Rühr nicht in alten Wunden: Taissias Lebensweg nach fünfzig Jahren – Zwischen Ehekrise, dörflichen Intrigen und der Suche nach innerem Frieden im Schatten einer schwierigen Vergangenheit

Rühr nicht an die Vergangenheit

Oft sitzt Theresa allein am Fenster ihres Hauses in einem kleinen bayerischen Dorf, die Hände gefaltet, den Blick hinaus in den verhangenen Herbst. Über fünfzig Jahre hat sie nun hinter sich und ihre Ehe mit Jürgen würde sie nicht als glücklich bezeichnen. Jugendliebe war einst zwischen ihnen, so zärtlich und voller Versprechen. Doch irgendwann, fast unmerklich, veränderte Jürgen sich, und Theresa bemerkte diesen Moment nicht.

Sie wohnten bei Jürgens Mutter, Anna, im alten Familienhaus am Ortsrand. Theresa achtete darauf, allen respektvoll zu begegnen, und Anna hegte eine warmherzige Zuneigung zu ihrer Schwiegertochter. Theresas Mutter, schwer gesundheitlich angeschlagen, lebte mit Theresas jüngerem Bruder im Nachbardorf.

Anna, wie kommst du denn aus mit deiner Theresa? tuschelten die Nachbarinnen beim Brunnen oder beim Metzger, manchmal auch einfach auf dem Heimweg.

Ach, unsere Theresa ist eine gute Frau. Sie kann alles im Haus und im Garten, geht mir überall zur Hand und bringt Ruhe ins Heim, entgegnete Anna stets ruhig.

Das glaubst du doch selbst nicht! Dass eine Schwiegermutter ihre Schwiegertochter lobt, wo gibts sowas? zweifelten die anderen.

Das ist eure Sache, antwortete Anna schlicht und zog weiter.

Als Theresa ihre Tochter Katharina zur Welt brachte, freuten sich alle.

Schau mal, Theresa, die kleine Katharina ähnelt mir, oder? suchte Anna ihre eigenen Züge im Enkelkind, während Theresa herzlich lachte, für sie war es einerlei.

Katharina war drei, als Theresa einen Sohn bekam. Wieder lebte die Familie in vorfreudiger Unruhe. Jürgen arbeitete viel, Theresa blieb mit den Kindern daheim; Anna half, wo sie konnte. Es war ein gewöhnliches Leben, vielleicht sogar besser als das der anderen Jürgen trank nicht, wie so viele Männer im Dorf. Manche Frauen zogen nachts ihre taumelnden Männer vom Wirtshaus heim und fluchten dabei bitter.

Beim dritten Kind, hochschwanger, bekam Theresa zu hören, dass Jürgen sie betrüge. Im Dorf bleibt nichts verborgen, und bald sprach man von Jürgen und der Witwe Tina. Die neugierige Nachbarin, Waltraud, ließ es sich nicht nehmen, Theresa persönlich zu informieren.

Theresa, du trägst nun das dritte Kind von Jürgen, und er er treibt sich mit andern herum. Ihre Worte waren scharf.

Waltraud, wirklich? Mir ist nichts aufgefallen, meinte Theresa erstaunt.

Wie denn auch? Zwei Kinder, das Dritte kommt, Hausarbeit, Schwiegermutter, Garten Sieh zu, während er sein Vergnügen sucht. Das halbe Dorf weiß Bescheid, Tina macht kein Geheimnis daraus.

Theresa war bestürzt. Auch Anna wusste Bescheid, schwieg aber aus Rücksicht zu Theresa, sprach nur warnend mit Jürgen und versuchte, ihm Vernunft einzureden.

Mutter, hast du etwa alles gesehen? Lass die Leute reden, Frauen reden immer und viel, winkte Jürgen ab.

Eines Abends stürmte Waltraud ins Haus: Theresa, dein Jürgen ist eben zu Tina rüber. Ich habs selbst gesehen komm, zeig der Sippe, was Sache ist! Geh rüber, und lass dich nicht einschüchtern, der hebt doch eh keine Hand gegen dich.

Theresa wusste, sie war nicht zum Streiten geboren, schon gar nicht mit Tina diese war laut und resolut, ihr Mann war einst im Rausch im Dorfweiher ertrunken, und seitdem stand Tina ihren Mann. Trotzdem ging Theresa, entschlossen.

Ich will ihm ins Gesicht sehen, ihn zur Rede stellen. Immer behauptet er, alles sei Klatsch, sagte sie Anna, die abriet: Kind, du bist schwanger, jetzt lass es gut sein.

Später Herbst windet durch die Gassen, Nebel liegt schwer. Theresa klopft an Tinas Fenster, doch drinnen bleibt die Tür zu.

Was willst du denn? Hör auf zu klopfen!

Mach auf! Ich weiß, Jürgen ist bei dir, die Leute haben es mir berichtet, ruft Theresa, laut und zitternd.

Als ob ich mach dir nicht auf, geh nach Hause, du blamierst dich, schallt es zurück, gefolgt von Tinas spöttischem Lachen.

Nach langem Zögern geht Theresa heim; Jürgen erscheint erst tief in der Nacht, angetrunken. Das kam selten vor, aber es geschah. Theresa wartete.

Wo warst du? Ich weiß, dass du bei Tina warst ich war da, sie hat nicht aufgemacht.

Was erzählst du da? Ich war bei Gerd im Schuppen, wir haben was getrunken, die Zeit vergessen.

Theresa glaubte ihm kein Wort, schwieg jedoch. Es war spät, und für Streitereien fehlte ihr die Energie. Was sollte sie tun? Unbewiesen ist unverurteilt, dachte sie bitter. Die Nacht über wälzte sie sich schlaflos, fragte sich: Wohin sollte ich gehen mit den Kindern, die Mutter krank, mein Bruder hat selbst Familie und wenig Platz?

Schon früher hatte ihre Mutter ihr geraten: Ertrage es, Kind. Du hast dich entschieden, hast Kinder bekommen. Denkst du, mir war es leicht mit deinem Vater? Er hat getrunken und uns durch die Flure gejagt weißt du noch, wie wir uns bei den Nachbarn versteckt haben? Und dann hat Gott es anders gefügt. Aber ich habe durchgehalten, dein Jürgen schlägt dich wenigstens nicht und trinkt selten. Frauen müssen lernen zu ertragen.

Theresa war nicht ganz einverstanden, doch einsah sie, dass sie nicht fortgehen konnte. Auch Anna redete ihr zu: Kind, wohin sollst du jetzt? Bald kommt das dritte Kind. Gemeinsam packen wir Jürgen vielleicht!

Die kleine Tochter Maria wurde schwächlich geboren, oft krank. Theresas Sorgen hatten sich auf das Kind übertragen, aber langsam wurde Maria ruhiger; Anna kümmerte sich besonders um sie.

Waltraud brachte wieder Neuigkeiten aus dem Dorf: Tina hat jetzt den Michael bei sich aufgenommen seine Frau hat ihn hinausgeworfen.

Soll sie machen, was sie will, solange mir Ruhe bleibt, meinte Theresa erleichtert Jürgen zog nicht mehr dort hin.

Doch kaum war ein Monat vergangen, brachte Waltraud die nächste Nachricht: Michael ist von Tina weg, zurück zur Frau. Jetzt sucht Tina wieder nach Männern pass auf Jürgen auf!

Theresa und Jürgen lebten nun wieder ruhig, und Anna freute sich. Aber wenn einen Mann das Teufelchen packt, sitzt es mit im Haus.

Als Anna beim Einkaufen Aenne, ihre alte Freundin, traf, fragte diese: Anna, was ist nur los mit deinem Jürgen? Theresa ist hübsch und tüchtig, du lobst sie stets was will er noch?

Aenne, meinst du, Jürgen treibt sich jetzt wieder herum?

Mehr denn je! Was will er? Bei euch hat er alles: Essen, Wäsche, Fürsorge. Aber jetzt hat er was mit Veronika aus der Kantine

Anna schwieg gegenüber Theresa, warf ihrem Sohn Vorwürfe hin; doch Erwachsene hören selten auf die Mutter. Jürgen ging nicht weg von der Familie, kehrte aber regelmäßig zu anderen Frauen zurück. Es war für ihn bequem: Daheim wartete die Familie, draußen wartete Vergnügen.

Anna schimpfte ihn mit offenen Worten, doch der Sohn erwiderte wütend: Mutter, ich arbeite, bring das Geld, und ihr beiden glaubt den Klatsch. Lass mich zufrieden!

Früher trank er wenig, jetzt mied er Alkohol komplett.

Die Jahre vergingen. Die Kinder wurden erwachsen. Katharina heiratete im Nachbarlandkreis, blieb dort nach der Ausbildung. Der Sohn studierte Elektronik in München und heiratete eine Münchnerin.

Die Jüngste, Maria, ist kurz vor dem Abschluss und will auch ins nächste Zentrum. Jürgen ist ruhig geworden, bleibt daheim. Die Gesundheit lässt nach, er trinkt gar nichts mehr.

Theresa, mein Herz ist merkwürdig, zieht bis in den Rücken, klagt er beim Abendbrot. Und jetzt schmerzen die Knie, vielleicht die Gelenke? Meinst du, ich soll zum Arzt nach Landshut?

Theresa verspürt keine Mitleid mehr. Ihr Herz ist längst verhärtet von den Tränen und Enttäuschungen der Jahre, bis Jürgen endlich zur Ruhe kam.

Jetzt, wo die Gesundheit versagt, sitzt er daheim und jammert, denkt sie insgeheim, sollen doch die kümmern, mit denen er sich amüsiert hat.

Anna war längst gestorben, begraben neben ihrem Mann auf dem Dorffriedhof. Im Haus von Jürgen und Theresa herrscht nun stille Friedlichkeit, manchmal kehren die Kinder und Enkel zurück. Beide freuen sich. Der Vater klagt, macht Vorwürfe, seine Frau würde ihn nicht pflegen. Die älteste Tochter bringt Medikamente, kümmert sich, nimmt den Vater in Schutz und sagt: Mama, schimpf nicht mit Papa, er ist doch krank. Das tut Theresa weh die Tochter hält zum Vater.

Kind, er hat es selbst verschuldet. Er hat eine wilde Jugend genossen und will jetzt bemitleidet werden. Ich bin auch nicht aus Stein, mein Körper hat damals gelitten. Aber das sieht niemand, versucht Theresa sich zu rechtfertigen.

Der Sohn muntert den Vater auf, hält sich an ihn wie Männer es oft tun.

Die Kinder scheinen Theresa nicht zu verstehen, wenn sie ihnen sagt, wie sie einst unter Jürgens Untreue gelitten hätte, dass sie nur ihretwegen alles ertrug. Wie sollte sie die Kinder ohne Vater lassen? Wie schwer und bitter war das für sie? Ihre Kinder aber antworten nur:

Mama, rühr nicht mehr an die Vergangenheit, belaste Papa nicht, meint die Älteste. Auch ihr Bruder steht auf der Seite der Schwester.

Mama, was vorbei ist, ist vorbei, beruhigt der Sohn sie und streichelt ihren Arm.

Es schmerzt Theresa schon, doch sie versteht ihre Kinder. Sie nimmt es nicht übel; das Leben ist wie es ist.

Danke fürs Lesen, für eure Unterstützung und eure Treue. Alles Gute euch!

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Homy
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Rühr nicht in alten Wunden: Taissias Lebensweg nach fünfzig Jahren – Zwischen Ehekrise, dörflichen Intrigen und der Suche nach innerem Frieden im Schatten einer schwierigen Vergangenheit
Die Geliebte meines Mannes war einfach umwerfend. Hätte ich als Mann wählen müssen, hätte ich genau sie ausgesucht. Es gibt diese Frauen, die ihren Wert kennen: Sie gehen mit aufrechtem Rücken, blicken offen und direkt, hören aufmerksam zu. Sie brauchen kein freizügiges Outfit, um aufzufallen, denn sie strahlen königliche Gelassenheit aus und geraten nie in Panik. Genau so eine Frau war sie – das genaue Gegenteil von mir. Denn wer bin ich? Immer in Eile, schimpfe auf Kinder und Mann, mir fällt alles aus den Händen, im Job Stress, der Chef unzufrieden. Ewig in Jeans und Pullovern unterwegs – ein Kleid oder eine Bluse bügeln, das ist für mich schon fast ein Kraftakt. Zum Glück habe ich den neuesten Wäschetrockner, der alles glatt bügelt und das Bügeleisen überflüssig macht. Aber die Geliebte? Perfekte Figur, Haltung, Beine, Haare, Augen, alles zum Niederknien! Seitdem ich davon erfahren habe – und erst recht, seit ich die beiden zufällig im Café in Barmbek gesehen habe, halte ich innerlich die Luft an. Mein Mann hielt ihre Hände, küsste ihre Finger… Wie aus einem alten Gedicht, dachte ich ironisch. Aber objektiv: Die Frau war der Hammer. Ich fühlte mich komisch, wie nach einem Sonnenbrand – der Moment, in dem man weiß, dass es gleich richtig weh tut, aber noch ist alles leer. Nichts. Mein Mann kam pünktlich und war wie immer: ausgeglichen, humorvoll – der typische hanseatische Sanguiniker. Ich dagegen: leicht entflammbar, rastlos, hektisch. Jetzt hätte ich auch gern etwas von seinem Humor gehabt. Den ganzen Abend wollte ich ihn direkt fragen – möglichst kühl und sachlich: „Und, wie läuft’s mit deiner Geliebten? Hab euch letztens im Café gesehen, wow, die ist wirklich toll. Verstehe dich. Hätte ich an deiner Stelle vielleicht auch nicht widerstehen können…“ Und dann zusehen, wie ihm der Schweiß ausbricht und er zu stottern beginnt. Ich hätte weitermachen können: „Na, wann stellst du sie eigentlich den Kindern vor? Sie wird ihnen bestimmt gefallen. Und mich? Wo soll ich hin? Bringt sie wenigstens eine eigene Wohnung mit oder zieht sie bei uns ein?“ Aber ich sagte nichts. Er kuschelte sich wie gewohnt im Bett an mich und schlief schnell ein. Vielleicht läuft bei denen noch gar nichts – dachte ich, als ich mich an meinen Bettrand verzog und leise lachte. Jetzt denke ich schon wie eine Frau, die live beim Betrügen zusehen durfte und trotzdem vor allen so tut, als sei nichts passiert. Vielleicht ist es bei denen ja nur die Anfangsphase – erste Sympathiewellen, abgestimmte Atemzüge, gleiche Gedanken. Ein Profi halt, mein Mann. Nicht ein Muskelzucken, kein verräterisches Wort! Ich wälzte mich im Bett, schlief unruhig, träumte von knallbunten Blumen und fremden Frauen in roten Kleidern. Am Morgen bewegte ich mich träge durch die Wohnung, machte die Kinder fertig, alles wie immer – zumindest nach außen. Aber was tun? Was machen Frauen in so einer Situation? Sollte ich googeln? Google half nicht. Ich hatte keine Antworten. Einfach weitermachen wie bisher? Was soll’s – ich lebe ja schon so weiter. Nichts hat sich geändert: Gewohnter Alltag, pünktlicher Mann, kein Lippenstift an seinem Hemd, kein fremdes Parfüm, tobende Kinder, Sonntag Kino. Routinemäßiger Sex zweimal die Woche – manchmal dreimal, wenn man die Details genau nimmt. Vielleicht war ich im Café doch im Irrtum? War ich nicht. Ich rief ihn mittags an – keine Antwort. Also setzte ich mich ins Taxi und fuhr wieder zu dem Café in Barmbek. Vorher erklärte ich dem Fahrer, wir würden dort „arbeiten, auf ein Paket warten“. Da stand sein Auto. Mein Mann und sie kamen raus, stiegen in sein Auto und fuhren davon. Ich wurde ganz weiß, bat den Taxifahrer um Wasser, spielte einen Anruf ins Leere vor: „Ist egal mit eurem Paket, ich warte nicht länger, fahre jetzt zur Arbeit!“ Komisch, dass mir immer noch nicht egal war, was der Taxifahrer denkt. Die Erkenntnis, dass es eine Geliebte gibt, stellt das ganze Leben auf den Kopf. Sich trennen? Wahrscheinlich. Einfach weitermachen? Warum? Was soll das bringen? Ich erinnerte mich daran, wie es vor ein paar Jahren bei Freunden war: Er hatte eine Affäre, log und bestritt alles – bis die Beweise nicht mehr wegzureden waren. Mein Mann sagte damals: „Also ich würde nie lügen. Wer Mist baut, soll die Größe haben, es zuzugeben und die Familie abzusichern oder ganz zu gehen.“ Damals war ich richtig stolz auf ihn. Verantwortungsbewusst, mein Hamburger Jung. Lustig, wie leicht das über andere zu sagen ist, wenn es einen selbst nicht trifft. Aber wenn man plötzlich selbst mittendrin steckt, verlässt einen aller Mut, sobald beide – Frau und Geliebte – einem gegenüber sitzen. Ich setzte mich im Café einfach zu ihnen. Die Geliebte schaute überrascht auf. Mein Mann wurde blass. „Ist doch nicht das, was ich denke, oder?“, fragte ich und hob die Hand, um ihn am Reden zu hindern. „Wissen Sie was? Eigentlich ist das kein Drama. Sowas passiert. Aber jetzt überlegt mal, wie ihr das löst – Kinder, gemeinsame Wohnung, alte Eltern. Ihr schafft das schon! Ihr seid doch erwachsen.“ Dann stand ich langsam auf und verließ das Café. Das frisch gebügelte Kleid stand mir gut. Schade, dass ich es so lange nicht getragen hatte.