Ihre Schwiegertochter, Mathilde, konnte Frau Greta nie leiden. Und nein, das lag nicht an dem ewigen Streit zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter sie mochte sie einfach nicht.
Wofür sollte man sie auch mögen, diese Tölpel? Wenn sie den Mund aufmachte, klang sie wie eine Alarmglocke, ein Auge schielte ein wenig, ihr Gesicht war von Sommersprossen übersät, ach, was war denn das für eine Frau? Die Haare wie ein Pferdeschweif, starr, sie selbst hochgewachsen, Hände wie Holzlatten, Beine wie Wagenstangen, Augen wässrig und hervorstehend
Nein, Mathilde hatte nie den rechten Platz in Gretas Herz gefunden.
Ihr Sohn Johann hatte sie aus Hamburg mitgebracht, weit weg von ihrer Heimat am Rande der Lüneburger Heide, und offenbar waren in jener Gegend alle Frauen so. Hier bei ihnen waren die Mädchen ganz anders klein, mit dunklen Augen, samtweichem Haar wie Flachs, reine Gesichter, kräftig gebaut. Greta hatte schon im Nachbardorf ein Auge auf ein Mädchen geworfen, dachte, das würde einmal ihre Schwiegertochter werden: Annemarie Hoffmann, ach, was für eine Stimme, immer ein Lachen auf den Lippen, fleißige Hände, sie konnte alles!
Mit Annemaries Vater Heinrich hatte Greta längst gesprochen, auch er war für eine Verbindung mit den Maiers nicht abgeneigt. Sie warteten nur darauf, dass Johann seinen Wehrdienst beendete und endlich nach Hause kam, dann sollte Hochzeit gefeiert werden. Dass Annemarie noch so jung war, machte nichts wenigstens war sie unverdorben, wie es hieß, gleich von der elterlichen Obhut zur Ehefrau an der Seite ihres Mannes.
Sie wird eine gute Hausfrau werden, schau nur, wie sie das Heu auflädt, bewunderte Greta die zukünftige Schwiegertochter.
Mal brachte Annemarie einen frisch gebackenen Kuchen, mal selbst gemachte Butter sie wollte der künftigen Schwiegermutter wohlgefallen, und Greta achtete sie sehr dafür. Schon malte sie sich Enkel aus, wollte sie auf ihrem Schoß schaukeln, wie sie ihre fünf Kinder großgezogen hatte vier Töchter, und der Jüngste, Johann, der Sonnenschein, der ganze Stolz. Ihr Mann war früh gestorben, die Zeiten waren schwer gewesen damals. Greta war alleine geblieben, mit den Kindern
Doch sie brachte alle durch, ein ordentliches Gehöft, den Töchtern gab sie eine gute Aussteuer, alles ordentlich verladen auf den Wagen nicht auf einer alten Karre, sondern mit Pferd und Wagen, so wie es sich gehörte
Jetzt fehlte nur noch die Hochzeit von Johann, und Annemarie wäre für ihn genau die Richtige gewesen. Ihre Mutter Marianne sammelte für sie schon von Geburt an die Aussteuer bei ihnen war es umgekehrt: lauter Söhne, Annemarie war die Jüngste.
Das ganze Anwesen, das Vieh, alles würde an Johann gehen, die Töchter hatten ihres bekommen, Greta brauchte nichts mehr für sie richtete die junge Familie einen Winkel im Haus ein, die älteste durfte am Kopfende des Tisches sitzen, das war alles, was sie noch wollte.
Sie träumte von langen Nachmittagen mit der Schwiegermutter, gemeinsam Tee trinkend, über die junge Generation redend, davon, wie zwei große Höfe zu einem verschmelzen würden. Vielleicht lebten sie Alten irgendwann zusammen in einem Häuschen im Hof, mit einer extra dicken Isolierung gegen den norddeutschen Winter
Greta wurde ganz selig bei diesen Tagträumen, sah sich selbst wie ein junges Mädchen über die Wiesen laufen, die Arme ausgebreitet, traf einen kleinen Jungen mit schwarzen Kulleraugen, der ihr lachend zurief: Oma Greta, komm schnell, ich bin hier!
Ach, als sie aufwachte, lag ihr schon ein Lächeln auf den Lippen seltsam, sie hatte einen Enkel geträumt!
Sie sehnte sich so sehr nach Johann
Endlich, Johann kam aber nicht allein. Da war sie, diese Städterin, blass, beinahe einen Kopf größer als er, Haare wie Draht, starrende Augen, das Gesicht voller Sommersprossen o Gott, wo hattest du so eine her, Johann?
Vielleicht wars ein Scherz? Nein, das war sie wirklich. Das ist meine Verlobte, Mama, das ist meine Mathilde.
Greta wäre beinahe rückwärts umgefallen. Wie konnte das sein? Hatte er nicht eine Braut, die auf ihn wartete?
Sie rief den Nachbarsjungen, Paul, zu sich und packte ihn am Ohr.
Aua, Frau Greta, warum denn das?
Jetzt sag schon, wie hast du die Briefe an Johann geschrieben?
Na, so wie Sies diktiert haben.
Und von der Braut, hast du da geschrieben? Von Annemarie, die auf ihn wartet?
Von Annemarie? Natürlich, aber Paul zuckte zurück, Annemarie ist doch noch ein Kind, sie wird erst fünfzehn. Und Ihr Johann ist schon alt.
Still, Junge, mit fünfzehn ist man bereit fürs Heiraten.
Das war früher vielleicht so! Wenn das jemand erfährt, bekommt ihr noch Ärger.
Was soll der Ärger sein? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen habe? Vielmehr dafür, dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wolltet!
Hinaus jetzt, du Schlaumeier dass du nicht etwa selbst Annemarie im Sinn hast? Greta funkelte ihn an.
Ich habe alles richtig geschrieben, fragen Sie Onkel Johann.
Das werd ich tun!
Tut das nur aber Annemarie bekommt ihr nicht!, rief Paul, Tränen in den Augen und hielt sich am Ohr.
Als er hinausging, rief Greta ihm nach: Lauf nur, wir werden schon sehen diese Langbeinige ist bald wieder weg!, murmelte sie daraufhin. Die macht hier nicht lange
Abends, beim Essen.
Johann, sag mal
Ja, Mama?
Hast du meine Briefe im Dienst bekommen?
Klar, regelmäßig, Mama.
Und von Annemarie?
Von Annemarie? Natürlich, du schriebst, sie lerne gut, sie wolle Medizin studieren, Menschen helfen. Da hab ich mich gefreut, ist ne Gute.
Was für Medizin, welches Heiraten? Ich dachte, stutzte Greta.
Heiraten? Mama, Annemarie ist noch ein halbes Kind. Außerdem, wir dürfen nur eine Frau heiraten. Mathilde ist meine Ehefrau.
Greta klagte auf und fiel beinahe um. Aber du Johann, willst du Annemarie Schande machen? Wir hatten versprochen Schick doch diese Städterin fort, dann merkt keiner was, heirate ordentlich! Sie fiel auf die Knie. Ich bitte dich, Johann, um Himmels willen!
Mama, hör doch auf!, Johann wurde wütend. Genug jetzt Mathilde ist meine Frau, ich liebe sie. Du musst uns nicht wollen, wir gehen sonst. Mathilde ist Ärztin, wird hier in der Praxis anfangen. Wir schaffen das. Leb wohl, Mama, wenn es sein muss.
Greta stürzte in Verzweiflung, fiel zu Boden, das Gesicht verzogen, schüttelte sich am ganzen Leib.
Diese Rothaarige was hat sie nur angerichtet? Doch irgendwann fühlte sich Greta schon besser. Aber lieben konnte sie Mathilde trotzdem nicht.
Johanns Kinder blieben aus Greta grinste hämisch und dachte: Wenn Johann doch Annemarie geheiratet hätte, würden die Enkel längst über den Hof laufen.
Annemarie war in die Stadt gegangen, um Medizin zu studieren mit irgendeinem Hasenohren, aber Greta gab die Hoffnung nicht auf: Sie würde zurückkommen, die andere würde schon irgendwie verschwinden, und dann würde Johann Annemarie heiraten
Mathilde aber wurde immer blasser, so blaß wie Kohlrabi in der Suppe, Sommersprossen verblassten. Vielleicht war sie krank?
Was ist bloß mit der?, fragte sie Johann.
Er lächelte, strahlte Glück aus.
Bald wirst du Oma, Mama
Greta spuckte aus und ging hinaus.
Alles war verloren! Von Annemarie würde sie keine Enkel bekommen und von diesem Pferd nicht mal anfassen wollte sie das Kind.
Mathilde litt sehr in der Schwangerschaft es war deutlich zu sehen.
Sie nannten ihn Emil.
Greta blieb hart. Sollte jeder für sich sorgen.
Vier Monate war das Kind alt.
Johann arbeitete nun bis nachts, kam kaum heim. Mathilde schaffte alles allein: Kochen, Kind und Vieh
Greta kümmerte sich nicht.
Eines Nachts wurde Greta wach das Kind schrie.
Was war mit dieser zerstreuten Person? Hört sie das nicht?
Johann! Warum schreit das Kind?
Kein Laut
Sie stand ächzend auf der kleine Emil schrie im Stubenwagen, und Mathilde lag schlafend, wie ein lebloses Kalb mitten in der Stube Wo war Johann? Es war spät, etwas musste geschehen sein
Mathilde, was ist los? Sie rüttelte sie, und Mathilde stöhnte auf, Blut überall
Himmel hilf, was hast du? Oh nein, Mädchen! Was soll bloß werden?!
Mathilde stöhnte sie lebte. Greta polsterte sie mit Laken, deckte zu.
Wen hol ich? Wer hilft? Mathilde, dich kann ich nicht lassen, das Kind erst recht nicht
Sie wimmerte nur.
Ich geh rasch zu den Nachbarn
Da schlich Johann herein, lächelnd, fröhlich.
Wo warst du?
Arbeit, Mama
Arbeit?! Deine Frau liegt halb tot lauf rüber zu Herrn Kühn, hol seinen Wagen ins Krankenhaus mit ihr, schnell. Später rede ich mit dir!
Mathilde lag lange im Krankenhaus. Sie begriff erst jetzt, wo sie war. Die Tür quietschte leise, jemand trat ein die Schwiegermutter mit einem Bündel.
Sie setzte sich, kleines, trockenes Mütterchen, schaute nicht auf.
Ich habe Emil gefüttert, lass ihn in guten Händen, hab die Nachbarin gefragt, sie hat selbst sieben Kinder aufgezogen, sie kümmert sich um ihn. Keine Sorge. Unseren Jungen wird sie hüten.
Als Mathilde das unseren hörte, wurde ihr warm ums Herz.
Hier, liebes Kind, du liegst hier so elend, ich hab dir was zum Anziehen gebracht, geh jetzt Wasser holen, dich waschen
Greta sprang auf, bald kamen die Schwestern mit Schüsseln, wuschen Mathilde. Die anderen Frauen aus dem Zimmer musterten sie neidisch: Welch eine Schwiegermutter! Alle beneiden Mathilde
Du bleibst hier liegen, sagte Greta, als Mathilde sauber und eingepackt da lag. So lang du musst. Ich komme täglich, hörst du?
Noch leise, als sie die Decke zurechtrückte: Was hast du dir nur gedacht, das Kind und die Alte allein zu lassen Männer! sind heute da und morgen fort, aber ein Kind das ist deins. Und eine Schwiegermutter auch.
Dann laut: Ich geh jetzt, morgen bin ich wieder hier.
Danke Mama, hauchte Mathilde.
Greta blieb wie versteinert stehen drehte sich um, schenkte ein junges Lächeln, rannte davon.
Was hast du für eine Mutter, Mathilde, staunten die Frauen im Zimmer.
Ja, sie ist wie eine Mutter mein Vater, meine Mutter habe ich nie gekannt. Sie ist meine einzige Familie.
So wars nicht ganz wahr, aber Mathilde wollte daran glauben.
Am nächsten Tag kam Johann, setzte sich leise ans Bett, senkte den Kopf.
Es tut mir leid, Mathilde Ich idiot
Mathilde lächelte matt: Schon gut, Johann. Überlege nur, ob du so weiterarbeiten willst.
Nein nein, Liebste! Ich bleib bei euch! Du und Emil, ihr seid meine Familie
Und Mama, flüsterte Mathilde.
Ach, dachte Greta eine unmögliche Schwiegertochter. Lang, laut, rothaarig, Augen wie Untertassen nicht zu lieben. Doch Greta liebte sie längst. Sie hatte es nur nie zugegeben, war nie schlafen gegangen, wenn Johann nachts ausging.
Oft schlich Greta zur Wiege, nahm Emil in die Arme, küsste ihn, wenn sie keiner sah. Hatte ihn so lieb gewonnen!
In jener Nacht, als Mathilde schwer krank wurde, hatte Greta Angst wie selten im Leben.
Als Johann in der Früh aus dem Krankenhaus kam, stellte sie ihn zur Rede: Familie oder Nachtleben?
So eine Unordnung dulde ich nicht im Haus! Wenn du gehen willst geh! Mathilde und Emil bleiben. Wer liebt, den lass ich immer kommen dich, deinen Sohn, selbst deine Neue Aber beinahe hättest du deine Familie ruiniert du Narr.
Es gab nie einen rechten Grund, Mathilde zu mögen und doch mochte sie sie. Für ihr fröhliches Wesen, für ihre Lieder, für die Arbeit, für alles. Besonders aber für die Kinder: Emil, Michael, Andreas, Viktor und Marie.
Zum Glück hatte Mathilde sich nie ernsthaft verletzt, brachte viele Kinder zur Welt, und für den einen Fehler büßte sie ihr Leben lang.
Es gab nie einen vernünftigen Grund, Mathilde zu lieben. Und doch liebte Greta sie. Die eigenen Töchter waren manchmal eifersüchtig: Dir ist die Fremde lieber als wir.
Aber wie hätte sie es nicht sein können? Mehr als dreißig Jahre lebten sie Türe an Tür.
Greta wurde sehr alt, zog alle Enkel groß, streichelte die Urenkel und ging am Ende mit einem friedlichen Lächeln und ruhigem Herzen von dieser Welt.





