Das Wochenendhaus – Es heilt alles – Bist du verrückt geworden? Ich habe Nina extra gesagt, dass du kommst! Sie hat extra für dich das beste Stück zurückgelegt! Irina stand wie erstarrt mit dem Einkaufstüte in der Hand. Die Schwiegermutter stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und blickte sie an, als hätte Irina nicht etwa Fleisch im Supermarkt gekauft, sondern gleich eine Bank ausgeraubt. – Frau Katharina, ich habe es einfach nicht rechtzeitig zum Markt geschafft, – versuchte Irina ruhig zu bleiben. – Nach der Arbeit musste ich noch Ihr Kleid aus der Reinigung holen, dann noch zur Apotheke… – Und zu telefonieren? Bescheid zu geben? Nina hat auf dich gewartet, bis zur Ladenschließung! Danach hat sie mir eine Stunde lang ins Telefon geheult, dass ich sie hängen lasse! Irina stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr wurde mulmig zumute. – Das Fleisch ist gut, ganz frisch, – sie holte die Packung heraus, zeigte sie ihrer Schwiegermutter. – Sehen Sie, feinstes Rindfleisch, marmoriert, kühl gelagert… Katharina warf keinen Blick darauf. Sie trat an den Tisch, schob die Packung mit spitzen Fingern weg. – Supermarktware, voll mit Chemie. Sascha isst sowas nicht, sein Magen ist empfindlich. – Sascha hat genau das letzte Woche selbst gekauft, – platzte es aus Irina heraus. Ein Fehler. Die Schwiegermutter lief rot an. – Eben! Der Mann läuft selbst los, weil die Frau nichts auf die Reihe kriegt! Drei Jahre, Irina. Drei Jahre bist du in dieser Familie, und was hat’s gebracht? Du kannst nicht kochen, im Haushalt ist von dir keine Hilfe zu erwarten, und Kinder willst du auch keine… – Frau Katharina, das ist nun wirklich unfair. – Unfair? – schnaubte die Schwiegermutter. – Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und mich nie getraut, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Und du? Bist aufsässig, ignorierst meine Ratschläge, machst dein eigenes Ding… Katharina ging in den Flur, zog ihre Tasche von der Garderobe. Jede Bewegung war eine kleine Demonstration. – Ich sag’s Sascha schon lange: Scheid dich, solange es noch geht. Such dir eine vernünftige Frau. Eine, die ihren Mann schätzt, statt… Sie brach ab, warf eine Handbewegung und schlüpfte in ihre Schuhe, ohne sich zu bücken. Irina stand in der Küchentür, krallte sich in den Rahmen. – Auf Wiedersehen, Frau Katharina. Die Schwiegermutter antwortete nicht. Die Tür fiel zu und es wurde still in der Wohnung. Irina rutschte langsam an der Wand herunter und setzte sich auf den kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag einsam auf dem Tisch, und sie hatte nicht einmal Lust, es anzusehen, nicht das Fleisch, nicht die blitzblanke Küche, und erst recht nicht die Hochzeitsfotos, auf denen Katharina so gezwungen lächelte, als hätte sie einen Nagel im Schuh. Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich Mühe gegeben. Rezepte gelernt, die Sascha aus Kindheitstagen mochte. Die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter überstanden, bei denen jedes Gericht einen Kommentar bekam: »Unser Sascha isst die Kartoffeln aber nur gewürfelt, nicht als Streifen.« Gelächelt, genickt, sich entschuldigt für Dinge, die gar nicht in ihrer Verantwortung lagen. Und trotzdem – nie gut genug. Immer – »Besser wär’s, er würde sich trennen.« Irina lehnte den Kopf nach hinten, drückte ihr Hinterhaupt gegen die Wand. Die Decke müsste neu gestrichen werden. Das sollte sie Sascha sagen. Aber was soll’s. Zwei Wochen lebte Irina wie ein Partisan hinter feindlichen Linien. Auf Anrufe der Schwiegermutter antwortete Sascha, Sonntagsessen wurden mit »dringenden Terminen« abgesagt, und eine zufällige Begegnung endete mit einem schnellen »Hallo« und panischer Flucht. Dann rief der Notar an. Ihr Großvater, den sie kaum fünfmal im Leben gesehen hatte, war gestorben. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann ihr ein Wochenendhaus vererbt hatte, keine vierzig Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kleines Grundstück im Kleingartenverein »Morgensonne«. – Wir sollten zumindest mal nachsehen, – Sascha drehte den Schlüsselanhänger mit der abgewetzten Erdbeere in der Hand. – Fahren wir am Samstag hin? Irina nickte. Samstag war okay. Sie hatte eine Sache vergessen. – Sascha, ich komm mit! – Katharina tauchte Samstagmorgen um halb acht im Türrahmen auf, in Gummistiefeln und mit Körbchen. – Das soll da voll das Pilzparadies sein, sagt Nina! Irina begann schweigend, Tee in die Thermoskanne zu füllen. Sie sah einem »wunderbaren« – selbstverständlich ironisch gemeinten – Tag entgegen. Das Wochenendhaus war genauso, wie Irina es sich vorgestellt hatte. Ein windschiefes Häuschen, ein zugewucherter Garten, ein Zaun, gehalten von der reinen Hoffnung und zwei rostigen Nägeln. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und alten Zeitungen. – Sascha, – Irina zupfte ihn am Ärmel, senkte die Stimme. – Lass es uns verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende hin, Beete jäten… Das ist nicht unser Leben. Sascha öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte: – Wie verkaufen?! – Katharina erschien hinter ihnen wie aus dem Nichts. – Seid ihr verrückt? Das ist Land! Ein eigenes Grundstück! Für sowas… Sie legte die Hand auf die Brust, die Augen funkelten verdächtig. – Gebt mir die Schlüssel. Ich bring hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, mache das Häuschen hübsch. In einem Jahr dankt ihr mir noch! Irina betrachtete sie skeptisch. Da stand die Schwiegermutter auf dem überwucherten Grundstück, die Stiefel in altem Laub, und strahlte regelrecht. – Frau Katharina, das sind… – Irina, – Sascha drückte sanft ihren Arm. – Lass Mama doch machen. Sie freut sich doch. Was soll’s, es schadet ja keinem. Schaden tat es wirklich nicht. Es war einfach… seltsam. Aber diskutieren wollte Irina erst recht nicht. Sie reichte ihrer Schwiegermutter wortlos die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger. …Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Ein sonderbarer, surrealer Nebel, in dem Katharina nur noch aus praktischen Gründen anrief, nie unangemeldet aufkreuzte und – das Unglaublichste – kein einziges Mal vom Fleisch vom Markt, von fehlenden Enkeln oder falsch geschnittener Kartoffel sprach. Am Telefon war ihre Stimme munter, fast fröhlich: »Sascha, mir geht’s bestens! Hab alle Hände voll zu tun, wir hören voneinander!« Irina verstand nichts. Ein Trick? Die Ruhe vor dem Sturm? Oder war die Schwiegermutter ernsthaft krank und wollte es nicht sagen? – Sascha, – fragte sie eines Abends, – ist mit deiner Mutter wirklich alles in Ordnung? – Klar, – winkte Sascha ab. – Sie ist mit dem Wochenendhaus beschäftigt. Da gibt’s wohl mehr zu tun, als gedacht, sagt sie. Am Freitag rief Katharina selbst an. – Morgen seid ihr bei mir! Ich grille, zeige euch das Grundstück. Ich hab soviel geschafft! Kommt, dann seht ihr’s selbst! – Sascha, ich will da nicht hin, – Irina schüttelte den Kopf, als Sascha ihr die Einladung weitergab. – Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder volle Fahrt? – Sie hat sich so Mühe gegeben, Irina. Sie wäre verletzt, wenn wir nicht kommen. – Sie fühlt sich immer verletzt. – Bitte, – Sascha blickte sie so seelenvoll an, dass Irina nachgab. Gut, Samstag also… Und am Samstag erkannte Irina ihre Schwiegermutter nicht wieder. Katharina stand am Gartentor im Leinenkleid, die Arme braungebrannt und von frischer Röte überzogen. Das war kein aufgesetztes Höflichkeitslächeln, sondern eine echte, warme Miene, die sie Jahre jünger erscheinen ließ. – Ihr seid da! Endlich! – Katharina breitete die Arme aus, und Irina trat fast automatisch näher, ließ sich umarmen. Nach Erde, Dill und irgendwie Honig roch sie. Das Grundstück war kaum wiederzuerkennen. Ordentliche Beete zogen sich in Reih und Glied am neuen Zaun entlang, der den Wind jetzt locker überstand. Junge Johannisbeerbüsche trugen frisches Grün, und unter den Fenstern blühten Tagetes. – Kommt mit, ich zeig euch alles! – Katharina zog sie mit, ließ gar kein Zögern zu. – Da, Erdbeeren – ganz toller Sort, hat mir die Nachbarin gegeben. Im Juni gibt’s die ersten Früchte. Hier kommen Tomaten hin, und Gurken. Im Herbst koche ich ein, alles für euch, nur ein paar Gläser für mich. Irina warf Sascha einen verblüfften Blick zu. Er war genauso überrascht. – Mama, hast du das alles alleine geschafft? – Sascha wies umher. – Wer denn sonst? – Katharina lachte, hell und jung. – Ich hab Hände, einen Kopf, und Nachbarinnen helfen mit Tipps. Hier sind die Leute herzlich! Ganz anders als in der Stadt. Drinnen war alles frisch gemacht: neue Vorhänge, geputzte Fenster, auf dem Tisch ein gesticktes Deckchen. Der Muff von früher war weg, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern. – Hier, – stellte Katharina eine Milchflasche und ein Päckchen Pergament auf den Tisch. – Von Zinaida, zwei Häuser weiter. Eigene Milch, von der Ziege. Und das Fleisch auch – sie züchtet ein Rind. Ihr nehmt mit: Da ist noch Quark und Sauerrahm dabei. Irina starrte schweigend das Päckchen an. Eigenes Fleisch. Von der Nachbarin. Kein einziges Wort über Nina vom Wochenmarkt. – Frau Katharina, – platzte es aus ihr heraus, – geht es Ihnen… gefällt es Ihnen hier? Die Schwiegermutter ließ sich auf die Küchenbank sinken. Etwas Sanftes, Ungewohntes blitzte in ihren Augen auf. – Irchen, – nannte sie sie zum ersten Mal so, – ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, Hände in der Erde, den Kopf frei. In der Stadt, da bin ich fast erstickt, ohne zu wissen, warum. Aber hier… Sie deutete zum Fenster. – Hier lebe ich. Auf der Heimfahrt war es still. Sascha fuhr, während auf der Rückbank Milch und Quark klirrten. – Sag mal, – brach Sascha das Schweigen, – vielleicht können wir jetzt ja Kinder bekommen? Gibt ja jetzt einen Garten für den Sommer. Irina schnaubte, musste aber lächeln. – Weißt du, ich wollte das Wochenendhaus damals verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, was sollen wir mit so einer Bruchbude. – Ich weiß noch. – Aber, dieses Haus… – Irina suchte nach Worten. – Es hat alles geheilt. Zwischen mir und deiner Mutter. In zwei Monaten hat es geschafft, was ich in drei Jahren nicht geschafft habe. Sascha stoppte an der Ampel und sah sie an. – Mama war einfach unglücklich. Und jetzt – ist sie’s nicht mehr. Irina nickte. Draußen gingen die Lichter der Stadt an, zu Hause wartete ihre Wohnung mit den Hochzeitsfotos, und zum ersten Mal fiel ihr die Heimkehr leicht. – Wir sollten sie öfter besuchen, – flüsterte sie. Und war überrascht, wie ehrlich sie das meinte. Ehrlich und von Herzen…

Gartenhaus, das richtet alles

Bist du denn völlig von Sinnen? Ich habe doch Inge gesagt, du kommst vorbei! Sie hat extra den besten Rinderbraten für dich zurückgelegt!

Judith stand wie versteinert mit dem Einkauf in der Hand im Flur. Ihre Schwiegermutter, Gudrun Müller, stand im Türrahmen der Küche, Arme verschränkt, und sah sie an, als hätte Judith nicht einfach nur Fleisch aus dem Supermarkt geholt, sondern gleich die Sparkasse überfallen.

Frau Müller, ich habe es einfach nicht mehr auf den Wochenmarkt geschafft, versuchte Judith ganz ruhig zu bleiben. Ich war nach der Arbeit noch schnell in der Reinigung, Ihr Kleid abholen, dann zur Apotheke…

Und ein kurzer Anruf? Eine SMS? Inge hat auf dich gewartet bis Ladenschluss! Dann hat sie mir eine Stunde am Telefon ihr Herz ausgeschüttet! Ich wäre ihr peinlich!

Judith stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr Magen verkrampfte sich unbehaglich.

Das Fleisch ist wirklich frisch, sie zeigte die Packung ihrer Schwiegermutter. Schauen Sie, richtig gutes argentinisches Rind, gekühlt…

Gudrun warf nicht mal einen Blick drauf. Sie schob das Fleischpaket mit spitzen Fingern zurück.

Supermarkt-Mist, voller Chemie. Stefan kriegt davon gleich wieder Magenprobleme.

Das hat Stefan selbst letzte Woche gekauft, entwich es Judith. Falscher Moment. Gudrun lief knallrot an.

So ist es! Mein Sohn muss hier selbst einkaufen gehen, weil seine Frau offenbar Besseres zu tun hat. Drei Jahre bist du nun schon Teil der Familie, aber ehrlich? Null Resultat. Kochen kannst du nicht, im Haushalt auf dich keinen Verlass, und mit den Kindern Fehlanzeige!

Frau Müller, das ist wirklich unfair.

Unfair? Gudrun schnaubte. Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und bloß ja nie widersprochen. Und du? Ignorierst meine Ratschläge und machst dein eigenes Ding…

Gudrun ging in den Flur, schnappte sich ihre Tasche jedes Geräusch eine neue Nadel ins Nervenkostüm.

Ich sag Stefan schon lange: Lass dich scheiden, besser jetzt als zu spät. Such dir ein anständiges Mädel. Eine, die ihren Mann schätzt und nicht bloß…

Handbewegung, kein Satz zu Ende. Schuhe angezogen, ohne den Absatz zu richten.

Judith blieb im Küchenrahmen, die Finger um das Holz gekrallt.

Auf Wiedersehen, Frau Müller, sagte sie nur leise.

Kein Wort zurück. Die Tür fiel ins Schloss, Stille in der Wohnung. Judith sackte langsam an der Wand herunter, saß plötzlich auf dem kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag unberührt auf dem Tisch, und bei seinem Anblick wurde ihr schlecht. Noch schlimmer als beim Blick auf die blitzblank geputzte Küche oder die Hochzeitsfotos an der Wand, auf denen Gudrun so gezwungen lächelt, als hätte ihr jemand Reißzwecken in die Schuhe gesteckt.

Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich bemüht. Rezepte gelernt, die Stefan von früher liebte. Die ritualisierten Sonntagsessen mit der Schwiegermutter überstanden, bei denen das Kartoffelschneiden kommentiert wurde: Stefan isst die lieber in Würfeln, nicht als Stäbchen. Immer gelächelt, immer sich für Dinge entschuldigt, an denen sie keine Schuld hatte.

Und trotzdem nie wirklich okay. Immer Wäre besser, wenn du nicht wärst. Judith legte den Kopf zurück, starrte an die Decke. Malern wäre mal wieder nötig. Hätte sie Stefan eigentlich sagen müssen. Aber wen juckt das noch.

Zwei Wochen lebte Judith wie auf der Flucht. Gudrun rief an, Stefan ging ran, die Sonntagsessen wurden unter Vorwand abgesagt, ein zufälliges Treffen auf der Straße endete in kurzem Hallo und eiligen Schritten.

Und dann rief der Notar an.

Ihr Opa, den sie kaum kannte, ist verstorben. Und hinterlässt ihr ein kleines Gartenhaus, 40 Kilometer vor Berlin, im Kleingartenverein Sonnenaufgang.

Wir sollten mal schauen, wie es da aussieht, Stefan drehte den Schlüsselbund mit dem abgenutzten Erdbeer-Anhänger in der Hand. Wollen wir Samstag fahren?

Judith nickte. Samstag also.

Was sie nicht einkalkuliert hatte:

Stefanchen, ich fahr mit! Gudrun tauchte morgens um halb acht auf, in Gummistiefeln und mit Korb. Da solls Pilze geben, hat Inge erzählt.

Judith sagte kein Wort, füllte die Thermoskanne. Vor ihr lag ein wundervoller Tag natürlich ironisch.

Und das Gartenhaus war wirklich genauso, wie Judith es sich vorgestellt hatte.

Schiefes Häuschen, überwucherte Beete, Zaun, der nur noch durch zwei rostige Nägel und Gottes Willen hielt. Drinnen roch es nach feuchter Erde und alten Zeitungen.

Stefan, Judith zog ihn zur Seite, flüsterte. Lass uns das Ding verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende Erde umgraben, Unkraut jäten… Das ist doch nicht unser Leben.

Stefan wollte antworten, doch:

Verkaufen? Bist du verrückt? Gudrun erschien aus dem Nichts. Das ist doch ein Stück Natur! Ein eigenes Grundstück! Ich wäre selig…

Gudrun presste die Hände ans Herz, Tränen blinkten in ihren Augen.

Gib mir die Schlüssel! Ich bringe hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, repariere das Häuschen. Und in einem Jahr werdet ihr mir danken!

Judith musterte Gudrun skeptisch. Die stand da mitten im Gestrüpp, Gummistiefel im Laub, und strahlte wie ein Weihnachtsbaum.

Frau Müller, das ist Arbeit ohne Ende…
Judith, Stefan drückte ihr sanft den Ellenbogen. Lass sie doch machen. Sie ist doch glücklich. Was kostet es uns denn?

Es kostete nichts. War irgendwie seltsam aber diskutieren wollte Judith noch weniger. Schweigend überreichte sie Gudrun die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger.

…Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Irgendwie surreal. Gudrun rief nur noch an, wenn es wichtig war, kam nie unangekündigt vorbei und fast unglaublich schimpfte nie übers Supermarktfleisch, fehlende Enkel oder falsch geschnittene Kartoffeln. Am Telefon klang sie fröhlich: Stefanchen, mir gehts gut! Bin viel beschäftigt, lass uns mal wieder reden!

Judith verstand gar nichts mehr. Irgendein Haken? Ruhe vor dem Sturm? Vielleicht war Gudrun krank und verheimlichte es?

Stefan, fragte sie abends, mit deiner Mutter ist wirklich alles okay?

Bestens, grinste Stefan. Sie redet nur noch vom Gartenhaus. Dort arbeitet sie von früh bis spät, meint, sie kommt kaum zum Schlafen.

Am Freitag rief Gudrun dann selbst an:

Kommt ihr morgen raus? Es gibt Grillen, ich will euch alles zeigen! So viel geschafft! Ihr werdet staunen!

Stefan, ich will nicht, Judith schüttelte den Kopf, als Stefan die Einladung weitergab. Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder das volle Programm…

Sie gibt sich Mühe, wäre enttäuscht, wenn wir nicht kämen.
Sie ist immer beleidigt.
Na bitte, Stefan schaute sie so treuherzig an, dass Judith nachgab.

Samstag also…

Am Samstag erkannte Judith Gudrun kaum wieder.

Gudrun stand am Gartentor im luftigen Sommerkleid, sonnengebräunte Arme, rote Wangen. Kein müder Zwangslächeln, sondern echtes Strahlen, die Lachfältchen wie weggeblasen, zehn Jahre jünger.

Endlich seid ihr da! Gudrun nahm sie in die Arme, Judith ließ es geschehen, überrascht vom weichen, frischen Erd- und Honiggeruch.

Das Grundstück: wie verwandelt. Ordentliche Beete, der Zaun wieder stabil, junge Johannisbeersträucher mit leuchtenden Blättern, unter den Fenstern die Tagetes in voller Blüte.

Kommt, ich zeig euch alles! Gudrun zog sie einfach mit. Hier kommen Erdbeeren, die hat mir die Nachbarin gegeben, erste Ernte im Juni. Da drüben Tomaten, Gurken. Ich mach im Herbst ein Glas nach dem anderen ein, ihr kriegt alles ich behalt nur ein paar für mich.

Judith sah Stefan an. Dem stand der Mund offen.

Mama, das alles allein?
Wer denn sonst? Gudrun lachte frei und jung. Zwei Hände, ein Kopf, hilfsbereite Nachbarinnen und das Herz am rechten Fleck! Die Leute hier ganz anders als in Berlin.

Sie führte ins Haus. Auch drinnen alles neu: frische Gardinen, blank geputzte Fenster, auf dem Tisch eine handbestickte Decke. Der muffige Geruch verflogen, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern.

Hier, Gudrun stellte eine Milchkanne und ein Paket ein Von Frau Schäfer, die wohnt hier zwei Häuser weiter. Frische Ziegenmilch, das Fleisch ist auch von ihr, sie hält einen Ochsen. Nehmt alles mit, dazu gibts Quark und saure Sahne.

Judith starrte auf das Paket. Fleisch von der Nachbarin kein Wort über Inge vom Markt.

Frau Müller, entfuhr es ihr, geht es Ihnen hier… wirklich gut?

Gudrun setzte sich auf den Hocker, in ihrem Blick lag etwas Weiches, ganz Neues.

Judith, zum ersten Mal so freundlich gesagt, ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Häuschen, Garten, mit den Händen in der Erde und dabei frei im Kopf. In der Stadt hab ich nur herumgekrampft, wusste gar nicht warum. Und hier…

Sie zeigte aufs Fenster.

Hier lebe ich.

Beim Heimweg saßen sie still im Auto, Stefan fuhr, hinten klapperten Milchkanne und Quark im Gepäck.

Du, brach Stefan das Schweigen, vielleicht könnten wir jetzt auch mal Kinder bekommen. Die können dann im Sommer hier herumtoben.

Judith lachte trocken, aber lächelte trotzdem.

Weißt du, ich wollte das Gartenhaus verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, warum brauchen wir sowas?

Weiss ich noch.

Aber, dieses Gartenhaus… Judith brauchte einen Moment. Das hat alles verändert. Zwischen mir und deiner Mutter. Zwei Monate und plötzlich funktioniert es, was ich drei Jahre lang nicht geschafft habe.

Stefan stoppte an der Ampel, wandte sich ihr zu.

Mama war einfach unglücklich. Jetzt nicht mehr.

Judith nickte. Draußen leuchteten die Berliner Lichter, daheim wartete ihre Wohnung mit Hochzeitsfotos und zum ersten Mal seit drei Jahren das Gefühl, wirklich gerne heimzukommen.

Wir sollten öfters zu ihr fahren, flüsterte sie.

Und merkte selbst, dass sie das wirklich meinte. Von ganzem Herzen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Das Wochenendhaus – Es heilt alles – Bist du verrückt geworden? Ich habe Nina extra gesagt, dass du kommst! Sie hat extra für dich das beste Stück zurückgelegt! Irina stand wie erstarrt mit dem Einkaufstüte in der Hand. Die Schwiegermutter stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und blickte sie an, als hätte Irina nicht etwa Fleisch im Supermarkt gekauft, sondern gleich eine Bank ausgeraubt. – Frau Katharina, ich habe es einfach nicht rechtzeitig zum Markt geschafft, – versuchte Irina ruhig zu bleiben. – Nach der Arbeit musste ich noch Ihr Kleid aus der Reinigung holen, dann noch zur Apotheke… – Und zu telefonieren? Bescheid zu geben? Nina hat auf dich gewartet, bis zur Ladenschließung! Danach hat sie mir eine Stunde lang ins Telefon geheult, dass ich sie hängen lasse! Irina stellte die Tüte auf den Tisch. Ihr wurde mulmig zumute. – Das Fleisch ist gut, ganz frisch, – sie holte die Packung heraus, zeigte sie ihrer Schwiegermutter. – Sehen Sie, feinstes Rindfleisch, marmoriert, kühl gelagert… Katharina warf keinen Blick darauf. Sie trat an den Tisch, schob die Packung mit spitzen Fingern weg. – Supermarktware, voll mit Chemie. Sascha isst sowas nicht, sein Magen ist empfindlich. – Sascha hat genau das letzte Woche selbst gekauft, – platzte es aus Irina heraus. Ein Fehler. Die Schwiegermutter lief rot an. – Eben! Der Mann läuft selbst los, weil die Frau nichts auf die Reihe kriegt! Drei Jahre, Irina. Drei Jahre bist du in dieser Familie, und was hat’s gebracht? Du kannst nicht kochen, im Haushalt ist von dir keine Hilfe zu erwarten, und Kinder willst du auch keine… – Frau Katharina, das ist nun wirklich unfair. – Unfair? – schnaubte die Schwiegermutter. – Ich hab meiner Schwiegermutter die Füße geküsst und mich nie getraut, auch nur ein falsches Wort zu sagen. Und du? Bist aufsässig, ignorierst meine Ratschläge, machst dein eigenes Ding… Katharina ging in den Flur, zog ihre Tasche von der Garderobe. Jede Bewegung war eine kleine Demonstration. – Ich sag’s Sascha schon lange: Scheid dich, solange es noch geht. Such dir eine vernünftige Frau. Eine, die ihren Mann schätzt, statt… Sie brach ab, warf eine Handbewegung und schlüpfte in ihre Schuhe, ohne sich zu bücken. Irina stand in der Küchentür, krallte sich in den Rahmen. – Auf Wiedersehen, Frau Katharina. Die Schwiegermutter antwortete nicht. Die Tür fiel zu und es wurde still in der Wohnung. Irina rutschte langsam an der Wand herunter und setzte sich auf den kalten Küchenboden. Das Rindfleisch lag einsam auf dem Tisch, und sie hatte nicht einmal Lust, es anzusehen, nicht das Fleisch, nicht die blitzblanke Küche, und erst recht nicht die Hochzeitsfotos, auf denen Katharina so gezwungen lächelte, als hätte sie einen Nagel im Schuh. Drei Jahre. Drei Jahre hat sie sich Mühe gegeben. Rezepte gelernt, die Sascha aus Kindheitstagen mochte. Die Sonntagsessen bei der Schwiegermutter überstanden, bei denen jedes Gericht einen Kommentar bekam: »Unser Sascha isst die Kartoffeln aber nur gewürfelt, nicht als Streifen.« Gelächelt, genickt, sich entschuldigt für Dinge, die gar nicht in ihrer Verantwortung lagen. Und trotzdem – nie gut genug. Immer – »Besser wär’s, er würde sich trennen.« Irina lehnte den Kopf nach hinten, drückte ihr Hinterhaupt gegen die Wand. Die Decke müsste neu gestrichen werden. Das sollte sie Sascha sagen. Aber was soll’s. Zwei Wochen lebte Irina wie ein Partisan hinter feindlichen Linien. Auf Anrufe der Schwiegermutter antwortete Sascha, Sonntagsessen wurden mit »dringenden Terminen« abgesagt, und eine zufällige Begegnung endete mit einem schnellen »Hallo« und panischer Flucht. Dann rief der Notar an. Ihr Großvater, den sie kaum fünfmal im Leben gesehen hatte, war gestorben. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann ihr ein Wochenendhaus vererbt hatte, keine vierzig Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kleines Grundstück im Kleingartenverein »Morgensonne«. – Wir sollten zumindest mal nachsehen, – Sascha drehte den Schlüsselanhänger mit der abgewetzten Erdbeere in der Hand. – Fahren wir am Samstag hin? Irina nickte. Samstag war okay. Sie hatte eine Sache vergessen. – Sascha, ich komm mit! – Katharina tauchte Samstagmorgen um halb acht im Türrahmen auf, in Gummistiefeln und mit Körbchen. – Das soll da voll das Pilzparadies sein, sagt Nina! Irina begann schweigend, Tee in die Thermoskanne zu füllen. Sie sah einem »wunderbaren« – selbstverständlich ironisch gemeinten – Tag entgegen. Das Wochenendhaus war genauso, wie Irina es sich vorgestellt hatte. Ein windschiefes Häuschen, ein zugewucherter Garten, ein Zaun, gehalten von der reinen Hoffnung und zwei rostigen Nägeln. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und alten Zeitungen. – Sascha, – Irina zupfte ihn am Ärmel, senkte die Stimme. – Lass es uns verkaufen. Was sollen wir hier? Jedes Wochenende hin, Beete jäten… Das ist nicht unser Leben. Sascha öffnete den Mund, aber bevor er antworten konnte: – Wie verkaufen?! – Katharina erschien hinter ihnen wie aus dem Nichts. – Seid ihr verrückt? Das ist Land! Ein eigenes Grundstück! Für sowas… Sie legte die Hand auf die Brust, die Augen funkelten verdächtig. – Gebt mir die Schlüssel. Ich bring hier alles in Ordnung, pflanze Blumen, mache das Häuschen hübsch. In einem Jahr dankt ihr mir noch! Irina betrachtete sie skeptisch. Da stand die Schwiegermutter auf dem überwucherten Grundstück, die Stiefel in altem Laub, und strahlte regelrecht. – Frau Katharina, das sind… – Irina, – Sascha drückte sanft ihren Arm. – Lass Mama doch machen. Sie freut sich doch. Was soll’s, es schadet ja keinem. Schaden tat es wirklich nicht. Es war einfach… seltsam. Aber diskutieren wollte Irina erst recht nicht. Sie reichte ihrer Schwiegermutter wortlos die Schlüssel mit dem Erdbeeranhänger. …Zwei Monate vergingen wie im Nebel. Ein sonderbarer, surrealer Nebel, in dem Katharina nur noch aus praktischen Gründen anrief, nie unangemeldet aufkreuzte und – das Unglaublichste – kein einziges Mal vom Fleisch vom Markt, von fehlenden Enkeln oder falsch geschnittener Kartoffel sprach. Am Telefon war ihre Stimme munter, fast fröhlich: »Sascha, mir geht’s bestens! Hab alle Hände voll zu tun, wir hören voneinander!« Irina verstand nichts. Ein Trick? Die Ruhe vor dem Sturm? Oder war die Schwiegermutter ernsthaft krank und wollte es nicht sagen? – Sascha, – fragte sie eines Abends, – ist mit deiner Mutter wirklich alles in Ordnung? – Klar, – winkte Sascha ab. – Sie ist mit dem Wochenendhaus beschäftigt. Da gibt’s wohl mehr zu tun, als gedacht, sagt sie. Am Freitag rief Katharina selbst an. – Morgen seid ihr bei mir! Ich grille, zeige euch das Grundstück. Ich hab soviel geschafft! Kommt, dann seht ihr’s selbst! – Sascha, ich will da nicht hin, – Irina schüttelte den Kopf, als Sascha ihr die Einladung weitergab. – Zwei Monate Ruhe, und jetzt wieder volle Fahrt? – Sie hat sich so Mühe gegeben, Irina. Sie wäre verletzt, wenn wir nicht kommen. – Sie fühlt sich immer verletzt. – Bitte, – Sascha blickte sie so seelenvoll an, dass Irina nachgab. Gut, Samstag also… Und am Samstag erkannte Irina ihre Schwiegermutter nicht wieder. Katharina stand am Gartentor im Leinenkleid, die Arme braungebrannt und von frischer Röte überzogen. Das war kein aufgesetztes Höflichkeitslächeln, sondern eine echte, warme Miene, die sie Jahre jünger erscheinen ließ. – Ihr seid da! Endlich! – Katharina breitete die Arme aus, und Irina trat fast automatisch näher, ließ sich umarmen. Nach Erde, Dill und irgendwie Honig roch sie. Das Grundstück war kaum wiederzuerkennen. Ordentliche Beete zogen sich in Reih und Glied am neuen Zaun entlang, der den Wind jetzt locker überstand. Junge Johannisbeerbüsche trugen frisches Grün, und unter den Fenstern blühten Tagetes. – Kommt mit, ich zeig euch alles! – Katharina zog sie mit, ließ gar kein Zögern zu. – Da, Erdbeeren – ganz toller Sort, hat mir die Nachbarin gegeben. Im Juni gibt’s die ersten Früchte. Hier kommen Tomaten hin, und Gurken. Im Herbst koche ich ein, alles für euch, nur ein paar Gläser für mich. Irina warf Sascha einen verblüfften Blick zu. Er war genauso überrascht. – Mama, hast du das alles alleine geschafft? – Sascha wies umher. – Wer denn sonst? – Katharina lachte, hell und jung. – Ich hab Hände, einen Kopf, und Nachbarinnen helfen mit Tipps. Hier sind die Leute herzlich! Ganz anders als in der Stadt. Drinnen war alles frisch gemacht: neue Vorhänge, geputzte Fenster, auf dem Tisch ein gesticktes Deckchen. Der Muff von früher war weg, stattdessen duftete es nach Kuchen und Kräutern. – Hier, – stellte Katharina eine Milchflasche und ein Päckchen Pergament auf den Tisch. – Von Zinaida, zwei Häuser weiter. Eigene Milch, von der Ziege. Und das Fleisch auch – sie züchtet ein Rind. Ihr nehmt mit: Da ist noch Quark und Sauerrahm dabei. Irina starrte schweigend das Päckchen an. Eigenes Fleisch. Von der Nachbarin. Kein einziges Wort über Nina vom Wochenmarkt. – Frau Katharina, – platzte es aus ihr heraus, – geht es Ihnen… gefällt es Ihnen hier? Die Schwiegermutter ließ sich auf die Küchenbank sinken. Etwas Sanftes, Ungewohntes blitzte in ihren Augen auf. – Irchen, – nannte sie sie zum ersten Mal so, – ich hab mein Leben lang davon geträumt. Ein eigenes Haus, ein eigener Garten, Hände in der Erde, den Kopf frei. In der Stadt, da bin ich fast erstickt, ohne zu wissen, warum. Aber hier… Sie deutete zum Fenster. – Hier lebe ich. Auf der Heimfahrt war es still. Sascha fuhr, während auf der Rückbank Milch und Quark klirrten. – Sag mal, – brach Sascha das Schweigen, – vielleicht können wir jetzt ja Kinder bekommen? Gibt ja jetzt einen Garten für den Sommer. Irina schnaubte, musste aber lächeln. – Weißt du, ich wollte das Wochenendhaus damals verkaufen. Gleich am ersten Tag. Dachte, was sollen wir mit so einer Bruchbude. – Ich weiß noch. – Aber, dieses Haus… – Irina suchte nach Worten. – Es hat alles geheilt. Zwischen mir und deiner Mutter. In zwei Monaten hat es geschafft, was ich in drei Jahren nicht geschafft habe. Sascha stoppte an der Ampel und sah sie an. – Mama war einfach unglücklich. Und jetzt – ist sie’s nicht mehr. Irina nickte. Draußen gingen die Lichter der Stadt an, zu Hause wartete ihre Wohnung mit den Hochzeitsfotos, und zum ersten Mal fiel ihr die Heimkehr leicht. – Wir sollten sie öfter besuchen, – flüsterte sie. Und war überrascht, wie ehrlich sie das meinte. Ehrlich und von Herzen…
„Komm sofort nach Hause!“ – Ihr Mann brüllte beinahe. „Oder ist dir deine eigene Tochter egal? Ich habe genug davon, ständig allein mit ihr zu sitzen!“ Elena hob ihr Glas Sekt und lächelte ihre Freundin Olga an. Die Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg – rund zwanzig Gäste waren im Café versammelt, das Lachen und die gute Laune kannten kein Ende, und endlich fühlte Elena sich wieder einfach nur als Frau, nicht bloß als Mutter der kleinen einjährigen Julia. – Auf dein Glück! – rief sie, doch in dem Moment klingelte ihr Handy scharf. – Elena, wo bist du?! – Mihails Stimme klang deutlich gereizt. – Unsere Tochter schreit seit anderthalb Stunden ununterbrochen! – Misha, ich habe dir gesagt, dass ich später komme. Olga feiert schließlich nur einmal im Jahr. Wir haben das doch besprochen… – Du hast versprochen, in zwei Stunden zurück zu sein! Jetzt sind es schon drei! Elena ging ein Stück vom Tisch weg, um die anderen nicht zu stören. – Versuch es mit Wasser. Vielleicht ist ihr einfach zu warm. – Ich habe alles versucht! Julia ist krank, sie braucht ihre Mutter! – Misha, beruhig dich. Kontrollier mal die Windel – vielleicht scheuert sie. Ich bin in einer Stunde da. – Nein! Komm sofort nach Hause! – Mihail brüllte nun fast. – Oder ist dir deine Tochter egal? – Gut, ich komme, und zwar zehn Minuten früher. – Elena, du… – Besetztzeichen. Er hatte aufgelegt. Elena kehrte zum Tisch zurück. Die Stimmung war dahin, die Freundinnen blickten sie besorgt an. – Was ist passiert? – fragte Olga sanft. – Julia weint und Misha bekommt sie nicht beruhigt. Er meint, sie sei krank. – Ach herrje, er ist eben ein Mann! – warf Tatjana ein. – Mein Igor hat anfangs auch Panik geschoben, als hätte er Angst, das Baby ginge kaputt, wenn er es nur anfasst. – Und mein Mann fragt immer noch bei jedem kleinen Schrei nach – Marina lachte. – Er ruft mich selbst bei Kleinigkeiten an. – Mädels, vielleicht sollte ich wirklich gehen? – überlegte Elena. – Das ist dein erster Abend in drei Monaten! – konterte Olga resolut. – Er kann noch eine Stunde warten. Lass ihn lernen, wie man Vater wird. Elena versuchte, sich wieder ins Gespräch zu integrieren, da stürmte Mikhail ins Café, Julia wimmernd im Arm. – Da ist sie! – rief er laut durch den Raum. – Mutter des Jahres! Während ihre Tochter am Verrecken ist, amüsiert sie sich! Gespräche verstummten, alle blickten zu ihnen, Elena wurde rot. – Misha, was soll das? – flüsterte sie. – Was ich hätte schon vor einer Stunde tun sollen! – er wiegte Julia demonstrativ. – Ich bringe unsere sterbende Tochter zu ihrer verantwortungslosen Mutter! – Hör auf, ein Theater zu machen, – Olga erhob sich. – Das ist unangemessen, und das ist auch dein Kind! – Halt dich raus! – fauchte er. – Du hast sie überhaupt erst von Julia weggelockt. Sieh dir die Tränen an! – Junge, werden Sie bitte leiser, – meldete sich ein älterer Herr am Nebentisch. – Die Gäste möchten essen. – Geht Sie nichts an! – erwiderte Mihail grob. – Meine Frau hat ein krankes Kind im Stich gelassen! – Misha, bitte, – Elena nahm ihre Tochter auf den Arm. Julia beruhigte sich sofort. – Olya, es tut mir leid, – wandte sie sich an ihre Freundin. – Ich muss gehen. – Natürlich musst du das! – stichelte Mikhail hämisch. – Fällt dir dein Muttersein doch noch ein! – Entschuldige dich nicht, – Olga umarmte sie. – Es ist nicht deine Schuld. – Fahr zur Hölle! – schimpfte Tatjana. – Ein normaler Mann benimmt sich nicht so! Mikhail wollte kontern, doch der Caféleiter trat energisch an den Tisch. – Es tut mir leid, aber ich muss Sie bitten zu gehen. Sie stören die anderen Gäste. Zuhause zog Elena Julia das Oberteil aus und fand ein Etikett, das innen am Kragen herausragte und eine rote Stelle verursacht hatte. – So viel zum „großen Leiden,“ – zeigte sie ihrem Mann. – Das Etikett hat gescheuert. – Woher soll ich das wissen? – er zuckte mit den Schultern und ließ sich aufs Sofa fallen. – Wie? Indem du sie ausziehst und schaust! – Hör zu, ich bin kein Babysitter. Das ist Frauensache. Elena blickte ihn an. – Was hast du gerade gesagt? – Genau das. Ich arbeite, ich bringe das Geld. Die Kinder sind deine Verantwortung. – Misha, du hast mich vor allen Leuten wegen eines Kleidungsstücks fertiggemacht! – Wenigstens weißt du jetzt, dass eine Mutter nach Hause gehört, nicht ins Café! – Meinst du das ernst? Ich arbeite von Zuhause, leite drei Projekte gleichzeitig, kümmere mich ums Kind, koche, putze… Wann soll ich denn mal Pause machen? – Pause? – Mihail schnaufte. – Zuhause bei einem Kind ist doch wie Urlaub! Versuch mal, zehn Stunden im Büro zu schuften! – Versuch mal, nachts gar nicht zu schlafen, weil das Baby schreit! – Elena fuhr auf. – Wie schwer kann das schon sein? Füttern, Windel wechseln… – Genau! So schwer kann’s nicht sein. Aber selbst ein Etikett hast du nicht bemerkt! Mikhail griff nach dem Autoschlüssel. – Ich habe genug. Ich fahre zu Sergej, brauche eine Pause von diesem Familienglück. – Lauf nur, – sagte Elena leise. – Wie immer. Elena sah auf die geschlossene Tür, ihre beruhigte Tochter im Arm. Rasch packte sie Julias Sachen, zog sie an und verließ die Wohnung. Eine halbe Stunde später stand sie vor der Tür ihrer Schwiegermutter Anna. – Elena? – Anna Petrovna staunte. – Was ist los? – Ich verlasse Mikhail. Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben? – Natürlich. Komm rein. Erzähl, was der Taugenichts diesmal angestellt hat. – Er hat im Café einen Aufstand gemacht, – Elena berichtete, wiegte Julia auf dem Sofa. – Brüllte, ich sei eine schlechte Mutter, mein Kind würde sterben… Und am Ende lag’s nur am Etikett. Er hat sich nicht mal bemüht, richtig nachzusehen. – Mein Gott, wie peinlich, – seufzte Anna. – Und dann? – Dann meinte er, Kinder seien Frauensache. Er ist doch kein Babysitter. – Verstehe, – sagte Anna trocken. – Also ist Julia gar nicht sein Kind? – Genau. Was mich am meisten wütend macht: Er meint, zuhause mit Kind sei Erholung. – Ich war dumm, – gestand die ältere Frau. – Ich habe ihn verwöhnt. Dachte, die Ehe würde ihn ändern. Das Gegenteil war der Fall. Am nächsten Tag kam Mihail wütend zu seiner Mutter. – Mama, wo ist meine Frau? Sie muss nach Hause kommen! – Sie bleibt hier, – entgegnete Anna ruhig. – Aber sag mir, weshalb musstest du im Café einen Zirkus veranstalten? – Welchen Zirkus? Ich hab nur meine Tochter verteidigt! – Gegen ein Kleidungs-Etikett? – ihre Mutter sprach kühl. – Elena hat mir alles erzählt. – Glaub ihr kein Wort, Mama! Sie übertreibt! – Mihail lief auf und ab. – Schmeiß sie raus, sie muss zurück! – Misha, setz dich, – sagte Anna streng. – Wir reden ernsthaft. – Worüber denn? Eine Ehefrau gehört nach Hause! – Elena hat mehr Recht, in der Wohnung zu leben, als Mutter meiner Enkelin. Und du… hast mich enttäuscht. – Mama, ich bring doch das Geld! – Elena arbeitet auch. Von zuhause, online, aber sie arbeitet. Und sie zieht das Kind groß, schmeißt den Haushalt. Und du? – Ich sorge für die Familie! – Dann sorge ruhig. Weißt du noch, wie schwer es war für mich, dich allein großzuziehen nach dem Tod deines Vaters? Ich dachte, du wüsstest, was Verantwortung bedeutet. – Ach, das war ganz anders. Mein Job ist hart, stressig… – Und ihrer ist leicht? – sarkastierte seine Mutter. – Mikhail, wann bist du zuletzt nachts fürs Baby aufgestanden? – Wozu? Sie hat doch Milch! – Wann hast du zuletzt mit deiner Tochter gespielt, bist spazieren gegangen, hast sie gebadet? Mikhail schwieg, hatte keine Antwort. – Mama, ich bin einfach müde vom Job… – Sie auch! Aber sie macht keinen Krawall in der Öffentlichkeit! Mihails Augen blitzten auf. – Gut! Dann suche ich mir eben eine neue Frau! Dann soll sie allein mit dem Kind zurechtkommen! – Versuch es, – erwiderte Anna ruhig. – Aber zahl zuerst den Unterhalt. Ich achte drauf. – Mama, auf wessen Seite stehst du? Meiner oder ihrer? – Ich bin Mutter eines Erwachsenen, der Verantwortung zeigen sollte. Im Moment sehe ich nur einen infantilen Egoisten. Ein Monat später war die Scheidung durch. Mihail fühlte sich siegreich – endlich frei! Er brachte gleich eine neue Bekanntschaft mit, Svetlana, eine Blonde aus dem Nachbarbüro. – Misha, deine Wohnung ist so schön! – staunte sie. – Ach, das ist nichts, – grinste Mihail. – Bald wird umgebaut, neue Möbel bestellt. Jetzt, wo ich die Familienlast los bin, kann ich endlich mein Leben genießen. – Und deine Ex-Frau? – fragte Svetlana. – Was ist mit ihr? Die wohnt bei meiner Mutter mit dem Kind. Sollen sie da hocken. – Und der Unterhalt? – Welcher Unterhalt? – winkte Mihail ab. – Meine Mutter hat genug Geld, die kommen schon klar. Als sie gerade in der Küche saßen, öffnete sich die Tür. Anna trat ein, gefolgt von Elena und Julia. – Warum bringst du sie her? – fragte Mikhail alarmiert. – Ich bringe die rechtmäßigen Bewohner zurück, – verkündete Anna. – Die Wohnung gehört jetzt meiner Enkelin Julia. Und du, junge Dame, kannst gehen. – Mama, was machst du da? – Was ich viel früher hätte tun sollen. Pack deine Sachen, du kommst zu mir zurück. – Misha, was ist los? – fragte Svetlana verwirrt. – Nichts Besonderes, – sagte Anna kühl. – Mein Sohn hat nur vergessen zu erwähnen, dass die Wohnung vor sechs Monaten auf meine Enkelin überging. Ich habe vorgesorgt. – Mama, das geht doch nicht! – Es geht. Und ich mache es. Elena, fühl dich wie zuhause! Svetlana schnappte ihre Tasche und lief wortlos hinaus. – Sveta, warte! – rief Mikhail ihr nach, doch die Tür knallte ins Schloss. Zwei Jahre vergingen. Mihail bemerkte, dass alte Freunde ihm aus dem Weg gingen – sie hatten genug von seinem Gejammer. Die Mutter sprach kalt mit ihm, sie verbot, eine neue Frau mit in ihre Wohnung zu bringen. Er rief Elena an. – Lenchen, lass uns reden. Können wir es noch einmal versuchen? – Es gibt nichts, was es lohnt zurückzukehren, Misha. Ich bin längst zuhause. – Aber wir sind doch Familie! Julia braucht ihren Vater! – Du kannst auch nach der Scheidung Vater sein. Niemand hindert dich daran, Julia zu sehen. – Vielleicht kann ich beim Umbau des Kinderzimmers helfen? – Danke, das ist bereits erledigt. Viktor hat geholfen. – Was? Wer ist Viktor? – Mihail wurde angespannt. – Ein Kollege. Ein sehr guter Mann. Morgen gehen wir ins Café. – Gehst du wirklich? – Ich glaube schon. Es wird Zeit, ohne dich zu leben. – Wer ist das überhaupt? Ein Fremder? – Kein Fremder. Er hilft mir seit drei Monaten, spielt mit Julia, erledigt Einkäufe, wenn ich krank bin. – Gibt er dir auch Geld? – fragte Mihail giftig. – Nein, Misha. Er hilft, weil er es möchte. Ohne Drama und Vorwürfe. Mihail saß im Zimmer der Mutter und starrte an die Decke. Alles war erschüttert – wegen eines blöden Etiketts. Nein, wegen seiner Unfähigkeit, sein Kind einfach auszuziehen und zu schauen, was los ist. Das Telefon klingelte. Elena. – Misha, ich wusste nicht, ob ich’s sagen sollte, aber du solltest es wissen. Viktor hat mir einen Antrag gemacht. – Was?! – brüllte Mihail. – Und? – Ich überlege es mir. Aber weißt du… er macht keine Szenen, liebt Zeit mit Julia. Ich bin mir noch nicht sicher, aber… – Lenchen, warte… Das ist doch nicht dein Ernst! Wir waren fünf Jahre zusammen! – Und? Gibt dir das das Recht, mich öffentlich anzuschreien? – Ich wollte das nicht! Du treibst mich manchmal mit deinem “Immer Recht haben” in den Wahnsinn! – Siehst du? Nicht mal jetzt kannst du ruhig reden. – Lena, lass uns nochmal von vorn anfangen! – Nein, Misha. Viktor hat mir gezeigt, wie ein Mann eine Frau behandeln kann. Er liest Julia Geschichten vor – und das ist ihm nicht zu blöd. – Ich kann auch diese dummen Geschichten vorlesen! – Nicht dumm – sie sind Julia wichtig. Und das verstehst du einfach nicht. – Doch! Ich war nur müde vom Arbeiten für euch! – Genau, „für uns.“ Viktor sagt „mit uns“, nicht „für euch.“ Merkst du den Unterschied? – Lenchen, warte… – Es ist entschieden. Es tut mir leid, aber unsere Familie endete an dem Tag im Café. Für immer. Besetztzeichen. Mihail legte das Handy weg und spürte: Er hatte bekommen, was er immer wollte – volle Freiheit. Aber sie machte nicht glücklich. Im Nebenzimmer hörte er die Stimme seiner Mutter am Telefon: – Natürlich, Lenchen, ich bin bei deiner Hochzeit dabei. Es ist deine Entscheidung, und meine Enkelin… Mihail stürmte herein. – Mama! Was machst du?! – Ich spreche mit Elena. Sie hat mich auf die Hochzeit eingeladen. – Das geht nicht! Ich bin doch dein Sohn! – Und? Gibt dir das das Recht, das Leben einer guten Frau zu zerstören? – Gute Frau? Sie hat mich verlassen! – War die richtige Entscheidung. An ihrer Stelle wäre ich viel früher gegangen. – Danke für die Unterstützung, Mutter! – Unterstützung gibt’s, wenn man sie verdient. Im Moment verdienst du nur die Wahrheit. – Welche Wahrheit? – Dass du ein Egoist bist, Misha. Denkst immer nur an dich. – Ich hab gearbeitet! Hab Geld nach Hause gebracht! – Und dachtest, das reicht. Dabei sollte deine Frau stillhalten und deine Ausbrüche ertragen. – Welche Ausbrüche? Ich hab nicht getrunken, nicht betrogen! – Aber du hast ständig gebrüllt. Sie kleingemacht. Dich für deine eigene Tochter geschämt. – Ich hab mich nicht geschämt! Ich wusste nur nicht, was ich mit ihr machen soll! – Du hättest sie lieben sollen, Misha. Einfach nur lieben. Eine Woche später traf Mihail Elena vor dem Kindergarten. Sie holte Julia ab, und ein großer Mann mit Brille stand dabei. – Lena! Sie drehte sich um. Ihr Blick wurde vorsichtig. – Hallo, Misha. – Ist das er? – Mihail deutete auf den Mann. – Viktor, das ist Mikhail, Julias Vater. Viktor reichte die Hand. – Freut mich sehr. – Ebenso wenig, – murmelte Mihail, nahm die Hand nicht. – Misha, fang nicht damit an, – Elena warnte. – Fang nicht was an? Sie ist doch meine Tochter! – Niemand bestreitet das. Du kannst sie am Wochenende sehen. – Unter seiner Aufsicht, oder? – Natürlich nicht. Aber falls du sie am Wochenende holen möchtest, sag vorher Bescheid. – Jetzt muss ich also fragen? – Nicht „muss“ – du bist verpflichtet. Ich bin ihre gesetzliche Vertreterin – und du… bist nur ihr Vater. Ihr biologischer Vater. – Papa! – rief Julia und rannte aus dem Kindergarten. Das Mädchen warf sich ihm in die Arme. Mihail hob sie hoch. – Hallo, mein Schatz. Ich hab dich vermisst. – Ich dich auch! Onkel Vitya hat gesagt, wir gehen in den Zoo! – Onkel Vitya? – Mihail verzog das Gesicht. – Ja! Er ist ganz lieb. Kauft Eis, liest Bücher mit mir! – Ich seh schon. Kauft sich meine Tochter mit Eis ein. Wie kannst du dich einmischen!? – Nicht in dein Leben – in ihr Leben, – erklärte Viktor. – Du hast dich selbst rausgeworfen. – Ich wurde rausgeworfen! – Julia, wir gehen, – Elena unterbrach. – Zeit, nach Hause zu fahren. – Lena, warte! – Mihail rief. – Geh nicht! – Warum soll ich bleiben? Damit du wieder ein Drama machst? – Ich mache keine Szenen! – Doch, Papa, – sagte Julia leise. – Du schreist Mama immer an. Mihail erstarrte. Die Worte seiner dreijährigen Tochter trafen tiefer als jede Anklage. – Julia, ich… – Ich hab Angst, wenn du schreist. – Genug jetzt, – Elena sagte. – Julia, wir gehen. Sie gingen. Mihail blieb allein vor dem Kindergarten und begriff, dass er nicht nur seine Frau, sondern auch vielleicht seine Tochter verloren hatte. Und daran war niemand schuld außer ihm selbst.