Auf fremdem Rücken
Kathrin, hör mal… Du hast doch sowieso schon ein Kind. Vielleicht könntest du auch auf Annalena aufpassen? Ob du nun so oder so zu Hause bist, macht doch keinen Unterschied, schlug Frau Elisabeth Wagner ganz beiläufig vor. So hätte unsere Johanna wenigstens die Hände frei, könnte wieder arbeiten und auf die Beine kommen. Es ist gerade wirklich schwer für sie…
Kathrin war für einen Moment wie erstarrt. Sie vergaß sogar den Kartoffelsalat, den sie gerade sorgfältig schnitt. Die Schwiegermutter sprach von Kindern, als wären es Kätzchen. Da gibt es wirklich kaum einen Unterschied. Aber bei Kindern…
Frau Wagner, das ist nicht so einfach. Mein kleiner Paul ist erst drei Monate alt, und Annalena ist schon anderthalb Jahre. Paul hat ständig Bauchweh, will immer auf den Arm und schläft nur in kurzen Etappen. Und Annalena muss man ständig im Auge behalten. In dem Alter will sie unbedingt am Herd spielen, steckt die Finger in die Steckdose, kippt irgendwas auf sich…
Ach, komm schon! winkte die Schwiegermutter ab. Bei meinen Kindern war der Altersunterschied fast genauso. Und ich habe es auch geschafft. Während du Paul fütterst, kannst du Annalena im Blick behalten. Den Kleinen legst du hin und findest ihn da wieder, er läuft ja noch nicht weg.
Kathrin zog die Augenbrauen hoch und räusperte sich, die Lippen fest zusammengepresst. Innerlich kochte sie. Es schien, als sähe Frau Wagner in ihr eine Art Besitz, der sich weigert zu funktionieren. Trotzdem versuchte Kathrin höflich zu bleiben.
Frau Wagner, das ist für mich wirklich schwierig. Ich kann das nicht.
Kathrin, ich dachte, du wärst hilfsbereit, familiär, würdest den Verwandten deines Mannes helfen wollen… die Schwiegermutter runzelte die Stirn. Du arbeitest ja nicht, hast keine großen Verpflichtungen, mein Sebastian sorgt für alles. Aber Johanna…
Kathrin spürte, wie ihre Geduld am Zerreißen war. Sie musste sich zurückziehen. Es hatte keinen Sinn, mit jemandem zu diskutieren, der ins Paradies auf fremdem Rücken reiten will.
Entschuldigen Sie, ich muss Paul füttern. Könnten Sie bitte den Kartoffelsalat fertig machen? bat Kathrin trocken und ging ins Schlafzimmer.
Hm. Interessant. Wenn sie Hilfe braucht, soll man springen. Aber wenn jemand anderes Unterstützung braucht, ist sie gleich verschwunden… murmelte die Schwiegermutter hinterher.
Kathrin biss die Zähne zusammen. Es war genau umgekehrt. Früher kam sie mit kleinen Zugeständnissen davon, aber jetzt schien die Familie ihres Mannes es ernsthaft auf sie abgesehen zu haben.
…Vor einem Monat hatte Johanna, Kathrins Schwägerin, sich von ihrem Mann getrennt. Laut Schwiegermutter war Markus ständig grob zu ihr, behandelte sie wie eine Dienstmagd und hatte sie kürzlich sogar im Streit gestoßen. Damals nahm Kathrin die Nachricht gelassen, fast gleichgültig. Was gingen sie die Probleme anderer Leute an?
Ich würde mit niemandem leben, der die Hand gegen mich erhebt, sagte sie nüchtern zur Schwiegermutter.
Natürlich! Das habe ich ihr auch gesagt. Heute steht sie noch auf den Beinen, morgen knallt sie vielleicht mit dem Kopf gegen die Heizung, pflichtete Frau Wagner bei. Aber wovon soll sie jetzt leben, die Arme… Für Annalena gibt es noch keinen Platz im Kindergarten.
Schon damals fühlte sich Kathrin irgendwie unwohl. Als würde man etwas von ihr erwarten.
Sie ist ja nicht allein, sagte sie ausweichend, meinte die Schwiegermutter und wollte das Gespräch schnell beenden.
Ja, wir helfen alle zusammen.
Jetzt verstand Kathrin, worauf das Gespräch hinauslief. Man bereitete sie langsam darauf vor, dass sie für zwei im Mutterschutz sitzen sollte.
Wäre Kathrin ein wenig naiver gewesen, hätte sie vielleicht sogar zugestimmt. Es ist ja unangenehm, jemandem in einer schwierigen Lage abzusagen. Jeder kann mal einen Fehler machen.
Aber Kathrin wusste, wie es ist, mit zwei Kindern zu Hause zu sein.
Als Paul erst einen Monat alt war, bat Johanna sie, auf Annalena aufzupassen. Die Schwägerin musste ins Krankenhaus. Natürlich wollte sie das Kind nicht mitnehmen.
Wer weiß, was sie sich da noch einfängt… meinte Johanna damals.
Der Krankenhausbesuch zog sich bis zum Abend. Die ganze Zeit rannte Kathrin von einem Kind zum anderen und hoffte, dass Annalena keinen Unsinn anstellte. Ihr Zuhause war überhaupt nicht auf kleine Entdeckerinnen ausgelegt. Offene Kabel, Sachen auf den Tischen, angeschlossene Geräte… Zum Glück blieb es bei einem zerbrochenen Teller und Kritzeleien an der Tapete.
Am Abend war Kathrin völlig erschöpft. Normalerweise konnte sie mittags mit Paul etwas schlafen, aber mit Annalena war an Entspannung nicht zu denken. Und die Nacht davor war ohnehin schlaflos gewesen, mit stündlichem Füttern…
Das Schlimmste war aber etwas anderes. Als Kathrin selbst Hilfe brauchte, wurde ihr abgesagt.
Johanna, kannst du in die Apotheke gehen? Ich überweise dir das Geld. Mir gehts nicht gut, und Sebastian kommt erst abends…
Oh, Kathrin, tut mir leid, aber ich will kein Risiko eingehen. Wer weiß, ob du einen Virus hast? Für mich wäre es noch okay, aber Annalena soll lieber nicht krank werden.
Häng doch wenigstens die Tüte an die Türklinke, ich hole sie ab.
Es entstand eine peinliche Pause. Offenbar wurde eine Ausrede gesucht.
Ich würde ja fahren, aber mein Auto ist kaputt… Tut mir leid, Kathrin, das geht wirklich nicht.
Kathrin gefiel das natürlich nicht, aber sie zog keine voreiligen Schlüsse.
Ein paar Wochen später wurde Kathrins Kater krank. Sie musste dringend mit ihm zum Tierarzt, aber Paul konnte sie nicht allein lassen. Wieder bat sie Johanna um Hilfe. Wieder lehnte sie ab. Auch am nächsten Tag, als der Kater zur Infusion musste, kam eine Absage.
Da begriff Kathrin: Johanna nimmt gern, gibt aber ungern. Genau wie Frau Wagner.
Die Schwiegermutter gab nicht auf. Beim nächsten Familienessen versuchte sie, Kathrin anzugreifen. Offenbar hoffte sie, dass es ihr unangenehm wäre, vor den anderen abzusagen.
Die Welt ist so hartherzig geworden… seufzte die Schwiegermutter am Tisch. Manche leben sorglos, andere müssen jeden Cent umdrehen und liegen nachts wach, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht…
Die Gäste, satt und entspannt vom Essen und Wein, schenkten den Worten von Frau Wagner wohl keine große Beachtung. Oder sie dachten, sie spreche vom Ex-Schwiegersohn. Aber Kathrin bemerkte den stechenden Blick der Schwiegermutter und wusste genau, wem der Seitenhieb galt.
Ja, da kann man nicht widersprechen, sagte sie gedehnt. Zum Glück ist Johanna nicht allein. Ich habe über ihre Lage nachgedacht… Vielleicht gehen wir beide arbeiten und Sie übernehmen für uns den Mutterschutz? Dann könnten Sie Ihrer Tochter und mir helfen. Ich würde Ihnen sogar etwas vom Gehalt abgeben.
Kathrin behielt mit Mühe Ruhe und Ernst. Johanna, die sich eben noch als die unglücklichste Mutter inszeniert hatte, verzog das Gesicht. Frau Wagner wurde blass und krallte sich am Tischtuch fest.
Ich… ich kann das nicht mehr, stammelte sie. Zwei Kinder sind für mich zu viel. Du würdest das schon schaffen…
Da platzte Sebastian der Kragen. Er kannte die Spannungen zwischen seiner Frau und seiner Mutter.
So, Mama, jetzt ist Schluss mit dem Thema. Für immer, sagte er ernst. Nur weil Kathrin jünger ist, heißt das nicht, dass es für sie leicht ist. Sie ist schon am Limit. Du hast uns beide großgezogen, danke dafür, aber wir wissen, was wir schaffen. Wir haben uns darauf nicht eingelassen.
Frau Wagner presste die Lippen zusammen und stocherte weiter im Kartoffelpüree. Sie wusste, dass sie diese Schlacht verloren hatte. Weder über die Meinung der anderen noch über ihren Sohn kam sie an Kathrin heran.
Ein halbes Jahr verging. Die Schwiegermutter hielt nur noch über Sebastian Kontakt. Sie hörte auf, zu Besuch zu kommen, und ehrlich gesagt war Kathrin erleichtert. Frau Wagner war ohnehin nie da, wenn man sie wirklich brauchte.
Kathrin ahnte nicht, dass die Schwiegermutter ihr den stillen Krieg erklärt hatte.
Der Geburtstag von Frau Wagner rückte näher. Kathrin wollte mit Sebastian über ein Geschenk sprechen. Man geht ja nicht mit leeren Händen zu Besuch.
Warte lieber noch mit dem Aussuchen… meinte er. Es ist nicht sicher, ob wir überhaupt eingeladen sind.
Tatsächlich? Kathrin zog die Augenbrauen hoch.
Ja. Ich wollte es dir nicht sagen, aber… In unserer Familie bist du jetzt die Böse, Sebastian zuckte die Schultern.
Es stellte sich heraus, dass Johanna doch Arbeit gefunden hatte. Was blieb ihr auch übrig? Die Mutter hat nur eine kleine Wohnung, und zusammen wäre es schwierig geworden. Irgendwie muss man ja Geld verdienen.
Johanna arbeitete nun in einer Paketstation, mit der Bedingung, dass die Mutter sie im Notfall vertritt. Annalena war inzwischen im Kindergarten, aber sie war ja noch klein. Eingewöhnung, ständige Erkältungen…
Johanna bat ihre Mutter ohne Scheu um Hilfe. So sehr, dass Frau Wagner alle ihre Wochenenden in der Paketstation verbrachte. Die Schichten dort dauerten übrigens nicht acht, sondern zwölf Stunden. Manchmal musste Frau Wagner sogar ihre Hauptarbeit opfern, um ihrer Tochter zu helfen. Das ganze Gehalt ging an Johanna, die Mutter behielt keinen Cent.
Irgendwann hatte die Schwiegermutter genug. Sie merkte, dass Helfen gar nicht so einfach war. Als sie begriff, dass sie ausgenutzt wurde, hörte sie auf, fremde Schichten zu übernehmen und berief sich auf ihre Gesundheit.
Johanna ließ sich nicht beirren. Sie sah sich nicht als Arbeiterin und… kehrte zu ihrem Ex-Mann zurück. Nicht aus wiedererwachter Liebe oder Reue, sondern einfach, weil er trotz aller Fehler bereit war, sie zu versorgen.
Nun lebten sie wieder im gewohnten Kreislauf aus Streit, Vorwürfen und seltenen Waffenstillständen.
Weißt du, was das Lustigste ist? grinste Sebastian. Für die Frauen in meiner Familie bist du die Schuldige. Mama erzählt allen, dass, wenn diese Egoistin nicht so stur gewesen wäre, Johanna auf die Beine gekommen und nie zu diesem Grobian zurückgekehrt wäre.
Kathrin seufzte laut und verbarg das Gesicht in den Händen. Na toll, jetzt war sie die Sündenbock.
Vielleicht ist es auch besser so, sagte sie schließlich. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Die beiden lieben es, sich auf fremde Kosten einzurichten…
Sebastian zuckte nur die Schultern. Kathrin fühlte keine Erleichterung nach diesen Neuigkeiten, aber sie war froh, dass sie und ihr Mann rechtzeitig nein gesagt hatten. Vielleicht hat es sie damals Nerven gekostet, aber es hat ihre kleine, gemütliche Welt gerettet.





