Damals, vor vielen Jahren, spazierte Katharina mit ihren Kindern durch den Stadtpark von München. Plötzlich kam eine junge, sehr hübsche Fremde auf sie zu. Guten Tag! Oh, was für wunderbare Kinder Sie haben! Ach, ich wünschte, ich hätte auch eigene Kinder…
Wie kommt es, dass Sie keine haben? Haben Sie noch nicht die Liebe Ihres Lebens gefunden?
Doch, die habe ich. Die Frau lächelte traurig. Nur leider ist er schon verheiratet. Er will sich aber trennen. Möchten Sie vielleicht ein Foto von ihm sehen?
Katharina nahm das Handy und sah ihn.
Katharina! Beeil dich! Lass uns ins Kino gehen!, rief Alexander fröhlich, während Katharina ihm voller Vorfreude entgegeneilte. Die Nachbarinnen am Hauseingang tuschelten:
Die ist ja ganz übermütig…
Aber Katharina war das egal ihre Liebe zu Alexander war grenzenlos.
Nach dem Abitur waren sie unzertrennlich. Niemand konnte sich vorstellen, dass sie je getrennt wären. Auch sie selbst lebten nur füreinander. Es wunderte keinen, als sie schließlich heirateten.
Alexander begann sein Jurastudium. Katharina hätte auch gerne studiert, doch das Leben kam dazwischen. Sie bekam ihr erstes Kind und musste zu Hause bleiben, mit gerade mal neunzehn Jahren. Die Geburt war schwer, die Umstellung noch schwerer. Trotzdem erledigte sie den gesamten Haushalt, denn Alexander musste schließlich lernen. Er stieg auf ein Fernstudium um und suchte sich einen Job. Sein Argument war, er müsse sich ausruhen.
Katharina nahm das als selbstverständlich hin. Die eigenen Bedürfnisse traten immer mehr in den Hintergrund: Sie trug tagelang denselben Rock, dieselbe Bluse, die Haare oft ungepflegt. Ihr Erscheinungsbild war ihr egal geworden, sie wurde dünner, oft nervös.
Katharina, du bist immer noch die Schönste für mich, versicherte Alexander, stets gepflegt und erfolgreich, wart’s ab, sobald unser Johannes etwas größer ist, kommt auch deine Zeit.
Katharina nickte nur. Sie schwor sich, eines Tages zu studieren. Sie hoffte, bald könnte sie wieder an sich denken.
Doch dann kam alles anders. Johannes war gerade zwei Jahre alt, als Katharina wieder schwanger wurde. Sie wusste nicht recht, ob sie sich freuen oder traurig sein sollte. Alexanders Reaktion war optimistisch: Jetzt bekommen wir einen Sohn und eine Tochter das ist doch wunderbar!
Katharinas Studium rückte in weite Ferne.
Die Zeit war hart. Das Leben bestand nur aus Windeln, Kinderbrei, Schnuller und Wäsche. Mal bekam Johannes Zähne, mal hatte Mathilda Bauchweh. Dazu der ganze Haushalt: Kochen, Putzen, Hemden bügeln, Kindersachen waschen… Katharina glaubte, das alles würde nie enden.
Ihre Mutter half, wo sie konnte, hatte Verständnis.
Du hast doch zwei kleine Kinder. Natürlich ist das schwer…
Aber Katharina konnte der Trost kaum helfen. Sie wollte einfach nur für einen Moment all das vergessen.
Mit der Zeit wurden die Kinder selbstständiger. Mathilda wuchs, und Johannes ging inzwischen in den Kindergarten. Es wurde etwas leichter.
Einmal wagte Katharina, das Thema Weiterbildung anzusprechen. Alexander reagierte ungehalten. Studieren? Wie stellst du dir das vor? Johannes kommt bald in die Schule, Mathilda ist noch klein. Wirst du nicht genug unterstützt? Ich bring doch das Geld nach Hause. Und wer soll sich um die Kinder kümmern?
Katharina widersprach, erzählte von ihren Träumen, einer richtigen Ausbildung, vielleicht Karriere. Doch Alexander lachte nur:
Karriere, Katharina? Überleg mal, wie alt du bist. Bald bist du dreißig. Bleib doch einfach daheim.
So blieb Katharina zu Hause. Wenigstens wurde ihr Alltag leichter. Sie gönnte sich neue Kleidung, ließ sich die Haare schneiden, machte die Nägel schön.
Und, fällt dir was auf, Liebling? kokettierte sie abends vor ihm.
Was denn? murmelte Alexander abwesend, ohne vom Computer aufzusehen.
Na, ich habe doch neue Sachen gekauft, meine Haare…, die Nägel… Und wenn wir heute mal wie früher ins Kino gehen würden? Oder zumindest im Park spazieren, wie damals… Ich seh dich kaum noch, Alexander. Du bist nie zu Hause.
Wie, Park? Maniküre? Was ist mit den Kindern? Ich bin eben selten hier, weil ich für euch arbeite. Und übrigens fahre ich bald dienstlich nach Frankfurt. Drei Wochen bin ich weg.
Schon wieder so eine Geschäftsreise! Das ganze Jahr bist du unterwegs. Die Kinder und ich sehen dich kaum.
So ist das, Liebes. Das Geld verdient sich nicht von selbst, sagte er und küsste sie flüchtig auf die Wange, bevor er ins Schlafzimmer verschwand.
Katharina seufzte und brachte die Kinder zu Bett. Als sie ins Schlafzimmer kam, lag Alexander schon schlafend mit dem Rücken zu ihr. Sie dachte nach und erkannte: Sie schlafen schon lange nicht mehr miteinander im wahrsten Sinne des Wortes und auch im übertragenen Sinne.
Im Hinterhof gab es einen Spielplatz mit Schaukeln, Rutsche und Sandkasten. Gleich daneben lag der große Englische Garten mit Bänken und einem kleinen Weiher.
Katharina ging fast täglich mit ihren Kindern dorthin, setzte sich auf eine Bank, las Zeitschriften oder Bücher und beobachtete Johannes und Mathilda.
Oft begegnete sie dort einer jungen, eleganten Frau, perfekt gekleidet, makellose Frisur, teure Schuhe einfach eine Erscheinung. Mal saß sie auf einer Bank, mal schlenderte sie auf und ab. Mit der Zeit grüßten sie sich immer.
Heute sprach die Frau Katharina an.
Guten Tag! Wir treffen uns so oft, da dachte ich, ich stelle mich mal vor, wenn es Ihnen recht ist, sagte sie freundlich.
Aber natürlich, sehr gerne. Ich heiße Katharina und das sind meine beiden Kleinen, Johannes und Mathilda.
Ich bin Greta. Sie haben bezaubernde Kinder… Ich würde alles dafür geben, eigene zu haben mit dem Mann, den ich liebe. Sie blickte traurig auf die Schuhspitzen.
Was ist los? Sie sind so hübsch, Sie hätten bestimmt jemanden gefunden… Oder können Sie vielleicht keine bekommen? Entschuldigung, das war indiskret!
Nein, nein, alles gut. Ich habe einen Mann, den ich liebe… Aber er ist verheiratet. Seine Frau sei unerträglich und er will sich scheiden lassen. Ich sollte nur noch etwas Geduld haben. Irgendwann werden wir eine Familie. Greta seufzte.
Ja, bestimmt, sagte Katharina mitfühlend.
Wollen Sie ein Foto sehen? Er sieht toll aus, hat einen guten Job, verdient nicht schlecht. Überhäuft mich mit Geschenken, verreist mit mir vor kurzem waren wir in Italien, bald geht es nach Griechenland ans Meer. Hier sind wir gerade in Rom… Greta scrollte auf dem Handy und reichte es Katharina.
Katharina sah hin und erstarrte: Auf dem Foto erkannte sie Alexander, der lachend diese fremde Frau umarmte.
Wie betäubt gab sie Greta das Telefon zurück, rief schnell nach den Kindern. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie rang um Fassung. Greta zog sich diskret zurück und verschwand im Park. Katharina nahm es kaum wahr, sie sah nur das Bild von Alexander, glücklich mit einer anderen.
Wie sie nach Hause kam, wusste sie hinterher nicht mehr. Die Kinder saßen still, während ihre Mutter hastig Kleidung und ein paar Sachen in Koffer warf.
Katharina setzte sich zu den Kindern.
Hört mal, ihr Lieben, heute fahren wir zu Oma. Einverstanden?
Mama und Papa? Kommt er auch? fragte Johannes leise.
Ja, Liebling, bestimmt. Er kommt später nach, keine Sorge
Katharina bestellte ein Taxi. Der Fahrer half freundlich beim Einladen und warf einen erstaunten Blick auf die verheulte Frau mit zwei kleinen Kindern und hastig gepackten Koffern.
Bei ihrer Mutter angekommen, schickte sie die Kinder vor den Fernseher, endlich konnte sie reden.
Mama! Katharina schluchzte, Stell dir vor, ich sitze zu Hause mit zwei Kindern, und er er ist in Italien Mit ihr! Wie kann er mir das antun? Ich habe alles für ihn aufgegeben mein Studium, den Beruf, meine Träume Wie ist das nur möglich? Was soll ich nur tun? Katharina konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Die Mutter seufzte, nahm sie in den Arm.
Was sollst du tun? Das Leben geht weiter, mein Kind. Wenn du dich trennen willst, unterstütze ich dich, so gut ich kann. Es gibt noch so viele Möglichkeiten für dich. Deine Kinder sind dein Glück.
Ein wenig beruhigter rief Katharina Alexander an. Sie erzählte ihm alles. Am Schluss sagte sie, dass sie die Scheidung wolle.
Alexander schwieg einen Moment, dann meinte er kühl: Das hätte ich ja früher oder später erfahren. Gut, dann eben Scheidung. Die Wohnung ist auf deinen Namen, also bleib ruhig dort. Und du hast Greta ja gesehen. Wer bist du, und wer ist sie? Eine Hausfrau ohne Abschluss oder eine Göttin. Ich bin im Leben angekommen. Er legte auf.
Lange saß Katharina mit dem Handy in der Hand und wartete, dass Alexander noch einmal anrief und alles als schlechten Scherz auflöste. Doch das Telefon blieb still.
Sie musste alles hinter sich lassen ein neues Leben beginnen. Doch wie sollte sie das? Wie würde sie morgens ohne ihn aufstehen? Aber dann wurde ihr klar, sie war schon lange ohne ihn oder hatte einfach nicht hinschauen wollen.





