Educational
010
Völlige Gleichgültigkeit – Hilfe! Kann mir jemand bitte helfen! Der Schrei zerriss die morgendliche Stille, drang durch die doppelten Fenster und riss Alena aus dem Tiefschlaf. Sie setzte sich ruckartig im Bett auf, noch nicht begreifend, was geschah, aber schon wissend – das war keine lärmende Gruppe vor dem Haus, kein Streit der Nachbarn. So schreit man nur, wenn echte Angst herrscht. – Hilfe! Um Gottes Willen, jemand! Helft mir! Alena warf die Decke ab und rannte barfuß zum Fenster. Der Dezemberfrost biss, als sie die Scheibe aufriss. Eiskalte Luft strömte ins Zimmer und brachte neue Schreie mit – jetzt klar und verzweifelt. Der Hof lag im rötlichen Licht der Laternen. Alena kniff die Augen zusammen, suchte die Quelle des Lärms und sah sie endlich. Das Nachbarhaus, die Feuertreppe am Gebäudeende. Eine zierliche Gestalt in heller Jacke hing an den rostigen Sprossen. Und unten… Ein Hund. Groß, mager, mit hervorstehenden Rippen. Er kreiste unter der Treppe, bellte heiser und sprang immer wieder hoch, schnappte wütend nach den baumelnden Beinen. Das Mädchen zog die Knie höher, aber die Hände hielten kaum noch. – Nehmt ihn weg! Bitte! Ich kann mich nicht mehr halten! Alena blickte zu den Nachbarbalkonen. Drei. Vier. Fünf leuchtende Rechtecke von Handys. Menschen standen und filmten. Filmten, wie das verängstigte Mädchen die Kraft verlor und der gefletschten Schnauze entgegenrutschte. Ein Mann im Unterhemd auf dem dritten Stock hockte sich sogar hin, um einen besseren Winkel zu finden. – Habt ihr denn gar keinen Anstand mehr?! – schrie Alena in die Dunkelheit. – Ruft wenigstens jemand die Polizei! Keine Reaktion. Ein Handy schwenkte zu ihr – offenbar ein neues, interessantes Motiv. Alena wich vom Fenster zurück, griff im Gehen nach dem Handy auf dem Nachttisch. Die Finger gehorchten kaum, aber sie traf die richtigen Zahlen. – Polizei, was ist Ihr Anliegen? – Ein Hund greift einen Menschen an! Hof zwischen den Häusern vierzehn und sechzehn in der Rheinstraße! Ein Mädchen hängt an der Feuertreppe, sie hält nicht mehr lange durch! Sie wartete keine Rückfragen ab. Warf das Handy aufs Bett und stürmte zur Garderobe im Flur. Daunenjacke über das Nachthemd – keine Zeit zum Zumachen. Pantoffeln auf nackte Füße – die mit den Hasen, die Mama zu Silvester geschenkt hatte. In der Jackentasche fand sich ein Spray – danke an die Paranoia, die sie nach einer unangenehmen U-Bahn-Erfahrung immer dabeihaben ließ. Alena riss die Tür auf und rannte die Treppe hinunter, übersprang die Stufen. Die Haustür knallte gegen die Wand. Eiskalte Luft brannte in den Lungen, Schnee durchnässte sofort die Pantoffeln, aber Alena rannte schon über den Hof, suchte etwas Schweres. Da – ein faustgroßer Stein, herausgebrochen aus dem alten Bordstein. Der Hund hörte sie, bevor er sie sah. Drehte sich um, fletschte gelbe Zähne und knurrte tief. – Hey! Hey, Köter! Schau her! Alena schrie so laut, dass sie sich selbst erschreckte. Etwas Urzeitliches, Unverständliches, nur tiefe Töne. Sie holte mit dem Stein aus und warf ihn – nicht auf das Tier, aber nah genug. Der Stein schlug vor den Vorderpfoten auf, prallte an die Wand. Der Hund wich zurück. Sein Bellen wurde zu einem ratlosen Winseln. Alena stampfte mit dem Fuß, hielt das Spray vor und schrie erneut – einfach nur Laut, einfach nur Drohung, einfach „Ich bin größer und gefährlicher“. Das reichte. Der Hund drehte ab und trottete davon, blickte immer wieder zurück, aber ohne die frühere Aggression. Verschwand hinter den Garagen, das Bellen verklang in der Ferne. – Halt durch! Ich komme! Alena rannte zur Treppe, kam aber zu spät. Das Mädchen ließ los und fiel – zum Glück waren es nur noch anderthalb Meter. Sie landete auf der Seite, kauerte sich zusammen und begann laut zu weinen, wie kleine Kinder, wenn sie sich nicht mehr beherrschen können. – Ruhig, ruhig, alles ist vorbei… Alena kniete sich neben sie in den Schnee. Die Kälte kroch sofort durch das dünne Nachthemd, aber das war jetzt egal. Das Mädchen – ganz jung, vielleicht zwanzig, höchstens etwas älter. Helle Haare quollen unter der Kapuze hervor und klebten an den tränenfeuchten Wangen. – Kannst du aufstehen? Stütz dich auf mich. Das Mädchen klammerte sich an den Jackenärmel, und Alena half ihr hoch. Die Hände der Geretteten waren aufgeschürft. Die Jacke am Ellbogen zerrissen. Aber das Wichtigste – sie war heil. Lebendig. Alena blickte zu den Balkonen. Die Handys waren verschwunden. Die Fenster erloschen eins nach dem anderen, als wäre nichts geschehen. Als hätte es keine Schreie, keine Angst, keinen Menschen am Abgrund gegeben. Die Show war vorbei, der Content aufgenommen, jetzt konnte man wieder schlafen gehen. – Komm mit zu mir. Gleich nebenan, im anderen Eingang wohne ich. Das Mädchen nickte, schluchzte immer noch. Sie schleppten sich zur Tür. Alena stützte sie fast ganz, denn die Beine der Armen gaben bei jedem Schritt nach. Im Hausflur war es warm. Das Mädchen lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und rutschte langsam nach unten. Alena fing sie gerade noch auf. – Hey, nicht wegtreten! Vierter Stock, halte noch kurz durch. – Ich heiße Vika, – sagte das Mädchen plötzlich. Ganz leise, durch die klappernden Zähne. – Viktoria. – Alena. Na, jetzt kennen wir uns. Komm, Viktoria, heißer Tee wartet. Sie stiegen hinauf – langsam, mit Pausen auf jedem Absatz. Alena hielt Vika an der Taille und spürte, wie das Zittern langsam nachließ. Entweder wurde sie warm, oder der Adrenalinspiegel sank. Die Wohnung empfing sie mit Chaos – zerwühltes Bett, das Handy auf dem Kissen, Licht im Flur, das Alena vergessen hatte auszumachen. Sie setzte Vika in die Küche, auf den alten Hocker mit der durchgesessenen Sitzfläche, und eilte zum Herd. – Der Wasserkocher ist gleich fertig. Ich habe Honig, willst du welchen? Und Zucker, du brauchst jetzt Glukose. Vika nickte. Alena bemerkte, dass das Mädchen auf ihre Hände starrte – zerkratzt, schmutzig. Die Handflächen zitterten. – Gleich versorge ich das. Meine Hausapotheke ist gut, ich habe Peroxid und Pflaster. Keine Sorge, die Kratzer sind nicht tief. Der Wasserkocher pfiff. Alena machte starken, fast schwarzen Tee, gab drei Löffel Zucker und einen ordentlichen Schuss Honig dazu. Sie stellte die Tasse vor Vika und holte die Hausapotheke aus dem Schrank. Das Peroxid zischte auf den Wunden, Vika verzog das Gesicht, hielt aber durch. Alena arbeitete vorsichtig, tupfte jede Schramme mit einem Wattepad ab und betrachtete dabei die unerwartete Besucherin. Ganz jung. Hübsches Gesicht, selbst jetzt – geschwollen von Tränen, mit verschmierter Wimperntusche. Stecker-Ohrringe in den Ohren. – Wie bist du da gelandet? Auf dieser Treppe? Vika nahm einen Schluck Tee, verbrannte sich und merkte es nicht. – Ich kam von der Arbeit. Normalerweise ist alles ruhig, die Gegend ist sicher… Sie kam plötzlich hinter den Garagen hervor. Erst habe ich gar nicht reagiert, dachte – ein Hund eben. Aber sie folgte mir. Erst nur gegangen, dann gerannt und geknurrt. Ich wollte ins Haus – der Türcode war falsch, ich habe mich vor Panik vertippt. Da war sie schon nah. Die Treppe war das Erste, was ich sah… Vika verstummte, umklammerte die Tasse. – Ich habe bestimmt zwanzig Minuten geschrien. Oder länger. Keine Ahnung. Erst taten die Hände weh, dann habe ich sie gar nicht mehr gespürt. Dachte – jetzt falle ich. Und die… die haben nur gefilmt. Alena setzte sich gegenüber. Vika schnaubte plötzlich – fast wie ein Lachen. – Du bist cool. Ich dachte, das war’s, niemand kommt. Aber du warst wie… keine Ahnung. Wie im Film. – In Hasenpantoffeln. Sehr heldenhaft, kann ich mir vorstellen. Jetzt lachten beide. Nervös, mit Tränen, aber sie lachten. – Hier, – Alena kramte nach Stift und Zettel. – Das ist meine Nummer. Ruf an, falls was ist. Man weiß ja nie. Vielleicht will die Polizei eine Aussage, oder es gibt noch Ärger mit dem Hund. Oder einfach… falls es dich später einholt. Nach Stress kommt das manchmal, habe ich gelesen. Vika nahm den Zettel vorsichtig, als wäre es ein wichtiges Dokument. – Danke. Wirklich, danke. Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll. – Ach, – Alena winkte ab. – Jeder hätte das getan. – Nein. Nicht jeder. Da standen zehn Leute, und keiner hat geholfen. Nur gefilmt. Sie schwiegen. – Weißt du, was ich gedacht habe, als ich da hing? – Vika sprach leise, blickte in die Teetasse. – Ich habe gedacht: Wenn ich hier rauskomme, werde ich nie so sein. Nie vorbeigehen, wenn jemand Hilfe braucht. Nie filmen, statt zu helfen. Alena nickte. – Das ist ein guter Gedanke. Halte daran fest. Alena brachte Vika nach Hause. Erst dann nahm sie die Umgebung wahr. Die Pantoffeln waren zwei nasse Filzklumpen. Das Nachthemd klebte wie ein Eiskompress unter der Jacke. Fast Morgen. Um neun beginnt die Arbeit. Alena ging ins Haus, stieg zu sich hoch und zog als Erstes die nassen Sachen aus. Heißes Duschen – fünf Minuten Glück. Trockener Schlafanzug. Neue Wollsocken. Sie legte sich ins Bett, immer noch nicht ganz begreifend, was gerade passiert war. Alena schloss die Augen und schlief überraschend schnell ein – tief, traumlos, als würde sie in warme Dunkelheit sinken. Im Schlaf lächelte sie. Diesen Tag wird sie nie vergessen…
9. Dezember 2025 Hilfe! Kann jemand helfen? Bitte, Hilfe! Der Schrei zerriss die Stille vor dem Morgengrauen
Homy
Educational
09
„Und Oma behauptet, du hättest mich verlassen“
Na, du bist ja eine Kuckucksmutter! Erst hast du unseren Sohn sitzen lassen, und jetzt willst du gar
Homy
Educational
010
„Sie wird schon draußen überleben – es passiert ihr nichts“
Schon wieder bist du spät dran! Verena ließ ihre Tasche von der Schulter gleiten und lehnte sich erschöpft
Homy
Educational
010
Du hast alles inszeniert
Du hast alles inszeniert Du wirst die schönste Braut sein, sagte ihre Mutter und richtete den Schleier
Homy
Die Verwandten stellten ohne Zögern den Karton mit den Katzenbabys auf die Straße – Corgi folgte ihnen treu und weigerte sich entschieden, in die Wohnung zurückzugehen. Sein Zuhause bedeutete ihm ohne seinen geliebten Menschen nichts mehr…
Die Verwandten stellten ohne Zögern den Karton mit den kleinen Kätzchen auf den Gehweg in der Görlitzer
Homy
Educational
05
Auf dem Rücken anderer ins Glück: Wie Ksenia zur Sündenbock der Schwiegerfamilie wurde, weil sie sich weigerte, für alle zu sorgen
Auf fremdem Rücken Kathrin, hör mal… Du hast doch sowieso schon ein Kind. Vielleicht könntest du
Homy
Educational
04
UNERWÜNSCHTES ABENDESSEN – Wie lange soll das noch so weitergehen? – Lisa warf das Handtuch auf den Tisch. – Ich bin vor einer Stunde von der Arbeit gekommen und hatte nicht mal Zeit, mich umzuziehen! – Was fängst du jetzt wieder an? – Andreas stand im Türrahmen und versperrte den Durchgang. – Meine Mutter ist doch nur für fünf Minuten vorbeigekommen. – Fünf Minuten? Im Ernst? – Lisa zeigte auf den Berg schmutzigen Geschirrs. – Und die anderen zehn Leute sind auch nur zufällig vorbeigelaufen? Alle zusammen? Aus dem Wohnzimmer ertönte lautes Gelächter. Jemand drehte den Fernseher voll auf. – Stell dich nicht so an! – Andreas verzog das Gesicht. – Wir sitzen doch ganz gemütlich, ist doch lustig. – Du hast Spaß, hörst dir Geschichten an und lachst. Und ich schneide zum dritten Mal den Kartoffelsalat! – Lisa deutete auf den Berg Kartoffeln. – Und das um neun Uhr abends. Morgen habe ich übrigens eine wichtige Präsentation. – Schon wieder deine Präsentation. Als ob das so wichtig wäre, ein paar Bilder… – Bilder? – Lisa wurde vor Empörung rot. – Das ist ein Millionenprojekt! Das ich… – Lisachen! – ertönte die süßliche Stimme der Schwiegermutter. – Warum machst du den Salat so langsam? Die Leute warten doch. Frau Gabriele trat in die Küche und richtete ihr Haar. – Könnte man nicht wenigstens vorher Bescheid geben, wenn ihr alle kommt? – Lisa versuchte ruhig zu bleiben. – Ach, was soll man da groß Bescheid geben? – Die Schwiegermutter griff in die Schüssel mit den Gurken und schnappte sich ein Stück. – Die Familie kommt eben auf einen Tee vorbei. Früher war das ganz normal… – Früher gab es keine Smartphones, – murmelte Lisa. – Was hast du gesagt? – Gabriele blinzelte. – Die Zutaten sind fertig, – Lisa griff demonstrativ zum Messer und begann, die Wurst zu schneiden. – Andreas, – wandte sich die Schwiegermutter an ihren Sohn. – Deine Frau ist wirklich nicht mehr zu bändigen. Keine Gastfreundschaft, kein Respekt vor den Älteren… – Mama, jetzt lass gut sein, – Andreas trat von einem Fuß auf den anderen. – Sie ist einfach nur müde. – Müde! – schnaubte Gabriele. – Ich habe in ihrem Alter vier Kinder großgezogen, gearbeitet, gekocht, gewaschen. Und nie gejammert. Wieder lautes Gelächter aus dem Wohnzimmer. Jemand rief: „Andreas, komm her, Viktor erzählt was Lustiges…!“ – Oh, das muss ich hören, – Andreas freute sich und verschwand schnell. – So ist das immer, – murmelte Lisa ihm hinterher. – Wenn es um Verantwortung geht, ist er sofort weg. – Sprich nicht so über deinen Mann! – begann die Schwiegermutter. – Sei froh, dass er dich geheiratet hat. Mit deinem Charakter… Lisa hörte nicht mehr zu. Sie sah auf das Messer in ihrer Hand, das Schneidebrett, die Mayonnaisepackung… Und erinnerte sich plötzlich an die kleine Flasche Tropfen, die sie morgens in der Apotheke gekauft hatte… – Wissen Sie was, Frau Gabriele? – sagte sie langsam. – Sie haben recht. Ich mache jetzt alles fertig. So ein Abendessen – das werden Sie nie vergessen. – Endlich! – freute sich die Schwiegermutter. – Das wurde aber auch Zeit. Ich rufe noch Frau Ziegler an, sie wohnt gleich um die Ecke. – Weißt du noch, Gabriele, wie deine Schwiegertochter letztes Mal den Reis versalzen hat? – rief Tante Valerie aus dem Wohnzimmer. – Wir haben die ganze Nacht Wasser getrunken! – Ja, ja, – stimmte die Schwiegermutter zu und lugte aus der Küche. – Lisa kocht eben… auf ihre Art. Lisa rührte schweigend den Salat und zählte innerlich bis zehn. Es klingelte wieder an der Tür. – Das ist bestimmt Frau Ziegler! – rief Gabriele. – Andreas, mach auf! – Ich bin beschäftigt! – rief er aus dem Wohnzimmer. – Lisa, kannst du bitte aufmachen? – Meine Hände sind schmutzig, – murmelte Lisa. – Was bist du nur für eine Ehefrau? – jammerte die Schwiegermutter und ging zur Tür. – Dem Mann kannst du nicht mal helfen? Vor der Tür standen nicht nur Oma Ziegler, sondern auch Andreas’ Schwester Marina mit Mann und Kindern. – Wir sind nur zufällig vorbeigekommen, – lächelte Marina und schob zwei schreiende Jungs in die Wohnung. – Dachte, ich schau mal bei meinem Bruder vorbei. – Ihr seid alle nur zufällig vorbeigekommen, – murmelte Lisa und griff zur nächsten Mayonnaisepackung. Halb zehn Uhr abends. – Was murmelst du da? – wandte sich die Schwiegermutter sofort zu ihr. – Ich sagte, kommt alle an den Tisch, – antwortete Lisa laut. – Gleich ist alles fertig. Sie holte die kleine Flasche aus der Tasche. Die Anleitung versprach Wirkung innerhalb einer Stunde – und man sollte in dieser Zeit besser nicht weit vom Bad entfernt sein… Lisa lächelte und goss ein Drittel der Flasche in den Salat. – Lisa, gibt es auch was Warmes? – fragte ihr Mann in die Küche. – Marinas Jungs haben Hunger. – Gibt es, – nickte sie. – Alles kommt gleich. Frikadellen, Kartoffelpüree, Soße… heute ganz besonders. – Das ist meine Frau! – freute sich Andreas. – In letzter Zeit hast du ja kaum noch gekocht. – Immer nur Arbeit, – stimmte die Schwiegermutter aus dem Flur zu. Nie Zeit für den Haushalt. – Aber heute gebe ich mir richtig Mühe, – Lisa rührte den Salat. – So ein Abendessen – das werdet ihr nie vergessen. Da klingelte es wieder. – Oh, das sind bestimmt Viktor und Elena! – rief Andreas. – Die habe ich auch eingeladen. Lisa erstarrte mit dem Löffel in der Hand. – Du hast noch mehr eingeladen? – Na und? – er zuckte die Schultern. – Wenn schon alle da sind. Viktor bringt übrigens seine Schwiegermutter mit, die ist gerade zu Besuch. Lisa sah auf die fast leere Flasche, dann auf den Salat, schätzte die Gäste ab… – Weißt du was, – sagte sie und holte noch eine Packung aus der Tasche, – ich mache die Soße auch besonders. Damit es für alle reicht. – Genau so! – klang es aus dem Wohnzimmer. – Was ist das für ein Abendessen ohne Soße? – Ohne Soße geht gar nicht, – stimmte Lisa zu und träufelte Tropfen in die Soße. – Hauptsache, alle werden satt. – So, alle an den Tisch! – verkündete Gabriele feierlich. – Seht, wie Lisa sich Mühe gegeben hat. Die Familie strömte an den ausziehbaren Tisch. Die Jungs griffen sofort zum Salat. – Vielleicht erst das Warme? – schlug Lisa fürsorglich vor. – Der Salat muss noch ziehen. – Immer machst du alles kompliziert, – winkte die Schwiegermutter ab. – Gib den Kindern was zu essen. – Genau, – stimmte Tante Valerie zu und füllte sich den Teller. – Was soll das für ein Theater? Früher ging das auch ohne so viel Aufwand. – Macht nichts, – lächelte Lisa. – Heute wird es ganz besonders. – Lisa, warum isst du selbst nichts? – fragte Andreas mit vollem Mund. – Ich habe auf der Arbeit gegessen, – sie lehnte am Türrahmen. – Und beim Kochen habe ich mich schon satt gerochen. – Schau mal, – spottete Marina. – Jetzt will sie nicht mal mit der Familie essen. Immer nur Arbeit, diese Kreativjobs… – Apropos Arbeit, – mischte sich Viktor ein. – Verdient ihr da wirklich Geld fürs Bildermalen? Haben die Leute sonst nichts zu tun… Lisa beobachtete schweigend, wie alle Nachschlag nahmen. Die Teller wurden erschreckend schnell leer. – Oh, lecker! – schmatzte Oma Ziegler. – Endlich kannst du kochen, früher gab’s immer nur so neumodische Salate. – Ja, ja, – stimmte Elena, Viktors Frau, zu. – Und wisst ihr noch, letztes Mal ihr „Caesar“ mit Croutons? Ich hatte den ganzen Abend Sodbrennen. – Keine Sorge, – sagte Lisa leise. – Heute gibt es kein Sodbrennen. Heute gibt es ganz andere Gefühle. – Was hast du gesagt? – fragte die Schwiegermutter. – Ich meinte, vielleicht machen wir Musik an für die Stimmung? – Gute Idee! – freute sich Andreas. – Ich hole die Box. Er stand auf, blieb aber in der Tür stehen: – Lisa, du bist heute irgendwie komisch. – Alles normal, – zuckte sie die Schultern. – Ich beobachte nur, wie ihr euch satt esst. Man könnte sagen – ihr esst auf Vorrat. – Ach, jetzt hör auf, – er klopfte ihr auf die Schulter. – Siehst du, allen schmeckt’s. Sogar Mama lobt dich. – Hauptsache, es schmeckt allen, – nickte Lisa. – Übrigens, ich habe die Soße extra für deine Mutter gemacht, mit viel Liebe. Sie soll unbedingt probieren. Sie sah auf die Uhr. Nach ihren Berechnungen sollten die ersten „Spezialeffekte“ in etwa einer halben Stunde einsetzen. Genau dann, wenn alle satt und entspannt sind. – Lisa, – rief die Schwiegermutter. – Gibt es auch Tee? – Gibt es, – nickte Lisa und griff zur Tasche im Flur. – Aber ich muss jetzt dringend los. Die Arbeit ruft, Notfall. – Wie, du gehst? – empörte sich Andreas. – Mitten beim Familienessen? Hast du auf die Uhr geschaut? – Was ist dabei? – Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Lisa ehrlich. – Ihr seid ohne Vorwarnung gekommen, ich gehe ohne Vorwarnung. Ganz familiär. – So ist das mit der heutigen Jugend, – winkte Gabriele ab. – Kein Respekt vor Familienwerten! Eine halbe Stunde später war es mit dem Respekt vorbei… – Andreas, mir geht’s nicht gut, – murmelte Gabriele und hielt sich den Bauch. – Mir auch nicht, – verzog Viktor das Gesicht. – Vielleicht liegt’s am Salat? – vermutete Tante Valerie, kam aber nicht mehr dazu, den Satz zu beenden – sie sprang auf und rannte Richtung Bad. – Hey, wohin?! – Marina stürmte hinterher. – Ich bin zuerst! – Wieso zuerst? – empörte sich Elena und versuchte, sie zu überholen. – Ich muss wirklich dringend… Nach fünf Minuten herrschte im Flur ein echtes Gedränge. Die Schlange zum Bad reichte bis in die Küche. – Mama, mir ist schlecht! – jammerten Marinas Kinder. – Geduld! – fauchte sie und trat von einem Fuß auf den anderen. – Oma Gabriele, bist du bald fertig? – Ich bin gerade erst rein! – kam es von hinter der Tür, begleitet von Geräuschen wie aus einem Maschinengewehr. – So was gab’s früher nicht, – stöhnte Oma Ziegler und lehnte sich an die Wand. – In unserer Zeit… – Andreas! – rief Gabriele aus dem Bad. – Ruf sofort deine Frau an! Das ist alles ihr Gekoche! Andreas griff zum Telefon, aber Lisa ging nicht ran. Nur eine Nachricht kam: „Hoffe, das Abendessen war ein Erfolg. Übrigens, die Nachbarn haben auch ein Bad. Und Viktor hat eine Wohnung im Nachbarhaus. Lauft, meine Lieben, lauft. Vielleicht schafft ihr’s ja.“ – Hat sie das etwa mit Absicht gemacht? – keuchte Tante Valerie und hielt sich den Mund. – Mama, komm raus! – stöhnte Marina. – Die Schlange geht bis zum Flur! – Ich kann nicht! – heulte Gabriele. – Was hat diese Person da reingemischt?! Da klingelte es an der Tür. Die Nachbarin von oben stand davor: – Ist bei euch alles in Ordnung? Bei mir wackelt schon die Lampe… – Ich kann nicht mehr, kam es aus der Schlange. – Vielleicht den Notarzt? – Was für einen Notarzt?! – Andreas fuhr hoch. – Dann weiß es ja jeder! – Und vor den Nachbarn sich blamieren ist besser? – fauchte Marina und versuchte, Viktor von der Tür wegzuschieben. Andreas’ Handy piepte wieder. Nachricht von Lisa: „Fast vergessen – morgen reiche ich die Scheidung ein.“ – Was heißt Scheidung?! – schrie Gabriele, die endlich das Bad verließ. – Andreas, das darf sie nicht! – Das klären wir später! – brüllte Viktor und stürmte als Erster ins freie Bad. – Jetzt gibt’s wichtigere Probleme! Marinas Kinder jammerten synchron. Elena begann, die Nachbarn anzurufen. Oma Ziegler schimpfte über die Jugend von heute. Und das Handy piepte weiter: „Und keine Sorge um meine Sachen – die habe ich mitgenommen, während ihr das Abendessen genossen habt. Guten Appetit noch!“ „P.S. Besonders gefallen hat mir, wie du, Andreas, meine ‚Bilder‘ gelobt hast. Ab jetzt bringen diese ‚Bilder‘ nur mir Geld. Und das Millionenprojekt – das habe ich gestern erfolgreich abgeschlossen. Ich bleibe also nicht ohne Arbeit.“ „Du wirst dir wohl eine neue Köchin für deine wertvolle Familie suchen müssen. Aber bedenke – jetzt musst du selbst kochen, fürs Restaurant reicht das Geld nicht mehr. Ich habe nämlich alles abgehoben – du hast doch nichts dagegen? Wir sind doch Familie!“ Die Schlange zum Bad wurde immer länger. Irgendwo in der Ferne schrie Marina: „Die Nachbarn machen nicht auf!!!“ Und Lisa saß inzwischen in einem gemütlichen Café am anderen Ende der Stadt, schlürfte einen Cappuccino und fühlte sich zum ersten Mal seit drei Jahren rundum glücklich.
9. Dezember Wie oft noch? Ich warf das Geschirrtuch auf den Küchentisch. Ich bin seit einer Stunde von
Homy
Educational
03
Eine winzige Schneeflocke auf dunklem Mantel – stummer Zeuge innerer Unruhe. Kirill steht am vertrauten Wohnungseingang, der eisige Wind treibt ihn zur schwierigen Aussprache mit seiner Mutter. Drei Tage, siebzig Stunden, ein unerwarteter Trip: Das Kind kann nur bei ihr bleiben. Irina, mit strengen, schönen Zügen, deckt den Tisch mit vertrauter Keramik, schenkt duftenden Kaffee ein – doch der heimische Duft bringt heute keine Ruhe. Sie wünscht ihrem erfolgreichen Sohn mehr Erholung, doch die Reise betrifft Vika und das Mädchen. Viel Kraft kostete es, Kirills Wahl zu akzeptieren: Unverheiratet, vielversprechend, verband er sich mit einer Frau und deren fünfjähriger Tochter. In Irinas Gedanken klingt der Vorwurf: „So lange gewartet, und dann – die Erstbeste.“ Sie sieht Vika als Teil der Familie, doch zu der kleinen Warja bleibt ihr Herz verschlossen. Sie weiß, das Kind ist unschuldig, doch die fremden Augen bauen eine Mauer. „Ich habe keine Erfahrung mit Enkeln“, gesteht sie, blickt auf den Schnee. „Du kannst alles, du bist die beste Gastgeberin“, entgegnet Kirill. „Die andere Oma ist weit weg, nur du bist da.“ – „Und meine Pläne? Kaum Zeit zum Atmen, schon soll ich fremdes Blut hüten.“ – „Gut, Mama, ich dränge nicht.“ Er tut, als wolle er gehen – der alte Trick wirkt noch. – „Bring sie morgen, aber nur, wenn sie bei der alten Meckerziege bleiben will.“ – „Danke, wir überreden sie!“ Am nächsten Tag steht Warja im rosa Jacke im Flur, Vika packt Lieblingspuppen und das Märchenbuch ein. „Oma Irina liest dir vor, spielt mit dir.“ Doch das Kind schluchzt, als die Mutter nicht bleibt. „Drei magische Tage, wir bringen dir ein Souvenir aus den Bergen. Wartest du tapfer wie eine Prinzessin?“ Warja nickt, Tränen in den Augen. Die Tür schließt sich leise. Irina zeigt ihr eine Schatzkiste, bereitet in der Küche etwas Leckeres. – „Darf ich helfen?“ – „Nein, hier ist es spannender, in der Küche störst du nur.“ Irina erschrickt über ihre Schroffheit, sieht in Warja das Symbol unerfüllter Enkelträume. Warja fragt „Warum?“ und „Wie?“, Irina antwortet knapp. Das Kind zieht sich zurück, liest und spielt allein. Irina ringt mit sich, liest Märchen, geht mit Warja in den Park. Alles scheint gut, doch innerlich bleibt Bitterkeit. – „Wann kommen sie?“ – „Übermorgen, Schatz.“ – „Fahren wir dann heim? Kommst du uns besuchen?“ – „Vielleicht.“ – „Bitte! Ich zeige dir mein Puppenhaus!“ Die Hoffnung trifft Irina ins Herz. Am Abend fühlt sie sich besser, akzeptiert die Rolle als Nanny. Doch plötzlich steigt der Blutdruck, die Migräne kehrt zurück. – „Bist du krank?“ – „Genau das hat mir gefehlt“, murmelt Irina, nimmt eine Tablette. – „Du musst dich hinlegen“, sagt Warja ernst. – „Im Sessel geht’s besser.“ Warja sitzt still, bewacht Irina. Plötzlich klingelt es laut. – „Das sind sie!“ – „Nein, erst morgen. Sicher der Postbote oder Nachbarn.“ Es ist die Nachbarin Alevtina, bekannt für laute Partys und Streit. – „Haben Sie wieder geklopft? Ich schlafe, und dann Krach!“ – „Ich habe nicht geklopft“, antwortet Irina ruhig. – „Wer dann? Immer Ärger mit euch!“ – „Niemand hat geklopft. Gehen Sie in Frieden.“ Alevtina schimpft weiter. Da tritt Warja mutig vor: „Leiser bitte! Tante Irina hat starke Kopfschmerzen.“ Beide Frauen sind verblüfft. Warja droht: „Sonst kommt der Polizist und stellt Sie in die Ecke!“ Irina lächelt gerührt, die Falten glätten sich. – „Alles gut, Warja, geh ins Zimmer.“ Doch das Kind bleibt, nimmt Irinas Hand – ein stummer Trost. Alevtina ist sprachlos. – „So eine Kleine, und schon belehrt sie die Großen!“ – „Sie ist kein Winzling. Niemand hat geklopft. Und erschrecken Sie das Kind nicht.“ Irina schließt sanft die Tür. – „Hast du Angst, meine Tapfere?“ – „Nein, weil du bei mir bist.“ – „Natürlich. Sie kommt nicht wieder.“ Nach dem Vorfall verschwindet die Migräne. Irina fühlt sich leicht, schlägt vor, Pfannkuchen zu backen. – „Darf ich helfen?“ – „Natürlich, ich zeige es dir!“ Beim Teigmischen erzählt Irina ihre Geheimnisse, Warja hört gespannt zu. Abends kuscheln sie auf dem Sofa, schauen Zeichentrickfilme. Warja lehnt sich an Irina, die sie zärtlich umarmt und erkennt vertraute Züge. Ihr Herz taut auf, es wird warm und hell. Der abendliche Anruf des Sohnes trifft sie in dieser Idylle. Beide berichten, wie schön alles ist, wie sie sich freuen. Später erzählt Irina Märchen von weißen Bären, Warja schläft mit dem treuen Teddybär im Arm – stummer Zeuge einer erblühten Liebe. Jahre später, beim Blick auf das vergilbte Foto vor verschneiten Bergen, erkennt Irina: Die kostbarsten Geschenke kommen oft unerwartet, und wahre Verwandtschaft misst sich nicht am Blut, sondern an der Wärme, die zwei Seelen einander schenken, vereint am gemeinsamen Herd.
Eine winzige Schneeflocke, die auf dem dunklen Mantel landete, schien der einzige stille Zeuge von seinem
Homy
Beim abendlichen Spaziergang wurde eine deutsche Schülerin von zwei Männern bedrängt – doch ihr Hund verwandelte sich zum furchtlosen Beschützer und verhinderte das Schlimmste…
TagebucheintragHeute muss ich einfach alles niederschreiben nicht nur um diesen Tag zu verarbeiten, sondern
Homy
Educational
07
Schicksalsschreiberin – Komm herein, meine Liebe. Ja, ich erzähle dir alles, enthülle jedes Geheimnis. Reich mir deine Hand, Baba Marusja betrügt nicht, sie sagt die Wahrheit. Wie heißt du? Tatjana? Tanja also? Sehr schön! Deine Hand ist so klein, fast wie die eines Kindes. Ganz weich… Und die Linien, als wären sie ein Buch. Frag ruhig, was du wissen möchtest, schäm dich nicht. Sonst liest Baba Marusja einfach drauflos und du hörst vielleicht nicht das, was du hören willst. Alles erzählen? Na gut! Deine Liebe ist hell und rein. Du wirst heiraten. Dein Mann – ein guter, ernsthafter Mensch. Er wird dich liebevoll behandeln. Siehst du? Diese Linie hier – das ist die Liebe… Ihr bekommt einen Sohn. Wunderbar. Er wird die Schule und die Uni mit Bravour abschließen. Ja, das steht alles in deiner Hand. Später arbeitet er im Ministerium oder im Ausland. Verdient viel Geld. Wird euch helfen. Eine Tochter kommt auch, ein Schatz. Ihr Leben wird leicht, sie gründet eine Familie. Sie schenkt dir Enkelkinder. Mit den Kindern wird alles bestens… Beruflich sehe ich deinen Aufstieg. Du sagst, es gibt keinen Weg? Es gibt immer einen. Jetzt sagst du das, später erinnerst du dich an Baba Marusja, gehst in die Kirche und zündest für mich eine Kerze an… Du wirst viel Geld haben. Sieh selbst, verstehst du nichts? Muss man auch nicht… Deine Gesundheit – weißt du selbst, nicht die beste. Aber wer ist heute gesund? Du triffst einen Arzt, der dir besser als ich sagt, was zu tun ist. Ein Spezialist. Bald begegnest du ihm… Nicht wegen Krankheit, einfach so, in netter Gesellschaft. Er wird dir helfen. Du wirst lange leben, länger als ich. Baba Marusja ist schon alt. Wie alt? Fast achtzig… Sieht man nicht. Ich habe Krieg und Hunger erlebt. Aber es geht ja nicht um mich! Schau, das sind deine Interessen. Bald entdeckst du etwas Neues, vielleicht in der Wissenschaft, vielleicht woanders. Das bringt dir Ruhm und Glück. Die Leute werden zu dir kommen, um Hilfe zu suchen. All das steht in deiner weichen Hand… Nein, Tanja, zu deinen Eltern kann ich wenig sagen. Nur das: Deine Mutter wird dir schreiben, um Verzeihung bitten. Ehre sie, sie wollte dich nicht verlassen, das Schicksal hat es so gewollt. Und dein Vater… Ich sehe ihn nicht mehr. Aber deine Oma lebt noch? Sie lebt! Gesundheit für sie! Sie wird auf deiner Hochzeit tanzen! Sie kann nicht tanzen? Doch, ich sehe sie tanzen! Vielleicht hilft der Arzt? Der, den du bald triffst! Hast du alles erfahren, was du wolltest? Gut, Tanja. Ich bringe dich nicht mehr hinaus, meine Beine tun weh… Wohin mit dem Geschenk? Leg es auf den Tisch, unter die Decke. Danke, mein Kind, geh, alles wird gut! Erzähl deinen Freundinnen, was Baba Marusja gesagt hat, deiner Oma. Vielleicht kommt noch jemand zu Besuch… *** Was glotzt du so, du Schnauzbart? Hast du etwa was gegen meine Wahrheit? Aber Leber und Sahne magst du, oder? Vom „Whiskas“ rümpfst du die Nase, Fisch muss teuer sein, Hering isst du nicht! Woher soll Baba Marusja so viel Geld haben? Eben! Alle wollen für Schönes zahlen, nicht für die Wahrheit! Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass ihr Bräutigam ein Schwein ist? Dass sie nachts im Hinterhof überfallen werden und der Bräutigam wegläuft? Ihm ist das egal! Dass er nach einem Monat schon mit ihrer Freundin anbandelt, weil deren Vater Geschäftsmann ist? Dass Tanja nach der Vergewaltigung schwanger wird und die Oma daran stirbt? Das hätte ich sagen sollen? Dass der Sohn, den Tanja bekommt, ganz nach dem Vater gerät, mit vierzehn drogensüchtig wird, die Mutter schlägt, ihr Blut saugt? Dass sie in die Psychiatrie kommt, die Arbeit verliert, von Brot und Wasser lebt, bis sie als Hausmeisterin arbeitet? Dass sie mit fünfundvierzig Krebs bekommt? Das hätte ich sagen sollen? Und dass sie die Operation nicht überlebt? Das hätte ich erzählen sollen? Und dann hätte sie mir ein Geschenk gebracht? Ich finde, Schnauzbart, ihr wahres Schicksal kennen nur du und ich. Das, was ich ihr erzählt habe, kennen jetzt ich, Tanja, ihre Freundinnen und die Oma. Sie wird es allen erzählen, sobald sie zu Hause ist! So viele! Mehr als wir beide? Mehr! Hat Tanja mir geglaubt? Sie hat geglaubt! Vielleicht wendet sich doch noch alles… *** Tanja ging von Baba Marusja und lächelte. Ihr Herz war leicht und froh. Ihr erzähltes Schicksal klang wie ein Märchen, aber… Vielleicht wird es ja so? Diese Wahrsagerin wurde ihr empfohlen… Im dunklen, leeren Hinterhof hörte das Mädchen Schritte und Gelächter hinter sich. Tanja rannte. Doch sie kamen näher… Und hätten sie eingeholt, wäre da nicht der junge Mann mit dem großen Hund gewesen. Der Hund bellte, der Mann zog den Gasrevolver: – Zurück, ihr Halunken! Sonst… Tanja konnte kaum atmen, doch ihr Retter lächelte: – Ich bin Vitali. Darf ich mit Jack Sie nach Hause bringen? Und alles wendete sich. *** – Komm herein, meine Liebe! Wie heißt du? Olga? Tanja hat dich geschickt? Ich erinnere mich… Wie geht es ihr? Hat sie geheiratet? Sehr schön! Gib mir deine Hand… Sie ist weich und glatt…
Schicksalsumschreiberin Komm rein, mein Schatz. Ja, setz dich, ich erzähl dir alles, was du wissen willst.
Homy