Du bist nicht mehr meine Tochter. Wer er ist und woher er kommt, weiß niemand. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Häuschen und leb wie eine Erwachsene. Spür die Verantwortung für deine Entscheidungen.
Klara, hast du gehört? Es sind Leute gekommen, um unseren bei der Arbeit zu helfen! Gehen wir heute Abend ins Jugendzentrum? zufrieden ließ sich Annika in den Sessel fallen.
Annika, gehst du noch? Und was mache ich mit Leon? Soll ich ihn einfach mitnehmen? lachte Klara.
Was, wenn wir Frau Huber fragen? schlug Annika vorsichtig vor.
Klara winkte resigniert ab.
Ach was, die hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich Leon bekommen habe. Sie wollte doch, dass ich Hans heirate, aber ich bin ja in die Stadt gegangen, um zu studieren. Hat kein Glück gebracht, stattdessen kam ich mit Bauch zurück. Sie war ein Jahr lang sauer auf mich, redet erst seit zwei Monaten wieder mit mir. Also, geh du doch mit jemandem. Vielleicht findest du ja jemanden Nettes.
Annika seufzte.
Na gut, geh ich eben mit Tanja. Ich erzähl dir morgen alles!
Klara brachte ihren Sohn ins Bett und trat dann auf die Veranda. Musikgedröhne drang vom Jugendzentrum bis zu ihr herüber. Sie kuschelte sich in ihren Schal und stellte sich vor, wie alle dort tanzten und Spaß hatten. Annika hat bestimmt wieder ihr Tigerkleid an. Klara schmunzelte leise darin sah Annika immer aus wie eine getigerte Raupe. Seufzend ging sie schlafen.
Im Morgengrauen stürmte Annika herein ausgerechnet als Klaras Mutter auch zu Besuch kam. Klara legte warnend den Finger auf die Lippen, doch Annika sprudelte schon los:
Schade, dass du gestern nicht da warst! Da waren total süße Jungs. Einer hat mich sogar nach Hause gebracht, Fabian heißt er. Total witzig, redet wie ein Wasserfall. Heute hab ich ein Date mit ihm!, sprudelte Annika aufgeregt.
Klaras Mutter schaute streng.
Bestimmt verheiratet, oder?
Annika zuckte mit den Schultern.
Keine Ahnung, hab nicht in seinen Ausweis geschaut. Aber selbst wenn dann hab ich wenigstens eine Erinnerung.
Ach Mädels, was stellt ihr nur an? Hans wäre doch ein guter Ehemann. Meine hat ihr Glück ja schon verpasst, aber du, Annika, du könntest ihm schon noch den Kopf verdrehen, mischte sich Frau Huber schwärmerisch ein.
Ach, Frau Huber, reden Sie doch keinen Unsinn. Wer will den schon? Und dazu noch seine Mutter, bewahre! Bloß weg von so einem Glück!, winkte Annika lachend ab.
Sie wandte sich an Klara:
Da war aber einer, klares Highlight, alle Mädchen waren hin und weg. Und er stand einfach nur mit seinen Freunden da und ist dann alleine wieder gegangen. Nicht mal zum Tanzen hat er eine gefragt.
Da geschah das Unerwartete. Frau Huber überlegte laut:
Du, Klara, geh doch auch mal ins Jugendzentrum. Ich pass auf Leon auf. Vielleicht lernst du ja jemanden kennen einen soliden, verlässlichen Mann. Leon braucht doch einen Vater. Aber such dir keinen Verheirateten die haben da einen Riecher für alleinstehende Frauen. Verstanden?
Klara strahlte vor Glück und konnte ihre Mutter gar nicht oft genug küssen. Die schnaubte nur:
Geh schon, Schmeichlerin.
Klara stand in ihrem schönsten Kleid mit ihren Freundinnen zusammen und lachte ausgelassen. Wie sehr ihr das gefehlt hatte!
Seht mal da ist er wieder!, flüsterten die Mädchen.
Klara sah neugierig hinüber und ihre Knie wurden ganz weich. Schnell wandte sie sich ab und flüsterte Annika zu:
Ich glaube, ich gehe nach Hause. Bestimmt weint Leon schon nach mir.
Die Freundin staunte:
Klara, hast du einen Drehwurm? Kaum kommst du mal raus, willst du gleich wieder gehen? Dabei hast du noch nicht mal getanzt!
Doch Klara blieb entschlossen:
Ich gehe. Dein Fabian kommt ja sowieso gerade. Soll mir nicht langweilig werden tschüss. Sie ging zum Ausgang.
Da packte sie plötzlich jemand am Arm:
Darf ich bitten, junge Dame?
Klara wollte ihre Hand entziehen, ohne hinzuschauen:
Ich tanze nicht.
Doch der Unbekannte gab nicht auf:
Nur ein Tanz, bitte.
Sie drehte sich um ihr Herz setzte kurz aus. Es war er, der Junge, dem eine einzige Begegnung einst ihr Leben für immer verändert hatte. Und scheinbar erkannte er sie nicht wieder. Ihr Herz war erleichtert, ein Lächeln erschien:
Na gut. Aber nur ein Tanz, ich muss gleich los.
Er wirbelte sie übers Parkett.
Ihr Mann wartet bestimmt schon, oder?, fragte er.
Klara blieb nüchtern:
Ich bin nicht verheiratet.
Er zwinkerte schelmisch:
Dann habe ich ja eine Chance?
Sie wandte sich ab:
Nicht mal im Traum, vergiss es. Sie lief hinaus.
Auf dem Heimweg kamen Klara die Tränen. Sie hatte ihn nie vergessen, hatte sich irgendwie verliebt und er erkannte sie nicht einmal.
Damals hatten sie sich im Zug kennengelernt. Klara war geknickt, weil sie durch die Aufnahmeprüfung gefallen war; er war unterwegs zu seinen Eltern. Er bemerkte ihren Kummer und versuchte sie aufzumuntern.
Ich heiße Benjamin. Meine Mutter nennt mich Benni, mein Neffe sagt Benn. Such dir was aus.
Klara lächelte:
Benn klingt lustig.
Er reichte ihr die Hand:
Na also, fast wie Freunde. Und wie heißt du, wunderschönes Wesen?
Sie blickte verlegen:
Klara.
Benjamin nickte ernst:
Hab ich mir gedacht. Ein Name für eine Königin.
So kamen sie ins Gespräch, Klara erzählte von ihrer missglückten Aufnahme in die Uni und dass ihre Mutter sie das noch ewig spüren lassen würde.
Dann lern den Winter über und versuch es nochmal, schlug Benjamin vor.
Klara war begeistert:
Stimmt Daran hätte ich gar nicht gedacht. Danke.
Er schaute sie prüfend an:
Schon gut. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wunderschön bist?
Klara errötete:
Stell dich nicht so an ich bin ganz normal. Aber danke.
Benjamin rückte näher:
Stimmt wirklich, und unvermittelt küsste er sie. Klara wurde ganz schwindelig. Was danach geschah, war süß und auch ein bisschen peinlich. Benjamin stieg vor ihr aus.
Ich finde dich wieder. Ganz bestimmt!
Doch später wurde Klara enttäuscht bewusst, dass er nicht mal ihre Adresse kannte.
Ein paar Monate darauf merkte sie, dass sie schwanger war und ihre Mutter sagte angeekelt:
Du bist nicht mehr meine Tochter. Wer er ist und wo er herkommt? Niemand weiß es. Zieh zu Oma und übernimm Verantwortung.
Klara arbeitete bis zur Geburt in der Stadtbibliothek, dann ging sie in Mutterschutz. Nach der Geburt holte Annika sie aus der Klinik ab ihre Mutter nicht. Erst als Leon fünf Monate alt wurde, kam Klaras Mutter gelegentlich vorbei.
Nicht unser Schlag, urteilte sie kühl.
Aber sie besuchte sie nun öfter und brachte Spielsachen für den Enkel.
Schon zurück? Langweilig wars wohl. Wie gehts Leon?, fragte die Mutter.
Er schläft. Wenn du jetzt da bist, gehe ich heim.
Klara schloss die Tür und versuchte einzuschlafen es gelang erst in den frühen Morgenstunden. Müde stillte sie ihren Sohn. Leon spielte herum und wollte keinen Brei essen.
Iss, sonst wirst du nie so groß wie dein Papa. Der ist nämlich stark und hübsch.
Meinst du mich etwa? Das freut mich. Und das ist wohl mein Sohn, oder?, kam es plötzlich von der Tür.
Die Löffel fiel Klara aus der Hand.
Du? Wie Woher? Benjamin lächelte.
Ich hab doch gesagt, ich finde dich. Und dass ich in der Zeit Vater geworden bin, wusste ich nicht. Vor Aufregung damals hab ich vergessen, nach deiner Adresse zu fragen. Aber es sollte wohl so sein, dass wir uns wiedersehen, sagte er und machte Leon eine witzige Grimasse.
Der lachte fröhlich.
Am Morgen fand Klaras Mutter die glückliche Tochter und einen fremden Mann, der den kleinen Leon auf den Schultern trug.
Das ist er?, fragte sie.
Ja, strahlte Klara.
Die Mutter gab Benjamin die Hand:
Ich bin Elisabeth Huber. Und ich werd ein wachsames Auge darauf haben, wie du als Vater und Mann bist.
Benjamin schüttelte ihr ernst die Hand und nickte.
Verstanden.Elisabeth nickte kaum merklich, als wolle sie ihre Zustimmung mühsam verbergen. Leon kicherte übermütig von Benjamins Schultern und griff nach Klaras Haar. Klara lächelte, weinte beinahe vor Glück. Im Morgenlicht, das durch die alten Fenster fiel, schien alles möglich, als würde ein neues Kapitel beginnen diesmal mit Hoffnung, Verzeihen und mehr Liebe, als Klara je zu hoffen gewagt hatte.
Benjamin nahm Klaras Hand, ganz selbstverständlich, und sie wusste, diesmal würde er bleiben.
Draußen tanzten ein paar letzte Schneeflocken in der Frühlingssonne. Leon rief: Da, Mama, ein Vogel! und fing lachend an zu applaudieren.
Klara sah ihre Mutter an, sah Annika im Türrahmen, spürte ihre kleine Familie ganz und gar unvollkommen, aber wirklich.
Sie dachte an alles, was sie verloren hatte losgelassen und gefunden, unterwegs zwischen Zweifel und neuer Zuversicht. Jetzt wusste sie: Jeder Umweg, jede Wunde hatte sie genau hierhin geführt.
Und während Benjamin leise das Frühstück für alle vorbereitete, stand Klara im Flur, das Herz weit offen, und flüsterte leise: Danke.
Denn endlich, endlich war sie angekommen.





