Der überzählige Stuhl
Die Kiste mit den Weihnachtsdekorationen stand nun schon seit drei Tagen auf dem Tisch. Ingrid lief wieder einmal daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und ging zum Wasserkocher. Sie stellte das Gas an, lehnte sich mit der Hüfte an das Spülbecken und ertappte sich bei dem Gedanken, die Kiste einfach wieder zurück in den Abstellraum zu räumen.
Früher holten sie und Klaus die Kiste immer Anfang Dezember hervor. Er knurrte jedes Mal, dass es viel zu früh sei, stieg aber dennoch auf den Hocker, um in den staubigen Schleifen zu wühlen. Kugeln in Zeitungspapier gehüllt, ein Weihnachtsmann mit abgebrochener Nase, Lametta, das am Pullover klebte. Der Hocker stand nun leer an der Wand. Die Kiste hatte ihr Sohn im Frühjahr heruntergestellt, als er zum Totengedenken gekommen war. Seitdem bewegte sie sich keinen Zentimeter mehr.
Der Wasserkocher begann zu blubbern, Ingrid schaltete das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und drückte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht war grell, die Küche schien sofort enger. Vier Stühle um den Tisch, wie es immer gewesen war. Auf dem am Fenster hing noch immer Klaus Flanellhemd seit April. Ingrid wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es schien Verrat, es einfach in den Schrank zu hängen. Es abzunehmen und den Stuhl nackt zu lassen, war fast noch schlimmer.
Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Eine Nachricht vom Sohn: Foto der Enkelin im Kindergarten, Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. Mama, wie gehts? Bei uns Generalprobe für die Weihnachtsfeier, ruf später an! Ingrid starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: Alles gut. Erledige Kleinigkeiten. Mach dir keine Sorgen.
Die Kleinigkeiten waren simpel. Gestern kam eine junge Frau von der Hausverwaltung mit Abrechnungen und einem Antrag zum Nachreichen für die Rente. Das Rathaus, Formulare unterschreiben. Die Blutdrucktabletten waren auch leer. Die Ärztin hatte gesagt, Pausen sollte sie vermeiden. Ingrid wusste das alles, doch sich selbst zusammenraffen und rausgehen war schwieriger als früher das Vorhängewaschen.
Es klingelte an der Tür. Sie zuckte zusammen, stellte die Tasse ab und ging öffnen. Vor der Tür stand Rita aus dem dritten Stock, gestrickte Mütze, Plastiktüte in der Hand.
Guten Tag, Ingrid Müller. Ich war im Supermarkt, da gab es Mandarinen im Angebot. Habe ein paar mehr genommen, dachte, ich bringe Ihnen welche vorbei.
Sie hielt die Tüte hin. Der Duft war fruchtig, süß-säuerlich, ganz nach Winter.
Ach, das ist doch nicht nötig, seufzte Ingrid. Ich habe noch genug.
Ich schaffe die gar nicht allein. Nehmen Sie ruhig. Wie gehts Ihnen so?
Rita blickte schnell weg, als wäre der eigene Satz ihr unangenehm.
Nun, ich lebe, sagte Ingrid. Danke dir. Komm doch kurz rein?
Nein, die Kinder warten, Hausaufgaben. Wenn Sie was brauchen, rufen Sie einfach an, ja? Ich habe übrigens das Licht im Hausflur gewechselt, jetzt ist es abends nicht mehr so düster für Sie.
Ingrid nickte, obwohl sie abends kaum hinaus ging. Sie schloss die Tür, lehnte sich dagegen. Die Mandarinen in der Hand waren kühl.
Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen neben die Kiste, seufzte und zog den Stuhl von Klaus heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, das Holz drückte ungewohnt gegen den Rücken. Früher saß sie gegenüber, zur Straße. Jetzt blickte sie auf die leere Wand, an der letztes Jahr noch ein Papierstern hing.
Die Vorstellung, die Kette wieder aufzuhängen, fühlte sich fremd und falsch an als wollte sie Weihnachten feiern, ohne den Menschen, für den es zählte. Ärzte und Freunde hatten gesagt, sie müsse weitermachen, die Zeit werde heilen. Aber Zeit zeigte bislang nur, wie viele Dinge im Haus es gab, denen man lieber auswich.
Bis Silvester waren noch drei Wochen. Draußen lag alter Schnee, dunkel von der Silvesterraketen-Glut. Ingrid sah morgens den Hausmeister mit der Schaufel schuften, ging dann weg, kochte Haferbrei und schaltete den Fernseher an, damit überhaupt eine Stimme im Raum war. Doch lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren schrien nach Rabatten und Wundern irgendwann wurde ihr davon übel.
Die Freundin rief an. Sabine war keine, die lange um den heißen Brei redet, aber sie war immer da, wenn es nötig war.
Inge, ich habe Karten fürs Neujahrskonzert im Gemeindesaal, dreißigster. Komm mit, allein sitzen bringt doch nichts
Ich weiß nicht, Sabine. Ich habe noch diese Formulare, und die Tabletten
Die Formulare laufen nicht davon. Geh wenigstens eine Stunde raus und sieh dir die Leute an.
Sie murmelte etwas Unverbindliches, Sabine versprach, bald wieder anzurufen, um dich weichzuklopfen. Nach dem Gespräch ging Ingrid ins Wohnzimmer, sah auf Klaus Sakko, das ordentlich über dem Stuhl hing. Steckte die Hand in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Nur etwas Stoff und ein zerknülltes Busticket war übrig geblieben.
Am Abend holte sie doch die Kiste mit den Dekoartikeln hervor. Stellte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel. Der Geruch von alter Watte und Glas schlug ihr entgegen. Sie nahm ein paar Kugeln, fuhr mit dem Finger über das Glitzern. Erinnerte sich, wie Klaus immer schimpfte, wenn sie die Deko zu eng am Fenster hängte, damits von draußen schön aussieht. Die Erinnerung war so lebendig, dass sie die Kiste rasch wieder schloss und wegschob. Soll sie stehenbleiben.
Die Tabletten waren jetzt endgültig aus. Ingrid durchsuchte noch zwei Schubladen, vergeblich. Also Jacke, Mütze, Handschuhe anziehen. Neben ihrer eigenen hing Klaus Winterjacke. Sie blickte immer noch weg, wenn sie sich anzog.
Draußen wehte der Wind eisig ins Gesicht. Die Kälte schien sich verändert zu haben. Ingrid ging langsam die Straße entlang, um die Schneehaufen herum. Die Apotheke lag drei Straßen entfernt, sie nahm den Fußweg. Der Bus fuhr lärment vorbei, im Fenster erkannte Ingrid vertraute müde Gesichter.
In der Apotheke war Andrang, wie vor jedem Fest. Es roch nach Desinfektionsmittel und billigen Parfüms. Ingrid reihte sich hinten ein, hielt die Tasche fest. Links hustete ein Herr, rechts tippte eine junge Frau auf ihr Handy.
Auch Blutdrucktabletten?, fragte jemand weiter vorne.
Sie blickte auf. Vor ihr stand ein kleiner älterer Herr mit grauem Haar und grüner Winterjacke, hielt ein Rezept hoch.
Ja, sagte Ingrid. Ich nehme sie schon lange.
Ich erst seit kurzem, seufzte er. Arzt meint, das Alter kommt. Gestern habe ich noch im Hof Fußball gespielt
Sie lächelte ernst.
Gestern? Ich bin sechzig. Gestern habe ich noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, heute stehe ich hier jeden Monat.
Na dann leben wir wenn wir hier stehen.
Die Schlange rückte vor, das Gespräch versickerte. An der Kasse zahlte sie gerade, da hörte sie seine Stimme hinter sich:
Sie sind doch aus unserem Haus, oder? Irgendwie bekannt.
Ja, zweiter Eingang.
Ich bin im ersten. Dann bis demnächst mal.
Sie nickte und ging. Keine Namen, keine weiteren Worte. Doch der Rückweg war leichter, als hätte sich ein Fensterglas zwischen ihr und draußen gereinigt.
Die Tage tropften dahin wie Schnee vom Fensterbrett. Das Rathaus besuchte sie doch noch immer nicht, das Formular lag auf der Kommode. Sabine rief mehrmals an, drängte aufs Konzert. Am Ende sagte Ingrid, dass sie sich nicht gut fühle. Es stimmte in der Brust brannte es, im Kopf pochte es wie bei einer Grippe, obwohl das Thermometer normal blieb.
Am 31. Dezember war sie früh wach. Pläne gab es keine. Der Sohn hatte angeboten, einen Zug zu buchen und sie für die Feiertage zu holen, aber sie meinte ehrlich, dass die Fahrt im Winter zu beschwerlich wäre, und sie lieber im Frühling selbst kommen wollte. Es war ihr wichtig, nicht zum Koffer zu werden, den man aus Fürsorge hin und her schiebt.
Sie kochte Nudeln, schnitt etwas Lyoner und öffnete eine Dose Erbsen. Der Salat war minimal, in einer Müslischüssel. Früher machten sie einen Berg davon, der bis zum dritten Januar hielt. Sie stellte die Schüssel in den Kühlschrank, deckte sie ab. Die Mandarinen rührte sie kaum an, so farbig wie Dekokugeln lagen sie bereit.
Am Nachmittag rief die Praxis an, erinnerte an den verlegten Arzttermin. Sie schrieb den Termin in ihr Heft für Januar. Dann packte sie endlich die neue Tischdecke aus, die sie noch vor dem Frühjahr gekauft hatte, und breitete sie aus. Die Finger zitterten beim Stuhl, wo sonst Klaus Teller stand jetzt war es leer.
Am Abend meldeten sich Leute per Messenger: eine Tante aus München, die Nachbarin vom Gartengrundstück, die Cousine. Bilder von Tannenbäumen und Glückwünschen. Ingrid antwortete knapp Danke, Euch auch. Einmal wurde ihr doch bitter zumute, als jemand schickte: Das wird das beste Jahr deines Lebens. Sie stellte das Handy auf lautlos und legte es in die Diele.
Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen und Geschirrklappern, der Bratengeruch zog durch den Flur. In der Hälfte der Wohnungen lief der Fernseher, das dröhnte durchs Haus. Ingrid lief zwischen Küche und Wohnzimmer, wie auf einer kleinen Bahn. Sie überprüfte alles, obwohl sie es genau wusste. Das Wasser im Wasserkocher kühlte ab. Auf dem Hocker, wo sonst die Kiste gestanden hatte, lag ein zusammengerolltes Verlängerungskabel.
Zehn Minuten vor Mitternacht setzte sie sich auf das Sofa. Fernseher ohne Ton die Moderatoren tanzten, Stars winkten, Leute schwenkten Fähnchen. Das neue Jahr schlich heran, ohne zu fragen.
Sie sah zum Stuhl mit Klaus Hemd. Zur leeren Tasse vor sich. Schloß die Augen. Der Gedanke war schlicht: Gleich läuten die Glocken, dann Feuerwerk, dann rufen alle und gratulieren, als wäre nichts passiert, und sie wird wieder mit fester Stimme antworten müssen.
Im Flur ging das Licht unter der Türe an, jemand trat auf den Gang. Stimmen, die Aufzugtür klappte. Ingrid erhob sich plötzlich. Schob im Dunkeln den Müll zusammen, prüfte, ob der Beutel richtig geschlossen war. Zog die Hausschuhe über, warf sich eine Strickjacke um. Es hatte kaum Logik, sie wollte nur raus aus dem Kreislauf zwischen Fernseher und Stuhl.
Die Tür öffnete sie, als die ersten Knaller über der Stadt losgingen. Die Fenster bebten. Im Hausflur standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zu Ingrids Überraschung, der graue Herr aus der Apotheke. Alle hingen über den Fensterrahmen, schauten zu den bunten Lichtern am Himmel.
Ingrid Müller, frohes neues Jahr! Wollen Sie zur Mülltonne? Kommen Sie dazu, man sieht von hier am besten!
Ingrid hielt den Beutel fest, etwas verlegen.
Ich wollte nur rausbringen.
Nachher, jetzt sehen Sie sich das Feuerwerk an wäre schade, das zu verpassen, sagte der Herr mit der grünen Jacke.
Er trat zur Seite und machte ihr Platz. Sie stellte den Beutel ab. Draußen wogten die Raketen. Unten auf dem Spielplatz rief jemand Hurra, andere pfiffen. Im Dunkeln blitzten Handys auf.
Das ist mein Bruder, Alex, der ist für Silvester hier, sagte Rita.
Guten Abend. Ich habe Sie in der Apotheke erkannt.
Ja, ich erinnere mich, sagte Ingrid.
Zu fünft standen sie da, Schulter an Schulter. Es roch nach Braten aus Ritas Wohnung, nach Kälte vom Fenster und nach Mandarinenschale vom Teller auf dem Sims. Irgendjemand spielte die Glocken auf dem Handy ab. Rita schenkte hastig ein paar Plastikbecher Sekt aus.
Komm, einen kleinen Schluck einfach traditionsgemäß.
Ingrid wollte erst nein sagen, aber ihre Finger ergriffen den Becher. Sie nahm einen winzigen Schluck. Der Sekt war süß und eiskalt, aber im Hals wurde es warm.
Also, sagte Alex. Damit wir leben. Wie wir können.
Der Satz hing etwas schüchtern in der Luft. Niemand fragte weiter nach. Sie stießen leise an. Ingrid wartete beinahe darauf, dass jemand nach Klaus fragen, die Schwierigkeit ansprechen würde. Aber Rita berührte nur kurz ihren Ellbogen.
Falls Sie mögen, kommen Sie vorbei. Wir sehen abends gern alte Filme.
Danke, flüsterte Ingrid.
Eine Viertelstunde später war sie zurück in der Wohnung. Den Müllbeutel warf sie unterwegs weg. In der Diele zog sie die Schuhe aus und hängte die Jacke auf. Den Fernseher ließ sie diesmal aus. Das Dröhnen des Feuerwerks wurde draußen schwächer, wie wenn jemand den Lautstärkeregler der Welt zurückdreht.
In der Küche holte sie ihren Salat aus dem Kühlschrank, legte einen Löffel in die Schüssel und kostete. Die Erbsen knackten auf den Zähnen, der Geschmack war wie früher. Sie aß langsam, den Blick auf den Stuhl mit dem Hemd gerichtet. Irgendwann stand sie auf, nahm das Hemd, faltete es und drückte den Stoff fest an sich. Es roch nach frischem Waschpulver.
Sie hing das Hemd vorsichtig in den Schrank. Nicht zu den alten Sachen, sondern zu ihren Strickjacken. Zurück in der Küche griff sie den Stuhl an beiden Seiten, zog ihn langsam vom Tisch weg. Das Holz kratzte über das Linoleum. Sie stellte den Stuhl ans Fenster, direkt zum Sims.
Sie setzte sich, prüfte, wie er stand. Der Blick auf den Hof war nun ein anderer. Sie sah den Kindergarten hinterm Haus, Lichtfenster gegenüber. Sie stellte sich vor, ihren Tee hier morgens zu trinken, auf die ersten Autos hinauszusehen.
Der Gedanke, dass sie nun an seiner Stelle saß, schmerzte und machte zugleich ruhig. Der Stuhl war kein Tabu mehr, sondern einfach ein Stuhl am Fenster.
Nach den Feiertagen wurde die Stadt stiller. Die Werbeposter verschwanden, die Leute drängten nicht mehr mit vollen Tüten herum. Ingrid ging schließlich ins Rathaus, wartete, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Weg zurück zur Apotheke holte sie Vitamine.
Kaum Leute warteten. Die Apothekerin las in einer Illustrierten. Am Tee-Regal stand eine Frau im dicken Parka.
Entschuldigung, haben Sie den mit Kamille mal probiert? Ist der in Ordnung?
Ganz normal, meinte Ingrid. Ich trinke ihn abends. Kein Wunder, aber er tut gut.
Die Frau lächelte.
Heute gibts eh keine Wunder, sagte sie ruhig. Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich habe gesucht, was leichter macht. Nichts hilft außer früh aufzustehen und Tee zu kaufen.
Sie sagte es nüchtern, wie übers Wetter.
Bei mir auch, antwortete Ingrid leise. Im Frühling.
Sie sahen sich einen Moment an, nur kurz.
Wollen wir den Kamillentee beide nehmen? Dann weiß man, irgendwo sitzt noch jemand, der den auch trinkt.
Ja, machen wir.
Das Gespräch dauerte eine Minute, keine Namen, keine Nummern. Aber als Ingrid die Apotheke verließ, war die Luft weniger stechend. Sie dachte erstmals nicht sofort ans Hinlegen, sondern daran, Brot zu holen, ein Bund Petersilie fürs Abendessen.
Zuhause räumte sie die Einkäufe auf. Die Mandarinen schüttete sie in eine Schale, die alten warf sie weg.
Das Handy piepste leise. Nachricht von Sabine: Na, alles klar? Komm nächste Woche vorbei! Ingrid lächelte und schrieb zurück: Ich bin da. Mache Apfelkuchen.
Sie schob den Termin im Januar-Heft etwas weiter runter: Tee bei Rita. Rita hatte gestern im Aufzug wieder eingeladen, meinte, sie hätte noch Piroggen übrig und man könnte den Kriegsfilm im Fernsehen anschauen. Ingrid wollte diesmal nicht absagen.
In der Wohnung war es immer noch ruhig. Die Stille war nicht mehr so bedrohlich wie damals im April, als sie das erste Mal ohne Klaus Schnarchen aufwachte. Jetzt bot sie Platz für das Rascheln der Zeitungen, das Klappern des Messers, leisen Fernsehlärm aus Nachbars Wohnung.
Ingrid stand auf, legte die Zeitung auf den Stuhl am Fenster. Sie brühte neuen Kamillentee auf, stellte die Tasse dazu, zog die warmen Hausschuhe an und blickte hinaus.
Der Hof war grau, der Schnee lag ebenmäßig. Zwei Jungen in bunten Mützen bauten einen schiefen Schneemann. Einer drückte eine Karotte fest und lachte, als sie fiel. Weiter drüben schlich eine Frau mit Hund. In den Fenstern wackelte jemand mit einem Teppich.
Ingrid nahm einen Schluck Tee. Er war schlicht und herb. Sie verspürte eine Müdigkeit, mit der man leben konnte: aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, Nachrichten beantworten. Die Erinnerung an Klaus blieb sein Platz am Tisch war leer, aber nun stand daneben ein Stuhl am Fenster, auf dem sie saß.
Sie schlug die nächste Zeitungsseite auf, sah ins Fernsehprogramm. Abends lief ein alter Film, den sie früher zusammen gesehen hatten. Ingrid dachte, sie könnte Rita fragen, ob sie kommen wolle. Oder ihn allein anschauen, eingehüllt in die Strickjacke.
Das Jahr lag noch ganz vor ihr. Keine Garantien, keine besondere Freude, von der in Grußkarten zu lesen ist. Nur eine Reihe von Tagen, in denen man zum Arzt geht, einkauft, jemanden besucht, selbst Besuch empfängt. Und manchmal, wenn man heimkommt, einfach das Licht einschalten.
Sie stellte die Tasse aufs Fensterbrett und schob den Stuhl ein Stück näher zur Heizung. Die Wärme kroch langsam durch die Beine. Ingrid spürte, wie sich irgendwo im Inneren der harte Knoten ein wenig lockerte nicht auflöst, aber weniger starr war.
Draußen warf einer einen Schneeball ans Fenster des Eingangsbereichs und lief davon. Im Raum tickte die Uhr. Ingrid strich mit der Hand über die glatte Lehne des Stuhls und überlegte, morgen früh den Weg durchs Hof zu gehen, zwischen den Schneebergen, und noch einen Beutel Kamillentee zu holen. Einfach, damit man immer etwas zu tun hat.
Und danach würde sie hierher zurückkehren, auf diesen Stuhl am Fenster. Und weiterleben so, wie sie es inzwischen kann. Denn auch im Alltag, nach dem Abschied, wachsen still eine neue Kraft und kleine Begegnungen, wenn man das eigene Fenster wieder öffnet.





