Man sollte auf seine Mutter hören
Warum bist du so wütend, Mama? Fühlst du dich verletzt, weil ich glücklich bin? Wir meinen es ernst mit unserer Beziehung, und…
Ernst meint ihr es, Max? Ernst ist, wenn Menschen gemeinsam an einer Zukunft bauen. Ihr springt nur von einer gemieteten Wohnung zur nächsten und blamiert eure Eltern!
Hast du sie je zu uns eingeladen? Wenigstens mal auf einen Kaffee, zum Kennenlernen? Nein?
Klar, du weißt doch selbst: Kaum überschreitet sie diese Tür und sieht, dass du ein ganz normaler Student bist, der sich das Zimmer mit deinem kleinen Bruder teilt, ist sie sofort weg!
Das stimmt nicht! Ihr ist es egal, wie viel Geld ich habe! protestierte Max.
Dann erklär mir, warum ihr nicht einfach im Park spazieren geht? Warum sitzt ihr nicht mal zusammen in einer Bäckerei? Stattdessen müsst ihr jedes Wochenende unbedingt irgendwo ein möbliertes Zimmer mieten?
Hast du mal nachgerechnet, was das im Monat kostet? Siebenhundertfünfzig Euro mindestens! Das entspricht deinem gesamten Monatslohn als Fahrradkurier.
Du arbeitest nur dafür, dich zwei Tage pro Woche als “Herrscher der Welt” zu fühlen!
Birgit schleuderte den nassen Putzlappen ins Spülbecken, und das Spritzwasser landete auf den frischgeputzten Fliesen ihre Laune war mies.
Im Nebenzimmer schlug eine Schranktür Max, ihr Ältester, suchte schon wieder irgendwas.
Max, wie lange krachst du da noch herum? rief Birgit. Das Mittagessen steht auf dem Tisch!
Mama, ich esse nicht mit, ich gehe jetzt, Max tauchte in der Küchentür auf, während er die neue Kapuzenjacke schloss. Und morgen bin ich auch nicht da. Und am Sonntag ebenso nicht.
Birgit drehte sich langsam zu ihm um.
Schon wieder? Sie verengte die Augen. Wieder unterwegs durch irgendwelche Bruchbuden?
Max verdrehte die Augen:
Was spielt das für eine Rolle? Ich bin erwachsen.
Erwachsen? Birgit schnaubte. Erwachsene kaufen sich ihre Schuhe selber und betteln nicht bei ihrer Mutter ums Bahngeld.
Und erwachsene sparen das bisschen, das sie verdienen, nicht für spießige Kurzzeitwohnungen! Ist dir klar, wie das nach außen wirkt?
Das ist keine Bruchbude, gab Max zurück. Das ist eine ganz normale Wohnung. Wir wollen eben mal zu zweit sein, ohne Eltern, ohne ihre Leute. Was ist daran schlimm?
Max, sie ist doch älter als du! Da könnte man ein bisschen mehr Verstand erwarten. Oder ist es ihr völlig egal, wo sie mit dir herumturtelt? Ist ihr das gar nicht peinlich?
Hör sofort auf, so über sie zu reden! schrie Max. Du kennst sie doch gar nicht!
Der Krach lockte auch Max Vater aus dem Wohnzimmer, der schweigend Frau und Sohn musterte, schwer seufzte und sich an den Türrahmen lehnte.
Schon wieder derselbe Streit? fragte er tonlos. Max, deine Mutter hat Recht. Letzte Woche hast du dir bei mir fünfzig Euro für Lehrbücher geliehen. Die habe ich dir gegeben.
Und dann hat Jonas erzählt, dass die Uni die Bücher doch kostenlos ausgegeben hat! Jonas hat dich im Supermarkt gesehen, zusammen mit dieser Franzi.
Vollgepackte Tüten hattet ihr dabei. Rate mal: waren da wirklich Lehrbücher drin?
Max lief rot an.
Ich habe ihr ein Geschenk gekauft. Das ist doch wohl mein gutes Recht!
Von meinem Geld? Martin trat vor. Hör mal zu, “erwachsener Mann”: Wenn du Geld für Wohnungen und Geschenke hast, dann hast du sicher auch genug für Essen und Kleidung.
Ab heute kürzen wir dein Taschengeld. Nur das Nötigste für die Monatskarte zur Uni und mittags was Einfaches. Den Rest regelst du selbst.
Mir egal! Max schnappte sich seine Jacke und stürmte davon. Komme schon allein klar!
Die Wohnungstür knallte, während Birgit sich schwer auf einen Stuhl setzte und ihr Gesicht in den Händen vergrub.
Martin, was soll das alles? Drei Monate Beziehung und schon lungert unser Sohn in fremden Wohnungen herum. Welche vernünftige Frau würde da mitmachen? Damals bin ich ein ganzes Jahr lang nur Händchen haltend mit dir durch die Altstadt gebummelt!
Die Zeiten sind halt anders, Birgit, brummte Martin und füllte sich ein Glas Wasser ein. Aber selbst wenn man Moral beiseitelässt: Der Junge benutzt uns nur noch als Bank.
Kommt nach Hause, isst alles leer, will seine Sachen gewaschen und gebügelt haben, und was er verdient, wandert direkt zu dieser Franzi. So läuft das nicht.
Da muss was passieren, sagte Birgit entschlossen. Sie tut ihm nicht gut. Er ist so verschlossen, ständig patzig geworden.
Früher war er doch hilfsbereit, brachte zwar kein Geld heim, aber gab es wenigstens für sich selbst aus. Jetzt?
Martin nickte stumm.
***
Das ganze Wochenende fand Birgit keine Ruhe. Der Kleine, Jonas, mied sie tunlichst, und Martin bastelte demonstrativ zwei Tage lang am Wasserhahn im Bad. Am Sonntagabend kam Max zurück.
Gibts was zu essen? knurrte er beim Betreten der Küche.
Kühlschrank ist leer, Max, entgegnete Birgit ruhig, ohne vom Handy aufzublicken. Wir haben beschlossen, jetzt nur noch für Jonas und uns einzukaufen.
Du studierst und verdienst was dazu. Kauf dir doch selbst etwas.
Max starrte sie fassungslos an.
Wirklich? Ihr wollt mich verhungern lassen?
Verhungern? Martin tönte aus dem Wohnzimmer. Lerne wirtschaften!
Statt dein ganzes Geld am Wochenende zu verjubeln, kauf dir Fleisch, Gemüse, Reis. Reicht für den Monat. Deine Entscheidung.
Ihr ihr wollt mich rausekeln! brüllte Max. Es ist alles wegen Franzi, stimmts? Ihr könnt sie einfach nicht leiden!
Uns ist deine Franzi völlig schnuppe, Max, Birgit blickte endlich auf. Wir haben sie ja noch nie gesehen.
Aber dass sie zulässt, dass du jeden Cent für sie ausgibst, während du uns auf der Tasche liegst, sagt einiges.
Sie ist älter, oder? Hat sie einen Job?
Sie macht ihren Master! verteidigte sich Max. Gibt auch Nachhilfe.
Und ihr eigenes Geld? Steckt sie das auch in eure Gemütlichkeit? Oder nimmt sie nur, was der verliebte Neunzehnjährige so ranschleppt?
Sie bezahlt auch Lebensmittel! log Max, was Birgit an seinem Blick sofort durchschaut hatte.
Lüg nicht, schnitt sie ab. Max, hör zu. Dieses Mädchen nutzt dich nur aus.
Für sie ist das bequem: Da ist einer, der alles zahlt und sie unterhält. Aber sobald der Geldhahn zugedreht wird, ist sie weg.
Werden wir ja sehen! schmetterte Max zurück. Danke für deine Fürsorge, Mama!
***
Birgit blieb hart. Sie kaufte Max keinen seiner Lieblingsjoghurts mehr, gab ihm kein Taschengeld und bügelte auch seine Hemden nicht.
Martin unterstützte sie darin, auch wenn er manchmal geneigt war, dem Sohn ein paar Scheine zuzustecken aber Birgit genügte ein einziger Blick, um das im Keim zu ersticken.
Sie wusste: Wenn sie jetzt nachgibt, setzt Max sich endgültig fest.
Am Mittwochabend spitzte sich alles zu Max stand im Flur und durchwühlte hektisch seine Jackentaschen.
Mama, hast du meinen Notgroschen gesehen? Da waren fünfzig Euro im alten Blouson.
Nicht gesehen, Birgit bückte sich nicht mal von der Bügelwäsche. Sind deine Nebenjob-Euros etwa schon weg? Die Woche ist gerade mal halb rum…
Ich brauch das Franzi wollte ins Theater… murmelte er und leerte nochmal die Taschen. Mist, wo ist das nur? Jonas! Hast du?
Aus dem Kinderzimmer spähte Jonas, zwölf Jahre alt.
Hab andere Sorgen, rief der. Du schuldest mir eh noch zehn Euro!
Echt jetzt?! Hier kann man nichts liegenlassen! Max brüllte. Alles verschwindet!
Theater, ja? fragte Birgit scharf. Und wie kommst du morgen zur Uni? Zu Fuß? Oder fährt Franzi dich mit ihren erwachsenen Freundinnen mit dem Auto?
Mama, bitte, fang nicht an! Wir sind erwachsen und brauchen unseren Freiraum. Du verstehst das nicht
Ich verstehe sehr wohl, Birgit legte das Bügeleisen weg und blickte ihrem Sohn direkt in die Augen. Dass du ihrer Marionette bist, begreife ich.
Franzi ist einundzwanzig, und merkt genau, wie hin und weg du bist. Sie spart ihr eigenes Geld aber deins gibt sie gern aus.
Tu mir einen Gefallen: Sag ihr für dieses Wochenende ab. Kein Geld fürs WG-Zimmer schlag einen Spaziergang vor! Beobachte mal ihre Reaktion.
Mach ich! schrie Max. Und dann wirst du schon sehen: Sie liebt mich!
Dann schau mal. Und such ruhig weiter deinen Fünfziger, den hab ich nicht.
Am Donnerstag und Freitag war Max unausstehlich. Er versuchte, bei Martin einen kleinen Schein zu leihen doch der, standhaft, schüttelte nur bedauernd den Kopf:
Allein klarkommen, mein Junge. Ab jetzt bist du unabhängig.
Am Samstagmorgen blieb Max zum ersten Mal daheim statt wie sonst früh auszubüxen. Er hockte in der Küche und kaute lustlos auf einer Scheibe Brot herum.
Sein Handy vibrierte im Minutentakt.
Was ist? Ernste Beziehung und schon Berichtspflicht? stichelte Birgit, während sie Kaffee einschenkte.
Max reagierte nicht, zuckte jedoch zusammen, als wieder eine Nachricht aufleuchtete:
“Max, verarschst du mich? Ich hatte fest damit gerechnet. Wir hatten abgemacht!”
Ist sie sauer? fragte Birgit, setzte sich dazu.
Ja, Max antwortete dumpf. Sie nennt mich verantwortungslos. Sagt, wenn ich was verspreche, soll ich auch das Geld auftreiben, ausleihen, irgendwie Sie schreibt, sie habe extra einen Shoppingtag mit ihrer Freundin abgesagt.
Aha! Birgit lachte leise. Du bist also für ihre Freizeit zuständig? Hat sie angeboten, was beizusteuern? Oder will Miss Erwachsene lieber wieder alles bezahlen lassen?
Mama sie ist ein Mädchen. Mädchen zahlen nicht.
Mädchen, die ihre Partner respektieren, lassen die nicht in Schulden für ein paar Stunden im möblierten Zimmer hocken! Max, merkst du nicht, das ist dressieren pur.
Das Telefon klingelte. Zögernd hob Max ab:
Ja, Franzi Ich habs doch gesagt, hat nicht geklappt diesmal. Der Vermieter hat die Miete erhöht, ich hab mich verrechnet. Gehen wir halt ins Kino oder zu dir?
Die Stimme am Handy war laut, Birgit schnappte Gesprächsfetzen auf: zu meinen Eltern geht nicht du hast es versprochen bei dem Wetter laufe ich nicht draußen rum kümmer dich drum
Birgit wurde schlecht, als sie Max ansah sein Gesicht war fahl.
Franzi, bitte, hör doch Ich kann nichts von Papa leihen. Und nein, das ist kein Muttersöhnchen-Kram! Es ist einfach kein Geld da! Hallo?… Hallo?
Er schaute aufs Display sie hatte aufgelegt.
Und? fragte Birgit, mit leiser Schärfe. Plan B: Banküberfall oder kapierst du jetzt endlich was?
Max sprang auf und warf den Stuhl um.
Mir reichts! Er griff sich seine Jacke und verschwand.
***
Den ganzen Tag blieb er weg. Birgit war rastlos, Martin murmelte, sie seien vielleicht zu hart gewesen, aber Birgit blieb fest.
Erst spät kehrte Max heim klatschnass, irgendwie verloren.
Max, was ist passiert? Birgit eilte zu ihm.
Wir haben uns im Einkaufszentrum getroffen, Max zog die nasse Jacke aus. Sie tauchte mit ihrer Freundin auf, beide bepackt mit teuren Einkaufstüten.
Ich ging zu ihr, habe gefragt, warum sie lügt behauptet, sie sei pleite, dann schleppt sie lauter Markenzeug durch die Gegend.
Und sie? Sie schaute mich an, als wäre ich Luft. Sagt: “Max, blamier mich nicht vor anderen! Wenn DU Geldprobleme hast, warum soll ICH dann auf dem Sofa hocken?”
Und du? fragte Martin leise.
Ich hab gesagt, sie sei unfair. Dass ich mich mit meinen Eltern zerstritten und Extra-Schichten wegen ihr übernommen habe.
Da fing sie an zu lachen und meinte: “Junge, du wolltest immer wie ein erwachsener Kerl wirken. Ich hab dich nie gezwungen, Wohnungen zu mieten.”
Du fandest es geil, dich mal erwachsen zu fühlen und jetzt stellst du Bedingungen?
Birgit spürte einen Stein vom Herzen rollen. Endlich hatte ihr Sohn Franzi erkannt, wie sie wirklich war.
Sie saßen noch lange in der Küche. Max schien sich zu beruhigen. Seiner Mutter versprach er, mit Franzi Schluss zu machen.
Birgit versuchte ihm klarzumachen: Sie und Papa hätten nichts dagegen, wenn er eine Freundin hat.
Nur eben nicht so eine wie Franzi. Deine Mutter wünscht dir doch nur das Beste das weißt du hoffentlich.




