Dienstag, 7. März
Seit vier Tagen wohne ich mit meiner vier Monate alten Tochter, Frieda, nun in unserer neuen Wohnung in Hamburg-Altona. Es ist alles noch ungewohnt, und ehrlich gesagt, fühle ich mich furchtbar erschöpft. Alleinerziehend zu sein niemand hat mich darauf vorbereitet, wie einsam man sich manchmal fühlen kann.
Die Wände sind so dünn, dass man jedes Husten aus der Nachbarwohnung hört. In unserer ersten Nacht begann Frieda plötzlich heftig zu weinen Koliken, die kleine Maus. Drei Stunden lang schrie sie ohne Pause. Ich lief ruhelos auf und ab, wiegte sie, flüsterte ihr beruhigende Worte zu und konnte die Tränen selbst nicht mehr zurückhalten.
Plötzlich BUMM, BUMM, BUMM donnerte es gegen die Wand zum Schlafzimmer. Ein tiefer, zorniger Ruf drang durch die Wand: Ruhe da drüben! Manche von uns müssen morgen arbeiten!
Ich erstarrte. Die Angst schoss mir ins Herz. Schnell drückte ich ein Kissen über meinen Arm, um Friedas Schreien zu dämpfen, und flehte sie an: Bitte, Frieda, schlaf ein.
So ging es die ganze Woche weiter. Nacht für Nacht quälte Frieda der Bauch, und jedes Mal klopfte mein Nachbar, Herr Bergmann ein älterer Herr angeblich schon frohgemut zur Rente mit voller Wucht an die Wand. Ich war überzeugt, dass ich jeden Moment eine Kündigung im Briefkasten finden würde. Ich konnte mich kaum noch im Spiegel ansehen, so sehr zweifelte ich an mir als Vater.
Am darauffolgenden Dienstag erreichte alles seinen Höhepunkt. Frieda schrie lauter denn je, und ich konnte nicht mehr. Schluchzend saß ich mit ihr auf dem Küchenboden, völlig kraftlos. Dann klingelte es. Ein energisches, bestimmtes Klopfen an der Wohnungstür.
Mein Herz machte einen Sprung. Das musste Herr Bergmann sein. Jetzt würde er mich endgültig zurechtweisen.
Zögernd öffnete ich. Vor mir stand tatsächlich Herr Bergmann, großer Kerl mit finsterer Miene, einen Werkzeugkasten unter dem einen Arm, eine Papiertüte in der anderen Hand.
Es es tut mir leid, stammelte ich, meine Tochter ist krank, ich gebe wirklich mein Bestes…
Er musterte Frieda, dann mich meine verweinten Augen konnte ich nicht verstecken. Geräuschvoll atmete er aus und schüttelte den Kopf.
Mach mal Platz, brummte er.
Bevor ich reagieren konnte, war er schon in der Küche. Die Tüte stellte er auf den Tisch. Daraus zauberte er einen Topf selbstgekochte Hühnersuppe und ein frisches Bauernbrot.
Sieht aus, als hätten Sie seit Tagen nichts Gescheites gegessen. So geht das nicht; wie wollen Sie das Kind versorgen, wenn Sie selbst am Ende sind?
Dann öffnete er ruhig den Werkzeugkasten, trat wortlos zum alten, knarzenden Schaukelstuhl und begann, die Schrauben festzuziehen und die alten Scharniere zu ölen.
Dieses schreckliche Geknarze höre ich Nacht für Nacht. Das treibt einen in den Wahnsinn.
Nach fünf Minuten war der Stuhl mucksmäuschenstill.
So, sagte Herr Bergmann und streckte die Arme aus, geben Sie mir das Kind. Essen Sie jetzt erstmal.
Verwundert zögerte ich, übergab dann aber Frieda in seine kräftigen Hände.
Wie selbstverständlich wiegte er sie an seiner Brust, summte eine tiefe Melodie irgendetwas Altes, Norddeutsches. Sanft klopfte er ihr auf den Rücken, wie es nur geübte Väter tun.
Nach zwei Minuten wurde Friedas Weinen leiser, nach fünf Minuten schlief sie.
Leise sagte Herr Bergmann: Meine Frau ist schon vor zehn Jahren gestorben. Wir hatten vier Kinder. Ich kenne das Gesicht einer erschöpften Mutter… eines erschöpften Vaters. Er richtete den Blick auf mich und fügte hinzu: Ich habe nicht an die Wand gehämmert, weil ich sauer war. Ich war hilflos wollte helfen, wusste aber nicht wie.
Seit dieser Nacht war Herr Bergmann nicht mehr der anonyme, polternde Nachbar. Frieda nannte ihn bald Opa B.. Jeden Abend kam er vorbei und wiegte Frieda, bis ich duschen und in Ruhe essen konnte.
Manchmal merkt man erst im Nachhinein: Die Menschen mit der härtesten Schale tragen das weichste Herz. Ich habe gelernt, nie zu schnell zu urteilen Hilfe kommt oft von dort, wo man es am wenigsten erwartet.




