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0965
Als Olga die Wohnung betritt, bleibt sie wie angewurzelt stehen: Neben ihrem und Ivans Schuhen steht ein Paar elegante High Heels – sie erkennt sie sofort als die ihrer Schwägerin. Was will Oksana hier? Ivan hatte nie etwas von ihrem Besuch erwähnt. „Olga, ist dein Mann wieder auf Geschäftsreise?“ ruft ihr Kollege Paul hinterher, als sie zur Bushaltestelle geht. „Wollen wir nach Feierabend einen Kaffee trinken? Deine Lieblings-Kakao, ein bisschen reden – sonst bleibt ja kaum Zeit für ‘Hallo’ oder ‘Tschüss’.“ „Tut mir leid, Paul, heute klappt‘s nicht. Ivan hat versprochen, früher nach Hause zu kommen, wir wollten gemeinsam die neue Küche aussuchen. Und nein, verreist ist er bestimmt nicht.“ „Und ist er wirklich immer pünktlich zuhause?“ fragt Paul mit kaum verhohlener Ironie. „Nicht immer,“ lächelt Olga und schüttelt den Kopf. „Wir brauchen im Moment dringend Geld, deshalb bleibt Ivan länger im Büro. Aber sobald die Wohnung fertig eingerichtet ist, wird sich das bestimmt ändern.“ Paul nickt, wünscht einen schönen Abend und biegt ab. Olga hat Glück: Der Bus kommt sofort, normalerweise wartet sie ewig. Am Fenster sitzend verliert sie sich in Gedanken. Früher wollten Paul und sie heiraten, aber dann trennte man sich aus unerklärlichen Gründen. Ivan kam schnell in ihr Leben; ins Standesamt ging sie eher aus Trotz, um Paul zu zeigen: Schau her, ich bin nicht allein – jetzt ärgere dich ruhig! Paul versuchte sich zu versöhnen, versprach ihr das Glück, wollte sie nie verletzen, ewig treu sein – aber Olgas Herz gehörte schon Ivan. Sie beschloss, dass sie Paul nie wirklich geliebt hatte – vielleicht hatte sie sich das nur eingeredet. Mit der Zeit verblasste die Erinnerung an ihn, bis er vor kurzem zur Filiale versetzt wurde. Er wirkte überraschend erfreut über das „Zusammentreffen“, Olga jedoch spürte, dass er extra diesen Wechsel beantragt hatte, als er von ihrer Position erfuhr. Sie mochte es irgendwie, dass Paul allein blieb und ihr immer noch freundschaftlich begegnete. Insgeheim wünschte sie ihm Glück – und beneidete seine zukünftige Frau ein wenig: Paul konnte charmant umwerben, war ein Romantiker. Ivan dagegen war kein Unglück im Glück, aber in letzter Zeit arbeitete er ständig. Er bemühte sich für die Familie, damit es ihnen an nichts fehlte, aber für Olga blieb kaum Zeit. Und ohnehin wohnten sie in Oksanas Wohnung. Die Schwägerin hatte das großzügig angeboten, solange ihre Kinder klein waren. Oksana und ihr Mann hatten nie Geldsorgen, für sie war die Wohnung bloß eine Investition – später würden die Kinder dort wohnen. Ivan und Olga renovierten nach eigenem Geschmack, kauften Möbel; oft dachte Olga, dass eine möblierte Mietwohnung vielleicht besser gewesen wäre. Das Geld für Renovierung hätte für ein paar Jahre Miete oder eine erste Hypothek gereicht. Aber Ivan strahlte regelrecht, als Oksana ihnen die Wohnung gab. Am Haus angekommen, atmet Olga den typischen Regen-Geruch ein – heute kann sie sich nicht daran erfreuen. Ihr Kopf ist voll Gedanken, keins hält lange, alles fliegt vorbei. Wie lange wohnen sie schon hier? Ein Jahr? Anderthalb? Die Wohnung fühlt sich immer noch wie eine Durchgangsstation an. Renoviert, eingerichtet, und immer wartet sie auf etwas „Besseres“, als müsse das wahre Leben erst beginnen – aber wann? Langsam steigt sie die Treppen hinauf, als sie die Tür öffnet, erstarrt sie: Neben den eigenen Schuhen die teuren High Heels der Schwägerin. Was will Oksana hier? Ivan hat nichts gesagt. Olga will schon ins Wohnzimmer rufen, doch ihre Intuition stoppt sie – sie horcht. Oksanas Stimme klingt von drinnen: „Wir wollten eigentlich Urlaub machen, aber mein Mann kann nicht, deshalb wollte ich dir die Reisegutscheine geben – aber nur unter einer Bedingung: Du fährst nicht mit deiner Frau, sondern mit Vera.“ Olga zuckt innerlich zusammen. Vera? Den Namen hat Ivan mal beiläufig erwähnt, Oksana wollte ihn wohl mit ihrer Freundin verkuppeln. Damals dachte Olga nichts dabei… jetzt aber schnürt ihr die Angst die Kehle zu. Ivan klingt genervt: „Ich brauche Vera nicht, Oksana, ich hab Olga. Warum fängst du wieder damit an?“ Olga atmet auf. Oksana will nur ihre Meinung durchsetzen. Doch dann redet Oksana weiter: „Wen willst du täuschen, Ivan? Ich weiß, wie sehr du Vera mal geliebt hast – ihr wolltet heiraten, bis du gekränkt warst. Mit Olga bist du doch nur zusammen, damit Vera eifersüchtig wird. Sie wollte ja zurück, bat um Verzeihung – und du heiratest stattdessen Olga, aus Trotz!“ Olga klammert sich an die Wand. Hat Ivan sie wirklich nur geheiratet, um jemand anderen zu provozieren? Ihr Herz wird schwer. Auch sie war schnell nach der Trennung von Paul mit Ivan zusammengekommen… Aber jetzt lieben sie sich, das weiß sie doch! Oder? Ivan sagt: „Das ist vorbei, Oksana. Ich bin verheiratet, das zählt jetzt.“ Doch Oksana bleibt hartnäckig: „Was heißt verheiratet? Keine Kinder, zum Glück! Und ‘ne eigene Wohnung hast du auch nicht. Mit Vera hättest du alles – sie hat neulich eine neue Dreizimmerwohnung von ihren Eltern bekommen. Und sie liebt dich immer noch…“ Olga zittert vor Grimm und Enttäuschung, ist wie gelähmt. Was wird Ivan jetzt sagen? Ivan zögert: „Oksana… hör auf… Wohnen ist nicht alles. Wir finden schon unser eigenes Zuhause.“ Doch Oksana lässt nicht locker: „Du verweigerst Veränderungen. Vera war schon immer die bessere Wahl. Wenn du mit Olga weiterziehst, wirst du nie wirklich glücklich. Und übrigens: Ich kann euch meine Wohnung nicht mehr lange überlassen, ich habe andere Pläne – bald müsst ihr ausziehen.“ Ivan fragt leise: „Weiß Vera von deinen Plänen?“ „Natürlich!“ antwortet Oksana prompt. „Sie wollte das so. Die Reisegutscheine stammen von ihr – sie hat mich gebeten, mitzumischen.“ Es wird still. Olga fragt sich panisch, ob Ivan wirklich darüber nachdenkt. Dann hört sie ihn: „Und was sage ich Olga?“ „Sag einfach, du hilfst mir beim Renovieren im Gartenhaus. Währenddessen fährst du mit Vera ans Meer. Ganz unkompliziert.“ Olga hält es nicht mehr aus und schleicht sich heimlich aus der Wohnung. Ihre Füße tragen sie, wie von selbst, in ein stilles Café. Sie bestellt Vanille-Kakao, starrt aus dem Fenster in den Regen, während die Fetzen der gehörten Gespräche ihr keine Ruhe lassen. Wieder und wieder gehen Oksanas Worte ihr durch den Kopf. Konnte Ivan wirklich so lange schweigen, dass er früher beinahe Vera geheiratet hätte? Und dann die Bemerkung mit Paul – Olga und Ivan, beide hatten wohl aus Trotz geheiratet. Aber sie – Olga – liebt ihren Mann wirklich. Sie hat sich sogar geweigert, mit Paul ins Café zu gehen, von Meer ganz zu schweigen. Draußen wird es Nacht, Olga sitzt im Café, ohne den Kakao zu berühren. Die Zeit scheint stillzustehen. Ivan ruft nicht einmal an. „Wahrscheinlich plant er schon das Meer mit Vera,“ denkt sie bitter. Doch ihr Handy ist aus – Akku tot. Es bleibt nichts übrig, als nach Hause zu gehen. Draußen weht kühler Abendwind, Olga überredet sich selbst, dass das Ende ihrer Ehe gekommen ist. Die Trennung scheint unvermeidlich. Wieder zuhause, alles dunkel, leise – statt Gemütlichkeit entdeckt sie Reisetaschen. Ivan packt. „Jetzt fährt er also wirklich“, denkt sie. „Was machst du?“ fragt sie, obwohl sie die Antwort ahnt. Doch Ivan sagt: „Olga, wir gehen. Ich hab schon eine neue Wohnung gefunden. Erst mal zur Miete, aber demnächst nehmen wir einen Kredit. Es reicht, ich will nicht länger von Oksana abhängig sein.“ Olga kann es kaum fassen. Alles, was sie ihm sagen wollte, verliert an Bedeutung. „Wir gehen?“ fragt sie flüsternd. Ivan merkt die Unsicherheit und erklärt: „Ich habe mich mit Oksana gestritten – und beschlossen: Jetzt ist Schluss. Wir brauchen unser eigenes Zuhause.“ Olga fühlt erstmals Entspannung, aber noch ist nichts erledigt. Ivan setzt sich auf das Sofa, sie neben ihm, und er erzählt die ganze Geschichte – auch über Vera. „Ich bin mit dir verheiratet – ja, damals wollte ich Vera eins auswischen. Aber das ist vorbei. Du bist meine Liebe, ich will dich nicht verlieren.“ Olga spürt Erleichterung – die Enttäuschung bleibt, aber Offenheit zählt jetzt. „Tut mir leid, dass ich nie darüber gesprochen habe. Aber als du von Paul erzählt hast, dachte ich, es sei nicht der richtige Moment; später wollte ich es einfach nicht mehr zum Thema machen.“ Sie seufzt, Tränen steigen in ihre Augen – aber Erleichterung überwiegt. „Okay, was vorbei ist, ist vorbei. Du sagst, du hast eine Wohnung?“ „Ja. Vorübergehend, aber unser eigenes Zuhause. Ohne Oksana, ohne ihre Einmischung. Wir schaffen das zusammen – und irgendwann kaufen wir etwas.“ Olga nickt. Das ist ihr Weg: Endlich für sich leben, unabhängig von anderen. Ivan lächelt: „Also, packen wir gemeinsam?“ Olga nickt wieder, stumm. Sie glaubt: Ihr Leben beginnt jetzt wirklich neu – egal, was war, die Zukunft wird gemeinsam gestaltet. — Olga zwischen Vergangenheit und Neuanfang: Wie ein niemals ganz eigenes Zuhause, Familiengeheimnisse und alte Liebschaften ihr Leben durcheinanderwirbeln – und wie sie gemeinsam mit Ivan ihren eigenen Weg wählt
Als ich nach Hause kam, bin ich erstmal stehen geblieben direkt im Flur, da wo immer unsere Schuhe stehen
Homy
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053
Der Geschmack der Freiheit – Den letzten Schliff haben wir vergangenen Herbst gesetzt, – begann Vera Ignatjewna ihre Erzählung. Stundenlang haben wir Tapeten ausgesucht, uns bis zur Heiserkeit über die Farbe der Badezimmerfliesen gestritten – und dabei lächelnd daran gedacht, wie wir vor zwanzig Jahren von dieser „Drei-Zimmer-Wohnung“ geträumt haben. – Na endlich, – sagte mein Mann zufrieden, als wir das Ende unserer Renovierung feierten, – jetzt können wir unseren Sohn unter die Haube bringen. Misha wird seine Frau hierher bringen, sie werden Kinder bekommen und unser Haus wird laut, lebendig – ein echtes Zuhause eben. Doch seine Träume sollten nicht in Erfüllung gehen. Unsere älteste Tochter Katja kam mit zwei Koffern und zwei Kindern zurück ins Elternhaus. – Mama, ich habe keinen anderen Ort mehr, – sagte sie, und diese Worte haben all unsere Pläne auf einen Schlag zunichte gemacht. Mishas Zimmer haben wir den Enkeln gegeben. Er hat es zum Glück mit einem Achselzucken genommen: – Kein Problem, bald hab ich ja mein eigenes. Sein „eigenes“ – das ist die Ein-Zimmer-Wohnung meiner Mutter. Auch dort ist alles frisch renoviert, und wir hatten sie an eine junge Familie vermietet. Jeden Monat kam eine kleine, aber sehr wichtige Summe auf unser Konto – unsere „Notreserve“ für die Zeit, in der wir alt und hilfsbedürftig sein würden. Einmal habe ich Misha und Lera, seine Verlobte, dabei gesehen, wie sie an diesem Haus vorbeigingen und, mit erhobenen Köpfen, darüber diskutierten. Ich wusste natürlich, worauf sie hofften, aber ich bot ihnen nichts an. Bis ich eines Tages hörte: – Vera Ignatjewna, Misha hat mir einen Antrag gemacht! Wir haben sogar schon einen Platz für die Hochzeit gefunden! Können Sie sich das vorstellen? Mit einer richtigen Kutsche! Und einer Harfe, live! Und einer Sommerterrasse! Die Gäste schlendern im Garten… – Und wo wollt ihr nach der Hochzeit wohnen? – konnte ich nicht anders und fragte nach. – So eine Hochzeit geht sicher ins Geld! Lera schaute mich an, als hätte ich nach dem Wetter auf dem Mars gefragt: – Erstmal wohnen wir bei Ihnen. Und dann – schauen wir weiter. https://clck.ru/3RKgHm – Katarinas Zimmer ist schon mit Kindern voll, – sagte ich langsam. Es wird eher eine WG als eine Wohnung. Lera schob die Lippen nach vorn. – Ja. Bei euch ist das wohl keine Option. Dann suchen wir uns eben ein echtes Studentenwohnheim. Da mischt sich wenigstens keiner ein. Dieses spitze „keiner mischt sich“ traf mich. Habe ich mich etwa eingemischt? Ich wollte sie nur vor einem törichten Schritt bewahren. Später folgte das Gespräch mit Misha – mein letzter Versuch, ihn zu erreichen. – Sohn, warum dieses Gehabe? Heiratet einfach still und legt das Geld als erste Anzahlung zurück! – meine Stimme zitterte vor Sorge. Er blickte starr aus dem Fenster. – Mama, warum feiert ihr seit fünfundzwanzig Jahren jedes Ehejubiläum im „Goldenen Drachen“? Ihr könntet doch auch zu Hause bleiben – wäre doch billiger. Darauf wusste ich keine Antwort. – Na also, – spottete er, – ihr habt eure Tradition, wir schaffen unsere eigene. Er setzte unser bescheidenes Familienessen mit ihrer Hochzeits-Show für eine halbe Million gleich! In Mishas Augen sah ich keinen Sohn, sondern einen Richter. Einen, der sein Urteil gesprochen hat: Ihr seid Heuchler. Euch ist alles erlaubt, mir nichts. Vergessen hatte er dabei, dass sein Vater und ich immer noch den Kredit für sein Auto abbezahlen. Über unsere „Notreserve“ hat er nie nachgedacht. Aber jetzt braucht er eine Hochzeit! Und was für eine! Am Ende waren Sohn und Schwiegertochter auf mich beleidigt – besonders, dass ich die Schlüssel von Omas Wohnung nicht rausrückte. *** Eines Abends kam ich sehr spät in einem fast leeren Bus nach Hause und sah mein Spiegelbild. Eine müde Frau, viel älter als sie eigentlich ist. Mit schwerer Einkaufstasche und Angst im Blick. Plötzlich, mit schmerzhaft klarer Erkenntnis, wurde mir bewusst: Ich mache alles aus Angst! Angst, zur Last zu werden. Angst, von den Kindern verlassen zu werden. Angst vor der Zukunft. Ich gebe Misha die Wohnung nicht, weil ich sie nicht entbehren kann, sondern weil ich fürchte, am Ende mit nichts dazustehen. Ich zwinge ihn, sich selbst zu behaupten, zahle ihm aber gleichzeitig sein Leben: Was, wenn er es nicht schafft und enttäuscht ist? Ich fordere reife Entscheidungen von ihm, behandle ihn aber wie ein Kind, das nichts versteht oder kann. Eigentlich wollen Misha und Lera einfach einen schönen Start ins Leben – mit Kutsche und Harfe. Albern und verschwenderisch, aber letztendlich ihr gutes Recht! Solange sie selbst zahlen. Also vereinbarte ich mit den Mietern, dass sie schnellstmöglich eine andere Bleibe finden. Einen Monat später rief ich Misha an: – Kommt vorbei. Wir müssen reden. Sie kamen vorsichtig, kampfbereit. Ich stellte Tee auf den Tisch und legte den Schlüsselbund der Wohnung meiner Mutter daneben. https://clck.ru/3RKg9f – Nehmt ihn. Aber freut euch nicht zu sehr: Das ist kein Geschenk. Die Wohnung steht euch ein Jahr zur Verfügung. Bis dahin müsst ihr euch entscheiden: Entweder nehmt ihr einen Kredit auf oder bleibt – aber zu anderen Konditionen. Die Miete für das Jahr – geschenkt. Sehen wir als meine Investition. Aber nicht in eure Hochzeit, sondern in eure Chance, eine Familie zu werden – und nicht bloß Mitbewohner. Lera riss die Augen auf. Misha starrte auf die Schlüssel. – Mama… und Katja? – Auch für Katja gibt’s eine Überraschung. Ihr seid erwachsen. Jetzt tragt ihr Verantwortung für euer Leben. Wir sind nicht länger euer Hintergrund und euer Bankomat. Wir sind einfach Eltern. Die lieben, aber nicht retten. Stille. Endlich. – Und die Hochzeit? – fragte Lera unsicher. – Hochzeit? – Ich zuckte mit den Schultern, – macht, was ihr wollt. Findet ihr eine Harfe – nehmt die Harfe. *** Sie zogen ab – und ich hatte plötzlich riesige Angst. Was, wenn sie scheitern? Was, wenn sie für immer auf mich böse sind? Aber zum ersten Mal seit Jahren holte ich tief Luft. Denn endlich hatte ich „Nein“ gesagt! Nicht ihnen – meinen eigenen Ängsten. Und ließ meinen Sohn ins Erwachsenwerden ziehen, ins unabhängige, manchmal schwere Leben. Wie auch immer es werden sollte… *** Nun die Sicht des Sohnes. Lera und ich wollten, dass unsere Hochzeit außergewöhnlich wird. Die Scheidung meiner Schwester machte unsere Pläne zunichte. Als Mama sagte, so eine Hochzeitsfeier lohne sich nicht, ist in mir etwas zerbrochen. – Warum feiert ihr dann euer Jubiläum immer im Restaurant? – schoss ich heraus. – Zu Hause wäre es günstiger! Ich sah, wie Mama blass wurde. Ich wollte wirklich verletzen. Ich war zutiefst gekränkt. Ja, sie haben mir das Auto geschenkt. Und? Ich hab nicht darum gebeten! Jetzt halten sie mir die Kreditrückzahlung immer vor. Was hab ich damit zu tun? Sie haben entschieden, sie zahlen. Sie haben die Wohnung renoviert. Angeblich für uns. Aber wohnen können wir da nicht. Omas „Ein-Zimmer-Wohnung“ ist ein Heiligtum – wichtiger als die Hochzeit des einzigen Sohnes! Und nun? Wie zeigen Lera und ich uns selbst und der Welt, dass es uns gibt, als Paar? Lera senkte einmal verschämt den Blick: – Misha, ich kann dir nichts bieten. Meine Eltern können nicht helfen – sie zahlen selbst eine Wohnung ab. – Du gibst mir dich, – antwortete ich, um sie zu beruhigen. Tief im Innern war ich jedoch wütend. Nicht auf sie, sondern auf die Ungerechtigkeit. Warum bleibt alles an meinen Eltern hängen? Und warum helfen sie mit so verbitterter Miene, als stecke mit jedem Euro ein Nagel mehr in ihren eigenen Sarg? Solche Hilfe tut nicht gut – sie macht schuldbewusst. Viel unausgesprochener Ärger lag in der Luft. Da kam der Anruf. Mamas Stimme war seltsam klar und fest. – Kommt vorbei. Wir müssen reden. Wir fuhren hin wie zum Richttag. Lera drückte meine Hand: – Sie wird unsere Hochzeit nicht unterstützen, flüsterte sie. – Gar nicht. – Vielleicht, – nickte ich. *** Auf dem Tisch lag der Schlüsselbund von Omas Wohnung. Den Schlüsselanhänger erkannte ich sofort – aus meiner Kindheit. – Nehmt ihn, – sagte Mama. Und hielt eine kurze, aber revolutionäre Rede. Über ein Jahr Zeit. Über Entscheidungen. Über das Ende des „Bankomats und Hintergrunds“. Das ewige Argument „wir haben keinen Platz zum Wohnen“ war verpufft, und die Hoffnung „Mama und Papa regeln alles“ niedergerissen. Ich hielt die Schlüssel. Sie waren kalt und irgendwie schwer. Und plötzlich kam die Erkenntnis, schmerzhaft und klar: Wir hatten viel gewollt und uns gekränkt, aber nie ehrlich mit den Eltern gesprochen: „Mama, Papa, wir verstehen eure Ängste. Lasst uns bereden, wie wir vorwärts kommen – ohne euch kaputt zu machen. “ Nein, wir erwarteten einfach, dass sie unsere Wünsche erraten und erfüllen – ohne Worte, ohne Bedingungen, mit Lächeln. Wie früher. – Und die Hochzeit? – fragte Lera leise. – Eure Hochzeit? – Mama zuckte die Schultern, – findet ihr eine Harfe, dann gibt es eine Harfe. Wir gingen hinaus. Ich spielte mit den Schlüsseln in der Tasche. – Was tun wir jetzt? – fragte Lera. Nicht wegen der Wohnung. Wegen allem. – Ich weiß es nicht, gab ich ehrlich zu. – Jetzt ist das unsere Sache… Diese neue Verantwortung war gruselig und gleichzeitig wild und befreiend. Und der erste Schritt war – zu überlegen, brauchen wir wirklich die Kutsche und die Harfe? Traditionen sind schön, aber sie müssen auf mehr gründen als nur einem besonderen Tag… *** Und wie ging es weiter? Das Erwachsenenleben von Misha und Lera begann tags drauf. Endlich zusammen! In einer eigenen Wohnung! Sie gehört ihnen (noch) nicht, aber immerhin. Klein, aber gemütlich. Alles frisch renoviert. Und keiner sonst da! Zuerst, natürlich: jeden Tag Gäste! Ist ja Freiheit! Nach einem Monat dann ein gemeinsamer Wunsch: ein Hund muss her! Und nicht irgendeiner – ein Großer! Lera hatte immer von einem Hund geträumt, durfte aber nie einen haben: Mama war dagegen. Bei Misha war es anders – er hatte als Kind einen Hund, doch der lief weg. Tragisch… Schnell zog das letzte Glücks-Element ein: ein süßer Retriever namens Lexus. https://clck.ru/3RKgGM Der Dreimonatige machte sich gleich bemerkbar: Ecken kratzen, Möbel anknabbern, Pfützen überall. Als Vera Ignatjewna die Kinder besuchen kam, war sie entsetzt: Von dem neuen Mitbewohner hatte sie keiner informiert. – Misha! Lera! Wie konntet ihr! Nicht mal gefragt! – Sie war den Tränen nah, – und warum überhaupt? Für so einen Hund muss man ständig da sein, und ihr lasst ihn allein! Klar, dass er alles kaputt macht. So viel Fell – räumt ihr das überhaupt weg? Und der Geruch! Nein! Das geht zu weit! Ihr müsst den Hund zurückgeben! Und zwar morgen! – Mama, – nickte Misha unzufrieden, – du hast uns die Wohnung für ein Jahr versprochen. Und jetzt willst du jedes Mal bestimmen, wie wir leben? Willst du die Schlüssel zurück? – Ganz sicher nicht, – rief Vera Ignatjewna, – ich halte mein Wort. Ein Jahr heißt ein Jahr. Aber: Ihr müsst die Wohnung im selben Zustand zurückgeben, wie ihr sie bekommen habt. Ist das klar? – Klar, – sagten Misha und Lera fast gleichzeitig. – Bis dahin braucht ihr mich nicht erwarten. Ich will das nicht sehen. *** Mama blieb dabei. Kam nicht mehr. Rief selten an. Vier Monate später war Misha wieder zu Hause – er und Lera hatten sich getrennt. Er erzählte noch lange, wie wenig sie haushalten konnte. Kochen klappte nicht. Sich um den Welpen nicht – erst recht nicht mit Gassigehen. Zum Schluss mussten sie Lexus zurückgeben. Es war eine Aktion. Eine Woche lang Überredungskünste. Hundefutter hatten sie für drei Monate gekauft – so hatte es der Züchter verlangt. Und das kostete! – Hast du dich da vielleicht mit Lera zu sehr beeilt? – fragte Vera Ignatjewna mit einem versteckten Lächeln, – Ihr wolltet doch Hochzeit – mit Kutsche und Harfe… – Hochzeit, Mama!? Ich bitte dich! Miet Oma ihre Wohnung ruhig wieder. – Wozu? Willst du nicht dort wohnen? Hast dich doch dran gewöhnt, oder? – Nee, dann lieber wieder hier zu Hause, – schüttelte Misha den Kopf, – oder bist du dagegen? – Ich bin immer dafür, – antwortete Vera Ignatjewna, – zumal es jetzt ohne Katja und die Kinder wieder ziemlich leer geworden ist…
Der Geschmack der Freiheit Den Umbau haben wir letzten Herbst abgeschlossen, begann ihr Bericht meine
Homy
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019
Das Wochenendhaus – Es heilt alles – Bist du verrückt geworden? Ich habe Nina extra gesagt, dass du kommst! Sie hat extra für dich das beste Stück zurückgelegt! Irina stand wie erstarrt mit dem Einkaufstüte in der Hand. Die Schwiegermutter stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und blickte sie an, als hätte Irina nicht etwa Fleisch im Supermarkt gekauft, sondern gleich eine Bank ausgeraubt. – Frau Katharina, ich habe es einfach nicht rechtzeitig zum Markt geschafft, – versuchte Irina ruhig zu bleiben. – Nach der Arbeit musste ich noch Ihr Kleid aus der Reinigung holen, dann noch zur Apotheke… – Und zu telefonieren? Bescheid zu geben? Nina hat auf dich gewartet, bis zur Ladenschließung! Danach hat sie mir eine Stunde lang ins Telefon geheult, dass ich sie hängen lasse! Irina stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr wurde mulmig zumute. – Das Fleisch ist gut, ganz frisch, – sie holte die Packung heraus, zeigte sie ihrer Schwiegermutter. – Sehen Sie, feinstes Rindfleisch, marmoriert, kühl gelagert… Katharina warf keinen Blick darauf. Sie trat an den Tisch, schob die Packung mit spitzen Fingern weg. – Supermarktware, voll mit Chemie. Sascha isst sowas nicht, sein Magen ist empfindlich. – Sascha hat genau das letzte Woche selbst gekauft, – platzte es aus Irina heraus. Ein Fehler. Die Schwiegermutter lief rot an. – Eben! Der Mann läuft selbst los, weil die Frau nichts auf die Reihe kriegt! Drei Jahre, Irina. Drei Jahre bist du in dieser Familie, und was hat’s gebracht? Du kannst nicht kochen, im Haushalt ist von dir keine Hilfe zu erwarten, und Kinder willst du auch keine… – Frau Katharina, das ist nun wirklich unfair. – Unfair? – schnaubte die Schwiegermutter. – Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und mich nie getraut, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Und du? Bist aufsässig, ignorierst meine Ratschläge, machst dein eigenes Ding… Katharina ging in den Flur, zog ihre Tasche von der Garderobe. Jede Bewegung war eine kleine Demonstration. – Ich sag’s Sascha schon lange: Scheid dich, solange es noch geht. Such dir eine vernünftige Frau. Eine, die ihren Mann schätzt, statt… Sie brach ab, warf eine Handbewegung und schlüpfte in ihre Schuhe, ohne sich zu bücken. Irina stand in der Küchentür, krallte sich in den Rahmen. – Auf Wiedersehen, Frau Katharina. Die Schwiegermutter antwortete nicht. Die Tür fiel zu und es wurde still in der Wohnung. Irina rutschte langsam an der Wand herunter und setzte sich auf den kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag einsam auf dem Tisch, und sie hatte nicht einmal Lust, es anzusehen, nicht das Fleisch, nicht die blitzblanke Küche, und erst recht nicht die Hochzeitsfotos, auf denen Katharina so gezwungen lächelte, als hätte sie einen Nagel im Schuh. Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich Mühe gegeben. Rezepte gelernt, die Sascha aus Kindheitstagen mochte. Die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter überstanden, bei denen jedes Gericht einen Kommentar bekam: »Unser Sascha isst die Kartoffeln aber nur gewürfelt, nicht als Streifen.« Gelächelt, genickt, sich entschuldigt für Dinge, die gar nicht in ihrer Verantwortung lagen. Und trotzdem – nie gut genug. Immer – »Besser wär’s, er würde sich trennen.« Irina lehnte den Kopf nach hinten, drückte ihr Hinterhaupt gegen die Wand. Die Decke müsste neu gestrichen werden. Das sollte sie Sascha sagen. Aber was soll’s. Zwei Wochen lebte Irina wie ein Partisan hinter feindlichen Linien. Auf Anrufe der Schwiegermutter antwortete Sascha, Sonntagsessen wurden mit »dringenden Terminen« abgesagt, und eine zufällige Begegnung endete mit einem schnellen »Hallo« und panischer Flucht. Dann rief der Notar an. Ihr Großvater, den sie kaum fünfmal im Leben gesehen hatte, war gestorben. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann ihr ein Wochenendhaus vererbt hatte, keine vierzig Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kleines Grundstück im Kleingartenverein »Morgensonne«. – Wir sollten zumindest mal nachsehen, – Sascha drehte den Schlüsselanhänger mit der abgewetzten Erdbeere in der Hand. – Fahren wir am Samstag hin? Irina nickte. Samstag war okay. Sie hatte eine Sache vergessen. – Sascha, ich komm mit! – Katharina tauchte Samstagmorgen um halb acht im Türrahmen auf, in Gummistiefeln und mit Körbchen. – Das soll da voll das Pilzparadies sein, sagt Nina! Irina begann schweigend, Tee in die Thermoskanne zu füllen. Sie sah einem »wunderbaren« – selbstverständlich ironisch gemeinten – Tag entgegen. Das Wochenendhaus war genauso, wie Irina es sich vorgestellt hatte. Ein windschiefes Häuschen, ein zugewucherter Garten, ein Zaun, gehalten von der reinen Hoffnung und zwei rostigen Nägeln. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und alten Zeitungen. – Sascha, – Irina zupfte ihn am Ärmel, senkte die Stimme. – Lass es uns verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende hin, Beete jäten… Das ist nicht unser Leben. Sascha öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte: – Wie verkaufen?! – Katharina erschien hinter ihnen wie aus dem Nichts. – Seid ihr verrückt? Das ist Land! Ein eigenes Grundstück! Für sowas… Sie legte die Hand auf die Brust, die Augen funkelten verdächtig. – Gebt mir die Schlüssel. Ich bring hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, mache das Häuschen hübsch. In einem Jahr dankt ihr mir noch! Irina betrachtete sie skeptisch. Da stand die Schwiegermutter auf dem überwucherten Grundstück, die Stiefel in altem Laub, und strahlte regelrecht. – Frau Katharina, das sind… – Irina, – Sascha drückte sanft ihren Arm. – Lass Mama doch machen. Sie freut sich doch. Was soll’s, es schadet ja keinem. Schaden tat es wirklich nicht. Es war einfach… seltsam. Aber diskutieren wollte Irina erst recht nicht. Sie reichte ihrer Schwiegermutter wortlos die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger. …Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Ein sonderbarer, surrealer Nebel, in dem Katharina nur noch aus praktischen Gründen anrief, nie unangemeldet aufkreuzte und – das Unglaublichste – kein einziges Mal vom Fleisch vom Markt, von fehlenden Enkeln oder falsch geschnittener Kartoffel sprach. Am Telefon war ihre Stimme munter, fast fröhlich: »Sascha, mir geht’s bestens! Hab alle Hände voll zu tun, wir hören voneinander!« Irina verstand nichts. Ein Trick? Die Ruhe vor dem Sturm? Oder war die Schwiegermutter ernsthaft krank und wollte es nicht sagen? – Sascha, – fragte sie eines Abends, – ist mit deiner Mutter wirklich alles in Ordnung? – Klar, – winkte Sascha ab. – Sie ist mit dem Wochenendhaus beschäftigt. Da gibt’s wohl mehr zu tun, als gedacht, sagt sie. Am Freitag rief Katharina selbst an. – Morgen seid ihr bei mir! Ich grille, zeige euch das Grundstück. Ich hab soviel geschafft! Kommt, dann seht ihr’s selbst! – Sascha, ich will da nicht hin, – Irina schüttelte den Kopf, als Sascha ihr die Einladung weitergab. – Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder volle Fahrt? – Sie hat sich so Mühe gegeben, Irina. Sie wäre verletzt, wenn wir nicht kommen. – Sie fühlt sich immer verletzt. – Bitte, – Sascha blickte sie so seelenvoll an, dass Irina nachgab. Gut, Samstag also… Und am Samstag erkannte Irina ihre Schwiegermutter nicht wieder. Katharina stand am Gartentor im Leinenkleid, die Arme braungebrannt und von frischer Röte überzogen. Das war kein aufgesetztes Höflichkeitslächeln, sondern eine echte, warme Miene, die sie Jahre jünger erscheinen ließ. – Ihr seid da! Endlich! – Katharina breitete die Arme aus, und Irina trat fast automatisch näher, ließ sich umarmen. Nach Erde, Dill und irgendwie Honig roch sie. Das Grundstück war kaum wiederzuerkennen. Ordentliche Beete zogen sich in Reih und Glied am neuen Zaun entlang, der den Wind jetzt locker überstand. Junge Johannisbeerbüsche trugen frisches Grün, und unter den Fenstern blühten Tagetes. – Kommt mit, ich zeig euch alles! – Katharina zog sie mit, ließ gar kein Zögern zu. – Da, Erdbeeren – ganz toller Sort, hat mir die Nachbarin gegeben. Im Juni gibt’s die ersten Früchte. Hier kommen Tomaten hin, und Gurken. Im Herbst koche ich ein, alles für euch, nur ein paar Gläser für mich. Irina warf Sascha einen verblüfften Blick zu. Er war genauso überrascht. – Mama, hast du das alles alleine geschafft? – Sascha wies umher. – Wer denn sonst? – Katharina lachte, hell und jung. – Ich hab Hände, einen Kopf, und Nachbarinnen helfen mit Tipps. Hier sind die Leute herzlich! Ganz anders als in der Stadt. Drinnen war alles frisch gemacht: neue Vorhänge, geputzte Fenster, auf dem Tisch ein gesticktes Deckchen. Der Muff von früher war weg, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern. – Hier, – stellte Katharina eine Milchflasche und ein Päckchen Pergament auf den Tisch. – Von Zinaida, zwei Häuser weiter. Eigene Milch, von der Ziege. Und das Fleisch auch – sie züchtet ein Rind. Ihr nehmt mit: Da ist noch Quark und Sauerrahm dabei. Irina starrte schweigend das Päckchen an. Eigenes Fleisch. Von der Nachbarin. Kein einziges Wort über Nina vom Wochenmarkt. – Frau Katharina, – platzte es aus ihr heraus, – geht es Ihnen… gefällt es Ihnen hier? Die Schwiegermutter ließ sich auf die Küchenbank sinken. Etwas Sanftes, Ungewohntes blitzte in ihren Augen auf. – Irchen, – nannte sie sie zum ersten Mal so, – ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, Hände in der Erde, den Kopf frei. In der Stadt, da bin ich fast erstickt, ohne zu wissen, warum. Aber hier… Sie deutete zum Fenster. – Hier lebe ich. Auf der Heimfahrt war es still. Sascha fuhr, während auf der Rückbank Milch und Quark klirrten. – Sag mal, – brach Sascha das Schweigen, – vielleicht können wir jetzt ja Kinder bekommen? Gibt ja jetzt einen Garten für den Sommer. Irina schnaubte, musste aber lächeln. – Weißt du, ich wollte das Wochenendhaus damals verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, was sollen wir mit so einer Bruchbude. – Ich weiß noch. – Aber, dieses Haus… – Irina suchte nach Worten. – Es hat alles geheilt. Zwischen mir und deiner Mutter. In zwei Monaten hat es geschafft, was ich in drei Jahren nicht geschafft habe. Sascha stoppte an der Ampel und sah sie an. – Mama war einfach unglücklich. Und jetzt – ist sie’s nicht mehr. Irina nickte. Draußen gingen die Lichter der Stadt an, zu Hause wartete ihre Wohnung mit den Hochzeitsfotos, und zum ersten Mal fiel ihr die Heimkehr leicht. – Wir sollten sie öfter besuchen, – flüsterte sie. Und war überrascht, wie ehrlich sie das meinte. Ehrlich und von Herzen…
Gartenhaus, das richtet alles Bist du denn völlig von Sinnen? Ich habe doch Inge gesagt, du kommst vorbei!
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049
Das Wochenendhaus – Es heilt alles – Bist du verrückt geworden? Ich habe Nina extra gesagt, dass du kommst! Sie hat extra für dich das beste Stück zurückgelegt! Irina stand wie erstarrt mit dem Einkaufstüte in der Hand. Die Schwiegermutter stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und blickte sie an, als hätte Irina nicht etwa Fleisch im Supermarkt gekauft, sondern gleich eine Bank ausgeraubt. – Frau Katharina, ich habe es einfach nicht rechtzeitig zum Markt geschafft, – versuchte Irina ruhig zu bleiben. – Nach der Arbeit musste ich noch Ihr Kleid aus der Reinigung holen, dann noch zur Apotheke… – Und zu telefonieren? Bescheid zu geben? Nina hat auf dich gewartet, bis zur Ladenschließung! Danach hat sie mir eine Stunde lang ins Telefon geheult, dass ich sie hängen lasse! Irina stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr wurde mulmig zumute. – Das Fleisch ist gut, ganz frisch, – sie holte die Packung heraus, zeigte sie ihrer Schwiegermutter. – Sehen Sie, feinstes Rindfleisch, marmoriert, kühl gelagert… Katharina warf keinen Blick darauf. Sie trat an den Tisch, schob die Packung mit spitzen Fingern weg. – Supermarktware, voll mit Chemie. Sascha isst sowas nicht, sein Magen ist empfindlich. – Sascha hat genau das letzte Woche selbst gekauft, – platzte es aus Irina heraus. Ein Fehler. Die Schwiegermutter lief rot an. – Eben! Der Mann läuft selbst los, weil die Frau nichts auf die Reihe kriegt! Drei Jahre, Irina. Drei Jahre bist du in dieser Familie, und was hat’s gebracht? Du kannst nicht kochen, im Haushalt ist von dir keine Hilfe zu erwarten, und Kinder willst du auch keine… – Frau Katharina, das ist nun wirklich unfair. – Unfair? – schnaubte die Schwiegermutter. – Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und mich nie getraut, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Und du? Bist aufsässig, ignorierst meine Ratschläge, machst dein eigenes Ding… Katharina ging in den Flur, zog ihre Tasche von der Garderobe. Jede Bewegung war eine kleine Demonstration. – Ich sag’s Sascha schon lange: Scheid dich, solange es noch geht. Such dir eine vernünftige Frau. Eine, die ihren Mann schätzt, statt… Sie brach ab, warf eine Handbewegung und schlüpfte in ihre Schuhe, ohne sich zu bücken. Irina stand in der Küchentür, krallte sich in den Rahmen. – Auf Wiedersehen, Frau Katharina. Die Schwiegermutter antwortete nicht. Die Tür fiel zu und es wurde still in der Wohnung. Irina rutschte langsam an der Wand herunter und setzte sich auf den kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag einsam auf dem Tisch, und sie hatte nicht einmal Lust, es anzusehen, nicht das Fleisch, nicht die blitzblanke Küche, und erst recht nicht die Hochzeitsfotos, auf denen Katharina so gezwungen lächelte, als hätte sie einen Nagel im Schuh. Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich Mühe gegeben. Rezepte gelernt, die Sascha aus Kindheitstagen mochte. Die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter überstanden, bei denen jedes Gericht einen Kommentar bekam: »Unser Sascha isst die Kartoffeln aber nur gewürfelt, nicht als Streifen.« Gelächelt, genickt, sich entschuldigt für Dinge, die gar nicht in ihrer Verantwortung lagen. Und trotzdem – nie gut genug. Immer – »Besser wär’s, er würde sich trennen.« Irina lehnte den Kopf nach hinten, drückte ihr Hinterhaupt gegen die Wand. Die Decke müsste neu gestrichen werden. Das sollte sie Sascha sagen. Aber was soll’s. Zwei Wochen lebte Irina wie ein Partisan hinter feindlichen Linien. Auf Anrufe der Schwiegermutter antwortete Sascha, Sonntagsessen wurden mit »dringenden Terminen« abgesagt, und eine zufällige Begegnung endete mit einem schnellen »Hallo« und panischer Flucht. Dann rief der Notar an. Ihr Großvater, den sie kaum fünfmal im Leben gesehen hatte, war gestorben. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann ihr ein Wochenendhaus vererbt hatte, keine vierzig Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kleines Grundstück im Kleingartenverein »Morgensonne«. – Wir sollten zumindest mal nachsehen, – Sascha drehte den Schlüsselanhänger mit der abgewetzten Erdbeere in der Hand. – Fahren wir am Samstag hin? Irina nickte. Samstag war okay. Sie hatte eine Sache vergessen. – Sascha, ich komm mit! – Katharina tauchte Samstagmorgen um halb acht im Türrahmen auf, in Gummistiefeln und mit Körbchen. – Das soll da voll das Pilzparadies sein, sagt Nina! Irina begann schweigend, Tee in die Thermoskanne zu füllen. Sie sah einem »wunderbaren« – selbstverständlich ironisch gemeinten – Tag entgegen. Das Wochenendhaus war genauso, wie Irina es sich vorgestellt hatte. Ein windschiefes Häuschen, ein zugewucherter Garten, ein Zaun, gehalten von der reinen Hoffnung und zwei rostigen Nägeln. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und alten Zeitungen. – Sascha, – Irina zupfte ihn am Ärmel, senkte die Stimme. – Lass es uns verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende hin, Beete jäten… Das ist nicht unser Leben. Sascha öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte: – Wie verkaufen?! – Katharina erschien hinter ihnen wie aus dem Nichts. – Seid ihr verrückt? Das ist Land! Ein eigenes Grundstück! Für sowas… Sie legte die Hand auf die Brust, die Augen funkelten verdächtig. – Gebt mir die Schlüssel. Ich bring hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, mache das Häuschen hübsch. In einem Jahr dankt ihr mir noch! Irina betrachtete sie skeptisch. Da stand die Schwiegermutter auf dem überwucherten Grundstück, die Stiefel in altem Laub, und strahlte regelrecht. – Frau Katharina, das sind… – Irina, – Sascha drückte sanft ihren Arm. – Lass Mama doch machen. Sie freut sich doch. Was soll’s, es schadet ja keinem. Schaden tat es wirklich nicht. Es war einfach… seltsam. Aber diskutieren wollte Irina erst recht nicht. Sie reichte ihrer Schwiegermutter wortlos die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger. …Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Ein sonderbarer, surrealer Nebel, in dem Katharina nur noch aus praktischen Gründen anrief, nie unangemeldet aufkreuzte und – das Unglaublichste – kein einziges Mal vom Fleisch vom Markt, von fehlenden Enkeln oder falsch geschnittener Kartoffel sprach. Am Telefon war ihre Stimme munter, fast fröhlich: »Sascha, mir geht’s bestens! Hab alle Hände voll zu tun, wir hören voneinander!« Irina verstand nichts. Ein Trick? Die Ruhe vor dem Sturm? Oder war die Schwiegermutter ernsthaft krank und wollte es nicht sagen? – Sascha, – fragte sie eines Abends, – ist mit deiner Mutter wirklich alles in Ordnung? – Klar, – winkte Sascha ab. – Sie ist mit dem Wochenendhaus beschäftigt. Da gibt’s wohl mehr zu tun, als gedacht, sagt sie. Am Freitag rief Katharina selbst an. – Morgen seid ihr bei mir! Ich grille, zeige euch das Grundstück. Ich hab soviel geschafft! Kommt, dann seht ihr’s selbst! – Sascha, ich will da nicht hin, – Irina schüttelte den Kopf, als Sascha ihr die Einladung weitergab. – Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder volle Fahrt? – Sie hat sich so Mühe gegeben, Irina. Sie wäre verletzt, wenn wir nicht kommen. – Sie fühlt sich immer verletzt. – Bitte, – Sascha blickte sie so seelenvoll an, dass Irina nachgab. Gut, Samstag also… Und am Samstag erkannte Irina ihre Schwiegermutter nicht wieder. Katharina stand am Gartentor im Leinenkleid, die Arme braungebrannt und von frischer Röte überzogen. Das war kein aufgesetztes Höflichkeitslächeln, sondern eine echte, warme Miene, die sie Jahre jünger erscheinen ließ. – Ihr seid da! Endlich! – Katharina breitete die Arme aus, und Irina trat fast automatisch näher, ließ sich umarmen. Nach Erde, Dill und irgendwie Honig roch sie. Das Grundstück war kaum wiederzuerkennen. Ordentliche Beete zogen sich in Reih und Glied am neuen Zaun entlang, der den Wind jetzt locker überstand. Junge Johannisbeerbüsche trugen frisches Grün, und unter den Fenstern blühten Tagetes. – Kommt mit, ich zeig euch alles! – Katharina zog sie mit, ließ gar kein Zögern zu. – Da, Erdbeeren – ganz toller Sort, hat mir die Nachbarin gegeben. Im Juni gibt’s die ersten Früchte. Hier kommen Tomaten hin, und Gurken. Im Herbst koche ich ein, alles für euch, nur ein paar Gläser für mich. Irina warf Sascha einen verblüfften Blick zu. Er war genauso überrascht. – Mama, hast du das alles alleine geschafft? – Sascha wies umher. – Wer denn sonst? – Katharina lachte, hell und jung. – Ich hab Hände, einen Kopf, und Nachbarinnen helfen mit Tipps. Hier sind die Leute herzlich! Ganz anders als in der Stadt. Drinnen war alles frisch gemacht: neue Vorhänge, geputzte Fenster, auf dem Tisch ein gesticktes Deckchen. Der Muff von früher war weg, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern. – Hier, – stellte Katharina eine Milchflasche und ein Päckchen Pergament auf den Tisch. – Von Zinaida, zwei Häuser weiter. Eigene Milch, von der Ziege. Und das Fleisch auch – sie züchtet ein Rind. Ihr nehmt mit: Da ist noch Quark und Sauerrahm dabei. Irina starrte schweigend das Päckchen an. Eigenes Fleisch. Von der Nachbarin. Kein einziges Wort über Nina vom Wochenmarkt. – Frau Katharina, – platzte es aus ihr heraus, – geht es Ihnen… gefällt es Ihnen hier? Die Schwiegermutter ließ sich auf die Küchenbank sinken. Etwas Sanftes, Ungewohntes blitzte in ihren Augen auf. – Irchen, – nannte sie sie zum ersten Mal so, – ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, Hände in der Erde, den Kopf frei. In der Stadt, da bin ich fast erstickt, ohne zu wissen, warum. Aber hier… Sie deutete zum Fenster. – Hier lebe ich. Auf der Heimfahrt war es still. Sascha fuhr, während auf der Rückbank Milch und Quark klirrten. – Sag mal, – brach Sascha das Schweigen, – vielleicht können wir jetzt ja Kinder bekommen? Gibt ja jetzt einen Garten für den Sommer. Irina schnaubte, musste aber lächeln. – Weißt du, ich wollte das Wochenendhaus damals verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, was sollen wir mit so einer Bruchbude. – Ich weiß noch. – Aber, dieses Haus… – Irina suchte nach Worten. – Es hat alles geheilt. Zwischen mir und deiner Mutter. In zwei Monaten hat es geschafft, was ich in drei Jahren nicht geschafft habe. Sascha stoppte an der Ampel und sah sie an. – Mama war einfach unglücklich. Und jetzt – ist sie’s nicht mehr. Irina nickte. Draußen gingen die Lichter der Stadt an, zu Hause wartete ihre Wohnung mit den Hochzeitsfotos, und zum ersten Mal fiel ihr die Heimkehr leicht. – Wir sollten sie öfter besuchen, – flüsterte sie. Und war überrascht, wie ehrlich sie das meinte. Ehrlich und von Herzen…
Gartenhaus, das richtet alles Bist du denn völlig von Sinnen? Ich habe doch Inge gesagt, du kommst vorbei!
Homy
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0131
Wieder zu ihr: Wenn die Liebe immer im Schatten der Vergangenheit steht – Marinas Entscheidung zwischen Herz und Selbstachtung im nächtlichen Berlin
Wieder zu ihr Gehst du wieder zu ihr? Katrin stellte die Frage, das Ergebnis längst bekannt.
Homy
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086
„Ich brauche kein gelähmtes Kind!“ – sagte die Schwiegertochter und verließ das Haus… Doch sie hatte nicht geahnt, was noch geschehen würde… In einem kleinen deutschen Dorf lebte ein einfacher älterer Herr, der am Wochenende gern einen Korn trank. Er hatte einen Traum: einmal einen reinrassigen Deutschen Schäferhund zu haben, und er wäre dafür sogar bis nach Bayern gefahren, um solch einen Hund zu finden und mit nach Hause zu bringen. Man nannte ihn den Altvater Dietrich – ob das nun sein Name war oder ein Spitzname, das wusste niemand mehr so recht. Alle sprachen ihn als Dietrich an und er ließ sie gewähren. Nach der Arbeit saß Dietrich gern auf der Bank vor seinem Häuschen und dachte an vergangene Zeiten. Ab und zu gesellten sich junge Leute dazu, um seine Geschichten aus dem Dorfleben von früher zu hören. Seine Frau Rosa hatte Dietrich schon vor langer Zeit zu Grabe getragen. Sie litt an einer schweren Herzkrankheit, doch sie wollte unbedingt ein Kind. Sie gebar Dietrich einen Sohn und war danach kaum noch gesund. Dietrich liebte Rosa sehr – er tat alles im Haus, ja selbst den Milchkarton ließ er sie nicht tragen. „Nicht erlaubt! Die Ärzte haben’s verboten!“, mahnte er liebevoll. Er kümmerte sich selbst um das Kind, kochte, erledigte den Haushalt. Rosa sorgte sich stets, dass die Leute tuscheln würden: „Du machst mich ja ganz lächerlich, Dietrich! Die Frauen lachen mich noch aus, weil ich nichts im Haus mache – alles bleibt an dir hängen!“ Doch die Frauen lachten nicht, sie waren eher neidisch: „Rosa, leihe uns doch deinen Dietrich mal aus – nur für einen Tag, um so zu leben wie du!“ Rosa antwortete nur mit einem Lächeln. Mit diesem Lächeln ging sie auch aus dem Leben. Dietrich fand sie früh morgens – sie war schon kalt. Er weinte wie ein Schlosshund, drei Tage lang, dann kümmerte er sich um den Sohn. Der Junge kam gerade ins schwierige Alter, mit vierzehn. Nach dem Bund heiratete er früh und blieb in der Gegend, wo er stationiert war. So lebte Dietrich ganz allein. Doch er ließ sich nicht hängen – er plauderte gern mit der Dorfjugend auf seiner Bank. Der Sohn bekam eine Tochter, und Dietrich wartete immer auf Besuch von ihnen, aber aus irgendeinem Grund kamen sie nie. Mal war es die Arbeit, mal fehlte die Zeit, mal dies, mal das. Die Enkelin kannte er nur von Fotos. Plötzlich bemerkten die Dorfbewohner, wie Dietrich immer griesgrämiger durch die Straßen ging, als hätte er einen Sack voller Sorgen zu tragen. Kein Lachen, kein Scherz, er saß nicht mehr auf seiner Bank. Sie erkundigten sich und erfuhren: Dietrich hatte ein Telegramm bekommen. Ein Unfall: Der Sohn war ums Leben gekommen, die Enkelin lag im Krankenhaus und die Schwiegertochter meldete sich kaum. „Ach, Dietrich, so ein Unglück – so viel Kummer!“ – das ganze Dorf sprach ihm sein Mitgefühl aus. Was sollte man auch in solchen Momenten sagen? Die Trauer wurde nicht leichter. Er vermisste seinen Sohn, wusste, dass er nicht zurückkommen würde, und noch mehr tat ihm die Enkelin leid – ein fünfzehnjähriges Mädchen, das nach dem Unfall im Koma lag. Sie hätte ihr Leben noch vor sich… Dietrichs ganze Seele schmerzte. Und von der Schwiegertochter kam gar nichts. Sie schrieb keine Briefe, reagierte auf keine Nachrichten, ging nie ans Telefon. Wie sollte er etwas über den Zustand der Enkelin erfahren? Er hatte sie zwar nie gesehen, aber trotzdem liebte er sie. Laut Fotos sah sie Rosa als jung sehr ähnlich. Dietrich wollte schon aufbrechen in die Stadt, in der sein Sohn gelebt hatte, als plötzlich eines Abends ein Auto vorfuhr. Ohne großes Klopfen stürmte eine elegante Dame ins Haus – erst im Nachhinein merkte Dietrich: das war seine Schwiegertochter. Hinter ihr trugen Helfer eine Liege, darauf lag die Enkelin. Sie legten das Mädchen wortlos auf Dietrichs Sofa und verschwanden. „Sie ist von Kopf bis Fuß gelähmt. So ein Kind brauche ich nicht! Ich finde bestimmt noch mal einen Mann und bekomme ein gesundes Kind!“, sagte die Schwiegertochter. „Aber ich bin doch kein Arzt!“, entgegnete Dietrich. „Ein Arzt kann ihr sowieso nicht helfen. Sie braucht nur noch eine Pflegerin. Wenn du dich nicht kümmerst, kannst du sie lebendig begraben, ich jedenfalls verschwende mein Leben nicht! Ich bin keine Pflegerin!“, rief die Frau und schlug die Tür hinter sich zu. „Du bist wohl keine richtige Mutter!“, rief Dietrich ihr nach. Da wurde ihm klar, warum der Sohn nie mit Frau und Kind zu Besuch gekommen war. Mit so einer Frau wollte man lieber auf dem Wochenmarkt streiten als Gäste besuchen. Was hatte den Sohn bloß dazu gebracht, so eine Hexe zu heiraten? Jetzt konnte er ihn nicht mehr fragen. Hätte Dietrich gewusst, dass seine Schwiegertochter das eigene Kind beim Älteren ablädt, hätte er sich wohl im Grab umgedreht. So blieben Dietrich und die Enkelin allein zurück. Das Mädchen war wirklich völlig gelähmt, doch Dietrich kannte sich schon mit Pflege und Haushalt aus. Nun hatte er wieder einen Sinn im Leben – sein Ziel war, das Mädchen gesund zu pflegen. Die Ärzte hatte sie schon aus dem Krankenhaus entlassen; sie verstanden nicht, wie das Mädchen den Unfall überhaupt überlebt hatte. Es blieben nur Hausmittel und Dorfheiler. Eine Heilerin gab es erst im Nachbardorf, weit entfernt. Ein gelähmtes Kind konnte man kaum dorthin bringen, sie selbst reiste auch nicht mehr – zu alt und gebrechlich. Dietrich fuhr fast jede Woche zu ihr, holte Kräuter und Tinkturen, damit behandelte er die Enkelin. Über ein Jahr lang blieb das Mädchen bewegungslos wie ein Brett unter der Decke. Nicht einmal sprechen konnte sie – sie produzierte laute, unverständliche Laute. Manchmal sah Dietrich eine Träne über ihre Wange laufen; sein Herz wurde ihm schwer. Er glaubte, die Enkelin vermisse Vater und Mutter. Er sprach lange mit ihr, las ihr Geschichten vor, aber antworten konnte sie nicht. Für beide war es schwer. Eines Abends geschah etwas Unerwartetes. Dietrich saß wie immer am Krankenbett, da polterte eine betrunkene Jugendgruppe ins Haus – er hatte versehentlich vergessen, die Haustür zu schließen. Die Jugendlichen kamen von der Dorfdisco und sahen das Licht im Fenster. Sie wussten, dass hier eine gelähmte Jugendliche wohnte. Da schlug einer vor, mal „Spaß zu haben“ – sie könne sich ja ohnehin nicht wehren. „Na los, Opa! Zieh die Decke weg, mach die Beine frei! Wir losen aus, wer zuerst drankommt!“, stänkerte der Betrunkenste. „Habt Mitleid! Sie ist doch erst 15!“, bat Dietrich. „Warte mal kurz, ich putze eben noch die Zähne!“, sagte Dietrich und eilte zur Küche, öffnete die Kellertür und rief: „Los!“ Da sprang ein riesiger Schäferhund heraus – Max! Er schnappte nach den Hosen der Eindringlinge und verscheuchte sie, einem hätte er fast die Kronjuwelen abgebissen, den anderen zerfetzte er die Hosen am Hintern. So rannten die Jungs mit blanken Hintern durchs Dorf – alle lachten, und Max jagte sie bis zum Feldrand. Dietrich kam ins Zimmer – da saß die Enkelin aufrecht auf dem Bett und rief zum Fenster hinaus: „Max! Max! Schnell, Opa, halt ihn fest, damit er nicht wegläuft!“… Da kamen Dietrich die Tränen. Von diesem Tag an ging es bergauf mit dem Mädchen – bald lernte sie wieder zu laufen. Ob nun die Kräuter der Heilerin halfen oder der Schock, den der Hund ausgelöst hatte – jedenfalls kam die Sprache zurück und bald plapperte sie unaufhörlich. So viel wie nie zuvor. Und wie kam eigentlich der Hund ins Haus? Ganz einfach: Max war der Hund von Dietrichs Sohn, und als die Schwiegertochter die Tochter abgeladen hatte, brachte sie Max gleich mit, verschwieg aber alles dem Alten. Als sie ging, sah Dietrich, dass bei seinem Gartentor ein Hund saß – mager, erschöpft, traurig wie eine kranke Kuh mit Tränen in den Augen. Er wusste nicht einmal, dass sein Sohn einen Hund hatte. Aber Dietrich konnte den Hund nicht abweisen. Max war fortan ein treuer Begleiter, und als die Halbstarken kamen, saß er gerade im Keller – im heißen Sommer ließ Dietrich den Schäferhund dort untertags ruhen. An jenem Abend hatte er Max noch nicht rausgelassen. Wäre der Hund schon draußen gewesen, hätten die Jungs sich gar nicht erst reingetraut. Später erzählte die Enkelin, dass sie anfangs gar nicht wegen der Eltern geweint hatte, sondern weil sie Max so sehr vermisste. Der Opa ließ ihn zwar nie ins Haus, sondern behielt ihn tagsüber draußen, und sagen konnte sie ihm nicht, dass sie so sehr nach dem Hund verlangte. Nachdem Max die Schläger vertrieben hatte, kam er zurück und schleckte glücklich das Gesicht seiner kleinen Herrin. Er hatte sie ebenfalls schmerzlich vermisst. So lebten sie fortan zu dritt: Dietrich, das Mädchen und Max. Von der Mutter hat man nie wieder etwas gehört.
– Ich brauche kein gelähmtes Kind… – sagte die Schwiegertochter und ging einfach davon
Homy
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054
OHNE HERZ… Klavdia Vollmer kehrt nach Hause zurück. Sie war beim Friseur gewesen – trotz ihres ehrwürdigen Alters, sie ist kürzlich 68 geworden, gönnt sie sich regelmäßig Besuche bei ihrer Lieblingsstylistin. Klavdia lässt Haare und Nägel machen; diese kleinen Rituale geben ihr Kraft und heben die Stimmung. „Klavdi, eine Verwandte hat nach dir gefragt. Ich habe gesagt, dass du später zurück bist. Sie wollte nochmal vorbeikommen“, informiert ihr Mann Jürgen sie. „Was für eine Verwandte denn? Ich habe doch keinen mehr. Irgendeine entfernte Cousine…, will sicher wieder irgendwas. Da hättest du ihr sagen sollen, ich bin auf Weltreise – bloß keine Umstände“, sagt Klavdia genervt. „Ach was, lügen ist doch Quatsch! Sie sieht dir ähnlich, groß, stattlich, irgendwie wie deine Mutter, Gott hab sie selig. Ich glaube nicht, dass sie was will. Sie war sehr gepflegt, gut angezogen – richtig vornehm“, versucht Jürgen sie zu beruhigen. Nach etwa vierzig Minuten klingelt die Verwandte tatsächlich. Klavdia öffnet persönlich. Tatsächlich: Erinnerungen an die verstorbene Mutter werden wach, das teure Mantel, Stiefel, Handschuhe, winzige Diamantenohrringe – da kennt Klavdia sich aus. Klavdia lädt die Frau an den liebevoll gedeckten Tisch. „Dann lass uns doch kennenlernen, wenn wir verwandt sind. Ich bin Klavdia, du kannst das ‚Frau Vollmer‘ weglassen – sehe, wir sind ähnlich alt. Das ist mein Mann Jürgen. Auf welcher Linie bist du mit mir verwandt?“, fragt die Gastgeberin. Die Frau zögert, errötet ein wenig: „Ich bin Galina… Galina Voss. Wir sind tatsächlich nicht weit auseinander. Ich wurde am 12. Juni 50. Sagt dir das Datum etwas?“ Klavdia wird bleich. „Ich sehe, du erinnerst dich. Ja, ich bin deine Tochter. Mach dir keine Sorgen, ich will nichts von dir. Ich wollte dich einfach einmal sehen. Ich habe mein ganzes Leben nicht verstanden, warum meine Mutter mich nicht liebt. Sie ist seit acht Jahren tot. Warum nur mein Vater ich geliebt habe? Er ist erst kürzlich verstorben, vor zwei Monaten. Er hat mir im letzten Moment von dir erzählt und dich um Verzeihung gebeten, falls du das kannst“, sagt Galina aufgeregt. „Ich versteh nicht… Du hast eine Tochter?“, fragt der überraschte Jürgen. „Anscheinend ja. Ich erkläre dir später alles“, antwortet Klavdia. „Du bist also meine Tochter? Gut. Du hast mich gesehen? Falls du glaubst, ich werde bereuen oder um Verzeihung bitten – nein, bestimmt nicht. Ich trage keine Schuld“, teilt sie Galina mit. „Ich hoffe, dein Vater hat dir alles erklärt? Wenn du auf mütterliche Gefühle hoffst – keine Chance. Tut mir leid.“ „Kann ich Sie nochmal besuchen? Ich wohne hier im Umland. Wir haben ein großes zweistöckiges Haus, ihr könnt mitkommen. Ich habe Fotos von Ihrem Enkel und Ihrer Urenkelin mitgebracht, vielleicht sehen Sie sie sich an?“, fragt Galina schüchtern. „Nein. Ich will nicht. Komm nicht wieder. Vergiss mich. Lebwohl“, entgegnet Klavdia schroff. Jürgen ruft Galina ein Taxi und bringt sie hinaus. Als er zurückkommt, hat Klavdia bereits den Tisch abgeräumt und schaut ungerührt Fernsehen. „Du bist wirklich eisern! Dir müsste man eine Armee anvertrauen – hast du überhaupt kein Herz? Ich ahnte ja schon, dass du hartherzig und gefühlskalt bist, aber das übertrifft alles“, sagt Jürgen. „Wir haben uns kennengelernt, da war ich 28, richtig? Da war meine Seele längst zertrümmert… Ich bin ein Dorfmädchen, wollte immer raus in die Stadt, habe mich ins Zeug gelegt, war die Einzige im Dorf, die aufs Studium ging. Mit 17 lernte ich Wladimir kennen, ich war verrückt nach ihm. Er war zwölf Jahre älter, aber das störte mich nicht. Nach meiner armen Kindheit war das Leben in der Stadt wie ein Märchen. Stipendium reichte nie, ich hatte immer Hunger und nahm Einladungen zu Café und Eis immer dankbar an. Er versprach nie was, aber ich dachte: So eine Liebe – der wird mich heiraten. Als er mich eines Abends zur Datscha einlud, ging ich gerne mit. Ich war sicher: Nun ist er mir ganz verfallen. Die Datscha-Treffen wurden Routine. Bald war klar: Ich bin schwanger. Das sagte ich Wladimir – er war begeistert. Weil mein Zustand bald sichtbar würde, fragte ich ihn nach Hochzeit. Ich war inzwischen 18, das Standesamt konnte kommen. „Hab ich dir je versprochen zu heiraten?“, fragte er zurück. „Nein, und ich werde es auch nicht tun. Ich bin nämlich verheiratet.“ „Aber das Kind? Und ich?“ „Du bist jung und gesund, aus dir könnte man eine Statuette formen. Nimm ein Urlaubssemester an der Uni. Solange man nichts sieht, lernst du weiter, später kommst du zu uns nach Hause – meine Frau und ich nehmen dich auf. Wir kriegen kein Kind. Vielleicht, weil sie älter ist… Wenn du geboren hast, nehmen wir das Kind. Die Details gehen dich nicht an. Ich bin zwar jung, aber nicht irgendein Niemand im Rathaus. Meine Frau ist Abteilungsleiterin im Stadtkrankenhaus. Um das Kind brauchst du dir keine Sorgen machen. Nach der Geburt kannst du dich erholen, gehst zurück zur Uni. Wir zahlen dir auch was.“ Damals wusste niemand was von Leihmutterschaft. Ich war wohl die Einzige damals. Was hätte ich tun sollen? Ins Dorf zurück und meine Familie blamieren? Bis zur Geburt lebte ich bei ihnen in der Villa. Wladimirs Frau sah ich nie, vielleicht war sie eifersüchtig. Die Tochter kam zuhause zur Welt, Hebamme war da – alles ordentlich. Gestillt habe ich sie nie, das Kind wurde sofort weggebracht. Ich sah sie nie wieder. Nach einer Woche wurde ich höflich verabschiedet. Wladimir gab mir Geld. Ich ging zurück an die Uni. Dann arbeitete ich in der Fabrik, wohnte im Familienwohnheim. Freunde hatte ich viele, aber keiner wollte mich heiraten, bis du – Jürgen – kamst. Ich war schon 28, wollte vielleicht gar nicht mehr, aber es musste wohl sein. Den Rest kennst du. Wir hatten ein gutes Leben, drei Autos, Haus mit allem Drum und Dran, gepflegte Datscha. Jedes Jahr Urlaub. Unsere Fabrik hat die 90er überstanden, weil es dort spezielle Traktorenteile gibt, die sonst keiner macht. Bis heute ist sie mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert. Früherer Ruhestand. Uns geht’s gut. Keine Kinder – und das ist in Ordnung. Was ich so sehe heutzutage…“, endet Klavdia ihre Geschichte. „Gut war das nicht, wie wir lebten. Ich habe dich geliebt. Mein Leben lang versucht, dein Herz zu erwärmen, hat nie geklappt. Na und, keine Kinder – aber du hast nie ein Kätzchen oder einen Hund angenommen; selbst meine Schwester durfte ihre Nichte nicht mal für eine Woche bei uns unterbringen. Heute kam deine Tochter zu dir – wie hast du sie empfangen? Deine Tochter! Dein eigenes Blut! Wären wir jünger, ich hätte die Scheidung eingereicht, aber jetzt ist es zu spät. Neben dir ist immer Winter…“, sagt der gekränkte Jürgen. Klavdia erschrickt, so hat ihr Mann nie mit ihr gesprochen. Ihr ruhiges Leben wurde durch die Tochter gestört. Jürgen ist aufs Wochenendhaus gezogen, wohnt da seit Jahren. Dort hat er drei Hunde, alle ausgesetzte Welpen, und eine ungezählte Menge Katzen. Zuhause ist er selten. Klavdia weiß, dass er zu ihrer Tochter Galina fährt, die ganze Familie kennt; seine Urenkelin liebt er über alles. „Ein Träumer war er schon immer, soll er machen, was er will“, denkt Klavdia. Sie verspürt bis zuletzt keinen Wunsch, Tochter, Enkel und Urenkelin näher kennenzulernen. Sie fährt allein ans Meer. Macht Urlaub, tankt Kraft und fühlt sich wunderbar.
OHNE HERZ… Eva-Maria Schneider kehrte nach Hause zurück. Sie war gerade beim Friseur gewesen trotz
Homy
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032
Plötzlich Hausangestellte: Als Alina mit 63 Jahren ihrem Sohn und Schwiegertochter eröffnet, dass sie noch einmal heiraten will, sind beide schockiert und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. „Bist du dir sicher, dein Leben in diesem Alter so radikal zu ändern?“, fragt Katharina besorgt ihren Mann Andreas. Alinas Entscheidung, zu ihrem neuen Partner Jürgen und dessen Familie zu ziehen, bedeutet, alles Gewohnte hinter sich zu lassen. Zunächst scheint der Neuanfang in Jürgens großer Wohnung, gemeinsam mit seiner Tochter Ines und deren Familie, gelungen: Alina fühlt sich als Teil einer herzlichen Familie. Doch nach und nach wird sie zur Dauer-Köchin, Putzfrau und Kindermädchen und muss feststellen, dass ihr Platz im neuen Heim der einer Hausangestellten ist. Nach einer enttäuschenden Auseinandersetzung stellt sie sich die Frage: War Jürgen wirklich auf der Suche nach einer Frau – oder nach einer Haushälterin? Schließlich zieht sie zu ihrer eigenen Familie zurück, findet dort echten Rückhalt und erkennt: Ein Zuhause ist dort, wo man als geliebtes Familienmitglied geschätzt wird – und nicht als Dienstmagd.
Tagebuch-Eintrag 17. April Als ich mich entschied, noch einmal zu heiraten, konnte ich kaum ahnen, wie
Homy
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0534
Kein Platz für nervige Verwandte – Wie ein Ehepaar in ihrer neuen Münchner Wohnung endlich Ruhe vor unangekündigten Gästen fand und mit Hilfe einer Deutschen Schäferhündin, kreativen Ausreden und vereinten Kräften sogar die widerspenstigsten Familienmitglieder (Tante Olga mit Sohn Konstantin und Cousin Matthias samt Kindern) davon überzeugte, lieber ins Hotel zu ziehen, bis das Wunder der ersehnten Zwillinge endlich eintrat!
Niemand hat sie rausgeworfen, antworteten sie beiden, sie wollten von sich aus nicht bleiben!
Homy
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0127
„Hallo… Vasili?“ – „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ – „Elena? Wer sind Sie?“ – „Wer sind Sie denn? Ich bin Vasili‘s Freundin. Was wollten Sie?“ – „Mein Mann ist nicht da, er hat heute länger Arbeit…“ Mir wurde ganz schwindelig, ich bemerkte rote Tropfen auf dem Boden und hatte starke Schmerzen im Bauch – ich wusste, das Baby kommt gleich. Mein Mann Vasili fährt seit fünf Jahren immer wieder als Arbeiter ins Ausland. Mal war er Lkw-Fahrer in Deutschland, mal hat er in Polen renoviert. Er ging weg des Geldes wegen – wir haben zwei Söhne und wollten das Beste für sie. Uns war klar, in der Ukraine würden wir es nicht schaffen. Wissen Sie, dort drüben hatte Vasili Glück. Einmal im Monat schickte er uns Pakete mit Lebensmitteln. Konserven, Grieß, Öl, Süßigkeiten. Und er überwies mir Geld auf mein Konto, damit ich es bei der Bank anlegte. So sparten wir genug, um für den älteren Sohn eine Wohnung zu kaufen. Eigentlich schien alles gut zu laufen. Doch vor einigen Monaten merkte ich, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmte. Zunächst dachte ich an die Wechseljahre, aber das war es nicht. Ich nahm stark zu, war dauermüde, aß viel, mein Gemüt schwankte. Laut Internet war ich schwanger. Wie sollte ich mit 45 schwanger sein? Ich glaubte es nicht, machte aber einen Test. Zwei rote Linien. Deutlich. Meinen Söhnen und Schwiegertöchtern sagte ich nichts von der Schwangerschaft. Wozu? Damit mich die eigenen Kinder auslachen und sagen, ihre Mutter habe im Alter den Verstand verloren? Ich beschloss, sie zu verbergen. Es wurde Winter, ich trug nur noch dicke, große Sachen. Niemand sah den Bauch unter dem Parka. Aber ich wollte dieses Kind gar nicht bekommen. Manche sagen, ich hätte Gott nicht im Herzen. Aber ich bin 45, längst keine junge Frau. Ich habe Söhne und Enkel, denen ich Zeit widmen will, nicht Windeln wechseln. Und für ein drittes Kind fehlt uns das Geld. Vasili müsste wieder zurück ins Ausland und ich kann ohne ihn nicht. Es war sowieso schon spät für eine Abtreibung, zu riskant, sagten die Ärzte – es könnte mir schaden. Also redete ich mir ein, alles würde gut werden. Vielleicht freut sich Vasili sogar, noch ein Kind zu bekommen? Ich beschloss, ihn per Skype anzurufen und die Neuigkeit mitzuteilen, aber nur mit Mikrofon, nicht mit Kamera. „Hallo, Vasili…“ „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ „Elena? Wer sind Sie?“ „Wer sind Sie denn? Ich bin die Freundin von Vasili. Was wollen Sie? Mein Mann ist nicht da, er arbeitet heute länger.“ Ich legte sofort auf und fing bitterlich an zu weinen. So ist das Leben – der Mann kann überall und mit jeder fremdgehen. Ich wollte direkt die Scheidung beantragen, Vasili’s Sachen rauswerfen, ihn nie wieder sehen oder hören. Aber ich hatte noch Hoffnung, dass mein Mann zurück zur Familie kommt, wenn er vom Baby erfährt. Ich wusste, im Februar kommt er heim, denn unsere Söhne haben Geburtstag und er hat Urlaub bekommen. Ich träumte sogar davon, dass wir zu dritt im Park spazieren gehen: Vasili hält unsere Tochter an einer Hand, ich an der anderen. Am 14. Februar, zum Valentinstag, kam er wieder. Ich bereitete ein romantisches Abendessen, stellte Kerzen auf, spielte Musik, wollte eine friedliche Stimmung schaffen. „Vasili, ich habe eine Überraschung für dich. Ich bin schwanger. Es soll ein Mädchen werden.“ „Du Miststück!“, schrie mein Mann. Er wurde puterrot vor Wut, warf die Teller zu Boden, schlug mit der Faust auf den Tisch: „Während ich da draußen wie ein Ochse arbeite, springst du mit anderen Männern ins Bett? Und jetzt willst du mir dieses Balg anhängen?“ „Vasili, ich kann alles erklären…“ „Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!“ – Er stieß mich so, dass mein Bauch gegen die scharfe Tischkante prallte und ich fiel. Vasili ging, packte seinen Koffer und knallte die Tür. Mir war schwindelig, ich sah rote Tropfen auf dem Boden, die Schmerzen im Bauch waren unerträglich. Mit letzter Kraft rief ich den Notarzt. Ich spürte, das Baby kommt gleich. Als die Ärzte kamen, hielt ich schon unser Mädchen in den Armen. Sie lag ganz ruhig, schrie nicht, schlief fest. „Na, kommen Sie mit ins Krankenhaus, Mama?“ „Nein. Nehmen Sie das Kind mit, ich will es nicht.“ „Wie bitte?“ „So ist es. Nehmen Sie es einfach, sage ich! Dieses Kind hat meine Familie zerstört. Vielleicht liebt sie jemand anders, aber nicht ich. Nehmen Sie sie, ich will sie nie wieder sehen.“ Ohne jedes schlechte Gewissen gab ich das Kind den Ärzten. Sie untersuchten mich – keine Verletzungen, die Geburt verlief ruhig. Als der Notdienst weg war, räumte ich auf, ging duschen und schlafen. Keiner meiner Kinder weiß, dass ich das Mädchen weggegeben habe. Jeden Tag gehe ich in die Kirche und bete, dass meine Tochter gesund aufwächst und ihre Familie findet. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe – ich will nicht nochmal all die Lasten der Mutterrolle erleben. Ich will nur, dass Vasili zurückkommt. Aber er ist wieder fort, arbeitet in Deutschland und spricht nur mit den Söhnen. Man kann sagen, ich sei verrückt. Aber ich wähle meinen Mann – nicht das Kind. Gott ist mein Richter.
Hallo… Jonas? Hier ist nicht Jonas. Hier ist Friederike… Friederike? Wer sind Sie?…
Homy