OHNE HERZ…
Eva-Maria Schneider kehrte nach Hause zurück. Sie war gerade beim Friseur gewesen trotz ihres beachtlichen Alters, sie feierte kürzlich ihren 68. Geburtstag, gönnte sie sich regelmäßig einen Besuch bei ihrer Stammfriseurin. Eva-Maria ließ ihre Haare und Nägel machen; diese kleinen Rituale gaben ihr neue Energie und bessere Laune.
Eva, irgendeine Verwandte war da und wollte dich sehen. Ich habe ihr gesagt, dass du später wieder da bist. Sie meinte, sie käme nochmal vorbei, berichtete ihr Ehemann Heinz.
Was für eine Verwandte denn bitte? Meine Familie gibts quasi gar nicht mehr. Wahrscheinlich wieder so eine entfernte Cousine fünften Grades Die will bestimmt um etwas bitten. Du hättest sagen sollen, ich sei auf Weltreise!, erwiderte Eva-Maria genervt.
Ach komm, warum denn lügen? Ich denke, sie gehört wirklich zur Familie. Eine große, gepflegte Frau irgendwie erinnert sie mich an deine verstorbene Mutter. Sie sieht sehr gebildet aus, war elegant gekleidet, versuchte Heinz, seine Frau zu beruhigen.
Etwa vierzig Minuten später klingelte die Verwandte tatsächlich. Eva-Maria öffnete selbst die Tür. Die Besucherin sah tatsächlich der Mutter ähnlich: teurer Mantel, schicke Stiefel, Lederhandschuhe und zierliche Diamantohrringe davon verstand Eva-Maria etwas.
Sie bat die Frau an den bereits gedeckten Tisch.
Na, dann lernen wir uns mal kennen, wenn wir verwandt sein sollen. Ich bin Eva-Maria, Vorname reicht ich sehe, wir sind altersmäßig nicht so weit auseinander. Das ist mein Mann Heinz. Über welche Linie bist du denn verwandt mit mir?, fragte Eva-Maria neugierig.
Die Frau zögerte kurz, wurde leicht rot. Ich heiße Sabine Sabine Brückner. Wir sind tatsächlich nicht weit auseinander, ich bin am 12. Juni 50 geworden. Sagt Ihnen das Datum etwas?
Eva-Marias Gesicht wurde fahl.
Ich sehe, Sie wissen, was ich meine. Ja, ich bin Ihre Tochter. Keine Sorge, ich will nichts von Ihnen. Ich wollte einfach mal meine leibliche Mutter sehen. Ich habe mein ganzes Leben in Unwissenheit gelebt. Habe nie verstanden, warum mich meine Mutter nicht liebt. Übrigens, sie ist schon seit acht Jahren tot. Warum liebt mich nur der Vater? Er ist erst vor zwei Monaten verstorben. Vor seinem Tod hat er mir alles verraten und Sie gebeten, ihm wenn Sie könnten zu verzeihen, berichtete Sabine nervös.
Ich versteh nur Bahnhof! Du hast eine Tochter?, fragte Heinz völlig perplex.
Tja, anscheinend schon. Ich erkläre es dir später, sagte Eva-Maria.
Also bist du meine Tochter? Gut, dann hast du mich ja gesehen. Wenn du glaubst, ich würde jetzt bereuen und um Verzeihung bitten nein. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, entgegnete Eva-Maria schroff. Ich hoffe, dein Vater hat dir alles erzählt. Wenn du versuchst, in mir Muttergefühle zu wecken nein, keine Chance. Entschuldige.
Darf ich noch einmal zu Ihnen kommen? Ich wohne im Vorort. Wir haben ein großes Haus mit zwei Etagen. Kommen Sie doch mal mit ihrem Mann vorbei! Ich habe Fotos dabei, vom Enkel und meiner Urenkelin, möchten Sie sie vielleicht sehen?, fragte Sabine vorsichtig.
Nein. Will ich nicht. Komm nicht mehr vorbei. Vergiss mich besser. Leb wohl, sagte Eva-Maria abweisend.
Heinz rief Sabine ein Taxi und brachte sie zur Tür. Als er zurückkam, hatte Eva-Maria schon abgeräumt und sah ruhig fern.
Du bist echt hart im Nehmen! Mit dir könnte man Armeen befehligen. Hast du überhaupt ein Herz? Ich dachte immer, du bist kalt und gefühllos, aber so sehr hätte ich es nicht geglaubt, sagte Heinz bitter.
Du hast mich kennengelernt, als ich 28 war, richtig? Aber, mein Lieber, meine Seele wurde viel früher zertreten und ausgelöscht.
Ich war ein Dorfmädchen, immer voller Sehnsucht, in die Stadt zu ziehen. Deshalb habe ich fleißig gelernt und als Einzige aus der Klasse einen Studienplatz geschafft.
Mit 17 lernte ich Thomas kennen. Ich habe ihn abgöttisch geliebt. Er war fast 12 Jahre älter das störte mich nicht. Nach meiner bitterarmen Kindheit war das Studentenleben wie ein Märchen. Die Stipendien reichten nie, ich hatte immer Hunger, deshalb nahm ich seine Einladungen ins Café oder auf ein Eis dankend an.
Er versprach mir nichts, aber ich war sicher, dass wir heiraten würden mit so einer Liebe!
Als er mich eines Abends zur Wochenendhütte einlud, bin ich ohne zu zögern mitgefahren. Ich war überzeugt, das würde ihn für immer an mich binden. Die Treffen dort wurden Routine. Bald war klar, dass ich zu viel Nähe zugelassen hatte und nun ein Kind erwartete.
Das teilte ich Thomas mit. Seine Freude war groß. Als meine Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war, fragte ich langsam an: Wann heiraten wir? Ich war inzwischen 18, eine Anmeldung beim Standesamt wäre möglich.
Hab ich dir je versprochen, dich zu heiraten? gab Thomas zurück.
Hab ich nicht und werde ich nicht. Ich bin nämlich schon verheiratet, sagte er eiskalt weiter.
Und das Kind? Und ich?
Du bist doch jung und gesund. Aus dir könnte man eine Statue mit Ruder bauen. Du nimmst dir ein Urlaubssemester und lernst weiter, solange man nichts sieht. Dann nehmen wir meine Frau und ich dich bei uns auf. Es klappt mit eigenen Kindern nicht, vielleicht weil meine Frau schon älter ist. Nach der Geburt übernimmst du das Studieren. Wir bezahlen dich sogar.
Damals wusste niemand etwas von Leihmutterschaft. Aber was hätte ich tun sollen? Wieder zurück ins Dorf, die Familie beschämen?
Bis zur Geburt wohnte ich in ihrem Haus. Thomas Ehefrau ließ sich nie blicken vielleicht war Eifersucht im Spiel. Die Tochter habe ich bei ihnen zu Hause bekommen, es war eine Hebamme da, alles ordentlich. Ich durfte sie nicht stillen, das Mädchen wurde sofort weggeholt. Ich habe sie nie wieder gesehen. Nach einer Woche wurde ich höflich verabschiedet. Thomas drückte mir das Geld in die Hand.
Ich ging zurück zum Studium. Danach auf die Fabrik. Bekam ein Zimmer im Frauenwohnheim. Erst war ich einfache Meisterin, dann leitende Prüferin.
Freunde hatte ich viele, aber kein Mann wollte mich heiraten bis du kamst. Mit 28 hätte ich eigentlich keinen Mann mehr gebraucht, aber es wurde Zeit.
Den Rest kennst du wir hatten ein gutes Leben, drei Autos, ein Haus voll Luxus, ein gepflegtes Ferienhaus. Jedes Jahr im Urlaub. Die Fabrik hat die 90er gut überstanden, weil unser Betriebsteil die Traktorteile herstellte, die sonst niemand herstellt. Der Rest ist bis heute von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben.
Wir gingen vorzeitig in Rente. Uns fehlt nichts. Keine Kinder und das ist gut so. Was aus heutiger Jugend wird, ist mir egal, schloss Eva-Maria ihre Geschichte.
Wir haben kein gutes Leben geführt, Eva. Ich habe dich geliebt. Mein Leben lang versucht, dein Herz zu erreichen und bin gescheitert. Gut, keine Kinder, aber du hast nie Mitgefühl gezeigt für ein Kätzchen, für einen Hund. Meine Schwester bat mal um Hilfe für die Nichte, nicht mal für eine Woche wolltest du sie aufnehmen.
Und heute kommt deine Tochter und wie empfängst du sie? Deine Tochter! Dein Blut, und du Hätte ich dich in jüngeren Jahren gekannt, ich hätte mich scheiden lassen. Jetzt ist es zu spät. Neben dir ist es kalt, eiskalt, antwortete Heinz enttäuscht.
Eva-Maria erschrak ein wenig so scharf hatte ihr Mann noch nie mit ihr gesprochen.
Das ruhige Leben wurde durch die Tochter erschüttert.
Heinz zog sich ins Ferienhaus zurück. Die letzten Jahre lebt er dort. Er kümmert sich um drei Hunde alles gerettete Streuner und eine ungezählte Menge Katzen.
Zu Hause sieht man ihn kaum noch. Eva-Maria weiß, dass er regelmäßig zu Sabine fährt, kennt bereits die ganze Familie, und vergöttert die Urenkelin.
Er war schon immer ein bisschen sonderbar und ist es geblieben. Sollen sie machen, was sie wollen, denkt Eva-Maria.
Sie hat kein Bedürfnis, Tochter, Enkel oder Urenkel kennenzulernen.
Sie reist allein ans Meer. Genießt die Erholung, tankt Kraft und fühlt sich großartig.





