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010
Juri war das sehnlichst erwartete Wunschkind seiner Eltern. Doch die Schwangerschaft verlief kompliziert und Juri wurde viel zu früh geboren – mit unreifen Organen kam er im Brutkasten zur Welt. Monatelang kämpfte er ums Überleben: künstliche Beatmung, zwei schwere Operationen, Netzhautablösung. Zweimal mussten seine Eltern sich bereits zum Abschiednehmen bereitmachen – doch Juri überlebte. Es zeigte sich aber bald, dass er fast nichts sah und kaum hörte. Körperlich machte er langsam Fortschritte – setzte sich hin, griff nach Spielzeug, lernte mit Stütze laufen. Geistig blieb die Entwicklung jedoch aus. Erst kämpften die Eltern gemeinsam, doch irgendwann zog sich der Vater still zurück und Juris Mutter kämpfte allein weiter. Sie organisierte eine Hörimplantat-OP, als Juri dreieinhalb war, doch auch das brachte keinen Durchbruch. Therapie folgte auf Therapie: Heilpädagogik, Logopädie, Psychologie. Juri saß meist schweigend im Laufstall, drehte an Gegenständen, schlug damit auf den Boden, biss sich und stimmte monotone Laute an. Seine Mutter erkannte ihn dennoch an seinem besonderen Gurren und wusste, wie sehr er es liebte, wenn sie seinen Rücken und die Beine kraulte. Schliesslich sagte ein älterer Psychiater: “Was wollen Sie noch? Das ist ein laufendes Gemüse. Treffen Sie eine Entscheidung – ob Heimeinweisung oder Pflege zu Hause, auf Entwicklung brauchen Sie nicht mehr zu hoffen.” Das war der Einzige, der so klar sprach. Juris Mutter gab ihn in eine Einrichtung und kehrte in ihren Beruf zurück. Sie erfüllte sich einen Traum, kaufte ein Motorrad und fuhr am Wochenende mit Gleichgesinnten davon – der Motorenlärm vertrieb die Sorgen. Vom Vater kamen Unterhaltszahlungen, von denen sie für Betreuer am Wochenende zahlte. Dann gestand ihr ein Motorradfreund, Stas, seine Zuneigung – er spüre bei ihr etwas tragisch Besonderes. Sie zeigte ihm Juri. Der Freund war erstmal fassungslos, aber wenig später wurden sie ein Paar, wohnten zusammen. Juri blieb ihre Aufgabe allein. Später wollte Stas ein gemeinsames Kind – aber was, wenn es wieder so kommt? Nach langem Stillstand wurde der zweite Sohn geboren: Iwan, kerngesund. Stas fragte, ob man Juri nun nicht doch ganz abgeben sollte – als Ersatz quasi. “Dann würde ich eher dich abgeben”, konterte seine Frau. Als Iwan mit neun Monaten Juri entdeckte, entwickelte sich ein besonderes Band: Während Stas den Kontakt verhindern wollte, förderte Iwan den Bruder, brachte ihm Spielzeug, leitete seine Hände, brachte ihn zum Schweigen und Warten, lernte mit ihm stapeln, essen, trinken, sich an- und ausziehen. Im Kindergarten fiel Iwan durch sein Wissen auf – zu klug, zu sehr Förderkind. Bis zum Schuleintritt kümmerte sich Juris Mutter um beide. Iwan brachte Juri Sprechen und Alltagsfähigkeiten bei. Gemeinsam gingen sie zur Schule: Juri auf die Förderschule, Iwan auf die normale Grundschule. Noch heute machen sie die Hausaufgaben zusammen, dann erst seine eigenen. Juri liest, nutzt den Computer, hilft im Haushalt, kennt jeden Nachbarn, grüßt höflich, liebt Basteln und Ordnung. Und sein Lieblingsmoment ist, wenn die ganze Familie auf zwei Motorrädern durchs Umland fährt – Juri mit Mama, Iwan mit Papa – und gemeinsam der Wind hinausgeschrien wird. Das Wunder der Brüder Juri und Iwan: Wie eine Mutter mit Motorrad und Mut, ein besonderer Junge, viel Gegenwind und eine unerwartete Familienbande das Leben neu erfand – eine bewegende Geschichte aus Deutschland über Hoffnung, Anderssein und die Kraft der Liebe.
Sebastian wurde von seinen Eltern sehnsüchtig erwartet. Doch die Schwangerschaft war schwierig, und der
Homy
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024
Rühr nicht in alten Wunden: Taissias Lebensweg nach fünfzig Jahren – Zwischen Ehekrise, dörflichen Intrigen und der Suche nach innerem Frieden im Schatten einer schwierigen Vergangenheit
Rühr nicht an die Vergangenheit Oft sitzt Theresa allein am Fenster ihres Hauses in einem kleinen bayerischen
Homy
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07
An jenem Tag spazierte Katharina mit ihren Kindern im Park. Plötzlich kam eine junge, hübsche Unbekannte auf sie zu: – Guten Tag. Oh, was für süße Kinder Sie haben! Ich wünschte, ich hätte auch eigene… – Ach, warum denn nicht? Haben Sie noch nicht die große Liebe gefunden? – Doch, aber er ist verheiratet. Er will sich aber scheiden lassen. Ach wissen Sie was, ich zeige Ihnen ein Foto von ihm. Katharina nahm ihr Handy – und erstarrte… Es war ER. – Hey! Katharina! Komm endlich runter! Lass uns ins Kino gehen! – rief Sascha, und Katharina stürmte zu ihm, ohne auf etwas anderes zu achten. Die Nachbarinnen tuschelten vor dem Hauseingang: – Die ist auch nicht ganz normal… Doch Katharina war das völlig egal – sie liebte Sascha über alles… Nach dem Schulabschluss waren sie unzertrennlich. Sie unternahmen alles gemeinsam. Niemand konnte sich die beiden einzeln vorstellen. Weder Sascha noch Katharina konnten sich ein Leben ohne den anderen denken… Deshalb war es keine Überraschung, als sie eines Tages heirateten. Sascha begann ein Jurastudium. Katharina hätte auch gern studiert, musste aber in den Mutterschutz gehen. Es war schwierig für sie… Die Geburt war nicht leicht, die Zeit danach auch… Sie war gerade mal 19. Alle Hausarbeiten blieben an Katharina hängen, denn Sascha musste noch studieren, wechselte ins Fernstudium und suchte sich einen Job. Er brauchte schließlich Erholung. Aber Katharina fand das normal. Sie achtete immer weniger auf ihr Aussehen, trug immer dieselben alten Shorts und T-Shirts. An eine Frisur war gar nicht zu denken. Sie wurde nervös, magerte ab… – Katharina, warum denn? Für mich bist du die Schönste auf der Welt! – tröstete sie Sascha, immer gepflegt und erfolgreich. – Bald ist Ivan alt genug, dann hast du wieder Zeit für alles! Katharina nickte nur. Sie hatte fest beschlossen, noch zu studieren. Wenn Ivan älter ist… dann holt sie alles nach… Aber dann geschah das Unerwartete. Ivan wurde gerade zwei, da wurde Katharina wieder schwanger. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen oder weinen sollte. Sascha war glücklich und beruhigte sie erneut: – Was ist denn? Alles wird gut! Ist doch wunderschön – jetzt haben wir einen Sohn und eine Tochter! Das Studium musste erneut verschoben werden. Wer weiß, wie lange noch… Es wurde immer anstrengender. Katharina wusste oft nicht einmal mehr, welcher Wochentag war… Nach Sofies Geburt bestand ihr Alltag aus Windeln, Waschen, Babybrei und nie endender Hausarbeit. Putzen, kochen, Hemden bügeln, Wäsche waschen, die Kinder versorgen… Katharina dachte schon, das würde nie wieder aufhören… Ihre Mutter half, so gut sie konnte. – Was hast du denn erwartet? Zwei Kinder machen eben Arbeit… Aber das tröstete Katharina wenig. Sie wollte alles wenigstens einmal vergessen… Die Kinder wuchsen heran. Sofie wurde immer neugieriger, Ivan ging in den Kindergarten. Endlich wurde es etwas leichter. Eines Tages sprach Katharina sogar über ihr geplantes Studium. Sascha reagierte abweisend. Er blickte sie erstaunt von unten her an: – Studium? Wie stellst du dir das vor? Ivan kommt bald in die Schule, Sofie ist noch ganz klein… Reicht das Geld etwa nicht? Wie soll das alles ohne Mutter klappen? Ich tue doch alles für euch… Mehr als genug… Katharina hielt dagegen – sie wollte auch eine Ausbildung, einen guten Beruf, vielleicht sogar Karriere machen… Lernen mochte sie schon immer; sie hatte das Abitur mit guten Noten bestanden. Sascha lachte nur: – Karriere, Katharina? Du bist doch keine zwanzig mehr. Bleib einfach daheim… Und so fügte sich Katharina. Immerhin war es jetzt etwas einfacher geworden. Sie konnte sich wieder mehr um sich selbst kümmern, kaufte sich neue Kleidung, machte die Haare, die Nägel… – Ist dir das gar nicht aufgefallen, Schatz? – strahlte sie Sascha am Abend an. – Was denn? – fragte er zerstreut, ohne vom Computer aufzusehen. – Schau mal, ich hab eine neue Bluse, eine neue Frisur, und Nägel machen lassen… Wollen wir heute mal rausgehen wie früher? Kino, Park – weißt du noch, wie wir uns unter den Sternen geküsst haben? Du bist nie mehr zu Hause… – Park? Was für Nägel? Und was ist mit den Kindern? Ich bin doch unterwegs, weil ich arbeite. Nein, nichts da, kein Park. Übrigens, ich muss bald für drei Wochen auf Geschäftsreise. – Schon wieder eine Dienstreise? Das ganze Jahr bist du unterwegs, die Kinder und ich sehen dich kaum… – Es lässt sich nicht ändern, Liebling. Das Geld kommt nicht von allein. – Er küsste sie auf die Wange und ging schlafen. Katharina zuckte nur mit den Schultern, seufzte und brachte die Kinder ins Bett. Später sah sie Sascha im Schlafzimmer, wie er wieder von ihr abgewandt schlief. Sie bemerkte – so lagen sie schon lange, jeder für sich… Ihr Wohnviertel hatte einen schönen Spielplatz und gleich daneben lag ein großer Park mit Bänken und einem kleinen Teich. Katharina ging oft mit den Kindern dorthin, las eine Zeitschrift oder ein Buch, während sie Ivan und Sofie beobachtete. Oft fiel ihr eine junge, hübsche Frau ins Auge – modische Kleidung, tolle Frisur, schöne Schuhe, einfach eine Erscheinung. Die Frau saß meist auf der Bank, schlenderte umher. Mit der Zeit grüßten sie sich sogar. Auch heute begrüßte die Frau Katharina, wie eine alte Bekannte. Diesmal setzte sie sich zu ihr auf die Bank. – Guten Tag. Wir sehen uns hier so oft – ich dachte, ich spreche Sie endlich mal an, – sagte die Unbekannte. – Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben, – lächelte sie freundlich. – Aber nein, gern! Ich bin Katharina. Und das sind meine Kinder, Ivan und Sofie. – Ich heiße Christina! Sie haben wunderbare Kinder… Wirklich bezaubernd! Wenn Sie wüssten, wie gern ich eigene mit meinem geliebten Mann hätte… – Sie blickte traurig zu Boden. – Ach, Sie finden bestimmt noch den richtigen – Sie sind ja so hübsch… Oder möchten Sie keine Kinder? Entschuldigen Sie! Ich sage manchmal Sachen… – Nein, nein, alles gut. Ich habe einen Mann… Aber leider gibt’s da ein „Aber“ – wir sind nicht verheiratet, vielmehr, er ist noch verheiratet… Aber seine Frau, na ja… Er liebt sie nicht und will sich scheiden lassen. Bald, dann bekomme ich auch Kinder und Familie und alles… – Christina seufzte wieder. – Das klappt bestimmt bei Ihnen! – nickte Katharina mitfühlend. – Wollen Sie ihn mal sehen? Ich habe Fotos. Er sieht toll aus, hat einen guten Job, verdient nicht schlecht. Er bringt mir Geschenke, wir waren kürzlich in Italien, bald fliegen wir ans Meer nach Griechenland. Schauen Sie… hier sind wir in Rom… – und Christina zeigte ein Bild auf dem Handy. Katharina nahm das Handy – und erstarrte. Ihr Sascha lächelte sie vom Foto an… Wie im Nebel gab sie das Handy zurück und rief hastig nach den Kindern… Tränen traten ihr in die Augen, sie rang um Fassung, um nicht loszuweinen… Christina trat leise beiseite und verschwand still aus dem Park. Offenbar hatte sie alles verstanden. Aber Katharina sah das nicht mehr. Sie sah nur das Bild vor sich, auf dem ihr Mann eine fremde Frau umarmte… Wie sie nach Hause kam, wusste sie nicht mehr. Die Kinder saßen schweigend da, als sie in Eile Sachen in Koffer warf… Katharina setzte sich zu ihnen. – Hört mal zu, Sofie, Ivan… Wir fahren jetzt zu Oma, okay? – Mama – und Papa? Kommt er auch? fragte Ivan. – Ja, bestimmt. Später. Versprochen. Sie rief ein Taxi. Der Fahrer half höflich beim Einladen – und schaute verwundert auf die weinende Frau mit zwei kleinen Kindern und wild zusammengepackten Taschen. Bei ihrer Mutter brachte Katharina die Kinder vor den Fernseher und brach endlich zusammen. – Mama, – schluchzte sie, – stell dir vor, ich sitz zu Hause mit zwei Kindern, und er… er ist mit ihr in Italien… in Griechenland… Wie konnte er nur? Wie?… Ich habe alles für ihn geopfert… mein Studium, meine Karriere, mein Leben, meine Träume… Wie kann das sein?! Mama! Was soll ich jetzt tun? – Sie weinte und weinte… – Was du tun musst? Du musst weitermachen. Ich helfe dir, wenn du dich trennen willst. Das Leben geht weiter. Du bist jung. Und die Kinder sind ein Geschenk… Nach einer Weile ruft Katharina Sascha an. Sie erzählte ihm alles. Und am Ende sagte sie, sie wolle sich scheiden lassen. Sascha war überrascht, schwieg einen Moment. Als er hörte, dass Christina ihr alles erzählt hatte, sagte er genervt: – Tja… Früher oder später hättest du eh alles erfahren. Scheidung also… Die Wohnung läuft auf dich, du kannst bleiben. Christina hast du ja gesehen. Wer bist du – Hausfrau, ohne Abschluss – und wer ist sie? Und ich, ich bin ein gemachter Mann… – und legte auf. Katharina starrte lange aufs Telefon. Insgeheim hoffte sie, er würde gleich anrufen und sagen, das war alles ein Scherz, alles wird gut… Doch es gab keinen Anruf… Sie wusste, sie musste alles hinter sich lassen… Das Leben neu beginnen. Wo soll sie anfangen? Wie wird der Morgen ohne ihn? Aber eigentlich war sie schon lange ohne ihn… Sie hatte es nur nicht sehen – oder nicht sehen wollen…
Damals, vor vielen Jahren, spazierte Katharina mit ihren Kindern durch den Stadtpark von München.
Homy
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015
Die Erkenntnis, die wie ein warmer Sommerregen alles veränderte Bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr lebte Michi, als wäre er ein Frühlingsbach – laut, wild und ohne Rücksicht. Jeder in seinem oberbayerischen Dorf kannte den stets vergnügten und lebenslustigen Michi, der nach harter Arbeit abends noch die Jungs zusammentrommelte, um nachts mit Angel und Bier zur Isar zu radeln und im Morgengrauen dem Nachbarn beim maroden Stadel half. “Mei, der Michi lebt wie’s kommt, ohne Sorgen,” schüttelten die Alten die Köpfe. “Dem fehlt’s an Ernst, unser Lausbub,” seufzte Muttern. “Der macht halt sein Ding, lebt wie jeder andere,” meinten die Freunde, die bereits Familie und Häusl hatten. Doch dann wurde er siebenundzwanzig. Nicht wie ein Donnerschlag, sondern leise, wie das erste welke Blatt vom Apfelbaum. An einem Morgen, geweckt vom krähen des Hahns, hörte er in dessen Ruf keinen Spaß mehr, sondern einen Wink. Die Leere, die er einst nie beachtete, rauschte plötzlich in den Ohren. Er schaute sich um: Elternhaus, solide, aber in die Jahre gekommen, bräuchte eine starke Hand — nicht bloß stundenweise, sondern für immer. Der Vater, von Alltagssorgen gebeugt, spricht fast nur noch von Heuernte und Futterpreisen. Sein Wandel begann auf einer zünftigen Bauernhochzeit im Nachbardorf. Michi, die Seele der Feier, scherzte und tanzte ausgelassen. Doch dann erblickte er seinen Vater, wie er mit einem anderen Alten leise plauderte. Ihre Blicke auf Michi waren nicht tadelnd, sondern müde und traurig. In jenem Moment sah Michi sich mit schmerzhafter Klarheit: Nicht mehr Bua, sondern erwachsener Mann, der noch immer lacht und tanzt, dabei läuft das Leben an ihm vorbei — ohne Sinn, ohne Wurzeln, ohne eigenes. Es stieg eine Unruhe auf. Am nächsten Morgen war er ein anderer. Die Unbeschwertheit war verschwunden, stattdessen kam eine stille Schwere, Gelassenheit, Reife. Er ließ das ziellose Herumtigern sausen und nahm das verwilderte ehemalige Grundstück seines Opas am Waldrand in Angriff. Mähte Gras, fällte tote Bäume. Anfangs lachten die Dorfbewohner: “Michi will ein Häusl bauen? Der kann doch nicht mal einen Nagel einschlagen!” Doch er lernte. Ungelenk, oft traf er den Daumen statt den Nagel. Schlug Holz mit offizieller Genehmigung, rodete Stümpfe. Das Geld, das früher für Quatsch draufging, sparte er jetzt für Bretter, Dachziegel und Glas. Er arbeitete von früh bis spät, schweigend, hartnäckig. Und abends schlief er zum ersten Mal mit dem Gefühl ein, etwas geschafft zu haben. Zwei Jahre vergingen. Dann stand da ein einfaches, aber stabiles Haus, nach frischem Harz und Neuem duftend. Nebenan die selbst gebaute Sauna und die ersten Gemüsebeete. Michi war abgemagert, wettergebräunt, in seinen Augen lag keine Rastlosigkeit mehr, sondern Ruhe und Bodenständigkeit. Sein Vater kam vorbei, bot Hilfe, die Michi ablehnte. Der Alte ging schweigend ums Haus, klopfte an Balken, schaute unter das Dach. Schließlich lobte er: “Des steht stabil.” “Danke, Papa”, antwortete Michi schlicht. “Jetzt brauchst ein dirndl, eine Frau fürs Haus,” meinte der Vater. Michi lächelte und blickte auf sein Werk, den dunklen Wald dahinter. “Des find ich, Papa. Alles zu seiner Zeit.” Er nahm die Axt und ging zum Holzstapel. Seine Bewegungen waren ruhig und sicher. Die lärmende, sorgenfreie Jugend war vorbei. Jetzt gab es Sorgen, Mühen und harte Arbeit. Aber zum ersten Mal mit neunundzwanzig fühlte Michi sich wirklich daheim. Nicht nur unter dem Dach seiner Eltern, sondern in seinem eigenen Haus, das er selbst gebaut hatte. Die leere, wilde Jugend war gegangen. Die wahre Erkenntnis kam an einem scheinbar normalen Sommermorgen, als Michi los wollte, um im Wald Holz zu sammeln. Er wollte gerade seinen alten Golf starten, da trat sie aus dem Gartentor des Nachbarhauses: Julia. Die Julia, die einst als Wildfang mit zwei Zöpfen herumflitzte, die er als schüchterne Teenagerin zum Pädagogikstudium verabschiedet hatte. Doch jetzt kam keine Kindheitserinnerung, sondern eine wunderschöne junge Frau. Die Sonne schimmerte im honigblonden Haar, das in Wellen über die Schultern fiel. Sie ging aufrecht, leicht. Das schlichte dunkle Sommerkleid betonte die schlanke Figur, in den großen, einst so schelmischen Augen glomm etwas Neues: Größe, Wärme. Sie war nachdenklich, zupfte an der Tasche und bemerkte Michi erst spät. Michi erstarrte, vergaß Motor und Wald. Das Herz schlug unangenehm heftig. Wann? Wann bist du so schön geworden? Sie bemerkte seinen Blick, hielt inne, lächelte. Nicht mehr das Lachen des Nachbarskindes, sondern ein feines, sanftes Zeichen. “Servus Michi. Motor kaputt?” “Julia … gehst in die Schule?” “Ja, hab gleich Unterricht. Muss los.” Und sie ging, leichtfüßig über die staubige Dorfstrasse. Er schaute ihr nach, und in seinem Kopf, sonst voll von Baufragen, schoss ein Gedanke hervor: Bei der will ich bleiben. Mit der will ich mein Leben teilen. Er wusste nicht, dass für Julia dieses Morgen einer der glücklichsten seit langem war. Denn endlich hatte Michi sie wirklich gesehen. Nicht wie Luft, sondern wie Mensch. Ob er wohl endlich gesehen hat, wie ich mich schon als Mädchen nach ihm gesehnt habe? Seit ich dreizehn war. Ich bin sogar der Arbeit wegen ins Dorf zurückgekehrt. Ihre stille, heimliche Zuneigung zum älteren Nachbarsjungen hatte jahrelang tief vergraben geschlummert, doch jetzt blühte Hoffnung. Sie ging weiter und spürte seinen warmen, nervösen Blick auf dem Rücken. Michi fuhr an dem Tag nicht in den Wald. Er werkelte um sein Haus, hieb Holz wie besessen, und dachte nur: Wie konnte ich sie nie sehen? Sie war immer da. Ich war blind… Abends am Dorfbrunnen sah er Julia wieder. Sie kam nach der Schule nach Hause, erschöpft. “Julia, wie laufen die Schultage? Sind deine Schüler wild?” Sie lächelte, lehnte am Zaun. Die Augen müde, aber warm und schön. “Schule ist halt Schule. Kinder sind Kinder – laut, aber das Herz freut sich. Ich mag die Kleinen, sie sind einfallsreich… Den neuen Bau hast gut hingekriegt!” “Der ist noch unfertig …”, murmelte Michi. “Macht nix. Jedes unfertige kann man fertig machen”, sagte sie herzlich und winkte. “Ich geh dann mal heim.” Alles kann fertig werden, dachte Michi – nicht nur das Haus. Von da an hatte sein Leben neues Ziel. Jetzt baute er nicht nur für sich. Er wusste, wen er einziehen lassen wollte. Er stellte sich vor, mit dieser Frau zu leben. Geranien auf dem Fensterbrett statt Nägel im Glas, gemeinsam am Sommerabend auf der Veranda sitzen… Er drängte sich nicht auf, wollte den Traum nicht erschrecken. Michi fand jetzt immer “zufällig” ihren Weg, nickte, fragte nach der Schule. Oft sah er sie mit ihren Schülern, nachmittags vor der Schule, wie eine Glucke mit Küken. Die Kinder schrien: “Tschüss, Frau Julia!” Einmal brachte er ihr eine ganze Korb mit Walnüssen, sie nahm seinen schüchternen Liebesbeweis mit einer warmen, verständnisvollen Miene an. Sie spürte, wie er sich verändert hatte, aus einem unbedachten Burschen ein zuverlässiger Mann geworden war. Über dem Dorf hingen tiefe Herbstwolken. Später im Herbst, das Haus beinahe fertig, wartete Michi mit einem Sträußchen roter Vogelbeeren an Julias Gartentor. “Julia, ich … das Haus ist fast fertig. Aber es ist furchtbar leer. Magst mal reinschauen? Eigentlich – ich wollte fragen, ob du mit mir weitergehst. Ob du mich heiraten willst, weil du mir sehr wichtig bist.” Er sah sie an, unsicher, doch in seinen ernsten Augen las Julia endlich alles, worauf sie so lange gewartet hatte. Sie nahm langsam die Vogelbeeren aus seiner schwieligen Hand. Sie leuchteten rot. Julia drückte sie an sich. “Weißt du, Michi,” flüsterte sie, “ich hab immer von Anfang an dem Bau zugeschaut. Immer gefragt, wie’s wohl innen aussieht. Ich hab mir gewünscht, dass du mich einlädst. Ich sag ja…” Und zum ersten Mal nach all den Monaten blitzte in ihren erwachsenen, schönen Augen jener schelmische Funke auf, den er einst übersah. Der Funke, der all die Jahre nur darauf gewartet hatte, endlich zu brennen. Danke fürs Lesen, fürs Folgen und eure Unterstützung. Viel Glück und alles Gute!
Dieses Gefühl von Plötzlich erwachsen hat mich bei Max total umgehauen, und ich muss dir das einfach erzählen!
Homy
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013
Wenn Liebe ihren Preis hat: Die Geschichte einer Mutter zwischen Schulden, Enttäuschung und der Suche nach Würde in einer kleinen Münchner Wohnung
Was Liebe kostet: Ein Traum von einer Mutter zwischen Schulden und Enttäuschung Wie viel hast du heute
Homy
Mein Ehemann und seine Geliebte haben während meiner Arbeit die Schlösser unserer Wohnung in Stuttgart gewechselt – doch sie ahnten nicht, welche Überraschung ich für sie bereithielt
Ich sitze auf der Treppe vor meiner eigenen Wohnung in Hamburg, den Schlüssel in der Hand aber er passt
Homy
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0247
Gib den Schlüssel zu unserer Wohnung zurück
Gib mir den Schlüssel zu eurer Wohnung Dein Vater und ich haben schon alles entschieden, Helga legte
Homy
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08
Sarah zieht mit ihrem vier Monate alten Baby Leo in eine neue Wohnung – allein, erschöpft und ohne Unterstützung. Die Wände sind so dünn, dass Nachbar Herr Kowalski, ein älterer, brummiger Mann, jeden ihrer Schritte hört. Jede Nacht schreit Leo stundenlang wegen Koliken, Sarah ist am Ende ihrer Kräfte und fürchtet wegen der Beschwerden des Nachbarn die Kündigung. Doch als alles am schlimmsten scheint, steht Herr Kowalski plötzlich mit Werkzeugkoffer und einer Tüte selbstgemachter Hühnersuppe vor der Tür – und wird zum Retter in der Not, der zeigt, dass auch die grimmigsten Nachbarn das größte Herz haben können.
Dienstag, 7. März Seit vier Tagen wohne ich mit meiner vier Monate alten Tochter, Frieda, nun in unserer
Homy
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022
Die Schwarze Witwe Die hübsche und kluge Lilli lernte kurz vor dem Abschluss ihres Studiums im Fach Journalismus den deutlich älteren Vlad kennen. Vladislav Romanow war in ihrer Stadt ein bekannter Mann, schrieb Lieder, die oft im örtlichen Radio liefen und für die Menschen dort einen gewissen Kultstatus hatten. Vlad war ein echter Lokalheld, kannte beim regionalen Fernsehen fast jeden und sorgte schnell dafür, dass Lilli nach dem Studium als Moderatorin ihre eigene Sendung bekam. Bereits die erste Folge „Gespräche von Herz zu Herz“ lief erfolgreich, in der sie einen stadtbekannten Psychologen und weitere Gäste einlud. Das Format kombinierte Fragen, Antworten und Beispiele aus dem echten Leben. „Gut gemacht, Lilli,“ lobte Vlad nach der Sendung, „das muss gefeiert werden!“ Vlad, 45, dreimal verheiratet, war ein Lebemann: voller Energie, ständig in Gesellschaft, kreativ, hielt sich für einen beinahe berühmten Komponisten. Er verbrachte seine Abende in Restaurants, Cafés und Saunen, trank gern und viel. Mit der Zeit wurde Lilli in ihrer Stadt beliebt, heiratete Vlad, ihre Sendung hatte Erfolg. Sie kleidete sich geschmackvoll, war stets höflich und freundlich und galt als sympathische Schönheit vom Fernsehen. Dennoch merkte sie, dass sie den Falschen geheiratet hatte – als Vlad immer öfter betrunken war. „Hör auf, Vlad, du bist nicht besser als sie,“ gab sein Freund Simon ihm zu bedenken, als Vlad Lilli im Café öffentlich beleidigen wollte. Doch Vlad hielt sich stets für den Klügsten und suchte smarte Frauen nie als Ehepartner aus. Anfänglich war er charmant, mit Blumen, Geschenken und Liedern für Lilli, doch nach der Hochzeit ließ sein Interesse schnell nach und behandelte sie gleichgültig. „Ich habe gehofft, mit seiner Hilfe ein Star zu werden,“ sinnierte Lilli. Doch alles kam anders. An der Uni hatte sie Französisch gelernt; Vlad ließ sie jedoch nicht in Ruhe: „Lern Englisch. Du bist im Ausland doch völlig hilflos! Sport ist Zeitverschwendung, aber Englisch wäre wichtig.“ Aus Trotz verweigerte Lilli zunächst den Englischkurs, doch als Simons Freundin am Tisch meinte, Englisch sei für eine moderne Frau so selbstverständlich wie High Heels, meldete sie sich am nächsten Tag zum Unterricht an. „Toll, Simon, dank dir paukt meine Frau jetzt Englisch – und im Auto läuft nur noch Vokabel-CD statt Musik,“ lachte Vlad. Lilli und Vlad lebten in einer großen Altbauwohnung, die Vlad von seinem Großvater geerbt hatte. Ihre Haushaltshilfe Vera, 43 und alleinstehend, war eifersüchtig und bissig, aber geschickt im Verbergen. Am Morgen war Vlad wieder nicht da, hatte betrunken auf dem Sofa im Büro übernachtet. Vera hielt eine leere Brandyflasche: „Gestern war die noch voll. Was bekommt er zum Frühstück, wenn er aufwacht?“ „Ein Glas Gurkenwasser,“ antwortete Lilli und ging ins Bad. Nach sieben Jahre Ehe hatte sie keinen Kinderwunsch verwirklicht: Vlad wollte kein weiteres Kind, er hatte einen Sohn aus der ersten Ehe. Lilli konzentrierte sich auf ihre Karriere. An diesem Morgen schickte sie Vera zu Vlad ins Büro. Er lag auf dem Bauch, eine große rote Fleck auf dem Kissen. „Lilli,“ rief Vera, „du musst einen Notarzt rufen!“ Nach zehn Minuten saß Lilli im Rettungswagen mit Vlad. Die Ärzte schickten ihn direkt in die Intensivstation. Abends rief das Krankenhaus an: „Ihr Mann ist verstorben.“ „Ich kann es nicht fassen,“ stammelte sie. Vlad war doch noch so jung. Die Beerdigung wurde groß gefeiert: Simon hielt eine Rede, es kamen viele Leute, Vlad war in der Stadt eine bekannte Persönlichkeit. „Er hatte doch alles,“ hörte sie die Flüsterer der Gäste. Lilli konnte sich an die Stille in der Wohnung kaum gewöhnen. Vera wartete ab – würde sie gekündigt oder nicht? Die Kollegen meinten: „Lilli, du bist jung, frei, und hast Geld – dein Leben geht weiter.“ Die Konten von Vlad wurden geteilt zwischen seinem Sohn und Lilli. Sie verdiente sowieso gut und suchte Gesellschaft, wollte nicht allein zu Hause bleiben. Nach Dreharbeiten kehrte sie eines Tages ins Café nahe ihrer Wohnung ein, trank spanischen Wein in kleinen Schlucken. Ein kräftiger, höflich lächelnder Mann fragte sie, ob er sich setzen dürfe. „Gerne,“ erwiderte sie. „Ich bin Inno,“ stellte er sich vor. Inno (richtig: Innozenz, von Freunden Kesch genannt), Ende 40, stämmig, dunkelhaarig und kein Adonis, erinnerte Lilli sofort an einen Teddybär – was sie amüsierte. Er unterhielt sie mit lustigen Geschichten, besaß Charme und brachte Lilli zum Lachen. Nach dem Treffen begleitete er sie nach Hause und sie verabredeten sich. Am nächsten Tag sagte sie Vera: „Ich entlasse dich, ich kann den Haushalt selbst machen.“ Vera flehte sie an zu bleiben, bis Lilli sich erweichen ließ. Fortan war Kesch oft zu Gast, verliebte sich in Lilli. Bald heirateten sie – auf Lillis Wunsch feierte sie nur im engsten Kreis, doch für die Flitterwochen flog Kesch sie auf die Malediven – mit allem Luxus. Lilli hoffte auf einen Urlaub wie mit Vlad: Direktflug, gutes Hotel, touristische Unterhaltung. Doch Kesches Vorstellungen waren anders: Flug erster Klasse, Privatboot, VIP-Empfang auf dem Inselresort, eine große Villa mit Pool und eigenem Strand. Sie wunderte sich, was ihr Teddybär dafür zahlte, fragte aber nie nach Geld – sie wusste, dass da genug war. Kesch war fürsorglich, kümmerte sich um sie, achtete auf ihr Frühstück, deckte sie liebevoll zu. „Vlad war immer bissig, erniedrigte mich, wollte mich auf sein Niveau ziehen. Kesch dagegen lebt für mich,“ dachte sie. Vera war glücklich über den neuen Haushalt, lobte Kesch. Einzige Sorge: Lilli sah, wie ihr Mann sich eine Spritze setzte. „Was ist das?“ fragte sie. „Nur Insulin. Ich habe Diabetes, aber das ist kein Drama.“ Sie genoss den Luxusurlaub, störte sich aber daran, dass ihr Mann kein Surflehrer oder Tennis-Trainer war: „Vielleicht muss ich meinen Teddybär auf Diät und ins Fitnessstudio schicken.“ Er lehnte ab – Insulin, Stoffwechselprobleme, kein Muskelprotz. Lilli beschloss, ihn so zu lieben, wie er war. Zurück in Deutschland stürzte sich Lilli wieder in die Arbeit, suchte nach echter Liebe: Leidenschaft, starke Gefühle. Die Kollegen tuschelten: „Gehst du deinem Teddybär wirklich nicht fremd? So brav?“ Sie war loyal, wollte den guten Kesch nicht verletzen. Bei der Weihnachtsfeier hatte sie zu viel getrunken. Kollege Konstantin rief seinen Freund Arne an, um sie heimzubringen. Arne, ein sportlicher Schönling mit teurem Wagen, brachte sie nach Hause, bat um ihre Nummer und küsste sie stürmisch. Sie genoss diese neue, raue Liebe: Bei Arne wild, daheim zärtlich mit Kesch. Kesch arbeitete viel, bemerkte nichts. Doch eines Tages, im falschen Moment, stand Kesch plötzlich vor ihr und Arne im Schlafzimmer. Er wurde blass, brach zusammen. „Schnell, ruf den Notarzt,“ brüllte Lilli, spritzte ihm Insulin – doch vergeblich, der Arzt erklärte ihn für tot. Nach den Beerdigung kehrte Lilli heim, Vermutungen kreisten, ob Vera sie verraten hatte – aber sie schwieg. Keschs Tochter aus erster Ehe erschien mit ihrem Anwalt und setzte Lilli und Vera kurzerhand aus dem Haus, gab ihr einen Umschlag mit Geld und drei Tage Zeit. Lilli verzichtete auf Streit um das Erbe, zog zurück in die Wohnung von Vlad. Arne half ihr durch diese Zeit, sie trafen sich weiter unverbindlich. Doch irgendwann rief Konstantin an: „Lilli, setz dich – Arne hatte einen tödlichen Unfall …“ Sie war fassungslos: „Warum sterben alle meine Männer? Ich werde bald als Schwarze Witwe bekannt sein, meine Aura ist wohl pechschwarz …“ Eines Tages war Makarius in ihrer Sendung zu Gast. Er war aufmerksam, lud sie nach der Sendung ins Café ein. Makarius eroberte ihr Herz, sie wurde verliebt und erfüllt. „So fühlt sich echte Liebe an,“ jubelte sie. „Ich kann ohne ihn nicht leben – aber ich habe Angst um ihn.“ Sie recherchierte im Internet und fand heraus: Makarius zählt zu den reichsten Männern Deutschlands. Sie war schockiert, machte sich Sorgen – würde ihm auch etwas zustoßen? Später rief sie ihn an und erfuhr, dass Makarius im Krankenhaus war. Der Arzt beruhigte sie: Herzinfarkt, unter Kontrolle. Sie durfte ihn besuchen. Er nahm ihre Hände: „Ich liebe dich, Lilli – und wenn ich hier raus bin, will ich dich heiraten. Willst du?“ „Natürlich!“ flüsterte sie. Der Beginn eines neuen, echten Glücks – und vielleicht, zum allerersten Mal, keine Tragödie. Danke fürs Lesen, fürs Abonnieren und für Ihre Unterstützung. Viel Glück im Leben!
Schwarze Witwe Du, ich muss dir was erzählen, das dich echt beschäftigen wird. Also, die hübsche und
Homy
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036
Mit Sechzig wird dir plötzlich klar: Was damals wie eine Katastrophe wirkte, war in Wahrheit pures Glück IRGENDWO ZWISCHEN 30 UND 60 Als Agathe sich auf ihren 60. Geburtstag vorbereitete, klang die Zahl bedrohlich. Früher galt das als Beginn des Alters, heute sagt man „Übergang vom mittleren zum fortgeschrittenen Alter“. Traurig. Schon zu ihrem 30. Geburtstag hatte sie das Gefühl, die Jugend sei vorbei. Nun, mit Blick auf ihre Kinder, konnte sie darüber nur schmunzeln. Als sie sich im Ankleidezimmerspiegel betrachtete, dachte sie: „Eigentlich ganz okay.“ Sie prüfte ihr Spiegelbild, nickte sich zu: „Fühlt sich an wie vierzig – nichts tut weh, alles funktioniert.“ Sie zwinkerte sich zu: „Na, da ist noch Leben drin!“ und machte sich an die Aufgabe ihres Ehemanns Michael, der von allen liebevoll „Michi“ genannt wird. Die große Feier sollte in Griechenland steigen, mit Freunden und Familie. Agathe war anfangs dagegen – so ein Anlass, da müsse man mehr nachdenken als feiern. Und teuer war es auch! Doch sie wurde überstimmt. Michi versprach die Organisation – sogar eine Diashow mit Leonard Cohen-Songs sollte es geben. Die Fotos dafür? Natürlich von ihr. Agathe durchstöberte alte Fotokisten. Vieles war nach zwei Auswanderungen und endlosen Umzügen verloren gegangen. An Kinder- und Jugendfotos mangelte es fast völlig: Als sie Anfang 20 die Sowjetunion verließ, zählte Pragmatismus mehr als Sentimentalität. Einiges konnte sie später von ihren Eltern „retten“. Danach: erste Ehe, Scheidung, neue Fotos vom neuen Abschnitt. Vieles blieb für „später“ liegen – das nie kam. Ihr neuer Mann war kein leidenschaftlicher Fotograf, aber trotzdem hatten die ersten Jahre etliches ergeben. Mit den Umbrüchen der Zeit wurden die Fotos digital, verschwanden auf alten Handys und Festplatten, die keiner mehr öffnete. Beim Durchblättern stieß sie auf ein Bild vom Abiball im Kleid der Großeltern aus Israel, eins aus dem Medizinstudium, eins von der Bar Mitzwa des Sohnes – wie nervös er war! Und dann entdeckte sie ein an ein anderes klebendes Foto. Mit Feingefühl löste sie es: Ihre Freundin Nora, daneben Agathe im blauen Abendkleid bei einer armenischen Taufe. Nora kam als schüchterne, kluge Assistentin aus Eriwan zur Facharztausbildung ins St. Josefs-Hospital in München. Die zierliche, stille Frau mit den großen Augen mochte jeder beschützen. Keiner ahnte, wie sie argumentieren konnte. Mit Mutter und Ehemann – ihrem Mentor, deutlich älter – war sie nach Deutschland gekommen. Sie bestand alle Prüfungen auf Anhieb. Die Gynäkologie wählte sie der Nähe ihres Mannes wegen, brach nach einem halben Jahr Schlafentzugs ab und stieg zur Inneren Medizin um. Mit Agathe verstand sie sich sofort. Noras Mutter hütete bald Agathes Kind. Sie wurden wie Familie. Am Ende der Ausbildung kamen die Spezialisierungsfragen: „Vielleicht Rheumatologie?“, fragte Agathe zögernd. „Quatsch!“, winkte Nora ab. „Noch mehr Jahre Ausbildung – geh in die Allgemeinmedizin! Da bist du die Königin.“ Agathe war beeindruckt – am Ende blieb sie in der Inneren, Nora ging in die Rheumatologie, nach Berlin. Noras Familie war ihr Ein und Alles: Mutter, Ehemann, Bruder – alle unterstützten sie. Doch ein Kind ließ auf sich warten: künstliche Befruchtung, Hoffen und Leiden. Dann klappte es doch. Eine Tochter, gerade rechtzeitig nach Abschluss der Ausbildung. Nora entschied sich, in Berlin unter Armeniern zu bleiben. Die Freundinnen hielten erst noch engen Kontakt, dann wurde es ruhiger – bis plötzlich eine Einladung zur Taufe kam. Nora plante eine prestigeträchtige Feier: 5.000-Euro-Kleid, französischer Friseur – alles vom Feinsten, in den späten 90ern! Agathe geriet kurz in Panik, doch ihre Friseurin beruhigte sie: „Deine Haare kriegt jeder hin. Bürste, Föhn, Haarspray – Fertig.“ Agathe kaufte ein blaues Kleid mit schulterfreiem Schnitt im Sonderangebot, einen Anzug für Michi, einen riesigen Karo-Koffer (sie mochte auffälliges Gepäck) und Selbstbräuner. Zeit zum Sonnen fehlte – ihre bayerisch-blasse Haut hätte in Berlin noch gepasst, aber nicht nach Kalifornien. In Berlin angekommen, spazierten sie am Samstag durch die Stadt: Michi trug ein T-Shirt „München – schlimmer geht immer!“. Der Plan: Grunewald, Brandenburger Tor, Kudamm. Was klappte: Grunewald gesperrt, Kudamm Baustelle, Verkehrschaos. Aber das hippe Bio-Essen (teuer, fad, aber gesund) wurde immerhin probiert. Später liefen sie herum am Wannsee, Eis und Popcorn, Hipster auf Skateboards, der Duft von Sonnencreme, und eine Fahrt über den Ku’damm, wo alle Reklamen wie Filmkulissen wirkten. „Hier hat, glaube ich, Helene Fischer mal gegessen“, sagte Agathe launig mit Blick in den Reiseführer. „Oder jemand, der aussieht wie Helene Fischer“, scherzte Michi. Agathe probierte teure Designerbrillen in einer Nobelboutique, sprühte teure Nischenparfums auf und verließ den Laden wie Julia Roberts aus Pretty Woman. Fast. Am Sonntag, nach einem schnellen, viel zu unscheinbaren Hotelfrühstück, begann Agathe die Vorbereitung. Der Selbstbräuner trocknete ungleichmäßig: Ergebnis – Zebra. Nur eben orange. Michi wollte beim Styling helfen; Agathe lehnte das Angebot nach Sektfrühstück dankend ab. Einziger geöffneter Friseursalon: im chinesischen Viertel. Die Dame sprach kein Deutsch, rollte die Haare auf und fixierte alles mit einer halben Flasche Spray. Agathe wagte einen angsterfüllten Blick in den Spiegel: oranger Teint, Frisur wie Dauerwelle in den Achtzigern – sie drehte sich schnell wieder weg und beschloss, nie wieder solche Risiken einzugehen. Das Make-up übernahm Michi. „Du bist immer zu dezent“, meinte er. „Das muss knallen!“ Er arbeitete inspiriert: violett-blaue Lider, bräunliche Wangen, bordeauxfarbene Lippen – Agathe war fassungslos, Michi begeistert. Draußen versuchte sie, ein Taxi zu bekommen, vergeblich. „Die halten mich sicher für ein Callgirl“, sagte sie. „Versuch du’s – du siehst wenigstens aus wie ein Chef.“ Er lachte, aber stellte sich an die Straße und winkte ein Taxi heran. Die Party fand in Noras neuem Haus am Rande Berlins statt – voll mit Gästen, Musik, Kindern, Glanz und Gloria. Mittendrin: Nora, so wunderschön wie immer. Und: mit Herpes. „Alles vom Stress!“, klagte die zukünftige Immunologin dramatisch. „Du bist trotzdem die Schönste“, versicherte Agathe. Und das stimmte auch. Jetzt schaut Agathe das Foto an: das blaue Kleid, orange Haut, Achtziger-Dauerwelle, Herpes bei der Freundin – aber glückliche, junge Gesichter. Damals schien es eine Katastrophe. Heute würde sie keinen Moment davon missen wollen. Weder den Herpes, noch den Selbstbräuner, noch die schräge Frisur. Hauptsache noch einmal diese Lebenslust, die Freundin an der Seite, dieses Gefühl: Alles ist noch offen. Denn ehrlich gesagt… so zwischen dreißig und sechzig – das war eigentlich die schönste Zeit. Und was danach kommt – mal sehen. Die Bürste ist ja noch da. Und mit dem Bräunen hat sie heute auch keine Probleme mehr.
Mit sechzig begreift man plötzlich: Was früher wie ein Unglück erschien, war in Wahrheit oft ein Glück.
Homy