Die Verwandten stellten ohne Zögern den Karton mit den Katzenbabys auf die Straße – Corgi folgte ihnen treu und weigerte sich entschieden, in die Wohnung zurückzugehen. Sein Zuhause bedeutete ihm ohne seinen geliebten Menschen nichts mehr…

Die Verwandten stellten ohne Zögern den Karton mit den kleinen Kätzchen auf den Gehweg in der Görlitzer Straße, irgendwo zwischen dichten Kastanien und flackernden Laternen, als ob sie im Nebel eines fremden Traumes verschwinden würden. Corgi lief schweigend hinterher das dumpfe Trappeln seiner Pfoten war das einzige, was in der unwirklichen Morgenstille zu hören war. Mit voller Entschlossenheit verweigerte er, auch nur einen Schritt zurück in die Wohnung zu machen. Für ihn war dort nun alles vorbei. Die Türen der Erinnerung schlossen sich leise, von Schatten durchzogen.
Die Verwandten, die entfernten, norddeutschen Tanten mit Dutt und bunter Einkaufstasche, verschwanden gleichgültig um die Ecke. Der Karton blieb stehen wie ein vergessenes Schiff auf dem Holstentor-Platz.
Corgi, wie Großvater ihn immer nannte, hatte mit der Hunderasse nicht viel gemein. Aus der Ferne erinnerte sein feuerrotes Fell und die kurzen Beinchen vielleicht an einen Dackel, aber eigentlich war er ein echtes Berliner Original: ein wildes Gemisch, mit einer fröhlich gefächelten Rute, die zu schwingen begann, wenn er einem unbekannten Wesen begegnete.
Corgi besaß eine fast schlafwandlerische Freundlichkeit, eine unermüdliche Offenheit gegenüber der Welt, und eine Sanftmut, die ihn zum Liebling aller geringen Glücklichen machte. Im Viktoriapark, wo der alte Herr Becker so hieß sein Besitzer ihn oft mit seinem Spazierstock ausführte, nannten ihn die anderen Hundebesitzer nur der Wirbelsturm aus Charlottenburg. Kaum wurde die Leine gelöst, stürzte sich Corgi neugierig ins Getümmel, wollte mit jedem, wirklich jedem ins Gespräch kommen: ob Dackel, Pudel, Student oder spielende Kinder. Für ihn gab es nur Begegnung, Spiel, gemeinsames Lachen.
Oft suchten andere Halter das Weite, wenn sie die knallrote Fellkugel sahen sie kannten die Konsequenzen: Ihre Vierbeiner wollten dann partout nicht mehr nach Hause zurück. So blieben auch Becker und Corgi manchmal stundenlang im Park; die einen warfen dem Hund Stöcke in Kälte und Regen entgegen, andere versuchten es mit freundlichen, aber müden Bitten. Corgi konnte das alles nicht kränken denn so etwas wie Groll war ihm völlig fremd, wie das seltsame Flackern einer vergessenen Erinnerung.
Dennoch wurde Herr Becker manchmal traurig, wenn man seinen Freund wegscheuchen wollte. Dann setzte sich Corgi eng an seine Seite, zog sanft an seiner Cordhose, kletterte auf den Schoß und leckte ihm über die knochigen Hände. Und tatsächlich schien dann die Sonne wieder ein Stück heller über den Straßen von Berlin.
Eines seltsamen Tages, als Becker auf einer knarrenden Bank einschlief, streifte Corgi einmal mehr in den verworrenen Winkeln des Parks umher. Beim Erwachen fand Herr Becker nicht nur den Hund, sondern ein rotgetigertes, kaiserlich gelassenes Katzenwesen, das neben dem Hund hockte und ihn forschend anschaute.
Na, hast du dir eine neue Freundin gesucht, Corgi?, murmelte der alte Mann.
Corgi wedelte glücklich, leckte Herrn Becker zuerst, dann die Katze. Dann plumpste er einfach zu ihren Füßen, als wäre das schon immer so gewesen. Und auch das rotgetigerte Tier war nicht abgeneigt, naschte an den angebotenen Apfelwürfeln und an einer verbliebenen Bockwurst, die Becker von seinem Mittagstisch herübergezaubert hatte.
Als der alte Mann nach Hause wollte, weigerte sich Corgi entschieden, ohne sein neues Katzenfräulein zu gehen.
Das kann doch wohl nicht wahr sein, Corgi, seufzte Becker leise. Aber Corgi sah ihn an, als wäre die Frage ohnehin beantwortet.
So zog das rotgetigerte Fräulein, das fortan Franzi hieß, in die kleine Wohnung im Hinterhaus ein. Monate später kamen drei flauschige Kätzchen zur Welt, wie himmelblaue Quarks aus einem Märchensalat. Corgi war außer sich vor Glück sorgte, wärmte, schlief mit den Kleinen wie ein altmodischer Kindermädchenhund, während Franzi würdevoll vom Fensterbrett aus das Treiben in der Möwenstraße beobachtete.
Der Alltag in der Wohnung ordnete sich neu. Becker besorgte Kratzbaum, Tierspielzeug, Streu und las jetzt abends Katzenratgeber, während die Nachbarn anfangs kichernd tuschelten, dann aber ehrlich gerührt wurden: Jeden Morgen führten der alte Herr, Corgi, Franzi und die drei Winzlinge eine Prozession durch die Hinterhöfe. Szenen wie aus einer anderen Zeit.
Bald verlegte sich alles auf den Innenhof, der näher war und sicher. Die Nachbarn grüßten, kamen auf einen Plausch vorbei, und die Kinder lachten. Die bunte Tierbande war jetzt Mittelpunkt der kleinen Gemeinschaft.
Dann aber brach ein Sonntagvormittag an, warmes Licht lag auf dem Pflaster, der Lenbachplatz war still von Erwartung. Plötzlich jaulte Corgi auf alle liefen zusammen. Herr Becker saß auf der Bank, leicht zur Seite geneigt, sein Gesicht trug ein kaum sichtbares Lächeln. Seine Augen blickten auf die Tiere, aber sie spiegelten nichts mehr wider.
Für ein paar Tage fütterten die Nachbarn die Tiere. Dann kamen die entfernten Verwandten es waren sie, die den Karton mit den Kätzchen und Franzi auf die Straße brachten. Corgi trottete schweigend hinterher. Die Wohnung, in der sein geliebter Becker nicht mehr lebte, war ihm nun fremd.
Die Nachbarn bedauerten es, doch niemand konnte alle fünf Tiere aufnehmen. So blieben sie an der Bank: Corgi, Franzi und die drei Kätzchen.
Der Herbst kam mit seinen kalten, endlosen Regentagen, Schnüre von Niesel fielen ohne Widerhall. Franzi drückte sich schützend um die Kleinen, Corgi rollte sich über sie wie eine wärmende Decke, als ob er Wärme aus einem anderen Traumland holen könnte.
Zuerst war es Frau Schulze aus dem ersten Stock, die grantig und in pinkenem Morgenmantel durch das Prasseln des Regens stürmte. Fluchend hob sie die Kätzchen auf, drückte Franzi an sich und rief Corgi schließlich zu:
Jetzt aber marsch ab nach Hause, alle miteinander!
Corgi folgte ihr brav wie ein Zirkushund, die Rute wedelte wie in Trance.
Nun führte sie den ganzen Tross: mal sie, mal die Enkelkinder, die ihr von ihren Kindern zur Erziehung überlassen wurden. Bald wurde Frau Schulze die Seele des Hauses. Die Nachbarinnen kamen mit Butterkuchen, Bouletten, und allerlei Leckereien, besonders für die Tierbabys. Frau Schulze schimpfte zwar, tupfte sich aber immer häufiger verstohlen eine Träne aus dem Auge.
Eines Tages klingelte der Hauswart, Herr Müller, an. Setzte sich, trank Tee, unterhielten sich. Beim Hinausgehen stoppte Frau Schulze ihn:
Halt, Sie haben Ihren Umschlag vergessen! Da ist ja nur Geld drin
Er schüttelte den Kopf:
Der ist für Sie. Gesammelt von allen im Haus. Nehmen Sie bitte.
Frau Schulze stockte der Atem. Dann küsste sie den Hauswart spontan auf die Wange. Herr Müller verschwand, rannte seltsam beschwingt ohne Aufzug die Treppe nach oben.
Zuhause fragte ihn seine Frau: Hat sie angenommen?
Er lächelte: Natürlich. Ich hab gesagt, es ist von allen.
Ganz recht, nickte seine Frau. Wir haben alles, was wir brauchen. Gib ihr jetzt jeden Monat was ab. Ich rede mit meiner Kollegin vom Amt, organisier das so, als käme es von dort
Frau Schulze unten vor der Haustür hörte alles. Presste eine Hand an den Mund und weinte still. Dann ging sie die Treppe hinauf, blieb am Türrahmen stehen, sagte leise zu Corgi:
Siehst du, mein kleiner Schatz Manchmal sind auch Lügen ein Segen.
Corgi schmiegte sich an sie, Franzi rieb sich sanft an ihrer Hand. Frau Schulze strich beiden mit zitternder Hand durchs Fell und flüsterte:
Danke. Nicht für mich. Für die Enkel
Das war alles oder doch nicht? Frau Schulze zog alle drei Enkel groß, zwei heirateten sogar. Inzwischen leben Corgi und Franzi bei einer der Enkelinnen. Und sie werden weiter geliebt.
So endet der Traum. Oder vielleicht beginnt er jetzt erst. Das andere das behalten wir für uns. Damit ihr euch nicht um die Sonne fürchtet.

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Homy
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