Gib den Schlüssel zu unserer Wohnung zurück

Gib mir den Schlüssel zu eurer Wohnung

Dein Vater und ich haben schon alles entschieden, Helga legte ihre Hand auf die ihres Sohnes. Wir verkaufen das Wochenendhaus. Hunderttausend Euro für die Anzahlung bekommt ihr, reicht, ihr sollt endlich in eurer eigenen Ecke wohnen und nicht weiter in fremde Wohnungen umherziehen.

Andreas erstarrte, die Tasse halb erhoben. Johanna, seine Frau, hörte ebenfalls auf zu kauen; das Stück Streuselkuchen blieb unbewegt auf der Gabel.

Mama, was redest du da? Andreas stellte die Tasse vorsichtig ab. Das Wochenendhaus? Ihr seid doch jeden Sommer dort …
Das geht vorbei. Dieter, sag du was.

Der Vater, der eben noch konzentriert Marmelade auf dem Brötchen strich, hob den Kopf.

Deine Mutter hat recht. Vierzig Jahre steht das Haus, das Dach ist undicht, der Zaun morsch. Nur Stress damit. Und ihr? Ihr habt kein richtiges Zuhause.
Papa, wir schaffen das schon mit dem Sparen, Andreas schüttelte den Kopf. Noch zwei, vielleicht drei Jahre …
Drei Jahre! Helga schlug die Hände zusammen. Drei Jahre in fremden Wohnungen und jetzt kommt das Baby? Johanna, sag doch auch was!

Johanna sah verunsichert erst zu ihrem Mann, dann zu ihrer Schwiegermutter.

Frau Schneider … Das ist so viel Geld. Wir können das einfach nicht …
Doch ihr könnt, Helga schnitt ihr das Wort ab. Wir haben schon beim Makler angerufen, Besichtigung am Samstag.

Andreas wollte etwas sagen, aber Helga war schneller.

Sohn. Wir werden nicht jünger. Dein Vater hat das dritte Jahr mit dem hohen Blutdruck zu kämpfen, ich bin nächstes Jahr sechzig. Wofür brauchen wir das Haus noch? Tomaten kann ich auch auf dem Wochenmarkt kaufen. Die Enkel aber sollen in einer ordentlichen Wohnung groß werden, verstehst du?

Schweigen senkte sich über den Tisch. Johanna drückte Andreas’ Hand unter der Tischdecke. Andreas rieb sich die Nase, wie immer, wenn er keine Antwort wusste.

Mama … Wir zahlen alles zurück. Stück für Stück, jeden Cent.
Ach was, Dieter winkte ab. Ob ihr zurückzahlt oder nicht Hauptsache, die Kleinen haben Platz zum Krabbeln.

Anderthalb Monate später war das Haus verkauft. Helga regelte alles selbst: Papierkram, Geld zählen, Überweisung hunderttausend Euro auf das Konto des Sohnes. Drei Monate nachher zogen Andreas und Johanna in ihre neue Zweizimmerwohnung am Fliederweg Neubau, neunter Stock, Blick auf den Park.

Zur Einweihung kamen fünfzehn Gäste. Johannas Eltern brachten das gute Service, Freundinnen schenkten einen Stapel Handtücher, Andreas Kollegen legten zusammen für eine Kaffeemaschine. Helga schritt von Zimmer zu Zimmer, streifte mit der Hand über die Wände, öffnete Schränke, schüttelte den Kopf ob zufrieden oder kritisch, blieb unklar.

Später am Abend, als es ruhiger wurde, zog Helga ihren Sohn in den Flur.

Andreas, zwei Minuten, bitte.

Sie führte ihn zur Wohnungstür, weit weg von neugierigen Ohren.

Gib mir einen Schlüssel.

Andreas war perplex.

Welcher Schlüssel?
Für die Wohnung. Einen Ersatz. Man weiß ja nie wir haben euch geholfen, verstehst du? Wer weiß, was mal passiert, und wir kommen nicht rein. Außerdem … ganz normal, Eltern bekommen einen Schlüssel.

Andreas trat von einem Fuß auf den anderen, ringend um Worte, die nicht kamen.

Mama, das … Johanna …
Was ist mit Johanna? Sie ist dagegen? Helga sah ihn scharf an. Wir haben die Wohnung bezahlt, und sie will keinen Schlüssel geben?
Nein, ich meine nur …
Dann gib her. Sei kein Kind.

Andreas griff in die Tasche seiner Jeans, kramte seinen Schlüsselbund heraus. Er löste einen glänzenden, neuen Schlüssel.

Hier.

Helga drehte ihn in den Fingern, holte ihren eigenen Bund aus der Tasche und hängte den neuen Schlüssel sorgfältig zwischen Haus- und Garagentor. Metal auf Metall klang leise.

Fein, mein Junge, sie tätschelte seine Wange. Lass uns Kuchen essen, sonst bleibt nichts mehr übrig.

Der Abend war gelungen.

Helga befühlte kritisch den Stoff, drehte das Kissen, prüfte die Nähte. Der Samt glitt angenehm durch die Finger. Der warme Senfton würde perfekt zu Johannas grauem Sofa passen. Sie nahm noch ein zweites in Terrakotta. Im Kopf entstand schon das Bild: die Kissen in den Ecken, dazwischen die gestrickte Decke, die sie letzte Woche ausgesucht hatte.

Im Bus drückte Helga die Tüte an sich. Draußen zogen Hinterhöfe, Spielplätze, geparkte Autos vorbei. Fliederweg, ihre Haltestelle.

Im Aufgang roch es nach frischer Farbe Renovierung vor Kurzem. Helga fuhr zum neunten Stock, suchte den passenden Schlüssel, das Schloss klickte leise die Tür öffnete sich ohne Widerstand.

Stille. Niemand da.

Helga zog die Schuhe aus, ging ins Wohnzimmer. Genau wie erwartet das Sofa nackt und trostlos. Sie packte die Kissen aus, arrangierte sie, trat zurück, begutachtete. Perfekt. Ganz anderer Eindruck.

Doch Staub auf dem Regal fiel sofort ins Auge. Und am Fenster stand eine schmutzige Tasse. Helga schüttelte den Kopf und ließ es liegen. Nicht ihre Sache. Noch nicht.

Am Abend, gegen neun, klingelte das Telefon.

Mama, warst du bei uns?

Andreas Klang war angespannt.

Ja doch. Die neuen Kissen hast du gesehen? Schön, was?
Mama … Pause. Sag doch bitte Bescheid. Johanna kam nach Hause, und dann standen neue Kissen da und Sachen waren umgestellt …
Irgendwelche Kissen? Helga schnaubte. Die haben übrigens fünfzig Euro pro Stück gekostet. Und sag deiner Johanna, bei euch müsste mal sauber gemacht werden. Staub überall, die Tassen dreckig. Und der Kühlschrank halb leer. Hungert ihr? Ich hab euch das Geld nicht gegeben, damit ihr wie Studenten haust.
Mama, ruf bitte an das nächste Mal, okay? Einfach vorher Bescheid geben …
Ach, Andreas, Helga rollte die Augen, auch wenn er das nicht sehen konnte. Ich muss jetzt, dein Vater ruft.

Sie legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Eine Woche später brachte Helga ihnen ein Set Bettwäsche. Fein, aus Satin. Johanna war da, aber gerade unter der Dusche Helga hörte das Wasser rauschen. Sie legte die Tüte aufs Bett und ging leise. Zettel schrieb sie keinen. Wozu? Die verstehen das schon.

Nach weiteren drei Tagen ein Kochgeschirr-Set. Das Zeug bei den jungen Leuten war asiatisches Billigzeug mit abgeplatzer Beschichtung, das konnte man nicht mit ansehen.

Am Samstag kamen Andreas und Johanna zum Abendessen. Sie saßen am Tisch, aßen Maultaschen, redeten über das Wetter, über den Umbau bei den Nachbarn oben. Ruhig, freundlich, langweilig.

Johanna legte die Gabel zur Seite.

Frau Schneider …
Hm?
Dürfte ich Sie bitten, … Johanna stockte, warf einen Seitenblick. Wenn Sie kommen, würden Sie vielleicht anrufen vorher? Einfach damit wir Bescheid wissen.

Helga tupfte sich langsam den Mund mit der Serviette ab.

Johanna. Dein Vater und ich haben euch hunderttausend Euro gegeben. Hunderttausend. Ich kann kommen, wann ich will. Das ist, genau genommen, auch unsere Wohnung.
Mama, Andreas wollte einschreiten.
Was denn, Mama? Hab ich nicht recht?

Schweigen senkte sich wieder. Dieter schob auf dem Teller einen Maultasche hin und her, zeigte mit jedem Gesichtszug: Ich halte mich da raus.

Danke fürs Abendessen, Johanna stand auf. Andreas, wir sollten gehen.

Sie packten rasch, fast hektisch. Die Verabschiedung wirkte krampfhaft, keiner lächelte ehrlich. Helga schloss die Tür hinter ihnen, ging zurück in die Küche, räumte den Tisch. Etwas zog sie ans Fenster, gerade als die beiden das Haus verließen.

Die Lüftung stand offen. Deutlich, messerscharf, hörte sie Johannas Stimme:

…entweder wir zahlen die Schuld zurück, oder wir lassen uns scheiden. Ich kann nicht mehr.

Helga erstarrte mit dem Teller in der Hand.

Welche Schuld? Was meinte sie?

Unten antwortete Andreas, aber sie verstand nichts mehr. Die Autotür schlug zu, der Motor sprang an.

Helga stellte den Teller langsam ins Spülbecken.

Nein. Das gefiel ihr überhaupt nicht.

Helga drehte den Schlüssel im Schloss, öffnete die Tür und stand beinahe auf Andreas drauf. Er wartete im Flur, als hätte er sie erwartet. Johanna kam aus der Küche, trocknete die Hände am Handtuch.

Ach, ihr seid daheim, Helga ließ sich kurz überrumpeln, bekam sich aber schnell wieder ein. Ich wollte euch nur …
Mama, einen Moment.

Etwas an Andreas Stimme ließ sie verstummen. Er griff in die Jacke, die am Haken hing, zog einen Umschlag heraus. Weiß, schwer, ganz und gar nicht leer.

Ich möchte dir etwas zurückgeben.

Fast mechanisch nahm Helga den Umschlag. Sie spähte hinein und ihre Knie wurden weich.
Geld. Viel Geld.

Was … was ist das?
Hunderttausend Euro, Johanna trat näher, stellte sich neben ihren Mann. Wir haben einen Kredit aufgenommen.
Ihr … Helga hob den Blick. Ihr seid verrückt? Ein Kredit? Warum?
Weil wir nicht verpflichtet sein wollen, Johanna wich Helgas Blick jetzt nicht mehr aus, sprach fest und offen. Frau Schneider, wir können nicht mehr. Die Besuche, die Kontrollen, dass Sie kommen, wann Sie möchten, und unsere Sachen durchsehen.
Ich habe nicht gewühlt! Ich habe Kissen gebracht! Bettwäsche! Töpfe!
Mama, Andreas legte Johanna die Hand auf die Schulter. Wir wechseln die Schlösser. Morgen kommt der Schlosser.

Helga blinzelte. Einmal, zweimal. Es dauerte, bis sie begriff.

Die Schlösser?
Ja. Du hast dann keinen Schlüssel mehr.

Dickes Schweigen legte sich wie ein schwerer Mantel über den Flur. Helgas Blick pendelte von ihrem Sohn zur Schwiegertochter und zurück. Ein Kloß im Hals, brennende Wangen.

Ihr … ihr … sie schluckte. Ihr seid kleinlich. Undankbar. Wir haben das Haus verkauft! Für euch! Und ihr schmeißt mich hinaus wie eine Einbrecherin!
Wir schmeißen Sie nicht raus, Johanna blieb ruhig. Wir bitten nur darum, dass Sie gehen.

Helga klammerte sich an den Schlüsselbund in der Tasche. Die Finger wurden taub.

Andreas, mein Junge. Lässt du sie ernsthaft so mit mir reden?

Andreas senkte den Kopf, schwieg. Schließlich sah er seiner Mutter direkt in die Augen.

Mama. Wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen.

Helga drehte sich abrupt um und verließ die Wohnung ohne Gruß.

Den Heimweg verbrachte Helga damit, Sätze zu proben für den Moment, in dem Andreas sich entschuldigen würde morgen, spätestens übermorgen. Er würde einsehen, dass er übertrieben hatte.

Eine Woche verstrich. Das Telefon blieb stumm.

Mehrmals griff Helga zum Hörer, immer wieder legte sie ihn zurück. Nein. Sie sollten den ersten Schritt machen. Sie sollten um Verzeihung bitten. Sie war die Mutter, schließlich. Sie meinte es doch nur gut.

Nach einem Monat fragte Dieter vorsichtig beim Abendessen, ob sie sich wieder versöhnt hätten. Helga zuckte nur die Schultern und wechselte das Thema.

Nach zwei Monaten erschrak sie nicht mehr bei jedem Klingeln.

Nach drei Monaten wusste sie Bescheid.

Der Sohn würde nicht anrufen. Nicht morgen, nicht nächste Woche, nicht in einem Jahr.

Helga saß in der Küche, betrachtete ihren Schlüsselbund. Haus, Garage. Dazwischen der Schlüssel, der früher die Tür am Fliederweg öffnete.

Sie hatte helfen wollen. Ehrlich. Kissen, Töpfe, Bettwäsche das war Fürsorge, oder? Ist das nicht normal? Eltern helfen, Kinder danken alle sind glücklich.

Doch irgendwo unterwegs zerbrach etwas. Und Helga, so sehr sie die Erinnerungen an Gespräche und Besuche durchging, konnte nicht sagen wo genau.

Vielleicht wollte sie es auch nicht mehr wissen.

Und jetzt war es zu spät, es zu reparieren.

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Homy
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