Du bist selbst schuld an deinem Geldmangel: Niemand hat dich gezwungen zu heiraten und Kinder zu bekommen, sagte meine Mutter, als ich sie um Hilfe bat.
Ich erinnere mich noch genau an ihren Ton, als ich sie um Unterstützung bat: Du hast dich selbst in diese Lage gebracht, weil du kein Geld hast. Niemand hat dich gezwungen zu heiraten und Kinder zu bekommen. Diese Sätze schleuderte meine Mutter mir gnadenlos entgegen.
Mit zwanzig Jahren heiratete ich Julian. Wir mieteten eine winzige Einzimmerwohnung am Rand von Dresden. Beide arbeiteten wir: er war Maurer, ich in einer Apotheke. Viel blieb uns nicht zum Leben, doch irgendwie kamen wir zurecht. Wir träumten davon, eines Tages eine eigene Wohnung oder vielleicht sogar ein kleines Haus zu kaufen. Damals schien alles möglich zu sein.
Dann kam unsere Tochter Lena zur Welt. Zwei Jahre später wurde unser Sohn Moritz geboren. Ich ging in Elternzeit, Julian nahm Überstunden an. Trotzdem reichte das Geld nie wirklich. Alles ging für Windeln, Babynahrung, Arztbesuche, Rechnungen und ganz besonders für die Miete drauf. Die verschlang fast die Hälfte von Julians Einkommen.
Jeden Morgen schaute ich unsere Kinder an und erwachte mit den gleichen Sorgen: Was, wenn Julian krank wird? Oder wenn sie ihn entlassen? Was machen wir dann?
Meine Mutter wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung mitten in Berlin. Meine Oma auch, ebenfalls in Berlin, ebenfalls mit viel leerstehendem Platz. Ich verlangte keinen Palast nur eine kleine Ecke, vorübergehend, bis die Kinder größer sind, bis wir uns wieder erholen.
Ich schlug meiner Mutter vor, doch wieder mit Oma zusammenzuziehen die beiden gemeinsam in einer Wohnung, und wir könnten dann in die andere einziehen. Viel Platz bräuchten wir nicht, nur Julian, die Kinder und ich. Aber sie lehnte sofort ab.
Mit meiner Mutter zusammenleben? schnaubte sie. Bist du verrückt? Glaubst du, mein Leben ist jetzt einfach zu Ende? Ich bin noch jung, und mit der Alten ruiniere ich mir nur die Nerven. Leb, wo du willst, aber lass mich in Ruhe.
Ich schluckte ihre Ablehnung still hinunter, aber ich gab nicht auf und rief meinen Vater an. Er lebt seit Jahren mit seiner neuen Frau in einer geräumigen Vierzimmerwohnung in Hamburg. Ich hoffte, er könnte Oma bei sich aufnehmen schließlich ist es seine Mutter. Doch er blockte sofort ab mit der Begründung, er habe bereits Kinder aus zweiter Ehe, das Haus sei jetzt schon bis zum Rand gefüllt.
Verzweifelt griff ich erneut zum Hörer und wählte die Nummer meiner Mutter. Diesmal konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten, flehte sie an, uns zumindest für eine Weile aufzunehmen. Dann knallte sie mir nur noch härter entgegen:
Du hast kein Geld? Dafür bist du selbst verantwortlich. Niemand hat dir geraten zu heiraten oder Kinder zu kriegen. Du wolltest erwachsen sein? Dann trag jetzt die Konsequenzen. Du musst deine Probleme alleine lösen.
Wie elektrisiert blieb ich mit dem Handy am Küchentisch sitzen, der Boden tat sich unter mir auf. Das kam von meiner Mutter der Frau, von der ich Unterstützung erwartet hatte. Ich hatte nicht um viel gebeten, nur um etwas Platz und einen Funken Mitgefühl.
Am nächsten Tag setzten Julian und ich uns zusammen und überlegten, wie es weitergehen könnte. Die einzige, die auf unsere Not reagierte, war seine Mutter, Frau Anneliese. Sie lebt in einem Dorf in der Nähe von Bautzen, in einem Haus mit Garten und einem freien Zimmer. Sie sagte, sie würde uns mit Freude aufnehmen und bot sogar an, sich um die Kinder zu kümmern, während wir arbeiteten.
Doch ich habe Angst. Es ist nicht die Stadt, sondern das Land. Kein Arzt weit und breit, keine vernünftige Schule, keine guten Busverbindungen. Ich fürchte, wenn wir dorthin gehen, kommen wir nie wieder heraus. Ich habe Angst, dass die Kinder ohne Chancen aufwachsen, ohne Perspektive. Dass ich selbst aufhöre zu träumen und mich abschotte.
Aber wir haben keine Wahl. Meine Mutter hat uns abgewiesen. Oma ist zu alt. Mein Vater sieht uns nicht als Teil seiner Familie. Nun stehe ich an einer Weggabelung: ins Ungewisse gehen oder fremde Hilfe annehmen, die wenigstens ehrlich gemeint ist.
Weißt du, was am meisten schmerzt? Es ist nicht die Armut. Es sind nicht die Sorgen. Es ist die Erkenntnis, dass die eigenen Verwandten am fremdesten sind, gerade wenn man sie am meisten braucht. Am meisten fürchte ich mich aber nicht um mich selbst, sondern um meine Kinder dass sie jemals spüren, wie es ist, von der eigenen Oma nicht gewollt zu sein.
Und so schreibe ich heute in mein Tagebuch: Selbst wenn man alles richtig machen will, kann das Leben an den einfachsten Strukturen zerbrechen. Man darf nie vergessen, dass Mitgefühl manchmal wichtiger ist als alles Geld der Welt und dass man nicht zulassen sollte, dass das eigene Herz so kalt wird wie ihres.



