Mitten in der Silvesternacht nahm ich die Kinder, packte die Sachen und fuhr zwei Stunden vor Mitternacht zu meiner Mutter – wegen der Demütigung durch meinen Mann

Damals, es ist schon viele Jahre her, packte ich die Kinder ein und fuhr noch vor Mitternacht zu meiner Mutter ausgerechnet wegen dem Verhalten meines Mannes.

Bist du dir sicher, dass der Salat reicht? Das sieht doch ein bisschen dürftig aus, so eine kleine Menge da im Kristallschälchen, tönte es aus dem Mund meines Mannes Hermann, und in seiner Stimme lag mehr Vorwurf als Sorge, während der Dunstabzug der kleinen Frankfurter Küche rauschte.

Ich, Elisabeth, ließ mich beim Schneiden der gekochten Möhren nicht aus der Ruhe bringen es war etwa vier Stunden bis das neue Jahr anbrechen sollte. Meine Beine fühlten sich an wie nach einer Wanderung durchs Taunus-Gebirge, und meine Hände rochen schon so sehr nach Roter Bete und Zwiebeln, dass es mir vorkam, als würde ich das nie wieder loswerden können. Ich legte das Messer ab und schaute ihn an.

Hermann stand schon komplett herausgeputzt in der Tür: frisches Hemd, das ich ihm noch am Morgen gebügelt hatte, und in ordentlichen Anzugshosen. Ein Cognacglas in der Hand, während noch nicht mal die Gäste eingetroffen waren, betrachtete er kritisch die große Salatschüssel.

Es ist ein klassischer Kartoffelsalat, Hermann. Sage und schreibe drei Kilo, in einer Riesenschüssel. Wie kommst du auf ‘dünnes Süppchen’?, sagte ich leise, denn ich hatte Angst, schon wieder in einen Streit zu geraten. Wäre besser, du würdest das Brot schneiden oder nach den Kindern sehen. Jakob und Greta streiten mal wieder wegen des Tablets, ich höre schon das Geschrei aus dem Kinderzimmer.

Ach, du weißt doch, ich hab keine Geduld für Schnibbelarbeiten meine Hände sind für anderes gemacht, grinste er und nahm einen großzügigen Schluck. Die Kinder? Die lassen doch eh gleich die Raketen steigen, ist doch Silvester! Konzentrier dich besser darauf, dass die Ente durch ist. Peinlich vor den Schulzes sind doch Leute mit Geschmack und Stand.

Ich trat ans Fenster, draußen tanzten große Schneeflocken im Licht der Straßenlaternen. Im Herzen wuchs ein wütender, schwerer Kloß. Dieser Silvesterabend sollte ein stilles Familienfest werden, nur wir vier: Ich, Hermann und die Kinder der siebenjährige Jakob und die fünfjährige Greta. Ich hatte mir so gewünscht, ein paar Mandarinen zu essen, Loriot zu schauen und gleich nach den Böllern ins Bett zu fallen. Das Jahr hatte uns zugesetzt: Jobverlust, Nebenjobs, Renovierung in Mamas Wohnung. Ich war ausgebrannt.

Doch eine Woche zuvor hatte Hermann die Pläne ohne Rücksprache über den Haufen geworfen: Sein alter Bundeswehr-Kumpel Thomas sollte mit Frau Martina und zwei Teenager-Töchtern kommen. Die können ja nicht im Hotel sitzen bleiben, das ist Silvester!, hatte er bestimmt erklärt, und ich hatte nur genickt. Gastfreundschaft, das war mir von Kindheit an beigebracht worden. Doch je näher der Tag kam, stieg die Liste seiner Forderungen: Das Menü änderte sich ständig, der Alkohol wurde kistenweise gekauft, und der ganze Haushalt lag auf meinen Schultern.

Die Ente wird schon fertig, keine Sorge, murmelte ich und schüttete die Möhren in die Schüssel. Deck wenigstens den Tisch im Wohnzimmer. Die Tischdecke liegt gewaschen auf dem Schrank.

Mach ich Zeit hab’n wir noch ohne Ende, winkte Hermann ab. Martina hat übrigens angerufen: Haben wir glutenfreies Brot? Ihre große Tochter hat so eine neumodische Diät.

Ich hielt inne. Das Messer klirrte auf dem Keramikteller.

Hermann, das ist jetzt nicht dein Ernst? Silvesterabend, acht Uhr. Die Läden sind leer, die Schlangen endlos. Glutenfreies Brot? Warum hast du das denn nicht heute früh gesagt?

Vergessen, sagte er bloß und zuckte die Schultern. Du gehst doch eh nochmal los, brauchtest ja noch Mayo, hattest gesagt, die reicht nicht.

Ich geh nirgendwo mehr hin, erwiderte ich scharf. Ich steh seit sechs Uhr morgens in der Küche. Wenn deine Gäste Spezialbrot brauchen, können sie es auch selber mitbringen. Oder du gehst.

Hermanns Blick wurde hart. Das Grinsen verschwand, seine Stimme wurde scharf.

Willst du mich vorm Besuch blamieren? Ich schaffe das alles, hab’ zum Fest extra meine Prämie ausgegeben. Aber ein bisschen Engagement von dir kann man doch wohl erwarten?

Ich arbeite auch und stemme das alles hier alleine! Und die Kinder! Und du hockst wie ein Gutsherr in der Ecke!

Jetzt ist aber mal Schluss!, fuhr er mich so laut an, dass das Glas im Schrank zu vibrieren schien. Geh jetzt einkaufen. Und wenn die Gäste kommen, will ich hier kein saures Gesicht! Von Thomas Frau kannst du dir ein Beispiel nehmen. Immer adrett. Immer freundlich.

Ich wusste nicht mehr, ob ich ihn noch nie so erlebt hatte oder einfach das erste Mal endlich nicht mehr wegschauen konnte. In letzter Zeit wurde er immer fordernder, verletzender, verglich mich dauernd mit anderen. Aber heute, am Festabend, schnitt es wie Papier über frische Wunden.

Ich trocknete mir schweigend die Hände am Tuch, zog den Schürze aus.

Gut, flüsterte ich. Ich geh dann.

Hermann nickte zufrieden, als hätte er wieder einen kleinen Sieg errungen.

So ist’s richtig.

Im Flur sprang mir Greta entgegen, im Schneeflöckchenkleid, das ich ihr zwei Nächte lang genäht hatte.

Mama, wohin gehst du? Wir wollten doch die Lichter anmachen!

Ich bin gleich zurück, mein Schatz. Pass auf Jakob auf, ja? Nicht, dass er die Lichterkette vom Baum reißt.

Ich schlüpfte in Mantel und Stiefel, trat in die Kälte. Die frostige Luft linderte die Wut ein wenig. Im Supermarkt hatte ich Glück: noch ein Laib Brot (natürlich nicht glutenfrei) und Mayo. Nach Hause wollte ich dennoch nicht. Vor dem Haus wurde ich langsamer, meine Beine wollten nicht mehr.

Im Treppenhaus hörte ich schon von Weitem Lärm Gäste? Ich trat ein und roch teuren Parfüm und Schnee auf fremden Jacken und Mänteln. Hermann lachte im Wohnzimmer laut, Musik schepperte. Neben ihm saß, beinahe an ihn gelehnt, eine junge Frau mit kupferroten Haaren. Ich erkannte sie sofort: Silke, die Buchhalterin aus seiner Arbeit, von der er oft erzählte.

Na schau, da ist die Hausherrin!, tönte Thomas, hob sein Glas. Wir stoßen hier schon mal auf euch an! Hermann meinte, du holst noch Nachschub.

Auch Hermann rührte sich nicht, winkte mir auf den einzigen freien Platz, am Ende des Tisches, neben der Kinderteller von Greta.

Setz dich, Isa. Das ist Silke, unsere Buchhalterin. Sie hatte niemanden zum Feiern, da hab ich sie eingeladen. Wo fünf essen, passt noch einer.

Silkes Blick war mitleidig verlegen, klimperte mit den Wimpern.

Ach Isa, hoffentlich ist es okay? Hermann hat gesagt, das Festmahl reicht für alle. Ich hab auch Kuchen mitgebracht!

Der Tisch war ein Chaos: Meine mühevoll angerichteten Salate zur Hälfte aufgegessen, Ente zerpflückt, obwohl es bis Mitternacht noch Stunden waren. Die Kinder saßen abseits mit Tablets, vergessen und hungrig.

Hermann kannst du bitte kurz in die Küche kommen? Meine Stimme zitterte.

Er rollte genervt mit den Augen, aber trottete mit mir ins Nebenzimmer.

Ich drehte mich um.

Was ist das hier? Wer ist diese Frau? Weshalb sind die Gäste zu früh da und essen schon, bevor alles fertig ist? Und warum sagst du mir nichts von Silke?

Muss ich dir etwa über jeden Schritt Bericht ablegen? Hermann beugte sich brutal nah vor, roch nach Cognac und fremdem Parfüm. Silke ist meine Kollegin. Tut mir leid, sie war halt allein. Und die Gäste soll ich sie draußen stehen lassen, nur weil du trödelst? Oder hast du dir ein Stelldichein gegönnt?

Merkst du eigentlich, was du tust? Du holst eine fremde Frau hier ins Haus. In unser Fest. Setzt sie an meinen Platz, während ich für dich durch die Kälte laufe? Und die Kinder? Die werden wieder übersehen!

Die werden schon satt. Hör auf mit dem Theater. Er packte mich unsanft. Du gehst jetzt da raus, grinst freundlich, schenkst Silke Wein ein. Verhalten dich wie eine gute Frau, sonst…

Sonst was? Ich sah ihm direkt in die Augen.

Sonst gibts nächsten Monat kein Geld. Versuchs mal mit deinen Kröten klarzukommen.

Da kam Silke herein.

Hermann, kommst du? Der nächste Toast. Isa, entschuldige, aber habt ihr noch Mayo? Der Salat ist trocken.

Hermann schaltete sofort um, grinste breit.

Komme gleich, Silke! Isa bringt alles. Sie ist nur etwas überarbeitet, die Nerven halt.

Er war fort, und ich blieb allein zurück, die Mayonnaise in der Hand. In mir riss plötzlich etwas, eine Saite, die all die Jahre durchgehalten und jetzt ihren Geist aufgab.

Ich stellte das Glas ab, sah auf die Uhr: 22:15. Weniger als zwei Stunden bis Mitternacht.

Plötzlich war alles klar, so klar wie ein kalter Januarmorgen.

Ich ging nicht ins Wohnzimmer, sondern ins Kinderzimmer. Sie saßen nebeneinander auf dem Teppich.

Kinder, jetzt wirds spannend. Zieht euch schnell an, wir machen einen Ausflug.

Jetzt? Was ist mit Papa? Und dem Feuerwerk?, fragte Jakob überrascht.

Das sehen wir anderswo. Papa ist beschäftigt. Los, rein in die Wintersachen, jeder nimmt ein Lieblingsspielzeug.

Greta ahnte, dass es ernst war, maulte nicht. Ich hastete durch die Wohnung, steckte Wechselwäsche, Ladesachen und Papiere in einen Rucksack. Zehn Minuten später waren wir im Flur, Musik dröhnte aus dem Wohnzimmer. Ich zog meine Mütze an, als Hermann plötzlich im Türrahmen stand mit einem Gurkenstück auf der Gabel und dem Arm um Silke.

Wohin willst du denn? Es ist mitten in der Nacht!

Wir gehen zu meiner Mutter, sagte ich fest.

Zur Schwiegermutter? Bist du verrückt? Es sind doch gleich zwölf! Wer macht dann alles? Wer kümmert sich ums Essen?

Silke übernimmt das. Sie ist doch die Seele des Abends. Ich brauch eine Pause.

Wag es nicht! Lass die Kinder hier! Wer braucht dich schon, geschiedene Frau mit zwei Kindern? Glaub nicht, dass ich nachlaufe!

Das musst du auch nicht mehr, Hermann. Bleib bei deinen ‘netten Leuten’. Jakob, tschüss sagen.

Tschüss, Papa, nuschelte mein Sohn, schaute nicht auf.

Hermann schnappte nach Luft.

Geht doch! Verrückte! Morgen bist du wieder da, wenn das Geld fehlt!

Ich knallte die Tür zu. Seine wütenden Rufe verstummten hinter mir.

Draußen waberte Schnee durch die dunklen Straßen. Mir war das Taxigeld egal der Zuschlag war dreifach, aber die Reste meines Weihnachtsgeldes reichten. Es war, als käme der Sommer diesmal eben schon früher.

Mama, ist Papa böse?, fragte Greta leise draußen.

Nein, Kleines. Papa hat einfach vergessen, was Familie bedeutet. Aber wir erinnern uns daran. Nach wie vor.

Das Taxi kam fix. Der Fahrer, ein alter Herr mit markantem Schnauzer, sah kurz erstaunt auf unsere Gruppe, sagte aber nur: Radio leise stellen?

Nein, lassen Sie es laufen, sagte ich, während die Lichter von Frankfurt vorbeirauschten.

Fast 40 Minuten dauerte die Fahrt. Die Straßen waren leer; Frankfurt schlief, erwartete das neue Jahr. Ich schrieb meiner Mutter: Wir kommen. Mit Kindern. Erkläre alles. Noch wach? Natürlich. Apfelstrudel ist warm, kam sofort als Antwort. Ich musste lächeln, ein Tränchen kullerte.

Mama empfing uns an der Türe, im karierten Bademantel, der nach Vanille und Zimt roch. Ihre Wohnung war ruhig und wohlig warm, am Fenster blinkte eine kleine Lichterkette. Kein lautes Gelächter, keine Sauferei nur Frieden.

Kommt rein, meine Lieben, euch friert sicher schon, rief sie fröhlich und half den Kindern aus den Sachen. Isa, du bist blass, du brauchst Tee mit Melisse.

In der kleinen Küche gab es Käsestullen, eingelegte Gurken, heißen Tee. Das war das köstlichste Abendessen meines Lebens. Die Kinder flitzten zum Zeichentrick schauen ins Wohnzimmer.

Jetzt erzähl, bat Mama bei einer Tasse Tee. Hat er dich wieder so behandelt?

Ich nickte und erzählte alles, sogar vom glutenfreien Brot.

Hast du richtig gemacht, Kind, sagte sie fest, legte ihre warme Hand auf meine. Respekt ist die Grundlage. Fehlt er, nützt alle Mühe nichts. Hermann hat sein Glück verspielt.

Im Fernsehen begann die Ansprache des Bundespräsidenten. Ich gab mir und Mama ein Gläschen Sekt ein. Die Kinder kamen mit Wunderkerzen zurück.

Prost Neujahr!, riefen sie, als die Glocken auf zwölf sprangen.

Ich wünschte mir nichts für meinen Mann und nicht fürs Geld. Ich wünschte mir nur, dass ich genug Kraft für einen neuen Anfang finden würde und dass meine Kinder würden wissen, wie viel sie wert sind.

Mein Handy begann zu vibrieren Hermann rief an. Erst Anrufe, dann Nachrichten. Ich drehte das Handy um, las nichts.

Willst du nicht rangehen?, fragte Mama.

Nein. Ein Jahr zuvor hätte ich es getan. Aber jetzt… Jetzt ist ein neues Jahr. Und in diesem Jahr antworte ich nicht mehr auf Anrufe von Ex-Männern.

Die nächsten drei Tage vergingen wie ein Traum. Wir gingen spazieren, rodelten im Park, bauten Schneemänner. Erst am dritten Januar schaltete ich das Handy ein: Vierzig verpasste Anrufe und diverse Sprachnachrichten. Erst zornig, dann flehend, am Ende hilflos: Hier herrscht das totale Chaos, ich weiß nicht, wie die Waschmaschine angeht, wo ist Jakobs Winterjacke?

Es rührte mich kaum als hörte ich ein Hörspiel über jemand anderen.

Am Abend klingelte es. Hermann stand im Treppenhaus, zerknittert, mit tiefen Augenringen, in einer abgenutzten Jacke und einem traurigen Sträußchen Rosen.

Isa, können wir reden? Mama, guten Abend. Meine Mutter verschränkte nur die Arme, ließ ihn nicht herein.

Ich trat auf den Gang.

Sprich, Hermann. Leise die Kinder schlafen.

Isa, komm heim. Es reicht jetzt, man kann doch nicht alles übertreiben. Die Feiertage sind vorbei, ich muss wieder arbeiten, nix ist vorbereitet, kein Essen, keine Hemden… Deine Silke äh, meine Kollegin war eine Katastrophe, hat die Tischdecke versaut. Ohne dich ist alles Mist. Ich sehs ja ein. Ich habs übertrieben, sorry. Wir sind doch Familie…

Er hielt mir die Blumen hin, bemühte sich um ein Lächeln.

Ohne mich ist es also schlecht, oder ohne eine kostenlose Haushälterin?

Nun übertreib nicht… Ich liebe dich!

Eine Familie schickt die Frau nicht nachts zum Brotkaufen, um eine Fremde zu beeindrucken. Familie bedeutet Respekt, Hermann. Ich werde nach den Feiertagen die Scheidung einreichen. Die Kinder bleiben bei mir. Alles andere nach Recht und Gesetz.

Er starrte mich entgeistert an so hatte er mich nie erlebt.

Du wirst es noch bereuen! Wer will schon eine Frau mit zwei Kindern?

Ich. Meine Kinder. Und meine Mutter. Das ist genug.

Die welken Rosen legte ich draußen auf die Kommode.

Geh heim, Hermann. Lern kochen und wie man Haushaltsgeräte bedient. Du wirst es brauchen.

Ich schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um. Das war der Schlusspunkt.

Im Wohnzimmer drückte ich Mama. Weg?, fragte sie.

Weg.

Gut so. Ein Tee? Mit Erdbeermarmelade?

Gerne, Mama. Ja, mit Erdbeermarmelade.

Ich setzte mich ans Fenster. Der Schnee fiel wieder dicht. Vor mir lag Ungewissheit, vielleicht Gerichte, Jobsuche, Neuanfang. Aber Furcht spürte ich nicht mehr nur ungeheure Erleichterung, als hätte ich endlich die zu engen Schuhe ausgezogen und könnte frei und aufrecht meinen Weg gehen.

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Homy
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Mitten in der Silvesternacht nahm ich die Kinder, packte die Sachen und fuhr zwei Stunden vor Mitternacht zu meiner Mutter – wegen der Demütigung durch meinen Mann
Konnte nicht lieben – Mädchen, gesteht mal ehrlich, wer von euch ist Lilia? – fragte die junge Frau mit einem verschmitzten Blick und musterte mich und meine Freundin neugierig. – Ich bin Lilia. Und warum? – entgegnete ich irritiert. – Hier, Lilia. Ein Brief von Wladimir. – Die Fremde zog einen zerknitterten Umschlag aus der Tasche ihres Arbeitskittels und reichte ihn mir. – Von Wladimir? Wo ist er denn selbst? – wunderte ich mich. – Er wurde in ein Wohnheim für Erwachsene verlegt. Er hat auf dich gewartet, Lilia, wie auf den ersten Sonnenstrahl nach einem langen Winter. Er hat mir den Brief zum Lesen gegeben, damit ich die Fehler kontrolliere. Wladimir wollte sich vor dir nicht blamieren. Nun muss ich weiter, gleich gibt es Mittagessen. Ich arbeite hier als Erzieherin. – Sie warf mir einen tadelnden Blick zu, seufzte und verschwand. …Damals schlenderten meine Freundin und ich während der Sommerferien zufällig auf das Gelände eines fremden Hauses. Wir waren sechzehn, genossen die freien Tage und suchten Abenteuer. Svetlana und ich ließen uns auf eine bequeme Bank nieder, plauderten und lachten. Plötzlich kamen zwei junge Männer auf uns zu. – Hallo Mädels! Langweilt ihr euch? Dürfen wir uns vorstellen? – sagte einer und reichte mir die Hand, – Wladimir. Ich erwiderte: – Lilia. Das ist meine Freundin Svetlana. Und wie heißt dein schweigsamer Freund? – Leonid, – entgegnete der Zweite leise. Die Jungs wirkten sehr brav und etwas altmodisch. Wladimir musterte uns streng: – Mädels, warum tragt ihr so kurze Röcke? Svetlana, dein Ausschnitt ist aber ziemlich gewagt. – Na, Jungs, dann schaut doch einfach nicht hin. Sonst „wandern“ eure Blicke noch in unterschiedliche Richtungen, – scherzten wir. – Schwer, nicht hinzuschauen. Schließlich sind wir Männer. Raucht ihr etwa auch? – fragte Wladimir weiter neugierig. – Natürlich – aber wir inhalieren nicht, – lachten wir. Erst jetzt bemerkten wir, dass mit den Beinen der beiden etwas nicht stimmte. Wladimir bewegte sich schwerfällig, Leonid hinkte auf einem Bein. – Seid ihr hier zur Behandlung? – fragte ich. – Ja. Motorradunfall bei mir. Leonid hat sich beim Sprung von einer Klippe verletzt, – sagte Wladimir wie auswendig gelernt. – Bald werden wir entlassen. Wir glaubten die „Legenden“ der Jungs. Damals ahnten wir nicht, dass Wladimir und Leonid von Kindheit an behindert waren und lange im Heim leben mussten. Für sie bedeuteten wir ein Stück Freiheit. Sie lebten und lernten in einem Heim, abgeschottet von der Außenwelt. Jeder hatte sich eine Ausrede für seine Behinderung zurechtgelegt: ein angeblicher Unfall, ein Sturz, eine Schlägerei … Wladimir und Leonid waren klug und belesen, mit einer Reife, die über ihr Alter hinausging. Svetlana und ich besuchten die beiden nun jede Woche. Einerseits taten sie uns leid, wir wollten ihnen Freude bereiten; anderseits konnte man von ihnen viel lernen. Unsere kurzen Treffen wurden zur Gewohnheit. Wladimir schenkte mir Blumen von der nächsten Rabatte, Leonid brachte jedes Mal Origami für Svetlana, das er selbst gebastelt hatte. Wir saßen dann zu viert auf der Bank: Wladimir neben mir, Leonid mit dem Rücken zu uns, stets Svetlana im Blick. Sie war verlegen, wurde rot, aber mochte die Gesellschaft des zurückhaltenden Leonid. Wir redeten über Gott und die Welt. Der warme Sommer verging im Flug. Es kam ein nasser Herbst, die Ferien waren vorbei und die Abschlussklasse begann. Wir vergaßen Wladimir und Leonid vollkommen. …Die Prüfungen, das letzte Klingeln, der Abschlussball waren geschafft. Mit Hoffnungen im Gepäck stand der Sommer bevor. Wir besuchten erneut das Heim, warteten dort vergebens stundenlang auf Wladimir und Leonid. Plötzlich kam eine junge Frau aus dem Haus und gab mir Wladimirs Brief. Ich öffnete den Umschlag: „Meine geliebte Lilia! Du bist mein duftender Blumenstrauß! Mein unerreichbarer Stern! Vielleicht hast du nicht gemerkt, wie ich mich augenblicklich in dich verliebt habe. Unsere Treffen waren für mich wie Atemluft, wie Leben. Seit einem halben Jahr sitze ich am Fenster und warte auf dich. Du hast mich vergessen. Wie schade! Unsere Wege trennen sich. Aber ich bin dir dankbar, denn ich habe echte Liebe kennengelernt. Ich erinnere mich an deine samtige Stimme, dein lockendes Lächeln, deine zarten Hände. Wie schlecht es mir ohne dich geht, Lilia! Dich noch einmal sehen zu dürfen! Ich möchte atmen, doch mir fehlt die Luft … Leonid und ich sind jetzt achtzehn. Bald werden wir in ein anderes Heim verlegt. Wir werden uns wohl kaum wiedersehen. Meine Seele ist in Fetzen! Hoffentlich werde ich irgendwann über dich hinwegkommen und gesund werden. Leb wohl, meine Schöne!“ Dein immerwährender Wladimir. Im Umschlag lag eine getrocknete Blume. Ich schämte mich sehr. Mein Herz krampfte, weil sich nichts mehr ändern ließ. Mir schossen die Worte durch den Kopf: „Wir sind verantwortlich für die, die wir zähmen.“ Ich hatte keine Ahnung, was für Gefühle in Wladimir brannten. Aber ich hätte sie nicht erwidern können. Zu Wladimir hatte ich nie große Gefühle, nur freundliche Zuneigung und Neugier auf kluge Gespräche – nicht mehr. Ja, ich habe ein wenig geflirtet, ihn geneckt – wohl unwissentlich das Feuer seiner Liebe geschürt. …Viele Jahre sind vergangen. Wladimirs Brief ist vergilbt, die Blume zu Staub geworden. Doch ich erinnere mich an unsere unschuldigen Treffen, die sorglosen Gespräche, das ausgelassene Lachen über seine Späße. Diese Geschichte hat eine Fortsetzung: Svetlana war tief berührt von Leonids Schicksal. Seine Eltern hatten ihn wegen seiner „Andersartigkeit“ verstoßen – ein Bein war von Geburt an viel kürzer. Svetlana machte ihren Abschluss als Pädagogin und arbeitet heute im Heim für Menschen mit Behinderung. Leonid ist ihr geliebter Ehemann. Sie haben zwei erwachsene Söhne. Wladimir hingegen, erzählte Leonid, lebte lange allein. Mit vierzig kam seine Mutter, sah den einsamen Sohn, brach in Tränen aus, entdeckte die alte Liebe neu und nahm ihn mit ins Dorf. Was dann geschah, verliert sich im Dunkel der Zeit …