Educational
014
Mitten in der Silvesternacht nahm ich die Kinder, packte die Sachen und fuhr zwei Stunden vor Mitternacht zu meiner Mutter – wegen der Demütigung durch meinen Mann
Damals, es ist schon viele Jahre her, packte ich die Kinder ein und fuhr noch vor Mitternacht zu meiner
Homy
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015
Silvester allein mit drei Kindern: Mein Mann feiert lieber mit Freunden und lässt uns im Chaos zurück
Mein Mann ist feiern gegangen und hat mich mit drei Kindern allein gelassen Findest du wirklich, dass
Homy
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09
Gestohlenes Glück Sie begegneten sich im schmalen Durchgang zwischen zwei Lattenzäunen – die eine, die Grigori nach Gesetz seine rechtmäßige Ehefrau nannte, und die andere, die es nach jedem Recht des Herzens hätte werden sollen, es aber nie wurde… Es war eine trostlose, stille Zeit – klirrende Kälte hatte alle Menschen ins warme Hausinnere getrieben. »Nur ein schlechter Traum, weiter nichts!«, schoss es Tatjana durch den Kopf, während sie prüfend ins rosige Gesicht ihrer Rivalin blickte. Die Rivalin selbst ahnte nichts von Tatjanas Gefühlen. Ihr Name war Akulina. Grigori war für Tatjana immer unerreichbar gewesen. Nicht einmal im Traum hätte sie daran gedacht, dass Akulina – längst seine Ehefrau, Ehefrau Ustinovs, Mutter seiner Kinder, Großmutter seiner Enkel – an seiner Seite war. Das dürfte eigentlich nicht so sein; immer wieder träumte sie davon, dass es anders wäre, und in Wirklichkeit blieb nur ein schwerer Traum, in dem alles so ganz anders lag. »Nein und nochmals nein – Gott möge mich erschlagen!«, dachte Tatjana jedes Mal, wenn sie Akulina aus der Ferne oder Nähe sah. »Es kann nicht sein, dass diese Frau nach demselben Gesetz lebt wie alle anderen! Sie lebt nach einem fremden, gefälschten Gesetz! Hätte sie ihr eigenes – sie wäre niemals Grigoris Frau geworden! Mutter seiner Kinder! Großmutter seiner Enkel!« Doch das Schlimmste war nicht, dass sie es glaubte – das Schlimmste war: Niemand sonst auf der Welt, keine lebendige Seele, würde je diesen Betrug erkennen! Schrei, spring in den See, brenn das ganze Dorf nieder – niemand wird es merken, niemand glauben, niemand begreifen! Kein einziger Mensch außer ihr selbst! Menschen kommen ohne Arme, ohne Beine zur Welt, blind, taub, stumm, wahnsinnig, hässlich, von früher Kindheit an zum Tod verurteilt – alles schon dagewesen, doch das ist offensichtlich. Aber hier wurde ein Geheimnis geboren, stumm, taub, das auf der ganzen Welt nur Tatjana Pankratowa kannte! Und hier stand sie, Akulina, auf dem schmalen, schneebedeckten Pfad, und als würde sie Tatjanas schlechten Traum vorwärtstreiben, fragte sie interessiert: »Wie geht’s dir denn, Tatjana Pawlowna?« »Ich lebe…« »Ich lebe auch!«, lachte Akulina, drehte sich nach rechts, dann nach links, als wolle sie sich zeigen. »Siehst du!« Ihr Gesicht war schneeweiß… In Pokrowka wusste man – sie hat ihr Gesicht nie ungewaschen schlafen gelegt, weder als Mädchen noch als Frau, sondern immer mit Buttermilch gereinigt. Auf dem weißen Gesicht – große, runde, leicht hervortretende Augen. Sie trug eine schwarze Walkjacke mit weißem Pelzbesatz, ein puscheliges Schultertuch und neue, noch ungetragene Filzstiefel. Tatjana erinnerte sich beim Anblick plötzlich: Sonntag! Sie hatte vergessen, welcher Tag heute war, doch Akulina war von Kopf bis Fuß sonntäglich, festlich gekleidet. »Und wie kommst du, Tatjana Pawlowna, ausgerechnet in unsere Seestraße heute? Wohin führt dein Weg?« In die Seestraße von Pokrowka war Tatjana nur aus Neugier auf Ustinovs Haus gekommen; sie hatte ihn drei Tage nicht gesehen und wollte wissen, dass er, Grigori Ustinov, noch lebt – an seinen Gardinen in den Fenstern konnte sie das ablesen. Hätte man nach rechts über den Zaun geblickt, hätte man zwei Fenster von Ustinovs Hütte im Hof gesehen, aber Tatjana schaute nicht hin, Akulina hingegen warf einen kurzen Blick auf ihren Hof und fragte nochmals: »Wohin gehst du denn?« »Einfach so…« Akulina grinste. »Und dein Mann, wie geht es dem, dem Michail? Hab schon lange nichts mehr gehört von ihm.« »Er lebt«, seufzte Tatjana schwer. »Wie immer, zimmert er an der Treppe, werkelt an Holz. Ruhig lebt Michail. Es gibt wahrlich nichts über ihn zu erzählen…« Und plötzlich trat sie auf Akulina zu und fragte laut und fordernd: »Und wie lebt Ustinov derzeit? Grigori Leonidowitsch? Der bekannte Mann? Ständig beschäftigt, oder?« Eine andere hätte schon geflucht, losgeschrien – »Ach du Miststück! Schläfst heimlich mit fremdem Mann? Schleichst dich nachts zu meinem Mann ins Haus, lauerst unter seinen Fenstern – obwohl du selbst einen Ehemann hast? Vor aller Augen, öffentlich?!« In Pokrowka verzieh man das nicht einmal den armseligen Witwen, warum also einer Ehefrau? Doch Akulina tat das nicht. Für einen Moment wich sie zurück, ihr weißes Gesicht verdunkelte sich – doch dann fielen auf jede Wange eine feuchte Schneeflocke, beide schmolzen, liefen über die Wangen wie zwei Tränen und wuschen alle Kränkung, allen Groll fort… So blieb Akulina: tüchtig, schön, festlich gekleidet und – freundlich noch dazu. Und sie fragte weiter: »Grigori Leonidowitsch ist doch fast jeden Tag bei dir im Gemeinderat? Dir muss ich nicht viel erzählen über ihn?« »Ich frage eben. Drei Tage hab’ ich ihn nicht gesehen… Nicht im Gemeinderat.« Tatsächlich hatte Akulina das gewisse Etwas, das sie zur Ehefrau Grigori Ustinovs machte – und Tatjana wurde davon noch banger, bereute, dass Akulina sie nicht anschrie und beschimpfte. »Er ist immer in Arbeit und Sorge, unser Grigori Leonidowitsch«, erklärte Akulina. »Ob im Gemeinderat, in seiner Kommission – Müßiggang ist bei ihm nie. Nicht als junger Mann, nicht als Erwachsener. Vater, Großvater.« »Ist es nicht langweilig mit so einem? Immer so fürsorglich und ernst? Ein ganzes Leben lang?« Und wieder lächelte Akulina nur leise, schwieg, und erinnerte sich dann: »Manchmal war es schon langweilig! Wirklich! Ich hab meine Jugend an seiner Seite gar nicht oft bemerkt. Da waren unsere Großeltern, die halfen bei der Kinderaufzucht, beim Vieh – wir Jungvermählte hätten frei feiern, spielen können. Aber Grigori Leonidowitsch hatte nur Bücher im Kopf, nie Festlichkeiten. So war es immer.« »Warum hast du ihn dann geheiratet – den Langweiler?« Seltsam eigentlich, dass sie überhaupt so ins Gespräch kamen, aber Akulina sprach ruhig, als wäre sie ganz unter sich: »Mein Vater wollte es. Seliger Papa. Ich folgte ihm, verstand: Wenn ich in der Jugend etwas vermisse, kommt das später zurück.« »Und – war’s so?« »Natürlich! Nach ein zwei Jahren fand ich seinen Charakter wunderbar. Ich wunderte mich, wie es in anderen Häusern so viel Streit, Schimpfen, Trinken gab. Wenn ein Mann seine Frau aufs Feld schickte und sich auf den Ofen warf – so was fände ich schrecklich! Ich bin anderes gewohnt: dass alles seine Ordnung hat, und was schlecht läuft, das macht Leonidowitsch nicht!« »Ein leichtes Leben. Und keineswegs ein Frauenleben!« »Genau das ist ein Frauenleben! Und ich sag’s dir: Ich hab ihn mir verdient! Später wurde aus Grigori Leonidowitsch ein hochgeachteter Mann, und als junger erinnert sich kaum jemand an ihn – er war eine graue Maus, nur mit seinen Büchern beschäftigt, für die Mädchen uninteressant … Nur ich bin ihm gefolgt, danke meinem Vater! Die anderen bissen sich später vor Ärger in die Ellbogen, aber zu spät! Die beste Zeit war vorbei!« Akulina lächelte plötzlich und lachte sogar. Eine kluge Frau lachte ein naives Mädchen an. So war Akulina, nicht im Traum, sondern wirklich! Sie nahm Tatjana sanft am Ärmel, zog sie aus der Gasse heraus auf die Straße und erzählte weiter von jener besten Zeit, als sie die erste Braut von Pokrowka war, immer in ihren gelben Schnürschuhen mit hohen Absätzen – während Tatjana arm war und sich mit einem Messer im Stiefelschaft gegen aufdringliche Heiratskandidaten wehrte. Und jetzt gingen sie nebeneinander, zwei der schönsten Frauen von Pokrowka. Wie beste Freundinnen, unzertrennlich! Die eine ging von Kindheit an auf hohen Absätzen und kam nie ins Straucheln; die andere kannte Absätze nur vom Hörensagen, und doch schritten sie heute Seite an Seite, überraschten die sonntägliche, zwar stille, aber wachsame Pokrowkaer Straße. Doch Tatjana blieb nicht lang das naive, wortlose Mädchen, legte lachend einen Arm um die Freundin und sagte: »Du, Akulina, könntest mich doch mal zu euch ins Haus einladen! War noch nie bei den Ustinovs zu Gast!« Akulina stockte. Sie gingen noch ein Stück weiter zur Haustür. Akulina zog die Riegel, öffnete das Hoftor mit dem neuen, dicken Lederriemen – da war der Hof, die Veranda, das Haus der Ustinovs! Dieser Mensch lebte wie alle: eine große Küche mit Tisch in der Ecke, der Herd mit blauer Bordüre… Tatjana warf einen Blick ins Wohnzimmer – sauber, wenn auch nicht wie bei ihr zu Hause, wo Ficus und Kommode stehen und sonst nichts; hier stand allerlei herum – Kindersachen, die Wiege, nackte Enkel flitzten umher, und mittendrin saß auf einem Schemelherd Grigoris Tochter Liza, barfüßig, sommersprossig und schwanger, nähte hektisch einen Mantel. Verwundert nickte sie Tatjana zu: »Was sucht Tatjana Pankratowa in unserem Haus?« Liza war kein böses Weib, aber sehr einfältig, verschluckte die Worte beim Reden… Und im Nebenraum: was man in Pokrowka selten sieht, außer bei den Ustinovs und wenigen anderen – Bücher. Ein Schrank mit Glas, voller Bücher. Tatjana hatte anderswo schon mehr Bücher gesehen, aber nicht im Bauernhaus, sondern im Gutshaus, wo sie als Kind Dienst tat. Sie schleppte Holz und Wasser ins Haus, putzte Böden, und der Sohn des Hauses brachte ihr Lesen und Schreiben bei, ließ sie laut lesen, dann selbst, und all die vielen Bücher schienen endlos – zwei Wände voll! Tatjana lernte gerne, und sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie dachte: So viele Bücher schafft kein Mensch im ganzen Leben zu lesen. Doch da packte ihr Lehrer, der junge Herr, sie an der Brust, schob sie auf das Sofa mit den geschnitzten Löwen… Sie war nur kurz verdattert, und schon lag der Lehrer auf dem Fußboden unter den starren Blicken der Löwen – mit nasser, roter Nase und den Füßen in der Luft. Damals war Tatjanas Ausbildung vorbei. Ihr Leben in Mittelrussland auch – im Sommer zogen sie und ihr Bruder mit den Eltern nach Sibirien, in den Tomsker Kreis… Der Bruder starb unterwegs, und wäre es nicht so gekommen, sie hätten vielleicht ein fast märchenhaftes neues Dorf gefunden. Tatjana war den Leuten in Pokrowka nie böse, aber manche Sehnsucht nach anderen Menschen blieb. Sie bereute nur, dass sie im Gutshaus nicht all die schönen Bücher lesen konnte, die von solchen Menschen erzählten. Dieses ungestillte Verlangen und die schmerzliche Verlusterfahrung drückten jetzt, beim Anblick der Bücher hinter Glas, so schwer aufs Herz, dass sie Grigori beneidete und wütend wurde – er hatte alles aus den Büchern erfahren, was sie nicht konnte! Warum teilte er sein Wissen nicht? Warum konnte er es ihr nicht erzählen? Akulina erzählte er’s bestimmt, auch wenn sie keine Lust darauf hatte… Davon hätte sie gerne gelernt! Und hätte damals der Lehrer mehr gewagt, sie hätte ihn nicht abgewehrt – nein, nicht abgewehrt! Indes legte Akulina Schal und Walkjacke ab, stellte nasse Filzstiefel auf den Ofen zum Trocknen und sagte: »Zieh dich aus…« – Doch Tatjana stand noch immer da, blickte auf die Bücher, und Akulina warf einen Blick dorthin. »Ach, lass doch… Soll sie halt lesen…«, sagte sie, ohne zu präzisieren, wer »sie« war. »Andere hätten die Büchlein längst verbrannt, damit der Mann keinen Unsinn treibt, aber ich – mir reicht’s so! Weniger Wohlstand, dafür keine Vorwürfe im Haus. Mein Schwiegersohn Schurka bringt mir genug Tadel, da brauch ich das nicht auch noch! Sollen die Bücher bleiben! So schlimm ist das nicht. Zieh dich aus, Tatjana!« Tatjana setzte sich auf die Ofenbank, zog den Rock aus, öffnete die Tür zur Diele, um ihn hinauszuwerfen – da schoss der Hund Barin ins Haus. »Schluss jetzt! Was machst du hier, du Vieh!«, schimpfte Akulina. »Weißt du nicht, dass du nicht ins Haus darfst! Raus jetzt!«, und sie griff nach dem Ofenholz. Aber Barin wich nicht, legte sich auf den Boden, zitterte, und heulte mit erhobenem Kopf. Es war ein klagendes, angsterfülltes Heulen. »Und wo ist der Hausherr?«, fragte Tatjana sofort. »Ist Grigori Leonidowitsch zu Hause?« Wenn Tatjana in Ustinovs Haus ging, fürchtete sie mehr als alles, Grigori zu treffen – sie wüsste nicht, was sie sagen, wie sie grüßen sollte. Doch jetzt kam eine viel stärkere, noch unbekannte Angst, und sie fragte Akulina: »Wo ist er? Wo ist der Hausherr?« Doch Akulina ahnte keinen Verdacht, wurde rot, drehte ihr den Rücken zu und schimpfte weiter mit Barin. Mehrmals schwang sie das Feuerholz, rief dann beleidigt: »Im Wald ist er, unser Grigori Leonidowitsch! Wenn du es so genau wissen musst – seit heute Morgen. Hoch zu Ross…« Barin heulte weiter, Akulina drohte ihm: »Jetzt hau ich dir aber die Schnauze ein, wirklich. Oder glaubst du mir nicht?« Ob Barin es glaubte oder nicht – er winselte weiter, schüttelte den nassen Leib, Eiszapfen hingen am Schwanz und an den Ohren. Tatjana beugte sich zu Barin, griff in sein Fell, dort, wo der Fleck am größten war. Als sie die Hand öffnete, sah sie: bräunliche, riechende Flüssigkeit. »Blut! Blut ist das!« »Na und? Der Hund kann sich doch leicht irgendwo gerauft haben! Er ist sehr friedlich, aber hat schon mal einem anderen Rüden ein Ohr abgebissen, ganz gleich, dass der größer war!« »Das ist nicht sein, nicht Barins Blut. Er hat keine Wunde!« »Wessen dann? Wenn du es weißt!« »Vielleicht… Grigori Leonidowitsch…«, antwortete Tatjana schluchzend und verbarg das Gesicht. Da wurde Akulina endgültig wütend: »Genau das hast du wohl gebraucht! Feine Besucherin, eingeladene, sehen wollte, wie es bei uns ist!«, Akulina schleuderte das Holz in die Ecke, trat Barin, drehte sich um und flüchtete ins Wohnzimmer. »Ihm geschieht nichts, Grigori Leonidowitsch! Den ganzen Krieg hat er überlebt, ist zu mir zurückgekehrt, meine Gebete hat er gehört, und jetzt sollte ihm plötzlich was zustoßen? Glaub ich dir nicht! Keinen neidischen Zungen glaub ich, niemandem!« An der Fensterscheibe rannen die Schneeflocken hinab, es klang, als wollte ein unsichtbarer Besucher ins Haus, ganz vorsichtig… Doch im fernen Wald, ahnte Tatjana, wo das Unglück geschah, gab es keine Vorsicht. Dort herrschte Grausamkeit, blind und taub gegen jedes Leid, gegen alles Blut. Liza rannte mit Nadel in der Hand aus dem Zimmer, bleich, verängstigt – sie glaubte Tatjana: »Unglück! Es ist bestimmt ein Unglück passiert! Der Hund weiß es, es ist was mit Papa!« Tatjana packte sie an den Schultern: »Auf welchem Pferd ist Grigori losgeritten?« »Auf Mokoschka! Kluges Tier, aber was weiß man schon! Pech, pures Pech!« Liza konnte kein r rollen, aber sie sprach schnell, zitterte, starrte auf Barin. Barin stand schon auf den Hinterläufen, schlug mit den Vorderpfoten an die Tür und forderte die Menschen zum Mitkommen auf. »Gleich, gleich!«, versprach Tatjana ihm. »Jetzt! Liza!«, rief sie gebieterisch. »Renn vors Haus, spann das Pferd an, wir fahren! Barin zeigt uns den Weg!« »Aber wir haben heute keine Pferde, Tatjana Pawlowna! Gar keine mehr, Papa auf Mokoschka, Schurka auf dem neuen, meine Stute lahmt… Nichts mehr da! Nichts! Wie auf Befehl! Nichts, nichts, nichts! Willst du uns alle umbringen – es ist nun mal so!« Liza heulte, umklammert den riesigen Bauch, kreischte los, wollte Tatjana irgendwas durch das Heulen erklären, aber Tatjana hörte nicht mehr zu und stürmte aus dem Ustinov-Haus. Halbe Stunde später, oder weniger, trat Michail aus der Tür und sah, wie seine Frau hastig das Scheckpferd einspannte, und daneben hüpfte, bellte und winselte der bunte Hund – Barin, der Ustinovsche. »Wohin so eilig?«, fragte Michail zögerlich. »Es muss sein!«, antwortete Tatjana. »Mach schon, öffne das Tor!« *** Ustinovs Gesicht erschien Tatjana totenblass, weißer als Schnee; erst als er sagte: »Wer ist da?«, war sie sicher, dass er lebte. Er fragte: »Welches Pferd hab ich? Miroshka? Ist er wahrhaft tot? Mein Miroshka…« »Er ist tot!«, sagte Tatjana mit der Hand an den eiskalten Lippen des Pferdes, weinte, wusste nicht, ob Ustinov überleben würde. Seine Stimme war schwach, klang wie von drüben. »Wie konntest du sie abwehren, Grigori?« »Hätte ich das gewusst… Zwei hab ich getroffen, die anderen flohen.« Mit zerfetztem Ärmel zeigte er auf einen toten Wolf im Schnee, den Tatjana erst über den Pferderücken erkannte. Eine zweite blutige Spur führte in den Wald. Ustinov tastete nach Tatjanas Hand, führte sie zur kalten Nüstern des Pferdes. Noch tropfte warmes, zähes Blut… »Er ist wirklich… ganz fort?« »Ganz.« Plötzlich sah er sie an, verwundert: »Tatjana? Woher?« Sie antwortete nicht, er wiederholte: »Wie kommst du hierher? Seltsam…« »Seltsam! Ich sollte hier nicht sein, oder? Jemand anderer sollte hier sein, nicht ich? Aber sie ist nicht da, Grigori! Sie ist nicht da und wäre nie hier! Merk dir das, Grigori!« »Und Miroshka?«, fragte Ustinov leiser. »Lassen wir ihn zurück?« »Er ist kalt!« »Und ich bin auch kalt! Ganz kalt!« »Quatsch! Nicht ganz! Wärt ihr beide wirklich kalt, hätte ich euch hier gelassen! Aber solange noch ein Funken Wärme da ist, nehme ich dich mit! Ich geb dich nicht her!«, rief sie und brachte ihn ins Schlitten, drängte das Pferd an: »Los jetzt, zieh! Lebendig bist du – zieh!« Barin heulte, wollte Miroshka nicht allein lassen, leckte ihm über die Schnauze, fiel in den Schnee. Wollte nicht glauben, dass es zu spät war. »Rücken heil, Grigori?«, fragte Tatjana, peitschte das Pferd. »Heil…« »Bauch?« »Auch heil…« »Bein vielleicht?« »Rechts Oberhalb Knie aufgerissen… Und wohin bringst du mich, Tatjana?« »Kaum erwischt dich mal das Unglück, Ustinov! Zu wenig haben Menschen und Tiere dir angetan! Dir müsste man die Zunge herausreißen!« »Bist du bei Sinnen, Tatjana? Warum?« »Damit du nicht mehr fragst – wohin! Damit du schweigst, egal wohin! Damit du jetzt in meiner Stube, in meinem Bett schweigend liegst! Ich pflege den Verletzten, bin die Schwester der Barmherzigkeit! So, jetzt wird’s Zeit!« »Du meinst das ernst, Tatjana? Bist du denn verrückt geworden?« »Wir haben genug gespielt, dieses endlose »man darf nicht, kann nicht, soll nicht«! Du hast deine Frau, ich meinen Mann, aber brauchen wir die? Genug betrogen! Jetzt ist es an der Zeit – ich nehme dich zu mir, nimm mein Eigenes! Wer fragt, sage ich: Meins hab ich im Wald gefunden, mein Eigentum hab ich vom Feld geholt. Meinem Menschen bin ich so viele Jahre gefolgt, immer allein… Jetzt, wem gehört er? Jeder Mensch mit Herz versteht mich! Nur du nicht – und ich frage dich nicht! Du allein bist so verständnislos, so herzlos – aber diesmal hör ich nicht auf dich, nein! Alles vorbei! Heute bin ich die barmherzige Schwester – nur das zählt! So lang ich will, sorg ich dich heute!« »Hör mir zu, Tatjana… So läuft das nicht…« »Genug! Hab genug gehört! Dein ewiges »darf nicht« hab ich Jahre lang geschluckt! Jetzt reicht’s!« Und so fuhren sie, über unberührte Kuppen, mal in völliger Dunkelheit, mal im fahlen Licht des zaghaften Mondes, dann bellte Barin, jagte voraus. Ustinov stöhnte: »Auf dem Solowka kommen sie, Tatjana. Am Barin hör ich’s – auf dem Solowka!« Tatjana hielt an, sie schwiegen. Auch Barin verstummte vorn. Ustinov dachte: »Akulina?«, aber glaubte es nicht. Auch Tatjana dachte an die Walkjacke, die pelzbesetzte, an das ruhige, helläugige Gesicht. »Ist sie es? – Unmöglich!« So warteten sie schweigend — wer zu ihnen kam? Schurka, der Schwiegersohn Grigoris, kam. Er hielt das Pferd, rief: »Wer da? Freund oder Feind?« Zuerst bellte Barin: »Ach, Schurka, erkennst nicht deinen Herrn? Was los mit dir, Schurka?« Aber Ustinov schwieg. Und Tatjana schwieg. »Wer da?«, rief Schurka noch lauter, noch unruhiger. »Ich bin’s!«, antwortete endlich Ustinov. »Warum schweigt ihr denn, Vater, wenn man fragt?« Ustinov schwieg weiter, Schurka fragte: »Mit wem seid ihr unterwegs?«, trieb sein Pferd, kam näher, erkannte: »Du, Tatjana Pawlowna? Also, du? Von wo hast du Vater hierher gebracht? Aus welchem Unglück? Und wo ist Miroshka, Vater?« »Den hat’s getroffen… Endgültig. Und ich bin selbst schwer verwundet… Wer schickte dich zu mir?« »Lizonka, Vater. Ich war zu Besuch. Und wir, Vater, mit Mischka Gorjatschkin, wir haben gar nicht getrunken. Kein bisschen Karten gespielt.« »Bist du nüchtern, Schurka?« »Kann sofort pusten, Vater! Kein Tropfen mit Mischka! In welchem Schlitten fahrt ihr weiter, Vater? In dem oder in eurem? Na? Warum schweigt ihr? Ist euch schlecht?« Grigori blickte Tatjana finster an, als liege in der Entscheidung schon die Antwort – ob er bei ihr bliebe, trotz aller gesellschaftlichen Regeln, ob als neuer Mann Schluss wäre mit heimlichen Blicken, Andeutungen, unausgesprochenen Gefühlen… Bleibt er, oder… »In meinem fahr ich…«, sagte er und wandte sich ab. Schurka sprang, schleppte seinen Schwiegervater umständlich, an Tatjana vorbei, über ihre Knie, sie saß stumm, bewegungslos, dann fragte sie leise: »Und was ist mit mir? Was wird aus mir? Was – mit mir?« Ustinov stöhnte vor Schmerz. Schurka half ihm, prüfte, ob er blutete. Tatjana fragte immer nur: »Was wird aus mir?« Endlich lag Ustinov ganz in Schurkas Schlitten, Schurka bettete ihn in den Stroh, drehte das Pferd um und fuhr wortlos, ohne Tatjana auch nur einen Blick zu schenken, heimwärts.
Gestohlenes Glück Sie trafen sich im engen Durchgang zwischen zwei Zaunreihen die eine, die laut Standesamt
Homy
– Ich mache es kurz: Ich bin die Geliebte Ihres Mannes! Wir haben uns all die Jahre heimlich getroffen. Ja! Schauen Sie nicht so entsetzt und kippen Sie nicht um… Julia bereitete das Abendessen vor, ihr Mann Alex sollte in einer Stunde heimkommen. Die zehnjährige Tochter Karina war beim Tanzunterricht. In einer halben Stunde würde sie hereinplatzen, die Tasche in die Ecke werfen und sich an den Tisch setzen, gespannt aufs Abendessen. Dabei würde sie von Freundinnen, Erfolgen und der Lehrerin erzählen… Julia lächelte. Sie lauschte ihrer Tochter immer gern. Es klingelte an der Tür. Für Alex war es zu früh; und einen Schlüssel hatte er ohnehin. Also wohl Karina, die mal wieder den Schlüssel vergessen hatte. Doch als Julia öffnete, stand eine junge, fremde Frau vor ihr. – Ich mache es kurz: Ich bin die Geliebte Ihres Mannes. Wir sehen uns schon seit Jahren heimlich. Ja! Keine großen Augen machen, bitte nicht umfallen. – Wie viele Jahre sind das? – Drei Jahre. Es war für mich immer angenehm – alleine leben und einen Mann, der ab und zu kommt. – Keine Ausgaben, keine Verpflichtungen – weder finanziell noch im Haushalt. Ja! Ich habe nicht gewaschen, nicht gekocht, nicht sauber gemacht. Daran will ich auch nichts ändern. – Ich wäre nicht zu Ihnen gekommen, aber ich bin schwanger. Ein Zufall, aber jetzt ist es zu spät. Julia erinnerte sich, wie schwer es war, Mutter zu werden. Bei ihr war alles in Ordnung, doch Alex hatte Probleme und es klappte nur durch eine künstliche Befruchtung. Der erste Versuch scheiterte, aber beim zweiten Mal kam der ersehnte Erfolg – Karina wurde geboren. Und nun das… – Was meinen Sie damit, Sie wollen nichts ändern? Sie haben einen Mann, der „immer mal kommt“ – und jetzt soll er der Vater, „der kommt“, sein? – Nein, nicht ganz. Ich werde einen Mann und ein Kind haben, die immer mal kommen. – Interessant. Wie stellen Sie sich das vor? Der Vater erzieht das Kind und kommt zu Ihnen, damit das Kind seine Mutter sieht? – Ja. Das Kind war nicht geplant, es war ein Unfall. – Alex hat immer gesagt, er könne keine Kinder bekommen? – Offenbar kann er es doch! Ich will sehen, unter welchen Bedingungen mein Kind aufwächst. Ganz logisch. – Deine Tochter und Alex kümmert sich, auch wenn er nicht der leibliche Vater ist. Nun wird es sein Kind sein – und die Erziehung bleibt an dir hängen. – Wissen Sie was? Sie sind ohnehin nicht eingeladen. Ihren Namen kenne ich nicht. Ihr “Mann” wohnt hier ab jetzt nicht mehr. Sie können seine Sachen holen. Der Rest interessiert mich nicht! Julia wollte die Tür schließen, als sie ihre Tochter sah, die gerade heimgekommen war. – Mama, was war das eben? Ein Kind? Und warum ist Papa nicht mein richtiger Vater? – Hast du das alles gehört? Dann wird es Zeit, dass ich dir alles erkläre. – Mama, ich bin kein kleines Kind mehr, fast elf. Ich werde es verstehen. Julia erzählte alles. – Du bist meine Tochter, aber Papa liebt dich. Er ist auf dem Papier dein Vater. Wir haben so sehr auf dich gewartet. – Und jetzt wartet er auf ein neues Kind, aber du wirst nicht dessen Mutter sein. Ich werde nicht die Schwester. Richtig? – Nun ja… du hast recht. Und noch etwas… du bist alt genug – ich will nicht mehr mit Papa zusammenleben. – Ich werde dir helfen, Mama. Keine Sorge. Ich bin schon groß, er kann ruhig gehen. Ich habe euch beide lieb, aber diese Frau… die da kam… Er kann zu ihr gehen. Alex kam nach Plan nach Hause. – Was ist denn los? Keiner begrüßt mich, keiner umarmt mich? Normalerweise empfing ihn Karina immer, doch heute war es still, sie blieb in ihrem Zimmer. – Julia, wo ist Karina? Hat sie sich beim Tanzen verspätet, ist sie krank? – Deine Geliebte war da. Sie ist schwanger. Von dir! Willst du mir erklären, was sie hier gesucht hat? – Julia, bitte versteh mich. Es ist mein Kind, ich kann es nicht verleugnen. – Weißt du, was sie vorhat? – Ja, sie wollte es gar nicht, aber… Wir haben Karina, jetzt gibt es noch ein Kind. Es wird mein Kind sein, es wird bei mir leben. – Bist du sicher? Dein Kind? Erinnerst du dich an deine Diagnose? – Es gibt Ausnahmen! – Wunderbar. Du gehst jetzt zu deiner “Ausnahme”. Sofort, deine Sachen kannst du später holen! – Nein, Julia! So geht das nicht! Dort wartet niemand auf mich… Oder doch, aber anders. – Hier wartet auch niemand mehr. Du bist hier nicht mehr willkommen. Geh! – Und Karina? Ich bin doch ihr Vater, wenn auch nicht der richtige. Was wäre schlecht daran, wenn mein Kind mit uns lebt? Mein eigenes Kind – ganz gerecht. – Über Fairness hat mir die andere Mutter schon erzählt. Finde erst mal raus, ob es wirklich deins ist. Und dann – verabschiede dich. Julia ließ sich von Alex scheiden. Er musste gehen, die Wohnung gehörte Julias Eltern. Sie hatten ein Haus gebaut, aber die Wohnung nie überschrieben – das spielte aber ohnehin keine Rolle. Alex blieb ohne Bleibe. Als „Mann, der nur ab und zu kommt“, passte er der Geliebten besser – ihr Lebensstil sollte so bleiben. Um das Kind sollte sie sich auch nicht kümmern. Mutter wollte sie werden, aber um das Kind kümmern? Nur spielen, Spaß haben, das reichte ihr. Keine schlaflosen Nächte, keine Windeln, kein Kranksein… Das wollte sie nicht. Nach der Geburt verlangte sie Unterhalt, verlor aber vor Gericht. Ob sie das Kind ordentlich erzieht, weiß niemand. Alex’ Diagnose blieb, eine leibliche Verbindung wurde nie bestätigt. Auf dem Papier hat er nur eine Tochter – Karina. Doch die will keinen Kontakt. Alex zahlt Unterhalt, versucht seine Familie zurückzugewinnen – aber Julia will ihn nie wiedersehen. So einfach ist es eben doch nicht, es sich auf zwei Hochzeiten mit einem Hintern gemütlich zu machen… Was haltet ihr von dieser Geschichte? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und gebt ein Like!
Ich will nicht lange drumherum reden. Ich bin die Geliebte Ihres Mannes! All die Jahre habe ich mich
Homy
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08
„Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, erklärte mein Mann. – Vital, wir müssen reden, – sagte Irina, als die Kinder endlich schliefen. – Willst du das Problem mit deiner Mutter überhaupt lösen? Heute habe ich rohes Fleisch in der Waschmaschine gefunden – und gestern hat sie das Wasser in der Badewanne laufen lassen und ist einfach gegangen. Wenn ich eine Stunde später mit Sonja von draußen zurückgekommen wäre, hätten wir drei Stockwerke überflutet! – Ach Irina, – sagte Vitali müde und schloss die Augen, – sie ist halt alt und vergesslich. Du verlierst deinen Schlüssel doch auch manchmal. – Das ist nicht Vergesslichkeit, Vitali. Das ist Demenz. Eine ernstzunehmende, fortschreitende Krankheit! Deine Mutter ist eine Gefahr für sich und für uns. Weißt du eigentlich, dass wir zwei kleine Kinder in der Wohnung haben? Was ist, wenn sie den Herd anmacht, das Gas laufen lässt, es vergisst und dann ein Streichholz anzündet? Irina entdeckte eine rohe Hähnchenkeule in der Trommel der Waschmaschine, als sie gerade Kinderwäsche waschen wollte. Das Fleisch begann schon zu riechen. Sie streckte sich, rieb sich den schmerzenden Rücken und lauschte – aus dem hinteren Zimmer klopfte es regelmäßig. Irina seufzte lang: Die Schwiegermutter hatte wieder ihre Marotten. Sie sah nach – Antonina Iwanowna saß auf dem Bett, hielt einen schweren Kamm in der Hand und schlug regelmäßig damit auf die Heizung. – Mama, bitte, hören Sie auf, – bat Irina leise. – Die Kinder schlafen gerade. Die Nachbarn kommen sonst gleich wieder. Genug! Die Schwiegermutter sah sie mit trüben Augen an. Schon lange erkannte sie ihre Schwiegertochter nicht mehr. Manchmal nannte sie sie Schwester, manchmal eine alte Freundin, meistens aber schaute sie einfach misstrauisch. – Die da unten machen wieder Krach, – nuschelte Antonina Iwanowna, ohne mit dem Schlagen aufzuhören. – Irgendwas sägen die. Hörst du? Sägen. Nachts sägen sie, und jetzt wieder. Muss die Polizei rufen. Wer bist du eigentlich? – Keiner sägt hier was, – versuchte Irina vorsichtig, ihr den Kamm wegzunehmen. – Das sind nur die Heizungsrohre. Kommen Sie, trinken wir lieber Tee zusammen. Ich habe frische Brötchen gekauft. – Brötchen… – Die Alte erstarrte, dann wurde sie misstrauisch. – Und wo sind meine Frikadellen? Hast du sie gegessen?! Ich habe extra drei Frikadellen versteckt für heute Abend. Du hast meine Frikadellen geklaut?! Irina seufzte. Die Schwiegermutter hatte die Frikadellen tatsächlich versteckt – gestern fand Irina sie im schmutzigen Kopfkissenbezug. Heute entdeckte sie die Hähnchenkeule in der Waschmaschine. Wann hört das endlich auf?! – Niemand hat etwas geklaut, Mama. Kommen Sie mit in die Küche. Der ganze Tag war ein einziges Hin und Her. Der fünfjährige Sohn traute sich kaum noch aus seinem Zimmer – morgens hatte ihn die Oma als verkleideten Spion bezeichnet und damit zu Tode erschreckt. Die kleine Sonja war quengelig und merklich angespannt. Irina hetzte zwischen Herd, Windeln und der Schwiegermutter hin und her, die dreimal im Hausschuhen in den Hausflur laufen wollte, weil sie „ins Geschäft Salz holen müsse“. Als sich im Schloss der Haustür ein Schlüssel drehte, schwante Irina Übles. Ihr Mann kam heim. Der nächste Nervenkrieg würde gleich losgehen. Wie immer. – Hallo, – er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. – Kinder, hallo! Mama, wie geht’s dir? Antonina Iwanowna verwandelte sich sofort. Ihr Rücken wurde gerade, sie lächelte und streichelte ihren Sohn am Arm. In solchen Momenten wirkte sie beinahe normal – wie eine erschöpfte, alte Frau. Vitaly glaubte sowieso nicht, dass seine Mutter nicht mehr klar ist. Er hatte sie nachts noch nie an der Gasleitung erwischt. – Vitali, mein Junge, – säuselte sie. – Die schikanieren mich hier. Lassen mich hungern. Sie nimmt alles aus meinem Zimmer mit, lässt mich nicht mal kämmen. Den Kamm hat sie mir weggenommen! Vitaly warf Irina einen kurzen Seitenblick zu. – Irina, was soll das? Warum ärgerst du meine Mutter? Das macht man nicht! Irina ging wortlos in die Küche – diskutieren hatte keinen Zweck. Sie wollte warten, bis die Schwiegermutter im Bett war, ehe sie erneut mit ihrem Mann sprach. Kaum hatte sie die Kinder hingelegt und kam selbst ins Schlafzimmer, fing der Mann wieder an: – Irina, wenn du jetzt wieder anfängst, meine eigene Mutter ins Heim abschieben zu wollen, kannst du dir die Worte sparen. Das wird nicht passieren! Willst du, dass sie dort zu einem Gemüse wird? Niemals, Irina! – Das ist kein Heim, Vitali. Es gibt private Pflegeheime mit medizinischer Betreuung. Dort gibt es Fachpersonal und Sicherheit. Sie kann sich dort nicht mehr verletzen! Es wäre besser für sie, verstehst du? Einen festen Tagesablauf, Beschäftigung… – Schluss jetzt! – brüllte Vitali plötzlich. – Ich bin kein Verräter. Meine Mutter hat ein Zuhause, sie hat einen Sohn. Solange ich lebe, bleibt sie hier wohnen. Du bist einfach nur faul, Irina. Du willst sie nicht betreuen. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause – ist es wirklich so schwer, sich um eine alte Frau zu kümmern? Irina platzte der Kragen. – Bist du ernsthaft? Weißt du, wie das ist? Alle fünf Minuten kontrollieren, wo sie ist und was sie gerade macht? Ich kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen! Sie macht unseren Kindern Angst! Begreifst du das nicht? Sie geistert nachts schlafwandelnd durch die Wohnung, ich schlafe kaum noch, Vitali! Ich liege die halbe Nacht wach und lausche, ob aus ihrem Zimmer verdächtige Geräusche kommen! – Halte durch, – wischte er sie unwirsch ab. – Das ging uns allen mal so. Meine Oma war auch schwierig, meine Mutter hat sie bis zum Ende gepflegt. Das ist deine Pflicht, Irina. Akzeptier es. Vitali drehte sich um und tat so, als würde er schlafen. *** Die nächste Woche wurde zum Alptraum. Antonina Iwanowna schlief nachts gar nicht mehr. Sie tigerte schlurfend durch den Flur und redete mit unsichtbaren Menschen. Zweimal fand Irina sie an Sonjas Bettchen. Die Schwiegermutter stand da, starrte das Kind an und murmelte: – Das ist nicht unser Kind… Ausgetauscht… Zurückbringen… Irina kriegte Gänsehaut. Sie sprach mehrmals mit ihrem Mann, der winkte nur ab. Am Donnerstag kam die Nachbarin von unten. Klara Petersen – eine strenge Frau ohne Sentimentalität – stand mit festen Worten vor der Tür. – Schau mal, Irina, – sagte sie. – Ich hab ja Verständnis für Krankheit und Alter… Aber gestern Nacht hat deine Schwiegermutter so auf die Heizkörper gehämmert, dass mir der Putz von der Wand fiel! Ich habe hohen Blutdruck, ich brauche meine Ruhe. Und heute Morgen warf sie aus dem Fenster – Gott sei Dank hat sie meinen Enkel nicht am Kopf getroffen! – Was hat sie geworfen? – Irina wurde bleich. – Rohe Kartoffeln. Hängt halb aus dem Fenster und schmeißt! Kümmert euch besser oder ich schreibe ans Sozialamt. Das ist doch nicht normal. Irina entschuldigte sich, versprach, dass es nicht wieder vorkommt – sie glaubte selbst nicht mehr daran. Am Abend sprach sie erneut mit ihrem Mann. Vitali winkte ab: – Die Nachbarin ist eine Nörglerin, hör nicht auf sie. Ich kaufe Fenstersicherungen. – Vitali, sie wird sie ohnehin öffnen! Was bringen deine Riegel? – Dann pass besser auf! Du bist doch zu Hause und hast eh nichts zu tun. Ich arbeite und kann mich um so etwas nicht kümmern. Diesmal erreichte Irina wieder nichts. *** Samstagmorgen machte sich Vitali mit Freunden zum Angeln auf – ein Tagestrip. – Du kannst mich nicht das ganze Wochenende alleine mit ihr lassen! – stellte Irina sich ihm im Flur entgegen. – Ich bin am Ende, Vitali. Ich brauche auch mal eine Pause! Warum muss ich immer alles alleine stemmen?! – Übertreib nicht. Mama ist heute ruhig, sie schaut Fernsehen. Ich komme morgen Abend wieder, bringe dir einen Fisch mit. Erhol dich, hält dich doch keiner ab. Leg die Kinder hin und mach es dir angenehm! Der Mann fuhr los. Der Tag verlief überraschend ruhig: Antonina Iwanowna saß stundenlang im Sessel und sortierte alte Postkarten. Die Kinder spielten, Irina schaffte sogar, Wäsche zu bügeln. Sie begann zu zweifeln, ob sie vielleicht wirklich übertrieben hatte? War vielleicht doch alles gar nicht so schlimm? Am Abend brachte sie die Kinder ins Bett und fiel selbst in einen traumlosen, bleiernen Schlaf. Sie wurde von einem stechenden Geruch geweckt, der ihr Herz wild schlagen ließ. Gas. Irina sprang auf, noch im Schlafanzug, rannte in den Flur. In der dunklen Küche, schwach beleuchtet vom Licht der Straßenlaterne, stand die Schwiegermutter. Antonina Iwanowna war an allen vier Herdplatten, drehte sie auf, ohne Feuer. In der Hand hielt sie ein Streichholzschächtelchen. – Mama! – Irina stürzte auf sie zu, packte die Hand, im gleichen Moment, als das Streichholz bereits rieb. Es zündete. Irina konnte es im letzten Moment löschen, verbrannte sich die Finger. – Was machen Sie da?! – japste sie und drehte schnell das Gas aus. – Sie hätten uns alle umbringen können! Die Schwiegermutter sah sie kalt an: – Mir war kalt, – sagte sie knapp. – Wollte mich aufwärmen. Du bist böse. Du hast mir das Feuer weggenommen. Irina öffnete das Fenster weit. Sie zitterte. Hätte sie nur eine Minute später reagiert … ein Wunder, dass nichts passiert war. Sie sperrte die Schwiegermutter im Zimmer ein, setzte sich im Flur vor die Kinderzimmertüre und blieb dort bis zum Morgengrauen – jedes Geräusch im Ohr. *** Vitali kam am Sonntag bestens gelaunt zurück. – Na, wie geht’s euch? Angeln war spitze! Schau mal, was ich an Barsch mitgebracht habe. Irina kam in den Flur, noch in der Kleidung von letzter Nacht, das Gesicht blass, Augen tief eingesunken. – Warum bist du schon wieder unzufrieden? – Vitali runzelte die Stirn, stellte seinen Beutel mit Fisch auf den Boden. – Deine Mutter hat heute Nacht fast die Wohnung in Brand gesetzt, – sagte Irina leise. – Sie hat Gas aufgedreht und fast ein Streichholz angezündet. Ich war rechtzeitig da. Eine Sekunde später – und mich und die Kinder hätte es nicht mehr gegeben. Du wärst zu einer Ruine nach Hause gekommen, Vitali. Der Mann erstarrte. – Ach was… Du übertreibst wieder! Wahrscheinlich war der Herd nur nicht richtig ausgestellt. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. – Ich habe alles gepackt. Meine Sachen, die der Kinder. Wir fahren jetzt zu meiner Mutter. Sofort. – Irina, was soll das? – Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie wich zurück. – Das war doch nur ein Missverständnis… Wir finden schon eine Lösung. Ich baue ein Schloss an die Küchentür ein… – Nein, Vitali. Es gibt keine weiteren Lösungen. Ab sofort ist es deine Verantwortung. Du hast gesagt, du bist kein Verräter? Gut. Dann kümmerst du dich jetzt rund um die Uhr. Jetzt suchst du ihre Zahnbürste im Spülkasten, fischst rohes Fleisch aus deinen Turnschuhen und hörst dir nachts ihr Spion-Geschwätz an. Ich will nur, dass unsere Kinder am Leben bleiben! Eine Stunde später holte ihr Bruder sie ab. Irina packte die Kinder und verließ die Wohnung, ohne auf das Klopfen aus dem hinteren Zimmer zu achten. – Mama! – rief Vitali, als sich die Tür hinter seiner Frau schloss. – Mama, hör auf! – Da klopfen sie wieder… – kam die alte Stimme aus dem Zimmer. – Fangen an zu sägen, Viti. Sag dem Mädchen, sie soll gehen, sie hat mir meine Frikadellen gestohlen… *** Drei Tage lang rief ihr Mann immer wieder an, Irina ging nicht ans Telefon. Am vierten Tag kam eine Nachricht: „Komm zurück. Bitte. Ich kann nicht mehr.“ Als sie wieder in die Wohnung kam, schlug ihr Übelkeit entgegen: Es roch säuerlich, nach ungewaschenem Körper und etwas Fauligem. Vitali saß im Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Haare zerzaust, Augenringe schwarz – als hätte er eine Woche nicht geschlafen. In der Ecke auf dem teuren Perserteppich saß Antonina Iwanowna und zerriss mit stoischer Ruhe eine Zeitung in kleinste Stücke, flüsterte dabei. – Sie schläft nicht mehr, Irina, – stammelte Vitali. – Sie legt sich einfach nicht hin! Gestern wollte sie ein Stück Seife essen – als ich sie ins Bett bringen wollte, hat sie mich gebissen. Sieh mal. Er zog den Ärmel hoch, zeigte blaue Flecken und Bissspuren. – Ich arbeite im Homeoffice, sie hat mir den PC-Stecker rausgezogen und versteckt. Ich hab drei Stunden gesucht. Gefunden habe ich ihn im Gefrierfach. Irina… ich bin kurz vorm Durchdrehen. Gestern hat sie das Bild von unserem Sohn im Aschenbecher verbrannt – meinte, das wäre schwarze Magie. Irina, ich bin bereit für das Pflegeheim. Ich verstehe jetzt, du hattest recht! Mama ist ernsthaft krank, sie braucht professionelle Hilfe. Irina setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Endlich hatte er es begriffen… *** Antonina Iwanowna bekam einen Platz in einem privaten Pflegeheim. Der Sohn besucht sie regelmäßig. Nun sind auch er und Irina ruhiger – die Oma fühlt sich dort wohl. Das Personal ist freundlich, gutes Essen, frische Luft… Sogar neue Freundinnen hat sie gefunden. Ihren Sohn erkennt sie gut, nach den Enkelkindern und der Schwiegertochter fragt sie allerdings nie. Die gibt es nicht mehr – in ihrer Welt. —- NEUER TITEL: „Meine Mutter bleibt hier wohnen!“, beharrt mein Mann – Wenn Angehörige mit Demenz zur Zerreißprobe für die Familie werden und wie wir beinahe an Pflege und Verantwortung zerbrochen wären
Mama wird hier wohnen, erklärt der Ehemann. Tobi, wir müssen reden, kommt Annemarie ins Schlafzimmer
Homy
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013
Für immer geflohen: Alenas mutiger Ausbruch aus der Ehehölle – Als niemand ihr half, wagte sie mit ihrem Sohn den Schritt ins neue Leben
Für immer weg Hast du ihm schon wieder widersprochen?, fragte ihre Mutter, während sie die Einkäufe sortierte.
Homy
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010
Auf die Mutter hören lohnt sich – Warum Dennis’ erste große Liebe zur Familienkrise wird und echte Erwachsene selbst ihre Brötchen verdienen!
Man sollte auf seine Mutter hören Warum bist du so wütend, Mama? Fühlst du dich verletzt, weil ich glücklich bin?
Homy
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013
Nur durch einen DNA-Test – Wir nehmen keine Fremden! So erklärte es die Schwiegermutter und forderte von Maria eine saftige Ablösesumme für ihren Sohn, während am Küchentisch zwischen Geld, Ehre und Verantwortung verhandelt wird
Nur durch einen DNA-Test. Fremde brauchen wir hier nicht, erklärte die Schwiegermutter. –
Homy
„Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist und woher, weiß keiner. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und übernimm Verantwortung für deine Taten.“ – Olya, hast du gehört? Bei uns im Dorf sind Leute auf Dienstreise angekommen, um zu helfen. Wollen wir heute Abend in die Dorfdisco gehen? – grinste Mascha zufrieden im Sessel. „Mascha, bist du verrückt? Und wohin mit Vladi? Soll ich ihn etwa mitnehmen?“ – lachte Olya. „Was, wenn wir Tante Lilo fragen?“ – schlug Mascha vorsichtig vor. Olya winkte ab. „Ach, die ist immer noch sauer wegen Vladi. Sie wollte mich unbedingt mit Andreas verheiraten, stattdessen bin ich zum Studieren in die Stadt – und kam ohne Abschluss, aber mit Babybauch zurück. Ein ganzes Jahr war sie beleidigt, erst seit zwei Monaten spricht sie wieder mit mir. Geh allein hin, vielleicht hast du Glück und findest jemanden!“ Mascha seufzte. „Na gut, dann gehe ich mit Tanja. Und morgen erzähle ich dir alles!“ Am nächsten Morgen stürmte Mascha herein – und ausgerechnet heute war auch Olyas Mutter zu Besuch. Olya legte den Finger auf die Lippen, aber da war schon alles zu spät. „Schade, dass du gestern nicht dabei warst. Da waren Jungs… Einer hat mich sogar nach Hause gebracht, Wowa heißt er. Redselig und witzig. Heute habe ich ein Date!“ – platzte Mascha heraus. Olyas Mutter fragte tadelnd: „Bestimmt verheiratet, oder?“ Mascha zuckte die Schultern. „Weiß nicht, hab’ nicht in den Ausweis geschaut. Und wenn schon – wenigstens mal was zum Erzählen.“ „Ach, Mädels, was macht ihr bloß? Andreas wäre doch ein guter Ehemann! Meine hat ihr Glück schon verspielt, aber du, Mascha, könntest ihm noch den Kopf verdrehen“, schwärmte Tante Lilo. „Ach, Tante Lilo, wer will den denn, samt seiner lieben Mutter! Um Himmels willen, so ein Glück brauche ich nicht!“ – entgegnete Mascha. Sie wandte sich an Olya: „Da war so ein Junge gestern… Alle waren hin und weg, aber er ist mit seinen Freunden nur dagewesen und dann allein gegangen. Nicht mal eine zum Tanzen aufgefordert.“ Tante Lilo sagte nachdenklich: „Olya, du solltest auch mal wieder rausgehen. Ich pass auf Vladi auf – vielleicht triffst du ja jemanden. Einen ordentlichen, zuverlässigen Mann. Aber heirate keinen Verheirateten, die riechen sofort, wenn eine Frau allein ist. Verstanden?“ Olya nickte überglücklich und konnte nicht anders, als ihre Mutter zu küssen. „Geh schon, Schleimerin“, grummelte die. Im schönsten Kleid stand Olya später mit ihren Freundinnen in der Dorfdisco und erzählte lachend – endlich wieder unbeschwerte Zeit! „Schaut mal, er ist wieder da“, flüsterten die Mädels. Olya schaute neugierig hin – ihr Herz schlug wild. Sie wandte sich abrupt ab und flüsterte Mascha zu, sie wolle nach Hause, sicher weine Vladi schon. „Olya, echt jetzt? Das erste Mal abends draußen und dann schon wieder weg? Nicht mal ein einziger Tanz?“ – staunte Mascha. Doch Olya blieb hart: „Ich geh. Und zu dir kommt bestimmt dein Wowa. Langweilig wird dir ohne mich nicht.“ Da, an der Tür, fasste sie plötzlich jemand an der Hand: „Darf ich bitten, schöne Frau?“ Olya wollte ihre Hand wegziehen: „Ich tanze nicht!“ Doch der Herr blieb hartnäckig: „Schenken Sie mir einen Tanz, bitte.“ Als sie sich endlich umdrehte, stockte ihr das Herz – es war ER. Die zufällige Begegnung, die ihr Leben verändert hatte. Doch anscheinend erkannte er sie nicht wieder. Sie war erleichtert und lächelte: „Na gut, aber nur einen Tanz. Ich muss gleich los.“ Er drehte sie gekonnt zur Musik. „Ihr Mann wartet sicher schon?“ fragte er. „Ich bin nicht verheiratet.“ „Na dann habe ich ja eine Chance?“ – zwinkerte er charmant. Olya wich zurück: „Brich dir bloß keine Illusionen!“ – und rannte hinaus. Auf dem Heimweg weinte sie. Sie hatte ihn ein Leben lang nicht vergessen, sich sofort verliebt – und er erkannte sie nicht. Damals hatten sie sich im Zug getroffen, Olya enttäuscht nach dem vergeigten Uni-Examen, er unterwegs zu den Eltern. Er tröstete sie, brachte sie zum Lächeln. „Ich heiße Max. Gib mir einen Spitznamen, alle tun das.“ „Maxtl klingt witzig“, lachte Olya. „Und du?“ „Olya.“ „Das hätte ich mir denken können – ein königlicher Name.“ Sie unterhielten sich. Olya erzählte vom Prüfungsfiasko, von ihrer strengen Mutter. „Bereite dich im Winter gut vor, dann schaffst du es nächstes Mal!“, riet Max. Olya war begeistert. Er sah sie nachdenklich an, lobte ihr Aussehen, kam näher, küsste sie plötzlich. Ihr wurde schwindlig, Süße und Scham mischten sich. Max stieg vorher aus. „Ich finde dich wieder!“ versprach er. Doch er hatte nie nach Adresse gefragt. Dann erfuhr Olya vom Baby – und die Mutter spie Gift: „Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher – niemand weiß es. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus. Übernimm endlich Verantwortung für dein Leben!“ Olya arbeitete bis zur Geburt in der Bücherei, dann nahm sie Mutterschutz. Mascha holte sie aus dem Krankenhaus ab, die Mutter blieb weg. Erst als Vladi fünf Monate alt war, kam sie erstmals mit Geschenken. „Was so früh zurück? War wohl langweilig da? Und wie geht’s Vladi?“ – fragte sie, und lächelte beim Anblick ihres schlafenden Enkels. Olya schloss die Tür hinter ihr, versuchte zu schlafen, schlief erst im Morgengrauen ein – beim Füttern machte Vladi Faxen mit dem Brei. „Iss brav, sonst wirst du nie so groß und stark wie dein Papa.“ „Meinst du mich? Das hört man gern. Ist das etwa mein Sohn?“ – erklang da plötzlich eine Stimme. Olya ließ den Löffel fallen. „Du? Wie? Woher?“ Max grinste: „Ich habe gesagt, ich finde dich! Nur wusste ich nicht, dass ich inzwischen Vater geworden bin. Damals hab ich vor lauter Aufregung gar nicht gefragt, wo du wohnst. Aber vielleicht wollte das Schicksal, dass wir uns wiedersehen.“ Vladi lachte – und am Morgen entdeckte die Mutter einen glücklichen Olya und einen Mann, der mit dem Sohn auf den Schultern durchs Zimmer rannte. „Ist ER das?“ fragte die Mutter. „Ja!“ – strahlte Olya. Die Mutter reichte Max die Hand: „Ich bin Lilo Georgievna. Und was für ein Mann und Vater Sie sind – das werde ich streng beobachten.“ Max schüttelte die Hand und nickte. „Hab’ ich verstanden.“
Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher ich weiß es nicht. Ich schäme mich für dich.
Homy
Educational
010
Ohne Option auf Nein – Eine Silvesternacht zwischen Pflichtgefühl, Familie und dem ewigen Spagat eines deutschen Taxifahrers, der zwischen Krankenhausfahrten, vermissten Kindern, Rentnern im Winter und dem eigenen Wohnzimmer versucht, zu retten, was zu retten ist, und dabei lernt, warum Ehrlichkeit zu Hause manchmal wichtiger ist als jeder Einsatz draußen
Ohne Rückzugsmöglichkeit Ich bin spätestens um Mitternacht wieder daheim, hundertprozentig sagte er
Homy