schal, bequeme Schuhe. Pass, Geldbeutel, Brille, Blutdrucktabletten, Wasserflasche in die Tasche. Vor dem Gehen setzte sie sich auf den Hocker, lauschte sich selbst. Kein Schwindel, keine Schwäche. „Wird schon gehen“, sagte sie und schloss die Tür. Bis zur Haltestelle war es nicht weit, doch sie ging langsam, zählte die Schritte. Der Bus kam rasch. Innen war es voll, ein junger Mann ließ sie sitzen. Sie bedankte sich und setzte sich ans Fenster, die Tasche auf dem Schoß. Das Kulturhaus lag zwei Stationen vom Zentrum entfernt. Ein hohes Gebäude mit Säulen, Plakaten am Eingang. Zwei Frauen sprachen gestikulierend, drinnen roch es nach Staub, Holz und Süßem aus dem Buffet. Die Kasse lag gleich rechts. Eine nette Kassiererin nahm den Ausweis, fragte nach dem gewünschten Zyklus. „Für Rentner Rabatt“, wiederholte sie. „Sie haben Glück, noch gute Plätze im mittleren Bereich.“ Sie zeigte einen Sitzplan, Anna Berger nickte, ohne wirklich etwas zu erkennen. Das Bezahlen tat kurz weh – sie zählte das Geld. Kurz wollte sie zurückweichen, aber hinter ihr scharrte schon die Warteschlange. Sie legte die Scheine hin. „Hier Ihr Abo“, sagte die Frau, gab eine schöne Karte mit Daten. „Erstes Konzert in zwei Wochen. Kommen Sie rechtzeitig.“ Das Abonnement war überraschend hübsch: vorne ein Bühnenfoto, innen die Termine. Anna Berger legte es zwischen Ausweis und Rezeptheft in die Tasche. Draußen setzte sie sich auf die Bank, trank Wasser. Zwei Teenager rauchten und sprachen laut über Musik, die sie nicht kannte. Sie hörte zu, als wäre es eine Fremdsprache. „Nun gut – gekauft. Jetzt kein Zurück mehr.“ Die zwei Wochen verrannen mit Alltag – Enkel krank, Suppe kochen, Temperatur messen, Sohn bringt Einkäufe, nimmt Essensboxen mit. Mehrmals wollte sie ihm vom Abo erzählen, wechselte aber das Thema. Am Konzerttag wachte sie früh auf, fühlte Unruhe wie vor einer Prüfung. Sie machte das Abendessen fertig, rief den Sohn an. „Ich bin heute Abend nicht da“, sagte sie. „Falls was ist, bitte vorher anrufen.“ „Wohin gehst du überhaupt?“ Sie zögerte. Lügen – nein; sagen? Angst. „In Kulturhaus. Konzert.“ Stille am anderen Ende. „Konzert!? Brauchst du das? Da sind doch nur junge Leute, Tumult …“ „Das ist keine Disco!“ Anna Berger bemühte sich ruhig zu sprechen. „Das sind Romantikabende.“ „Wer hat dich eingeladen?“ „Niemand. Ich hab mir das Abo selbst gekauft.“ Pause. „Mama … Wirklich? Du weißt doch, es ist grad schwierig. Das Geld hätte man … du verstehst.“ „Verstehe. Aber es sind meine eigenen Ersparnisse.“ Die Worte klangen fest, selbst für sie. Der Sohn seufzte. „Okay. Deine Sache. Nur – jammer später nicht, falls mal was knapp wird. Und pass auf dich auf – nicht erkälten, deinem Alter …“ „In meinem Alter kann man sehr wohl Musik genießen“, widersprach sie. „Bin ja nicht auf Bergwanderung.“ Ein sanfteres Seufzen. „Gut. Melde dich, wenn du zurück bist. Damit ich weiß …“ „Mach ich.“ Nach dem Gespräch blieb sie noch lang am Tisch, blickte aufs Abonnement. Die Hände zitterten. Es war, als hätte sie etwas Freches, fast Unerlaubtes getan. Aber zurück wollte sie nicht. Am Abend zog sie sich ihr bestes Kleid an, dunkelblau mit sauberem Kragen, Strumpfhose ohne Laufmaschen, bequeme Schuhe. Sie kämmte die Haare länger als sonst, glättete die widerspenstigen Strähnen. Auf der Straße war es schon dunkel, die Schaufenster leuchteten, Leute drängten an der Haltestelle. Sie drückte die Tasche – Abo, Ausweis, Taschentuch, Tabletten. Im Bus war es eng. Jemand trat ihr versehentlich auf den Fuß und entschuldigte sich. Sie hielt den Griff, zählte Haltestellen, quetschte sich zum Ausgang. Am Kulturhaus standen Menschen jeden Alters – ältere Paare, jüngere Frauen, einige Studententypen. Anna Berger spürte, wie die Anspannung nachließ. Sie war nicht die Älteste. Sie gab ihr Mantel im Garderobe ab, bekam einen Bon, zögerte einen Moment, entdeckte dann die Richtung „Saal“ und folgte dem Schild. Innen halbdunkel, winzige Lampen über den Reihen. Am Eingang stand eine Dame, prüfte die Tickets. „Ihr Platz – Reihe sechs, Sitz neun.“ Sie zeigte ins Programm. Anna entschuldigte sich, wenn jemand aufstehen musste, fand ihren Platz, setzte sich, Tasche auf die Knie. Herzklopfen, kein Angst mehr, sondern Vorfreude. Um sie herum tuschelten Leute, lasen Programmhefte. Sie öffnete ihres, strich über die Zeilen. Die Stücke sagten ihr wenig, aber unten entdeckte sie den Namen eines Komponisten, dessen Lieder sie früher im Radio hörte. Das Licht wurde schwächer, die Moderatorin sprach ein paar Worte – der Inhalt war unwichtig. Es zählte das Gefühl, wirklich hier zu sitzen, nicht am Herd. Als die ersten Takte erklangen, spürte sie Gänsehaut. Die Sängerin: tiefer, kratziger Ton. Worte von Liebe, Abschied, Fernweh. Sie dachte an einen anderen Saal, in einem anderen Leben, neben einem Menschen, der längst fort war. Sie spürte Tränen, doch sie weinte nicht, hielt nur den Rand der Tasche fest und hörte zu. Nach und nach entspannte sich ihr Körper, der Atem wurde ruhig. Die Musik füllte den Raum und ihr eigenes Leben glitt weg von Sorgen, Rechnungen, Sparsamkeit. Im Foyer nach der Pause tat die Beine weh. Die Leute unterhielten sich, aßen Kuchen, tranken Tee aus Plastikbechern. Sie kaufte sich eine kleine Schokolade, obwohl sie sich sonst solche Dinge verkneift. „Schmeckt“, sagte sie laut und brach ein Stück ab. Neben ihr stand eine Frau im ähnlichen Alter, Kostüm, hellblond. „Toller Abend, oder?“, sprach sie Anna an. „Ja“, nickte Anna Berger. „Ich war ewig nicht mehr hier.“ „Ich auch – immer Enkel, Garten, keine Zeit. Jetzt dachte ich: Wenn nicht jetzt, wann dann.“ Sie tauschten ein paar Worte über das Programm, die Sängerin. Dann läutete die Glocke, zurück in den Saal. Die zweite Hälfte verging schneller. Anna Berger dachte nicht mehr an Geld, rechnete nicht mehr, genoss einfach Musik. Zum Schluss lang anhaltender Applaus. Sie klatschte mit, bis die Hände schmerzten. Draußen spürte sie die frische Luft auf dem Heimweg, angenehme Müdigkeit, aber innerlich Wärme – kein Überschwang, eher das Gefühl, sich selbst etwas geschenkt zu haben. Zu Hause rief sie ihren Sohn an. „Ich bin wieder daheim. Alles gut.“ „Na, wie war’s? Nicht gefroren?“ „Nein – und es war … schön.“ Nach kurzem Schweigen: „Hauptsache, du bist zufrieden. Aber übertreib’s nicht – wir müssen noch für die Renovierung sparen.“ „Ich weiß. Aber ich hab das Abo schon. Noch drei Konzerte.“ „Drei? Na, dann geh ruhig hin. Sei bloß vorsichtig.“ Nach dem Gespräch hängte sie Mantel und Tasche an ihrem Platz. In der Küche goss sie Tee ein, setzte sich an den Tisch. Das Abo lag vor ihr, etwas verknickt. Sie strich mit dem Finger darüber, trug die Termine in den Kalender an der Wand ein, umkreiste sie. In der folgenden Woche, als der Sohn wieder Geld erbat, öffnete sie das Heft, starrte lange auf die Zahlen. Dann sagte sie: „Ich kann dir nur die Hälfte geben. Den Rest brauche ich selbst.“ „Wofür?“ Sie sah ihn an, müde, Augenringe. „Für mich. Ich brauche auch mal was.“ Er wollte etwas einwenden, winkte dann ab. „Na gut, Mama. Wie du meinst.“ An diesem Abend holte sie ihr altes Fotoalbum aus dem Schrank. Auf einem Bild: sie selbst, jung, mit hellem Kleid, vor der Philharmonie einer anderen Stadt – eine Programmheft in der Hand, ein schüchternes Lächeln. Lange schaute sie das Foto an, versuchte das Gesicht mit ihrem Spiegelbild zu verbinden. Dann schloss sie den Album und stellte es weg. Am Kühlschrank, neben dem Magnet, heftete sie einen weiteren Zettel an: „Nächstes Konzert: 15.“ Darunter: „Nicht vergessen, rechtzeitig losgehen!“ Ihr Leben drehte sich dadurch nicht um. Morgens Suppe kochen, Wäsche waschen, zur Klinik gehen, auf die Enkel aufpassen. Ihr Sohn bat weiterhin um Hilfe, sie gab so viel sie konnte. Doch irgendwo entstand das Gefühl, dass sie eigene Pläne hatte, ihr kleines Zeitfenster, das niemand rechtfertigen musste. Manchmal, beim Vorübergehen am Kühlschrank, berührte sie den Zettel. Dann stieg ein stilles, hartnäckiges Gefühl in ihr auf: Sie lebt noch, sie darf noch wollen. Eines Abends blätterte sie in der Zeitung, stieß auf ein Inserat: Englischkurs für Senioren in der Stadtbibliothek. Kostenlos, aber Anmeldung erforderlich. Sie riss die Seite raus, legte sie zum Abonnement. Dann gönnte sich einen Tee und überlegte, ob das vielleicht schon zu mutig wäre. „Erst höre ich meine Romantikabende fertig“, beschloss sie. „Dann sehe ich weiter.“ Sie legte die Zeitung ins Heft, aber die Idee, noch etwas Neues zu lernen, erschien ihr erstmals nicht als unmöglich. Am Abend, vor dem Einschlafen, trat sie ans Fenster und zog die Gardine beiseite. Im Hof brannten die Lampen, ein Jugendlicher mit Kopfhörern, ein Junge mit Ball auf dem Asphalt. Anna Berger stand da, stützte die Hand aufs Fensterbrett und spürte, wie gleichmäßige Ruhe in ihr aufstieg. Draußen ging das Leben weiter, voller Herausforderungen, Einschränkungen. Aber dazwischen hatten für sie vier Konzertabende Platz – und vielleicht bald neue Vokabeln. Sie löschte das Licht in der Küche, ging ins Zimmer und deckte sich sorgsam zu. Morgen würde wieder alles wie gewohnt sein: Markt, Anrufe, Kochen. Aber auf dem Kalender war ein kleiner Kreis, und das veränderte etwas Wesentliches – auch wenn keiner außer ihr es bemerkte.
Später Geburtstag Der Bus ruckelte, als er anfuhr, und Hannelore Wagner klammerte sich mit beiden Händen
Homy
Educational
0598
Die Schwiegermutter kam zur Kühlschrank-Kontrolle – und war entsetzt über neue Schlösser an unserer Tür „Was ist denn hier los?! Mein Schlüssel passt nicht! Habt ihr euch verbarrikadiert? Irina! Viktor! Ich weiß doch, dass ihr da seid, der Stromzähler läuft! Macht sofort auf, die Taschen sind schwer – meine Arme fallen schon ab!“ Mit dieser typischen Mischung aus Empörung und Durchsetzungsfreude hallte der Ruf von Frau Tamara Iljitschna durchs frisch renovierte Treppenhaus eines klassischen Berliner Mietshauses. Die resolute Schwiegermutter stand vor verschlossener Wohnung ihres Sohnes, ruckelte voller Energie an der Klinke und versuchte, ihren altbekannten Haustürschlüssel in das brandneue Chromschloss hineinzuzwängen. Neben ihr, auf dem Linoleumboden, stapelten sich zwei prall gefüllte karierten Einkaufstaschen, aus denen ein Bund welkender Dill und der Hals eines Einmachglases mit trüber, weißer Flüssigkeit hervorstachen. Irina, die gerade die Stufen zum dritten Stock erklomm, stockte und trat auf dem Absatz stehen, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Jeder spontane Überraschungsbesuch ihrer Schwiegermutter war für sie die reinste Nervenprobe – aber heute war alles anders. Heute war Tag X. Der Tag, an dem nach fünf Jahren Geduld der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte und ihr eigens ausgeklügelter Verteidigungsplan griff. Sie atmete tief durch, rückte den Taschenriemen auf der Schulter zurecht, setzte ein höflich-neutrales Gesicht auf – und ging weiter nach oben. „Guten Abend, Frau Iljitschna!“, begrüßte sie die Schwiegermutter betont ruhig auf dem Treppenabsatz. „Machen Sie keinen solchen Aufruhr, sonst rufen die Nachbarn noch die Polizei. Und bitte, zerstören Sie die Tür nicht – die ist teuer.“ Tamara Iljitschna fuhr herum, ihre Dauerwelle bebte – empört, die Augen so funkensprühend wie zur Bundesjugendspiele-Parade. „Aha, da bist du ja!“, rief sie, stemmte die Arme in die Hüften. „Weißt du, wie lange ich schon hier stehe, rufe, klopfe! Warum passt mein Schlüssel nicht mehr? Habt ihr etwa das Schloss ausgetauscht?“ „Ja, haben wir gestern gemacht, der Schlüsseldienst war da“, bestätigte Irina ruhig und zeigte einen neuen Schlüsselbund. „Und ich, die Mutter, werde nicht mal informiert? Ich komme doch nur, bringe euch Lebensmittel, sorge mich, und ihr schließt mich einfach aus? Gib mir sofort den neuen Schlüssel! Ich muss das Fleisch in die Truhe legen, das tropft schon!“ Irina stellte sich vor die Tür, blockierte absichtlich den Durchgang. Früher hätte sie vielleicht nachgegeben, wäre aufgeregt losgelaufen, um einen Zweitschlüssel zu suchen – einfach damit „Mama“ keinen Ärger macht. Aber was vorgestern passiert war, hatte ihr endgültig die Augen geöffnet. „Sie bekommen keinen neuen Schlüssel, Frau Iljitschna. Das war’s.“ Stille, so scharf wie ein Schnitt mit dem Brotmesser. Die Schwiegermutter starrte Irina an, als hätte sie gerade angefangen, Suaheli zu sprechen. „Was redest du da?“, zischte sie. „Ich bin die Mutter deines Mannes, die zukünftige Oma eurer Kinder! Das ist die Wohnung meines Sohnes!“ „Die Wohnung haben wir gemeinsam gekauft, finanziert durch unseren Kredit und das Startkapital stammte aus dem Verkauf der Wohnung meiner Oma. Aber darum geht’s nicht. Sie haben eindeutig unsere Grenzen überschritten.“ Trotziger Aufschrei von Tamara Iljitschna, doch Irina hielt stand: „Sie haben vorgestern wieder eine komplette Kühlschrank-Inspektion veranstaltet – und alles rausgeschmissen, was Ihnen nicht gepasst hat.“ „Ich habe Ordnung geschaffen und euch gerettet!“, gab die Schwiegermutter zurück und zählte sämtliche alte Hausfrauen-Tugenden auf. Sie wusste selbstverständlich besser, was „gute deutsche Hausmannskost“ ist. Ihre Suppe, ihre Frikadellen – Rettung vor der „vergifteten“ Industrienahrung dieser Generation! Und immer wieder: „Früher hätte man sich über jede Knochenbrühe gefreut!“ Doch Irina blieb eisern. „Ihr ‘Helfersyndrom‘ ruiniert nicht nur unsere Lebensmittel, sondern vor allem unser Familienleben. Es reicht!“ Wütend rief die Schwiegermutter ihren Sohn an: „Viktor! Deine Frau hat mir den Zutritt verweigert, willst du deine Mutter etwa draußen stehen lassen? Ich komme hier nicht rein, das ist eine Unverschämtheit!“ Doch Viktor, nach langen, tränenreichen Gesprächen mit Irina, hielt sich an das gemeinsame Versprechen und stellte sich entschlossen hinter seine Frau: „Mama, lass die Taschen einfach draußen. In die Wohnung kommst du heute nicht.“ Die Schwiegermutter war sprachlos, und als sie all ihre eingelegten Gurken, Sauerkraut und schrumpeligen Möhren auf dem Treppenabsatz verteilte, verließ sie unter lautstarkem Protest und gekränkter Würde das Feld. Endlich kehrte Stille ein. In der Küche stand nur noch ein Rest der berühmten „Schwieger-Muttchen-Suppe“ – und Irina und Viktor bestellten Pizza. Mit extra viel Käse. Zusammen saßen sie im warmen Küchenlicht und wussten: Das war der erste Abend, an dem sie wirklich zu Hause waren – in ihrem eigenen kleinen Glück. Wenn Ihnen diese Geschichte bekannt vorkommt oder geholfen hat: Folgen Sie meinem Kanal. Ich freue mich über Ihre Likes und Kommentare.
Was ist hier eigentlich los?! Mein Schlüssel passt nicht! Habt ihr euch dort drinnen verschanzt?
Homy
Educational
09
Ohne „man muss“ Anton öffnete die Tür und sah auf dem Küchentisch drei Teller mit eingetrockneten Nudeln, einen umgestürzten Joghurtbecher und ein aufgeschlagenes kariertes Schulheft. Kostas Rucksack lag mitten im Flur, Vera saß auf dem Sofa, den Blick ins Handy versenkt. Er stellte seine Tasche ab, zog die Schuhe aus. Eigentlich wollte er etwas zu den Tellern sagen, doch plötzlich schnürte ihm die Erschöpfung die Kehle zu – er ging einfach zum Tisch, nahm einen Teller und trug ihn zur Spüle. „Papa, ich spüle gleich ab“, sagte Vera, ohne hochzusehen. „Schon gut.“ Er drehte das Wasser auf und hielt den Teller unter den Strahl. Die Nudeln wurden weich und verschwanden im Abfluss. Als er das Wasser abgestellt hatte, stand er einen Moment da und betrachtete das nasse Geschirr. „Vera, wo ist Kosta?“ „In seinem Zimmer. Mathe machen.“ „Und du?“ „Ich bin fertig.“ Er trocknete sich die Hände ab, ging in Kostas Zimmer. Sein Sohn lag auf dem Teppich, stützte den Kopf auf die Faust, im Heft waren anderthalb Aufgaben notiert. „Hallo“, sagte Anton. „Hi.“ „Wie läuft’s?“ „Geht.“ „Hausaufgaben?“ „Mach ich.“ Anton setzte sich auf die Bettkante. Kosta warf ihm einen Seitenblick zu, wandte sich dann wieder dem Heft zu. „Papa, was ist los?“ „Ich weiß nicht“, sagte Anton. „Bin einfach müde, glaube ich.“ Er wusste es wirklich nicht. Seine Mutter hatte am Morgen angerufen und verlangt, er solle vorbeikommen und beim Ausräumen des Schranks helfen, im Büro hatte sich die Besprechung bis sechs gezogen und in der U-Bahn war er an die Tür gepresst gewesen. Und jetzt saß er in Kostas Zimmer und merkte, dass er keine Lust hatte, über die Teller, über Hausaufgaben oder Ordnung zu reden. Er wollte nicht einfach die Funktion erfüllen, nach Hause kommen und funktionieren. „Komm, lass uns in der Küche zusammensetzen“, schlug er vor. „Alle zusammen.“ „Warum?“ „Einfach reden.“ Kosta verzog das Gesicht. „Schon wieder wegen der schlechten Deutschnote?“ „Nein. Nur reden.“ „Papa, ich bin nicht fertig mit den Aufgaben.“ „Machst du später. Fünf Minuten.“ Er stand auf, ging hinaus und rief nach Vera. Sie hob den Kopf und seufzte missmutig. „Im Ernst?“ „Im Ernst.“ Sie warf ihr Handy aufs Sofa und folgte ihm. Kosta kroch aus seinem Zimmer und blieb in der Küchentür stehen, als traue er sich nicht ganz hinein. Anton setzte sich an den Tisch, schob das Heft beiseite. Vera setzte sich gegenüber, Kosta hockte am Stuhlrande. „Was ist los?“, fragte Vera. „Nichts ist los.“ „Und warum dann?“ Anton schaute sie an, dann Kosta. Kostas Blick war ängstlich, als rechne er mit etwas Schlimmen. „Ich will nur reden“, sagte Anton. „Ehrlich. Ohne ‚Man muss Hausaufgaben machen‛, ‚Man muss spülen‛, das ganze ‚muß‘.“ „Heißt das, ich muss heute nicht abspülen?“, fragte Kosta vorsichtig. „Wird hinterher gemacht. Mir geht es um was anderes.“ Vera verschränkte die Arme. „Du bist heute seltsam.“ „Seltsam“, stimmte er zu. „Weil ich müde bin, so zu tun, als sei alles in Ordnung.“ Sie schwiegen. Er suchte nach Worten, aber in seinem Kopf war nur Leere. „Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll“, begann er dann. „Aber ich glaube, wir tun alle nur so. Ich komme nach Hause, ihr tut so, als wäre alles okay, ich tu so, als würde ich es glauben. Wir reden über Schule und Essen, aber eigentlich reden wir überhaupt nicht.“ „Papa, du nervst gerade“, sagte Vera leise. „Warum?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich selbst nicht klarkomme und Angst habe, ihr kommt auch nicht klar, und ich merke es nicht mal, weil ich so mit mir beschäftigt bin.“ Kosta zog die Augenbrauen zusammen. „Ich komm klar.“ „Wirklich?“ Anton sah ihn an. „Und warum schläfst du dann seit zwei Wochen immer erst nach Mitternacht?“ Kosta schwieg und starrte auf den Tisch. „Ich höre, wie du dich hin und her wälzt“, sagte Anton. „Und morgens siehst du aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen.“ „Hab einfach keinen Bock zu schlafen.“ „Kosta.“ „Was denn, ‚Kosta‘?“ „Sag, was wirklich ist.“ Kosta zuckte mit den Schultern, wandte sich ab. „In der Schule ist alles gut. Ich mache meine Aufgaben. Was noch?“ „Es geht mir nicht um die Aufgaben.“ Vera mischte sich ein: „Papa, warum bohrst du so bei ihm nach?“ „Ich bohre nicht. Ich will verstehen.“ „Aber er will nicht reden. Das ist sein Recht.“ Anton schaute sie an. „Okay. Dann sag du, wie es bei dir ist.“ Sie grinste kurz. „Bei mir? Super. Ich lerne, treffe meine Freundinnen, alles wie immer.“ „Vera.“ Sie schwieg, schaute weg. „Was?“ „Du gehst seit einem Monat kaum noch raus. Deine Freundin hat dich zweimal eingeladen, du hast abgesagt.“ „Na und? Ich hatte einfach keine Lust.“ „Warum nicht?“ Sie presste die Lippen zusammen. „Weil mich das genervt hat, das ganze Gerede über Jungs und so. Okay?“ „Okay“, sagte er. „Mir kommt‘s vor, als wärst du oft traurig.“ Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie etwas abschütteln. „Ich bin nicht traurig.“ „Gut.“ Es wurde still. Nur der Kühlschrank brummte hinter ihnen. „Ihr wisst was“, sagte er zögernd, „ich will euch jetzt nicht erziehen. Und ihr sollt mich nicht trösten. Ich sag‘s einfach direkt: Ich habe Angst. Jeden Tag. Ich habe Angst, dass das Geld nicht reicht, dass Oma krank wird und nichts sagt, dass ich im Büro entlassen werde. Ich habe Angst, dass ihr etwas durchmacht und ich es nicht merke, weil ich mit mir beschäftigt bin. Ich bin müde, so zu tun, als sei alles unter Kontrolle.“ Vera blinzelte und sah ihn aufmerksam an. „Du bist doch erwachsen“, sagte sie leise. „Du musst doch klarkommen.“ „Ich weiß. Aber ich komme nicht immer klar.“ Kosta hob den Kopf. „Was passiert, wenn du nicht klarkommst?“ „Keine Ahnung“, antwortete Anton ehrlich. „Dann muss ich eben um Hilfe bitten.“ „Bei wem denn?“ „Bei euch zum Beispiel.“ Kosta runzelte die Stirn. „Aber wir sind doch Kinder.“ „Klar, ihr seid Kinder. Aber ihr seid auch Teil dieser Familie. Manchmal brauche ich einfach, dass ihr mir die Wahrheit sagt. Nicht ‚alles okay‘, sondern wie es wirklich ist.“ Vera streifte den Tisch ab, als würde sie Krümel sammeln. „Wozu musst du das wissen?“ „Damit ich nicht allein bin.“ Sie sah ihn an, und in ihren Augen war ein Funken Verständnis. „Mir macht die Schule Angst“, sagte Kosta plötzlich. „Da ist ein Junge, der sagt jeden Tag, ich bin doof. Und alle lachen.“ Anton spürte einen Stich in der Brust. „Wie heißt er?“ „Sag ich nicht. Du gehst sonst hin, dann wird’s schlimmer.“ „Ich gehe nicht. Versprochen.“ Kosta sah ihn misstrauisch an. „Wirklich?“ „Wirklich. Aber ich muss wissen, dass du nicht allein bist.“ Kosta nickte, senkte den Kopf. „Ich bin nicht allein. Dima ist okay. Wir sitzen nebeneinander.“ „Gut.“ Vera seufzte. „Ich will nicht auf die Uni“, sagte sie leise. „Alle fragen, wo ich hingehe, und ich weiß es nicht. Überhaupt nicht. Kommt mir vor, als würde ich nirgends hinkommen, weil ich nichts kann.“ „Vera, du bist vierzehn.“ „Ja und? Alle wissen schon, was sie machen. Nur ich nicht.“ „Nicht alle.“ „Alle, die ich kenne.“ Er schwieg einen Moment. „Mit vierzehn wollte ich Geologe werden. Dann hab ich‘s mir anders überlegt. Ein paar Mal sogar. Und jetzt arbeite ich ganz woanders.“ „Und, ist das okay?“ „Mal so, mal so. Manchmal ja, manchmal schwer. Das Leben muss nicht vorgeplant sein.“ Vera nickte unsicher. „Alle sagen, man muss sich festlegen.“ „Sagen sie“, stimmte er zu. „Aber das sind ihre Worte, nicht deine.“ Sie sah ihn fast an, als wollte sie lächeln. „Irgendwie bist du heute anders.“ „Ich bin müde, immer richtig zu sein.“ Kosta grinste. „Darf ich dich was fragen?“ „Klar.“ „Hast du wirklich Angst?“ „Ja.“ „Und was machst du, wenn du Angst hast?“ Anton dachte nach. „Ich stehe morgens auf und mache irgendwas. Auch wenn ich nicht weiß, ob‘s richtig ist. Hauptsache, ich tue was.“ Kosta nickte. „Verstehe.“ Sie saßen still. Anton schaute sie an und wusste: Er hatte nichts entschieden, keine Antworten gegeben, keine Sorgen genommen. Aber etwas war anders – er hatte gezeigt, dass er nicht nur Funktion ist, sondern Mensch. Und sie haben es genauso gezeigt. „Na dann“, sagte Vera und stand auf, „ich spüle mal ab.“ „Ich helf“, sagte Kosta. „Ich auch“, sagte Anton. Sie standen auf, Vera öffnete den Wasserhahn, Kosta holte den Schwamm. Anton griff nach dem Handtuch und begann abzutrocknen. Sie arbeiteten schweigend, aber es war eine andere Stille – keine leere, sondern eine gefüllte. Als der letzte Teller auf dem Abtropfregal lag, trocknete Vera ihre Hände und sah ihren Vater an. „Papa, können wir mal wieder so reden? Irgendwann.“ „Klar“, sagte er. „Wann du willst.“ Sie nickte und ging in ihr Zimmer. Kosta blieb stehen, trampelte herum. „Danke, dass du dich nicht um den Jungen kümmerst“, sagte er. „Wenn’s ganz schlimm wird, sagst du mir Bescheid?“ „Mach ich.“ „Dann lass uns Mathe zu Ende machen.“ Sie gingen in Kostas Zimmer, setzten sich zusammen aufs Teppich. Anton nahm das Heft, schaute auf die Aufgaben. Kosta rückte näher heran, und sie rechneten Seite an Seite, nicht hektisch, fast wie immer. Aber Anton wusste jetzt, hinter diesen Aufgaben steckt ein Junge, der Angst hat – und dass er, Anton, nicht nur als Kontrolleur daneben sitzen kann, sondern als einer, der selbst Angst hat und trotzdem jeden Morgen aufsteht. Das war nicht viel, aber es war ein Anfang.
Ohne “muss” Damals, vor vielen Jahren, kam Martin nach Hause und sah auf dem Küchentisch
Homy
Educational
024
Papa will heiraten – Als meine Mutter plötzlich starb, zerbrach auch die Beziehung zu meinem Vater. Jahre später verkündet er mir: „Ich habe eine neue Frau gefunden und wir wollen heiraten.“ Zwischen Trauer, Eifersucht und der Angst, unser Zuhause und meine Erinnerungen an Mama zu verlieren, beginnt eine emotionale Zerreißprobe um Liebe, Vertrauen und das wahre Erbe unserer Familie.
Mein Vater beschloss, erneut zu heiraten Meine Mutter, Helene, starb vor vielen Jahren, als ich, Lore
Homy
Educational
09
Der überzählige Stuhl Die Kiste mit Weihnachtsdekoration stand schon den dritten Tag auf dem Tisch. Nadja ging wieder daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und steuerte zum Wasserkocher. Sie drehte das Gas auf, lehnte sich an die Spüle und ertappte sich dabei, wieder den Impuls zu verspüren, die Kiste zurück in den Hängeschrank zu räumen. Früher hatten sie, sie und Viktor, die Kiste immer Anfang Dezember herausgeholt. Er meckerte, dass es zu früh sei, kletterte aber trotzdem auf den Hocker und nestelte an den staubigen Schnüren. Die Kugel in Zeitungspapier, der Weihnachtsmann mit der abgebrochenen Nase, das Lametta, das am Pulli klebte. Der Hocker stand jetzt leer an der Wand. Im Frühjahr hatte der Sohn die Kiste nach unten geholt, als er zum 40. Tag zu Besuch war. Seitdem blieb sie stehen. Der Wasserkocher blubberte, Nadja drehte das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und betätigte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht blendete und machte die Küche augenblicklich eng. Vier Stühle am Tisch — wie immer. Auf dem am Fenster hing Viktors warme Flanellhemd, immer noch seit April. Nadja wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es in den Schrank räumen fühlte sich wie Verrat an. Den Stuhl nackt zu lassen, schien noch schlimmer. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Nachricht vom Sohn: ein Foto vom Enkelkind im Kindergarten, die Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. „Mama, wie geht’s? Wir proben gerade fürs Weihnachtsfest, ruf dich später an.“ Nadja starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: „Alles gut. Habe zu tun. Mach dir keine Sorgen um mich.“ Die Beschäftigung war einfach. Gestern war das Mädchen von der Hausverwaltung da, brachte die Rechnungen und irgendein Formular. Sie müsste ins Bürgerbüro gehen und den Antrag unterschreiben. Auch die Blutdrucktabletten waren aus. Die Ärztin hatte erklärt, man solle keine Pausen machen. Nadja wusste das alles, aber sich aufzuraffen und rauszugehen war schwerer, als früher die Vorhänge zum Waschen abzuhängen. Es klingelte. Sie erschrak, stellte die Tasse auf den Tisch und öffnete die Tür. Auf der Fußmatte stand die Nachbarin Rita, Wollmütze auf, ein Beutel in der Hand. — Frau Nadja, guten Tag. Ich war eben einkaufen und hab Mandarinen im Angebot gesehen. Habe ein paar mehr genommen, wollte Ihnen welche geben. Sie streckte ihr den Beutel entgegen. Der Duft war säuerlich, süß, winterlich. — Ach Rita, das wäre doch nicht nötig, — seufzte Nadja. — Ich hab selber noch welche. — Ich esse die sowieso nicht alle. Nehmen Sie ruhig. Wie geht es Ihnen so… kommen Sie zurecht? Rita blickte schnell weg, fast so, als erschrecke sie ihre eigene Frage. — Ich lebe, — sagte Nadja. — Danke dir. Willst du hereinkommen? — Nee, ich muss weiter, die Kinder sind zuhause, Hausaufgaben und so. Wenn was ist, rufen Sie mich einfach an, ja? Ich habe die Flurlampe ausgetauscht, jetzt ist es heller auf dem Weg. Damit Sie abends besser rauskommen. Nadja nickte, auch wenn sie abends kaum hinausging. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Der Mandarinenbeutel kühlte die Hand. Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen zur Dekokiste, atmete tief durch, zog Viktors Stuhl heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, der Holzrücken drückte neu gegen ihre Schulterblätter. Früher saß sie immer gegenüber, mit Blick zum Fenster. Jetzt sah sie auf die leere Wand, wo früher die Papiergirlande hing. Der Gedanke, die Girlande wieder aufzuhängen, war unangenehm, fast beschämend. Fast so, als würde sie ein Fest feiern ohne den Menschen, mit dem es Sinn gemacht hatte. Ärzte und Bekannte erzählten, man müsse weitermachen, die Zeit heile alles. Zeit zeigte bisher nur, wie viele Dinge im Haus besser unangetastet blieben. Drei Wochen bis Silvester. Der Schnee im Hof war graue Masse, verqualmt durch Kinder mit Böllern. Nadja blickte morgens hinaus, beobachtete den Hausmeister, wie er schimpfend schaufelte. Dann kochte sie Haferbrei und schaltete den Fernseher ein, damit überhaupt Stimmen durch die Wohnung zogen. Lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren brüllten nach Rabatten und Wundern — irgendwann wurde ihr übel. Eine Freundin rief an. Swetlana war eine von denen, die nie vorsichtig redeten, dafür nie wegschauten. — Nadja, ich hab Karten für das Silvesterkonzert im Kulturhaus gebucht, am dreißigsten. Komm doch mit. Was willst du allein da sitzen… — Weiß nicht, Sweta. Diese Formulare, die Medikamente… — Die laufen nicht weg. Geh doch wenigstens eine Stunde raus, sieh Leute! Nadja antwortete ausweichend, Sweta versprach, in zwei Tagen „noch mal um Zustimmung zu ringen“. Nach dem Gespräch ging Nadja ins Wohnzimmer. Sie blieb am Tisch stehen, sah auf Viktors Jacke, ordentlich über den Stuhllehnen gehängt. Sie griff in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Sie fühlte den Futterstoff und ein zerknülltes Bus-Ticket, das sie im Frühjahr nicht herausgenommen hatte. Abends holte sie doch die Dekokiste hervor. Sie brachte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel, roch alten Staub und Glas. Sie holte ein paar Kugeln heraus, strich über die glitzernden Rippen. Erinnerte sich, wie Viktor schimpfte, wenn die Dekoration zu dicht am Fenster hing „– damit’s draußen schön aussieht“. Das stand ihr so deutlich vor Augen, dass sie die Kiste wieder schloss. Sie schob sie mit dem Fuß an die Wand. Soll stehenbleiben. Die Tabletten waren fällig, sie wartete bis zum letzten Blister, bis morgens die Packung leer war. Sie kontrollierte noch zwei Schubladen für Medikamente — falls sich etwas fand. Nichts. Also Mantel, Mütze, Handschuhe. Neben ihrer Jacke hing Viktors Winterjacke. Sie sah beim Zumachen immer noch weg. Der Wind biss sofort in die Wangen. Kalte Luft anders als sonst, als hätte sie sich mit dem Jahr verändert. Nadja ging langsam am Haus entlang, umrundete die Schneeberge, bis zur Bushaltestelle. Zur Apotheke waren es drei Blocks. Sie ging zu Fuß. Der Bus rumpelte vorbei; bei einem Blick in die Fenster erkannte sie bekannte müde Gesichter. In der Apotheke drängten sich die Leute. Vor Silvester dachten alle an ihre Krankheiten. Es roch nach Jod und billigem Parfüm. Nadja stellte sich hinten an, die Tasche fest haltend. Rechts hustete ein Mann, links blätterte eine junge Frau im Handy. — Auch Bluthochdruck? — fragte jemand vorne. Sie blickte auf. Ein kleiner grauhaariger Mann mit grüner Jacke hielt das Rezept. — Ja, — sagte Nadja. — Ich nehme sie schon lange. — Ich fange erst an, — seufzte er. — Mein Arzt sagt, das Alter kommt. Ich frag mich immer, wie das so geht. Eben noch aufm Hof Eishockey gespielt. Sie lächelte, die Augen waren ernst. — Ach, eben noch, — sagte sie, und ihre Mundwinkel zuckten etwas. — Ich bin sechzig. Eben noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, jetzt stehe ich jeden Monat hier an der Theke. — Da sehen Sie, wir leben, — meinte er. — Solange wir anstehen. Die Schlange rückte, das Gespräch verebbte. Als sie bezahlte, hörte sie ihn noch: — Sie sind aus unserem Hof, oder? Kenn ich das Gesicht. — Ja, zweiter Eingang. — Ich im ersten. Dann sieht man sich. Sie nickte und ging. Nach Namen fragte keiner, Fortsetzungen waren nicht nötig. Aber der Rückweg fiel ein wenig leichter. Als hätte jemand das Glas zwischen ihr und der Straße geputzt. Die Tage wurden kürzer, Schnee schmolz am Fensterbrett. Ins Bürgerbüro ging sie nicht, das Formular lag im Flur. Sweta rief noch ein paarmal an, lockte sie zum Konzert. Kurz vorher sagte Nadja, sie fühle sich nicht gut. Das war nah an der Wahrheit – die Brust heiß, der Kopf dröhnte wie bei Grippe, nur zeigte das Thermometer normal. Am Silvestertag wachte sie früh auf. Keine besonderen Pläne. Ihr Sohn rief am Vortag an, schlug vor, ein Ticket zu kaufen und sie über die Feiertage zu holen. Aber er hatte genug zu tun, und Nadja sagte ehrlich, die Reise im Winter sei zu schwer, im März käme sie lieber selbst. Ihr war wichtig, nicht zur überbehüteten Kofferware zu werden. Sie kochte Nudeln, schnitt eine halbe Wurst, öffnete eine Dose grüne Erbsen. Salat wurde winzig, in einer Müslischale. Früher war es ein riesiges Becken bis zum 3. Januar. Sie stellte die Schale in den Kühlschrank. Die Mandarinen blieben am Fleck. Leuchtend wie Spielzeug. Mittags rief die Klinik an, erinnerte an den verschobenen Termin beim Hausarzt. Sie schrieb das in den Block für Januar. Dann öffnete sie das Paket mit der neuen Tischdecke, gekauft noch vor dem Frühling, und breitete sie aus. Ihre Finger zitterten, als sie an das Platz kam, an dem immer Viktors Teller gestanden hatte – jetzt leer. Gegen Abend kamen Nachrichten auf dem Messenger. Tante aus einer anderen Stadt, Garten-Nachbarin, Cousine. Glückwunschkarten mit Tannen und Sprüchen. Nadja antwortete kurz: „Danke“, „Ihnen auch“. Einmal wurde ihr bitter, als jemand schrieb: „Das wird Ihr schönstes Jahr!“ Sie stellte den Ton ab und legte das Handy in den Flur. Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen, Klirr von Geschirr, Bratengeruch zog in den Flur. Die Hälfte des Hauses hatte den Fernseher an, das war am Brummen zu hören. Nadja lief von Zimmer zur Küche im kleinen Kreis. Sie kontrollierte mehrmals, ob alles aus war, obwohl sie das wusste. Im Wasserkocher war lauwarmes Wasser. Der Hocker, auf dem sonst die Dekokiste stand, hielt einen zusammengerollten Verlängerungskabel. Zehn vor zwölf saß sie auf dem Sofa. Sie stellt den Fernseher ohne Ton an. Tänzer, Moderatoren, winkende Menschen. Das neue Jahr kam näher, ungefragt. Sie sah auf den Stuhl mit Viktors Hemd. Auf die leere Tasse vor sich. Sie schloss die Augen. Ein Gedanke stieg auf: Jetzt Glockenschlag, dann Feuerwerk, dann rufen alle an, gratulieren, so als sei nichts geschehen und man müsse fröhlich tun. Im Flur ging das Licht an, jemand trat auf den Treppenabsatz. Stimmen, die Fahrstuhltür klappte. Nadja stand auf. Sie tastete nach dem Mülleimer, prüfte den verknoteten Beutel. Sie zog die Hausschuhe über, warf sich die Jacke über. Eigentlich sinnlos, aber sie wollte nur aus diesem Kreis zwischen Fernseher und Stuhl raus. Sie öffnete die Tür im Moment, als die ersten Feuerwerkskörper über der Stadt explodierten. Der Lärm fuhr durchs Haus, die Scheiben zitterten. Am Treppenabsatz standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zur Überraschung, der grauhaarige Mann aus der Apotheke. Sie hingen am Fenster, sahen, wie der Hof in bunten Lichtbögen erstrahlte. — Ach Frau Nadja, — wandte sich Rita um. — Frohes neues Jahr! Wollen Sie zum Müll? Kommen Sie doch zu uns, hier hat man den besten Blick. Sie war unschlüssig, den Müllbeutel in der Hand. — Eigentlich… Ich wollte nur wegwerfen. — Das können Sie später, — sagte der Mann in der grünen Jacke. — So ein Feuerwerk darf man nicht verpassen. Er trat etwas zurück und räumte ihr Platz am Fenster ein. Nadja stellte den Müllbeutel auf den Boden. Draußen krachten die Salven. Unten am Spielplatz jubelte jemand „hurra“, irgendwer pfiff. Handylampen blinkten in der Dunkelheit. — Das ist mein Bruder Sascha, — sagte Rita und deutete auf den Mann. — Er ist zu den Feiertagen da. — Guten Abend, — nickte er. — Sie war’n doch in der Apotheke, ja? — Ich erinnere mich, — sagt Nadja. Sie standen zu fünft, dicht an dicht. Es roch nach Bratengeruch aus Ritas Wohnung, Kälte vom offenen Fenster und Mandarinen aus der Schale auf der Fensterbank. Jemand spielte auf dem Handy die Glockenschläge. Rita schenkte hektisch etwas Sekt in Plastikbecher ein. — Wenigstens ein Schlückchen, — meinte sie. — Nur symbolisch. Nadja wollte ablehnen, aber die Finger nahmen den Becher. Sie trank einen kleinen Schluck. Der Sekt war süß und sehr kalt, machte die Kehle warm. — Also, — sagte Sascha. — Damit wir… leben. Wie wir eben können. Der Satz blieb unklar. Niemand fragte nach. Sie stießen an, einer sagte „Frohes neues Jahr“. Nadja wartete, ob jetzt jemand Viktor erwähnen würde, ihre schwere Zeit. Aber Rita berührte bloß kurz ihren Arm. — Kommen Sie vorbei, — sagte sie leise. — Auf einen Tee. Wir sehen uns abends gerne alte Filme an. — Danke, — nickte Nadja. Nach einer Viertelstunde war sie zurück in ihrer Wohnung. Den Müll warf sie noch weg, unterwegs. Im Flur hängte sie die Jacke auf, zog die Hausschuhe aus. Den Fernseher schaltete sie nicht an. Der Feuerwerkslärm draußen wurde leiser, als ob jemand den Lärm der Welt herunterdrehte. In der Küche holte sie den Salat aus dem Kühlschrank. Sie nahm einen Löffel, probierte. Die Erbsen knackten, der Geschmack war fast wie immer. Sie aß langsam und blickte auf den Stuhl mit dem Hemd. Schließlich stand sie auf, nahm das Hemd ab und faltete es sanft, drückte es an die Brust. Der Stoff roch nach Waschmittel. Sie brachte das Hemd ins Schlafzimmer und hängte es in den Schrank. Nicht zu den selten getragenen Sachen, sondern zwischen ihre Pullover. Zurück in der Küche nahm sie den Stuhl und schob ihn vorsichtig ans Fenster. Die Dielen quietschten. Den Stuhl stellte sie dicht an die Fensterbank. Sie saß kurz Probe, prüfte den neuen Platz. Die Aussicht war etwas anders: der Kindergarten ums Eck, beleuchtete Fremdfenster. Sie stellte sich vor, wie sie hier morgens Tee trinken und die ersten Autos beobachten würde. Der Gedanke, nun auf Viktors Platz zu sitzen, schmerzte und beruhigte zugleich. Der Stuhl war kein Denkmal der Vergangenheit mehr. Er wurde einfach zum Stuhl am Fenster. Nach den Feiertagen wurde die Stadt ruhiger. Die Läden räumten die grellsten Plakate weg, Menschen schlepp­ten keine riesigen Taschen mehr. Nadja schaffte es endlich ins Bürgerbüro, wartete geduldig, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Rückweg kaufte sie Vitamine in der Apotheke. Kaum eine Schlange. Hinter der Theke blätterte die Apothekerin im Journal. Bei den Tees stand eine Frau mit Daunenmantel, studierte die Kartons. — Entschuldigung, — wandte sie sich um, — haben Sie den mit Kamille schon probiert? Wie schmeckt der? — Normal, — sagte Nadja, — trinke ich abends. Kein Wundertee, aber man kann ihn trinken. Die Frau schmunzelte. — Heute ist alles ohne Wunder, — sagte sie. — Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich hab immer gehofft, etwas zu finden, das es leichter macht. Tut es nicht. Außer dass man morgens aufsteht und Tee kauft. Sie sprach sachlich, nicht traurig. — Bei mir auch, — flüsterte Nadja. — Im Frühling. Sie sahen sich kurz ernst an, dann nur eine Sekunde lang. — Lassen Sie sich doch den Kamillentee auch einpacken, — schlug die Frau vor. — Dann wissen wir, irgendwo trinkt noch jemand das Gleiche. — Gerne. Das Gespräch dauerte eine Minute. Keine Namen, keine Nummern, keine Versprechen. Aber draußen spürte Nadja, dass die Luft weniger scharf war. Sie dachte nicht ans Nachhausekommen und aufs Sofa, sondern daran, dass sie Brot einkaufen und Petersilie für die Suppe holen sollte. Daheim stellte sie die Einkäufe auf den Tisch, blickte automatisch auf den Stuhl am Fenster. Die Wollschal lag da, auf der Fensterbank eine frische Zeitung. Sie setzte sich, räumte die Einkäufe ein, füllte die Mandarinen nach, warf die alten weg. Das Handy piepte. Sweta schrieb: „Na, lebst du noch? Ich schau nächste Woche vorbei, ok?“ Nadja lächelte und tippte zurück: „Bin zuhause. Komm gerne. Ich backe Apfelkuchen.“ Danach schlug sie den Block auf. Bei „Januar“ schrieb sie Arzttermin ein. Darunter: „Tee bei Rita.“ Rita hatte sie gestern im Aufzug wieder eingeladen, Piroggen mitgebracht und gesagt, sie könnten einen Kriegsfilm schauen, der im Fernsehen läuft. Nadja sagte diesmal nicht nein. Die Wohnung war ruhig wie eh und je. Die Stille schreckte nicht mehr so wie damals im April, als sie zum ersten Mal ohne Viktors Schnarchen aufwachte. Jetzt hatte sie Platz für Rascheln von Zeitung, das Klopfen des Messers auf dem Brett, gedämpftes Fernsehrauschen aus Nachbarwohnungen. Sie stand auf, nahm die Zeitung von der Fensterbank, legte sie auf den Stuhl am Fenster. Sie kochte frischen Kamillentee und stellte die Tasse dazu. Sie setzte sich, zog die Hausschuhe über die Füße und blickte hinaus. Der Hof war grau, Schnee lag flach. Zwei Jungen mit bunten Mützen bauten einen krummen Schneemann, einer wollte eine Karotte anbringen und lachte, als sie abfiel. Am anderen Ende des Hofes lief eine Frau mit Hund. Nebenan schüttelte jemand einen Teppich. Nadja trank einen Schluck Tee. Er war schlicht und kräftig. Sie spürte eine müde Ruhe, aber eine, mit der man leben konnte: Aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, auf Nachrichten antworten. Viktors Erinnerung blieb. Der freie Platz am Tisch auch. Aber daneben stand jetzt der Stuhl am Fenster, auf dem sie saß. Sie blätterte in der Zeitung, blieb bei den Fernsehprogrammen für den Abend hängen. Dort stand ein alter Film, den sie damals zu zweit gesehen hatten. Nadja dachte, sie könnte ihn einschalten und Rita einladen, wenn sie Zeit hätte. Und wenn nicht, würde sie ihn alleine ansehen, eingewickelt in ihren Schal. Vor ihr lag ein ganzes Jahr. Ohne Garantien, ohne besondere Freude, wie in Glückwunschkarten. Aber mit vielen Tagen, an denen man zum Arzt, zum Einkaufen, zu Besuch gehen oder selbst Gäste empfangen konnte. Und manchmal, wenn sie heimkam, brauchte sie keine Angst zu haben, das Licht anzumachen. Sie stellte die Tasse auf die Fensterbank und schob den Stuhl näher zur Heizung. Die Wärme stieg ihr in die Beine. Nadja spürte, wie irgendwo im Innern der Knoten, mit dem sie all die Monate gelebt hatte, sich etwas lockerte. Nicht verschwand, aber weniger fest wurde. Draußen warf jemand einen Schneeball gegen die Wohnungstür und rannte weg. Im Zimmer tickte leise die Uhr. Nadja strich über die glatte Holzlehne des Stuhls und dachte, dass sie morgen früh in den Hof gehen, sich einen Weg zwischen den Schneebergen suchen und in der Apotheke noch eine Packung Kamillentee holen würde. Für alle Fälle, damit sie nicht einsam blieb. Und dann würde sie hierher zurückkommen, auf diesen Stuhl am Fenster, und weiterleben — so, wie sie es jetzt kann.
Der überzählige Stuhl Die Kiste mit den Weihnachtsdekorationen stand nun schon seit drei Tagen auf dem Tisch.
Homy
„Du bist selbst schuld an deinem Geldmangel – niemand hat dich gezwungen zu heiraten und Kinder zu bekommen“, sagte meine Mutter, als ich sie um Hilfe bat.
Du bist selbst schuld an deinem Geldmangel: Niemand hat dich gezwungen zu heiraten und Kinder zu bekommen
Homy
Educational
047
Papa will heiraten – Als meine Mutter plötzlich starb, zerbrach auch die Beziehung zu meinem Vater. Jahre später verkündet er mir: „Ich habe eine neue Frau gefunden und wir wollen heiraten.“ Zwischen Trauer, Eifersucht und der Angst, unser Zuhause und meine Erinnerungen an Mama zu verlieren, beginnt eine emotionale Zerreißprobe um Liebe, Vertrauen und das wahre Erbe unserer Familie.
Mein Vater beschloss, erneut zu heiraten Meine Mutter, Helene, starb vor vielen Jahren, als ich, Lore
Homy
Educational
016
Die eigene Stille Um sieben Uhr fünf vibrierte sein Bett, als hätte jemand es sanft angestoßen, und eine Bohrmaschine fraß sich in die Wand am Kopfende. Erst ruckartig, dann langgezogen und wütend. Alexej Petrowitsch fuhr hoch. Das Kissen rutschte zu Boden. Das Herz sackte tief, begann dort hastig, unregelmäßig zu schlagen. Er blieb sitzen, klammerte sich an die Matratzenkante, bis der Lärm zum diffusen Hintergrund wurde. In der Ecke flackerte das Display des alten Radioweckers: 7:06 Uhr. „Was sind das für Leute… Schon morgens so früh…“ murmelte er, suchte mit den Füßen nach seinen Hausschuhen. Der linke blieb unter dem Sessel liegen, also schlurfte er mit einem nackten Fuß in die Küche. Wasserhahn auf, Glas drunter, zwei große Schlucke – das Wasser war warm, von der Nacht. Im Brustkorb wurde es ein bisschen leichter. Die Bohrmaschine verstummte. Alexej Petrowitsch entspannte die Schultern, da begann drüben dumpfer Lärm – jemand schlug mit dem Vorschlaghammer oder brach Fliesen heraus. Dann ein Ausbruch von Gelächter, Ruf: „Kostja, halt gerade!“ Die Stimmen waren jung, männlich. Vermutlich die neuen Mieter aus Nummer 105, zwei Jungs in Sportjacken, die vor einem Monat eingezogen waren, mager, mit Kisten und Teppichrollen unter dem Arm. Auf dem Treppenabsatz hatte einer höflich gesagt: „Hallo Opa.“ Alexej Petrowitsch murmelte irgendwas Verlegenes, irritiert von diesem „Opa“. Danach überlegte er lange, wann ihn zuletzt jemand mit Namen und Vatersnamen angesprochen hatte und nicht so, als wäre er nur Kulisse im Treppenhaus. Seit zwei Jahren war er Rentner. Dreißig Jahre hatte er als Konstrukteur im Werk gearbeitet, war Stille und Zeichnungen gewohnt – Gedanken hört man am besten, wenn ansonsten nur das Summen der Lampen und das Rascheln von Papier zu vernehmen ist. Nach dem Zusammenbruch der Fabrik hielt er sich hier und da über Wasser. Zuletzt zeichnete er Konstruktionen am Computer für eine kleine Firma – zu Hause, am Fenster, am Schreibtisch. Die Neun-Zimmer-Wohnung gefiel ihm früher wegen der Ruhe besonders gut. Unten: ein kleiner Hof, Bank, zwei Pappeln. Die Straße hinter den Häusern filterte den Autolärm zu einem fernen, gleichmäßigen Brummen, das ihm längst vertraut war. Im letzten Monat wurde alles anders. Erst wurden in Nummer 103 die Fenster ausgetauscht – eine Woche lang Flexen und Bohren. Dann in 101 Fliesen im Bad, wo der Staub im Flur so stark war, dass man sich am liebsten die Nase ausgewaschen hätte. Jetzt 105. Er hatte das Gefühl, die Bohrmaschinen reichten sich im Haus die Staffel weiter. Er versuchte zu ertragen, tröstete sich damit, dass der Renovierungslärm irgendwann aufhört. Das Radio auf volle Lautstärke, Nachrichten auf dem Tablet. Doch die Bohrmaschine schwieg und jaulte, in seinem Kopf wuchs dumpfer Schmerz. Der Blutdruck spielte verrückt, die Tabletten für den Kreislauf nahm er jetzt öfters. Nachts, wenn scheinbar alles ruhig war, begann bei den Jungen über ihm das Leben: Lachen, Musik, Bässe, die durch die Wände donnerten. Eines Abends hielt er es nicht mehr aus. Fast elf, der Lärm von unten ließ die Gläser im Schrank klirren. Alexej Petrowitsch stand auf, zog die alten Schlafhosen an, schlüpfte in Turnschuhe ohne Socken und ging zur Tür. Kette ab, Tür auf, auf den Flur. Die Wände vibrierten, in den Briefkästen klapperten die Klappen. Hinter Tür 105 das hohe Jaulen des Trennschleifers. Er ballte die Faust, klopfte dreimal laut an die Tür. Sofort Stille. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein junger Mann im grauen T-Shirt, zerzaust, mit Schutzbrille auf der Stirn und weißen Spachtelspuren auf der Brust stand da. „Was?“ fragte er, verbesserte sich: „Oh, guten Abend. Ist was passiert?“ „Ja, ist“, brachte Alexej Petrowitsch heraus. „Es ist spät, es ist Nacht.“ Er merkte, wie seine Stimme zitterte, was ihn umso wütender machte. „Ach so, ja“, der Junge sah zurück in die Wohnung. „Wir hören gleich auf, wir haben wirklich null Zeit, nur noch heute bis…“ „Bis morgen früh?!“ fuhr Petrowitsch dazwischen. „Ist Ihnen egal, dass die Wände hier wackeln? Dass hier Alte und Kranke wohnen? Dass ich morgen zum Arzt muss und nicht schlafen kann?“ Die eigenen Worte klangen fremd, schrill, wie von TV-Krawallmachern. Der Junge sackte zusammen, als hätte ihn eine echte Faust getroffen. „Okay, okay“, murmelte er. „Passiert nicht mehr. Entschuldigung.“ Die Tür schloss sich vorsichtig. Der Lärm kehrte tatsächlich nicht zurück. In der Stille klappte oben die Lifttür. Alexej Petrowitsch blieb noch einen Moment stehen, spürte, wie der heiße Knoten in ihm langsam schwand. Auf dem Heimweg spähte er auf den Türspion von 103 – leer, doch ihm war, als beobachtete man ihn. In seiner Wohnung sah er sich im Spiegel im Flur. Müde, gealtert. „Auf Jungs losgehen… Super. Held“, dachte er und verzog innerlich das Gesicht. In dieser Nacht schlief er nicht wegen des Lärms schlecht, sondern aus Scham. Er erinnerte sich daran, wie in Sowjetzeiten über ihm in der Kommunalka nachts das Holz fürs den Ofen gehackt wurde. Damals dachte er, dass er nie einer sein würde, der mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmert. Am nächsten Morgen weckte ihn kein Bohrer, sondern das Klingeln an der Tür. Es war zehn vor neun. Hemd drüber, in den Flur getrottet. Im Spion: der Junge von gestern, jetzt in sauberem Shirt, mit Tüte. „Guten Tag“, sagte er, als Petrowitsch öffnete. „Wir gestern, naja… War blöd. Hier, Schokolade. Und… wenn wir noch mal laut sind, einfach Bescheid sagen. Wir können reden.“ In der Tüte lag eine Tafel dunkle Schokolade und eine Packung Tee. Petrowitsch war verlegen, murmelte Dank, nickte. Dann standen sie noch kurz unbeholfen im Türrahmen, verabschiedeten sich. Bis zum Abend blieb es ruhig, aber das Gefühl ging nicht weg – als hätte er einen kleinen Kampf gewonnen, aber etwas in sich selbst verloren. Schon beim Gedanken, bald wieder zu klopfen, zog sich alles in der Brust zusammen. Am nächsten Tag ging die Bohrerei wieder los. Wenigstens erst ab zehn, nicht ab sieben. Dafür zog es sich bis neun Uhr abends. In den Pausen begann oben wieder Musik – Bässe, die ihn neuerdings nachts aufweckten. Da hatte er sich noch nie beschwert. Stattdessen steckte er sich Ohrstöpsel in die Ohren, doch auch durch sie drang das dröhnende Brummen. Am Ende der Woche bemerkte er, dass er schon eine Stunde vor dem Wecker wach wurde, lauschend auf die Stille wie auf ein Minenfeld. Jeder Schlag klang wie der Beginn der nächsten Hölle. In der Hausapotheke war die Blisterpackung leer, er musste in die Apotheke. Auf dem Heimweg stieg er ins Hausmeisterbüro, wo die bekannte Verwalterin saß – klein, Brille an der Kette. „Alexej Petrowitsch, wie geht‘s?“ fragte sie, sortierte Papier. „Zu laut“, sagte er. „Eine Baustelle nach der anderen. Ist das eigentlich erlaubt, so viel zu bohren?“ Sie seufzte. „Laut Gesetz zur Mittagsruhe darf montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr gebaut werden. Am Wochenende kürzer. Wir können nur bitten. Eine Erinnerung ans schwarze Brett hängen. Wollen Sie ein Aushang, ich schreibe einen?“ Er verzog das Gesicht. Aushänge hängen seit Jahren: „Keine Fahrräder im Flur“, „Müll rausbringen“, „Nicht rauchen“. Die Leute lesen’s, seufzen, machen ihr Ding. „Danke, nicht nötig“, sagte er. Überlegte kurz. „Gibt es noch eine aktive Nachbarschaftsvorsitzende bei uns?“ „Natalja Sergejewna? Aber klar. Sie hält alle auf Trapp“, sagte die Frau respektvoll. „Ist auch im Hauschat.“ Hauschat. Auf Alexej Petrowitschs Handy: nur das alte Tastenmodell. Doch die Enkelin hatte ihm vor einem halben Jahr ein Smartphone geschenkt und eingerichtet. Messenger installiert, aber bisher nur zum Verschicken von Smileys an die Enkeltochter benutzt. Zuhause suchte er im Zettel mit Passwörtern, fand auf dem Handy „Haus 14, Eingang 3“. Der Chat tauchte sofort auf. Rund vierzig Leute: Katzenfotos, Meldung über kaputten Lift, Beschwerden über den Hof. Er zögerte lange, bevor er schrieb. Die Finger tippelten ungeschickt übers Display. Erst wollte er schreiben: „Liebe Nachbarn, bitte hört auf mit endlosem Lärm!“, löschte es wieder. Setzte stattdessen neutraler an. „Guten Tag. Hier spricht Alexej Petrowitsch aus 97. Es gibt viele Renovierungen und laute Musik im Haus. Ich schlafe schlecht, Kreislaufprobleme. Vielleicht können wir uns über feste Zeiten fürs Lärmen einigen?“ Antwort kam schneller als erwartet. „Alexej Petrowitsch, hallo, hier ist Natalja Sergejewna, die Vorsitzende. Sie haben recht. Lassen Sie uns das gemeinsam besprechen.“ Dann hagelte es Nachrichten. Manche klagten über den Bohrer in 105, andere verteidigten die Handwerker: „Die müssen auch leben.“ Eine junge Mutter aus 109 schrieb: „Mein Kleiner schläft mittags. Wenn gebohrt wird, wacht er auf und schreit. Bitte genaue Zeiten festlegen.“ Petrowitsch las und spürte seltsame Erleichterung. Offenbar nervte der Lärm auch andere. Große Forderungen wollte er nicht stellen. Stattdessen schrieb er: „Es gibt ein Gesetz zur Mittagsruhe. Lärmarbeiten sind von 9 bis 13 und 15 bis 19 Uhr erlaubt. Nachts nicht. Vielleicht einigen wir uns darauf für unseren Hausflur? Und wer bohren muss, gibt vorher hier im Chat Bescheid.“ Im Chat wurde zwei Stunden diskutiert. Natalja Sergejewna schlug ein Treffen der Hausbewohner vor. Der Junge aus 105 meldete sich endlich: „Hier Kostja aus 105. Wir renovieren. Halten uns ans Zeiten. Diskutieren wir gern gemeinsam ab.“ Am Abend rief Natalja Sergejewna Petrowitsch persönlich an. Ihre Stimme war energisch und herzlich. „Alexej Petrowitsch, so läuft das. Statt im Chat zu streiten – mit den Leuten reden. Morgen um sieben bin ich am Hauseingang. Gehen wir zusammen zu den Musikern oben und den Renovierern aus 105. Einverstanden?“ Überrascht legte er auf: So schnell wandelt sich Chat in echte Begegnung. Die Angst blieb, doch an Rückzug war nicht mehr zu denken. Die Nacht überlegte er, was er sagen würde – dass er früher selbst jung war, Wyssozki laut gehört hatte, aber jetzt Herz und Tabletten; dass man Rücksicht nehmen sollte. Die Rede zerfiel jedes Mal. Am Folgetag räumte er im Flur, wischte Staub, hing die Jacke um. Fünf vor sieben stand er bereit an der Tür, lauschte auf den Flur. Der Aufzug klingelte, eine kräftige Frau in hellem Mantel erschien mit Aktenmappe. „Na dann, los geht’s?“ sagte Natalja Sergejewna. Er nickte. Hoch zum zehnten, zu den „Musikern“ oben – eine junge WG, die Petrowitsch bislang nur aus Lärm kannte: abends Musikboxen, Lachen. Jetzt standen eine blasse Frau mit blonden Haaren und ein nerdiger Typ im Türrahmen. „Guten Tag“, begann Natalja Sergejewna, „wir sind vom Haus. Keine Angst, wird kein Streit.“ Der junge Mann war verkrampft, die Frau hielt ihr Handtuch fester. „Es ist so, dass Ihre Musik spät abends sehr laut ist“, machte sie weiter. „Wir haben Rentner, Kinder. Es gibt einen Zeitplan. Schauen Sie.“ Aus der Mappe holte sie eine Tabelle: Wochentage, Stunden fürs Lärmen und Stille. Petrowitsch hatte die am PC gebastelt, Abschnitte extra deutlich. „Wir sind doch eh nicht nach elf laut“, sagte der Typ unsicher. „Meistens nur Filme. Wir sind jung, brauchen das einfach.“ Er blickte Petrowitsch suchend an; der wusste, jetzt sollte auch er etwas sagen. „Ich versteh euch“, begann Petrowitsch. „Wir haben früher auch die Platten auf Anschlag gehabt. Aber mir fällt’s jetzt schwer; Herz. Bässe wecken mich, als wär’s auf der Baustelle. Wenn ihr nach zehn leiser macht, kann ich schon besser schlafen. Die Kinder auch. Und vorab kurz in den Hauschat schreiben, wenn’s mal lauter wird – dann nehme ich die Tablette vorher, schließe das Fenster. Es ist ein Unterschied, ob man weiß, dass es gleich vorbei ist.“ Er war selbst erstaunt: Die Stimme war ruhig. Die junge Frau lockerte das Handtuch. „Ehrlich gesagt, wir wussten nicht, dass man alles so hört“, gestand sie. „Vorher haben die Nachbarn noch lauter gebrüllt als die Musik. Okay. Nach zehn Kopfhörer, Film leise. Und wenn Party, sagen wir Bescheid. Und Sie auch – klopfen, äh, schreiben.“ „Abgemacht“, lachte Natalja Sergejewna. Noch ein Stock tiefer zu Nummer 105. Frischer Spachtel und Grundierung sprangen einem an der Tür entgegen. Auf den Klingelton öffnete Kostja, noch ein Kumpel lugte hervor. Innen alles abgehängt mit Folie, Kabelreste auf dem Boden. „Ah, bekannte Gesichter“, sagte Kostja, sah Petrowitsch. „Wir stören schon wieder?“ „Keine Sorge, wir wollen reden“, wiederholte Natalja Sergejewna ihr Mantra. Die Jungs sahen sich den Plan an, hörten von Mittagsschlaf des Kindes aus 109, Petrowitschs Blutdruck, dem Gesetz der Stadt. „In zwei Wochen muss alles fertig sein“, gestand der Kumpel. Die Hand zitterte, als er den Schraubendreher wegsteckte. Man merkte, die Verantwortung für den Auftrag war schwer. „Hat jemand gesagt, dass bis Mitternacht gebohrt werden muss?“ fragte Petrowitsch freundlich. „Machen wir so: werktags von zehn bis eins und von drei bis sieben Krach, sonst ruhigere Arbeiten. Spachtel oder Tapete – sind doch keine Unmenschen, wissen ja, dass niemand aus Spaß Löcher bohrt.“ Kostja grinste schief. „Wäre komisch, aus Spaß“, sagte er. „Okay. Machen wir. Im Prinzip läuft’s eh so. Wenn’s mal länger dauert, sagen wir vorher im Chat Bescheid. Heute bis acht, z.B.“ „Und am Wochenende bitte nur bis vier!“, schaltete sich Natalja Sergejewna ein. „Die Leute brauchen Pause.“ Händeschütteln, Tür zu. Im Treppenhaus nur noch das Schimpfen eines Kindes aus dem zweiten, das nicht Hände waschen will. „Na, sehen Sie“, sagte Natalja Sergejewna. „Wichtig ist: ruhig bleiben. Wer nicht will, mit dem reden wir anders.“ Petrowitsch nickte. Innen wie nach bestandenem Examen: leer und befreit. Gleichzeitig eine seltsame Achtung vor sich selbst. Kein Held, kein Polizist, nur ein Nachbar, der das Gespräch gesucht hat. Und am nächsten Tag: Bohrmaschine erst ab zehn, Schluss um halb eins, nachmittags drei bis sieben, dann Chatnachricht: „Heute bis 20 Uhr, ist dringend. Sorry. Kostja, 105.“ Es folgten ein paar kritische Smileys und ein Like von den Jungen. Petrowitsch sah aufs Handy, schrieb: „Dann morgen Mittag eine Stunde extra Ruhe? Grüße, 97.“ Kostja schickte ein Herz zurück. Abends oben Musik, aber leiser. Die Bässe kaum mehr zu spüren, nur dumpfer Rhythmus. Um neun eine Hauschat-Nachricht von der Frau oben: „Liebe Nachbarn, heute kommen Freunde, wir sitzen bis 23 Uhr ruhig beisammen. Falls es doch laut wird – bitte melden.“ Petrowitsch entspannte sich im Sessel. Es war merkwürdig zu merken, wie alles, was früher bedrohlich und amorph war, zu Uhrzeiten und kurzen Nachrichten wurde. Manchmal drang der Lärm doch durch die Wände. Mal schrie das Kind unten, mal fiel oben etwas Schweres. Mal bohrte Kostja doch fünfzehn Minuten länger, und das Haus vibrierte wieder. Aber jetzt hatte der Lärm ein Gesicht, einen Namen, eine Wohnungsnummer. Man konnte schreiben, anrufen. Auch einmal selbst die Grenzen verschieben, wenn es nötig war. Das Gefühl, Teil von Verhandlungen zu sein und nicht Opfer einer rauen Stadt – das war für Alexej Petrowitsch wichtiger geworden als absolute Stille. Eines Tages saß er am Schreibtisch über einem Plan, das Fenster offen, draußen schlug jemand auf Metall. Früher hätte er das Fenster zugeknallt. Jetzt dachte er: Es ist Arbeitszeit – und wandte sich wieder den Linien zu. Keine Hektik im Herzen, keine schwitzenden Hände. Eines Abends holte er ein altes Radio aus dem Schrank, stellte es in der Küche auf, drehte auf seine Stammfrequenz. Acht Uhr, Nachrichten. Er bemerkte, dass er den Ton lauter stellte als sonst. Früher war er extrem leise gewesen, aus Sorge, selbst zu stören. Jetzt dachte er: Um sieben Uhr abends hat er genauso das Recht darauf wie Kostja auf seine Bohrmaschine um drei. Im Nebenraum lachte jemand. Vermutlich die Jungen oben beim Serienabend. Unten jaulte die Bohrmaschine kurz auf und schwieg – als hätte der Handwerker auf die Uhr geschaut und abgeschaltet. Alexej Petrowitsch schenkte sich schwarzen Tee ein, brach von der Schokolade, die noch vom peinlichen Besuch übrig war, ein Stück ab. Im Chat tauchte derweil ein Foto vom neuen Fußabstreifer am Lift auf. Jemand fragte, ob das Kind seinen Roller verloren hätte. Der Lärm zerfiel in einzelne Stimmen und Bildchen. Die Stille, die nun zwischen Nachrichten und dem Klirren des Teelöffels in der Küche herrschte, erschien ihm nicht mehr fragil oder zufällig – sondern wie ein ausgehandelter, besprochener Raum, in dem jeder Nachbar einen Schritt machte. Weniger laut ist es nicht geworden. Aber morgens am Fenster weiß Alexej Petrowitsch, dass er jederzeit im Chat schreiben, telefonieren, anklopfen kann – nicht schreiend, sondern mit einer Zeitabsprache. Und allein dieses Wissen macht die Nächte fester und das Alter spürbar weniger hilflos.
Seine Ruhe Um sieben Uhr und fünf Minuten wird Johann Albrecht unsanft geweckt. Ein dumpfer Ruck geht
Homy
Educational
09
„Du bist doch so ein Geizhals geworden!“ — „Mein Gott, einhundertsiebzigtausend Euro? Für das hier? Polina, nimm’s mir nicht übel, aber selbst wenn du die Zähne von Angelina Jolie hättest, wärst du noch keine Angelina. Wär’s nicht besser, du würdest deiner Mutter helfen oder deiner Nichte was für die Schuluniform geben… Die arme Svetlana musste sogar einen Kredit aufnehmen, um Sonja für die Schule einzukleiden. Da ist das wenigstens sinnvoll, aber du… du fütterst halt die Zahnärzte!“ schimpfte Oma Käthe und winkte ab. — „Nun, das Mädchen ist doch niemandem etwas schuldig…“, versuchte Svetlanas Mutter, die gleichzeitig Polinas Tante war, zu schlichten. „Aber solche Summen… Man sieht’s ja nicht mal, wenn du nicht lächelst!“ — „Das ist wahrscheinlich noch nicht alles“, mischte sich der Onkel ein, „Mit allem drum und dran gibt’s bestimmt dreihunderttausend. Ein bisschen draufgelegt und du hättest eine Eigentumswohnung… Ich versteh nicht, wozu das alles, wenn man nicht mal eine Wohnung hat.“ Polina spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Wieso musste sie ausgerechnet ehrlich sagen, wie viel die Zahnspange gekostet hat? Sie wusste ja, dass sich niemand freuen würde. Aber sie hatte gehofft, ihre Familie würde ihr zu ihrem endlich schönen Lächeln gratulieren. Oder wenigstens schweigen. — „Jetzt seid mal nicht so…“, mischte sich Polinas Mutter ein. „Das ist ihre Gesundheit und ihr Geld. Es ist allein ihre Entscheidung.“ Polina hätte am liebsten im Gegenzug die Finanzen der anderen gezählt. Ihre Tante darauf hingewiesen, dass sie immer jammert, aber nie arbeitet. Ihrem Onkel ins Gedächtnis gerufen, wie viel er fürs Bier ausgibt. Der Cousine geraten, weniger für Nägel und mehr für Bücher ihrer Tochter auszugeben. Und der Oma gesagt, dass man ihr nach dieser Logik eigentlich auch keine Medikamente mehr kaufen müsste. Aber sie schwieg. Wollte kein Familientheater veranstalten, zumal die nächste Verwandte schon ein anderes Thema anschleppte und über Bekannte zu lästern begann. Die Stimmung war trotzdem verdorben. Auf dem Heimweg musste Polina unwillkürlich an ihre Kindheit denken… …Sie hatte nie ein schönes Klassenfoto. Ihr Gesicht darauf immer angespannt, die Lippen fest zusammengepresst. Dank ihrer Mitschüler lernte sie, nur mit den Augen zu lächeln, denn sobald sie den Mund öffnete, ging das Spott-Theater los: „Pferdchen“, „Häschen“, „Nussknacker“ – und das waren die harmlosen Spitznamen. Sogar Igor, ihr Mann, nannte sie „Hamsterchen“, ohne zu ahnen, wie sehr ihr das jedes Mal auf die Nerven ging. Mit vierzehn erklärte sie ihrer Mutter, dass sie sich zum Geburtstag eine Zahnspange wünscht. Bisher dachte sie, die sei nur für Kinder, aber dann hatte sie eine bei einer Gleichaltrigen gesehen und sie wollte auch eine. Vielleicht hätte ihre Mutter sie früher zum Zahnarzt gebracht, aber überflüssiges Geld gab es nicht. Der Großteil ging für die Miete, die Nebenkosten, Lebensmittel und die jammernde Tante drauf. Doch als die Eltern ihre Tränen sahen, stimmten sie zu. Alle mussten sparen. Auch Polina. Sie verzichtete auf die Klassenfahrt nach Hamburg, trug weiterhin ihre alte Jacke und legte ihr Frühstücksgeld zur Seite… Alles für einen Traum. Und dann zerplatzte dieser Traum… — „Schatz…“, sagte die Mutter seufzend, zwei Wochen vor Polinas Geburtstag, „Papa und ich haben schlechte Nachrichten. Oma Käthe ist im Krankenhaus, wir müssen die Zahngeschichte verschieben. Sie braucht teure Medizin…“ Polina starrte ihre Mutter ratlos an, wusste nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich war niemand schuld, aber es tat trotzdem weh. — „So ist es eben…“, fuhr die Mutter fort und blickte weg, „Du verstehst das doch? Oma ist jetzt wichtiger. Wir können warten, aber sie muss gerettet werden…“ Polina verstand. Sie nickte und schluckte den Kloß im Hals herunter. Das Geld für ihre Zuversicht, für ihr Selbstbewusstsein, ging für Omas Rettung drauf… Oma wurde wieder gesund. Sie wusste nicht einmal, zu welchem Preis: Die Eltern schonten sie und erzählten ihr nichts. Schnell vergaß sie die Krankheit und kehrte zu ihrem Lieblingshobby zurück – den anderen Moralpredigten zu halten. Und jetzt, fünfzehn Jahre später, warf Oma Käthe Polina vor, endlich ihre eigenen Ersparnisse für sich selbst ausgegeben zu haben. „Meine Zähne – meine Angelegenheit“, dachte sie. „Mein Portemonnaie ebenso. Ich habe nie jemandem etwas abverlangt und muss mich nicht rechtfertigen.“ Dabei wäre es vielleicht dabei geblieben, hätte es nicht das Silvester gegeben… …Der Dezember war wahnsinnig stressig. Vorweihnachtliches Chaos, Schmuddelwetter, der Versuch, das Monatsbudget einzuhalten… Der Streit war längst verraucht, aber der schlechte Nachgeschmack blieb. Die Feiertage kündigten sich an. Nach guter Tradition würde die ganze Familie zu Tante Gisela gehen – jener, die statt Zahnarzt lieber geraten hatte, einfach nicht zu lächeln. Die Familie war groß, Geschenke daher meistens symbolisch: Handtücher, Duschgelsets, Aktionsschokolade. Für mehr fehlten Zeit und Geld. Gerade erst stand Polina zur letzten Zahnspangenkorrektur, und die Zähne fühlten sich an, als würden sie gleich herausfallen. Und teuer war’s obendrein. Aber sie wusste ja, worauf sie sich eingelassen hat. Polina stöberte durch Videos, als eine Nachricht von ihrer Nichte kam. — „Tante Polina, ich weiß, was ich vom Weihnachtsmann will!“ – Sonja piepste fröhlich ins Mikro. Der Link, den sie schickte, führte zu einem Smartphone. Modern, silbernes Gehäuse. Kostenpunkt: Tausendsechshundert Euro. Für ein aktuelles Gerät kein Mondpreis, aber viel zu viel extra für Polina. Sie liebte ihre Nichte, aber… — „Sonja, der Handy ist wirklich schön. Aber der Weihnachtsmann hat ganz viele Kinder um sich herum. Das kann er einfach nicht schaffen”, schrieb Polina. „Wir haben schon ein schönes Geschenk für dich. Wenn deine Eltern das Handy kaufen möchten, können wir vielleicht noch etwas drauflegen.“ Die Antwort kam prompt – ein Sprachnachricht, mit kindlichem Gejammer und gespieltem Geheule. — „Ich will aber nur das Handy! Du kannst es doch kaufen, Mama sagt, du bist reich!“ Polina antwortete nicht. Sie hörte sich die Nachricht mehrfach an, ungläubig, und legte das Handy beiseite. Ihr stieg ein Kloß in den Hals. Es ging nicht mehr ums Geld. Es ging um die Einstellung – die Cousine schien hinter ihrem Rücken zu tratschen. Die Nichte wusste ganz genau, bei wem man „was rausholen“ könnte. Den Rest gab’s beim nächsten Anruf von Svetlana. Das Telefon klingelte fünf Minuten später. — „Was hast du nur mit meinem Kind gemacht?!“ polterte sie los. „Sonja heult und hat sich im Zimmer eingeschlossen!“ — „Svetlana… Deine Tochter möchte ein Handy für tausendsechshundert Euro. Wir haben die stille Abmachung: niemand bekommt Geschenke über fünfzig. Wo soll ich das Geld hernehmen?“ — „Ach, tu nicht so arm! Für deinen Metall im Mund hattest du doch was? Für dich selbst ist dir nix zu schade, aber für deine einzige Nichte bist du geizig!“ — „Die Behandlung war notwendig – für die Gesundheit. Und Sonja braucht nur einen neuen Spielzeug. Telefonieren geht auch mit günstigeren Handys. Ich hab kein Geld für teure Geschenke.” — „Schon klar – keine eigenen Kinder, kein Verständnis dafür, wie viel so ein Weihnachten für die Kleinen bedeutet. Egoistin… Hauptsache, du hast alles selbst! Hoffe, du verschluckst dich an deinem teuren Metall…” Im Hörer ertönten nur noch Töne… Polina saß an der Küchentheke und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Enttäuschung kochte in ihr hoch. Und sie hatte Angst, wie es weitergeht. Wieder zu der Tante fahren, am großen Familientisch sitzen, sich wieder rechtfertigen müssen… Und dann noch das Gefühl, einem Kind das Weihnachtswunder gestohlen zu haben. Dabei denkt das Kind längst in Zahlen und Beträgen. Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, sich für den Familienfrieden den anderen anzupassen. Aber jetzt kostete sie dieser Frieden einfach zu viel. Sie rief ihre Mutter an und erzählte alles. — „Mama, wie du willst – aber ich fahr dieses Jahr nicht zur Tante Gisela. Ich kann nicht, ich will ihre Gesichter nicht sehen, will mich nicht rechtfertigen. Ich bleib lieber daheim…” — „Wir fahren auch nicht,” antwortete ihre Mutter überraschend. — „Mama… Du musst nicht, ich weiß, wie viel dir das bedeutet. Tante Gisela, Oma… Das ist doch Tradition…“ — „Ach, was Tradition…”, schnitt die Mutter ihr das Wort ab und Polina wäre fast das Handy aus der Hand gefallen – so hatte sie ihre Mutter noch nie sprechen hören. „Die sind ja nicht nur zu dir so – wollte ich nicht sagen, aber Oma gibt mir dauernd Kontra, dass wir dich schlecht erzogen hätten, du seist geizig. Irgendwann hab ich ihr gesagt: Wenn schlecht erzogen, müssen wir uns auch nicht mehr gegenseitig anschauen.” Es wurde still. Polina wusste, wie ihre Mutter die Familienfeiern liebte, wie sie immer aushalf, den Tisch deckte, Geschenke aussuchte… Sie wollte nicht, dass die Mutter ihr Weihnachtsgefühl für sie opferte. — „Mama…”, fing sie an, aber die Mutter unterbrach sie. — „Weißt du was? Komm doch mit Igor zu uns. Papa hat schon Kaviar gekauft. Ich mach die Ente mit Äpfeln, schneide den Salat. Wir feiern zu viert, ganz in Ruhe. Kein Stress, keine Verwandtschaft.” — „Mama, aber du… Du wartest doch immer so darauf…” — „Ich hab genug. Ich will nicht mehr. Ich hab schon mal dir zuliebe alles geopfert, als wir für die Zahnspange gespart haben – weißt du noch? Aber das war einmal. Je mehr man anderen gibt, desto mehr wollen sie ein Stück vom eigenen.“ … Das neue Jahr begann für Polina mit sanftem Schneefall, dem Duft von Mandarinen und gebratener Ente. Keine betrunkenen Onkel, keine schlechtgelaunte Oma, keine boshaften Sprüche von Svetlana. Nur das flackernde Licht der Lichterkette, Silvershows im Fernsehen und die Liebsten um sie herum. Wirklich die Liebsten. — „Auf uns“, erhob ihr Vater das Glas Sekt. „Und auf dein neues Lächeln, Tochter! Ich freu mich, dass dein Traum wahr geworden ist, auch wenn’s länger gedauert hat.“ Igor lachte und nahm Polina in den Arm. — „Ich mochte dich auch als Hamsterchen“, flüsterte er. „Ob Metall im Mund oder nicht – du bist die Schönste für mich.“ Und da war es Polina völlig egal, was Svetlana, Sonja und der ganze Rest dachten. Sie wusste: Es zählt nur, wirklich mit denen zusammen zu sein, die einen lieben. Mit schiefen Zähnen, mit Zahnspange, mit Geld oder ohne… Mit denen, die für Liebe keine dreißigtausend berechnen, sondern einfach Salat für dich schneiden und bei dir sind, wenn’s weh tut. — „Frohes neues Jahr!“, sagte Polina – und diesmal zeigte sie ihr Lächeln ganz offen.
Haben ein Geizkragen großgezogen Ach du meine Güte Siebzehntausend Euro? Dafür? Paulina, nimms mir nicht
Homy