Mit sechzig begreift man plötzlich: Was früher wie ein Unglück erschien, war in Wahrheit oft ein Glück.
IRGENDWO ZWISCHEN 30 UND 60
Hedwig bereitete sich auf ihren sechzigsten Geburtstag vor. Die Zahl klang bedrohlich, sie wollte sie gar nicht laut aussprechen. Früher galt das als der Anfang vom Alter und vom Rückzug, und selbst nach heutigen, viel liberaleren Maßstäben leitet man vom mittleren ins höhere Alter über. Schwer zu akzeptieren.
Das letzte Mal hatte sie ihr Alter so empfindlich gespürt, als sie dreißig wurde. Damals erschien es ihr, als sei die Jugend vorbei. Jetzt aber, im Rückblick auf ihre mittlerweile erwachsenen Kinder, konnte sie über diese Gefühle nur milde lächeln.
Hedwig horchte in sich hinein und betrachtete sich nachdenklich im Garderobenspiegel:
So schlimm ist es eigentlich gar nicht.
Sie drehte sich, begutachtete ihre Silhouette und schmunzelte:
Sieht vernünftig aus, fühlt sich an wie vierzig. Alles tut noch seinen Dienst, nichts schmerzt, toi toi toi.
Wir machen noch ein bisschen weiter, zwinkerte sie ihr Spiegelbild an und machte sich auf, die Einkäufe für ihren Mann zu erledigen.
Gefeitert sollte opulent werden: in einem Wellnesshotel im Allgäu, mit allen Freunden und Verwandten. Zuerst hatte sich Hedwig gesträubt so ein Datum bringe eher zur Besinnung als zum Feiern, und teuer sei es auch noch! Doch am Ende gab sie nach. Ihr Mann Friedrich, den alle nur Fritz nannten, übernahm die Organisation. Er versprach sogar eine Fotopräsentation mit Liedern von Reinhard Mey. Den Schnitt würde Fritzens jüngerer Bruder machen; die Fotos, wie immer, kamen von Hedwig selbst.
Sie platzierte sich auf dem Wohnzimmerteppich und ließ die ersten Fotoboxen kippen. Wären nicht zwei Auswanderungen und zahllose Umzüge gewesen, gäbe es noch viel mehr Bilder. Fast nichts blieb aus Kindheit und Jugend als sie Anfang Zwanzig aus der DDR nach Westdeutschland ging, war für Nostalgie kein Platz. Später fand sie bei ihren Eltern noch einige Bilder, doch auch die waren in einer ähnlichen Situation. Dann kam die erste Ehe, die Scheidung. Einige Fotos nahm sie mit: von sich selbst, von den Kindern, von Freunden. Vieles wollte sie später holen dazu kam es nie.
Friedrich, ihr zweiter Mann, fotografierte kaum im Gegensatz zur Leidenschaft des ersten Ehemannes. Doch auch mit ihm sammelten sich in den ersten Jahren einige Erinnerungen. Dann veränderte sich das Leben, keiner hatte mehr Lust auf Kameras. Die Bilder verschwanden in alten Handys, trockenen Festplatten und Ordnern, deren Namen längst vergessen waren. Alben, die man durchblättern konnte, existierten bald nicht mehr.
Beim Durchsehen fand sie ein Bild vom Abiturball im Kleid der Großeltern aus Israel. Dann ein Foto aus dem Praktikum nach dem vierten Semester. Und dort die Konfirmation des ältesten Sohnes. Wie aufgeregt er damals war!
Plötzlich, ein aneinanderklebendes Doppelbild. Behutsam löste sie es. Mathilde. Neben ihr Hedwig im dunkelblauen Abendkleid bei Mathildes Tochter Lisettes erstem Geburtstag.
Mathilde war gegen Winterbeginn in Hedwigs Ärztejahrgang am Uniklinikum München gestoßen, vorher war sie in der Gynäkologie. Klein, zart, kurzgeschnittener Schopf und riesige Augen sie wirkte wie ein Teenager, ein Waldelf. Man wollte sie beschützen, bis sie den Mund aufmachte: Dann beeindruckte ihre Klugheit sofort.
Mathilde war mit Mutter und Ehemann ihrem früheren Oberarzt und viel älter aus Leipzig gekommen. Vorbereitungskurse? Nicht nötig. Sie bestand alles auf Anhieb mit Spitzennoten und hätte jede Stelle haben können. Sie entschied sich für Gynäkologie: angesehen, praktisch, und in derselben Klinik wie ihr Mann. Nach einem halben Jahr in nächtlichen Schichten wechselte sie zur Inneren Medizin.
Die Freundschaft mit Hedwig war sofort eng. Als dann Mathildes Mutter Hedwigs Kind betreute, wurden sie zur Wahlverwandtschaft. Das Studium neigte sich dem Ende, Fachrichtungen wurden diskutiert:
Vielleicht Rheumatologie?, überlegte Hedwig.
Mathilde winkte ab: Warum das? Noch mal zwei Jahre weiterlernen, dann mühsam Patienten aufbauen! Als Internistin gehts direkt los; du bist Königin im System!
Du bist vernünftig! staunte Hedwig.
Am Ende blieb Hedwig bei der Inneren Medizin, Mathilde ging in die Rheumatologie. Nach Hamburg.
Mathildes Familie war ein Traum: Mutter, Ehemann, Bruder alle schwärmten von ihr. Bloß mit Nachwuchs wollte es nicht klappen. Künstliche Befruchtungen, Hoffen, Tränen. Doch dann, Überraschung es klappte! Ihre Tochter wurde kurz vor Abschluss der Weiterbildung geboren. Mathilde wollte in Hamburg bleiben, bei der großen sächsischen Community.
Der Abschied war tränenreich. Die Freundinnen telefonierten oft. Mathildes Mutter griff gern zum Hörer, vermisste Hedwigs Sohn, den sie stets mein Junge nannte. Später schlief der Kontakt langsam ein. Und plötzlich kam die Einladung zu Lisettes erstem Geburtstag dem Lisettenfest, dem sächsischen Pendant zum Agra Harik.
Mathilde berichtete, es würde alles groß aufgefahren: Kleid für 7.000 D-Mark, Pariser Friseur, Frisuren für 300 Mark das Stück und das alles Ende der 90er! Hedwig geriet leicht in Panik, doch ihre Friseurin Gertrud beruhigte sie:
Tolle Haare hast du! Jede bekommt das leicht hin: Bürste, Föhn, Haarspray das reicht!
Hedwig kaufte im Schlussverkauf ein nachtblaues Kleid mit Schulterfrei, einen Anzug für Friedrich, einen großen Koffer im Schachbrettmuster (die fand sie immer praktisch zum Wiederfinden) und ein Fläschchen Selbstbräuner. Zum Bräunen blieb keine Zeit; ihre bayerisch-bleiche Haut passte zwar zum Kleid, war aber zu Hamburg total deplatziert.
Freitagabend kamen sie spät an. Samstags: Sightseeing in Hamburg. Hedwig schlüpfte in bequeme Sneaker, Friedrich zog ein T-Shirt an, auf dem stand: München schlimmer geht immer! Und los gings auf Erkundungstour.
Der Plan: Planten un Blomen, Foto mit Elbphilharmonie, Jungfernstieg, Hafenrundfahrt. In Wirklichkeit: Planten un Blomen abgesperrt wegen Dreharbeiten, Alsterpromenade eingerüstet, Gedränge, Stau. Aber sie aßen etwas Teures, Gesundes, weniger Schmackhaftes. Friedrich murrte, machte aber brav Fotos.
Dann der Hafen, ein Yogi auf dem Geländer, gebratene Maiskolben, Skateboarder und der Duft von Sonnenmilch. Dazu die Fahrt über die Reeperbahn, wo jede Leuchtreklame wie eine Filmkulisse wirkte.
Da, hier hat angeblich Udo Lindenberg mal gefeiert, flüsterte Hedwig ins Reiseführerbändchen.
Vielleicht wars auch nur jemand, der so aussieht, brummte Friedrich.
In der Mönckebergstraße probierte sie Designerbrillen für 2.000 Mark, versprühte exklusives Parfum und stolzierte hinaus, den Duft wie eine Filmdiva hinter sich herziehend. Fast wie Pretty Woman. Beinahe.
Sonntag. Das Frühstück wurde hastig verschlungen, dabei hätte es Muße verdient. Hedwig begann mit den Festvorbereitungen. Der Bräuner, peinlich nach Anleitung verteilt, trocknete plötzlich nicht gleichmäßig: Ergebnis Zebra. Nur eben orange.
Hilfe von Friedrich lehnte sie ab er war nach Sektlaune am Morgen übertrieben ausgelassen, da wollte sie kein Risiko eingehen.
Alle Friseure geschlossen. Einziger offener Salon lag im Portugiesenviertel. Die Friseurin, die kein Deutsch sprach, drehte ihr energisch Lockenwickler in die Haare und übergoss alles mit einer Dose Haarspray. Besorgt riskierte Hedwig einen Blick: das orange Gesicht von einer Frisur umrahmt, steif wie ein Bauwerk und erinnernd an die Dauerwelle der 80er Jahre. Sehr schnell wandte sie sich ab und wiederholte diesen Fehler nie mehr.
Den Make-up-Job übernahm Friedrich selbst:
Du schminkst immer zu blass! Es muss kräftiger sein!
Mit passionierter Malerei trug er auf: Violett-blaue Lidschatten, beige Wangen, weinrote Lippen. Das Ergebnis verblüffend. Hedwig erschrak Friedrich war begeistert.
Auf der Straße versuchte sie ein Taxi zu winken. Nichts.
Ich glaube, die halten mich für eine Prostituierte, sagte sie. Probiers du mal. Wenigstens wirkst du wie ein seriöser Zuhälter.
Friedrich prustete, ging auf die Straße und winkte.
Das Fest war in Mathildes neuem Haus in Blankenese sächsische Hochburg in Hamburg. Alles funkelte: Tische, Kinder, Musik, Tanten, Kellner. Und mittendrin Mathilde bezaubernd wie immer. Mit Herpes.
Alles vom Stress, klagte die angehende Immunologin tragisch. Ich hab mich so bemüht!
Du bist die Schönste hier, entgegnete Hedwig. Und das war die Wahrheit.
Jetzt, wenn Hedwig auf das alte Foto blickt: das nachtblaue Kleid, orange Haut, die 80er-Frisur, Herpes bei der Freundin und junge, lebendige Gesichter. Damals schien alles eine Katastrophe, heute würde sie nichts davon missen wollen. Nicht den Herpes, nicht den Selbstbräuner, nicht diese absurde Frisur. Nur um noch einmal, mit aller Lebenslust, die Freundin an ihrer Seite, dieses Gefühl zu spüren, dass alles noch offensteht.
Denn, wenn man ehrlich ist: Irgendwo zwischen dreißig und sechzig da war das Leben herrlich. Und was danach kommt? Nun, die Bürste hab ich noch. Und sonnengebräunt bin ich inzwischen von ganz allein.




