Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …

Ihre Schwiegertochter, Mathilde, konnte Frau Greta nie leiden. Und nein, das lag nicht an dem ewigen Streit zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter sie mochte sie einfach nicht.

Wofür sollte man sie auch mögen, diese Tölpel? Wenn sie den Mund aufmachte, klang sie wie eine Alarmglocke, ein Auge schielte ein wenig, ihr Gesicht war von Sommersprossen übersät, ach, was war denn das für eine Frau? Die Haare wie ein Pferdeschweif, starr, sie selbst hochgewachsen, Hände wie Holzlatten, Beine wie Wagenstangen, Augen wässrig und hervorstehend

Nein, Mathilde hatte nie den rechten Platz in Gretas Herz gefunden.

Ihr Sohn Johann hatte sie aus Hamburg mitgebracht, weit weg von ihrer Heimat am Rande der Lüneburger Heide, und offenbar waren in jener Gegend alle Frauen so. Hier bei ihnen waren die Mädchen ganz anders klein, mit dunklen Augen, samtweichem Haar wie Flachs, reine Gesichter, kräftig gebaut. Greta hatte schon im Nachbardorf ein Auge auf ein Mädchen geworfen, dachte, das würde einmal ihre Schwiegertochter werden: Annemarie Hoffmann, ach, was für eine Stimme, immer ein Lachen auf den Lippen, fleißige Hände, sie konnte alles!

Mit Annemaries Vater Heinrich hatte Greta längst gesprochen, auch er war für eine Verbindung mit den Maiers nicht abgeneigt. Sie warteten nur darauf, dass Johann seinen Wehrdienst beendete und endlich nach Hause kam, dann sollte Hochzeit gefeiert werden. Dass Annemarie noch so jung war, machte nichts wenigstens war sie unverdorben, wie es hieß, gleich von der elterlichen Obhut zur Ehefrau an der Seite ihres Mannes.

Sie wird eine gute Hausfrau werden, schau nur, wie sie das Heu auflädt, bewunderte Greta die zukünftige Schwiegertochter.

Mal brachte Annemarie einen frisch gebackenen Kuchen, mal selbst gemachte Butter sie wollte der künftigen Schwiegermutter wohlgefallen, und Greta achtete sie sehr dafür. Schon malte sie sich Enkel aus, wollte sie auf ihrem Schoß schaukeln, wie sie ihre fünf Kinder großgezogen hatte vier Töchter, und der Jüngste, Johann, der Sonnenschein, der ganze Stolz. Ihr Mann war früh gestorben, die Zeiten waren schwer gewesen damals. Greta war alleine geblieben, mit den Kindern

Doch sie brachte alle durch, ein ordentliches Gehöft, den Töchtern gab sie eine gute Aussteuer, alles ordentlich verladen auf den Wagen nicht auf einer alten Karre, sondern mit Pferd und Wagen, so wie es sich gehörte

Jetzt fehlte nur noch die Hochzeit von Johann, und Annemarie wäre für ihn genau die Richtige gewesen. Ihre Mutter Marianne sammelte für sie schon von Geburt an die Aussteuer bei ihnen war es umgekehrt: lauter Söhne, Annemarie war die Jüngste.

Das ganze Anwesen, das Vieh, alles würde an Johann gehen, die Töchter hatten ihres bekommen, Greta brauchte nichts mehr für sie richtete die junge Familie einen Winkel im Haus ein, die älteste durfte am Kopfende des Tisches sitzen, das war alles, was sie noch wollte.

Sie träumte von langen Nachmittagen mit der Schwiegermutter, gemeinsam Tee trinkend, über die junge Generation redend, davon, wie zwei große Höfe zu einem verschmelzen würden. Vielleicht lebten sie Alten irgendwann zusammen in einem Häuschen im Hof, mit einer extra dicken Isolierung gegen den norddeutschen Winter

Greta wurde ganz selig bei diesen Tagträumen, sah sich selbst wie ein junges Mädchen über die Wiesen laufen, die Arme ausgebreitet, traf einen kleinen Jungen mit schwarzen Kulleraugen, der ihr lachend zurief: Oma Greta, komm schnell, ich bin hier!

Ach, als sie aufwachte, lag ihr schon ein Lächeln auf den Lippen seltsam, sie hatte einen Enkel geträumt!

Sie sehnte sich so sehr nach Johann

Endlich, Johann kam aber nicht allein. Da war sie, diese Städterin, blass, beinahe einen Kopf größer als er, Haare wie Draht, starrende Augen, das Gesicht voller Sommersprossen o Gott, wo hattest du so eine her, Johann?

Vielleicht wars ein Scherz? Nein, das war sie wirklich. Das ist meine Verlobte, Mama, das ist meine Mathilde.

Greta wäre beinahe rückwärts umgefallen. Wie konnte das sein? Hatte er nicht eine Braut, die auf ihn wartete?

Sie rief den Nachbarsjungen, Paul, zu sich und packte ihn am Ohr.

Aua, Frau Greta, warum denn das?

Jetzt sag schon, wie hast du die Briefe an Johann geschrieben?

Na, so wie Sies diktiert haben.

Und von der Braut, hast du da geschrieben? Von Annemarie, die auf ihn wartet?

Von Annemarie? Natürlich, aber Paul zuckte zurück, Annemarie ist doch noch ein Kind, sie wird erst fünfzehn. Und Ihr Johann ist schon alt.

Still, Junge, mit fünfzehn ist man bereit fürs Heiraten.

Das war früher vielleicht so! Wenn das jemand erfährt, bekommt ihr noch Ärger.

Was soll der Ärger sein? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen habe? Vielmehr dafür, dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wolltet!

Hinaus jetzt, du Schlaumeier dass du nicht etwa selbst Annemarie im Sinn hast? Greta funkelte ihn an.

Ich habe alles richtig geschrieben, fragen Sie Onkel Johann.

Das werd ich tun!

Tut das nur aber Annemarie bekommt ihr nicht!, rief Paul, Tränen in den Augen und hielt sich am Ohr.

Als er hinausging, rief Greta ihm nach: Lauf nur, wir werden schon sehen diese Langbeinige ist bald wieder weg!, murmelte sie daraufhin. Die macht hier nicht lange

Abends, beim Essen.

Johann, sag mal

Ja, Mama?

Hast du meine Briefe im Dienst bekommen?

Klar, regelmäßig, Mama.

Und von Annemarie?

Von Annemarie? Natürlich, du schriebst, sie lerne gut, sie wolle Medizin studieren, Menschen helfen. Da hab ich mich gefreut, ist ne Gute.

Was für Medizin, welches Heiraten? Ich dachte, stutzte Greta.

Heiraten? Mama, Annemarie ist noch ein halbes Kind. Außerdem, wir dürfen nur eine Frau heiraten. Mathilde ist meine Ehefrau.

Greta klagte auf und fiel beinahe um. Aber du Johann, willst du Annemarie Schande machen? Wir hatten versprochen Schick doch diese Städterin fort, dann merkt keiner was, heirate ordentlich! Sie fiel auf die Knie. Ich bitte dich, Johann, um Himmels willen!

Mama, hör doch auf!, Johann wurde wütend. Genug jetzt Mathilde ist meine Frau, ich liebe sie. Du musst uns nicht wollen, wir gehen sonst. Mathilde ist Ärztin, wird hier in der Praxis anfangen. Wir schaffen das. Leb wohl, Mama, wenn es sein muss.

Greta stürzte in Verzweiflung, fiel zu Boden, das Gesicht verzogen, schüttelte sich am ganzen Leib.

Diese Rothaarige was hat sie nur angerichtet? Doch irgendwann fühlte sich Greta schon besser. Aber lieben konnte sie Mathilde trotzdem nicht.

Johanns Kinder blieben aus Greta grinste hämisch und dachte: Wenn Johann doch Annemarie geheiratet hätte, würden die Enkel längst über den Hof laufen.

Annemarie war in die Stadt gegangen, um Medizin zu studieren mit irgendeinem Hasenohren, aber Greta gab die Hoffnung nicht auf: Sie würde zurückkommen, die andere würde schon irgendwie verschwinden, und dann würde Johann Annemarie heiraten

Mathilde aber wurde immer blasser, so blaß wie Kohlrabi in der Suppe, Sommersprossen verblassten. Vielleicht war sie krank?

Was ist bloß mit der?, fragte sie Johann.

Er lächelte, strahlte Glück aus.

Bald wirst du Oma, Mama

Greta spuckte aus und ging hinaus.

Alles war verloren! Von Annemarie würde sie keine Enkel bekommen und von diesem Pferd nicht mal anfassen wollte sie das Kind.

Mathilde litt sehr in der Schwangerschaft es war deutlich zu sehen.

Sie nannten ihn Emil.

Greta blieb hart. Sollte jeder für sich sorgen.

Vier Monate war das Kind alt.

Johann arbeitete nun bis nachts, kam kaum heim. Mathilde schaffte alles allein: Kochen, Kind und Vieh

Greta kümmerte sich nicht.

Eines Nachts wurde Greta wach das Kind schrie.

Was war mit dieser zerstreuten Person? Hört sie das nicht?

Johann! Warum schreit das Kind?

Kein Laut

Sie stand ächzend auf der kleine Emil schrie im Stubenwagen, und Mathilde lag schlafend, wie ein lebloses Kalb mitten in der Stube Wo war Johann? Es war spät, etwas musste geschehen sein

Mathilde, was ist los? Sie rüttelte sie, und Mathilde stöhnte auf, Blut überall

Himmel hilf, was hast du? Oh nein, Mädchen! Was soll bloß werden?!

Mathilde stöhnte sie lebte. Greta polsterte sie mit Laken, deckte zu.

Wen hol ich? Wer hilft? Mathilde, dich kann ich nicht lassen, das Kind erst recht nicht

Sie wimmerte nur.

Ich geh rasch zu den Nachbarn

Da schlich Johann herein, lächelnd, fröhlich.

Wo warst du?

Arbeit, Mama

Arbeit?! Deine Frau liegt halb tot lauf rüber zu Herrn Kühn, hol seinen Wagen ins Krankenhaus mit ihr, schnell. Später rede ich mit dir!

Mathilde lag lange im Krankenhaus. Sie begriff erst jetzt, wo sie war. Die Tür quietschte leise, jemand trat ein die Schwiegermutter mit einem Bündel.

Sie setzte sich, kleines, trockenes Mütterchen, schaute nicht auf.

Ich habe Emil gefüttert, lass ihn in guten Händen, hab die Nachbarin gefragt, sie hat selbst sieben Kinder aufgezogen, sie kümmert sich um ihn. Keine Sorge. Unseren Jungen wird sie hüten.

Als Mathilde das unseren hörte, wurde ihr warm ums Herz.

Hier, liebes Kind, du liegst hier so elend, ich hab dir was zum Anziehen gebracht, geh jetzt Wasser holen, dich waschen

Greta sprang auf, bald kamen die Schwestern mit Schüsseln, wuschen Mathilde. Die anderen Frauen aus dem Zimmer musterten sie neidisch: Welch eine Schwiegermutter! Alle beneiden Mathilde

Du bleibst hier liegen, sagte Greta, als Mathilde sauber und eingepackt da lag. So lang du musst. Ich komme täglich, hörst du?

Noch leise, als sie die Decke zurechtrückte: Was hast du dir nur gedacht, das Kind und die Alte allein zu lassen Männer! sind heute da und morgen fort, aber ein Kind das ist deins. Und eine Schwiegermutter auch.

Dann laut: Ich geh jetzt, morgen bin ich wieder hier.

Danke Mama, hauchte Mathilde.

Greta blieb wie versteinert stehen drehte sich um, schenkte ein junges Lächeln, rannte davon.

Was hast du für eine Mutter, Mathilde, staunten die Frauen im Zimmer.

Ja, sie ist wie eine Mutter mein Vater, meine Mutter habe ich nie gekannt. Sie ist meine einzige Familie.

So wars nicht ganz wahr, aber Mathilde wollte daran glauben.

Am nächsten Tag kam Johann, setzte sich leise ans Bett, senkte den Kopf.

Es tut mir leid, Mathilde Ich idiot

Mathilde lächelte matt: Schon gut, Johann. Überlege nur, ob du so weiterarbeiten willst.

Nein nein, Liebste! Ich bleib bei euch! Du und Emil, ihr seid meine Familie

Und Mama, flüsterte Mathilde.

Ach, dachte Greta eine unmögliche Schwiegertochter. Lang, laut, rothaarig, Augen wie Untertassen nicht zu lieben. Doch Greta liebte sie längst. Sie hatte es nur nie zugegeben, war nie schlafen gegangen, wenn Johann nachts ausging.

Oft schlich Greta zur Wiege, nahm Emil in die Arme, küsste ihn, wenn sie keiner sah. Hatte ihn so lieb gewonnen!

In jener Nacht, als Mathilde schwer krank wurde, hatte Greta Angst wie selten im Leben.

Als Johann in der Früh aus dem Krankenhaus kam, stellte sie ihn zur Rede: Familie oder Nachtleben?

So eine Unordnung dulde ich nicht im Haus! Wenn du gehen willst geh! Mathilde und Emil bleiben. Wer liebt, den lass ich immer kommen dich, deinen Sohn, selbst deine Neue Aber beinahe hättest du deine Familie ruiniert du Narr.

Es gab nie einen rechten Grund, Mathilde zu mögen und doch mochte sie sie. Für ihr fröhliches Wesen, für ihre Lieder, für die Arbeit, für alles. Besonders aber für die Kinder: Emil, Michael, Andreas, Viktor und Marie.

Zum Glück hatte Mathilde sich nie ernsthaft verletzt, brachte viele Kinder zur Welt, und für den einen Fehler büßte sie ihr Leben lang.

Es gab nie einen vernünftigen Grund, Mathilde zu lieben. Und doch liebte Greta sie. Die eigenen Töchter waren manchmal eifersüchtig: Dir ist die Fremde lieber als wir.

Aber wie hätte sie es nicht sein können? Mehr als dreißig Jahre lebten sie Türe an Tür.

Greta wurde sehr alt, zog alle Enkel groß, streichelte die Urenkel und ging am Ende mit einem friedlichen Lächeln und ruhigem Herzen von dieser Welt.

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Homy
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Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …
Ehemann ausgezogen: Er braucht Zeit für sich, um seine Gefühle zu klären