Educational
013
„Du bist nicht länger meine Tochter. Wer er ist und woher er kommt, weiß niemand. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und lebe wie eine Erwachsene – spüre die Verantwortung für deine Taten – Olga, hast du gehört? Zu uns kommen Leute auf Montage, um uns zu unterstützen. Lass uns heute Abend in den Jugendclub gehen! – rief die zufriedene Mascha und ließ sich im Sessel nieder. – Mascha, spinnst du? Wohin soll ich denn mit dem kleinen Vladik? Mitnehmen? – lachte Olga. – Was ist, wenn wir Tante Leni fragen? – fragte Mascha vorsichtig. Olga winkte hoffnungslos ab. – Ach komm, die hat mir bis heute die Geburt von Vladik nicht verziehen. Sie wollte doch immer, dass ich Andre heirate. Aber ich bin in die Stadt zum Studieren gefahren. Habe nicht bestanden, bin schwanger zurückgekommen. Ein ganzes Jahr war sie sauer, erst seit zwei Monaten redet sie wieder mit mir. Geh du doch, vielleicht hast du mehr Glück und findest jemanden. Mascha seufzte. – Na gut, dann gehe ich eben mit Tanja. Ich erzähle dir morgen alles, alles. Olga brachte ihren Sohn ins Bett und trat hinaus auf die Veranda. Musikklänge wehten bis zu ihrem Haus. In ihren Schal gehüllt, stellte sie sich vor, wie dort alle tanzten und lachten. Mascha hatte bestimmt wieder ihr „Tigerkleid“ angezogen – darin sah sie immer aus wie eine kleine Raubkatze. Wehmütig lächelnd seufzte Olga und ging schlafen. Am nächsten Morgen kam Mascha schon im Morgengrauen angerannt. Ausgerechnet heute kam auch Olgas Mutter zu Besuch. Olga legte den Finger an die Lippen, aber Mascha war nicht zu bremsen. – Schade, dass du gestern nicht dabei warst! So viele hübsche Jungs… Einer hat mich sogar nach Hause gebracht, Wowa heißt er, witzig und charmant. Heute habe ich ein Date, – platzte Mascha heraus. Olgas Mutter fragte tadelnd: – Verheiratet, bestimmt? Mascha zuckte mit den Schultern. – Keine Ahnung, hab nicht in den Ausweis geguckt. Und wenn, dann hab ich wenigstens was zu erzählen. – Ach Mädchen, was macht ihr bloß? Warum nicht Andre? Meine Tochter hat ihr Glück verpasst, aber du, Mascha, könntest ihm noch den Kopf verdrehen, – schlug Tante Leni prompt vor. – Ach, Tante Leni, wem soll er denn gefallen – und seine Mutter gleich dazu? Bloß nicht! – rief Mascha aufgebracht. Sie wandte sich Olga zu: – Da war so ein Kerl, den konntest du nicht übersehen. Alle Mädels waren hin und weg. Aber er stand mit Freunden nur herum und ging dann allein nach Hause, hat niemanden aufgefordert. Da passierte das Unglaubliche. Tante Leni sagte plötzlich nachdenklich: – Du könntest auch mal in den Club gehen, Olga. Ich passe solange auf Vladik auf. Vielleicht findest du ja jemanden. Einen zuverlässigen Mann, ein echtes Vorbild für Vladik. Aber such dir bloß keinen Verheirateten, die riechen förmlich, wenn eine Frau allein ist. Verstanden? Olga nickte wie im Traum und küsste die Mutter vor Freude. Die brummte: – Geh schon, Schleimerin. Olga stand im schönsten Kleid mit ihren Freundinnen im Club und plapperte zufrieden. Endlich wieder unbeschwert. – Schaut mal! Da ist er! Wieder da! – flüsterten die Mädchen. Neugierig blickte Olga hinüber, ihre Knie wurden weich. Hastig wandte sie sich ab und raunte Mascha zu: – Ich geh wohl lieber heim. Vladik vermisst mich sicher schon. Mascha staunte. – Olli, was ist denn los? Endlich raus, und jetzt willst du schon gehen? Nicht ein Tanz? Doch Olga blieb dabei: – Ich geh. Und da drüben kommt bestimmt dein Wowa, da wird’s dir auch nicht langweilig – dann verschwand sie Richtung Tür. Plötzlich fasste sie jemand an der Tür am Arm: – Tanzt du mit mir? Olga riss sich los, ohne hinzusehen: – Ich tanze nicht. Aber der Herr blieb hartnäckig. – Einen Tanz, bitte. Sie wandte sich um – ihr Herz stockte. Es war er! Der Mann, dem diese eine zufällige Begegnung ihr ganzes Leben verändert hatte. Er erkannte sie offenbar nicht. Erleichtert lächelte sie: – Na gut, aber nur einen Tanz, ich muss gleich los… Er wirbelte sie über die Tanzfläche. – Dein Mann wartet bestimmt auf dich, oder? Olga antwortete kurz: – Ich bin nicht verheiratet. Er zwinkerte – so vertraut, dass ihr der Atem stockte: – Dann hab ich ja vielleicht eine Chance? Olga löste sich abrupt und stürmte hinaus. Auf dem Heimweg weinte sie. Ihn vergaß sie nie – sie war wohl vom ersten Moment an in ihn verliebt. Und nun erkannte er sie nicht wieder. Sie hatten sich damals im Zug kennengelernt, als Olga nach den gescheiterten Aufnahmeprüfungen traurig zurückfuhr, und er zu seinen Eltern unterwegs war. Um sie aufzuheitern, stellte er sich als Maxim vor – „Mama sagt Max, der Neffe Maik, such’s dir aus“ – und sie lachte: – Maik klingt lustig. – So, jetzt kennst du mich. Und wie heißt du, schönes Wesen? – Olga. Maxim nickte ernst: – Hab ich mir gedacht. Ein königlicher Name. So kamen sie ins Gespräch. Olga verriet, dass sie bei der Uni durchgefallen war, und ihre Mutter ihr das ewig vorhalten würde. – Lern im Winter und probier’s noch mal, – schlug Maxim vor. Olga strahlte: – Darauf wäre ich gar nicht gekommen. Danke! Er lächelte nachdenklich: – Nichts zu danken. Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie schön du bist? Verlegen errötete sie. – Ach Quatsch – aber trotzdem danke… Maxim kam ihr näher. – Doch, das bist du – und küsste sie plötzlich. Olga schwindelte. Alles, was danach geschah, war beschämend und süß zugleich. Maxim stieg früher aus. – Ich finde dich. Ganz bestimmt. Doch hinterher merkte Olga enttäuscht, dass er nicht einmal ihre Adresse kannte. Später stellte sie fest, dass sie schwanger war. Ihre Mutter reagierte abweisend: – Du bist nicht länger meine Tochter. Wer er ist, weiß niemand. Ab ins Omahaus, übernimm endlich Verantwortung. Bis zur Geburt arbeitete Olga in der Bibliothek, dann ging sie in den Mutterschutz. Nur Mascha holte sie aus dem Krankenhaus ab, die Mutter erschien zur Taufe nicht. Erst als Vladik fünf Monate alt war, taute sie langsam wieder auf – aber ihr Urteil blieb kühl: – Nicht aus unserer Familie, so einer. Doch sie kam öfter und brachte Spielsachen für Vladik. – Schon zurück? – fragte die Mutter. – War sowieso nichts los. Und Vladik? – Dein Schatz schläft. Na, wenn du schon da bist, gehe ich heim. Olga schloss die Tür und versuchte zu schlafen. Erst am frühen Morgen nickte sie ein. Beim Frühstück fütterte sie Vladik, der nicht essen wollte. – Wenn du die Grütze nicht isst, wirst du nie so stark wie dein Papa. So groß und schön war er… – Meinst du mich? Das höre ich gern. Und das ist also mein Sohn? – hörte sie plötzlich eine Stimme an der Tür. Olga ließ den Löffel fallen. – Du? Wie? Woher? – Maxim grinste. – Ich hab dir doch gesagt, ich finde dich. Dass ich inzwischen Vater geworden bin, wusste ich nur nicht. Damals hab ich in der Aufregung nicht mal nach deiner Adresse gefragt. Aber das Schicksal wollte wohl, dass wir zusammengehören, – sagte er und zog eine Grimasse für Vladik. Der lachte quietschvergnügt. Am Morgen traf Olgas Mutter einen strahlenden Olga und einen fremden Mann, der Vladik huckepack trug. – Er ist es? – fragte Mutter. – Ja, – lächelte Olga glücklich. Die Mutter trat zu Maxim und reichte ihm die Hand: – Ich bin Leni Becker. Was für ein Mann und Vater du bist, werde ich sehr genau beobachten. Maxim drückte ihre Hand und nickte feierlich: – Verstanden.
Du bist nicht mehr meine Tochter. Wer er ist und woher er kommt, weiß niemand. Ich schäme mich für dich.
Homy
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09
Als Marina sich gerade zum Schlafen fertig machte, klopfte plötzlich jemand an die Tür. Sie warf sich schnell ihren Morgenmantel über und ging öffnen, gefolgt von ihrem Mann Steffen. Vor der Tür stand Nachbarsjunge Nico. „Herr Steffen, kommen Sie bitte rüber,“ sagte Nico. „Mama möchte Ihnen etwas sagen.“ Steffen zog sich an und ging zu Nicos Mutter Maria. „Was will Maria jetzt schon wieder von mir?“ brummelte er unterwegs. Bei der Nachbarin angekommen, setzte er sich auf einen Stuhl neben ihr Bett. „Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit, Steffen“, sagte Maria. „Bald bin ich nicht mehr da… Ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen.“ Steffen sah Maria erstaunt an, ohne zu begreifen. Steffen war schon als Jugendlicher ein besonderer Kerl. Er liebte nur eine Frau auf der Welt: seine Ehefrau Marina. Schon seit der Schulzeit war er in sie verliebt – solange er zurückdenken konnte. Sie lebten harmonisch und zogen gemeinsam drei Kinder groß: Michael, Jonas und die jüngste Tochter Tatjana. Steffen hatte einen warmherzigen Charakter und goldene Hände – niemand im ganzen Umkreis war ein besserer Zimmermann. Er arbeitete viel, musste die große Familie ernähren, die Jungs einkleiden und seine Frau verwöhnen. Kam im Dorfladen etwas Neues in die Auslage, etwa schicke Tücher oder Kleidung, besorgte er es ihr sofort. Sogar Parfüm brachte er ihr aus der Stadt mit. Abends, wenn Marina in weißer Bluse vorm Spiegel saß, kämmte sie ihr Haar und flocht es zur Zopf. Steffen konnte sich an ihrer Schönheit gar nicht sattsehen. Er lag auf dem Bett, die Hände unterm Kopf, und betrachtete sie im Licht der Lampe. Da erfüllte ihn immer große Freude. Wie sie das alles schaffte? Das Haus stets sauber, Frühstück-Mittag-Abendessen fertig, im Garten alles in Ordnung. Die schwere Arbeit war natürlich meist Männersache, doch die Jungs halfen, wie der Vater sagte. Er liebte die Kinder. Er verwöhnte sie nicht, aber brachte ihnen Ordnung und Respekt gegenüber der Mutter bei. Tatjana war noch ganz klein, erst drei Jahre alt und genau so blauäugig wie Marina. Sie zu verwöhnen ließ sich nicht vermeiden. Wohin sie auch gingen, saß Tatjana bei Papa auf den Schultern. Zuhause durfte sie niemanden ärgern. Ihr Familienglück schien ihnen beinah peinlich. Wo man ins Haus auch hörte, gab es anderswo Streit und Beschwerden. Aber bei ihnen war alles friedlich. Erst kürzlich hatte Jonas großen Streit mit Nachbarsjungen Nico, der kräftig und stur war. Es war wirklich schlimm… Marina weinte und machte kühle Umschläge für Jonas… Damals ging Steffen auf den Nachbarshof. Nico, durch die Mutter ausgeschimpft, saß traurig auf der Bank. Als er Steffen sah, wandte er sich ab. Ach, der Junge sah wirklich bemitleidenswert aus. Mitleid überkam Steffen, oder doch Ärger über seinen eigenen Sohn? Jonas hatte einen Vater als Rückhalt, Nico keinen. Seine Mutter erzog ihn alleine. Steffen setzte sich neben Nico und sagte: „Schau nicht so. Weißt du, dass du schuld bist?“ – Der Junge schwieg. – „Ich sehe, du weißt es. Dann musst du auch geradestehen.“ Schweigen. Steffen spürte erneut Mitleid. „Nico, lass meine Jungs in Ruhe, verstanden?“ Der Junge nickte. Steffen klopfte ihm auf die Schulter und ging. Dabei bemerkte er, dass Marias Mutter durch den Vorhang zuschaute. Aber er ging nicht nach Hause, sondern in den Wald – seine Gedanken schweiften ab… Sie waren damals beinahe achtzehn: er, Maria und Marina. Schulabschluss und Abschlussball im Dorfklub für beide Schulen – ihre und die aus dem Nachbardorf. Zeugnisse verteilt und gefeiert. Es gab Brause, Kuchen und Musik zum Tanzen. Alle waren fein gekleidet und hübsch – doch Marina war die Schönste. Weiße Spitzenkleid, Absatzschuhe und ein langer Zopf. Sie war die Streberin mit roten Wangen! An diesem Abend wollte Steffen gestehen, dass er seit der fünften Klasse verliebt war und sie immer noch liebte. Denn bald würde er zum Bund eingezogen werden und sonst nie dazu kommen. Doch so sollte es nicht sein! Niemand hatte bemerkt, dass auch der Sohn des Schulleiters, Wolfgang, längst ein Auge auf Marina geworfen hatte. Den ganzen Abend wich er nicht von ihrer Seite, sie lachten und tanzten Walzer. Das konnte Steffen nie! Er stand abseits, traurig, da kam Maria zu ihm und forderte ihn zum Tanz. Er zog seine Hand weg und ging hinaus. Maria folgte. Die Nacht verbrachten sie spazierend am Fluss, saßen am Ufer. Das Mädchen schmiegte sich an ihn, aber sein Herz dachte nur an Marina. Doch im Herbst, kurz vor dem Bund, hieß es, dass Marina Wolfgang heiraten würde. Steffen weinte bitterlich, sie kam nicht einmal zur Abschiedsfeier. Ein großer Tisch war gedeckt, alle geladen. Aber neben Steffen saß Maria, nicht Marina… Spät abends, als das ganze Dorf sang und tanzte, lockte Maria Steffen zu sich – lustig war er da schon… Was geschah, weiß er bis heute kaum. Zum Morgengrauen kam er heim unter den Blicken von Mutter und Vater und schlief ein. Er schrieb von der Bundeswehr selten Briefe, und nur an die Eltern. Sie erzählten, Marina habe geheiratet, Maria sei zum Studium in die Stadt gegangen. Die Jugend war vorbei – und mit ihr Steffen Abschied. Zurück im Dorf war er gereift, das Haar kurzgeschoren. Marina hatte schon Michael und war wieder schwanger. Er traf sie, als sie traurig und schwanger war. „Wie geht’s, Marina?“, fragte er mit zitternder Stimme. „Gut. Ich kann mich nicht beklagen.“ Von den Eltern erfuhr er: Wolfgang war zum Trinker geworden, arbeitete nirgends, stritt ständig mit Marina. Der Vater nicht mehr Schulleiter, sondern einfacher Lehrer. Ein einfaches Leben. Als Jonas geboren wurde, passierte das Unglück: Ihr Mann ging fröhlich zum Fluss – und kam nicht wieder. Niemand konnte helfen… Das Witwendasein hatte Marina überwunden. Da hielt Steffen um ihre Hand an, holte sie mit zwei Kindern ins Haus. Gerade baute er sein Haus fertig, die Eltern halfen mit Grundstück und Baumaterial. Seine Hände waren geschickt im Handwerk. Er brachte Frau und Kinder ins neue Heim, das noch nach Holz roch. Langsam lebten sie sich ein, zogen die Söhne groß. Von Maria hörte er, dass sie in der Stadt geheiratet, einen Sohn bekommen hatte und inzwischen manchmal zu Besuch kam. Marina hatte es vorhergesehen: Keine vier Wochen später kehrte Maria endgültig ins Dorf zurück. Ihr Sohn war etwas älter als Michael, aber mit dem Mann hatte sie sich nie verstanden, die Ehe ging zu Bruch. Anfangs stolzierte sie noch durchs Dorf, dann nagten Krankheit und Sorgen an ihr. Die arme Frau wurde zusehends schwächer. Sie verbarg ihren Neid auf Marina nicht – die nun Steffen doch abbekommen hatte! Er, der sie abgewiesen und lieber Marina mit zwei Kindern geheiratet hatte! Und ein eigenes Kind folgte noch! Jetzt waren die Jungen groß genug, um zu streiten. Mit Maria redete Steffen nicht. Sie war ihm böse, warum, wusste er selbst nicht. Nie sprach sie ihn an, nie ein freundliches Wort… Der Winter brachte Schnee und Sturm. Die Jungs stritten nicht mehr, aber mieden einander. Auch Nico wurde düster und besorgt. Dann lag Maria krank und schwach im Bett. Eines Abends wollte Marina gerade Schlafengehen, da knarrte das Gartentor und jemand klopfte. Marina warf sich rasch den Morgenmantel um und ging öffnen. Steffen folgte. Vor der Tür stand Nico. „Herr Steffen, kommen Sie bitte rüber. Mama möchte Ihnen etwas sagen“, sprach Nico traurig. Marina bat ihn herein, Steffen zog sich an und ging zu Maria. „Was will sie von mir?“ murmelte er unterwegs. Die kranke Frau saß halb aufrecht im Bett, mager geworden. Steffen setzte sich daneben, betrachtete sie. „Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit, Steffen“, flüsterte Maria. „Bald bin ich weg… Ich habe dir ein Geheimnis zu erzählen…“ Steffen starrte sie sprachlos an. „Darum möchte ich dich bitten“, sagte Maria leise. „Lass meinen Nico bitte nicht allein. Erinnerst du dich an die Nacht vor deinem Abschied zur Bundeswehr? Nico ist dein Sohn. Mein Mann hat es gewusst, hat mich schwanger geheiratet. Deshalb ging unsere Ehe schief…“ Bei diesen Worten begann sie still zu weinen… …Steffen ging bedrückt nach Hause, es tat ihm so weh. Eine Nacht wie im Nebel, ein ganzes Leben voller Leid für Maria… Sie wurde kurz darauf im ganzen Dorf beerdigt. Nach der Trauerfeier nahm Steffen Nico an die Hand und ging heim. „Nico lebt jetzt bei uns“, verkündete er, und Marina setzte sich wortlos auf einen Hocker, verschränkte die Arme. Er erklärte nichts, sagte nur: „Maria bat mich darum, ihn nicht ins Heim zu geben. Dort geht er zugrunde. Wir erziehen ihn liebevoll…“ Alles wurde wie es sein soll offiziell geregelt. So lebten sie als große Familie weiter. Tatjana hatte nun drei Brüder als Beschützer. Vater arbeitete hart, Marina hielt den Haushalt, und die Jungen halfen nach der Schule. Steffen akzeptierte mittlerweile, dass Nico sein Sohn war – und ähnlich sieht er ihm. Damals sprach man wenig von Vaterschaftstests. Und er brauchte sie auch nicht… Er hätte den Jungen nie im Stich gelassen – ob eigener Sohn oder nicht…
Es ist lange her, als ich mich an jene Nacht erinnere, in der Helga sich gerade zum Schlafen vorbereitete.
Homy
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016
Im Ruhestand und von tiefer Einsamkeit erfasst: Erst im Alter wurde mir klar, dass ich mein Leben falsch gelebt habe
Also, ich erzähle dir das mal: Letztens habe ich da diesen Moment gehabt, wo ich realisiert habe, wie
Homy
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09
Irina steigt am Berliner Hauptbahnhof aus dem Zug und blickt sich suchend um – doch nirgends ist ihr Mann Oleg zu sehen, niemand erwartet sie… „Hätte er sich ruhig die Mühe machen können, mich abzuholen!“, denkt sie verärgert, während sie vergeblich versucht, Oleg telefonisch zu erreichen. Schweren Herzens fährt sie mit dem Taxi nach Hause, öffnet mit ihrem Schlüssel die Tür – und bleibt wie angewurzelt stehen: Die Schuhe ihres Mannes fehlen. Als Irina im Wohnzimmer einen Zettel auf dem Tisch findet und ihn liest, klappt ihr vor Schreck fast die Beine weg…
Helga stieg damals aus dem Zug am Münchner Hauptbahnhof und blickte sich suchend um. Ihr Mann, Klaus
Homy
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0101
Der Verrat der eigenen Kinder Daria blickte wieder einmal voller Bewunderung auf ihren Bruder und ihre Schwester. Wie schön sie waren! Groß, schwarzhaarig, mit strahlend blauen Augen. Schon wieder wurden sie ausgezeichnet. Sie hatten erneut einen Wettbewerb gewonnen. Daria stand auf, um die Erste zu sein, die gratuliert. Sie humpelte leicht auf dem rechten Bein und eilte auf sie zu. Für Bruder und Schwester hatte sie zwei kleine Häschchen gebastelt – eines im Röckchen, eines in karierten Hosen. Diese wollte sie verschenken. Ungeschickt, sehr kräftig, mit dünnen, angeklammerten Haaren, lag ein offenes Lächeln auf ihren Lippen. Kristina und Mark taten jedoch, als sähen sie Daria nicht. Mit Mühe bahnte sie sich einen Weg zu ihnen. – Bitte lassen Sie mich durch! Das sind mein Bruder und meine Schwester! Lassen Sie mich durch! – rief Daria fröhlich. – Kri, da schreit irgendein dickes Mädchen, sie wäre eure Schwester. Stimmt das etwa? – wandte sich die blonde Lisa an Kristina. Kristina drehte sich kurz um und sah Daria. – Diese dicke Kuh, schon wieder da! Bestimmt hat Mama sie geschickt. Was für eine Blamage! – dachte sie. Und laut sagte sie: – Nein, natürlich nicht. Ich habe nur einen Bruder, Mark. – Hab ich mir gleich gedacht. Die will sich wohl wichtigmachen. Und stopft euch auch noch irgendwelche Spielzeuge in die Hand, – lachte Lisa. – Wahrscheinlich ist das unser lokaler Fan. Nimm ihr die Sachen ab, Lisa. Und komm dann zu uns, wir gehen jetzt zur Siegerehrung! – rief Kristina, schickte Mark einen Kuss zu und zog ihn aus der Menge. Lisa nahm die Häschchen von Daria entgegen und versprach, sie weiterzugeben. – Okay! Ich warte dann zu Hause auf euch! Backe noch Quarktaschen! – rief Daria glücklich und humpelte davon. – Hier, hab’s dir weitergegeben. Sie meinte, sie wartet zu Hause auf euch. Backt Quarktaschen. Sie sieht ja selbst aus wie eine Quarktasche. Kri, die kann doch nicht eure Verwandte sein? Warum hängt die dauernd an euch? – hakte Lisa nach. – Nein! Ich kenn die nicht! Viele wollen sich bei uns einschmeicheln, einfach weil wir so erfolgreich sind. Komm, gehen wir! – warf Kristina die Häschchen in den Müll, schnappte sich Mark und Lisa und eilte zur Ehrung. Doch Lisa hatte gelogen. Daria war tatsächlich Kristinas Halbschwester. Ihre Mutter, Ines Jansen, hatte sie aufgenommen, nachdem eine entfernte Verwandte gestorben war. Die Jansens waren von einem Urlaub zurückgekehrt – und Daria war plötzlich ganz allein. Klein, mit Handicap. Eigentlich war Ines nur eine weit entfernte Cousine – sie hatten nicht mal denselben Nachnamen. Näher verwandte Verwandte hatten abgelehnt, aber sie nahm Daria trotzdem auf. Vorher hatte sie Streitereien mit ihrem Mann und den Kindern durchstehen müssen. Als sie erfuhren, dass sie eine Schwester bekommen, rasteten sie aus. Kristina und Mark waren verwöhnt, die Eltern erfüllten ihnen jeden Wunsch. – Mama, nimm die bloß nicht zu uns! Die ist dick, hinkt, und ist auch noch dumm. Mit der kann man sich doch nicht zeigen! – Kinder, habt Mitleid mit dem Mädchen. Sie ist ganz allein. Für Hunde und Katzen macht man’s doch auch, sie ist ein kleiner Mensch. Bei uns stört sie niemanden, wir haben ein großes Haus! – versuchte Ines Jansen, sie zu beruhigen. Sie willigten nur widerwillig ein. Ines war die Geschäftsführerin eines Edeka-Markts, sie verdiente das Geld. Der Vater war ihr Stellvertreter und nahm’s locker, hatte regelmäßig Affären hinter Ines’ Rücken. Falls Ines es wusste, schwieg sie – ihr Leonhard war ein Bilderbuchmann, die Kinder ganz der Vater. Daria wuchs heran. Klein, pummelig, mit hellblonden Haaren und fast durchsichtigen, blauen Augen – wie bei ihren Geschwistern, aber milchiger. – Ihre Augen sehen aus wie Milch mit Tinte. Dickie! – lachte Kristina. Daria war wie ein Brötchen – weich, herzlich, mit Grübchen in den Wangen, sehr liebevoll. Doch sie spielte immer alleine, denn Bruder und Schwester ließen sie nicht mitmachen. Sie musste auch für ihre Fehler herhalten – die teure Vase zerschlug Mark, aber Mama denkt, es war Daria. Kristina riss Mamas schicke Bluse an einem Nagel auf, schob den Fehler auf Daria. Doch Daria rechtfertigte sich nie, nickte nur und entschuldigte sich. Sie wusste, wer die Wahrheit war, aber wollte nicht, dass Bruder und Schwester Ärger bekamen. Weil sie doch so hübsch waren! Die „Pflegemama“ Ines Jansen schimpfte nie mit Daria – nur der Vater warf ihr ständig vor: – Warum hast du dieses Gespenst ins Haus geholt? Vor den Gästen ist das peinlich! Kann kaum laufen, wiegt wie ein kleines Nilpferd. Unseren schönen Kindern hast du ein Kuckucksei untergeschoben. Niemand wollte sie haben, alle waren klüger, nur du hast sie dir aufgehalst. Wer braucht dieses hässliche Ding mal, wenn es erwachsen ist?, – brüllte Leonhard. Daria hörte es an der Tür, ging zum Spiegel und mochte ihr Spiegelbild nicht. Wünschte, so schön zu sein wie Kristina und Mark. Zur Schule kam sie in eine andere als die Geschwister – weil die mit Schulverweigerung und schlechten Noten drohten, falls sie auf die gleiche sollte. Ines musste nachgeben. Sie merkte, dass die Brücke, die sie zwischen eigenen und Pflegekind gebaut hatte, fast völlig zerstört war… und konnte nichts tun. Die Zeit verging. Mark und Kristina gingen weg zum Studium. Daria bat, zu Hause bleiben zu dürfen. – Was, mein Kind. Du kannst überall hin, ich bezahle alles! Willst du? Designerin, Übersetzerin, was du willst, Daria – du kannst alles machen! – Ines nahm sie in den Arm. Wie ein Kätzchen schmiegte sich Daria an sie – und sofort war Ines beruhigt. Von ihren eigenen Kindern bekam sie selten mal einen Kuss, und dann nur widerwillig. Nicht diese Herzenswärme, die Daria schenkte. Daria empfing sie immer abends, selbst wenn es spät wurde. Entweder im Garten oder im Flur auf dem Hocker. Mann und Kinder waren meist beschäftigt – keiner kam runter, um „Hallo“ zu sagen. Als Ines einmal eine Bemerkung machte, rief Kristina: – Mama, wir haben eben zu tun! Die Dumme da wartet auf dich wie ein Hund, weil sie nichts Besseres zu tun hat. Träumen tut sie auch nicht. Darias klare Augen schauten auf die Mutter. Und sie flüsterte: – Mama, darf ich Tiere pflegen? Hunde, Katzen. Hamster, Schweinchen. Ich will Tierärztin werden. Und das kann man doch auch hier lernen. Kein Wunder, Daria schleppte ständig neue Tiere heim. Kätzchen und Hundewelpen. Pflegte sie gesund und suchte neue Plätze. Nur ein großer, zotteliger Hund blieb bei ihnen. Kristina hätte lieber einen Rassehund gehabt, aber Ines stand zu Daria. So lebten sie weiter. Bald musste Ines wegen ihrer Gesundheit zu Hause bleiben. Ihr Mann wandte sich prompt einer anderen zu – der Inhaberin des Friseursalons. Die Kinder kamen eigentlich nur noch wegen dem Geld vorbei. Sie hatte Rücklagen, zum Glück. Nur Daria blieb an ihrer Seite, hinkte, kochte Leckereien, massierte, machte Kräutertee – und abends saßen sie unter dem Apfelbaum und tranken Tee. Da war Daria der glücklichste Mensch. Kristina und Mark gründeten Familien, Mutter half bei Wohnungen. Dann schlug das Schicksal zu – Mark kam nachts um vier, den Tränen nahe, und gestand große Schulden. Woher nehmen, fragte Ines. – Mama, du hast dann eben keinen Sohn mehr. – grinste Mark. – Wie meinst du das? – Die Lösung: Das Haus verkaufen. Mit allem würde es reichen. – Aber Mark… und wie sollen wir, Daria und ich? Wo wohnen wir dann? – Was aus der fetten Dummen wird, ist mir egal. Die ist erwachsen, verdient selbst was. Schluss, genug durchgefüttert. Du kommst zu mir! Meine Leni freut sich! Ines traute der Schwiegertochter nicht, widersprach aber nicht. Ihr Sohn sollte ja gerettet werden! Bedingung: Daria kommt mit. Mark willigte ein. Doch Daria sagte nachher zur Mutter: – Mama… Fahr alleine. Ich… ziehe zu jemandem um, wir sind zusammen, er lädt mich schon lang zu sich ein. Mach dir keine Sorgen um mich! – Wer ist das? Den würde ich aber gern kennenlernen! – Später, Mama. Später. Auch Mark war froh, Daria nicht abschieben zu müssen. Doch das war gelogen. Sie hatte niemanden, wollte aber ihrer Mutter keine Sorgen machen und Streit vermeiden – sie liebte ihre Mama mehr als alles auf der Welt. Sie mietete sich ein Zimmer – im Haus von Opa Prochor, der Pensionär war und selber Hilfe brauchte, weil es im Haus Tiere gab. Als er erfuhr, dass sie Tierärztin war, war er überglücklich, wollte keine Miete nehmen, aber Daria zahlte trotzdem. Ihr Leben richtete sich ein – Job, Wohnung, Menschen respektierten sie, Tiere liebten sie; nach jeder Behandlung verteilte sie Leckerli. – Na komm, Schari, hier, das hat Daria für dich! Keine Angst, hab dir Tropfen dagelassen, und ruf an, wenn was ist! – sagte Daria stets liebevoll zu Herrchen und Tier. – Ach Kind, so nett wie du empfängt mich nicht mal das Krankenhaus! Ein Goldstück von Mädchen!, – schwärmte Anna, die Besitzerin eines prachtvollen Katers. Daria blühte auf, aber das Herz blieb schwer – wie geht’s Mama? Telefonate wurden seltener, jetzt ging meist Mark ans Handy und blockte schroff ab. – Ich weiß nicht. Seh sie seit Monaten nicht… – sagte sie seufzend zu Opa Prochor beim Tee. – Wieso? Fahr doch mal hin! Ich komm mit, hab noch meinen alten Golf, fährt noch! – schlug Prochor vor. Daria war froh. Sie fuhren zu Marks Adresse. Nach langem Klopfen öffnete eine hochgewachsene Blondine im Bademantel. – Was wollen Sie? Wir brauchen nichts! – wollte sie die Tür zuschlagen. – Sie sind Leni? Marks Frau? – Jap, – motzte sie. – Und Sie sind? – Ich bin Daria. Seine Schwester! – Daria wollte an ihr vorbei, doch Leni blockierte. – Und was willst du hier? Ich muss gleich zum Beauty-Termin. – hob Leni die Brauen. – Ich will nur kurz zu Mama. Wir stören euch nicht! – Ist nicht mehr hier. Mark hat sie ins Heim gebracht. Sie war ja völlig am Ende. Wer soll sich kümmern? Er muss arbeiten, ich auch. Keine Ahnung, welches Heim, ich war dort nie. Ich ruf mal an… Mark? Da steht diese Daria mit so ’nem alten Kerl. Adresse will sie. Okay. Hier, schreibe sie auf den Zettel. Und kommt nie wieder! Daria nahm die Adresse, rannte mit Opa Prochor die Treppe hinunter. – Warum hat mir niemand was gesagt? Ich hätte doch… Aber ich habe keine eigene Wohnung… Aber ich hätte eine Lösung gefunden… – flüsterte sie. – Mädchen, Mama hätte zu uns kommen können! Habe ein Zimmer frei! So geht das nicht! – regte sich Prochor auf. Sie kamen an. War das wirklich die zerbrechliche ältere Dame mit eingefallenen Augen – Darias Mutter? Die früher so resolut, herzlich und kräftig war. Nun lag sie kraftlos im Pflegebett. – Mama! Ich bin’s, Daria! Verzeih, dass ich nicht früher kam. Ich hab dich so lieb! Wir gehen nach Hause, Mama! Ich koche dir Eier, back Quarktaschen! Wir wohnen bei Opa Prochor, der hat Hühner und Ziegen und Schweinchen. Mama! Sie schafften es, Ines legal mitzunehmen – Daria war als Tochter eingetragen, und Prochor drohte sogar, seinen Kumpel General anzurufen, falls sie die Mutter nicht freigeben. Mark hatte nämlich geplant, dass die Mutter für immer im Heim bleibt… Am zehnten Tag stand Ines wieder auf, an einem Fenster, draußen brachten die Tiere Leben aufs Land: Schweinchen Frieda spazierte, der Hahn krähte, es roch nach Gras und Milch – und Rosinenbrötchen, denn Daria hatte gebacken. Als sie die Mutter sah, humpelte sie hinein, umarmte sie und bat sie um Vergebung, dass sie nicht früher kam – und entschuldigte sich, dass sie nun mit ihr leben müsse, nicht bei Mark und Kristina. Ines sagte kein Wort, hielt sie aber fest im Arm. Und sah in Daria wieder das kleine, komische, aber liebevolle Mädchen – nicht verwandt durch das Blut, aber durch das Herz verbunden. Sie war die Einzige, die diese Mutter wirklich liebte und im Alter nicht allein ließ, als die schönen und erfolgreichen Kinder sie längst abgeschrieben hatten. – Alles wird gut, Daria. Jetzt wird alles gut, mein Kind, – flüsterte Ines Jansen. – So, Mädels! Zeit zum Tee! – rief Opa Prochor in die Stube. Und lachend, Hand in Hand, begannen sie ihr neues Leben…
Verrat der eigenen Kinder Schon damals blickte Dorle voller Bewunderung zu ihrer Schwester und ihrem
Homy
Ist dieser Bus schon abgefahren? – fragte der eilende Mann an der Haltestelle — „Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, ob der Bus schon weg ist?“ – ein außer Atem geratener Mann lief zur Bushaltestelle. Kein Jüngling, sondern ein richtiger Kerl, bestimmt schon über fünfzig, mit Jacke und Jogginghose, auf der Schulter eine abgenutzte Sporttasche. Ein gewöhnliches Gesicht mit Schnurrbart – so einen mochte Larissa Andreeva noch nie –, drehte sich weg und schwieg. „Frau, ist es denn so schwer zu sagen? Ob der letzte Bus schon weg ist oder nicht? Sie warten doch auch darauf?“ – Der Mann hatte wieder Luft geschnappt und warf dazu seine schwere Tasche auf die Bank neben Larissa Andreeva. „Ich warte gar nicht“, entgegnete sie gereizt, dachte aber, es ist schon spät und wer weiß schon, wer er ist – antwortete dann freundlicher: „Vor etwa fünf Minuten ist irgendein Bus gefahren, habe nicht darauf geachtet.“ „Na wunderbar!“ – Der Mann plumpste auf die Bank, sodass Larissa Angst bekam, sie würde unter seinem Gewicht gleich auseinanderbrechen, und sprang auf. „Haben Sie ihn etwa auch verpasst?“ – ließ der Mann nicht locker! Schon fast unangenehm! Larissa zog ihren Mantel zurecht und beschloss, nach Hause zu gehen – es wurde spät. Vor einer Stunde hatte sie plötzlich das Bedürfnis verspürt, aus dem Haus zu gehen. Sie bekam kaum Luft, war einsam – das war ihr in ihrem Leben noch nie passiert. Ihr ganzes Leben hatte Larissa Andreeva allein gewohnt – und war dabei sehr glücklich gewesen. Ihre Freundinnen heirateten, bekamen Kinder, sie aber wollte das alles nie. Ihre Mutter hatte auf dem Dorf ein Kind nach dem anderen geboren; drei davon kamen ins Kinderheim, Larissa – die Älteste – war damals in die Stadt geflohen. Dort absolvierte sie die Berufsschule, wurde Buchhalterin und arbeitete ihr ganzes Leben im Café „Goldenes Zeitalter“ im Stadtzentrum. Fröhliche Musik, leckeres Essen! Anfangs war sie nur Buchhalterin, dann sogar Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Hochzeiten, Jubiläen – langweilig war ihr nie. Gute Bezahlung, gutes Essen, sie kaufte sich eine Wohnung, fuhr in den Urlaub – auf ein anderes Leben hatte Larissa Andreeva nie gehofft. Vor einem Jahr verkündete der neue Cafébesitzer, dass Larissa Andreeva keine Ahnung von modernen Arbeitsmethoden habe und ihm vieles an ihr nicht gefalle. Er schickte sie in Rente – dabei hatte Larissa selbst nie geplant, das zu tun. Anfangs suchte sie noch eine neue Stelle. Dann merkte sie, das Angebotene gefiel ihr nicht, das, was ihr gefiel, war nur für Junge. Sie ließ es bleiben – sie hatte ihre Ersparnisse, klein, aber ausreichend. So war sie endgültig in Rente – in die größte Freiheit ihres Lebens. Anfangs war das super, keine Pläne, kein Wecker, sie machte Stadttouren und nahm sogar an Nordic-Walking-Kursen im Park teil. Plötzlich wurde ihr alles zu viel, und in dieser Nacht war sie einfach hinausgegangen, hatte sich auf eine Bank an der Bushaltestelle gesetzt. Autos fuhren vorbei, Lampen leuchteten, Menschen gingen und redeten – sie aber saß dort und fühlte sich, als gäbe es sie gar nicht, nur diese laute Stadt. Die lebt ihr Leben, aber ihres? Ist völlig bedeutungslos! Sie ist für niemanden wichtig, für absolut niemanden – auf der ganzen weiten Welt! Und dann – plötzlich dieser Mann! — „Haben Sie denn auch kein Zuhause, gnädige Frau? Ich hab’ schon mal hier auf der Bank übernachtet, morgens den ersten Bus genommen. Wohne draußen vor der Stadt, hatte Spätschicht – war zu spät, naja, da waren die Nächte wärmer, heute ist’s kühl! Aber halb so wild, ich hab Wurstbrote dabei, keine Angst, gnädige Frau. Schauen Sie, das Brot ist frisch, die Wurst fein, ich hole den Thermoskanne – dann trinken wir noch heißen, süßen Tee, dann wird uns wieder warm.“ Ganz unvermittelt wurde der Mann freundlicher und legte Larissa Andreeva ein Sandwich in die Hand. Sie wollte zuerst ablehnen, spürte aber plötzlich großen Hunger. Sie hatte kein Abendessen gehabt und auch zum Mittag nur wenig gegessen. Ein Bissen – und wie das schmeckt! Sie hatte schon ewig keine Wurst mehr gekauft – wegen der Diät. Aber jetzt: frisches Brot, Wurst, mmm! Der Mann lachte herzlich: „Na, schmeckt’s? Hier, vorsicht, der Tee ist heiß. Wie heißen Sie überhaupt?“ „Larissa Andreeva“, antwortete sie mit vollem Mund. Der Mann nickte erfreut: „Larissa heiße Sie! Ich bin der Onkel Dmitrius – naja, Dmitrij Iwanowitsch. Früher in der Fabrik gearbeitet, rausgeflogen, jetzt als Sicherheitsmann, Schichtdienst. Eigentlich ganz okay. Meine Mutter ist leider krank, schon alt – für ihre Medikamente arbeite ich noch, vielleicht hält sie noch durch. Familie hatte ich mal; ist auseinandergegangen. Der Sohn ist erwachsen, Frau zu einem anderen – tja, so ist das Leben!“ Seufzte, lächelte, aber plötzlich wurden seine Augen traurig. „Larissa, weit bis nach Hause? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen? Mir bringt das nachts nix, rauszubringen, dann komm ich nicht mehr rein und doppelte Gebühr ist zu teuer. Für Sie müsste es reichen“, sagte Onkel Dmitrij und sah sie an. Larissa dachte plötzlich an ihren Schulfreund Kolja zurück – in der Schule hatte sie oft Hunger, und der brachte ihr Brote mit, sah sie genauso freundlich und ein bisschen spöttisch an wie der Mann jetzt. Da fühlte sie sich plötzlich wieder jung, als hätte es das andere Leben mit „Goldenes Zeitalter“ gar nicht gegeben, als wäre sie nicht einfach in den Ruhestand abgeschoben worden. Larissa aß das Sandwich, trank den süßen, heißen Tee und sagte plötzlich, ohne es selbst zu erwarten: – „Kommen Sie mit zu mir, Onkel Dmitrij, müssen ja nicht auf der Bank schlafen! Mein Haus ist direkt hier, Sie brauchen nicht weg. Aber: Benehmen Sie sich – ich habe eine schwere Hand, denken Sie nicht, dass ich keine junge Frau mehr bin!“ Der Mann sah sie erstaunt an, dann das Haus hinter ihr, dann wieder Larissa Andreeva. „Warum sitzen Sie dann hier draußen? Auf wen haben Sie gewartet?“ „Ich habe auf niemanden gewartet, gibt keinen mehr zu warten, gehen Sie jetzt mit?“ Larissa drehte sich um und ging nach Hause. Dmitrij Iwanowitsch nahm seine Tasche: „Na klar – komisch fühlt sich’s an! Aber… also ich, also keine Sorge, ich schlaf auf dem Boden im Eck und bin morgens wieder weg. Danke, ist echt kalt…“ Dmitrij Iwanowitsch folgte Larissa, staunend und kopfschüttelnd. Am Morgen wachte Larissa vom Klopfen auf. Kam aus dem Zimmer – Dmitrij war schon wach, hatte auf dem Küchensofa geschlafen und bastelte jetzt am Spülkasten: – „Dein Spülkasten tropft, Larissa, ich hab’s repariert, hab ich mir das Frühstück verdient?“ sagte er grinsend, sie staunte. Fremder Mann, im T-Shirt, graue, feuchte Haare – wohl gerade gebadet. Aber in ihr Freude und Wärme, warum auch immer. – „Na dann, Frühstück, Onkel Dmitrij! Hast es verdient. Magst du Omelett mit Tomaten?“, lächelte Larissa. – „Übrigens, meine Waschmaschine spinnt auch, und…“ So blieb Dmitrij Iwanowitsch bis zu seiner nächsten Schicht bei Larissa Andreeva. Rief seine Mutter an – auch sie war zufrieden und er blieb da. Jetzt leben sie zusammen. Dmitrij arbeitet alle drei Tage, Larissa wartet daheim und kocht für ihn Gerichte wie im Restaurant. Mitya küsst ihre Hände: „Larissotschka, ich hab gewusst – du hast auf mich gewartet. Ich hab mich nicht umsonst verspätet – unser Schicksal! Entschuldige, du warst so allein, ich durfte dich nicht einfach so lassen. Hätte nie gedacht, dass ich so lieben kann – was für ein Glück!“ Sie fahren oft zu seiner Mutter, sie ist über 80, aber immer noch fit und energisch. Larissa fühlt sich bei ihr wie ein Mädchen. Und seine Mutter Marija Polikarpowna ist überglücklich: Endlich ist auch für ihren Mitya das Glück gekommen, endlich hat er jemanden zum Leben! – Haben Sie auf den letzten Bus gewartet – oder auf jemanden, der mit Ihnen ein neues Zuhause findet?
Na, du glaubst nicht, was mir gestern an der Bushaltestelle passiert ist. Ich sitz da abends, eigentlich
Homy
Educational
065
Ich habe meine Schwägerin und ihr Kind mit in den Sommerurlaub an die Ostsee genommen – und es tausendmal bereut!
Ich habe meine Schwägerin und ihren Sohn mit in den Urlaub genommen. Ich habe es tausendfach bereut.
Homy
Educational
010
Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …
Ihre Schwiegertochter, Mathilde, konnte Frau Greta nie leiden. Und nein, das lag nicht an dem ewigen
Homy
Educational
038
Ein chaotischer Kleiderschrank, Berge ungebügelter Wäsche, saure Suppe im Kühlschrank – all das ist unser Zuhause. Behutsam sprach ich meine Frau darauf an, doch plötzlich wurde ich zum Schuldigen gemacht. Als ich Maria das erste Mal sah, war es Liebe auf den ersten Blick. Ich war sofort von ihr verzaubert – ihrer Schönheit, ihrem Charme. Ich hielt mich für einen Glückspilz, so eine kluge, attraktive und ordentliche Frau an meiner Seite zu haben, und zögerte keine Sekunde, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Wir zogen zusammen, doch gleich zu Beginn sagte Maria mir, dass sie Hausarbeit nicht mag. Sie wolle sich auf ihre Karriere konzentrieren und die Aufgaben im Haushalt gerecht teilen. Das klang fair und vernünftig, ich stimmte zu und vertraute auf dieses Abkommen – nicht ahnend, was uns erwarten würde. Anfangs haben wir die Hausarbeit tatsächlich aufgeteilt, Maria versicherte mir, dass sie problemlos beides stemmen könne: den Job und die Aufgaben zuhause. Ich glaubte ihr und stellte ihre Entscheidungen nicht infrage. Sechs Monate später merkte ich jedoch, dass die Dinge aus dem Ruder liefen. Maries Karriere entwickelte sich nicht wie erhofft; sie arbeitete Teilzeit bei einer kleinen Firma mit unregelmäßigem Gehalt und unsteten Arbeitszeiten. Das Geld verwendete sie nur für ihre persönlichen Bedürfnisse, während ich täglich schuften ging. Dennoch pochte Maria weiterhin auf die Aufteilung der Haushaltsaufgaben und sah großzügig über ihre eigenen Pflichten hinweg. Zu Beginn erledigte sie ihre Aufgaben fleißig, doch nach und nach ließ ihr Engagement nach. Die Wohnung wurde immer unordentlicher, überall lagen ungebügelte Kleiderstapel. Und zu meiner Überraschung wurde ich dann verantwortlich gemacht – ich solle doch mehr helfen! Diese Haltung traf mich tief. Die doppelte Belastung von Arbeit und Haushalt wurde unerträglich, obwohl wir von Anfang an eine gerechte Aufgabenverteilung vereinbart hatten. Ich hoffte, nach der Geburt unseres Kindes würde sich die Situation bessern: Maria blieb nun in Elternzeit zuhause, doch leider verschärfte sich alles nur. Manchmal frage ich mich, ob es ohne sie leichter wäre. Die ständigen Streitereien gehören mittlerweile zum Alltag. Ich bemühe mich wirklich, Maries Perspektive zu verstehen, und versuche, mich in sie hineinzuversetzen – doch ich fühle mich schlicht vernachlässigt. Büroarbeit, Haushalt, Kinderbetreuung – ich jongliere alles und sehne mich nur nach etwas Erholung. Ich frage mich: Was macht Maria eigentlich den Tag über während der Elternzeit? Unser Baby ist zwei Monate alt und schläft noch viel – in dieser Zeit könnte man doch zumindest ein wenig Ordnung schaffen oder etwas zu essen zubereiten? Ich grüble bereits, wie wir das mit einem zweiten Kind schaffen würden. Ich stehe für Gleichberechtigung und gegenseitige Unterstützung – aber Maria scheint das nicht zu verstehen. Ich will unsere Familie nicht zerstören, denn ich liebe mein Kind über alles. Trotzdem bin ich am Ende meiner Geduld angelangt. Ich weiß nicht, wie ich in dieser Situation weitermachen soll. Auf wessen Seite stehst du in dieser Geschichte?
Ein chaotischer Kleiderschrank, Haufen von ungebügelten Hemden und saure Suppe im Kühlschrank das ist
Homy
Educational
05
Und du kochst – ganz ohne Herz: Eine ganz normale Ehekrise zwischen Kartoffeln, Regalbrettern und dem Wunsch nach mehr Liebe im Alltag
Und du kochst, als hättest du keine Leidenschaft Claudia, was soll das denn? Matthias schob den Teller
Homy