Tagebucheintrag
Heute muss ich einfach alles niederschreiben nicht nur um diesen Tag zu verarbeiten, sondern auch, weil ich mich immer noch frage, wie viel Glück und Mut man eigentlich an einem einzigen Abend aufbringen kann.
Vor einigen Jahren ich glaube, ich war sieben , hatten meine Eltern mir endlich ein eigenes, großes Zimmer in unserer Wohnung in München eingerichtet. Doch ich konnte mich überhaupt nicht daran gewöhnen, dort allein zu schlafen. Jeden Abend musste entweder Mama oder Papa bei mir bleiben, sonst wanderte ich nachts mit Kissen und Decke schnurstracks in ihr Zimmer. Weder gute Zureden noch pädagogische Gespräche halfen; ich blieb hartnäckig. Die Jahre verstrichen, und noch immer suchte ich nachts ihre Nähe.
Das änderte sich plötzlich, als eines Morgens ein kleiner, weißer Fellball vor unserer Haustür lag. Erst quiekte er verängstigt, dann machte er prompt ein kleines Pfützchen. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich das süße Wollknäuel als West Highland White Terrier und ich war direkt verliebt. Mama, dürfen wir sie behalten? Bitte, bitte! Bargaining begann: ordentlich lernen, immer mein Zimmer aufräumen, den Hund alleine ausführen und ganz wichtig: endlich im eigenen Zimmer schlafen. Die ersten Bedingungen akzeptierte ich sofort, die letzte ließ mich zögern aber mit einem neugierigen, tapsigen Hund als Gesellschaft? Ich warf meine Angst kurzerhand über Bord.
So zog Leni offiziell Leni von Grünwald bei uns ein. Laut Papieren zwar ein Terrier, im Wesen aber eine wahre kleine Dame mit ganz eigenem Charakter. Überraschenderweise hielt ich meine Versprechen: Von nun an schlief ich mit Leni in meinem Zimmer. Sie wich mir nicht mehr von der Seite, begleitete mich nachts und tagsüber durch mein Leben.
Leni war ein richtiges Schmuckstück: gepflegt, stolz und fast ein bisschen eitel. Andere Hunde ignorierte sie charmant, fremde Kinder behandelte sie mit einer stoischen Geduld, als würde sie freundlich darauf hinweisen, dass Lob immer willkommen sei. Versuchte ein Hund, auf Tuchfühlung zu gehen, zeigte sie jedermann ihr beeindruckendes Kiefer. Mama und ich schrieben uns kurzerhand in die Hundeschule ein, aber Leni blieb, wie sie war. Sie sieht Sie als ihr Rudel mehr braucht sie nicht, meinte der Trainer. Und ehrlich gesagt: wir kamen wunderbar zurecht, so wie wir waren.
Für die täglichen Spaziergänge wählten Leni und ich meist ein verwildertes Grundstück hinter unserem Mietshaus, wo einst Baracken standen heute übrig nur noch verfallene Fundamente und wild wachsende Obstbäume. Die meisten Hundebesitzer aus unserem Stadtteil Giesing bevorzugten die moderne Hundewiese im Park, aber ich genoss die verwunschene Atmosphäre im alten Garten, der nach ein wenig Abenteuer und stiller Freiheit roch.
Dort sollte Leni ihrem Schicksal begegnen.
Letzten Sommer wurde ich fünfzehn und Leni acht Jahre alt. Ich groß, schlaksig, das Smartphone immer dabei, und sie so entschlossen und würdevoll wie eine gestandene Dame. Während sie schnüffelte, war ich meist in Gedanken versunken. Dann wie aus dem Nichts stürmte ein riesiger, zotteliger Hund auf Leni los. Er erinnerte an einen Schäferhund, nur noch ein bisschen wilder vom Fell und voller Energie, die nie versiegen wollte. Er sprühte nur so vor Lebensfreude. Leni war sichtlich irritiert von diesem ungestümen Kerl.
Kurz darauf kam eine ältere Dame ich schätzte sie um die siebzig, das Haar grau, mit Gehstock hastig hinterher. Keine Sorge, mein Kind! Der Lumpi ist verspielt und tut niemandem etwas! Sie lachte warmherzig.
Ich musste zurücklächeln. Nur seine Zunge ist gefährlich. Er schleckt einen beinahe kaputt, scherzte ich, während Lumpi wie er sich vorstellte meine Hand begeistert abschleckte.
Bis jetzt durfte er nur in den Hof, aber mein Enkel, der übers Wochenende hier ist, ließ ihn gestern in die große Freiheit. Da war die Freude riesig! Und als er Ihre Hündin entdeckt hat, gabs kein Halten mehr.
Zwischen Leni und Lumpi entwickelte sich von diesem Tag an eine besondere Freundschaft. Er wartete abends auf uns, sie rief ihn mit einem hellen Bellen, und gemeinsam tobten sie im hohen Gras oder rollten sich in der Erde.
Oft brachte ich eine Decke mit, setzte mich unter die Apfelbäume und las, während die beiden nach ausgiebigem Spielen friedlich nebeneinander dösten. Ab und zu kam Frau Schulteis, wie sie hieß, dazu. Sie brachte Kekse und erzählte Geschichten aus ihrer Jugend in Bayern. Ich hörte ihr immer gerne zu; meist war sie nämlich allein, ihr Sohn und ihr Enkel kamen nur selten. Lumpi sollte angeblich klein bleiben, entwickelte sich aber zu einem stattlichen Riesen.
Allein von meiner Rente könnte ich ihn kaum ernähren. Ohne die Hilfe meines Sohnes unmöglich, gestand sie einmal leise, während Lumpi sie mit treuen Augen anhimmelte.
Mit dem Herbst verlagerten wir unsere Spaziergänge auf die frühen Abendstunden. Eines Tages, wir waren gerade losgelaufen und Lumpi war noch nicht da, parkte ein schwarzer SUV mit dröhnender Musik am Straßenrand. Drei betrunkene, junge Männer stiegen aus. Zwei von ihnen kamen wankend auf mich zu, und plötzlich spürte ich Gefahr.
Ich wich zurück unter den Apfelbaum und aktivierte stumm die Sprachaufnahme auf meinem Handy, ließ es in meine Jackentasche gleiten und flüsterte Leni zu: Hol Lumpi bitte sofort!
Leni zögerte nicht. Sie begann, mit tiefer Stimme zu bellen ein unverkennbarer Ruf nach Hilfe.
Guter Hund, rief einer der Typen lallend. Ist auch mal was los hier am Abend!
Feiner Wachhund, höhnte der andere und versuchte, Leni zu treten. Sie knurrte und zeigte die Zähne.
Komm, Mädchen, wir drehen mal eine Runde. Keine Angst, wir bringen dich schon heil zurück, sagte der Erste und packte meinen Arm.
Der zweite lachte dreckig und griff nach mir. Vielleicht kommen wir alle drei auf unsere Kosten!
Versuchsweise konfrontierte ich sie kühl: Ihr solltet lieber verschwinden. Der nächste Hund ist schon unterwegs und der ist vieles, aber sicher nicht freundlich. Ich hoffte, dass Lumpi kommen würde.
Die beiden Männer zogen mich grob Richtung Auto, einer trat erneut nach Leni, aber dann passierte es: Etwas Großes, Zotteliges krachte mit voller Wucht in den einen Angreifer. Lumpi! Ich habe ihn noch nie so wild, beinahe rasend gesehen Schaum tropfte aus seinem Maul, die Zähne entblößt, als würde er jederzeit zuschnappen.
Er stieß meinen Angreifer zu Boden, seine Flanke bebte vor Wut. Der andere Typ ergriff panisch die Flucht, sprang ins Auto und raste davon.
Ich stoppte die Aufnahme auf meinem Handy und rief direkt die Polizei. Mein Angreifer lag noch immer zitternd am Boden, Lumpi ließ nicht von ihm ab. Als die Beamten kamen, war er immer noch über und über mit Hundesabber bedeckt.
Ich beugte mich zu Lumpi herunter, legte vorsichtig die Hand um seinen Hals und flüsterte: Ist gut, Kumpel, du hast deinen Job mehr als getan. Die Polizei nahm den Mann fest und lieferte ihn, peinlicher geht’s kaum, mit nasser Hose ab.
Zitternd kniete ich mich zu Leni und Lumpi. Leni schmiegte sich wimmernd an mich. Jetzt ist alles gut, murmelte ich.
Ein paar Tage später wurde es noch stiller. Als ich abends mit Leni losging, war Lumpi nirgends zu sehen. Unterwegs, als wir am Haus von Frau Schulteis vorbeikamen, stand ein Krankenwagen am Tor. Die Nachbarin erklärte mir, die alte Dame sei schwer krank und schon tagelang fiebrig und schwach gewesen. Lumpi hatte gewinselt und so Alarm geschlagen nur deshalb hatte man sie rechtzeitig gefunden.
Ich besuche sie morgen, versprach ich.
Was wird jetzt aus Lumpi?, fragte die Nachbarin unsicher. In unserer Wohnung ist kein Platz für einen zweiten Hund.
Wir nehmen ihn, antwortete ich entschlossen. Unsere Wohnung ist zwar klein, aber das kriegen wir hin. Ich rede mit meinen Eltern.
Lumpi war dankbar, bei uns zu sein, auch wenn er traurig blieb. Nach jedem Besuch bei Frau Schulteis im Krankenhaus rannte er hoffnungsvoll zur Tür, als würde er fragen: Kommt sie endlich wieder nach Hause?
Allmählich erholte sich Frau Schulteis. Ich brachte ihr ein Tablet, damit sie und Lumpi per Video telefonieren konnten. Beim ersten Mal schnüffelte Lumpi neugierig ans Display, dann setzte er sich ruhig davor und starrte seine Besitzerin an. Frau Schulteis lachte und streichelte das Bild ich sah, wie ihr beide das Herz aufging.
Einige Tage später kam ihr Sohn nach München. Er bedankte sich, wollte alles wissen und meinte dann: Wir nehmen Mama jetzt zu uns sie soll nicht mehr allein sein. Aber Lumpi für einen so großen Hund gibt es in unserer Etagenwohnung einfach keinen Platz.
Machen Sie sich keine Sorgen. Er bleibt bei uns meine Eltern sind einverstanden. Lassen Sie bitte das Tablet hier, damit die beiden weiter Kontakt halten können.
Draußen blies der Herbstwind, Regen klatschte an die Fensterscheibe. Ich saß auf der breiten Fensterbank, eine Wolldecke um die Schultern geschlungen und blickte ins Dunkel. Neben mir schliefen Leni und Lumpi, den Kopf aneinandergelehnt.
Eine Geschichte war zu Ende gegangen, doch irgendwo da draußen, jenseits von Regen und Horizont, begann schon die nächste. Mit Wärme, mit Zusammenhalt und mit einem leisen, schützenden Knurren, das mehr bedeutet als alle Worte.




