Wieder zu ihr: Wenn die Liebe immer im Schatten der Vergangenheit steht – Marinas Entscheidung zwischen Herz und Selbstachtung im nächtlichen Berlin

Wieder zu ihr

Gehst du wieder zu ihr?

Katrin stellte die Frage, das Ergebnis längst bekannt. Michael nickte, den Blick auf den Boden gerichtet. Er zog seine Jacke über, tastete nach Schlüsseln, Handy und Portemonnaie. Alles an seinem Platz. Er konnte gehen.

Katrin wartete. Ein Wort, nur ein Entschuldige oder Bin gleich zurück. Doch Michael öffnete nur die Tür und verschwand leise. Das Schloss klickte kaum hörbar, beinahe höflich, als würde der Mechanismus sich für den Hausherren entschuldigen.

Katrin trat ans Fenster. Der Innenhof lag im matten Licht der Straßenlaternen, Michaels Silhouette war unverkennbar. Er ging schnellen Schritts, entschlossen, als wüsste er genau, wohin. Zu ihr. Zu Julia. Zu ihrer siebenjährigen Tochter Clara.

Katrin lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe.

Sie hatte es gewusst. Von Anfang an wusste sie, worauf sie sich einließ. Als sie Michael kennenlernte, war er noch verheiratet offiziell jedenfalls. Ein gemeinsamer Mietvertrag, eine Tochter. Doch er wohnte schon nicht mehr bei Julia hatte sich ein Zimmer gemietet, kam nur noch für Clara vorbei.

Sie hat mich betrogen, hatte Michael damals gesagt. Ich konnte nicht verzeihen. Ich bin zur Scheidung.

Und Katrin hatte geglaubt. Himmel, wie leicht hatte sie geglaubt. Weil sie glauben wollte. Weil sie verliebt war leichtsinnig, heftig, wie mit siebzehn. Treffen im Café, nächtelange Telefonate, ihr erster Kuss im Regen auf dem Gehweg vor ihrer Haustür. Michael sah sie an, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt.

Die Scheidung. Ihre Hochzeit. Die neue Wohnung, gemeinsame Pläne, Gespräche über die Zukunft.
Und dann fing es an.

Zuerst die Anrufe. Michael, bring Clara Medikamente, sie ist krank. Michael, der Wasserhahn tropft, ich weiß nicht, was ich machen soll. Michael, Clara weint, will dich sehen, komm jetzt.

Jedes Mal sprang Michael auf und fuhr zu ihr.

Katrin versuchte zu verstehen. Das Kind war heilig. Clara konnte nichts dafür, dass ihre Eltern getrennt lebten. Natürlich musste er für sie da sein, helfen, sich kümmern.
Manchmal hörte Michael zu, versuchte, gegenüber seiner Exfrau Grenzen zu setzen.
Aber Julia änderte dann einfach ihr Vorgehen.

Komm am Wochenende nicht. Clara will dich nicht sehen.
Ruf nicht an, das bringt sie durcheinander.
Sie fragt, warum der Papa uns verlassen hat. Was sollte ich ihr sagen?
Und Michael brach jedes Mal zusammen. Versuchte er, eine ihrer plötzlichen Notfälle abzuweisen, schlug Julia direkt auf die Wunde. Und nach einer Woche wiederholte Clara bloß die Worte ihrer Mutter: Du liebst uns nicht mehr. Du hast eine andere Frau ausgesucht. Ich will dich nicht sehen.

Ein siebenjähriges Kind erfindet sowas nicht selbst.

Michael kam von solchen Treffen gebrochen zurück, voller Schuld, seine Augen leer. Und er lief bei Julias erstem Telefonat wieder los nur damit sein Kind nicht abweisend wurde, nicht diesen fremden, frostigen Blick bekam.
Katrin verstand. Wirklich.

Aber sie war müde.

Michael war hinter dem Hauseck verschwunden. Katrin löste ihre Stirn vom Glas, rieb sie mechanisch eine rötliche Spur blieb auf der Haut zurück.
Die leere Wohnung drückte.

Als es beinahe Mitternacht war, drehte sich der Schlüssel im Schloss.
Katrin saß in der Küche vor einer kalten Tasse Tee. Sie hatte den Tee nicht einmal angerührt starrte nur zu, wie sich auf der Oberfläche ein dunkler Film bildete. Drei Stunden. Drei Stunden hatte sie gewartet, jedem Schritt im Treppenhaus lauschend.

Michael trat leise ein, zog die Jacke aus, hängte sie sorgsam an den Haken. Bewegte sich vorsichtig, als hoffe er, unbemerkt vorbei zu schleichen.

Was war denn diesmal los?

Katrin war selbst überrascht, wie ruhig ihre Stimme klang. Drei Stunden hatte sie sich diesen Satz ausgemalt, bis Mitternacht waren sämtliche Emotionen in ihr verbrannt.
Michael schwieg kurz.

Die Therme ist ausgefallen. Musste sie reparieren.

Katrin hob langsam den Blick. Er stand im Türrahmen zur Küche, zögerte, einzutreten. Schaute irgendwo an ihr vorbei, ins dunkle Fenster hinter ihr.

Du kannst keine Thermen reparieren.
Ich hab’ einen Handwerker gerufen.
Und du musstest warten?, Katrin schob die Tasse beiseite. Du hättest ihn doch von hier rufen können. Telefon genügt.

Michael runzelte die Stirn, verschränkte die Arme. Das Schweigen breitete sich ungemütlich zwischen ihnen aus.

Liebst du sie vielleicht noch?
Jetzt sah er hin. Hart, verletzt, trotzig.

Was redest du da? Alles, was ich tue, mach ich für Clara! Wegen meiner Tochter! Was hat Julia damit zu tun?

Er trat in die Küche Katrin rückte samt Stuhl reflexartig zurück.

Du wusstest doch, worauf du dich einlässt. Dass ich bei ihr öfter sein muss. Dass ich eine Tochter habe. Und jetzt? Täglich Drama, jedes Mal, wenn ich zu Clara fahre?

Katrin spürte den Kloß im Hals. Sie wollte scharf antworten, standhaft, aber stattdessen brannten Tränen in den Augen, die erste rollte über ihre Wange.

Ich dachte…, sie brach ab, schluckte, ich dachte, du würdest wenigstens so tun, als ob du mich liebst. Wenigstens ein bisschen.

Katrin, hör jetzt bitte auf…
Ich bin müde!, ihre Stimme überschlug sich, erschreckte sie selbst. Müde davon, nicht mal zweite Wahl zu sein! Dritte! Nach deiner Ex, ihren Launen, kaputten Thermen mitten in der Nacht!

Michael schlug mit der Hand gegen den Türrahmen.

Was willst du denn von mir?! Dass ich mein Kind im Stich lasse? Nicht mehr zu ihr fahre?
Ich will, dass du einmal mich wählst!, Katrin sprang auf, die Tasse kippte, Tee spritzte auf den Tisch. Ein einziges Mal ‘Nein’ sagst! Nicht zu mir zu ihr! Julia!

Ich kann deine Ausbrüche nicht mehr ertragen!

Michael griff die Jacke vom Haken.

Wohin?

Statt einer Antwort fiel die Tür ins Schloss.

Katrin stand mitten in der Küche, der Tee tropfte auf das Linoleum, ihr Kopf dröhnte. Sie griff zum Handy, tippte seine Nummer. Freizeichen, noch eins, noch eins. Teilnehmer nicht erreichbar.

Noch einmal. Und nochmal.

Stille.

Katrin sank langsam auf den Stuhl, drückte das Handy an die Brust. Wohin war er gegangen? Zu Julia? Wieder zu ihr? Oder streifte er bloß wütend und enttäuscht durch die dunklen Straßen?
Sie wusste es nicht. Und gerade das war am schlimmsten.

Die Nacht zog sich endlos.

Katrin saß auf dem Bett, das Handy in der Hand der Bildschirm glimmte auf und verlosch wieder. Nummer wählen, Freizeichen hören, wegdrücken. Nachricht schreiben: Wo bist du? Dann noch eine: Antwort mir bitte. Und noch eine: Ich hab Angst. Senden und zusehen, wie nur eine einzelne graue Raute erscheint. Nicht zugestellt. Oder vielleicht doch, aber nicht gelesen. Was machte das für einen Unterschied.

Um vier Uhr morgens hörte Katrin auf zu weinen. Die Tränen waren aufgebraucht, irgendwie versiegt, hinterließen nur eine seltsame stille Leere. Sie stand auf, machte das Licht an und öffnete den Schrank.

Genug.

Es reicht.

Den alten Koffer fand sie auf dem Schrank, verstaubt, mit abgerissenen Etiketten von irgendeiner früheren Reise. Katrin warf ihn aufs Bett und packte ihre Sachen ein. Pullover, Jeans, Unterwäsche. Ohne Einteilen, ohne Sortieren alles, was sie griffbereit hatte, wurde gestopft. Wenn es ihm egal war war es ihr auch. Soll er ins leere Wohnung zurückkommen. Soll er sie suchen, Nachrichten schreiben, aber sie wird sie nicht lesen.

Soll er spüren, wie das ist.

Um sechs Uhr morgens stand Katrin im Flur. Zwei Koffer, Tasche über der Schulter, die Jacke schief geknöpft der eine Teil länger als der andere. Sie sah die Schlüssel in ihrer Hand an. Ihren abmachen, auf die Kommode legen.

Die Finger gehorchten nicht.

Katrin zerrte am Ring, versuchte, mit dem Nagel zu hebeln, doch der Schlüssel klemmte, die Hände zitterten, und wie konnten da noch Tränen kommen, wo doch alles schon ausgeweint war…

Oh, verdammt!

Das Schlüsselbund fiel scheppernd auf die Fliesen. Katrin blickte darauf, eine Sekunde, zwei dann setzte sie sich einfach auf ihren Koffer, umarmte sich selbst und brach wieder in Tränen aus. Laut, hässlich, mit Schluchzen und verzweifelten Atemzügen wie früher, als sie die Lieblingsvase ihrer Mutter zerbrochen hatte und glaubte, die Welt sei untergegangen.
Sie hörte nicht, wie die Tür aufging.

Katrin…

Michael ließ sich vor ihr auf die Knie nieder, direkt auf den kalten Fliesen des Flurs. Er roch nach Zigaretten und der feuchten Nacht in der Stadt.

Katrin, es tut mir leid. Bitte, verzeih mir.

Sie hob den Kopf. Das Gesicht nass, geschwollen, die Mascara verschmiert. Michael nahm behutsam ihre Hände in seine.

Ich war die ganze Nacht bei meiner Mutter. Sie hat mich… naja, zur Vernunft gebracht, er lächelte schief. Hat mir ordentlich den Kopf gewaschen.

Katrin schwieg. Sah ihn an und wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte.

Ich werde Julia verklagen. Verlange einen klaren Besuchsplan für Clara. Offiziell, durch das Jugendamt. Sie kann dann nicht mehr so… einfach manipulieren, Clara gegen mich ausspielen.

Seine Finger drückten Katrins Hände fester.

Ich wähle dich, Katrin. Hörst du? Dich. Du bist meine Familie.

In ihrer Brust regte sich etwas. Ein kleiner Keim Hoffnung, naiv und störrisch, den sie die gesamte Nacht hatte ausreißen wollen.

Wirklich?
Wirklich.

Katrin schloss die Augen. Sie würde Michael glauben. Ein letztes Mal. Und was immer dann passiert das wird die Zeit zeigen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Wieder zu ihr: Wenn die Liebe immer im Schatten der Vergangenheit steht – Marinas Entscheidung zwischen Herz und Selbstachtung im nächtlichen Berlin
Torte – Ein köstliches Meisterwerk der deutschen Backkunst