Na, du glaubst nicht, was mir gestern an der Bushaltestelle passiert ist. Ich sitz da abends, eigentlich ohne richtiges Ziel, eher so, weils mich plötzlich rausgezogen hat kennst das ja, wenn einem einfach mal die Decke auf den Kopf fällt.
Kommt so ein Typ angelaufen, schon älter, bestimmt über fünfzig, trägt eine abgewetzte Jacke und Jogginghose, Tasche über der Schulter, Schnurrbart weißt schon, so ein richtiger Heinz. Keucht ganz außer Atem und fragt mich: Entschuldigung, war hier schon der letzte Bus weg? Ich schau weg, ehrlich gesagt, ich mag so Bärte einfach nicht, hab aber auch keinen Nerv zum Quatschen.
Er lässt aber nicht locker: Na sagen Sie doch mal ist der Bus schon ab, oder kommt noch einer? Sie stehen ja schließlich auch hier rum! Dann schmeißt er seinen Rucksack neben mich auf den Sitz und schnauft.
Ich werd schon ein bisschen grantig und sag: Ich warte auf gar nix, aber dann denk ich mir, ach komm, zu einem ordentlichen Ton gehört immerhin ein bisschen Freundlichkeit. Also sag ich: Irgendein Bus ist vor etwa fünf Minuten abgefahren, aber welcher keine Ahnung.
Er seufzt nur und lässt sich auf die Bank plumpsen, dass ich fast meinen, der fällt gleich auseinander. Haben Sie auch den Bus verpasst?, fragt er weiter echt hartnäckig, der Kerl.
Mir reicht’s dann und ich zupf meinen Mantel zurecht, beschließe nach Hause zu gehen, war eh schon spät.
Eine Stunde vorher hat mich irgendwie die Unruhe gepackt, ich musste einfach raus. Ich fühlte mich ganz seltsam leer allein, so wie nie zuvor. Mein ganzes Leben hab ich eigentlich als Single bestens verbracht. Die Freundinnen hatten Kinder, Familie und Stress, aber ich hab mich immer wohl gefühlt. Meine Mutter auf dem Land hat damals ein Kind nach dem anderen bekommen, mich die Älteste zogs dann schnell nach München. Da hab ich die Handelsschule gemacht und bin Buchhalterin geworden, jahrelang im Goldenen Zeitalter, unserer Café-Perle mitten in der Stadt. Immer gute Laune, leckeres Essen, und ich erst normale Buchhalterin, dann Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Feste, Jubiläen, immer was los. Gutes Gehalt, eigenes Apartment, einmal im Jahr Urlaub, und das war genau mein Leben und genug für mich.
Aber dann gabs einen neuen Chef. Plötzlich hieß es, ich sei zu altmodisch für den Job, die jungen Leute müssten ran. Zack war ich in Rente, war gar nicht mein Plan! Anfangs hab ich mir noch einen neuen Platz gesucht, aber das war alles nichts, entweder zu blöd oder nur für Jüngere.
Naja, jetzt leb ich halt von meiner Rente, bisschen was auf der hohen Kante, und hab mich dran gewöhnt, dass mein neuer Alltag auch Freiheiten bringt. Keine Pläne, kein Wecker, dafür Stadtführungen, Nordic Walking im Park, alles ausprobiert. Aber letztens wurd mir das sogar zu viel. Und so saß ich dann Abends an der Haltestelle und fühlte mich, als gäbe es mich nicht mehr. Die Stadt rauscht an mir vorbei, alle haben irgendwas zu tun. Und ich? Wer braucht mich eigentlich noch?
Und da kam er dann, dieser Heinz.
Haben Sie auch keinen Platz zum Schlafen, heute? fragt er plötzlich. Also ich hab hier letztens mal auf der Bank gepennt, bin am nächsten Morgen einfach raus aufs Land. Arbeite in Schichten, gerne mal zu spät, aber heute is schon frisch! Aber schauen Sie ich hab Butterbrote. Wurst drauf, Brot frisch, keine Sorge, nehmen Sie ruhig, ich hol uns auch Tee aus der Thermoskanne, mit Zucker, dann wird uns schon warm.
Ehe ich mich versehe, drückt er mir so ein Butterbrot in die Hand. Ich wollte ablehnen, aber hab dann gemerkt, wie hungrig ich eigentlich bin hatte seit Mittag fast nichts gegessen. Beiß also rein und wie fein das schmeckte! Die Wurst, das Brot, herrlich.
Heinz grinst: Schmeckt, was? Hab auch Tee dabei, ist noch richtig heiß. Und wie ist Ihr Name eigentlich?
Gudrun Feldmann, murmele ich mit vollem Mund. Er nickt zufrieden: Gudrun! Ich bin der Heinrich Wagner. Hab früher in der Fabrik gearbeitet, jetzt mache ich Sicherheitsdienst. Meine Mutter wohnt noch draußen aufm Land, ist schon alt, braucht Medikamente, und dafür schieb ich halt Nachtschichten. Familie naja, auseinandergegangen. Mein Sohn erwachsen, Frau längst weg. Es läuft halt.
Dann fragt er mich: Und Gudrun, kommst du noch weit heim? Ich zahl dirn Taxi, wenn du magst. Nur für mich lohnts nachts nicht mehr, die fahren nicht so weit raus, kostet eh doppelt. Für dich aber kein Problem könnt ich übernehmen. Und irgendwas an seinem Blick erinnert mich auf einmal an meinen Schulfreund Rolf, der mir immer Pausenbrote aus seiner Tasche zugesteckt hat, weil ich so oft hungrig war. Heinz liest mir das Gleiche von den Augen ab, freundlich, bisschen verschmitzt, und plötzlich fühl ich mich wieder wie ein junges Mädel.
Also verschluck ich mich fast an meinem Butterbrot, schlürfe die heiße, süße Tasse Tee und sag aus dem Nichts heraus: Heinrich, weißt du was, komm doch mit zu mir! Auf Parkbänken muss hier wirklich keiner schlafen. Mein Zuhause ist gleich hier um die Ecke pack deinen Kram, und benehm dich bitte anständig, sonst lernst du meine harte Hand kennen alt bin ich noch lange nicht!
Er schaut verdutzt, dann auf mein Haus, dann nochmal auf mich. Aber wieso hast du dann hier draußen gesessen, wenn du nach Hause kannst?
Hab auf nix gewartet und jetzt lass uns gehen, oder bleibst du hier sitzen? Ich steh auf und marschiere los. Heinrich rappelt sich hoch, schultert seinen Beutel.
Na klar komm ich. Aber keine Sorge, ich schlaf am Boden, bin morgen früh auch gleich wieder weg. Aber echt danke is ganz schön kalt heute Nacht. Er trottet hinterher, immer noch bisschen ungläubig.
Morgens werd ich dann davon geweckt, dass jemand im Bad rumklappert. Und siehe da: Heinz steht schon in der Küche, hat auf dem Sofa geschlafen und bastelt gerade an meinem Spülkasten.
Gudrun, das Ding tropft ich habs fix gemacht. Gibts Frühstück? Er grinst, sieht ganz anders aus im T-Shirt, Haare wirr, aber eigentlich ganz sympathisch.
Ich lad ihn zum Frühstück ein. Omelett mit Tomaten klingt das gut? Und da ist mir eingefallen, die Waschmaschine muckt auch, vielleicht kann er da eben… Und ehe ichs kapiere, lebt Heinrich Wagner bis zu seiner nächsten Schicht einfach bei mir. Ruft mal eben draußen im Dorf bei seiner Mutter an, alles okay, und bleibt dann.
Jetzt wohnen wir zusammen. Heinrich arbeitet jeden dritten Tag, ich koch ihm was Schönes, wie früher für die Stammgäste im Café. Er lacht und meint immer: Gudrunchen, ich wusste doch, das war Schicksal! Du hast doch auf mich gewartet. Jetzt weiß ich, wie sich Liebe anfühlen kann, nach all den Jahren. Verrückt, wie das Leben spielt!
Wir besuchen oft seine Mutter die ist schon fast achtzig, aber fit und herzlich. Und auch sie meint, endlich hat ihr Heinrich sein Glück gefunden. Jetzt sind wir also zu zweit, und irgendwie fühlt sich alles richtig an.
Tja, so kann das Leben manchmal drehen, oder?



