„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“
— Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt?
Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus.
— Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen.
Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um.
— Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen?
Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus.
— Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr.
— Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm?
Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten.
— Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß.
— Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler!
Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts.
— Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik.
— Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich!
Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu.
— Sind Sie jetzt fertig?
— Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen…
— Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus.
Ludmila Petrowna wurde feuerrot.
— Wie redest du mit mir?!
— Verlassen Sie bitte mein Haus.
— Was?!
Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand.
— Raus aus meinem Haus.
— Du schmeißt mich raus?! Mich?!
Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen.
— Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben!
— Auf Wiedersehen, Frau Petrowna.
— Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles!
Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war.
Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still.
Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder.
Aber nicht heute.
Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah.
— Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden.
Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche.
Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat.
— Du hast meine Mutter rausgeschmissen.
Keine Frage. Eine Feststellung.
— Ich habe sie gebeten zu gehen.
— Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria!
Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch.
— Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat?
Sergej stockte kurz, winkte dann ab.
— Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm?
— Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind.
— Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen…
Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte.
— Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen.
Sergej schwieg.
— Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals.
— Mama meint es nur gut…
— Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist.
Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche.
Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem.
Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig.
Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch.
Was war das?
Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich.
Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur.
Die Haustür flog auf.
Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen.
— Guten Morgen, Schwiegertöchterchen.
Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten.
— Woher haben Sie die Schlüssel?
Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund.
— Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet.
Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen.
— Was wollen Sie hier? So früh?
— Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training!
Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer.
Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren.
— Steh auf!
— Maria, bitte nicht jetzt…
Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg.
Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch.
— Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung.
Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her.
— Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben?
— Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt.
— Halten Sie den Mund!
Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an.
— Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will.
— Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes!
Stille.
Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg.
— Sergej?
Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe.
— Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann.
— Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen!
— Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal.
— Maria, bitte, lass uns reden…
— Wir haben schon alles gesagt.
Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief.
— Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen.
…Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus.
Zwei Jahre vergingen viel zu schnell…
…Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“.
Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten.
Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an.
Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat.
Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich.
Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben.
Genau so muss eine Mutter sein… Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“
— Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt?
Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus.
— Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen.
Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um.
— Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen?
Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus.
— Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr.
— Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm?
Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten.
— Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß.
— Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler!
Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts.
— Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik.
— Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich!
Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu.
— Sind Sie jetzt fertig?
— Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen…
— Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus.
Ludmila Petrowna wurde feuerrot.
— Wie redest du mit mir?!
— Verlassen Sie bitte mein Haus.
— Was?!
Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand.
— Raus aus meinem Haus.
— Du schmeißt mich raus?! Mich?!
Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen.
— Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben!
— Auf Wiedersehen, Frau Petrowna.
— Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles!
Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war.
Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still.
Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder.
Aber nicht heute.
Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah.
— Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden.
Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche.
Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat.
— Du hast meine Mutter rausgeschmissen.
Keine Frage. Eine Feststellung.
— Ich habe sie gebeten zu gehen.
— Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria!
Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch.
— Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat?
Sergej stockte kurz, winkte dann ab.
— Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm?
— Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind.
— Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen…
Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte.
— Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen.
Sergej schwieg.
— Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals.
— Mama meint es nur gut…
— Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist.
Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche.
Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem.
Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig.
Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch.
Was war das?
Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich.
Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur.
Die Haustür flog auf.
Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen.
— Guten Morgen, Schwiegertöchterchen.
Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten.
— Woher haben Sie die Schlüssel?
Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund.
— Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet.
Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen.
— Was wollen Sie hier? So früh?
— Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training!
Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer.
Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren.
— Steh auf!
— Maria, bitte nicht jetzt…
Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg.
Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch.
— Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung.
Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her.
— Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben?
— Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt.
— Halten Sie den Mund!
Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an.
— Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will.
— Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes!
Stille.
Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg.
— Sergej?
Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe.
— Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann.
— Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen!
— Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal.
— Maria, bitte, lass uns reden…
— Wir haben schon alles gesagt.
Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief.
— Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen.
…Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus.
Zwei Jahre vergingen viel zu schnell…
…Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“.
Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten.
Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an.
Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat.
Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich.
Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben.
Genau so muss eine Mutter sein… Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“
— Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt?
Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus.
— Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen.
Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um.
— Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen?
Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus.
— Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr.
— Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm?
Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten.
— Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß.
— Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler!
Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts.
— Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik.
— Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich!
Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu.
— Sind Sie jetzt fertig?
— Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen…
— Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus.
Ludmila Petrowna wurde feuerrot.
— Wie redest du mit mir?!
— Verlassen Sie bitte mein Haus.
— Was?!
Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand.
— Raus aus meinem Haus.
— Du schmeißt mich raus?! Mich?!
Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen.
— Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben!
— Auf Wiedersehen, Frau Petrowna.
— Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles!
Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war.
Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still.
Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder.
Aber nicht heute.
Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah.
— Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden.
Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche.
Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat.
— Du hast meine Mutter rausgeschmissen.
Keine Frage. Eine Feststellung.
— Ich habe sie gebeten zu gehen.
— Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria!
Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch.
— Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat?
Sergej stockte kurz, winkte dann ab.
— Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm?
— Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind.
— Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen…
Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte.
— Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen.
Sergej schwieg.
— Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals.
— Mama meint es nur gut…
— Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist.
Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche.
Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem.
Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig.
Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch.
Was war das?
Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich.
Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur.
Die Haustür flog auf.
Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen.
— Guten Morgen, Schwiegertöchterchen.
Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten.
— Woher haben Sie die Schlüssel?
Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund.
— Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet.
Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen.
— Was wollen Sie hier? So früh?
— Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training!
Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer.
Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren.
— Steh auf!
— Maria, bitte nicht jetzt…
Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg.
Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch.
— Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung.
Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her.
— Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben?
— Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt.
— Halten Sie den Mund!
Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an.
— Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will.
— Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes!
Stille.
Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg.
— Sergej?
Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe.
— Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann.
— Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen!
— Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal.
— Maria, bitte, lass uns reden…
— Wir haben schon alles gesagt.
Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief.
— Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen.
…Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus.
Zwei Jahre vergingen viel zu schnell…
…Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“.
Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten.
Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an.
Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat.
Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich.
Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben.
Genau so muss eine Mutter sein… Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“
— Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt?
Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus.
— Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen.
Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um.
— Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen?
Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus.
— Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr.
— Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm?
Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten.
— Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß.
— Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler!
Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts.
— Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik.
— Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich!
Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu.
— Sind Sie jetzt fertig?
— Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen…
— Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus.
Ludmila Petrowna wurde feuerrot.
— Wie redest du mit mir?!
— Verlassen Sie bitte mein Haus.
— Was?!
Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand.
— Raus aus meinem Haus.
— Du schmeißt mich raus?! Mich?!
Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen.
— Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben!
— Auf Wiedersehen, Frau Petrowna.
— Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles!
Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war.
Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still.
Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder.
Aber nicht heute.
Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah.
— Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden.
Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche.
Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat.
— Du hast meine Mutter rausgeschmissen.
Keine Frage. Eine Feststellung.
— Ich habe sie gebeten zu gehen.
— Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria!
Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch.
— Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat?
Sergej stockte kurz, winkte dann ab.
— Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm?
— Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind.
— Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen…
Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte.
— Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen.
Sergej schwieg.
— Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals.
— Mama meint es nur gut…
— Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist.
Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche.
Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem.
Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig.
Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch.
Was war das?
Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich.
Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur.
Die Haustür flog auf.
Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen.
— Guten Morgen, Schwiegertöchterchen.
Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten.
— Woher haben Sie die Schlüssel?
Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund.
— Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet.
Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen.
— Was wollen Sie hier? So früh?
— Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training!
Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer.
Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren.
— Steh auf!
— Maria, bitte nicht jetzt…
Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg.
Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch.
— Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung.
Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her.
— Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben?
— Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt.
— Halten Sie den Mund!
Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an.
— Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will.
— Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes!
Stille.
Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg.
— Sergej?
Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe.
— Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann.
— Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen!
— Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal.
— Maria, bitte, lass uns reden…
— Wir haben schon alles gesagt.
Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief.
— Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen.
…Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus.
Zwei Jahre vergingen viel zu schnell…
…Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“.
Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten.
Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an.
Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat.
Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich.
Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben.
Genau so muss eine Mutter sein… Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
Und bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann mein Vater es geschafft hat, uns wirklich alles zu nehmen.
Ich war 15, als es passierte. Wir lebten in einem kleinen, aber gepflegten Haus – mit Möbeln, der Kühlschrank war voll an Einkaufstagen und die Rechnungen waren fast immer pünktlich bezahlt. Ich war in der 10. Klasse und meine einzige Sorge war, mich durch Mathe zu kämpfen und genug Geld für die Turnschuhe zu sparen, die ich so sehr wollte.
Alles begann sich zu verändern, als mein Vater immer später nach Hause kam. Er kam rein, sagte kein Wort, warf die Schlüssel auf den Tisch und verschwand direkt mit dem Handy in seinem Zimmer. Meine Mutter schimpfte:
— Schon wieder zu spät? Glaubst du, das Haus macht sich von allein?
Er antwortete trocken:
— Lass mich, ich bin müde.
Ich hörte alles von meinem Zimmer aus mit Kopfhörern, tat so, als würde nichts passieren.
Eines Abends sah ich ihn im Garten telefonieren. Er lachte leise, sagte Dinge wie „fast erledigt“ und „keine Sorge, ich regel das“. Als er mich bemerkte, legte er sofort auf. Ich spürte ein seltsames Gefühl im Bauch, sagte aber nichts.
An dem Tag, an dem er ging, war Freitag. Ich kam von der Schule und sah den offenen Koffer auf dem Bett. Meine Mutter stand mit roten Augen an der Schlafzimmertür. Ich fragte:
— Wo geht er hin?
Er sah mich nicht mal an und sagte:
— Ich bin eine Weile weg.
Meine Mutter schrie ihn an:
— Eine Weile mit wem? Sag die Wahrheit!
Da explodierte er:
— Ich gehe zu einer anderen Frau. Ich habe genug von diesem Leben!
Ich fing an zu weinen:
— Und ich? Und meine Schule? Und das Haus?
Er antwortete nur:
— Ihr schafft das schon.
Er schloss seinen Koffer, nahm die Dokumente aus der Schublade, griff zu seinem Portemonnaie und verließ das Haus ohne Abschiedswort.
Am selben Abend versuchte meine Mutter, Geld vom Bankautomaten abzuheben, doch die Karte war gesperrt. Am nächsten Tag in der Bank erfuhr sie, dass das Konto leer war. Er hatte alles abgehoben, was sie gemeinsam gespart hatten. Obendrein erfuhren wir, dass zwei Monatsrechnungen nicht bezahlt waren und er einen Kredit aufgenommen hatte – ohne ihr Wissen, sie als Bürgin eingetragen.
Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Tisch saß, Quittungen prüfte, mit einem alten Taschenrechner rechnete, weinte und immer wieder sagte:
— Es reicht für nichts… es reicht einfach nicht…
Ich versuchte, ihr beim Sortieren der Rechnungen zu helfen, begriff aber kaum, was eigentlich passierte.
Eine Woche später wurde das Internet abgestellt, kurz darauf fast auch der Strom. Meine Mutter fing an zu putzen – in fremden Haushalten. Ich begann, Süßigkeiten in der Schule zu verkaufen. Es war mir peinlich, in der Pause mit der Tüte Schokolade herumzustehen, aber ich tat es, weil zuhause nicht mal das Nötigste reichte.
Eines Tages öffnete ich den Kühlschrank: darin nur eine Kanne mit Wasser und ein halber Tomate. Ich setzte mich in die Küche und weinte allein. Am selben Abend gab es nur weißen Reis – sonst nichts. Meine Mutter entschuldigte sich ständig, dass sie mir nicht mehr geben konnte wie früher.
Später sah ich auf Facebook ein Foto von meinem Vater mit jener Frau im Restaurant – sie stoßen mit Wein an. Meine Hände zitterten. Ich schrieb ihm:
„Papa, ich brauche Geld für Schulmaterial.“
Er antwortete:
„Ich kann nicht zwei Familien versorgen.“
Das war unser letztes Gespräch.
Danach hat er nie wieder angerufen. Nie gefragt, ob ich meinen Abschluss geschafft habe, ob ich krank bin, ob ich etwas brauche. Er ist einfach verschwunden.
Heute arbeite ich, bezahle alles selbst und unterstütze meine Mutter. Aber diese Wunde ist bis heute offen. Nicht nur wegen des Geldes – sondern wegen dem Verlassen, der Kälte, der Art, wie er uns im Stich ließ und einfach weiterlebte, als wäre nichts gewesen.
Und trotzdem, viele Nächte wache ich immer noch auf – mit derselben Frage im Herzen:
Wie überlebt man es, wenn der eigene Vater einem alles nimmt – und einen zwingt, als Kind das Überleben zu lernen? Bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann genau mein Vater es geschafft hat, uns alles
Und bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann mein Vater es geschafft hat, uns wirklich alles zu nehmen.
Ich war 15, als es passierte. Wir lebten in einem kleinen, aber gepflegten Haus – mit Möbeln, der Kühlschrank war voll an Einkaufstagen und die Rechnungen waren fast immer pünktlich bezahlt. Ich war in der 10. Klasse und meine einzige Sorge war, mich durch Mathe zu kämpfen und genug Geld für die Turnschuhe zu sparen, die ich so sehr wollte.
Alles begann sich zu verändern, als mein Vater immer später nach Hause kam. Er kam rein, sagte kein Wort, warf die Schlüssel auf den Tisch und verschwand direkt mit dem Handy in seinem Zimmer. Meine Mutter schimpfte:
— Schon wieder zu spät? Glaubst du, das Haus macht sich von allein?
Er antwortete trocken:
— Lass mich, ich bin müde.
Ich hörte alles von meinem Zimmer aus mit Kopfhörern, tat so, als würde nichts passieren.
Eines Abends sah ich ihn im Garten telefonieren. Er lachte leise, sagte Dinge wie „fast erledigt“ und „keine Sorge, ich regel das“. Als er mich bemerkte, legte er sofort auf. Ich spürte ein seltsames Gefühl im Bauch, sagte aber nichts.
An dem Tag, an dem er ging, war Freitag. Ich kam von der Schule und sah den offenen Koffer auf dem Bett. Meine Mutter stand mit roten Augen an der Schlafzimmertür. Ich fragte:
— Wo geht er hin?
Er sah mich nicht mal an und sagte:
— Ich bin eine Weile weg.
Meine Mutter schrie ihn an:
— Eine Weile mit wem? Sag die Wahrheit!
Da explodierte er:
— Ich gehe zu einer anderen Frau. Ich habe genug von diesem Leben!
Ich fing an zu weinen:
— Und ich? Und meine Schule? Und das Haus?
Er antwortete nur:
— Ihr schafft das schon.
Er schloss seinen Koffer, nahm die Dokumente aus der Schublade, griff zu seinem Portemonnaie und verließ das Haus ohne Abschiedswort.
Am selben Abend versuchte meine Mutter, Geld vom Bankautomaten abzuheben, doch die Karte war gesperrt. Am nächsten Tag in der Bank erfuhr sie, dass das Konto leer war. Er hatte alles abgehoben, was sie gemeinsam gespart hatten. Obendrein erfuhren wir, dass zwei Monatsrechnungen nicht bezahlt waren und er einen Kredit aufgenommen hatte – ohne ihr Wissen, sie als Bürgin eingetragen.
Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Tisch saß, Quittungen prüfte, mit einem alten Taschenrechner rechnete, weinte und immer wieder sagte:
— Es reicht für nichts… es reicht einfach nicht…
Ich versuchte, ihr beim Sortieren der Rechnungen zu helfen, begriff aber kaum, was eigentlich passierte.
Eine Woche später wurde das Internet abgestellt, kurz darauf fast auch der Strom. Meine Mutter fing an zu putzen – in fremden Haushalten. Ich begann, Süßigkeiten in der Schule zu verkaufen. Es war mir peinlich, in der Pause mit der Tüte Schokolade herumzustehen, aber ich tat es, weil zuhause nicht mal das Nötigste reichte.
Eines Tages öffnete ich den Kühlschrank: darin nur eine Kanne mit Wasser und ein halber Tomate. Ich setzte mich in die Küche und weinte allein. Am selben Abend gab es nur weißen Reis – sonst nichts. Meine Mutter entschuldigte sich ständig, dass sie mir nicht mehr geben konnte wie früher.
Später sah ich auf Facebook ein Foto von meinem Vater mit jener Frau im Restaurant – sie stoßen mit Wein an. Meine Hände zitterten. Ich schrieb ihm:
„Papa, ich brauche Geld für Schulmaterial.“
Er antwortete:
„Ich kann nicht zwei Familien versorgen.“
Das war unser letztes Gespräch.
Danach hat er nie wieder angerufen. Nie gefragt, ob ich meinen Abschluss geschafft habe, ob ich krank bin, ob ich etwas brauche. Er ist einfach verschwunden.
Heute arbeite ich, bezahle alles selbst und unterstütze meine Mutter. Aber diese Wunde ist bis heute offen. Nicht nur wegen des Geldes – sondern wegen dem Verlassen, der Kälte, der Art, wie er uns im Stich ließ und einfach weiterlebte, als wäre nichts gewesen.
Und trotzdem, viele Nächte wache ich immer noch auf – mit derselben Frage im Herzen:
Wie überlebt man es, wenn der eigene Vater einem alles nimmt – und einen zwingt, als Kind das Überleben zu lernen? Bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann genau mein Vater es geschafft hat, uns alles
Das ließ ich mir aufbürden!
— Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude…
— Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet…
Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst.
— Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich?
Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder.
…Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause.
Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus…
Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen.
Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht…
— Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja.
— Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht!
— Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben?
Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause!
…Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand.
Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar.
Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung.
— Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal.
Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten.
— Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste!
— Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich.
Jaja. Friedlich…
Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden.
— Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten.
— Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel?
— Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum.
Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch.
— Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie.
— Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur…
— Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?!
Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ.
— Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein.
Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer.
— Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert.
— Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg.
Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert.
— Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt.
Jana lief knallrot an.
— Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen?
Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten.
— Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten.
— Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir!
Kristinas Geduld war erschöpft.
— Raus, — sagte sie leise.
— Wie bitte? — stutzte Jana.
— Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“
Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher.
— Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da!
Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt.
Doch dann fiel ihr Blick auf Jana.
Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben.
— Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren…
— Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind…
Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel.
Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau…
…Vier Tage später.
Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich.
Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an.
— Hallo, — sagte Kristina zögernd.
— Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen…
— Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste?
Vater schniefte.
— Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina!
— Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan.
Pause. Vater gab nicht auf.
— Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre!
Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht.
Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide.
— Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst.
Dann legte Kristina auf.
Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben… Selbst eingebrockt Papa, was sind das denn für neue Sachen? Hast du einen Antiquitätenladen geplündert?
Das ließ ich mir aufbürden!
— Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude…
— Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet…
Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst.
— Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich?
Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder.
…Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause.
Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus…
Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen.
Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht…
— Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja.
— Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht!
— Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben?
Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause!
…Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand.
Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar.
Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung.
— Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal.
Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten.
— Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste!
— Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich.
Jaja. Friedlich…
Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden.
— Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten.
— Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel?
— Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum.
Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch.
— Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie.
— Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur…
— Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?!
Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ.
— Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein.
Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer.
— Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert.
— Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg.
Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert.
— Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt.
Jana lief knallrot an.
— Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen?
Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten.
— Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten.
— Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir!
Kristinas Geduld war erschöpft.
— Raus, — sagte sie leise.
— Wie bitte? — stutzte Jana.
— Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“
Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher.
— Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da!
Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt.
Doch dann fiel ihr Blick auf Jana.
Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben.
— Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren…
— Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind…
Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel.
Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau…
…Vier Tage später.
Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich.
Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an.
— Hallo, — sagte Kristina zögernd.
— Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen…
— Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste?
Vater schniefte.
— Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina!
— Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan.
Pause. Vater gab nicht auf.
— Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre!
Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht.
Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide.
— Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst.
Dann legte Kristina auf.
Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben… Selbst eingebrockt Papa, was sind das denn für neue Sachen? Hast du einen Antiquitätenladen geplündert?
Vaters Wochenendhäuschen
Wie Olga zufällig und ganz unerwartet erfuhr, dass das Wochenendhäuschen von ihr und ihrem Vater verkauft worden war – bei einem Telefonat mit der Mutter in einer anderen Stadt, als ein technischer Fehler sie zum Mithören eines vertraulichen Gesprächs machte. So etwas kennt man nur aus Filmen! Zwei Städte, zwei Menschen, die die wichtigsten Neuigkeiten teilen: Das Häuschen ist weg, gut verkauft – und jetzt ist sogar Geld da, um Olga ein wenig zu helfen!
Olga erinnert sich an ihr schwieriges Verhältnis zur Physik, die ihr Vater ihr immer nahebringen wollte; an sonnige Septembertage, an süß duftende Äpfel aus dem Garten – Sorten, die ihr ebenso wenig vertraut waren wie die Gesetze der Physik. Die wirklich große Frage: Wie erklärt man die veränderte Herbstsonne? Und wie lebt man mit der heimlichen Verliebtheit in den Physiklehrer?
Auf dem Häuschen blühte das wahre Glück: Der Vater, jetzt als Hauptmechaniker im Telegraphiestützpunkt tätig, pfeifend und zufrieden; die Mutter – die schöne, stolze Bibliotheksleiterin mit leuchtend roten Haaren und Sinn für Ordnung – nur selten zu Besuch, ihre perfekten Hände mehr für Bücher als für Beete gedacht. Die kleinen Alltagsdramen und das große, stille Verständnis des Vaters.
Später: Olgas Studienjahre in einer fremden Stadt, die Einsamkeit, die zähe Schönheit des neuen Lebens – und die deutsche WG-Nachbarinnen aus der DDR, die stets ordnungsgemäß die geliehenen Zigaretten bezahlen und staunen über russische Gurken, aber Schweigen über die legendären Thüringer Würste.
Nach dem Studium, die erste Ehe, Arbeit in der Redaktion der „Neuen Stimme“ des Flugzeugwerks, Trennung, und die zweijähriger Tochter Marisha. Der Vater kommt weiterhin regelmäßig und bringt Äpfel aus dem alten Garten.
Später, am Häuschen: Herbsttage, Apfelernte, Drachensteigen, und die Gewissheit der Ewigkeit – bis der Vater nach einem Infarkt im Oktober geht. Olga lebt allein am Häuschen, wird von alten Freunden des Vaters unterstützt, fühlt die Unausweichlichkeit der Veränderung, das Versprechen, mit Marisha jeden Herbst zurückzukehren und den Garten zu pflegen.
Das Wochenendhäuschen und die Erinnerungen: Apfelduft, Herbstnebel, der stille Rhythmus von Leben und Abschied. Und die letzte, bittere Überraschung – als Olga erfährt, dass das Häuschen ganz ohne ihr Wissen verkauft wurde, mit dem Setzling weißer Johannisbeere für den Vater noch im Gepäck, während der Regen die gelben Blätter gegen die Schwelle schlägt. Vaters Gartenhaus Dass das gemeinsame Gartenhaus mit ihrem Vater verkauft worden war, erfuhr Ulrike völlig
Mach auf, wir sind da – Willkommen bei Familie!
„Julchen, die Tante Nadja kommt!“ – Die Stimme am Telefon klang so übertrieben fröhlich, dass man unwillkürlich die Augen verdrehte. „Wir sind nächste Woche in der Stadt, müssen ein paar Dokumente erledigen. Wir wohnen bei dir, ein oder zwei Wochen, okay?“
Ohne ein „Hallo“, ohne „Wie geht’s?“, einfach: Wir wohnen bei dir. Kein „Dürfen wir?“, kein „Würde es dir passen?“. Wir wohnen bei dir. Punkt.
„Tante Nadja“, Julia bemühte sich um einen sanften Tonfall, „schön, von dir zu hören. Aber wegen dem Übernachten… Ich kann euch gern ein Hotel empfehlen? Es gibt gerade günstige und schöne Angebote.“
„Hotel? Wozu Geld ausgeben?“ – Die Tante schnaubte, als hätte die Nichte etwas völlig Absurdes gesagt. „Du hast doch Papas alte Wohnung! Eine große Dreizimmerwohnung – für EINE Person!“
Julia schloss die Augen. Es geht wieder los.
„Das ist meine Wohnung, Tante.“
„Deine? Wem gehörte denn dein Vater, bitte? Ist er nicht aus unserer Familie? Blut ist dicker als Wasser, Julia! Wir sind keine Fremden, und du willst uns ins Hotel abschieben wie Streuner!“
„Ich schieb niemanden ab. Ich kann euch nur nicht aufnehmen.“
„Wieso denn das?“
„Weil ihr mir letztes Mal die Hölle bereitet habt“, dachte Julia, sagte aber höflich:
„Umstände, Tante Nadja. Es geht einfach nicht.“
„Umstände! Drei leerstehende Zimmer und sie hat Umstände! Dein Vater hätte NIE die Familie vor die Tür gesetzt. Du bist ganz die Mama…“
„Tante…“
„Was, Tante! Wir kommen am Samstag, mittags. Maxim und Pawel sind dabei. Du empfängst uns ordentlich.“
„Ich sagte doch, es geht nicht.“
„Julia!“ – Die Stimme wurde hart und bestimmend. „Das steht nicht zur Debatte. Samstag sind wir da.“
Stille.
Julia legte langsam das Handy auf den Tisch, blickte vor sich hin, atmete tief durch und ließ sich in den Stuhl zurückfallen.
Wie immer.
Vor zwei Jahren war Tante Nadja schon mal „zu Besuch“. Vier Menschen, angekündigt für drei Tage – zwei Wochen dauerte der Spuk. Julia erinnerte sich genau: Maxim, der Gatte, lag auf dem Sofa, natürlich in Straßenschuhen, und zappte bis nachts um drei durch TV-Kanäle. Pawel, ihr Sohn, 23, klaute Essen aus dem Kühlschrank und rührte nie das Geschirr an. Tante Nadja regierte in der Küche und kritisierte alles von den Vorhängen bis zu „falschen“ Fliesen.
Beim Abschied: ein durchgebranntes Sesselpolster, eine kaputte Badregale, Flecken auf dem Teppich. Kein Wort zu Geld – nichts für Lebensmittel, nichts für Nebenkosten, die gehörig in die Höhe schossen. Einfach gingen sie – „Danke, Julchen, du bist eine echte Perle.“
Julia massierte die Schläfen.
Nie wieder. Soll Tante Nadja ruhig brüllen wegen Papa und Familie! Wenn sie Samstag kommt – die Tür bleibt zu.
Sie öffnete das Handy und suchte ein Hotel. Moderne, preiswert, mit Extras. Adresse schicken, freundlich erklären: das ist die einzige Hilfe, die sie bietet.
Falls sie es nicht akzeptieren – nicht mehr Julias Problem.
Zwei Tage tiefe Ruhe: Julia arbeitete, spazierte abends, kochte Dinner für eine Person und redete sich ein, die Ankündigung der Tante sei bloß ein Albtraum. Vielleicht überlegt die Familie es sich anders. Vielleicht finden sie andere Verwandte zum Unterkommen.
Am Donnerstagabend klingelte das Handy. „Tante Nadja“ – und Julias Magen zog sich zusammen.
„Julia, ich bin’s! Wir kommen morgen, 14 Uhr Ankunft. Hol uns ab und deck den Tisch, wir haben ordentlich Hunger!“
Julia setzte sich langsam aufs Sofa, die Finger umklammerten das Handy.
„Tante Nadja“, sagte sie leise und klar, betonte jedes Wort, „ich habe es gesagt. Ihr kommt nicht in meine Wohnung. Bitte kommt nicht zu mir.“
„Ach, Quatsch!“ – Die Tante lachte, als hätte sie einen schlechten Witz gehört. „Du stellst dich an! Nicht reinlassen, reinlassen… Die Tickets sind gekauft!“
„Das ist euer Problem.“
„Julia, was ist denn los?“ – Erst Verwirrung, dann wieder der gewohnte Druck. „Bist du Familie oder nicht? Du musst helfen, das ist heilig!“
„Ich muss gar nichts.“
„Oh doch! Dein Papa, Gott hab ihn selig…“
„Tante, hör auf mit Papa. Ich sage NEIN. Das ist mein letztes Wort.“
Die Tante seufzte theatralisch:
„Julchen, deine Meinung interessiert hier niemanden, kapierst du? Wir sind Familie. Du stellst dich an, als wären wir Fremde! Morgen um zwei, nicht vergessen!“
„Ich sage…“
„Schluss jetzt, bis dann!“
Stille.
Julia starrte aufs dunkle Display. Sie spürte eine heiße Wut in der Brust. Das Handy flog aufs Sofa und Julia tigerte durch den Raum – drei Schritte hin, drei zurück, wie ein Tier im Käfig.
Ihr Wille zählt also nicht. Na wunderbar.
Jetzt wird zurückgewiesen, liebe Tanten.
Julia griff zum Handy, suchte den Kontakt „Mama“.
„Hallo? Julius, Liebling? Ist was passiert?“
„Mama, ich komme morgen zu dir. Für eine Woche, vielleicht auch länger.“
Pause.
„Morgen? Du warst doch erst kürzlich da…“
„Ich weiß. Ich muss einfach. Ich arbeite von überall aus. Kann ich kommen?“
Die Mutter schwieg noch eine Sekunde, Julia sah förmlich, wie sie besorgt nachdachte.
„Natürlich, komm. Ich freu mich immer. Ist denn alles okay?“
„Ja, Mama. Ich hab dich einfach vermisst.“
Sie legte auf und lächelte erleichtert. Morgen zur Mittagszeit wird Tante Nadja vor verschlossener Tür stehen. Die können klingeln, meckern, schimpfen – die Gastgeberin ist nicht daheim. Nicht beim Einkaufen, nicht bei Freundinnen, sondern: in einer anderen Stadt, 300 Kilometer entfernt.
Julia öffnete die Bahn-App. Morgenzug, 6:45 Uhr. Perfekt. Wenn die Tante an der Tür ist, trinkt sie längst Tee bei Mama.
Blut ist dicker als Wasser – aber manchmal muss selbst Familie „Nein!“ hören.
Im Zug hörte Julia den Rhythmus der Räder und stellte sich Tante Nadjas Gesicht vor der verschlossenen Wohnung vor. Die Augen fielen zu, die Müdigkeit wuchs, aber die Seele war ruhig.
Mama holte sie am Bahnhof ab, drückte sie herzlich, brachte sie nach Hause. Es gab Quarkpfannkuchen und Tee, dann ab ins Bett.
„Wir reden später“, meinte Mama, als sie die Tasse wegnahm, „erst mal ausruhen!“
Julia schlief sofort ein.
Grelles Klingeln weckte sie. Sie tastete nach dem Handy, blinzelte aufs Display: „Tante Nadja“.
„Julia!“ – Die Tante brüllte so laut, dass Julia das Handy abwandte. „Wir stehen seit zwanzig Minuten vor deiner Tür! Wieso machst du nicht auf?!“
Julia richtete sich auf, massierte ihr Gesicht. Draußen ging die Sonne unter – sie hatte halben Tag verschlafen.
„Weil ich nicht da bin“, sagte sie und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Wie meinst du: nicht da? Wo bist du?!“
„In einer anderen Stadt.“
Stille. Dann Explosion:
„Du bist fies geworden! Wusstest, dass wir kommen, und bist abgehauen?! Wie konntest du?!“
„Ganz einfach. Ich habe euch gewarnt. Ihr habt nicht gehört.“
„Wie kannst du nur! Du hast doch sicher jemandem den Schlüssel gegeben! Nachbarn, Freunde! Ruf sie an! Wir kommen auch ohne dich klar, sind nicht blöd!“
Julia stockte. So dreist?
„Tante, meinst du das ernst?“
„Aber sicher! Wir sind erschöpft, und du treibst hier deinen Blödsinn!“
„Ich wohne nicht mehr mit euch zusammen. Und erst recht lasse ich euch nicht ohne mich rein.“
„Du – !“
Die Zimmertür ging auf. Mama stand da – Bademantel, zerzauste Haare und scharfes Blinzeln. Sie streckte die Hand aus, und Julia reichte schweigend das Handy.
„Nadja“, die Stimme von Mama war eiskalt, „hier ist Vera. Hör zu und unterbrich mich nicht.“
In der Leitung irgendetwas Unverständliches.
„Yurij mochte dich nie. Sein ganzes Leben lang nicht. Und ich weiß das besser als jeder andere. Also, warum klammerst du dich an seine Tochter? Was willst du von ihr?“
Die Tante wollte etwas sagen, stotterte, verhaspelte sich.
„Ist gut so“, schnitt Mama ruhig ab. „Ruf Julia nie wieder an. Nie. Sie kann sich auf andere Hilfe verlassen – auf dich bestimmt nicht. Ende.“
Sie legte auf und reichte Julia das Handy zurück.
Julia sah ihre Mutter an, als hätte sie sie zum ersten Mal gesehen.
„Mama… Du… Ich hab dich nie so erlebt.“
Sie schnaubte, rutschte den Bademantel zurecht:
„Dein Vater hat es mir beigebracht. Mit Nadja hilft nur eins: Einmal ordentlich brüllen – dann bleibt sie jahrelang fern.“
Sie lächelte endlich, die Augenwinkel kräuselten sich:
„Funktioniert immer noch. Unglaublich, oder?“
Julia lachte laut, tief, befreit. Mama stimmte ein.
„Nun komm schon“, winkte sie Richtung Küche, „erst mal einen Tee. Erzähl, was überhaupt passiert ist.“ Mach auf, wir sind da Karolinchen, hier ist Tante Birgit! Die Stimme am Telefon klang so übertrieben