Ist dieser Bus schon abgefahren? – fragte der eilende Mann an der Haltestelle — „Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, ob der Bus schon weg ist?“ – ein außer Atem geratener Mann lief zur Bushaltestelle. Kein Jüngling, sondern ein richtiger Kerl, bestimmt schon über fünfzig, mit Jacke und Jogginghose, auf der Schulter eine abgenutzte Sporttasche. Ein gewöhnliches Gesicht mit Schnurrbart – so einen mochte Larissa Andreeva noch nie –, drehte sich weg und schwieg. „Frau, ist es denn so schwer zu sagen? Ob der letzte Bus schon weg ist oder nicht? Sie warten doch auch darauf?“ – Der Mann hatte wieder Luft geschnappt und warf dazu seine schwere Tasche auf die Bank neben Larissa Andreeva. „Ich warte gar nicht“, entgegnete sie gereizt, dachte aber, es ist schon spät und wer weiß schon, wer er ist – antwortete dann freundlicher: „Vor etwa fünf Minuten ist irgendein Bus gefahren, habe nicht darauf geachtet.“ „Na wunderbar!“ – Der Mann plumpste auf die Bank, sodass Larissa Angst bekam, sie würde unter seinem Gewicht gleich auseinanderbrechen, und sprang auf. „Haben Sie ihn etwa auch verpasst?“ – ließ der Mann nicht locker! Schon fast unangenehm! Larissa zog ihren Mantel zurecht und beschloss, nach Hause zu gehen – es wurde spät. Vor einer Stunde hatte sie plötzlich das Bedürfnis verspürt, aus dem Haus zu gehen. Sie bekam kaum Luft, war einsam – das war ihr in ihrem Leben noch nie passiert. Ihr ganzes Leben hatte Larissa Andreeva allein gewohnt – und war dabei sehr glücklich gewesen. Ihre Freundinnen heirateten, bekamen Kinder, sie aber wollte das alles nie. Ihre Mutter hatte auf dem Dorf ein Kind nach dem anderen geboren; drei davon kamen ins Kinderheim, Larissa – die Älteste – war damals in die Stadt geflohen. Dort absolvierte sie die Berufsschule, wurde Buchhalterin und arbeitete ihr ganzes Leben im Café „Goldenes Zeitalter“ im Stadtzentrum. Fröhliche Musik, leckeres Essen! Anfangs war sie nur Buchhalterin, dann sogar Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Hochzeiten, Jubiläen – langweilig war ihr nie. Gute Bezahlung, gutes Essen, sie kaufte sich eine Wohnung, fuhr in den Urlaub – auf ein anderes Leben hatte Larissa Andreeva nie gehofft. Vor einem Jahr verkündete der neue Cafébesitzer, dass Larissa Andreeva keine Ahnung von modernen Arbeitsmethoden habe und ihm vieles an ihr nicht gefalle. Er schickte sie in Rente – dabei hatte Larissa selbst nie geplant, das zu tun. Anfangs suchte sie noch eine neue Stelle. Dann merkte sie, das Angebotene gefiel ihr nicht, das, was ihr gefiel, war nur für Junge. Sie ließ es bleiben – sie hatte ihre Ersparnisse, klein, aber ausreichend. So war sie endgültig in Rente – in die größte Freiheit ihres Lebens. Anfangs war das super, keine Pläne, kein Wecker, sie machte Stadttouren und nahm sogar an Nordic-Walking-Kursen im Park teil. Plötzlich wurde ihr alles zu viel, und in dieser Nacht war sie einfach hinausgegangen, hatte sich auf eine Bank an der Bushaltestelle gesetzt. Autos fuhren vorbei, Lampen leuchteten, Menschen gingen und redeten – sie aber saß dort und fühlte sich, als gäbe es sie gar nicht, nur diese laute Stadt. Die lebt ihr Leben, aber ihres? Ist völlig bedeutungslos! Sie ist für niemanden wichtig, für absolut niemanden – auf der ganzen weiten Welt! Und dann – plötzlich dieser Mann! — „Haben Sie denn auch kein Zuhause, gnädige Frau? Ich hab’ schon mal hier auf der Bank übernachtet, morgens den ersten Bus genommen. Wohne draußen vor der Stadt, hatte Spätschicht – war zu spät, naja, da waren die Nächte wärmer, heute ist’s kühl! Aber halb so wild, ich hab Wurstbrote dabei, keine Angst, gnädige Frau. Schauen Sie, das Brot ist frisch, die Wurst fein, ich hole den Thermoskanne – dann trinken wir noch heißen, süßen Tee, dann wird uns wieder warm.“ Ganz unvermittelt wurde der Mann freundlicher und legte Larissa Andreeva ein Sandwich in die Hand. Sie wollte zuerst ablehnen, spürte aber plötzlich großen Hunger. Sie hatte kein Abendessen gehabt und auch zum Mittag nur wenig gegessen. Ein Bissen – und wie das schmeckt! Sie hatte schon ewig keine Wurst mehr gekauft – wegen der Diät. Aber jetzt: frisches Brot, Wurst, mmm! Der Mann lachte herzlich: „Na, schmeckt’s? Hier, vorsicht, der Tee ist heiß. Wie heißen Sie überhaupt?“ „Larissa Andreeva“, antwortete sie mit vollem Mund. Der Mann nickte erfreut: „Larissa heiße Sie! Ich bin der Onkel Dmitrius – naja, Dmitrij Iwanowitsch. Früher in der Fabrik gearbeitet, rausgeflogen, jetzt als Sicherheitsmann, Schichtdienst. Eigentlich ganz okay. Meine Mutter ist leider krank, schon alt – für ihre Medikamente arbeite ich noch, vielleicht hält sie noch durch. Familie hatte ich mal; ist auseinandergegangen. Der Sohn ist erwachsen, Frau zu einem anderen – tja, so ist das Leben!“ Seufzte, lächelte, aber plötzlich wurden seine Augen traurig. „Larissa, weit bis nach Hause? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen? Mir bringt das nachts nix, rauszubringen, dann komm ich nicht mehr rein und doppelte Gebühr ist zu teuer. Für Sie müsste es reichen“, sagte Onkel Dmitrij und sah sie an. Larissa dachte plötzlich an ihren Schulfreund Kolja zurück – in der Schule hatte sie oft Hunger, und der brachte ihr Brote mit, sah sie genauso freundlich und ein bisschen spöttisch an wie der Mann jetzt. Da fühlte sie sich plötzlich wieder jung, als hätte es das andere Leben mit „Goldenes Zeitalter“ gar nicht gegeben, als wäre sie nicht einfach in den Ruhestand abgeschoben worden. Larissa aß das Sandwich, trank den süßen, heißen Tee und sagte plötzlich, ohne es selbst zu erwarten: – „Kommen Sie mit zu mir, Onkel Dmitrij, müssen ja nicht auf der Bank schlafen! Mein Haus ist direkt hier, Sie brauchen nicht weg. Aber: Benehmen Sie sich – ich habe eine schwere Hand, denken Sie nicht, dass ich keine junge Frau mehr bin!“ Der Mann sah sie erstaunt an, dann das Haus hinter ihr, dann wieder Larissa Andreeva. „Warum sitzen Sie dann hier draußen? Auf wen haben Sie gewartet?“ „Ich habe auf niemanden gewartet, gibt keinen mehr zu warten, gehen Sie jetzt mit?“ Larissa drehte sich um und ging nach Hause. Dmitrij Iwanowitsch nahm seine Tasche: „Na klar – komisch fühlt sich’s an! Aber… also ich, also keine Sorge, ich schlaf auf dem Boden im Eck und bin morgens wieder weg. Danke, ist echt kalt…“ Dmitrij Iwanowitsch folgte Larissa, staunend und kopfschüttelnd. Am Morgen wachte Larissa vom Klopfen auf. Kam aus dem Zimmer – Dmitrij war schon wach, hatte auf dem Küchensofa geschlafen und bastelte jetzt am Spülkasten: – „Dein Spülkasten tropft, Larissa, ich hab’s repariert, hab ich mir das Frühstück verdient?“ sagte er grinsend, sie staunte. Fremder Mann, im T-Shirt, graue, feuchte Haare – wohl gerade gebadet. Aber in ihr Freude und Wärme, warum auch immer. – „Na dann, Frühstück, Onkel Dmitrij! Hast es verdient. Magst du Omelett mit Tomaten?“, lächelte Larissa. – „Übrigens, meine Waschmaschine spinnt auch, und…“ So blieb Dmitrij Iwanowitsch bis zu seiner nächsten Schicht bei Larissa Andreeva. Rief seine Mutter an – auch sie war zufrieden und er blieb da. Jetzt leben sie zusammen. Dmitrij arbeitet alle drei Tage, Larissa wartet daheim und kocht für ihn Gerichte wie im Restaurant. Mitya küsst ihre Hände: „Larissotschka, ich hab gewusst – du hast auf mich gewartet. Ich hab mich nicht umsonst verspätet – unser Schicksal! Entschuldige, du warst so allein, ich durfte dich nicht einfach so lassen. Hätte nie gedacht, dass ich so lieben kann – was für ein Glück!“ Sie fahren oft zu seiner Mutter, sie ist über 80, aber immer noch fit und energisch. Larissa fühlt sich bei ihr wie ein Mädchen. Und seine Mutter Marija Polikarpowna ist überglücklich: Endlich ist auch für ihren Mitya das Glück gekommen, endlich hat er jemanden zum Leben! – Haben Sie auf den letzten Bus gewartet – oder auf jemanden, der mit Ihnen ein neues Zuhause findet?

Na, du glaubst nicht, was mir gestern an der Bushaltestelle passiert ist. Ich sitz da abends, eigentlich ohne richtiges Ziel, eher so, weils mich plötzlich rausgezogen hat kennst das ja, wenn einem einfach mal die Decke auf den Kopf fällt.
Kommt so ein Typ angelaufen, schon älter, bestimmt über fünfzig, trägt eine abgewetzte Jacke und Jogginghose, Tasche über der Schulter, Schnurrbart weißt schon, so ein richtiger Heinz. Keucht ganz außer Atem und fragt mich: Entschuldigung, war hier schon der letzte Bus weg? Ich schau weg, ehrlich gesagt, ich mag so Bärte einfach nicht, hab aber auch keinen Nerv zum Quatschen.
Er lässt aber nicht locker: Na sagen Sie doch mal ist der Bus schon ab, oder kommt noch einer? Sie stehen ja schließlich auch hier rum! Dann schmeißt er seinen Rucksack neben mich auf den Sitz und schnauft.
Ich werd schon ein bisschen grantig und sag: Ich warte auf gar nix, aber dann denk ich mir, ach komm, zu einem ordentlichen Ton gehört immerhin ein bisschen Freundlichkeit. Also sag ich: Irgendein Bus ist vor etwa fünf Minuten abgefahren, aber welcher keine Ahnung.
Er seufzt nur und lässt sich auf die Bank plumpsen, dass ich fast meinen, der fällt gleich auseinander. Haben Sie auch den Bus verpasst?, fragt er weiter echt hartnäckig, der Kerl.
Mir reicht’s dann und ich zupf meinen Mantel zurecht, beschließe nach Hause zu gehen, war eh schon spät.
Eine Stunde vorher hat mich irgendwie die Unruhe gepackt, ich musste einfach raus. Ich fühlte mich ganz seltsam leer allein, so wie nie zuvor. Mein ganzes Leben hab ich eigentlich als Single bestens verbracht. Die Freundinnen hatten Kinder, Familie und Stress, aber ich hab mich immer wohl gefühlt. Meine Mutter auf dem Land hat damals ein Kind nach dem anderen bekommen, mich die Älteste zogs dann schnell nach München. Da hab ich die Handelsschule gemacht und bin Buchhalterin geworden, jahrelang im Goldenen Zeitalter, unserer Café-Perle mitten in der Stadt. Immer gute Laune, leckeres Essen, und ich erst normale Buchhalterin, dann Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Feste, Jubiläen, immer was los. Gutes Gehalt, eigenes Apartment, einmal im Jahr Urlaub, und das war genau mein Leben und genug für mich.
Aber dann gabs einen neuen Chef. Plötzlich hieß es, ich sei zu altmodisch für den Job, die jungen Leute müssten ran. Zack war ich in Rente, war gar nicht mein Plan! Anfangs hab ich mir noch einen neuen Platz gesucht, aber das war alles nichts, entweder zu blöd oder nur für Jüngere.
Naja, jetzt leb ich halt von meiner Rente, bisschen was auf der hohen Kante, und hab mich dran gewöhnt, dass mein neuer Alltag auch Freiheiten bringt. Keine Pläne, kein Wecker, dafür Stadtführungen, Nordic Walking im Park, alles ausprobiert. Aber letztens wurd mir das sogar zu viel. Und so saß ich dann Abends an der Haltestelle und fühlte mich, als gäbe es mich nicht mehr. Die Stadt rauscht an mir vorbei, alle haben irgendwas zu tun. Und ich? Wer braucht mich eigentlich noch?
Und da kam er dann, dieser Heinz.
Haben Sie auch keinen Platz zum Schlafen, heute? fragt er plötzlich. Also ich hab hier letztens mal auf der Bank gepennt, bin am nächsten Morgen einfach raus aufs Land. Arbeite in Schichten, gerne mal zu spät, aber heute is schon frisch! Aber schauen Sie ich hab Butterbrote. Wurst drauf, Brot frisch, keine Sorge, nehmen Sie ruhig, ich hol uns auch Tee aus der Thermoskanne, mit Zucker, dann wird uns schon warm.
Ehe ich mich versehe, drückt er mir so ein Butterbrot in die Hand. Ich wollte ablehnen, aber hab dann gemerkt, wie hungrig ich eigentlich bin hatte seit Mittag fast nichts gegessen. Beiß also rein und wie fein das schmeckte! Die Wurst, das Brot, herrlich.
Heinz grinst: Schmeckt, was? Hab auch Tee dabei, ist noch richtig heiß. Und wie ist Ihr Name eigentlich?
Gudrun Feldmann, murmele ich mit vollem Mund. Er nickt zufrieden: Gudrun! Ich bin der Heinrich Wagner. Hab früher in der Fabrik gearbeitet, jetzt mache ich Sicherheitsdienst. Meine Mutter wohnt noch draußen aufm Land, ist schon alt, braucht Medikamente, und dafür schieb ich halt Nachtschichten. Familie naja, auseinandergegangen. Mein Sohn erwachsen, Frau längst weg. Es läuft halt.
Dann fragt er mich: Und Gudrun, kommst du noch weit heim? Ich zahl dirn Taxi, wenn du magst. Nur für mich lohnts nachts nicht mehr, die fahren nicht so weit raus, kostet eh doppelt. Für dich aber kein Problem könnt ich übernehmen. Und irgendwas an seinem Blick erinnert mich auf einmal an meinen Schulfreund Rolf, der mir immer Pausenbrote aus seiner Tasche zugesteckt hat, weil ich so oft hungrig war. Heinz liest mir das Gleiche von den Augen ab, freundlich, bisschen verschmitzt, und plötzlich fühl ich mich wieder wie ein junges Mädel.
Also verschluck ich mich fast an meinem Butterbrot, schlürfe die heiße, süße Tasse Tee und sag aus dem Nichts heraus: Heinrich, weißt du was, komm doch mit zu mir! Auf Parkbänken muss hier wirklich keiner schlafen. Mein Zuhause ist gleich hier um die Ecke pack deinen Kram, und benehm dich bitte anständig, sonst lernst du meine harte Hand kennen alt bin ich noch lange nicht!
Er schaut verdutzt, dann auf mein Haus, dann nochmal auf mich. Aber wieso hast du dann hier draußen gesessen, wenn du nach Hause kannst?
Hab auf nix gewartet und jetzt lass uns gehen, oder bleibst du hier sitzen? Ich steh auf und marschiere los. Heinrich rappelt sich hoch, schultert seinen Beutel.
Na klar komm ich. Aber keine Sorge, ich schlaf am Boden, bin morgen früh auch gleich wieder weg. Aber echt danke is ganz schön kalt heute Nacht. Er trottet hinterher, immer noch bisschen ungläubig.
Morgens werd ich dann davon geweckt, dass jemand im Bad rumklappert. Und siehe da: Heinz steht schon in der Küche, hat auf dem Sofa geschlafen und bastelt gerade an meinem Spülkasten.
Gudrun, das Ding tropft ich habs fix gemacht. Gibts Frühstück? Er grinst, sieht ganz anders aus im T-Shirt, Haare wirr, aber eigentlich ganz sympathisch.
Ich lad ihn zum Frühstück ein. Omelett mit Tomaten klingt das gut? Und da ist mir eingefallen, die Waschmaschine muckt auch, vielleicht kann er da eben… Und ehe ichs kapiere, lebt Heinrich Wagner bis zu seiner nächsten Schicht einfach bei mir. Ruft mal eben draußen im Dorf bei seiner Mutter an, alles okay, und bleibt dann.
Jetzt wohnen wir zusammen. Heinrich arbeitet jeden dritten Tag, ich koch ihm was Schönes, wie früher für die Stammgäste im Café. Er lacht und meint immer: Gudrunchen, ich wusste doch, das war Schicksal! Du hast doch auf mich gewartet. Jetzt weiß ich, wie sich Liebe anfühlen kann, nach all den Jahren. Verrückt, wie das Leben spielt!
Wir besuchen oft seine Mutter die ist schon fast achtzig, aber fit und herzlich. Und auch sie meint, endlich hat ihr Heinrich sein Glück gefunden. Jetzt sind wir also zu zweit, und irgendwie fühlt sich alles richtig an.
Tja, so kann das Leben manchmal drehen, oder?

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Homy
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Ist dieser Bus schon abgefahren? – fragte der eilende Mann an der Haltestelle — „Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, ob der Bus schon weg ist?“ – ein außer Atem geratener Mann lief zur Bushaltestelle. Kein Jüngling, sondern ein richtiger Kerl, bestimmt schon über fünfzig, mit Jacke und Jogginghose, auf der Schulter eine abgenutzte Sporttasche. Ein gewöhnliches Gesicht mit Schnurrbart – so einen mochte Larissa Andreeva noch nie –, drehte sich weg und schwieg. „Frau, ist es denn so schwer zu sagen? Ob der letzte Bus schon weg ist oder nicht? Sie warten doch auch darauf?“ – Der Mann hatte wieder Luft geschnappt und warf dazu seine schwere Tasche auf die Bank neben Larissa Andreeva. „Ich warte gar nicht“, entgegnete sie gereizt, dachte aber, es ist schon spät und wer weiß schon, wer er ist – antwortete dann freundlicher: „Vor etwa fünf Minuten ist irgendein Bus gefahren, habe nicht darauf geachtet.“ „Na wunderbar!“ – Der Mann plumpste auf die Bank, sodass Larissa Angst bekam, sie würde unter seinem Gewicht gleich auseinanderbrechen, und sprang auf. „Haben Sie ihn etwa auch verpasst?“ – ließ der Mann nicht locker! Schon fast unangenehm! Larissa zog ihren Mantel zurecht und beschloss, nach Hause zu gehen – es wurde spät. Vor einer Stunde hatte sie plötzlich das Bedürfnis verspürt, aus dem Haus zu gehen. Sie bekam kaum Luft, war einsam – das war ihr in ihrem Leben noch nie passiert. Ihr ganzes Leben hatte Larissa Andreeva allein gewohnt – und war dabei sehr glücklich gewesen. Ihre Freundinnen heirateten, bekamen Kinder, sie aber wollte das alles nie. Ihre Mutter hatte auf dem Dorf ein Kind nach dem anderen geboren; drei davon kamen ins Kinderheim, Larissa – die Älteste – war damals in die Stadt geflohen. Dort absolvierte sie die Berufsschule, wurde Buchhalterin und arbeitete ihr ganzes Leben im Café „Goldenes Zeitalter“ im Stadtzentrum. Fröhliche Musik, leckeres Essen! Anfangs war sie nur Buchhalterin, dann sogar Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Hochzeiten, Jubiläen – langweilig war ihr nie. Gute Bezahlung, gutes Essen, sie kaufte sich eine Wohnung, fuhr in den Urlaub – auf ein anderes Leben hatte Larissa Andreeva nie gehofft. Vor einem Jahr verkündete der neue Cafébesitzer, dass Larissa Andreeva keine Ahnung von modernen Arbeitsmethoden habe und ihm vieles an ihr nicht gefalle. Er schickte sie in Rente – dabei hatte Larissa selbst nie geplant, das zu tun. Anfangs suchte sie noch eine neue Stelle. Dann merkte sie, das Angebotene gefiel ihr nicht, das, was ihr gefiel, war nur für Junge. Sie ließ es bleiben – sie hatte ihre Ersparnisse, klein, aber ausreichend. So war sie endgültig in Rente – in die größte Freiheit ihres Lebens. Anfangs war das super, keine Pläne, kein Wecker, sie machte Stadttouren und nahm sogar an Nordic-Walking-Kursen im Park teil. Plötzlich wurde ihr alles zu viel, und in dieser Nacht war sie einfach hinausgegangen, hatte sich auf eine Bank an der Bushaltestelle gesetzt. Autos fuhren vorbei, Lampen leuchteten, Menschen gingen und redeten – sie aber saß dort und fühlte sich, als gäbe es sie gar nicht, nur diese laute Stadt. Die lebt ihr Leben, aber ihres? Ist völlig bedeutungslos! Sie ist für niemanden wichtig, für absolut niemanden – auf der ganzen weiten Welt! Und dann – plötzlich dieser Mann! — „Haben Sie denn auch kein Zuhause, gnädige Frau? Ich hab’ schon mal hier auf der Bank übernachtet, morgens den ersten Bus genommen. Wohne draußen vor der Stadt, hatte Spätschicht – war zu spät, naja, da waren die Nächte wärmer, heute ist’s kühl! Aber halb so wild, ich hab Wurstbrote dabei, keine Angst, gnädige Frau. Schauen Sie, das Brot ist frisch, die Wurst fein, ich hole den Thermoskanne – dann trinken wir noch heißen, süßen Tee, dann wird uns wieder warm.“ Ganz unvermittelt wurde der Mann freundlicher und legte Larissa Andreeva ein Sandwich in die Hand. Sie wollte zuerst ablehnen, spürte aber plötzlich großen Hunger. Sie hatte kein Abendessen gehabt und auch zum Mittag nur wenig gegessen. Ein Bissen – und wie das schmeckt! Sie hatte schon ewig keine Wurst mehr gekauft – wegen der Diät. Aber jetzt: frisches Brot, Wurst, mmm! Der Mann lachte herzlich: „Na, schmeckt’s? Hier, vorsicht, der Tee ist heiß. Wie heißen Sie überhaupt?“ „Larissa Andreeva“, antwortete sie mit vollem Mund. Der Mann nickte erfreut: „Larissa heiße Sie! Ich bin der Onkel Dmitrius – naja, Dmitrij Iwanowitsch. Früher in der Fabrik gearbeitet, rausgeflogen, jetzt als Sicherheitsmann, Schichtdienst. Eigentlich ganz okay. Meine Mutter ist leider krank, schon alt – für ihre Medikamente arbeite ich noch, vielleicht hält sie noch durch. Familie hatte ich mal; ist auseinandergegangen. Der Sohn ist erwachsen, Frau zu einem anderen – tja, so ist das Leben!“ Seufzte, lächelte, aber plötzlich wurden seine Augen traurig. „Larissa, weit bis nach Hause? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen? Mir bringt das nachts nix, rauszubringen, dann komm ich nicht mehr rein und doppelte Gebühr ist zu teuer. Für Sie müsste es reichen“, sagte Onkel Dmitrij und sah sie an. Larissa dachte plötzlich an ihren Schulfreund Kolja zurück – in der Schule hatte sie oft Hunger, und der brachte ihr Brote mit, sah sie genauso freundlich und ein bisschen spöttisch an wie der Mann jetzt. Da fühlte sie sich plötzlich wieder jung, als hätte es das andere Leben mit „Goldenes Zeitalter“ gar nicht gegeben, als wäre sie nicht einfach in den Ruhestand abgeschoben worden. Larissa aß das Sandwich, trank den süßen, heißen Tee und sagte plötzlich, ohne es selbst zu erwarten: – „Kommen Sie mit zu mir, Onkel Dmitrij, müssen ja nicht auf der Bank schlafen! Mein Haus ist direkt hier, Sie brauchen nicht weg. Aber: Benehmen Sie sich – ich habe eine schwere Hand, denken Sie nicht, dass ich keine junge Frau mehr bin!“ Der Mann sah sie erstaunt an, dann das Haus hinter ihr, dann wieder Larissa Andreeva. „Warum sitzen Sie dann hier draußen? Auf wen haben Sie gewartet?“ „Ich habe auf niemanden gewartet, gibt keinen mehr zu warten, gehen Sie jetzt mit?“ Larissa drehte sich um und ging nach Hause. Dmitrij Iwanowitsch nahm seine Tasche: „Na klar – komisch fühlt sich’s an! Aber… also ich, also keine Sorge, ich schlaf auf dem Boden im Eck und bin morgens wieder weg. Danke, ist echt kalt…“ Dmitrij Iwanowitsch folgte Larissa, staunend und kopfschüttelnd. Am Morgen wachte Larissa vom Klopfen auf. Kam aus dem Zimmer – Dmitrij war schon wach, hatte auf dem Küchensofa geschlafen und bastelte jetzt am Spülkasten: – „Dein Spülkasten tropft, Larissa, ich hab’s repariert, hab ich mir das Frühstück verdient?“ sagte er grinsend, sie staunte. Fremder Mann, im T-Shirt, graue, feuchte Haare – wohl gerade gebadet. Aber in ihr Freude und Wärme, warum auch immer. – „Na dann, Frühstück, Onkel Dmitrij! Hast es verdient. Magst du Omelett mit Tomaten?“, lächelte Larissa. – „Übrigens, meine Waschmaschine spinnt auch, und…“ So blieb Dmitrij Iwanowitsch bis zu seiner nächsten Schicht bei Larissa Andreeva. Rief seine Mutter an – auch sie war zufrieden und er blieb da. Jetzt leben sie zusammen. Dmitrij arbeitet alle drei Tage, Larissa wartet daheim und kocht für ihn Gerichte wie im Restaurant. Mitya küsst ihre Hände: „Larissotschka, ich hab gewusst – du hast auf mich gewartet. Ich hab mich nicht umsonst verspätet – unser Schicksal! Entschuldige, du warst so allein, ich durfte dich nicht einfach so lassen. Hätte nie gedacht, dass ich so lieben kann – was für ein Glück!“ Sie fahren oft zu seiner Mutter, sie ist über 80, aber immer noch fit und energisch. Larissa fühlt sich bei ihr wie ein Mädchen. Und seine Mutter Marija Polikarpowna ist überglücklich: Endlich ist auch für ihren Mitya das Glück gekommen, endlich hat er jemanden zum Leben! – Haben Sie auf den letzten Bus gewartet – oder auf jemanden, der mit Ihnen ein neues Zuhause findet?
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