Und du kochst – ganz ohne Herz: Eine ganz normale Ehekrise zwischen Kartoffeln, Regalbrettern und dem Wunsch nach mehr Liebe im Alltag

Und du kochst, als hättest du keine Leidenschaft

Claudia, was soll das denn? Matthias schob den Teller von sich, als hätte man ihm Gift vorgesetzt. Schon wieder Frikadellen. Schon wieder Kartoffeln. Woran denkst du eigentlich beim Kochen?

Claudia verharrte mit der Gabel in der Hand. Den ganzen Tag auf den Beinen, Bericht um Bericht, dann noch den Einkauf, dann der Herd und dann das. Wertschätzung sieht anders aus.

Was soll ich denn denken? Sie legte die Gabel sorgfältig am Tellerrand ab. Es ist das Abendessen, Matthias. Ganz normales, deutsches Abendessen.
Normal? Er schnaubte. Ich erinnere mich schon gar nicht mehr daran, wann ich mal etwas Richtiges gegessen habe. Etwas mit Herz, verstehst du? Ich möchte nach Hause kommen und sehen, dass meine Frau sich Mühe gibt. Dass sie mich liebt, und das soll man beim Essen spüren.

Claudia lehnte sich langsam im Stuhl zurück. Im Brustkorb stieg eine heiße, stachelige Welle auf.

Ist das dein Ernst gerade? Ihre Stimme war leise, doch Matthias registrierte die Warnung nicht.
Natürlich! Ich will einen Eintopf wie damals bei meiner Mutter. Frisch gebackenes Brot! Ich will, dass die ganze Wohnung nach Essen riecht, nicht nur nach Kartoffeln!
Stopp mal. Claudia hob die Hand. Du bist nicht im Restaurant, mein Guter. Und ich bin keine Chefköchin mit Haube.

Matthias zog die Stirn in Falten und rückte vom Tisch weg.

Ich will einfach vernünftig essen. Ist das zu viel verlangt?
Und ich will, dass beide in der Familie etwas einbringen! Claudia stand schnell auf, der Stuhl quietschte auf den Fliesen. Beide, Matthias! Nicht nur ich!
Ich gehe doch arbeiten! Auch sein Ton wurde lauter. Ich verdiene immerhin das Geld!
Und was tue ich? Claudia stemmte die Hände an die Hüften. Faulenzen? Ich arbeite auch. Vollzeit. Danach Hausarbeit, Kochen, Putzen, Waschen. Alles allein.

Matthias öffnete den Mund, doch Claudia unterbrach ihn sofort.

Das Regal sie zeigte Richtung Flur. Weißt du noch? Das, das du versprochen hast, anzubringen?
Welches Regal denn?
Das, das seit einem Monat am Boden liegt und verstaubt. Einen Monat, Matthias!

Er verzog das Gesicht.

Mir fehlen die richtigen Werkzeuge…
Du hast alles da.
Ich war einfach zu kaputt, hab keine Zeit gehabt…
Aber ich habe ein Meer voller Freizeit? Claudia lachte bitter. Klar, ich liege den ganzen Tag auf dem Sofa und schaue Serien.

Matthias verschränkte die Arme und blickte zur Seite.

Du drehst alles herum.
Ich? Wirklich? Claudia schüttelte den Kopf. Ich koche dir jeden Abend das Abendbrot. Nach der Arbeit, fix und fertig. Und du erzählst mir was vom Herz in den Frikadellen.

Stille. Matthias blickte zur Wand, die Kiefer mahlten.

Weißt du was er schob abrupt den Stuhl zurück ich hab keinen Hunger mehr.
Ach so.
Ja, genau.

Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Claudia sah ihm hinterher, unsicher, ob sie lachen oder weinen sollte über den Irrsinn.

Eine Minute später griff sie zum Handy.

Britta? Bist du zufällig zuhause? Kann ich kurz vorbeikommen?

Britta antwortete irgendwas, und Claudia seufzte zum ersten Mal an diesem Abend richtig.

Klar, alles okay. Ich muss nur einfach mal hier raus.

Sie zog die Jacke an und blickte nicht ins Schlafzimmer, wo der gekränkte Matthias saß. Die Tür fiel leise ins Schloss lautes Zuschlagen hatte sie nicht nötig, die Kraft dazu fehlte einfach.

…Britta schenkte wortlos Tee ein, stellte Claudia eine Schale mit Keksen hin und setzte sich ihr gegenüber, die Wange auf die Hand gestützt. Sie unterbrach nicht, keine Kommentare. Sie hörte einfach zu, während Claudia alles herausließ, was sich über die letzten Monate angesammelt hatte. Die Sache mit den Frikadellen und dem Herz. Das Regal, das im Flur verstaubt. Das Gefühl, jeden Abend nach Hause zu kommen und festzustellen, dass es nichts mehr zu sagen gibt und dass man eigentlich nicht mal möchte.

Claudia, Britta stellte ihre Tasse ab, musst du dir das weiter antun?

Claudia zuckte mit den Schultern. Die ehrliche Antwort blieb stecken, irgendwo tief im Brustkorb.

Sie kam spät nach Hause. Matthias schlief bereits oder tat zumindest so. Claudia legte sich ganz nah an den Rand des Betts, mit dem Rücken zur Wand, und lag lange wach, beobachtete die Schatten auf der Tapete.

Liebe? Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie sich zum letzten Mal gefreut hatte, wenn Matthias von der Arbeit kam. Wann sie ihn vermisste. Es war schon lange her. Sehr lange. Es war Gewohnheit geblieben wie der morgendliche Kaffee, wie die Strecke zur U-Bahn. Etwas Automatisiertes, Teil eines Tagesablaufs.

Die folgenden Tage verstrichen schweigend. Matthias sprach kaum das Nötigste, einsilbig. Ja. Nein. Hm. Claudia versuchte nicht, diesen Frost zu schmelzen. Ihr fehlte die Kraft, auch der Wille.

Am Ende der Woche fiel ihr auf: Matthias warf ihr Blicke zu abwartende, fordernde. Als wolle er signalisieren: Komm schon, entschuldige dich zuerst. Claudia tat, als würde sie es nicht merken. Wofür sich entschuldigen? Dafür, dass sie erschöpft war? Dafür, dass sie sich einen Partner wünschte, keinen Mitesser?

Am Freitagabend kam Matthias mit einer flachen Box und einer Flasche Wein nach Hause.

Pizza, verkündete er und stellte alles auf den Tisch. Deine Lieblingssorte, mit Champignons.

Claudia blickte vom Handy auf.

Sieh mal, er setzte sich ihr gegenüber und füllte die Gläser, ich gebe mir Mühe für dich. Für uns.

In seinem Ton lag eine Mischung aus Stolz und Vorwurf. Claudia nahm wortlos das Glas.

Und du kannst dich nicht mal entschuldigen, Matthias lehnte sich zurück. Du schweigst seit einer Woche. Ich komme dir entgegen, und du…
Moment, Claudia stellte das Glas ab. Entschuldigen? Wofür?
Für alles! Er hob die Hände. Du unterstützt mich nicht. Dauernd meckerst du. Ich komme nach Hause und da bist du, mit diesem Gesicht…
Mit welchem Gesicht?
Mit einem unzufriedenen! Immer ist alles schlecht, immer mach ich was falsch!

Claudia spürte, wie die Wut wieder aufstieg. Die gleiche Welle wie letzte Woche.

Das Regal, sagte sie leise.
Was?
Das Regal. Es liegt immer noch auf dem Boden.

Matthias zuckte zusammen.

Schon wieder dein Regal! Ich rede von Beziehung, und du von Regalen!
Weil das Regal eben Beziehung ist, Matthias. Ich bitte du ignorierst. Einen Monat. Und erzählst dann was von Unterstützung.

Er sprang auf, der Stuhl kippte fast um.

Weißt du was? Schluss. Ich halt das nicht mehr aus.
Matthias…
Ich gehe. Es reicht.

Claudia schaute ihm zu, wie er ins Schlafzimmer lief, eine Reisetasche packte, wahllos Sachen hineinstopfte. In ihr zerbrach etwas aber anders als erwartet. Es tat gar nicht weh.

Nur Leere.

…Eine Woche später lag der Scheidungsantrag im Briefkasten…

…Drei Monate vergingen eigenartig manchmal rasend schnell, manchmal quälend langsam. Claudia gewöhnte sich an ihr neues Leben.

An dem Abend räumte sie ihr Zimmer auf, Musik lief, sie summte mit, als plötzlich ein anderes Geräusch durch den Rhythmus drang. Zunächst leise, dann beharrlich. Jemand scharrte an der Tür.

Claudia drehte die Musik leiser und lauschte. Wieder ein kurzes Klopfen, dann noch eins.

Sie ging zur Tür, sah durch den Spion und erstarrte.

Matthias. Stand im Treppenhaus, trat von einem Fuß auf den anderen. In der Hand eine Tüte.
Claudia öffnete, blieb jedoch in der Tür stehen, versperrte ihm den Eintritt.

Was willst du hier?
Claudia… Er versuchte einen Schritt vor, aber Claudia bewegte sich keinen Zentimeter. Lass mich rein, ich muss mit dir reden.
Sag, was du willst, hier.

Matthias seufzte tief und fuhr sich durch die Haare diese Geste kannte sie in- und auswendig.

Ich hab nachgedacht… Er suchte nach Worten. Also, ich habe beschlossen, dir zu vergeben. Und zurückzukommen.

Claudia schwieg einen Moment. Dann lachte sie laut, herzhaft, den Kopf nach hinten gelegt. Matthias zuckte zusammen.

Vergibst du mir? Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Du willst mir vergeben?
Klar. Ich verstehe, du bist damals über das Ziel hinausgeschossen, hast Unsinn gesagt…
Matthias, unterbrach sie ihn immer noch lachend, ich brauche deine Vergebung nicht. Nimm sie ruhig wieder mit. Sie wird dir sicher nochmal nützlich sein.

Sein Gesicht wurde lang. Er hatte ganz offensichtlich etwas anderes erwartet Tränen, Umarmung, Dankbarkeit. Sein Blick schweifte durch den Flur hinter ihr, tastete nach Anhaltspunkten. Plötzlich blieb er hängen.

Was ist das da? Er nickte nach unten. Wessen Schuhe sind das?

Claudia drehte sich nicht um. Sie wusste genau, dass dort Alex’ Sneaker standen, Größe 43, direkt bei der Garderobe.

Geht dich nichts an.
Wie jetzt, nichts an? Matthias trat einen Schritt näher, seine Stimme klang schärfer. Wir sind doch noch verheiratet!
Bis morgen, Claudia verschränkte die Arme. Morgen ist der letzte Gerichtstermin. Einmal Unterschrift, Stempel drauf dann sind wir frei.
Du hast also schon wen Neues hier? In unserer Wohnung?
In meiner Wohnung.
Das ist doch egal! Er wurde fast laut. Es ist noch offiziell…
Claudia, ertönte es aus dem Hintergrund, Essen ist fertig. Soll ich mal vorbei kommen wegen deinem Besuch?

Alex erschien aus der Küche ruhig, im T-Shirt, mit einem Geschirrtuch über der Schulter. Er sah Matthias an, ohne Feindseligkeit, aber auch ohne besonderes Interesse. Eben wie auf ein Möbelstück.

Claudia schüttelte den Kopf.

Danke, geht schon. Ich mach das selbst.

Alex nickte und verschwand wieder Richtung Küche. Matthias folgte ihm mit dem Blick, dann wandte er sich Claudia zu. Rote Flecken stiegen ihm ins Gesicht.

Das ging aber schnell. Kaum drei Monate, schon ein neuer. Was hat der, was ich nicht habe?

Claudia schwieg einen Moment und betrachtete den Menschen, mit dem sie fünf Jahre gelebt hatte. Und doch: Er war ihr fremd geworden. Völlig fremd.

Er liebt mich, sagte sie schlicht. Und er zeigt es. Jeden Tag. Mit Taten nicht nur mit Worten über Herz im Frikadellen.

Matthias wollte noch etwas sagen, doch Claudia schloss bereits die Tür. Der Schlüssel drehte sich im Schloss.
Aus der Küche duftete es wunderbar…

Manchmal lernt man erst nach einer Trennung, dass wahre Liebe kein Gericht ist, das aufgetischt wird, sondern sich in den kleinen Gesten des Alltags zeigt. Wer sich gesehen und wertgeschätzt fühlt, lebt wirklich; alles andere ist bloß Routine.

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Homy
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Eine ganz normale Frau übernimmt das Imperium eines Fremden