Der Verrat der eigenen Kinder Daria blickte wieder einmal voller Bewunderung auf ihren Bruder und ihre Schwester. Wie schön sie waren! Groß, schwarzhaarig, mit strahlend blauen Augen. Schon wieder wurden sie ausgezeichnet. Sie hatten erneut einen Wettbewerb gewonnen. Daria stand auf, um die Erste zu sein, die gratuliert. Sie humpelte leicht auf dem rechten Bein und eilte auf sie zu. Für Bruder und Schwester hatte sie zwei kleine Häschchen gebastelt – eines im Röckchen, eines in karierten Hosen. Diese wollte sie verschenken. Ungeschickt, sehr kräftig, mit dünnen, angeklammerten Haaren, lag ein offenes Lächeln auf ihren Lippen. Kristina und Mark taten jedoch, als sähen sie Daria nicht. Mit Mühe bahnte sie sich einen Weg zu ihnen. – Bitte lassen Sie mich durch! Das sind mein Bruder und meine Schwester! Lassen Sie mich durch! – rief Daria fröhlich. – Kri, da schreit irgendein dickes Mädchen, sie wäre eure Schwester. Stimmt das etwa? – wandte sich die blonde Lisa an Kristina. Kristina drehte sich kurz um und sah Daria. – Diese dicke Kuh, schon wieder da! Bestimmt hat Mama sie geschickt. Was für eine Blamage! – dachte sie. Und laut sagte sie: – Nein, natürlich nicht. Ich habe nur einen Bruder, Mark. – Hab ich mir gleich gedacht. Die will sich wohl wichtigmachen. Und stopft euch auch noch irgendwelche Spielzeuge in die Hand, – lachte Lisa. – Wahrscheinlich ist das unser lokaler Fan. Nimm ihr die Sachen ab, Lisa. Und komm dann zu uns, wir gehen jetzt zur Siegerehrung! – rief Kristina, schickte Mark einen Kuss zu und zog ihn aus der Menge. Lisa nahm die Häschchen von Daria entgegen und versprach, sie weiterzugeben. – Okay! Ich warte dann zu Hause auf euch! Backe noch Quarktaschen! – rief Daria glücklich und humpelte davon. – Hier, hab’s dir weitergegeben. Sie meinte, sie wartet zu Hause auf euch. Backt Quarktaschen. Sie sieht ja selbst aus wie eine Quarktasche. Kri, die kann doch nicht eure Verwandte sein? Warum hängt die dauernd an euch? – hakte Lisa nach. – Nein! Ich kenn die nicht! Viele wollen sich bei uns einschmeicheln, einfach weil wir so erfolgreich sind. Komm, gehen wir! – warf Kristina die Häschchen in den Müll, schnappte sich Mark und Lisa und eilte zur Ehrung. Doch Lisa hatte gelogen. Daria war tatsächlich Kristinas Halbschwester. Ihre Mutter, Ines Jansen, hatte sie aufgenommen, nachdem eine entfernte Verwandte gestorben war. Die Jansens waren von einem Urlaub zurückgekehrt – und Daria war plötzlich ganz allein. Klein, mit Handicap. Eigentlich war Ines nur eine weit entfernte Cousine – sie hatten nicht mal denselben Nachnamen. Näher verwandte Verwandte hatten abgelehnt, aber sie nahm Daria trotzdem auf. Vorher hatte sie Streitereien mit ihrem Mann und den Kindern durchstehen müssen. Als sie erfuhren, dass sie eine Schwester bekommen, rasteten sie aus. Kristina und Mark waren verwöhnt, die Eltern erfüllten ihnen jeden Wunsch. – Mama, nimm die bloß nicht zu uns! Die ist dick, hinkt, und ist auch noch dumm. Mit der kann man sich doch nicht zeigen! – Kinder, habt Mitleid mit dem Mädchen. Sie ist ganz allein. Für Hunde und Katzen macht man’s doch auch, sie ist ein kleiner Mensch. Bei uns stört sie niemanden, wir haben ein großes Haus! – versuchte Ines Jansen, sie zu beruhigen. Sie willigten nur widerwillig ein. Ines war die Geschäftsführerin eines Edeka-Markts, sie verdiente das Geld. Der Vater war ihr Stellvertreter und nahm’s locker, hatte regelmäßig Affären hinter Ines’ Rücken. Falls Ines es wusste, schwieg sie – ihr Leonhard war ein Bilderbuchmann, die Kinder ganz der Vater. Daria wuchs heran. Klein, pummelig, mit hellblonden Haaren und fast durchsichtigen, blauen Augen – wie bei ihren Geschwistern, aber milchiger. – Ihre Augen sehen aus wie Milch mit Tinte. Dickie! – lachte Kristina. Daria war wie ein Brötchen – weich, herzlich, mit Grübchen in den Wangen, sehr liebevoll. Doch sie spielte immer alleine, denn Bruder und Schwester ließen sie nicht mitmachen. Sie musste auch für ihre Fehler herhalten – die teure Vase zerschlug Mark, aber Mama denkt, es war Daria. Kristina riss Mamas schicke Bluse an einem Nagel auf, schob den Fehler auf Daria. Doch Daria rechtfertigte sich nie, nickte nur und entschuldigte sich. Sie wusste, wer die Wahrheit war, aber wollte nicht, dass Bruder und Schwester Ärger bekamen. Weil sie doch so hübsch waren! Die „Pflegemama“ Ines Jansen schimpfte nie mit Daria – nur der Vater warf ihr ständig vor: – Warum hast du dieses Gespenst ins Haus geholt? Vor den Gästen ist das peinlich! Kann kaum laufen, wiegt wie ein kleines Nilpferd. Unseren schönen Kindern hast du ein Kuckucksei untergeschoben. Niemand wollte sie haben, alle waren klüger, nur du hast sie dir aufgehalst. Wer braucht dieses hässliche Ding mal, wenn es erwachsen ist?, – brüllte Leonhard. Daria hörte es an der Tür, ging zum Spiegel und mochte ihr Spiegelbild nicht. Wünschte, so schön zu sein wie Kristina und Mark. Zur Schule kam sie in eine andere als die Geschwister – weil die mit Schulverweigerung und schlechten Noten drohten, falls sie auf die gleiche sollte. Ines musste nachgeben. Sie merkte, dass die Brücke, die sie zwischen eigenen und Pflegekind gebaut hatte, fast völlig zerstört war… und konnte nichts tun. Die Zeit verging. Mark und Kristina gingen weg zum Studium. Daria bat, zu Hause bleiben zu dürfen. – Was, mein Kind. Du kannst überall hin, ich bezahle alles! Willst du? Designerin, Übersetzerin, was du willst, Daria – du kannst alles machen! – Ines nahm sie in den Arm. Wie ein Kätzchen schmiegte sich Daria an sie – und sofort war Ines beruhigt. Von ihren eigenen Kindern bekam sie selten mal einen Kuss, und dann nur widerwillig. Nicht diese Herzenswärme, die Daria schenkte. Daria empfing sie immer abends, selbst wenn es spät wurde. Entweder im Garten oder im Flur auf dem Hocker. Mann und Kinder waren meist beschäftigt – keiner kam runter, um „Hallo“ zu sagen. Als Ines einmal eine Bemerkung machte, rief Kristina: – Mama, wir haben eben zu tun! Die Dumme da wartet auf dich wie ein Hund, weil sie nichts Besseres zu tun hat. Träumen tut sie auch nicht. Darias klare Augen schauten auf die Mutter. Und sie flüsterte: – Mama, darf ich Tiere pflegen? Hunde, Katzen. Hamster, Schweinchen. Ich will Tierärztin werden. Und das kann man doch auch hier lernen. Kein Wunder, Daria schleppte ständig neue Tiere heim. Kätzchen und Hundewelpen. Pflegte sie gesund und suchte neue Plätze. Nur ein großer, zotteliger Hund blieb bei ihnen. Kristina hätte lieber einen Rassehund gehabt, aber Ines stand zu Daria. So lebten sie weiter. Bald musste Ines wegen ihrer Gesundheit zu Hause bleiben. Ihr Mann wandte sich prompt einer anderen zu – der Inhaberin des Friseursalons. Die Kinder kamen eigentlich nur noch wegen dem Geld vorbei. Sie hatte Rücklagen, zum Glück. Nur Daria blieb an ihrer Seite, hinkte, kochte Leckereien, massierte, machte Kräutertee – und abends saßen sie unter dem Apfelbaum und tranken Tee. Da war Daria der glücklichste Mensch. Kristina und Mark gründeten Familien, Mutter half bei Wohnungen. Dann schlug das Schicksal zu – Mark kam nachts um vier, den Tränen nahe, und gestand große Schulden. Woher nehmen, fragte Ines. – Mama, du hast dann eben keinen Sohn mehr. – grinste Mark. – Wie meinst du das? – Die Lösung: Das Haus verkaufen. Mit allem würde es reichen. – Aber Mark… und wie sollen wir, Daria und ich? Wo wohnen wir dann? – Was aus der fetten Dummen wird, ist mir egal. Die ist erwachsen, verdient selbst was. Schluss, genug durchgefüttert. Du kommst zu mir! Meine Leni freut sich! Ines traute der Schwiegertochter nicht, widersprach aber nicht. Ihr Sohn sollte ja gerettet werden! Bedingung: Daria kommt mit. Mark willigte ein. Doch Daria sagte nachher zur Mutter: – Mama… Fahr alleine. Ich… ziehe zu jemandem um, wir sind zusammen, er lädt mich schon lang zu sich ein. Mach dir keine Sorgen um mich! – Wer ist das? Den würde ich aber gern kennenlernen! – Später, Mama. Später. Auch Mark war froh, Daria nicht abschieben zu müssen. Doch das war gelogen. Sie hatte niemanden, wollte aber ihrer Mutter keine Sorgen machen und Streit vermeiden – sie liebte ihre Mama mehr als alles auf der Welt. Sie mietete sich ein Zimmer – im Haus von Opa Prochor, der Pensionär war und selber Hilfe brauchte, weil es im Haus Tiere gab. Als er erfuhr, dass sie Tierärztin war, war er überglücklich, wollte keine Miete nehmen, aber Daria zahlte trotzdem. Ihr Leben richtete sich ein – Job, Wohnung, Menschen respektierten sie, Tiere liebten sie; nach jeder Behandlung verteilte sie Leckerli. – Na komm, Schari, hier, das hat Daria für dich! Keine Angst, hab dir Tropfen dagelassen, und ruf an, wenn was ist! – sagte Daria stets liebevoll zu Herrchen und Tier. – Ach Kind, so nett wie du empfängt mich nicht mal das Krankenhaus! Ein Goldstück von Mädchen!, – schwärmte Anna, die Besitzerin eines prachtvollen Katers. Daria blühte auf, aber das Herz blieb schwer – wie geht’s Mama? Telefonate wurden seltener, jetzt ging meist Mark ans Handy und blockte schroff ab. – Ich weiß nicht. Seh sie seit Monaten nicht… – sagte sie seufzend zu Opa Prochor beim Tee. – Wieso? Fahr doch mal hin! Ich komm mit, hab noch meinen alten Golf, fährt noch! – schlug Prochor vor. Daria war froh. Sie fuhren zu Marks Adresse. Nach langem Klopfen öffnete eine hochgewachsene Blondine im Bademantel. – Was wollen Sie? Wir brauchen nichts! – wollte sie die Tür zuschlagen. – Sie sind Leni? Marks Frau? – Jap, – motzte sie. – Und Sie sind? – Ich bin Daria. Seine Schwester! – Daria wollte an ihr vorbei, doch Leni blockierte. – Und was willst du hier? Ich muss gleich zum Beauty-Termin. – hob Leni die Brauen. – Ich will nur kurz zu Mama. Wir stören euch nicht! – Ist nicht mehr hier. Mark hat sie ins Heim gebracht. Sie war ja völlig am Ende. Wer soll sich kümmern? Er muss arbeiten, ich auch. Keine Ahnung, welches Heim, ich war dort nie. Ich ruf mal an… Mark? Da steht diese Daria mit so ’nem alten Kerl. Adresse will sie. Okay. Hier, schreibe sie auf den Zettel. Und kommt nie wieder! Daria nahm die Adresse, rannte mit Opa Prochor die Treppe hinunter. – Warum hat mir niemand was gesagt? Ich hätte doch… Aber ich habe keine eigene Wohnung… Aber ich hätte eine Lösung gefunden… – flüsterte sie. – Mädchen, Mama hätte zu uns kommen können! Habe ein Zimmer frei! So geht das nicht! – regte sich Prochor auf. Sie kamen an. War das wirklich die zerbrechliche ältere Dame mit eingefallenen Augen – Darias Mutter? Die früher so resolut, herzlich und kräftig war. Nun lag sie kraftlos im Pflegebett. – Mama! Ich bin’s, Daria! Verzeih, dass ich nicht früher kam. Ich hab dich so lieb! Wir gehen nach Hause, Mama! Ich koche dir Eier, back Quarktaschen! Wir wohnen bei Opa Prochor, der hat Hühner und Ziegen und Schweinchen. Mama! Sie schafften es, Ines legal mitzunehmen – Daria war als Tochter eingetragen, und Prochor drohte sogar, seinen Kumpel General anzurufen, falls sie die Mutter nicht freigeben. Mark hatte nämlich geplant, dass die Mutter für immer im Heim bleibt… Am zehnten Tag stand Ines wieder auf, an einem Fenster, draußen brachten die Tiere Leben aufs Land: Schweinchen Frieda spazierte, der Hahn krähte, es roch nach Gras und Milch – und Rosinenbrötchen, denn Daria hatte gebacken. Als sie die Mutter sah, humpelte sie hinein, umarmte sie und bat sie um Vergebung, dass sie nicht früher kam – und entschuldigte sich, dass sie nun mit ihr leben müsse, nicht bei Mark und Kristina. Ines sagte kein Wort, hielt sie aber fest im Arm. Und sah in Daria wieder das kleine, komische, aber liebevolle Mädchen – nicht verwandt durch das Blut, aber durch das Herz verbunden. Sie war die Einzige, die diese Mutter wirklich liebte und im Alter nicht allein ließ, als die schönen und erfolgreichen Kinder sie längst abgeschrieben hatten. – Alles wird gut, Daria. Jetzt wird alles gut, mein Kind, – flüsterte Ines Jansen. – So, Mädels! Zeit zum Tee! – rief Opa Prochor in die Stube. Und lachend, Hand in Hand, begannen sie ihr neues Leben…

Verrat der eigenen Kinder

Schon damals blickte Dorle voller Bewunderung zu ihrer Schwester und ihrem Bruder auf. Was waren sie doch schön! Groß, mit dunklen Haaren und strahlend blauen Augen. Wieder einmal wurden sie ausgezeichnetsie hatten erneut bei einem Wettbewerb gewonnen. Dorle stand schnell auf, um als Erste bei ihnen zu sein. Sie hinkte etwas mit dem rechten Bein, aber das hielt sie nicht auf. Sie wollte ihnen die beiden Häschen schenken, die sie eigens gehäkelt hatte. Eines im Röckchen, das andere mit karierten Hosen. Sie wollte Freude schenken.

Dorle war plump, übergewichtig, dünnes Haar steckte hastig fest, ein schlichtes Lächeln lag auf ihren Lippen. Irmgard und Johann taten so, als sähen sie ihre Schwester nicht. Dorle kämpfte sich zur Bühne.

Lassen Sie mich bitte durch! Das sind mein Bruder und meine Schwester! Lassen Sie mich! rief Dorle fröhlich.

Irmchen, da ruft so ein dickes Mädchen, dass sie deine Schwester sei. Stimmt das etwa? flüsterte ihre blonde Freundin Hannelore.

Ein kurzer Blick von Irmgard, dann wandte sie sich ab, und dachte:
Fette Kuh, jetzt wirds peinlich. Bestimmt hat Mama ihr gesagt, sie soll kommen. Was für eine Schande!

Laut sagte sie:
Nein, ich habe nur einen Bruder. Johann.”

“Hab ich mir gleich gedacht. Die will wohl ein Stück vom Ruhm abhaben. Und drückt euch diese Spielzeuge auf,” kicherte Hannelore.

“Wohl unser lokaler Fan. Nimm ihr das Zeug ab, Hanne. Und komm nach, ich geh mit Johann schon mal voraus!” rief Irmgard und zog Johann mit sich fort.

Hannelore nahm Dorle die Häschen ab, versprach sie weiterzugeben.

Danke! Ich warte dann zu Hause auf euch und backe Streuselkuchen! rief Dorle glücklich und hinkte zurück.

“Hier, bitteschön, habs abgeliefert. Die wartet auf euch und will Kuchen backen. Sie sieht selbst aus wie einer Sag, Irmgard, bist du dir sicher, ihr seid keine Verwandten? Warum hängt sie so an euch? fragte Hannelore weiter.

Nein! Ich kenne sie nicht! Viele schwärmen uns an, weil sie berühmt sein wollen. Komm, gehen wir! sprach Irmgard kühl und warf die Häschen gleich in den Müll. Mit Hannelore und Johann eilte sie zur Siegerehrung.

In Wahrheit hatte sie ihre Freundin angelogen. Dorle war wirklich ihre Schwester eine Halbschwester. Die Mutter der Zwillinge, Elisabeth, nahm Dorle zu sich, nachdem eine entfernte Verwandte verstorben war. Von einem Familienausflug kehrte nur Dorle zurück: klein, mit einer Verletzung.

Elisabeth war nur eine sehr entfernte Verwandte siebter Grad. Nicht einmal der gleiche Familienname. Die Blutsverwandten lehnten es ab, das Kind aufzunehmen. Aber Elisabeth brachte sie mit nach Hause, obgleich ihr Mann und die Kinder laut protestierten, als sie erfuhren, dass eine Schwester einziehen sollte. Irmgard und Johann waren verwöhnte Kinder, niemals wurde ihnen ein Wunsch verwehrt.

Mama, nimm die nicht rein! Die ist dick, hinkt, und ein Dummchen. Schon peinlich, neben der zu laufen!

Ach, Kinder. Tut sie euch weh? Sie ist doch ganz allein. Hunde und Katzen nimmt man auf, und das hier ist ein Mensch noch dazu ein Kind. Wir haben doch genug Platz! redete Elisabeth ihnen zu.

Widerwillig stimmten sie zu. Elisabeth führte einen kleinen Laden und verdiente das meiste Geld. Ihr Mann, Friedrich, war nur ihr Stellvertreter, kümmerte sich wenig und war ständig auf Abwegen. Ob sie davon wusste, schwieg sie. Hauptsache, ihre Kinder waren schön, und Friedrich sah vorzeigbar aus die Kinder kamen nach ihm.

Dorle wuchs heran: klein, pummelig, hellblond. Die Augen schimmerten fast glasig blau, fast durchsichtig, anders, aber dennoch verwandt mit ihren Geschwistern.

Ihre Augen erinnern an verdünnte Milch. Zu viel Wasser! Dicke Kartoffel! spottete Irmgard.

Dorle war wie eine süße Semmel, freundlich, mit Grübchen an den Wangen und einem riesigen Herz. Aber sie spielte immer alleine. Die anderen beiden schlossen sie aus, und natürlich schoben sie ihr die Schuld zu, wann immer etwas passierte. Ging einmal eine teure Vase in die Brüche, hatte Johann sie zerschlagen doch gesagt wurde, Dorle wars. Plünderte Irmgard Mamas neue Bluse und schlitzte sie versehentlich auf, musste auch Dorle als Sündenbock herhalten.

Dorle widersprach nie. Sie senkte den Kopf und entschuldigte sich. Sie wusste, wers getan hatte, aber wollte Irmgard und Johann nie Schwierigkeiten bereiten. Sie fand sie einfach zu schön.

Auch Elisabeth schimpfte nie mit Dorle, aber der Vater ließ sich aus.

Warum hast du dieses hässliche Entlein ins Haus geholt! Vor Gästen ist das peinlich! Die hinkt, frisst wie ein Elefant. Unsere beiden Kinder sind bildhübsch braucht es neben denen wirklich dieses Elend als Kontrast? Andere waren klüger und haben nein gesagt. Aber du schleppst sie an. Wer will die später? Dieses Vogelscheuchengesicht? schrie Friedrich.

Dorle hörte es an der verschlossenen Tür. Später stand sie vorm Spiegel. Mochte ihr Spiegelbild nicht. Sie wäre so gerne schön wie Johann und Irmgard. Aber das Schicksal meinte es anders.

In eine andere Schule wurde sie geschickt die Zwillinge bestanden darauf. Sonst, so drohten sie, würden sie die Schule schwänzen und ihre guten Noten nicht mehr bringen. Elisabeth willigte ein, als sie sah, dass die Brücke, die sie mühsam zwischen den Kindern zu bauen versuchte, fast zerbrochen war. Sie konnte nicht verhindern, was geschah.

Die Jahre gingen. Johann und Irmgard zogen fort zum Studieren. Dorle bat die Mutter, zu Hause bleiben zu dürfen.

Aber Kind! Du kannst studieren, was du willst. Ich bezahle alles! Designerin, Dolmetscherin, was du möchest, Dörchen? Elisabeth drückte sie an sich.

Dorle schmiegte sich wie ein Kätzchen an, umarmte sie. Jedes Mal beruhigte das Elisabeth. Ihre eigenen Kinder gaben höchstens einen flüchtigen Kuss, wenn überhaupt. Mit Dorle aber war da eine Wärme, die mit den anderen fehlte.

Sie holte die Mutter immer ab, egal, wie spät es wurdeoft wartete Dorle selbst im Winter im Hof oder saß auf dem Flur auf dem Hocker. Der Mann und die anderen Kinder scherten sich nicht drum, grüßten meist nicht einmal. Einmal wagte Elisabeth eine Bemerkung, doch Irmgard schrie:

Wir haben doch zu tun! Die blöde Dorle wartet wie ein Hündchen, weil sie sonst nix zu tun hat. Die träumt ja auch nicht mal!

Dorle hob den Glasblick zur Mutter und hauchte:
Mama, darf ich Tiere heilen? Hunde, Katzen, Hamster, Ferkel. Ich möchte Tierärztin werden. Und das kann ich hier lernen.

Diese Wahl lag auf der Hand. Dorle brachte immer verletzte Tiere mit, pflegte sie, fand ihnen ein neues Zuhause. Ein großer wuscheliger Hund blieb; Irmgard protestierte, wollte einen Rassehund, aber Elisabeth hielt zu Dorle.

So lebten sie weiter. Bald konnte Elisabeth wegen Krankheit nicht mehr arbeiten. Als Friedrich merkte, dass das Geld langsam ausblieb, lief er gleich zu einer Bekannten von Elisabeth, der Besitzerin eines Friseursalons.

Die Kinder kamen selten, meist wenn sie Geld brauchten und davon gab es noch genug. Nur Dorle blieb treu bei ihrer Mutter, bereitete ihr täglich kleine Leckerbissen, massierte sie, kochte Kräutertee. Abends saßen sie oft unter dem alten Apfelbaum, tranken Tee. In solchen Momenten gab es niemanden auf der Welt, der glücklicher war als Dorle.

Irmgard und Johann heirateten. Mutter half beiden beim Wohnungskauf. Aber plötzlich kam der Schock: Johann tauchte nachts auf, fast am Weinen. Er hatte Schulden, musste eine enorme Summe zurückzahlen.

Wie denn das? Woher nehmen wir nur so viel, mein Junge? Hast du beim Vater gefragt? Nichts da? Naja, wie auch. Sogar wenn ich alles gebe, reicht es nicht zur Hälfte. Was machen wir nur? klagte Elisabeth.

Johann aber wusste Rat: Das Haus verkaufen, dann reichte es.

Aber was wird dann aus Dorle und mir? Wohin sollen wir? erschrak die Mutter.

Die Dicke kann sehen, wie sie zurechtkommt. Die kann arbeiten und für sich selbst sorgen. Genug, wir haben sie ein Leben lang mit durchgezogen. Du ziehst zu uns Leni freut sich!, grinste Johann.

Leni war seine Frau, und Elisabeth zweifelte, ob sie wirklich begeistert war. Doch sie widersprach nicht sie musste ja ihren Sohn retten! Sie stellte nur eine Bedingung: Dorle kommt mit. Johann stimmte zähneknirschend zu. Kurze Zeit später kam Dorle zu ihrer Mutter und sagte:

Mama Du gehst allein zu Johann. Ich ich ziehe zu einem Freund, wir sind zusammen. Er lädt mich schon lange ein, ich gehe zu ihm. Mach dir keine Sorgen!

Wie, Kind? Wer ist das? Ich will ihn doch kennenlernen! Warum hast du nichts gesagt? war Elisabeth überrascht, aber glücklich.

Kommt noch. Du wirst ihn kennenlernen. Mach dir keine Sorgen, Mama! Dorle umarmte sie fest.

Sogar Johann war erleichtert er musste Irmgard nicht bitten, sich einen Plan auszudenken, wie sie Dorle loswerden konnten. Sie wollten sie auf keinen Fall aufnehmen.

Doch Dorle log. Es gab niemanden. Aber sie spürte, dass sie unerwünscht war sie wollte der Mutter keine Probleme machen, ihr Herz schon schwach, und aus reiner Liebe tat sie so.

Sie mietete ein Zimmer bei Herrn Probst, einem alleinstehenden alten Bauern. Er hatte Hühner, Ziegen, Schweinchen und suchte Gesellschaft. Als er hörte, dass Dorle Tierärztin war, freute er sich so sehr, dass er ihr die Miete schenken wollte. Dorle bestand aber darauf, zu zahlen.

Sie fand ihren Platz. Die Leute achteten sie, die Tiere liebten sie. Sie hatte immer ein gutes Wort und nach der Behandlung ein Leckerli übrig, von ihrem eigenen Lohn gekauft.

Na, Bello, mein Spätzchen. Hier, hast was Feines von Dorle! Keine Angst, kleiner Freund. Ich habe euch Tropfen dagelassen. Rufen Sie ruhig an, Tag und Nacht, falls was ist!” sagte sie liebevoll zu jedem, der kam.

Mädchen, nie wurde ich in der Klinik so herzlich empfangen wie mein Kater von dir. Ein Goldkind bist du!” schwärmte Frau Anna, Besitzerin eines prächtigen Katers.

Dorle blühte auf nur das Herz blieb schwer: Wie ging es Mutter? Sie rief oft an, doch immer öfter nahm Johann ab, gab knappe, unfreundliche Antworten. Mutter schlafe.

Ich weiß nicht mehr… Ich hab sie ein halbes Jahr nicht gesehen, seufzte sie bei Tee mit Herrn Probst.

Warum fährst du dann nicht? Ich nehm dich mit, mein alter Käfer läuft noch. Und ich hab sogar noch Führerschein! schlug Herr Probst vor.

Dorle war froh. Sie hatte die Adresse. Sie klopften lange. Eine große blonde Frau, in Morgenmantel, öffnete gähnend.

Wer seid ihr? Ich kaufe nichts! Hauen Sie ab!

Sie sind wohl Leni, Johanns Frau? fragte Dorle höflich.

Ja, und? Wer sind Sie?

Ich bin Dorle, seine Schwester!” Dorle versuchte einzutreten, doch Leni wehrte ab.

Was willst du? Ich muss zu meiner Kosmetikerin, hab keine Zeit!

Ich bin nur kurz da, das ist Herr Probst, ein Freund. Ich will zu Mama. Ich störe nicht, verspreche ich.

Die ist nicht hier. Johann hat sie ins Heim gebracht. Sie lag nur noch im Bett, braucht Pflege. Ich hab dafür keine Zeit. Keine Ahnung, wo das ist. Ach, warte, ich ruf an… Johann, deine Schwester ist da, mit irgendeinem alten Knacker. Sie wollen Adresse. … Okay. Hier, steht auf dem Zettel. Und komm nicht wieder! sagte Leni, mit einem Hauch von teurem Parfüm.

Dorle nahm den Zettel, eilte mit Herrn Probst hinaus.

Wie konnte das nur sein? Warum hat mir niemand was gesagt? Hätte ich das gewusst, ich hätte… Ach, nur weil ich kein eigenes Haus habe? Ich hätte schon was gefunden… stammelte Dorle leise.

Du, Kind, uns hätte sie nehmen können! Mehr als genug Platz! So ein Unfug… Die hätten Bescheid geben müssen!, schimpfte Herr Probst.

Sie kamen an. Die Frau im Bett war das wirklich ihre Mutter, so klein und zerbrechlich? Früher war sie groß und rund, voller Energie, immer unter Menschen, voller Tatendrang. Jetzt lag sie schwach, mit hohlen Augen.

“Mama! Ich bin’s, Dorle! Verzeih, dass ich nicht gekommen bin. Mama… Ich habe versagt! Aber ich nehme dich mit, wir gehen nach Hause! Zu Herrn Probst, da gibt’s Hühner und frische Eier, du wirst sehen! Und Ziegenmilch Du wirst schnell wieder gesund. Mama, bitte! Ich liebe dich!”

Sie nahmen Elisabeth mit sich. Dorle war offiziell Tochter Herrn Probst ließ nicht locker, als ehemaliger Soldat könnte er die Obrigkeit verständigen. Da Johann gewollt hatte, dass die Mutter für immer im Heim blieb

Nach zehn Tagen stand Elisabeth wieder auf, trat ans Fenster. Draußen stolzierte das Schwein Frieda, der Hahn krähte, es duftete nach Heu und nach Streuselkuchen. Dorle backte. Humpelnd, aber lächelnd, trat sie ein, umarmte ihre Mutter unbeholfen und entschuldigte sich.

Elisabeth hielt sie einfach nur fest. Und in Dorle erkannte sie wieder das kleine, lustige Kind, nicht mit ihr blutsverwandt, aber warmherzig und fürsorglich. Am Ende blieb nur sie ihr treu ihre schöne und erfolgreiche Kinder waren fort, Dorle aber blieb.

Es wird alles gut, Dörchen. Alles wird gut!, flüsterte Elisabeth.

Na, Mädels, wie wär’s mit einer gepflegten Teestunde? kam Herr Probst herein.

Und lachend, Hand in Hand, gingen sie zu dritt ins Wohnzimmer. In ein neues Leben.

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Homy
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Der Verrat der eigenen Kinder Daria blickte wieder einmal voller Bewunderung auf ihren Bruder und ihre Schwester. Wie schön sie waren! Groß, schwarzhaarig, mit strahlend blauen Augen. Schon wieder wurden sie ausgezeichnet. Sie hatten erneut einen Wettbewerb gewonnen. Daria stand auf, um die Erste zu sein, die gratuliert. Sie humpelte leicht auf dem rechten Bein und eilte auf sie zu. Für Bruder und Schwester hatte sie zwei kleine Häschchen gebastelt – eines im Röckchen, eines in karierten Hosen. Diese wollte sie verschenken. Ungeschickt, sehr kräftig, mit dünnen, angeklammerten Haaren, lag ein offenes Lächeln auf ihren Lippen. Kristina und Mark taten jedoch, als sähen sie Daria nicht. Mit Mühe bahnte sie sich einen Weg zu ihnen. – Bitte lassen Sie mich durch! Das sind mein Bruder und meine Schwester! Lassen Sie mich durch! – rief Daria fröhlich. – Kri, da schreit irgendein dickes Mädchen, sie wäre eure Schwester. Stimmt das etwa? – wandte sich die blonde Lisa an Kristina. Kristina drehte sich kurz um und sah Daria. – Diese dicke Kuh, schon wieder da! Bestimmt hat Mama sie geschickt. Was für eine Blamage! – dachte sie. Und laut sagte sie: – Nein, natürlich nicht. Ich habe nur einen Bruder, Mark. – Hab ich mir gleich gedacht. Die will sich wohl wichtigmachen. Und stopft euch auch noch irgendwelche Spielzeuge in die Hand, – lachte Lisa. – Wahrscheinlich ist das unser lokaler Fan. Nimm ihr die Sachen ab, Lisa. Und komm dann zu uns, wir gehen jetzt zur Siegerehrung! – rief Kristina, schickte Mark einen Kuss zu und zog ihn aus der Menge. Lisa nahm die Häschchen von Daria entgegen und versprach, sie weiterzugeben. – Okay! Ich warte dann zu Hause auf euch! Backe noch Quarktaschen! – rief Daria glücklich und humpelte davon. – Hier, hab’s dir weitergegeben. Sie meinte, sie wartet zu Hause auf euch. Backt Quarktaschen. Sie sieht ja selbst aus wie eine Quarktasche. Kri, die kann doch nicht eure Verwandte sein? Warum hängt die dauernd an euch? – hakte Lisa nach. – Nein! Ich kenn die nicht! Viele wollen sich bei uns einschmeicheln, einfach weil wir so erfolgreich sind. Komm, gehen wir! – warf Kristina die Häschchen in den Müll, schnappte sich Mark und Lisa und eilte zur Ehrung. Doch Lisa hatte gelogen. Daria war tatsächlich Kristinas Halbschwester. Ihre Mutter, Ines Jansen, hatte sie aufgenommen, nachdem eine entfernte Verwandte gestorben war. Die Jansens waren von einem Urlaub zurückgekehrt – und Daria war plötzlich ganz allein. Klein, mit Handicap. Eigentlich war Ines nur eine weit entfernte Cousine – sie hatten nicht mal denselben Nachnamen. Näher verwandte Verwandte hatten abgelehnt, aber sie nahm Daria trotzdem auf. Vorher hatte sie Streitereien mit ihrem Mann und den Kindern durchstehen müssen. Als sie erfuhren, dass sie eine Schwester bekommen, rasteten sie aus. Kristina und Mark waren verwöhnt, die Eltern erfüllten ihnen jeden Wunsch. – Mama, nimm die bloß nicht zu uns! Die ist dick, hinkt, und ist auch noch dumm. Mit der kann man sich doch nicht zeigen! – Kinder, habt Mitleid mit dem Mädchen. Sie ist ganz allein. Für Hunde und Katzen macht man’s doch auch, sie ist ein kleiner Mensch. Bei uns stört sie niemanden, wir haben ein großes Haus! – versuchte Ines Jansen, sie zu beruhigen. Sie willigten nur widerwillig ein. Ines war die Geschäftsführerin eines Edeka-Markts, sie verdiente das Geld. Der Vater war ihr Stellvertreter und nahm’s locker, hatte regelmäßig Affären hinter Ines’ Rücken. Falls Ines es wusste, schwieg sie – ihr Leonhard war ein Bilderbuchmann, die Kinder ganz der Vater. Daria wuchs heran. Klein, pummelig, mit hellblonden Haaren und fast durchsichtigen, blauen Augen – wie bei ihren Geschwistern, aber milchiger. – Ihre Augen sehen aus wie Milch mit Tinte. Dickie! – lachte Kristina. Daria war wie ein Brötchen – weich, herzlich, mit Grübchen in den Wangen, sehr liebevoll. Doch sie spielte immer alleine, denn Bruder und Schwester ließen sie nicht mitmachen. Sie musste auch für ihre Fehler herhalten – die teure Vase zerschlug Mark, aber Mama denkt, es war Daria. Kristina riss Mamas schicke Bluse an einem Nagel auf, schob den Fehler auf Daria. Doch Daria rechtfertigte sich nie, nickte nur und entschuldigte sich. Sie wusste, wer die Wahrheit war, aber wollte nicht, dass Bruder und Schwester Ärger bekamen. Weil sie doch so hübsch waren! Die „Pflegemama“ Ines Jansen schimpfte nie mit Daria – nur der Vater warf ihr ständig vor: – Warum hast du dieses Gespenst ins Haus geholt? Vor den Gästen ist das peinlich! Kann kaum laufen, wiegt wie ein kleines Nilpferd. Unseren schönen Kindern hast du ein Kuckucksei untergeschoben. Niemand wollte sie haben, alle waren klüger, nur du hast sie dir aufgehalst. Wer braucht dieses hässliche Ding mal, wenn es erwachsen ist?, – brüllte Leonhard. Daria hörte es an der Tür, ging zum Spiegel und mochte ihr Spiegelbild nicht. Wünschte, so schön zu sein wie Kristina und Mark. Zur Schule kam sie in eine andere als die Geschwister – weil die mit Schulverweigerung und schlechten Noten drohten, falls sie auf die gleiche sollte. Ines musste nachgeben. Sie merkte, dass die Brücke, die sie zwischen eigenen und Pflegekind gebaut hatte, fast völlig zerstört war… und konnte nichts tun. Die Zeit verging. Mark und Kristina gingen weg zum Studium. Daria bat, zu Hause bleiben zu dürfen. – Was, mein Kind. Du kannst überall hin, ich bezahle alles! Willst du? Designerin, Übersetzerin, was du willst, Daria – du kannst alles machen! – Ines nahm sie in den Arm. Wie ein Kätzchen schmiegte sich Daria an sie – und sofort war Ines beruhigt. Von ihren eigenen Kindern bekam sie selten mal einen Kuss, und dann nur widerwillig. Nicht diese Herzenswärme, die Daria schenkte. Daria empfing sie immer abends, selbst wenn es spät wurde. Entweder im Garten oder im Flur auf dem Hocker. Mann und Kinder waren meist beschäftigt – keiner kam runter, um „Hallo“ zu sagen. Als Ines einmal eine Bemerkung machte, rief Kristina: – Mama, wir haben eben zu tun! Die Dumme da wartet auf dich wie ein Hund, weil sie nichts Besseres zu tun hat. Träumen tut sie auch nicht. Darias klare Augen schauten auf die Mutter. Und sie flüsterte: – Mama, darf ich Tiere pflegen? Hunde, Katzen. Hamster, Schweinchen. Ich will Tierärztin werden. Und das kann man doch auch hier lernen. Kein Wunder, Daria schleppte ständig neue Tiere heim. Kätzchen und Hundewelpen. Pflegte sie gesund und suchte neue Plätze. Nur ein großer, zotteliger Hund blieb bei ihnen. Kristina hätte lieber einen Rassehund gehabt, aber Ines stand zu Daria. So lebten sie weiter. Bald musste Ines wegen ihrer Gesundheit zu Hause bleiben. Ihr Mann wandte sich prompt einer anderen zu – der Inhaberin des Friseursalons. Die Kinder kamen eigentlich nur noch wegen dem Geld vorbei. Sie hatte Rücklagen, zum Glück. Nur Daria blieb an ihrer Seite, hinkte, kochte Leckereien, massierte, machte Kräutertee – und abends saßen sie unter dem Apfelbaum und tranken Tee. Da war Daria der glücklichste Mensch. Kristina und Mark gründeten Familien, Mutter half bei Wohnungen. Dann schlug das Schicksal zu – Mark kam nachts um vier, den Tränen nahe, und gestand große Schulden. Woher nehmen, fragte Ines. – Mama, du hast dann eben keinen Sohn mehr. – grinste Mark. – Wie meinst du das? – Die Lösung: Das Haus verkaufen. Mit allem würde es reichen. – Aber Mark… und wie sollen wir, Daria und ich? Wo wohnen wir dann? – Was aus der fetten Dummen wird, ist mir egal. Die ist erwachsen, verdient selbst was. Schluss, genug durchgefüttert. Du kommst zu mir! Meine Leni freut sich! Ines traute der Schwiegertochter nicht, widersprach aber nicht. Ihr Sohn sollte ja gerettet werden! Bedingung: Daria kommt mit. Mark willigte ein. Doch Daria sagte nachher zur Mutter: – Mama… Fahr alleine. Ich… ziehe zu jemandem um, wir sind zusammen, er lädt mich schon lang zu sich ein. Mach dir keine Sorgen um mich! – Wer ist das? Den würde ich aber gern kennenlernen! – Später, Mama. Später. Auch Mark war froh, Daria nicht abschieben zu müssen. Doch das war gelogen. Sie hatte niemanden, wollte aber ihrer Mutter keine Sorgen machen und Streit vermeiden – sie liebte ihre Mama mehr als alles auf der Welt. Sie mietete sich ein Zimmer – im Haus von Opa Prochor, der Pensionär war und selber Hilfe brauchte, weil es im Haus Tiere gab. Als er erfuhr, dass sie Tierärztin war, war er überglücklich, wollte keine Miete nehmen, aber Daria zahlte trotzdem. Ihr Leben richtete sich ein – Job, Wohnung, Menschen respektierten sie, Tiere liebten sie; nach jeder Behandlung verteilte sie Leckerli. – Na komm, Schari, hier, das hat Daria für dich! Keine Angst, hab dir Tropfen dagelassen, und ruf an, wenn was ist! – sagte Daria stets liebevoll zu Herrchen und Tier. – Ach Kind, so nett wie du empfängt mich nicht mal das Krankenhaus! Ein Goldstück von Mädchen!, – schwärmte Anna, die Besitzerin eines prachtvollen Katers. Daria blühte auf, aber das Herz blieb schwer – wie geht’s Mama? Telefonate wurden seltener, jetzt ging meist Mark ans Handy und blockte schroff ab. – Ich weiß nicht. Seh sie seit Monaten nicht… – sagte sie seufzend zu Opa Prochor beim Tee. – Wieso? Fahr doch mal hin! Ich komm mit, hab noch meinen alten Golf, fährt noch! – schlug Prochor vor. Daria war froh. Sie fuhren zu Marks Adresse. Nach langem Klopfen öffnete eine hochgewachsene Blondine im Bademantel. – Was wollen Sie? Wir brauchen nichts! – wollte sie die Tür zuschlagen. – Sie sind Leni? Marks Frau? – Jap, – motzte sie. – Und Sie sind? – Ich bin Daria. Seine Schwester! – Daria wollte an ihr vorbei, doch Leni blockierte. – Und was willst du hier? Ich muss gleich zum Beauty-Termin. – hob Leni die Brauen. – Ich will nur kurz zu Mama. Wir stören euch nicht! – Ist nicht mehr hier. Mark hat sie ins Heim gebracht. Sie war ja völlig am Ende. Wer soll sich kümmern? Er muss arbeiten, ich auch. Keine Ahnung, welches Heim, ich war dort nie. Ich ruf mal an… Mark? Da steht diese Daria mit so ’nem alten Kerl. Adresse will sie. Okay. Hier, schreibe sie auf den Zettel. Und kommt nie wieder! Daria nahm die Adresse, rannte mit Opa Prochor die Treppe hinunter. – Warum hat mir niemand was gesagt? Ich hätte doch… Aber ich habe keine eigene Wohnung… Aber ich hätte eine Lösung gefunden… – flüsterte sie. – Mädchen, Mama hätte zu uns kommen können! Habe ein Zimmer frei! So geht das nicht! – regte sich Prochor auf. Sie kamen an. War das wirklich die zerbrechliche ältere Dame mit eingefallenen Augen – Darias Mutter? Die früher so resolut, herzlich und kräftig war. Nun lag sie kraftlos im Pflegebett. – Mama! Ich bin’s, Daria! Verzeih, dass ich nicht früher kam. Ich hab dich so lieb! Wir gehen nach Hause, Mama! Ich koche dir Eier, back Quarktaschen! Wir wohnen bei Opa Prochor, der hat Hühner und Ziegen und Schweinchen. Mama! Sie schafften es, Ines legal mitzunehmen – Daria war als Tochter eingetragen, und Prochor drohte sogar, seinen Kumpel General anzurufen, falls sie die Mutter nicht freigeben. Mark hatte nämlich geplant, dass die Mutter für immer im Heim bleibt… Am zehnten Tag stand Ines wieder auf, an einem Fenster, draußen brachten die Tiere Leben aufs Land: Schweinchen Frieda spazierte, der Hahn krähte, es roch nach Gras und Milch – und Rosinenbrötchen, denn Daria hatte gebacken. Als sie die Mutter sah, humpelte sie hinein, umarmte sie und bat sie um Vergebung, dass sie nicht früher kam – und entschuldigte sich, dass sie nun mit ihr leben müsse, nicht bei Mark und Kristina. Ines sagte kein Wort, hielt sie aber fest im Arm. Und sah in Daria wieder das kleine, komische, aber liebevolle Mädchen – nicht verwandt durch das Blut, aber durch das Herz verbunden. Sie war die Einzige, die diese Mutter wirklich liebte und im Alter nicht allein ließ, als die schönen und erfolgreichen Kinder sie längst abgeschrieben hatten. – Alles wird gut, Daria. Jetzt wird alles gut, mein Kind, – flüsterte Ines Jansen. – So, Mädels! Zeit zum Tee! – rief Opa Prochor in die Stube. Und lachend, Hand in Hand, begannen sie ihr neues Leben…
Mein Sohn verpasst meinen 70. Geburtstag wegen Arbeit – am Abend sehe ich in sozialen Medien, wie er im Restaurant den Geburtstag seiner Schwiegermutter feiert.