9. Dezember
Wie oft noch? Ich warf das Geschirrtuch auf den Küchentisch. Ich bin seit einer Stunde von der Arbeit zurück, nicht mal umziehen konnte ich!
Jetzt fang doch nicht wieder an, sagte Andreas, der im Türrahmen stand und den Durchgang versperrte. Meine Mutter wollte nur kurz vorbeischauen.
Kurz? Im Ernst? Ich zeigte auf den Berg schmutzigen Geschirrs. Und die anderen zehn Leute sind auch nur zufällig reingeschneit? Alle auf einmal?
Aus dem Wohnzimmer schallte lautes Gelächter. Jemand drehte den Fernseher voll auf.
Sei doch nicht so, Andreas verzog das Gesicht. Ist doch nett, so zusammenzusitzen.
Nett? Du hörst dir Witze an und lachst, während ich zum dritten Mal Kartoffelsalat mache! Ich deutete auf den Haufen Kartoffeln. Und das um neun Uhr abends. Morgen habe ich eine wichtige Präsentation.
Immer diese Präsentation. Sind doch nur ein paar Bilder
Bilder? Ich wurde rot vor Ärger. Das ist ein Projekt im Wert von einer Million Euro! Ich
Liselotte! rief meine Schwiegermutter mit zuckersüßer Stimme. Warum dauert der Salat so lange? Die Leute warten!
Frau Gertrud trat in die Küche und strich sich das Haar zurecht.
Könnte man nicht wenigstens vorher Bescheid geben, wenn ihr kommt? Ich versuchte ruhig zu bleiben.
Ach, was soll das? Sie griff in die Schüssel mit Gurken und schnappte sich ein Stück. Die Familie kommt eben auf einen Tee vorbei. Früher war das ganz normal
Früher gabs keine Smartphones, murmelte ich.
Was hast du gesagt? Gertrud blinzelte.
Die Zutaten sind fertig, sagte ich demonstrativ und begann, die Wurst zu schneiden.
Andreas, wandte sie sich an ihren Sohn. Deine Frau ist wirklich nicht mehr zu bändigen. Keine Gastfreundschaft, kein Respekt vor Älteren
Mama, lass gut sein, Andreas trat von einem Fuß auf den anderen. Sie ist einfach müde.
Müde! schnaubte Gertrud. In ihrem Alter hatte ich vier Kinder, habe gearbeitet, gekocht, gewaschen. Und nie gejammert.
Wieder lautes Gelächter aus dem Wohnzimmer. Jemand rief: Andreas, komm mal her, Viktor erzählt was Lustiges!
Ich geh mal hören, freute sich Andreas und verschwand.
Wie immer, murmelte ich ihm hinterher. Kaum wirds ernst, ist er weg.
Sprich nicht so über deinen Mann! begann Gertrud. Sei froh, dass er dich geheiratet hat. Mit deinem Temperament
Ich hörte nicht mehr zu. Ich starrte auf das Messer in meiner Hand, das Schneidebrett, die Mayonnaisepackung Da fiel mir die kleine Flasche aus der Apotheke ein, die ich morgens gekauft hatte
Wissen Sie was, Frau Gertrud? sagte ich langsam. Sie haben recht. Ich mache jetzt alles fertig. Das wird ein Abend, den Sie nie vergessen.
Endlich! freute sich die Schwiegermutter. Ich rufe noch Frau Ziegler an, sie wohnt gleich um die Ecke.
Weißt du noch, Gertrud, wie deine Schwiegertochter letztes Mal das Risotto versalzen hat? rief Tante Waltraud aus dem Wohnzimmer. Wir haben die ganze Nacht Wasser getrunken!
Ja, ja, stimmte Gertrud zu und lugte aus der Küche. Liselotte kocht auf ihre Art.
Ich rührte schweigend den Salat und zählte innerlich bis zehn. Es klingelte erneut.
Das ist bestimmt Zina! rief Gertrud. Andreas, mach auf!
Ich bin beschäftigt! schrie er aus dem Wohnzimmer. Lise, kannst du bitte?
Meine Hände sind schmutzig, murmelte ich.
Was bist du nur für eine Ehefrau? jammerte Gertrud und ging zur Tür.
Vor der Tür standen nicht nur Oma Zina, sondern auch Andreas Schwester Marina mit Mann und Kindern.
Wir waren gerade in der Nähe, lächelte Marina und schob zwei schreiende Jungs in die Wohnung. Dachte, ich schau mal bei meinem Bruder vorbei.
Ihr wart alle in der Nähe, murmelte ich und griff zur nächsten Mayonnaisepackung. Halb zehn abends.
Was hast du gesagt? fragte Gertrud sofort.
Ich sagte, kommt alle an den Tisch, antwortete ich laut. Gleich ist alles fertig.
Ich holte die kleine Flasche aus der Tasche. Die Anleitung versprach Wirkung innerhalb einer Stunde, und man sollte in dieser Zeit besser nicht weit weg von Toilette und Zuhause sein Ich lächelte und goss ein Drittel der Flasche in den Salat.
Lise, gibts auch was Warmes? fragte mein Mann in die Küche. Marinas Jungs haben Hunger.
Kommt gleich, nickte ich. Alles wird fertig. Frikadellen, Kartoffelpüree, Soße heute ganz besonders.
Das ist meine Frau! freute sich Andreas. In letzter Zeit hast du ja kaum noch gekocht.
Immer nur Arbeit, stimmte Gertrud aus dem Flur zu. Nie Zeit für den Haushalt.
Heute gebe ich alles, rührte ich den Salat. Das wird ein Abend, den ihr nie vergesst.
Wieder klingelte es.
Oh, das sind bestimmt Viktor und Helene! rief Andreas. Die habe ich auch eingeladen.
Ich erstarrte mit dem Löffel in der Hand.
Noch mehr Gäste?
Na und? Er zuckte die Schultern. Wenn schon, denn schon. Viktor bringt übrigens seine Schwiegermutter mit, die ist gerade zu Besuch.
Ich blickte auf die fast leere Flasche, dann auf den Salat, schätzte die Gästezahl ab
Weißt du was, sagte ich und holte noch eine Packung aus der Tasche, ich mache die Soße auch besonders. Damit es für alle reicht.
Genau so! schallte es aus dem Wohnzimmer. Was ist ein Abendessen ohne Soße?
Ohne Soße geht gar nicht, stimmte ich zu und träufelte sorgfältig die Tropfen hinein. Hauptsache, alle werden satt.
So, alle an den Tisch! verkündete Gertrud feierlich. Seht, wie Liselotte sich Mühe gegeben hat.
Die Familie strömte zum ausziehbaren Tisch. Die Jungs griffen sofort zum Salat.
Vielleicht erst das Warme? schlug ich scheinbar fürsorglich vor. Der Salat muss noch ziehen.
Immer machst du alles kompliziert, winkte Gertrud ab. Gib den Kindern was zu essen.
Genau, stimmte Tante Waltraud zu und häufte sich den Teller voll. Früher gings auch ohne so viel Tamtam.
Heute wirds besonders, lächelte ich. Das verspreche ich.
Lise, warum isst du nichts? fragte Andreas mit vollem Mund.
Ich habe auf der Arbeit gegessen, lehnte ich am Türrahmen. Und beim Kochen habe ich mich schon satt gerochen.
Schau an, spottete Marina. Jetzt will sie nicht mal mit der Familie essen. Immer diese Kreativjobs
Apropos Arbeit, mischte sich Viktor ein. Kriegt ihr da wirklich Geld fürs Bildermalen? Manche Leute haben echt zu viel Zeit
Ich beobachtete schweigend, wie alle Nachschlag nahmen. Die Teller wurden beängstigend schnell leer.
Köstlich! schmatzte Oma Zina. Endlich kannst du kochen, früher gabs immer nur so neumodische Salate.
Ja, stimmte Helene, Viktors Frau, zu. Weißt du noch, letztes Mal dieser Caesar mit Croutons? Ich hatte den ganzen Abend Sodbrennen.
Heute gibts kein Sodbrennen, sagte ich leise. Heute gibts ganz andere Gefühle.
Was hast du gesagt? fragte Gertrud.
Vielleicht Musik für die Stimmung? schlug ich vor.
Gute Idee! Andreas sprang auf. Ich hole die Box.
Er blieb in der Tür stehen:
Lise, du bist heute irgendwie anders.
Ganz normal, zuckte ich die Schultern. Ich schaue nur zu, wie ihr euch satt esst. Fast, als würdet ihr Vorräte anlegen.
Ach, komm, er klopfte mir auf die Schulter. Siehst du, allen schmeckts. Sogar Mama lobt dich.
Hauptsache, es schmeckt, nickte ich. Übrigens, ich habe die Soße extra für deine Mutter gemacht, mit viel Liebe. Sie soll unbedingt probieren.
Ich sah auf die Uhr. Nach meinen Berechnungen würden die ersten Effekte in etwa einer halben Stunde einsetzen. Genau dann, wenn alle satt und entspannt sind.
Liselotte, gibts auch Tee? fragte Gertrud.
Natürlich, nickte ich und griff nach meiner Tasche im Flur. Aber ich muss jetzt dringend los. Die Arbeit ruft, Notfall.
Wie, jetzt? Andreas war empört. Mitten beim Familienessen? Hast du auf die Uhr geschaut?
Was ist daran so schlimm? Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte ich ehrlich. Ihr seid unangekündigt gekommen, ich gehe unangekündigt. So läuft das in Familien.
Diese Jugend, winkte Gertrud ab. Kein Respekt vor Traditionen!
Eine halbe Stunde später war von Respekt keine Rede mehr
Andreas, mir ist schlecht, murmelte Gertrud und hielt sich den Bauch.
Mir auch, verzog Viktor das Gesicht.
Vielleicht der Salat? überlegte Waltraud, kam aber nicht mehr dazu, denn sie sprang plötzlich auf und rannte Richtung Bad.
Hey, wohin?! Marina stürmte hinterher. Ich war zuerst!
Ich bin zuerst dran! protestierte Helene und versuchte, sie zu überholen. Mir ist wirklich
Nach fünf Minuten herrschte im Flur ein regelrechter Stau. Die Schlange zur Toilette reichte bis in die Küche.
Mama, mir ist schlecht! jammerten Marinas Kinder.
Wartet! fauchte sie und trat von einem Fuß auf den anderen. Oma Gertrud, dauert es noch lange?
Ich bin gerade erst rein! kam es von hinter der Tür, begleitet von Geräuschen, die an ein Maschinengewehr erinnerten.
Unfassbar, stöhnte Oma Zina und lehnte sich an die Wand. Früher gabs sowas nicht
Andreas! rief Gertrud aus dem Bad. Ruf sofort deine Frau an! Das ist alles ihr Kochen!
Andreas griff zum Handy, aber ich ging nicht ran. Nur eine Nachricht kam: Hoffe, das Abendessen war ein Erfolg. Übrigens, die Nachbarn haben auch ein Bad. Und Viktor wohnt im Haus nebenan. Lauft, meine Lieben, lauft. Vielleicht schafft ihrs noch.
Hat sie das mit Absicht gemacht? japste Waltraud und hielt sich den Mund.
Mama, komm raus! stöhnte Marina. Die Schlange geht bis zum Flur!
Ich kann nicht! heulte Gertrud. Was hat diese Person da reingemischt?!
Da klingelte es. Die Nachbarin von oben stand vor der Tür:
Ist bei euch alles in Ordnung? Bei mir wackelt schon die Lampe
Ich kann nicht mehr, kam es aus der Schlange. Vielleicht einen Notarzt?
Was für einen Notarzt?! schrie Andreas. Dann weiß es doch jeder!
Lieber vor den Nachbarn blamieren? fauchte Marina und versuchte, Viktor von der Tür zu drängen.
Andreas Handy piepte wieder. Nachricht von mir: Fast vergessen morgen reiche ich die Scheidung ein.
Was heißt Scheidung?! kreischte Gertrud, als sie endlich das Bad verließ. Andreas, das darf sie nicht!
Später, brüllte Viktor und stürmte als Erster ins freie Bad. Jetzt gibts wichtigere Probleme!
Marinas Kinder jammerten synchron. Helene begann, die Nachbarn anzurufen. Oma Zina schimpfte über die Jugend. Und das Handy piepte weiter:
Keine Sorge um meine Sachen die habe ich mitgenommen, während ihr gegessen habt. Guten Appetit noch!
P.S. Besonders schön, wie du, Andreas, meine Bilder gelobt hast. Ab jetzt bringen sie nur mir Geld. Und das Projekt für eine Million habe ich gestern erfolgreich abgeschlossen. Ich bleibe also nicht ohne Arbeit.
Du wirst wohl schnell eine neue Köchin für deine Familie suchen müssen. Aber denk dran ab jetzt musst du selbst kochen, fürs Restaurant reicht das Geld nicht mehr. Ich habe alles vom Konto abgehoben du hast doch nichts dagegen? Wir sind ja Familie!
Die Schlange vor dem Bad wurde immer länger. Irgendwo schrie Marina: Die Nachbarn machen nicht auf!!!
Und ich saß inzwischen in einem gemütlichen Café am anderen Ende von München, nippte an meinem Cappuccino und fühlte mich zum ersten Mal seit drei Jahren vollkommen frei.





