„Du bist doch so ein Geizhals geworden!“ — „Mein Gott, einhundertsiebzigtausend Euro? Für das hier? Polina, nimm’s mir nicht übel, aber selbst wenn du die Zähne von Angelina Jolie hättest, wärst du noch keine Angelina. Wär’s nicht besser, du würdest deiner Mutter helfen oder deiner Nichte was für die Schuluniform geben… Die arme Svetlana musste sogar einen Kredit aufnehmen, um Sonja für die Schule einzukleiden. Da ist das wenigstens sinnvoll, aber du… du fütterst halt die Zahnärzte!“ schimpfte Oma Käthe und winkte ab. — „Nun, das Mädchen ist doch niemandem etwas schuldig…“, versuchte Svetlanas Mutter, die gleichzeitig Polinas Tante war, zu schlichten. „Aber solche Summen… Man sieht’s ja nicht mal, wenn du nicht lächelst!“ — „Das ist wahrscheinlich noch nicht alles“, mischte sich der Onkel ein, „Mit allem drum und dran gibt’s bestimmt dreihunderttausend. Ein bisschen draufgelegt und du hättest eine Eigentumswohnung… Ich versteh nicht, wozu das alles, wenn man nicht mal eine Wohnung hat.“ Polina spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Wieso musste sie ausgerechnet ehrlich sagen, wie viel die Zahnspange gekostet hat? Sie wusste ja, dass sich niemand freuen würde. Aber sie hatte gehofft, ihre Familie würde ihr zu ihrem endlich schönen Lächeln gratulieren. Oder wenigstens schweigen. — „Jetzt seid mal nicht so…“, mischte sich Polinas Mutter ein. „Das ist ihre Gesundheit und ihr Geld. Es ist allein ihre Entscheidung.“ Polina hätte am liebsten im Gegenzug die Finanzen der anderen gezählt. Ihre Tante darauf hingewiesen, dass sie immer jammert, aber nie arbeitet. Ihrem Onkel ins Gedächtnis gerufen, wie viel er fürs Bier ausgibt. Der Cousine geraten, weniger für Nägel und mehr für Bücher ihrer Tochter auszugeben. Und der Oma gesagt, dass man ihr nach dieser Logik eigentlich auch keine Medikamente mehr kaufen müsste. Aber sie schwieg. Wollte kein Familientheater veranstalten, zumal die nächste Verwandte schon ein anderes Thema anschleppte und über Bekannte zu lästern begann. Die Stimmung war trotzdem verdorben. Auf dem Heimweg musste Polina unwillkürlich an ihre Kindheit denken… …Sie hatte nie ein schönes Klassenfoto. Ihr Gesicht darauf immer angespannt, die Lippen fest zusammengepresst. Dank ihrer Mitschüler lernte sie, nur mit den Augen zu lächeln, denn sobald sie den Mund öffnete, ging das Spott-Theater los: „Pferdchen“, „Häschen“, „Nussknacker“ – und das waren die harmlosen Spitznamen. Sogar Igor, ihr Mann, nannte sie „Hamsterchen“, ohne zu ahnen, wie sehr ihr das jedes Mal auf die Nerven ging. Mit vierzehn erklärte sie ihrer Mutter, dass sie sich zum Geburtstag eine Zahnspange wünscht. Bisher dachte sie, die sei nur für Kinder, aber dann hatte sie eine bei einer Gleichaltrigen gesehen und sie wollte auch eine. Vielleicht hätte ihre Mutter sie früher zum Zahnarzt gebracht, aber überflüssiges Geld gab es nicht. Der Großteil ging für die Miete, die Nebenkosten, Lebensmittel und die jammernde Tante drauf. Doch als die Eltern ihre Tränen sahen, stimmten sie zu. Alle mussten sparen. Auch Polina. Sie verzichtete auf die Klassenfahrt nach Hamburg, trug weiterhin ihre alte Jacke und legte ihr Frühstücksgeld zur Seite… Alles für einen Traum. Und dann zerplatzte dieser Traum… — „Schatz…“, sagte die Mutter seufzend, zwei Wochen vor Polinas Geburtstag, „Papa und ich haben schlechte Nachrichten. Oma Käthe ist im Krankenhaus, wir müssen die Zahngeschichte verschieben. Sie braucht teure Medizin…“ Polina starrte ihre Mutter ratlos an, wusste nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich war niemand schuld, aber es tat trotzdem weh. — „So ist es eben…“, fuhr die Mutter fort und blickte weg, „Du verstehst das doch? Oma ist jetzt wichtiger. Wir können warten, aber sie muss gerettet werden…“ Polina verstand. Sie nickte und schluckte den Kloß im Hals herunter. Das Geld für ihre Zuversicht, für ihr Selbstbewusstsein, ging für Omas Rettung drauf… Oma wurde wieder gesund. Sie wusste nicht einmal, zu welchem Preis: Die Eltern schonten sie und erzählten ihr nichts. Schnell vergaß sie die Krankheit und kehrte zu ihrem Lieblingshobby zurück – den anderen Moralpredigten zu halten. Und jetzt, fünfzehn Jahre später, warf Oma Käthe Polina vor, endlich ihre eigenen Ersparnisse für sich selbst ausgegeben zu haben. „Meine Zähne – meine Angelegenheit“, dachte sie. „Mein Portemonnaie ebenso. Ich habe nie jemandem etwas abverlangt und muss mich nicht rechtfertigen.“ Dabei wäre es vielleicht dabei geblieben, hätte es nicht das Silvester gegeben… …Der Dezember war wahnsinnig stressig. Vorweihnachtliches Chaos, Schmuddelwetter, der Versuch, das Monatsbudget einzuhalten… Der Streit war längst verraucht, aber der schlechte Nachgeschmack blieb. Die Feiertage kündigten sich an. Nach guter Tradition würde die ganze Familie zu Tante Gisela gehen – jener, die statt Zahnarzt lieber geraten hatte, einfach nicht zu lächeln. Die Familie war groß, Geschenke daher meistens symbolisch: Handtücher, Duschgelsets, Aktionsschokolade. Für mehr fehlten Zeit und Geld. Gerade erst stand Polina zur letzten Zahnspangenkorrektur, und die Zähne fühlten sich an, als würden sie gleich herausfallen. Und teuer war’s obendrein. Aber sie wusste ja, worauf sie sich eingelassen hat. Polina stöberte durch Videos, als eine Nachricht von ihrer Nichte kam. — „Tante Polina, ich weiß, was ich vom Weihnachtsmann will!“ – Sonja piepste fröhlich ins Mikro. Der Link, den sie schickte, führte zu einem Smartphone. Modern, silbernes Gehäuse. Kostenpunkt: Tausendsechshundert Euro. Für ein aktuelles Gerät kein Mondpreis, aber viel zu viel extra für Polina. Sie liebte ihre Nichte, aber… — „Sonja, der Handy ist wirklich schön. Aber der Weihnachtsmann hat ganz viele Kinder um sich herum. Das kann er einfach nicht schaffen”, schrieb Polina. „Wir haben schon ein schönes Geschenk für dich. Wenn deine Eltern das Handy kaufen möchten, können wir vielleicht noch etwas drauflegen.“ Die Antwort kam prompt – ein Sprachnachricht, mit kindlichem Gejammer und gespieltem Geheule. — „Ich will aber nur das Handy! Du kannst es doch kaufen, Mama sagt, du bist reich!“ Polina antwortete nicht. Sie hörte sich die Nachricht mehrfach an, ungläubig, und legte das Handy beiseite. Ihr stieg ein Kloß in den Hals. Es ging nicht mehr ums Geld. Es ging um die Einstellung – die Cousine schien hinter ihrem Rücken zu tratschen. Die Nichte wusste ganz genau, bei wem man „was rausholen“ könnte. Den Rest gab’s beim nächsten Anruf von Svetlana. Das Telefon klingelte fünf Minuten später. — „Was hast du nur mit meinem Kind gemacht?!“ polterte sie los. „Sonja heult und hat sich im Zimmer eingeschlossen!“ — „Svetlana… Deine Tochter möchte ein Handy für tausendsechshundert Euro. Wir haben die stille Abmachung: niemand bekommt Geschenke über fünfzig. Wo soll ich das Geld hernehmen?“ — „Ach, tu nicht so arm! Für deinen Metall im Mund hattest du doch was? Für dich selbst ist dir nix zu schade, aber für deine einzige Nichte bist du geizig!“ — „Die Behandlung war notwendig – für die Gesundheit. Und Sonja braucht nur einen neuen Spielzeug. Telefonieren geht auch mit günstigeren Handys. Ich hab kein Geld für teure Geschenke.” — „Schon klar – keine eigenen Kinder, kein Verständnis dafür, wie viel so ein Weihnachten für die Kleinen bedeutet. Egoistin… Hauptsache, du hast alles selbst! Hoffe, du verschluckst dich an deinem teuren Metall…” Im Hörer ertönten nur noch Töne… Polina saß an der Küchentheke und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Enttäuschung kochte in ihr hoch. Und sie hatte Angst, wie es weitergeht. Wieder zu der Tante fahren, am großen Familientisch sitzen, sich wieder rechtfertigen müssen… Und dann noch das Gefühl, einem Kind das Weihnachtswunder gestohlen zu haben. Dabei denkt das Kind längst in Zahlen und Beträgen. Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, sich für den Familienfrieden den anderen anzupassen. Aber jetzt kostete sie dieser Frieden einfach zu viel. Sie rief ihre Mutter an und erzählte alles. — „Mama, wie du willst – aber ich fahr dieses Jahr nicht zur Tante Gisela. Ich kann nicht, ich will ihre Gesichter nicht sehen, will mich nicht rechtfertigen. Ich bleib lieber daheim…” — „Wir fahren auch nicht,” antwortete ihre Mutter überraschend. — „Mama… Du musst nicht, ich weiß, wie viel dir das bedeutet. Tante Gisela, Oma… Das ist doch Tradition…“ — „Ach, was Tradition…”, schnitt die Mutter ihr das Wort ab und Polina wäre fast das Handy aus der Hand gefallen – so hatte sie ihre Mutter noch nie sprechen hören. „Die sind ja nicht nur zu dir so – wollte ich nicht sagen, aber Oma gibt mir dauernd Kontra, dass wir dich schlecht erzogen hätten, du seist geizig. Irgendwann hab ich ihr gesagt: Wenn schlecht erzogen, müssen wir uns auch nicht mehr gegenseitig anschauen.” Es wurde still. Polina wusste, wie ihre Mutter die Familienfeiern liebte, wie sie immer aushalf, den Tisch deckte, Geschenke aussuchte… Sie wollte nicht, dass die Mutter ihr Weihnachtsgefühl für sie opferte. — „Mama…”, fing sie an, aber die Mutter unterbrach sie. — „Weißt du was? Komm doch mit Igor zu uns. Papa hat schon Kaviar gekauft. Ich mach die Ente mit Äpfeln, schneide den Salat. Wir feiern zu viert, ganz in Ruhe. Kein Stress, keine Verwandtschaft.” — „Mama, aber du… Du wartest doch immer so darauf…” — „Ich hab genug. Ich will nicht mehr. Ich hab schon mal dir zuliebe alles geopfert, als wir für die Zahnspange gespart haben – weißt du noch? Aber das war einmal. Je mehr man anderen gibt, desto mehr wollen sie ein Stück vom eigenen.“ … Das neue Jahr begann für Polina mit sanftem Schneefall, dem Duft von Mandarinen und gebratener Ente. Keine betrunkenen Onkel, keine schlechtgelaunte Oma, keine boshaften Sprüche von Svetlana. Nur das flackernde Licht der Lichterkette, Silvershows im Fernsehen und die Liebsten um sie herum. Wirklich die Liebsten. — „Auf uns“, erhob ihr Vater das Glas Sekt. „Und auf dein neues Lächeln, Tochter! Ich freu mich, dass dein Traum wahr geworden ist, auch wenn’s länger gedauert hat.“ Igor lachte und nahm Polina in den Arm. — „Ich mochte dich auch als Hamsterchen“, flüsterte er. „Ob Metall im Mund oder nicht – du bist die Schönste für mich.“ Und da war es Polina völlig egal, was Svetlana, Sonja und der ganze Rest dachten. Sie wusste: Es zählt nur, wirklich mit denen zusammen zu sein, die einen lieben. Mit schiefen Zähnen, mit Zahnspange, mit Geld oder ohne… Mit denen, die für Liebe keine dreißigtausend berechnen, sondern einfach Salat für dich schneiden und bei dir sind, wenn’s weh tut. — „Frohes neues Jahr!“, sagte Polina – und diesmal zeigte sie ihr Lächeln ganz offen.

Haben ein Geizkragen großgezogen

Ach du meine Güte Siebzehntausend Euro? Dafür? Paulina, nimms mir nicht übel, aber nur wegen der Zähne wirst du nicht gleich zur deutschen Angelina Jolie. Du hättest besser deiner Mutter geholfen oder vielleicht deiner Nichte etwas Geld für die Schulausrüstung zugesteckt Für die kleine Sofia musste sogar ein Kredit aufgenommen werden, damit sie alles zur Einschulung bekommt. Das sind doch Sachen, die Sinn machen, während du nur die Zahnärzte durchfütterst winkte Oma Gertrud ab.
Nun ja, das Mädchen ist ja niemandem etwas schuldig… versuchte Mutter Monika, die gleichzeitig auch Paulinas Tante ist, die Gemüter zu beruhigen. Aber so viel Geld Man sieht ja nicht mal was, sofern du nicht lachst…
Ich wette, das war noch lange nicht alles, mischte sich Onkel Bernd ein. Mit der gesamten Behandlung kommst du bestimmt auf dreißigtausend. Wenn noch etwas drauflegt, könnte man schon fast eine Wohnung abbezahlen Ich versteh einfach nicht, warum man für Zähne so viel ausgibt, wenn man doch nicht mal richtig wohnt.

Paulina spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Warum musste sie bloß ehrlich auf die Frage antworten, was die Zahnspange gekostet hatte? Sie wusste doch, dass sich keiner darüber freuen würde. Dabei hatte sie gehofft, dass die Familie ihr endlich zur schönen neuen Lächeln gratuliert. Oder wenigstens schweigen würde.

Jetzt lasst das Mädchen doch in Ruhe schaltete sich Paulinas Mutter, Ingrid, ein. Es ist ihre Gesundheit, ihr Geld. Sie allein entscheidet.

Paulina hätte am liebsten zurückgezahlt und selbst mal fremde Ausgaben gezählt. Sie hätte Monika vorhalten können, dass sie sich ständig beschwert, aber nie arbeitet. Bernd daran erinnern, wie viel er für Bier ausgibt. Ihrer Cousine Judith einen Tipp geben, weniger für Nägel, mehr für Bücher für Tochter Sofia zu investieren. Und Oma Gertrud sagen, dass nach ihrer Logik Medikamente für sie selbst ja auch nicht nötig wären, sie ist schließlich auch nicht mehr die Jüngste.

Doch sie schwieg. Wollte nicht, dass das Familienessen zum Chaos ausartet. Zum Glück lenkte eine der Verwandten die Gespräche ab und begann, über Bekannte zu lästern. Dennoch: Die Laune war gründlich verdorben.
Auf dem Heimweg musste Paulina an ihre Kindheit denken…

…Sie hatte nie ein halbwegs normales Klassenfoto. Auf jedem Bild sah sie gleich aus: angespannte Miene, fest geschlossene Lippen. Dank ihrer Mitschüler hatte sie gelernt, nur mit den Augen zu lächeln. Denn sobald sie mal spontan lachen und den Mund öffnen wollte, fingen die Sticheleien an… Pferdchen, Kaninchen, Nussknacker das waren noch die harmloseren Spitznamen. Sogar Igor, ihr Mann, nannte sie liebevoll Hamsterchen, nicht ahnend, wie jedes Mal ein Nerv getroffen wurde.

Mit vierzehn sagte sie ihrer Mutter, sie wolle zum Geburtstag eine Zahnspange. Früher dachte Paulina, die bekommt man nur als Kind, doch die Freunde hatten eben auch eine.
Vielleicht hätte ihre Mutter sie schon früher zum Zahnarzt gebracht, aber Geld war in der Familie stets knapp. Die Miete, die Nebenkosten, der Rest für Lebensmittel und Hilfe an die immer jammernde Monika. Aber die Eltern sahen ihre Tränen und stimmten schließlich zu.

Sparen musste jeder. Auch Paulina. Sie sagte die Klassenfahrt nach Berlin ab, trug die alte Jacke weiter und legte selbst das Frühstücksgeld zurück. Alles für ihren Traum.

Und dann platzte dieser Traum…

Liebes… seufzte ihre Mutter einige Wochen vor Paulinas Geburtstag. Wir haben schlechte Nachrichten. Oma Gertrud musste ins Krankenhaus Wir müssen die Zahnbehandlung erstmal verschieben. Sie braucht Medikamente, sehr teure leider…

Paulina starrte ihre Mutter ratlos an. Niemand war schuld, aber der Frust war groß.

Tja, so ist das halt… sprach die Mutter leise, den Blick gesenkt. Oma ist jetzt wichtiger. Wir warten, ihr helfen wir.

Paulina verstand. Sie nickte, schluckte den Kloß im Hals runter. Das Geld, das ihr Selbstvertrauen hätte bringen sollen, floss in die Rettung von Oma Gertrud

Oma wurde gesund. Sie erfuhr bis heute nicht, was es die Familie gekostet hatte: Ihre Eltern wollten sie nicht damit beunruhigen. Gertrud lebte schnell wieder gewohnt weiter belehrende Reden, Ratschläge für jeden.

Und jetzt, fast fünfzehn Jahre später, warf Oma Gertrud Paulina vor, endlich mal eigenes Geld für sich ausgegeben zu haben.
Meine Zähne gehen nur mich etwas an, dachte sie, und mein Geldbeutel auch. Ich habe nie jemanden um Hilfe gebeten und muss mich für nichts rechtfertigen.

Eigentlich wäre das Kapitel abgeschlossen gewesen, wären da nicht die Feiertage…

…Der Dezember war turbulent. Vorweihnachtliche Hektik, Schmuddelwetter, Sparversuche im Budget Das Unwohlsein nach dem Gespräch hatte sich gelegt, aber die Erinnerung blieb.

Die Feiertage standen an. Traditionell traf sich die Familie an Silvester bei Tante Monika. Die, die meinte, man solle einfach nicht lächeln, statt die Zähne zu richten.

Die Familie war groß, Geschenke daher meistens symbolisch: Handtücher, Duschgelsets, Aktions-Süßigkeiten. Für teurere Präsente fehlten Geld und Zeit. Paulina hatte erst vor ein paar Tagen die Brackets nachstellen lassen müssen. Die Zähne schmerzten und die Behandlung war teuer. Aber das hatte sie gewusst.

Paulina scrollte durch Videos, um abzuschalten, als ein Chat von Sofia aufploppte.

Tante Paulina, ich weiß, was ich mir von Weihnachtsmann wünsche! tönte Sofia fröhlich ins Handy.

Ein Link war dabei. Paulina klickte ein Smartphone mit silbernem Gehäuse. Der Preis: eintausenddreihundert Euro. Eigentlich normal für ein modernes Gerät aber für Paulina war das zu viel. Sie liebte ihre Nichte, aber…

Sofia, das Handy ist wirklich schön. Aber der Weihnachtsmann hat viele Wünsche zu erfüllen. So viel geht einfach nicht, schrieb Paulina zurück. Igor und ich haben für dich schon ein Geschenk besorgt. Es ist bescheidener, aber von Herzen. Vielleicht unterstützen wir deine Eltern noch, wenn sie ein Handy kaufen wollen.

Die Antwort kam sofort. Ein weiteres Sprachnachricht. Paulina spielte es ab und bereute die Lautstärke: Ein schrilles Kindergejammer, gemischt mit künstlichem Schluchzen.

Ich will kein anderes Geschenk! Ich will das Handy! heulte Sofia. Du kannst es doch kaufen! Mama sagt, du bist reich!

Paulina antwortete nicht. Sie hörte es nochmal, fassungslos, legte dann das Handy weg. Wieder schnürte sich etwas im Hals zusammen. Es ging längst nicht mehr ums Geld. Es ging ums Verhalten. Judith, ihre Cousine, scheint lästern zu gehen. Sofia weiß jetzt genau, was bei wem zu holen ist und versucht, es mit Druck zu bekommen.

Den Rest gab der Anruf von Judith. Das Handy klingelte keine fünf Minuten später.

Musst du mein Kind so zum Weinen bringen?! polterte sie ohne Begrüßung. Wegen dir hat Sofia jetzt einen Heulanfall, sie sitzt im Zimmer und schluchzt!
Judith Deine Tochter will ein Handy für 1.300 Euro zu Weihnachten. Unser stiller Familiendeal sind maximal 50 Euro pro Geschenk! Wo soll ich das Geld hernehmen?
Tu nicht so! Für deine Metall im Mund hattest du doch auch Geld! Hast du ja gesehen, dass du so alles hast. Für dich selbst is nix zu schade, aber für Sofia bist du geizig.
Für meine Behandlung hab ich das Geld irgendwie zusammengekratzt. Das war eine Notwendigkeit. Ein teures Handy ist eine Spielerei. Telefonieren kann man auch mit einem günstigen Handy. Sorry, aber ich hab keine 1.300 Euro für Spielzeug übrig.
Ist ja klar schnaubt Judith. Keine eigenen Kinder, also verstehst du nicht, dass Weihnachten für sie ein Wunder ist. Egoistin Lebst nur für dich. Hoffentlich erstickst du noch an deinen Metallzähnen

Das Gespräch war beendet…

Paulina saß in der Küche, die Hände in den Haaren. Sie kochte vor Wut. Und hatte Angst, was kommen würde. Sie müsste ja zu Monika, am Familientisch sitzen, die verächtlichen Blicke merken, sich rechtfertigen. Und das Gefühl haben, einem siebenjährigen Kind das Weihnachtswunder gestohlen zu haben. Obwohl das Kind schon in Euro und Preisen denkt.

Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, für den Familienfrieden den ersten Schritt zu machen. Doch mittlerweile zahlte sie dafür zu viel.

Sie hielt es nicht mehr aus und rief ihre Mutter an. Erzählte, wie alles gelaufen war.

Mama, wie du willst, aber ich komme Silvester nicht zu Monika, sagte Paulina leise und bestimmt. Ich kann nicht. Ich will diese Gesichter nicht sehen und mich nicht rechtfertigen müssen. Ich bleibe lieber zuhause
Wir fahren auch nicht hin, entgegnete die Mutter plötzlich ruhig.
Mama das musst du nicht. Ich weiß, was dir das bedeutet. Monika, Gertrud Du freust dich doch auf die Familie, auf die Tradition
Ach, auf die Tradition pfeif ich mittlerweile meinte die Mutter scharf. Paulina wäre fast das Handy aus der Hand gefallen. So hatte sie die Mutter noch nie reden hören. Die hacken ja nicht nur auf dir rum. Ich wollte es dir nicht sagen, aber Oma wirft mir ständig vor, wir hätten dich schlecht erzogen, du wärst geizig. Ich hab es mir angehört und dann gesagt: Wenn wir so versagt hätten, dann müssen wir uns auch nicht weitersehen.

Es wurde still. Paulina wusste, wie sehr ihre Mutter die Abende liebte. Immer half sie beim Vorbereiten, bei der Geschenkeauswahl… Am liebsten hätte sie nicht, dass die Mutter ihr Weihnachtsgefühl opfern muss.

Mama wollte sie sagen, doch die Mutter unterbrach sie:
Weißt du was? Kommt einfach ihr beide zu uns. Papa hat schon Lachs gekauft. Ich mach eine Ente mit Äpfeln, Oliviersalat schneiden wir auch. Dann sitzen wir zu viert in Ruhe. Wenn auch leise, aber ehrlich. Keine Verwandtschaft, kein Theater.
Mama Aber du! Du wartest doch immer so auf den Abend
Jetzt ist Schluss für mich. Ich will einfach nicht mehr. Einmal habe ich schon auf dich verzichtet, als wir für die Zahnspange gespart haben. Erinnerst du dich? Das mach ich kein zweites Mal. Je mehr man gibt, desto mehr wird gezählt.

…Das neue Jahr begann für Paulina mit sanftem Schneefall, dem Duft von Mandarinen und Braten. Es gab diesmal keine lauten Onkel, keine meckernde Oma, keine giftigen Seitenhiebe von Judith. Nur das Flackern der Lichterkette, die Silvestersendungen im Fernsehen und die Familie ganz nah beieinander.

Nicht einfach Verwandte. Familie.

Auf uns! prostete der Vater mit dem Sektglas. Und auf dein neues Lächeln, Tochter! Ich freu mich, dass dein Traum doch wahr wurde, wenn auch später, als wir dachten.

Igor lachte und nahm Paulina in den Arm.

Du warst mir auch als Hamsterchen lieb, flüsterte er leise. Ob mit Metall oder ohne du bist für mich die Schönste.

Genau in diesem Moment war es ihr völlig egal, was Judith, Sofia oder der Rest dachte. Sie spürte: Hauptsache, man ist mit denen zusammen, die einen unabhängig lieben. Mit schiefen Zähnen, mit Spange, mit Geld oder ohne Mit denen, die nicht verlangen, dass man für deren Liebe 1.300 Euro zahlt, sondern leise Salat schnippeln und bei einem sitzen, wenns einem nicht gut geht.

Frohes neues Jahr! sagte Paulina, diesmal ganz offen und ohne die Hand vor den Mund zu halten.
Ein silberner Funken stieg vom Balkon empor, und Paulina trat hinaus in die klirrende Kälte. Sie spürte die frische Nachtluft auf ihren Wangen und hob vorsichtig ihr Glas. Drinnen hörte sie das leise Lachen ihrer Eltern, das gedämpfte Klirren von Besteck und Igors Stimme, der vergnügt ein Lied summte. Paulina überlegte, wie oft sie geglaubt hatte, sich für Wünsche rechtfertigen zu müssen. Immer war das Geld Thema gewesen, nie das, was es eigentlich bedeutete, einen Herzenswunsch zu erfüllen.

Der Schnee knirschte, als ihre Mutter neben sie trat und sie wortlos in den Arm nahm. Sie blickten gemeinsam in den Himmel, wo vereinzelte Raketen bunte Bahnen zogen. Paulina lächelte diesmal wirklich, zeigte ihr Lächeln ohne Scham, und fühlte sich so frei wie nie zuvor.

Mama, danke, dass du immer da warst, flüsterte sie.

Ihre Mutter drückte sie fester. Und du bist viel mehr als deine Zähne, mein Mädchen. Das musste ich selbst erst lernen.

Das neue Jahr begann leise, aber ehrlich. Inmitten des großen Nicht-Perfekt-Seins, fand Paulina endlich einen Ort, an dem alles passte: Bei denen, die den eigentlichen Wert kannten. Sie nahm sich vor, nie mehr an sich zu zweifeln, wenn die Welt laut nach anderen Maßstäben rief.

Mit einem letzten Blick hinauf zu den Sternen wünschte sie sich, dass Sofia irgendwann mehr Freude am Schenken als am Fordern haben würde. Und dass sie nie vergäße, worauf es wirklich ankommt.

Paulina drehte sich um, betrat die warme Küche und wusste: Ihr neues Lächeln war nicht gekauft, sondern endlich verdient.

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Homy
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„Du bist doch so ein Geizhals geworden!“ — „Mein Gott, einhundertsiebzigtausend Euro? Für das hier? Polina, nimm’s mir nicht übel, aber selbst wenn du die Zähne von Angelina Jolie hättest, wärst du noch keine Angelina. Wär’s nicht besser, du würdest deiner Mutter helfen oder deiner Nichte was für die Schuluniform geben… Die arme Svetlana musste sogar einen Kredit aufnehmen, um Sonja für die Schule einzukleiden. Da ist das wenigstens sinnvoll, aber du… du fütterst halt die Zahnärzte!“ schimpfte Oma Käthe und winkte ab. — „Nun, das Mädchen ist doch niemandem etwas schuldig…“, versuchte Svetlanas Mutter, die gleichzeitig Polinas Tante war, zu schlichten. „Aber solche Summen… Man sieht’s ja nicht mal, wenn du nicht lächelst!“ — „Das ist wahrscheinlich noch nicht alles“, mischte sich der Onkel ein, „Mit allem drum und dran gibt’s bestimmt dreihunderttausend. Ein bisschen draufgelegt und du hättest eine Eigentumswohnung… Ich versteh nicht, wozu das alles, wenn man nicht mal eine Wohnung hat.“ Polina spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Wieso musste sie ausgerechnet ehrlich sagen, wie viel die Zahnspange gekostet hat? Sie wusste ja, dass sich niemand freuen würde. Aber sie hatte gehofft, ihre Familie würde ihr zu ihrem endlich schönen Lächeln gratulieren. Oder wenigstens schweigen. — „Jetzt seid mal nicht so…“, mischte sich Polinas Mutter ein. „Das ist ihre Gesundheit und ihr Geld. Es ist allein ihre Entscheidung.“ Polina hätte am liebsten im Gegenzug die Finanzen der anderen gezählt. Ihre Tante darauf hingewiesen, dass sie immer jammert, aber nie arbeitet. Ihrem Onkel ins Gedächtnis gerufen, wie viel er fürs Bier ausgibt. Der Cousine geraten, weniger für Nägel und mehr für Bücher ihrer Tochter auszugeben. Und der Oma gesagt, dass man ihr nach dieser Logik eigentlich auch keine Medikamente mehr kaufen müsste. Aber sie schwieg. Wollte kein Familientheater veranstalten, zumal die nächste Verwandte schon ein anderes Thema anschleppte und über Bekannte zu lästern begann. Die Stimmung war trotzdem verdorben. Auf dem Heimweg musste Polina unwillkürlich an ihre Kindheit denken… …Sie hatte nie ein schönes Klassenfoto. Ihr Gesicht darauf immer angespannt, die Lippen fest zusammengepresst. Dank ihrer Mitschüler lernte sie, nur mit den Augen zu lächeln, denn sobald sie den Mund öffnete, ging das Spott-Theater los: „Pferdchen“, „Häschen“, „Nussknacker“ – und das waren die harmlosen Spitznamen. Sogar Igor, ihr Mann, nannte sie „Hamsterchen“, ohne zu ahnen, wie sehr ihr das jedes Mal auf die Nerven ging. Mit vierzehn erklärte sie ihrer Mutter, dass sie sich zum Geburtstag eine Zahnspange wünscht. Bisher dachte sie, die sei nur für Kinder, aber dann hatte sie eine bei einer Gleichaltrigen gesehen und sie wollte auch eine. Vielleicht hätte ihre Mutter sie früher zum Zahnarzt gebracht, aber überflüssiges Geld gab es nicht. Der Großteil ging für die Miete, die Nebenkosten, Lebensmittel und die jammernde Tante drauf. Doch als die Eltern ihre Tränen sahen, stimmten sie zu. Alle mussten sparen. Auch Polina. Sie verzichtete auf die Klassenfahrt nach Hamburg, trug weiterhin ihre alte Jacke und legte ihr Frühstücksgeld zur Seite… Alles für einen Traum. Und dann zerplatzte dieser Traum… — „Schatz…“, sagte die Mutter seufzend, zwei Wochen vor Polinas Geburtstag, „Papa und ich haben schlechte Nachrichten. Oma Käthe ist im Krankenhaus, wir müssen die Zahngeschichte verschieben. Sie braucht teure Medizin…“ Polina starrte ihre Mutter ratlos an, wusste nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich war niemand schuld, aber es tat trotzdem weh. — „So ist es eben…“, fuhr die Mutter fort und blickte weg, „Du verstehst das doch? Oma ist jetzt wichtiger. Wir können warten, aber sie muss gerettet werden…“ Polina verstand. Sie nickte und schluckte den Kloß im Hals herunter. Das Geld für ihre Zuversicht, für ihr Selbstbewusstsein, ging für Omas Rettung drauf… Oma wurde wieder gesund. Sie wusste nicht einmal, zu welchem Preis: Die Eltern schonten sie und erzählten ihr nichts. Schnell vergaß sie die Krankheit und kehrte zu ihrem Lieblingshobby zurück – den anderen Moralpredigten zu halten. Und jetzt, fünfzehn Jahre später, warf Oma Käthe Polina vor, endlich ihre eigenen Ersparnisse für sich selbst ausgegeben zu haben. „Meine Zähne – meine Angelegenheit“, dachte sie. „Mein Portemonnaie ebenso. Ich habe nie jemandem etwas abverlangt und muss mich nicht rechtfertigen.“ Dabei wäre es vielleicht dabei geblieben, hätte es nicht das Silvester gegeben… …Der Dezember war wahnsinnig stressig. Vorweihnachtliches Chaos, Schmuddelwetter, der Versuch, das Monatsbudget einzuhalten… Der Streit war längst verraucht, aber der schlechte Nachgeschmack blieb. Die Feiertage kündigten sich an. Nach guter Tradition würde die ganze Familie zu Tante Gisela gehen – jener, die statt Zahnarzt lieber geraten hatte, einfach nicht zu lächeln. Die Familie war groß, Geschenke daher meistens symbolisch: Handtücher, Duschgelsets, Aktionsschokolade. Für mehr fehlten Zeit und Geld. Gerade erst stand Polina zur letzten Zahnspangenkorrektur, und die Zähne fühlten sich an, als würden sie gleich herausfallen. Und teuer war’s obendrein. Aber sie wusste ja, worauf sie sich eingelassen hat. Polina stöberte durch Videos, als eine Nachricht von ihrer Nichte kam. — „Tante Polina, ich weiß, was ich vom Weihnachtsmann will!“ – Sonja piepste fröhlich ins Mikro. Der Link, den sie schickte, führte zu einem Smartphone. Modern, silbernes Gehäuse. Kostenpunkt: Tausendsechshundert Euro. Für ein aktuelles Gerät kein Mondpreis, aber viel zu viel extra für Polina. Sie liebte ihre Nichte, aber… — „Sonja, der Handy ist wirklich schön. Aber der Weihnachtsmann hat ganz viele Kinder um sich herum. Das kann er einfach nicht schaffen”, schrieb Polina. „Wir haben schon ein schönes Geschenk für dich. Wenn deine Eltern das Handy kaufen möchten, können wir vielleicht noch etwas drauflegen.“ Die Antwort kam prompt – ein Sprachnachricht, mit kindlichem Gejammer und gespieltem Geheule. — „Ich will aber nur das Handy! Du kannst es doch kaufen, Mama sagt, du bist reich!“ Polina antwortete nicht. Sie hörte sich die Nachricht mehrfach an, ungläubig, und legte das Handy beiseite. Ihr stieg ein Kloß in den Hals. Es ging nicht mehr ums Geld. Es ging um die Einstellung – die Cousine schien hinter ihrem Rücken zu tratschen. Die Nichte wusste ganz genau, bei wem man „was rausholen“ könnte. Den Rest gab’s beim nächsten Anruf von Svetlana. Das Telefon klingelte fünf Minuten später. — „Was hast du nur mit meinem Kind gemacht?!“ polterte sie los. „Sonja heult und hat sich im Zimmer eingeschlossen!“ — „Svetlana… Deine Tochter möchte ein Handy für tausendsechshundert Euro. Wir haben die stille Abmachung: niemand bekommt Geschenke über fünfzig. Wo soll ich das Geld hernehmen?“ — „Ach, tu nicht so arm! Für deinen Metall im Mund hattest du doch was? Für dich selbst ist dir nix zu schade, aber für deine einzige Nichte bist du geizig!“ — „Die Behandlung war notwendig – für die Gesundheit. Und Sonja braucht nur einen neuen Spielzeug. Telefonieren geht auch mit günstigeren Handys. Ich hab kein Geld für teure Geschenke.” — „Schon klar – keine eigenen Kinder, kein Verständnis dafür, wie viel so ein Weihnachten für die Kleinen bedeutet. Egoistin… Hauptsache, du hast alles selbst! Hoffe, du verschluckst dich an deinem teuren Metall…” Im Hörer ertönten nur noch Töne… Polina saß an der Küchentheke und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Enttäuschung kochte in ihr hoch. Und sie hatte Angst, wie es weitergeht. Wieder zu der Tante fahren, am großen Familientisch sitzen, sich wieder rechtfertigen müssen… Und dann noch das Gefühl, einem Kind das Weihnachtswunder gestohlen zu haben. Dabei denkt das Kind längst in Zahlen und Beträgen. Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, sich für den Familienfrieden den anderen anzupassen. Aber jetzt kostete sie dieser Frieden einfach zu viel. Sie rief ihre Mutter an und erzählte alles. — „Mama, wie du willst – aber ich fahr dieses Jahr nicht zur Tante Gisela. Ich kann nicht, ich will ihre Gesichter nicht sehen, will mich nicht rechtfertigen. Ich bleib lieber daheim…” — „Wir fahren auch nicht,” antwortete ihre Mutter überraschend. — „Mama… Du musst nicht, ich weiß, wie viel dir das bedeutet. Tante Gisela, Oma… Das ist doch Tradition…“ — „Ach, was Tradition…”, schnitt die Mutter ihr das Wort ab und Polina wäre fast das Handy aus der Hand gefallen – so hatte sie ihre Mutter noch nie sprechen hören. „Die sind ja nicht nur zu dir so – wollte ich nicht sagen, aber Oma gibt mir dauernd Kontra, dass wir dich schlecht erzogen hätten, du seist geizig. Irgendwann hab ich ihr gesagt: Wenn schlecht erzogen, müssen wir uns auch nicht mehr gegenseitig anschauen.” Es wurde still. Polina wusste, wie ihre Mutter die Familienfeiern liebte, wie sie immer aushalf, den Tisch deckte, Geschenke aussuchte… Sie wollte nicht, dass die Mutter ihr Weihnachtsgefühl für sie opferte. — „Mama…”, fing sie an, aber die Mutter unterbrach sie. — „Weißt du was? Komm doch mit Igor zu uns. Papa hat schon Kaviar gekauft. Ich mach die Ente mit Äpfeln, schneide den Salat. Wir feiern zu viert, ganz in Ruhe. Kein Stress, keine Verwandtschaft.” — „Mama, aber du… Du wartest doch immer so darauf…” — „Ich hab genug. Ich will nicht mehr. Ich hab schon mal dir zuliebe alles geopfert, als wir für die Zahnspange gespart haben – weißt du noch? Aber das war einmal. Je mehr man anderen gibt, desto mehr wollen sie ein Stück vom eigenen.“ … Das neue Jahr begann für Polina mit sanftem Schneefall, dem Duft von Mandarinen und gebratener Ente. Keine betrunkenen Onkel, keine schlechtgelaunte Oma, keine boshaften Sprüche von Svetlana. Nur das flackernde Licht der Lichterkette, Silvershows im Fernsehen und die Liebsten um sie herum. Wirklich die Liebsten. — „Auf uns“, erhob ihr Vater das Glas Sekt. „Und auf dein neues Lächeln, Tochter! Ich freu mich, dass dein Traum wahr geworden ist, auch wenn’s länger gedauert hat.“ Igor lachte und nahm Polina in den Arm. — „Ich mochte dich auch als Hamsterchen“, flüsterte er. „Ob Metall im Mund oder nicht – du bist die Schönste für mich.“ Und da war es Polina völlig egal, was Svetlana, Sonja und der ganze Rest dachten. Sie wusste: Es zählt nur, wirklich mit denen zusammen zu sein, die einen lieben. Mit schiefen Zähnen, mit Zahnspange, mit Geld oder ohne… Mit denen, die für Liebe keine dreißigtausend berechnen, sondern einfach Salat für dich schneiden und bei dir sind, wenn’s weh tut. — „Frohes neues Jahr!“, sagte Polina – und diesmal zeigte sie ihr Lächeln ganz offen.
Die Bitte der Nachbarin