Gestohlenes Glück Sie begegneten sich im schmalen Durchgang zwischen zwei Lattenzäunen – die eine, die Grigori nach Gesetz seine rechtmäßige Ehefrau nannte, und die andere, die es nach jedem Recht des Herzens hätte werden sollen, es aber nie wurde… Es war eine trostlose, stille Zeit – klirrende Kälte hatte alle Menschen ins warme Hausinnere getrieben. »Nur ein schlechter Traum, weiter nichts!«, schoss es Tatjana durch den Kopf, während sie prüfend ins rosige Gesicht ihrer Rivalin blickte. Die Rivalin selbst ahnte nichts von Tatjanas Gefühlen. Ihr Name war Akulina. Grigori war für Tatjana immer unerreichbar gewesen. Nicht einmal im Traum hätte sie daran gedacht, dass Akulina – längst seine Ehefrau, Ehefrau Ustinovs, Mutter seiner Kinder, Großmutter seiner Enkel – an seiner Seite war. Das dürfte eigentlich nicht so sein; immer wieder träumte sie davon, dass es anders wäre, und in Wirklichkeit blieb nur ein schwerer Traum, in dem alles so ganz anders lag. »Nein und nochmals nein – Gott möge mich erschlagen!«, dachte Tatjana jedes Mal, wenn sie Akulina aus der Ferne oder Nähe sah. »Es kann nicht sein, dass diese Frau nach demselben Gesetz lebt wie alle anderen! Sie lebt nach einem fremden, gefälschten Gesetz! Hätte sie ihr eigenes – sie wäre niemals Grigoris Frau geworden! Mutter seiner Kinder! Großmutter seiner Enkel!« Doch das Schlimmste war nicht, dass sie es glaubte – das Schlimmste war: Niemand sonst auf der Welt, keine lebendige Seele, würde je diesen Betrug erkennen! Schrei, spring in den See, brenn das ganze Dorf nieder – niemand wird es merken, niemand glauben, niemand begreifen! Kein einziger Mensch außer ihr selbst! Menschen kommen ohne Arme, ohne Beine zur Welt, blind, taub, stumm, wahnsinnig, hässlich, von früher Kindheit an zum Tod verurteilt – alles schon dagewesen, doch das ist offensichtlich. Aber hier wurde ein Geheimnis geboren, stumm, taub, das auf der ganzen Welt nur Tatjana Pankratowa kannte! Und hier stand sie, Akulina, auf dem schmalen, schneebedeckten Pfad, und als würde sie Tatjanas schlechten Traum vorwärtstreiben, fragte sie interessiert: »Wie geht’s dir denn, Tatjana Pawlowna?« »Ich lebe…« »Ich lebe auch!«, lachte Akulina, drehte sich nach rechts, dann nach links, als wolle sie sich zeigen. »Siehst du!« Ihr Gesicht war schneeweiß… In Pokrowka wusste man – sie hat ihr Gesicht nie ungewaschen schlafen gelegt, weder als Mädchen noch als Frau, sondern immer mit Buttermilch gereinigt. Auf dem weißen Gesicht – große, runde, leicht hervortretende Augen. Sie trug eine schwarze Walkjacke mit weißem Pelzbesatz, ein puscheliges Schultertuch und neue, noch ungetragene Filzstiefel. Tatjana erinnerte sich beim Anblick plötzlich: Sonntag! Sie hatte vergessen, welcher Tag heute war, doch Akulina war von Kopf bis Fuß sonntäglich, festlich gekleidet. »Und wie kommst du, Tatjana Pawlowna, ausgerechnet in unsere Seestraße heute? Wohin führt dein Weg?« In die Seestraße von Pokrowka war Tatjana nur aus Neugier auf Ustinovs Haus gekommen; sie hatte ihn drei Tage nicht gesehen und wollte wissen, dass er, Grigori Ustinov, noch lebt – an seinen Gardinen in den Fenstern konnte sie das ablesen. Hätte man nach rechts über den Zaun geblickt, hätte man zwei Fenster von Ustinovs Hütte im Hof gesehen, aber Tatjana schaute nicht hin, Akulina hingegen warf einen kurzen Blick auf ihren Hof und fragte nochmals: »Wohin gehst du denn?« »Einfach so…« Akulina grinste. »Und dein Mann, wie geht es dem, dem Michail? Hab schon lange nichts mehr gehört von ihm.« »Er lebt«, seufzte Tatjana schwer. »Wie immer, zimmert er an der Treppe, werkelt an Holz. Ruhig lebt Michail. Es gibt wahrlich nichts über ihn zu erzählen…« Und plötzlich trat sie auf Akulina zu und fragte laut und fordernd: »Und wie lebt Ustinov derzeit? Grigori Leonidowitsch? Der bekannte Mann? Ständig beschäftigt, oder?« Eine andere hätte schon geflucht, losgeschrien – »Ach du Miststück! Schläfst heimlich mit fremdem Mann? Schleichst dich nachts zu meinem Mann ins Haus, lauerst unter seinen Fenstern – obwohl du selbst einen Ehemann hast? Vor aller Augen, öffentlich?!« In Pokrowka verzieh man das nicht einmal den armseligen Witwen, warum also einer Ehefrau? Doch Akulina tat das nicht. Für einen Moment wich sie zurück, ihr weißes Gesicht verdunkelte sich – doch dann fielen auf jede Wange eine feuchte Schneeflocke, beide schmolzen, liefen über die Wangen wie zwei Tränen und wuschen alle Kränkung, allen Groll fort… So blieb Akulina: tüchtig, schön, festlich gekleidet und – freundlich noch dazu. Und sie fragte weiter: »Grigori Leonidowitsch ist doch fast jeden Tag bei dir im Gemeinderat? Dir muss ich nicht viel erzählen über ihn?« »Ich frage eben. Drei Tage hab’ ich ihn nicht gesehen… Nicht im Gemeinderat.« Tatsächlich hatte Akulina das gewisse Etwas, das sie zur Ehefrau Grigori Ustinovs machte – und Tatjana wurde davon noch banger, bereute, dass Akulina sie nicht anschrie und beschimpfte. »Er ist immer in Arbeit und Sorge, unser Grigori Leonidowitsch«, erklärte Akulina. »Ob im Gemeinderat, in seiner Kommission – Müßiggang ist bei ihm nie. Nicht als junger Mann, nicht als Erwachsener. Vater, Großvater.« »Ist es nicht langweilig mit so einem? Immer so fürsorglich und ernst? Ein ganzes Leben lang?« Und wieder lächelte Akulina nur leise, schwieg, und erinnerte sich dann: »Manchmal war es schon langweilig! Wirklich! Ich hab meine Jugend an seiner Seite gar nicht oft bemerkt. Da waren unsere Großeltern, die halfen bei der Kinderaufzucht, beim Vieh – wir Jungvermählte hätten frei feiern, spielen können. Aber Grigori Leonidowitsch hatte nur Bücher im Kopf, nie Festlichkeiten. So war es immer.« »Warum hast du ihn dann geheiratet – den Langweiler?« Seltsam eigentlich, dass sie überhaupt so ins Gespräch kamen, aber Akulina sprach ruhig, als wäre sie ganz unter sich: »Mein Vater wollte es. Seliger Papa. Ich folgte ihm, verstand: Wenn ich in der Jugend etwas vermisse, kommt das später zurück.« »Und – war’s so?« »Natürlich! Nach ein zwei Jahren fand ich seinen Charakter wunderbar. Ich wunderte mich, wie es in anderen Häusern so viel Streit, Schimpfen, Trinken gab. Wenn ein Mann seine Frau aufs Feld schickte und sich auf den Ofen warf – so was fände ich schrecklich! Ich bin anderes gewohnt: dass alles seine Ordnung hat, und was schlecht läuft, das macht Leonidowitsch nicht!« »Ein leichtes Leben. Und keineswegs ein Frauenleben!« »Genau das ist ein Frauenleben! Und ich sag’s dir: Ich hab ihn mir verdient! Später wurde aus Grigori Leonidowitsch ein hochgeachteter Mann, und als junger erinnert sich kaum jemand an ihn – er war eine graue Maus, nur mit seinen Büchern beschäftigt, für die Mädchen uninteressant … Nur ich bin ihm gefolgt, danke meinem Vater! Die anderen bissen sich später vor Ärger in die Ellbogen, aber zu spät! Die beste Zeit war vorbei!« Akulina lächelte plötzlich und lachte sogar. Eine kluge Frau lachte ein naives Mädchen an. So war Akulina, nicht im Traum, sondern wirklich! Sie nahm Tatjana sanft am Ärmel, zog sie aus der Gasse heraus auf die Straße und erzählte weiter von jener besten Zeit, als sie die erste Braut von Pokrowka war, immer in ihren gelben Schnürschuhen mit hohen Absätzen – während Tatjana arm war und sich mit einem Messer im Stiefelschaft gegen aufdringliche Heiratskandidaten wehrte. Und jetzt gingen sie nebeneinander, zwei der schönsten Frauen von Pokrowka. Wie beste Freundinnen, unzertrennlich! Die eine ging von Kindheit an auf hohen Absätzen und kam nie ins Straucheln; die andere kannte Absätze nur vom Hörensagen, und doch schritten sie heute Seite an Seite, überraschten die sonntägliche, zwar stille, aber wachsame Pokrowkaer Straße. Doch Tatjana blieb nicht lang das naive, wortlose Mädchen, legte lachend einen Arm um die Freundin und sagte: »Du, Akulina, könntest mich doch mal zu euch ins Haus einladen! War noch nie bei den Ustinovs zu Gast!« Akulina stockte. Sie gingen noch ein Stück weiter zur Haustür. Akulina zog die Riegel, öffnete das Hoftor mit dem neuen, dicken Lederriemen – da war der Hof, die Veranda, das Haus der Ustinovs! Dieser Mensch lebte wie alle: eine große Küche mit Tisch in der Ecke, der Herd mit blauer Bordüre… Tatjana warf einen Blick ins Wohnzimmer – sauber, wenn auch nicht wie bei ihr zu Hause, wo Ficus und Kommode stehen und sonst nichts; hier stand allerlei herum – Kindersachen, die Wiege, nackte Enkel flitzten umher, und mittendrin saß auf einem Schemelherd Grigoris Tochter Liza, barfüßig, sommersprossig und schwanger, nähte hektisch einen Mantel. Verwundert nickte sie Tatjana zu: »Was sucht Tatjana Pankratowa in unserem Haus?« Liza war kein böses Weib, aber sehr einfältig, verschluckte die Worte beim Reden… Und im Nebenraum: was man in Pokrowka selten sieht, außer bei den Ustinovs und wenigen anderen – Bücher. Ein Schrank mit Glas, voller Bücher. Tatjana hatte anderswo schon mehr Bücher gesehen, aber nicht im Bauernhaus, sondern im Gutshaus, wo sie als Kind Dienst tat. Sie schleppte Holz und Wasser ins Haus, putzte Böden, und der Sohn des Hauses brachte ihr Lesen und Schreiben bei, ließ sie laut lesen, dann selbst, und all die vielen Bücher schienen endlos – zwei Wände voll! Tatjana lernte gerne, und sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie dachte: So viele Bücher schafft kein Mensch im ganzen Leben zu lesen. Doch da packte ihr Lehrer, der junge Herr, sie an der Brust, schob sie auf das Sofa mit den geschnitzten Löwen… Sie war nur kurz verdattert, und schon lag der Lehrer auf dem Fußboden unter den starren Blicken der Löwen – mit nasser, roter Nase und den Füßen in der Luft. Damals war Tatjanas Ausbildung vorbei. Ihr Leben in Mittelrussland auch – im Sommer zogen sie und ihr Bruder mit den Eltern nach Sibirien, in den Tomsker Kreis… Der Bruder starb unterwegs, und wäre es nicht so gekommen, sie hätten vielleicht ein fast märchenhaftes neues Dorf gefunden. Tatjana war den Leuten in Pokrowka nie böse, aber manche Sehnsucht nach anderen Menschen blieb. Sie bereute nur, dass sie im Gutshaus nicht all die schönen Bücher lesen konnte, die von solchen Menschen erzählten. Dieses ungestillte Verlangen und die schmerzliche Verlusterfahrung drückten jetzt, beim Anblick der Bücher hinter Glas, so schwer aufs Herz, dass sie Grigori beneidete und wütend wurde – er hatte alles aus den Büchern erfahren, was sie nicht konnte! Warum teilte er sein Wissen nicht? Warum konnte er es ihr nicht erzählen? Akulina erzählte er’s bestimmt, auch wenn sie keine Lust darauf hatte… Davon hätte sie gerne gelernt! Und hätte damals der Lehrer mehr gewagt, sie hätte ihn nicht abgewehrt – nein, nicht abgewehrt! Indes legte Akulina Schal und Walkjacke ab, stellte nasse Filzstiefel auf den Ofen zum Trocknen und sagte: »Zieh dich aus…« – Doch Tatjana stand noch immer da, blickte auf die Bücher, und Akulina warf einen Blick dorthin. »Ach, lass doch… Soll sie halt lesen…«, sagte sie, ohne zu präzisieren, wer »sie« war. »Andere hätten die Büchlein längst verbrannt, damit der Mann keinen Unsinn treibt, aber ich – mir reicht’s so! Weniger Wohlstand, dafür keine Vorwürfe im Haus. Mein Schwiegersohn Schurka bringt mir genug Tadel, da brauch ich das nicht auch noch! Sollen die Bücher bleiben! So schlimm ist das nicht. Zieh dich aus, Tatjana!« Tatjana setzte sich auf die Ofenbank, zog den Rock aus, öffnete die Tür zur Diele, um ihn hinauszuwerfen – da schoss der Hund Barin ins Haus. »Schluss jetzt! Was machst du hier, du Vieh!«, schimpfte Akulina. »Weißt du nicht, dass du nicht ins Haus darfst! Raus jetzt!«, und sie griff nach dem Ofenholz. Aber Barin wich nicht, legte sich auf den Boden, zitterte, und heulte mit erhobenem Kopf. Es war ein klagendes, angsterfülltes Heulen. »Und wo ist der Hausherr?«, fragte Tatjana sofort. »Ist Grigori Leonidowitsch zu Hause?« Wenn Tatjana in Ustinovs Haus ging, fürchtete sie mehr als alles, Grigori zu treffen – sie wüsste nicht, was sie sagen, wie sie grüßen sollte. Doch jetzt kam eine viel stärkere, noch unbekannte Angst, und sie fragte Akulina: »Wo ist er? Wo ist der Hausherr?« Doch Akulina ahnte keinen Verdacht, wurde rot, drehte ihr den Rücken zu und schimpfte weiter mit Barin. Mehrmals schwang sie das Feuerholz, rief dann beleidigt: »Im Wald ist er, unser Grigori Leonidowitsch! Wenn du es so genau wissen musst – seit heute Morgen. Hoch zu Ross…« Barin heulte weiter, Akulina drohte ihm: »Jetzt hau ich dir aber die Schnauze ein, wirklich. Oder glaubst du mir nicht?« Ob Barin es glaubte oder nicht – er winselte weiter, schüttelte den nassen Leib, Eiszapfen hingen am Schwanz und an den Ohren. Tatjana beugte sich zu Barin, griff in sein Fell, dort, wo der Fleck am größten war. Als sie die Hand öffnete, sah sie: bräunliche, riechende Flüssigkeit. »Blut! Blut ist das!« »Na und? Der Hund kann sich doch leicht irgendwo gerauft haben! Er ist sehr friedlich, aber hat schon mal einem anderen Rüden ein Ohr abgebissen, ganz gleich, dass der größer war!« »Das ist nicht sein, nicht Barins Blut. Er hat keine Wunde!« »Wessen dann? Wenn du es weißt!« »Vielleicht… Grigori Leonidowitsch…«, antwortete Tatjana schluchzend und verbarg das Gesicht. Da wurde Akulina endgültig wütend: »Genau das hast du wohl gebraucht! Feine Besucherin, eingeladene, sehen wollte, wie es bei uns ist!«, Akulina schleuderte das Holz in die Ecke, trat Barin, drehte sich um und flüchtete ins Wohnzimmer. »Ihm geschieht nichts, Grigori Leonidowitsch! Den ganzen Krieg hat er überlebt, ist zu mir zurückgekehrt, meine Gebete hat er gehört, und jetzt sollte ihm plötzlich was zustoßen? Glaub ich dir nicht! Keinen neidischen Zungen glaub ich, niemandem!« An der Fensterscheibe rannen die Schneeflocken hinab, es klang, als wollte ein unsichtbarer Besucher ins Haus, ganz vorsichtig… Doch im fernen Wald, ahnte Tatjana, wo das Unglück geschah, gab es keine Vorsicht. Dort herrschte Grausamkeit, blind und taub gegen jedes Leid, gegen alles Blut. Liza rannte mit Nadel in der Hand aus dem Zimmer, bleich, verängstigt – sie glaubte Tatjana: »Unglück! Es ist bestimmt ein Unglück passiert! Der Hund weiß es, es ist was mit Papa!« Tatjana packte sie an den Schultern: »Auf welchem Pferd ist Grigori losgeritten?« »Auf Mokoschka! Kluges Tier, aber was weiß man schon! Pech, pures Pech!« Liza konnte kein r rollen, aber sie sprach schnell, zitterte, starrte auf Barin. Barin stand schon auf den Hinterläufen, schlug mit den Vorderpfoten an die Tür und forderte die Menschen zum Mitkommen auf. »Gleich, gleich!«, versprach Tatjana ihm. »Jetzt! Liza!«, rief sie gebieterisch. »Renn vors Haus, spann das Pferd an, wir fahren! Barin zeigt uns den Weg!« »Aber wir haben heute keine Pferde, Tatjana Pawlowna! Gar keine mehr, Papa auf Mokoschka, Schurka auf dem neuen, meine Stute lahmt… Nichts mehr da! Nichts! Wie auf Befehl! Nichts, nichts, nichts! Willst du uns alle umbringen – es ist nun mal so!« Liza heulte, umklammert den riesigen Bauch, kreischte los, wollte Tatjana irgendwas durch das Heulen erklären, aber Tatjana hörte nicht mehr zu und stürmte aus dem Ustinov-Haus. Halbe Stunde später, oder weniger, trat Michail aus der Tür und sah, wie seine Frau hastig das Scheckpferd einspannte, und daneben hüpfte, bellte und winselte der bunte Hund – Barin, der Ustinovsche. »Wohin so eilig?«, fragte Michail zögerlich. »Es muss sein!«, antwortete Tatjana. »Mach schon, öffne das Tor!« *** Ustinovs Gesicht erschien Tatjana totenblass, weißer als Schnee; erst als er sagte: »Wer ist da?«, war sie sicher, dass er lebte. Er fragte: »Welches Pferd hab ich? Miroshka? Ist er wahrhaft tot? Mein Miroshka…« »Er ist tot!«, sagte Tatjana mit der Hand an den eiskalten Lippen des Pferdes, weinte, wusste nicht, ob Ustinov überleben würde. Seine Stimme war schwach, klang wie von drüben. »Wie konntest du sie abwehren, Grigori?« »Hätte ich das gewusst… Zwei hab ich getroffen, die anderen flohen.« Mit zerfetztem Ärmel zeigte er auf einen toten Wolf im Schnee, den Tatjana erst über den Pferderücken erkannte. Eine zweite blutige Spur führte in den Wald. Ustinov tastete nach Tatjanas Hand, führte sie zur kalten Nüstern des Pferdes. Noch tropfte warmes, zähes Blut… »Er ist wirklich… ganz fort?« »Ganz.« Plötzlich sah er sie an, verwundert: »Tatjana? Woher?« Sie antwortete nicht, er wiederholte: »Wie kommst du hierher? Seltsam…« »Seltsam! Ich sollte hier nicht sein, oder? Jemand anderer sollte hier sein, nicht ich? Aber sie ist nicht da, Grigori! Sie ist nicht da und wäre nie hier! Merk dir das, Grigori!« »Und Miroshka?«, fragte Ustinov leiser. »Lassen wir ihn zurück?« »Er ist kalt!« »Und ich bin auch kalt! Ganz kalt!« »Quatsch! Nicht ganz! Wärt ihr beide wirklich kalt, hätte ich euch hier gelassen! Aber solange noch ein Funken Wärme da ist, nehme ich dich mit! Ich geb dich nicht her!«, rief sie und brachte ihn ins Schlitten, drängte das Pferd an: »Los jetzt, zieh! Lebendig bist du – zieh!« Barin heulte, wollte Miroshka nicht allein lassen, leckte ihm über die Schnauze, fiel in den Schnee. Wollte nicht glauben, dass es zu spät war. »Rücken heil, Grigori?«, fragte Tatjana, peitschte das Pferd. »Heil…« »Bauch?« »Auch heil…« »Bein vielleicht?« »Rechts Oberhalb Knie aufgerissen… Und wohin bringst du mich, Tatjana?« »Kaum erwischt dich mal das Unglück, Ustinov! Zu wenig haben Menschen und Tiere dir angetan! Dir müsste man die Zunge herausreißen!« »Bist du bei Sinnen, Tatjana? Warum?« »Damit du nicht mehr fragst – wohin! Damit du schweigst, egal wohin! Damit du jetzt in meiner Stube, in meinem Bett schweigend liegst! Ich pflege den Verletzten, bin die Schwester der Barmherzigkeit! So, jetzt wird’s Zeit!« »Du meinst das ernst, Tatjana? Bist du denn verrückt geworden?« »Wir haben genug gespielt, dieses endlose »man darf nicht, kann nicht, soll nicht«! Du hast deine Frau, ich meinen Mann, aber brauchen wir die? Genug betrogen! Jetzt ist es an der Zeit – ich nehme dich zu mir, nimm mein Eigenes! Wer fragt, sage ich: Meins hab ich im Wald gefunden, mein Eigentum hab ich vom Feld geholt. Meinem Menschen bin ich so viele Jahre gefolgt, immer allein… Jetzt, wem gehört er? Jeder Mensch mit Herz versteht mich! Nur du nicht – und ich frage dich nicht! Du allein bist so verständnislos, so herzlos – aber diesmal hör ich nicht auf dich, nein! Alles vorbei! Heute bin ich die barmherzige Schwester – nur das zählt! So lang ich will, sorg ich dich heute!« »Hör mir zu, Tatjana… So läuft das nicht…« »Genug! Hab genug gehört! Dein ewiges »darf nicht« hab ich Jahre lang geschluckt! Jetzt reicht’s!« Und so fuhren sie, über unberührte Kuppen, mal in völliger Dunkelheit, mal im fahlen Licht des zaghaften Mondes, dann bellte Barin, jagte voraus. Ustinov stöhnte: »Auf dem Solowka kommen sie, Tatjana. Am Barin hör ich’s – auf dem Solowka!« Tatjana hielt an, sie schwiegen. Auch Barin verstummte vorn. Ustinov dachte: »Akulina?«, aber glaubte es nicht. Auch Tatjana dachte an die Walkjacke, die pelzbesetzte, an das ruhige, helläugige Gesicht. »Ist sie es? – Unmöglich!« So warteten sie schweigend — wer zu ihnen kam? Schurka, der Schwiegersohn Grigoris, kam. Er hielt das Pferd, rief: »Wer da? Freund oder Feind?« Zuerst bellte Barin: »Ach, Schurka, erkennst nicht deinen Herrn? Was los mit dir, Schurka?« Aber Ustinov schwieg. Und Tatjana schwieg. »Wer da?«, rief Schurka noch lauter, noch unruhiger. »Ich bin’s!«, antwortete endlich Ustinov. »Warum schweigt ihr denn, Vater, wenn man fragt?« Ustinov schwieg weiter, Schurka fragte: »Mit wem seid ihr unterwegs?«, trieb sein Pferd, kam näher, erkannte: »Du, Tatjana Pawlowna? Also, du? Von wo hast du Vater hierher gebracht? Aus welchem Unglück? Und wo ist Miroshka, Vater?« »Den hat’s getroffen… Endgültig. Und ich bin selbst schwer verwundet… Wer schickte dich zu mir?« »Lizonka, Vater. Ich war zu Besuch. Und wir, Vater, mit Mischka Gorjatschkin, wir haben gar nicht getrunken. Kein bisschen Karten gespielt.« »Bist du nüchtern, Schurka?« »Kann sofort pusten, Vater! Kein Tropfen mit Mischka! In welchem Schlitten fahrt ihr weiter, Vater? In dem oder in eurem? Na? Warum schweigt ihr? Ist euch schlecht?« Grigori blickte Tatjana finster an, als liege in der Entscheidung schon die Antwort – ob er bei ihr bliebe, trotz aller gesellschaftlichen Regeln, ob als neuer Mann Schluss wäre mit heimlichen Blicken, Andeutungen, unausgesprochenen Gefühlen… Bleibt er, oder… »In meinem fahr ich…«, sagte er und wandte sich ab. Schurka sprang, schleppte seinen Schwiegervater umständlich, an Tatjana vorbei, über ihre Knie, sie saß stumm, bewegungslos, dann fragte sie leise: »Und was ist mit mir? Was wird aus mir? Was – mit mir?« Ustinov stöhnte vor Schmerz. Schurka half ihm, prüfte, ob er blutete. Tatjana fragte immer nur: »Was wird aus mir?« Endlich lag Ustinov ganz in Schurkas Schlitten, Schurka bettete ihn in den Stroh, drehte das Pferd um und fuhr wortlos, ohne Tatjana auch nur einen Blick zu schenken, heimwärts.

Gestohlenes Glück

Sie trafen sich im engen Durchgang zwischen zwei Zaunreihen die eine, die laut Standesamt die Ehefrau von Gregor war, und die andere, die es nach den Gesetzen des Gewissens hätte werden sollen, es aber nie wurde Es war eine trübe, stille Zeit der beißende Frost hatte selbst die zähesten Nachbarn in die warme Stube getrieben.

Schlechter Traum, sonst nichts! schoss es durch Hedwigs Kopf, während sie das pausbackige Gesicht ihrer Rivalin fixierte. Die Rivalin, man kann es kaum glauben, hatte keinen blassen Schimmer von Hedwigs Gefühlslage. Ihr Name war Kunigunde.

Gregor erschien Hedwig immer meilenweit entfernt, und es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass Kunigunde nun schon ewig Gregors Frau, Frau Ustinov, Mutter seiner Kinder, Großmutter seiner Enkel je so fest zu ihm gehören konnte. Es hätte so nicht sein dürfen! Im Traum erlebte Hedwig oft, wie anders alles hätte laufen können, aber die Wirklichkeit blieb ein Alptraum, in der alles verkehrt war.

Nein und nochmals nein auch wenn der liebe Gott mich dafür richtet! dachte Hedwig jedes Mal, wenn sie Kunigunde, nah oder fern, erblickte. Das kann doch nicht sein, dass diese Frau nach den gleichen Spielregeln lebt wie alle! Sie folgt irgendeinem fremden, nachgemachten Gesetz! Hätte sie ihren eigenen Kodex, wäre sie niemals Gregors Ehefrau geworden! Mutter seiner Kinder! Oma seiner Enkel! Doch das war nicht einmal das Schlimmste schlimmer noch: Niemandem, keiner lebenden Seele auf dem Dorf, konnte Hedwig diesen Rollentausch beweisen! Schrei dich heiser, spring in die Isar, brenn das Dorf nieder keiner würde aufwachen, keiner glauben, keiner kapieren! Keiner entlarvt diesen grotesken Irrtum. Nur Hedwig selbst.

Es kommen nun einmal Menschen auf die Welt: ohne Hände, ohne Beine, blind, taub, stumm, wirr im Kopf, dem Elend verpflichtet so etwas lässt sich wenigstens erkennen. Aber hier wurde ein dumpfes, taubes Geheimnis geboren, das nur Hedwig Pankratz durchschaute!

Und so stand Kunigunde nun auf dem schmalen, zugeschneiten Pfad und entwirrte scheinbar nur für sich Hedwigs bösen Traum, als sie ganz interessiert fragte:

Und wie schlags sich das Leben, Hedwig Pauline?
Nun ja ich lebe.
Sieh an, ich auch! gab Kunigunde zurück, drehte sich erst nach links, dann nach rechts wie auf dem Laufsteg. Voilá!

Ihr Gesicht war kreidebleich Im ganzen Dorf kannte man das Gerücht: Kunigunde hat sich niemals weder ledig noch verheiratet schlafen gelegt, ohne das Gesicht vorher mit saurer Sahne zu waschen. Große, runde, leicht hervortretende Augen funkelten im weißen Antlitz. Sie trug einen schwarzen Wollmantel mit weißem Besatz, ein Schultertuch und brandneue, noch nie getragene Filzstiefel.

Hedwig rief sich in Erinnerung: heute ist Sonntag! Sie hatte fast vergessen, welcher Tag war, aber Kunigunde war von Kopf bis Fuß sonntäglich herausgeputzt.

Was treibt dich denn, Hedwig Pauline, so plötzlich in unseren Seewinkel? Kunigunde schnüffelte wie eine Trüffelsau. Wohin führt dein Pfad?

Der Grund für Hedwigs Ausflug ins Münchner Seeviertel war nicht mehr als banal: Sie hatte Gregor Ustinov seit drei Tagen nicht gesehen. Also überkam sie das Bedürfnis, einen Blick auf die Gardinen in seinen Fenstern zu werfen. An den alten weißen Spitzenvorhängen konnte sie sehen, ob er am Leben war Gregor Ustinov.

Schielte man über den Zaun nach rechts, sah man gleich zwei Fenster zur Hofseite seines Hauses, doch Hedwig ignorierte sie. Kunigunde dagegen warf einen schnellen Blick auf ihr Grundstück und fragte nochmals:

Nun, wohin marschierst du denn genau?
Ach nur so.
Kunigunde lachte verschmitzt.
Und dein Mann der Michael wie gehts dem?
Lebt noch, seufzte Hedwig schwer. Wie immer: zimmert am Balkon rum, schnitzt mal hier, mal da ein Brettchen. Lebt still, der Michael. Nichts, was es zu berichten gäbe Dann, einen Schritt vor und plötzlich laut: Und wie stehts mit Gregor? Gregor Leonhard? Der bekannte Mann? Bedeutendes zu erledigen, wie üblich, voll eingedeckt, was?

Jede andere Frau hätte jetzt schon den Holzlöffel gezückt: Ach du blöde Ziege! Schläfst dem Nachts mit meinem Mann? Willst ihn in deinen Bau locken? Lugst unter meinem Fenster bei lebendigem Ehemann, vor aller Welt?! Selbst Witwen wurde so etwas nie verziehen in München, wieso sollte mans einer Ehefrau verzeihen?

Kunigunde hingegen blieb Königsklasse. Ihr Gesicht verdunkelte sich für einen Moment, aber dann fielen ihr auf beide Backen je eine feuchte Schneeflocke, beide schmolzen, liefen als Tränen über die Wangen und spülten allen Groll, allen Groll fort.

So stand sie weiter da freundlich, hübsch, auffällig gekleidet und, zum Überfluss, noch gütig. Und fragte:
Gregor Leonhard ist doch praktisch täglich bei dir im Ratshaus? Du wirst ja wohl wissen, wies um ihn steht!
Frag ich ja grade. Drei Tage schon nicht dort gesehen Im Rathaus.

Es war ja wirklich so: Kunigunde hatte dieses gewisse Etwas, das sie zur Frau von Gregor Ustinov machte. Das war grausam für Hedwig; sie hätte sich fast gewünscht, Kunigunde würde losschreien und sie lauthals beschimpfen.

Unser Gregor Leonhard ist immer voller Taten und Sorgen, erklärte Kunigunde. Ob im Gemeinderat oder seiner Kommission ohne Arbeit und Pflichten lebt er keinen Tag. Nicht mal als Junger, geschweige denn jetzt, als Vater und Opa.
Und, ist das nicht stinklangweilig? Mit einem, der immer nur werkelt? Das ganze Leben mit so einem?

Kunigunde lächelte nur leicht und dachte nach:
Klar, manchmal wars fad! Meine Jugend flog nur so vorbei. Opa und Oma haben die Kinder gehütet und sich ums Vieh gekümmert wir hätten als Jungvermählte nur feiern sollen. Aber hast du so ein Feiern schon mal bei Gregor gesehen? Im Leben nicht! War er nicht im Garten, hatte er ein Buch in der Hand, oder schrieb in ein Heft. Jeden Feiertag das gleiche.

Ja wieso hast du ihn überhaupt genommen? So einen Langweiler?

Seltsam eigentlich wie kam dieses Gespräch überhaupt zustande? Aber es lief. Kunigunde gab ruhig Antwort, wie man zu einem alten Vertrauten spricht:

Der Vater hats geraten! Der selige Papa. Hat gesagt, ich soll. Also hab ich
Gehorcht?
Gehorcht. Ich hab gemeint, ein bisschen Langeweile im Jungenalter gleicht sich später wieder aus.
Und? Ists aufgegangen?

Natürlich! Nach ein, zwei Jahren hab ich seinen Charakter richtig schätzen gelernt und immer gestaunt, wie andere, wenns laut wurde, sich prügelten oder das Saufen losging Wenn der Mann den Haushalt schmeißt, und die Frau die Fäuste einstecken muss, das ist für mich das Letzte! Ich hab mich dran gewöhnt, dass es gut läuft und wenns mal klemmt, weiß ich, dass Gregor so nie handeln würde!

Ein leichtes Leben. Nicht gerade ein Frauentraum!

Wie du dich irrst! Genau das ist das Wahre für die Frau! Ich sag dir: Ich habs mir verdient. Später ist Gregor zu einem richtigen Mann mit Ehr und Ansehen geworden und doch weiß keiner, was er vorher war! Kein Mädchen wollte ihn dieses dürre Bübchen mit seinen Büchern! Auch ich wollte erst nicht, aber dann: Dank an Papa! Später hätten sich viele Frauen gewünscht, sie hätten zugegriffen aber die Pilzzeit war vorbei!

Kunigunde grinste jetzt und lachte sogar laut auf. Die kluge Frau schmunzelte über das naive, halb-bekloppte Mädchen.

So war sie wirklich: Kunigunde. Keine Traumfigur, sondern echt! Und dann packte sie Hedwig am Ärmel, zog sie beinahe unmerklich mit auf die Straße, während sie weiter von damaliger Zeit erzählte, vom Münchner Fasching, von Tagen auf Absätzen aus gelbem Lack damals war Kunigunde die Schönste weit und breit. Hedwigs Vater dagegen hätte sie für eine Flasche Korn und ein Paar getragene Stiefel hergegeben, und sie selbst trug immer ein scharfes Messer am Bein, um sich gegen aufdringliche Freier zu wehren.

So stellte sich das Leben für Kunigunde dar: Gregor, ein grauer Mäuserich unten durch, sie opferte sich hin sie war zu gut für ihn! Ihr entging völlig, dass etliche Mädchen zu Gregor rüberstarrten, die Burschen Respekt hatten und Hedwig kaum zu ihm hinsehen, geschweige denn gestehen konnte, dass sie ihn mochte. Und einmal, als der Vater fragte, welcher Bub ihr gefiel, schwor sie, dass ihre Zunge abfallen würde, wenn sie sagte: Gregor Ustinov Tat sie aber nicht.

So marschierten sie jetzt also Seite an Seite zwei der schönsten Münchnerinnen, einträchtig wie beste Freundinnen, zum Verwechseln ähnlich im Schritt die eine immer auf ihren hohen Absätzen, seit jeher, nie gestrauchelt; die andere barfüßig, kannte die Absätze nur vom Zuschauen.

Doch Hedwig blieb nicht mehr lange das stumme, etwas verblödete Mädchen ohne Absätze. Sie schlang plötzlich den Arm um Kunigunde, schaute ihr freundlich ins Gesicht und sagte: Du, Kunigunde, lass mich doch mal in eure Stube! Ich war noch nie zu Gast im Ustinovschen Haus!

Kunigunde blieb abrupt stehen. Eine Weile gingen sie schweigend weiter, dann standen sie vor Ustinovs Gartentor.

Kunigunde zog an dem Lederriemen mit dem großen Knoten, und darin lag ein kleines Drama: Der Hof, die Veranda, das Ustinovsche Haus!

Hier wohnte der Mensch wie jeder andere: Küche mit großem Tisch unterm Herrgottswinkel, Ofen mit blauer Kachelkante Ein Blick ins Wohnzimmer und klar, sauber zwar, aber nicht wie bei Hedwig: Dort nur Topfpflanzen, Kommode und Tisch sonst nichts; hier jeden Zentimeter mit Kram gefüllt, Kindersachen am Boden, eine Schaukel für die Kleinen, zwischen nackten Waden wuseln winzigen Enkel, mitten im Gewusel sitzt Lisel, Ustinovs Tochter, schwanger, sommersprossig, näht an einem alten Schultertuch, das gerade an der Naht aufgerissen war. Sie späht Hedwig an: Was zum Teufel macht die Pankratz-Hedwig bei uns im Haus?

Lisel herzensgut, aber etwas grob und verschluckt ständig die halben Wörter.

In der Kammer nebendran, da lag der Schatz, den es in München nur in drei, vier Stuben gab Bücher! Eine Anrichte, Glasfront, dahinter ordentlich gestapelte Bände.

Hedwig hatte schon mehr Bücher gesehen, aber nicht im Bauernhaus, sondern damals als Dienstmädchen bei den feinen Leuten.

Sie schleppte Holz, Wasser, schrubbte Böden im Herrenhaus und gefiel dem jungen Erben. Kaum kam der im Sommer aus dem Internat, fing er an, sie zu unterrichten, las ihr vor, dann musste sie vorlesen, immer diese Bücher, mit goldgeprägtem Rücken, die sich scheinbar unendlich aneinanderreihen zwei Wände voll bis zur Decke.

Hedwig lernte gerne, erinnerte sich an den Tag, als sie dachte: Man kann wohl nur so viele Bücher im Leben lesen, wie sie zwei Wände füllen, doch dann packte der junge Herr das Mädchen und drückte sie (rot und schwitzend) quer über ein Sofa aus Mahagoni mit Löwenkopf an der Lehne.

Zu ihrem Glück war sie nicht lange baff: Kurz darauf lag ihr Lehrer selbst auf dem Boden und sah verdattert aus der Perspektive der Löwen rotnasig, die Beine in der Luft.

So endete Hedwigs Schulzeit. Auch ihre Zeit in Mittelhessen war bald aus: Jenes Jahr überredeten sie und ihr Bruder die Eltern, alles auf einen Wagen zu laden und nach Bayern, ins Schwabenland zu ziehen Die Eltern auf dem Leiterwagen, Bruder und Schwester zu Fuß. Hätte ihr Bruder die Reise überlebt, wäre alles vielleicht anders gekommen. Ein fast märchenhaftes Dorf mit netten Menschen. Hedwig war den Münchnern immer dankbar doch irgendwo im Kopf hockte eine Sehnsucht nach den Unbekannten, die sie nie traf, und um die sie vielleicht in einem der schönen Bücher im Herrenhaus hätte lesen können.

Jetzt, in Ustinovs Stube, ganz nah an den Büchern, traf sie wieder diese unausgesprochene Sehnsucht schmerzhaft sie beneidete Gregor und fühlte sich um Wissen betrogen. All das, was sie nie lesen durfte, was er längst wusste! Warum teilt er es nicht? Mit Kunigunde redet er doch! Die hört vermutlich eh nie zu

Was für ein Lehrer das wäre! Und hätte der Lehrer mal ordentlich Hand angelegt sie hätte ihn nicht weggeschubst, nein, nicht dieses Mal!

Inzwischen hatte Kunigunde ihren Mantel, das Schultertuch und die feuchten Filzstiefel abgelegt, alles zum Trocknen oben auf den Ofen gelegt. Zur Gastfreundin: Zieh ruhig aus Hedwig blieb aber immer noch angezogen, starrte auf die Glasvitrine. Kunigunde zuckte nur die Schultern: Ach, soll doch lesen, wer will Andere hätten die Bücher verbrannt, damit der Gatte endlich ernst macht, aber ich bin froh drum! Lieber etwas weniger Wohlstand, dafür keinen Streit. Reicht, wenn mein Schwiegersohn ständig keift von Büchern geht so viel Unheil nicht aus. Zieh aus, liebe Hedwig! Hedwig setzte sich auf die Ofenbank, warf die Jacke ab da sprang der Hund herein: Baron.

He! Was schleicht du hier rum, du Viech? raunzte Kunigunde. Du kennst doch die Hausordnung: Nichts in die Küche! Raus! Sie griff nach dem Backblech, doch Baron bewegte sich keinen Zentimeter, sondern warf sich auf den Fliesenboden, zitterte, und fing an zu jaulen ein Jammerlaut, der durch Mark und Bein ging.

Und der Hausherr? fragte Hedwig sofort. Ist Gregor Leonhard zuhause?

Hedwig fürchtete eigentlich nichts mehr, als Gregor zu begegnen. Was sagt man? Wie begrüßt man ihn? Doch jetzt war die Angst eine andere dumpf, tief, ungreifbar, aber stärker denn je. Wo ist er? Wo ist er?, forschte sie.

Kunigunde witterte keinerlei Unheil, drehte sich nur verlegen weg, schwang weiter das Blech auf Baron ein.

Noch einmal, zweimal, während sie schimpfte: Im Wald ist er, Leonhard! Heute früh losgeritten Baron jaulte weiter, Kunigunde wetterte: Geh zum Teufel, du beklopptes Tier! Ich hol dir sonst das Eisen! Schwör ich! Ob Baron ihr glaubte, ist nicht überliefert, jedenfalls winselte er weiter, trieft vor Nässe, Eiszapfen im Pelz, den Ohren.

Hedwig hockte sich zu Baron, packte sein Fell an der größten schmutzigen Stelle. Die Hand öffnend, sah sie: über die Finger lief bräunlicher, stechend riechender Saft.

Blut! Es ist Blut!
Na und? Da hat er sich wohl an den Dornen gerissen, der Trottel ist harmlos. Neulich hat er einem anderen Rüden das Ohr abgebissen, schau seinen Mut an! Aber seine sinds diesmal nicht, seh ich sofort.
Ist nicht sein Blut!
Ja, wessen dann, Fräulein Scharfsinn?
Vielleicht Gregor Leonhards stammelte Hedwig, hielt sich die Hand vors Gesicht, schluchzte.

Nun wurde Kunigunde wirklich wütend: Das willst du doch nur hören, was? Meine liebe Feingastin! Zu Gast, aber bitteschön überall eingeladen! Sie warf das Blech in die Ecke, trat nach Baron, drehte sich um, floh ins Wohnzimmer. Rief noch: Gregor Leonhard ist ein zäher Hund; hat den Krieg überlebt und ist heil zurück nach meinen Gebeten! Der fehlt mir nicht urplötzlich. Glaub deinen Eifersuchtsgespenstern doch selber! Ich glaub niemandem!

Am Küchenfenster kullerten eine nach der anderen nasse Schneeflocken herab, raschelten, als wollte jemand von draußen ganz vorsichtig Einlass bitten Doch im fernen Wald, das ahnte Hedwig, gabs keine Vorsicht mehr dort regierte rohes, dumpfes Tier.

Lisel stürzte mit Nadel aus dem Wohnzimmer: kreidebleich, die Hände vor dem Bauch, glaubte Hedwig sofort:

Katastrophe! Dem Hund trau ich mit Vater ist was passiert!

Hedwig packte sie an den Schultern: Auf welchem Gaul ist Gregor los? Und wann?

Auf Moritz! Auf dem klugen aber was weiß man… Die Wege, oje!

Lisel lispelte, redete gehetzt, starrte Baron fassungslos an.

Baron stand schon auf den Hinterbeinen, schlug mit den Pfoten an der Tür, als wolle er alle zu sich rufen.

Gleich, Baron! versprach ihm Hedwig. Gleich! Lisel! und in Befehlston: Ab in den Stall, spann schon mal den Kutschgaul ein! Wir fahren! Baron geht uns voran!
Wir haben doch keinen Gaul, Mensch, jetzt! Vater auf Moritz, mein Mann auf dem Schecken am Bahnhof, die Stute die lahmt Nichts da! Keinen einzigen! Auch wenn du uns erschlägst es geht nicht!

Lisel drückte die Hände verzweifelt an ihren riesigen Bauch, heulte los und redete dann durch Tränen weiter, aber Hedwig hörte schon nicht mehr zu, stürmte aus dem Haus.

Eine halbe Stunde später, oder weniger, trat Michael auf die Schwelle und sah seine Frau wild entschlossen, am Zebra-Pony rumwurstelnd, um den pechbunten Hund kreiselnd. Er erkannte Baron.

Wohin so spät?, fragte Michael zaghaft.

Ich muss!, konterte Hedwig. Mach das Tor auf!

***

Ustinovs Gesicht erschien Hedwig wie eine weiße Maske, weißer als der Schnee. Erst als er ganz matt sagte: Wer ist da? glaubte sie, dass er lebte. Dann fragte er:

Welcher Gaul ist unter mir? Moritz? Der ist doch nicht etwa tot? Moritz?

Er er ist tot!, stammelte Hedwig, die Hand am kalten Maul des Pferdes, das schon wildfremd wirkte. Sie schluchzte: würde Ustinov leben? Seine Stimme war schwach, gebrochen klang nach Jenseits. Wie konntest du dich retten, Gregor?

Keine Ahnung. Zwei von ihnen habe ich erwischt, die anderen sind abgehauen.

Mit zitterndem Ärmel deutete er auf einen erschlagenen Wolf; um ihn brennend rotes Blut auf dem Schnee. Einen weiteren Blutfleck zog es in den Wald.

Er nahm Hedwigs Hand, führte sie an Moritz kaltes Maul. Aus den Nüstern tropfte noch warmes, klebriges Blut.

Ganz sicher?
Ganz.

Plötzlich, als würde er sie erst jetzt erkennen, fragte Gregor überrascht:
Hedwig? Wo kommst du denn plötzlich her? Sie schwieg, Gregor wieder: Wie kommst du denn hierher? Komisch

Komisch, ja? Ich bin falsch hier, nicht wahr? Eine andere sollte an meiner Stelle sein, stimmts? Aber die gibts nicht, Gregor! Die gibts nicht, und es hätte sie nie hier gegeben! Merk dir das, Gregor!
Und Moritz? hauchte Ustinov. Lässt du ihn liegen?
Er ist schon kalt!
Ich auch!

Blödsinn, du bist nicht ganz kalt! Wärst dus, hätt ich euch beide liegen lassen, dich und den Gaul! So aber nehm ich wenigstens dein bisschen Leben mit! Ich nehms zu mir! Niemandem geb ich dich ab! Und sie bettete ihn in den Schlitten und brüllte dem Pony zu: Zieht doch, lebendige zieht!

Baron jaulte, wollte Moritz auch nicht zurücklassen. Er leckte den gefallenen Gaul und fiel zu Boden, als könne er es nicht fassen.

Rücken heil, Gregor? keifte Hedwig, trat den Schlitten an.
Ja
Bauch?
Auch heil
Beine?
Rechtes zerschunden Oberschenkel… Wohin bringst du mich, Hedwig?

Na zu wenig wurde dir angetan, Ustinov! Noch nicht genug von Mensch und Vieh! Die Zunge müsste man dir rausreißen!

Sag mal, Hedwig, bist du bei Sinnen? Was soll das jetzt?

Damit du nicht mehr fragst wohin ich dich bring! Damit du still bist, wohin ich dich auch fahr! Damit du jetzt in meinem Haus, in meinem Bett liegst! Heute werde ich die Krankenschwester spielen! So läuft das jetzt ich bestimme!

Doch nicht im Ernst, Hedwig? Bist ja völlig verrückt geworden?

Jetzt ist Schluss mit der Lüge! Kein Gejammer mehr, was alles nicht geht! Du hast deine Frau, ich meinen Mann wen interessiert das! Schluss mit dem Schwachsinn! Jetzt bring ich mein Eigenes heim! Mein Eigenes, kein Fremdes! Wer fragt, kriegt als Antwort: Ich hab mein eigenes im Wald gefunden, aufgelesen! Jahrelang bin ich deinem Schatten nach Zeit, dass du jetzt meiner bist! Jeder, der ein Herz hat, versteht mich! Du allein wirst nicht kapieren, aber das ist mir jetzt egal! Diesmal frag ich nicht, diesmal höre ich nicht hin! Heute bin ich die Schwester. So lange ich will, pfleg ich dich!

Hedwig, du bist komplett verrückt Das geht nicht
Genug! Genug gehört in all den Jahren! Jetzt reichts!

So rumpelten sie weiter, von Schlagloch zu Schlagloch, erst in völliger Dunkelheit, dann im bleichen Licht des zögernden Monds. Da, Baron bellte und sprang voran.

Ustinov stöhnte und sagte: Da kommt jemand, Hedwig. Am Klang von Baron hör ichs die kommen auf dem Schecken!

Hedwig hielt das Pony an, es wurde still. Auch Baron schwieg und war verschwunden.

Ustinov dachte: Kunigunde? Glaubte es aber nicht.

Auch Hedwig dachte an Kunigunde, in dunkler Jacke mit hellem Fell, im Orenburger Schal, ihr ruhiges, kugeläugiges Gesicht. Vielleicht doch? Kann doch nicht sein?

So warteten sie schweigend: Wer würde auftauchen?

Da kam Schorschi, Gregors Schwiegersohn. Hielt an, fragte:
Wer schreit da? Freunde?

Baron bellte: Erkennst den eigenen Herr nicht, Schorschi? Mensch, du spinnst!

Doch Ustinov schwieg. Auch Hedwig.

Wer? rief Schorschi immer lauter.

Ich! sagte Ustinov endlich.

Warum antwortest du dann nicht, Papa? Wer ist noch bei dir? Schorschi trieb sein Pferd näher, erkannte: Du, Hedwig Pauline? Du? Woher kommst du denn mit Papa?

Aus der Not, sagte sie.
Welcher?
Und Moritz?
Der ist gefallen für immer. Und ich bin auch schwer verletzt Wer hat dich geschickt?

Lisel, Papa. Ich war unterwegs und ich hab wirklich keinen Tropfen getrunken wirklich nicht!

Bist nüchtern, Schorschi?

Kann sofort pusten, Papa! Und Karten haben wir auch nicht gespielt! Wohin wollt ihr denn mit dem Schlitten? Mit dem hier oder eurem eigenen? Warum redest du denn nicht? Gehts dir so schlecht?

Gregor warf Hedwig einen finsteren Blick zu, als hinge von dieser Entscheidung das ganze weitere Leben ab ob er bei ihr bleibt, auf alles pfeift, sich offen zu ihr stellt, als Mann, und damit ein Ende macht ein Ende mit allen Hinweisen, Seitenblicken und unausgesprochenen Gefühlen Ob er bleibt, oder

Ich fahr im eigenen seufzte er und drehte sich weg.

Schorschi packte ihn rabiat und verlud ihn, so dass er quer über Hedwig und deren Knie glitt. Hedwig sagte kein Wort, blieb reglos, doch dann, plötzlich, schrie sie innerlich: Und was wird aus mir? Was ist mit mir? Was ist mit mir?!

Ustinov stöhnte das Bein schmerzte ihn. Schorschi fragte: Blutest du stark, Papa? Hedwig weiter: Und was ist mit mir!?
Am Ende lag Ustinov ganz auf Schorschis Schlitten, Schorschi brachte ihn zum Schecken, wandte das Pferd, und ohne Hedwig ein Wort zu gönnen, ritten sie nach Haus zurück.

___

Ende.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Gestohlenes Glück Sie begegneten sich im schmalen Durchgang zwischen zwei Lattenzäunen – die eine, die Grigori nach Gesetz seine rechtmäßige Ehefrau nannte, und die andere, die es nach jedem Recht des Herzens hätte werden sollen, es aber nie wurde… Es war eine trostlose, stille Zeit – klirrende Kälte hatte alle Menschen ins warme Hausinnere getrieben. »Nur ein schlechter Traum, weiter nichts!«, schoss es Tatjana durch den Kopf, während sie prüfend ins rosige Gesicht ihrer Rivalin blickte. Die Rivalin selbst ahnte nichts von Tatjanas Gefühlen. Ihr Name war Akulina. Grigori war für Tatjana immer unerreichbar gewesen. Nicht einmal im Traum hätte sie daran gedacht, dass Akulina – längst seine Ehefrau, Ehefrau Ustinovs, Mutter seiner Kinder, Großmutter seiner Enkel – an seiner Seite war. Das dürfte eigentlich nicht so sein; immer wieder träumte sie davon, dass es anders wäre, und in Wirklichkeit blieb nur ein schwerer Traum, in dem alles so ganz anders lag. »Nein und nochmals nein – Gott möge mich erschlagen!«, dachte Tatjana jedes Mal, wenn sie Akulina aus der Ferne oder Nähe sah. »Es kann nicht sein, dass diese Frau nach demselben Gesetz lebt wie alle anderen! Sie lebt nach einem fremden, gefälschten Gesetz! Hätte sie ihr eigenes – sie wäre niemals Grigoris Frau geworden! Mutter seiner Kinder! Großmutter seiner Enkel!« Doch das Schlimmste war nicht, dass sie es glaubte – das Schlimmste war: Niemand sonst auf der Welt, keine lebendige Seele, würde je diesen Betrug erkennen! Schrei, spring in den See, brenn das ganze Dorf nieder – niemand wird es merken, niemand glauben, niemand begreifen! Kein einziger Mensch außer ihr selbst! Menschen kommen ohne Arme, ohne Beine zur Welt, blind, taub, stumm, wahnsinnig, hässlich, von früher Kindheit an zum Tod verurteilt – alles schon dagewesen, doch das ist offensichtlich. Aber hier wurde ein Geheimnis geboren, stumm, taub, das auf der ganzen Welt nur Tatjana Pankratowa kannte! Und hier stand sie, Akulina, auf dem schmalen, schneebedeckten Pfad, und als würde sie Tatjanas schlechten Traum vorwärtstreiben, fragte sie interessiert: »Wie geht’s dir denn, Tatjana Pawlowna?« »Ich lebe…« »Ich lebe auch!«, lachte Akulina, drehte sich nach rechts, dann nach links, als wolle sie sich zeigen. »Siehst du!« Ihr Gesicht war schneeweiß… In Pokrowka wusste man – sie hat ihr Gesicht nie ungewaschen schlafen gelegt, weder als Mädchen noch als Frau, sondern immer mit Buttermilch gereinigt. Auf dem weißen Gesicht – große, runde, leicht hervortretende Augen. Sie trug eine schwarze Walkjacke mit weißem Pelzbesatz, ein puscheliges Schultertuch und neue, noch ungetragene Filzstiefel. Tatjana erinnerte sich beim Anblick plötzlich: Sonntag! Sie hatte vergessen, welcher Tag heute war, doch Akulina war von Kopf bis Fuß sonntäglich, festlich gekleidet. »Und wie kommst du, Tatjana Pawlowna, ausgerechnet in unsere Seestraße heute? Wohin führt dein Weg?« In die Seestraße von Pokrowka war Tatjana nur aus Neugier auf Ustinovs Haus gekommen; sie hatte ihn drei Tage nicht gesehen und wollte wissen, dass er, Grigori Ustinov, noch lebt – an seinen Gardinen in den Fenstern konnte sie das ablesen. Hätte man nach rechts über den Zaun geblickt, hätte man zwei Fenster von Ustinovs Hütte im Hof gesehen, aber Tatjana schaute nicht hin, Akulina hingegen warf einen kurzen Blick auf ihren Hof und fragte nochmals: »Wohin gehst du denn?« »Einfach so…« Akulina grinste. »Und dein Mann, wie geht es dem, dem Michail? Hab schon lange nichts mehr gehört von ihm.« »Er lebt«, seufzte Tatjana schwer. »Wie immer, zimmert er an der Treppe, werkelt an Holz. Ruhig lebt Michail. Es gibt wahrlich nichts über ihn zu erzählen…« Und plötzlich trat sie auf Akulina zu und fragte laut und fordernd: »Und wie lebt Ustinov derzeit? Grigori Leonidowitsch? Der bekannte Mann? Ständig beschäftigt, oder?« Eine andere hätte schon geflucht, losgeschrien – »Ach du Miststück! Schläfst heimlich mit fremdem Mann? Schleichst dich nachts zu meinem Mann ins Haus, lauerst unter seinen Fenstern – obwohl du selbst einen Ehemann hast? Vor aller Augen, öffentlich?!« In Pokrowka verzieh man das nicht einmal den armseligen Witwen, warum also einer Ehefrau? Doch Akulina tat das nicht. Für einen Moment wich sie zurück, ihr weißes Gesicht verdunkelte sich – doch dann fielen auf jede Wange eine feuchte Schneeflocke, beide schmolzen, liefen über die Wangen wie zwei Tränen und wuschen alle Kränkung, allen Groll fort… So blieb Akulina: tüchtig, schön, festlich gekleidet und – freundlich noch dazu. Und sie fragte weiter: »Grigori Leonidowitsch ist doch fast jeden Tag bei dir im Gemeinderat? Dir muss ich nicht viel erzählen über ihn?« »Ich frage eben. Drei Tage hab’ ich ihn nicht gesehen… Nicht im Gemeinderat.« Tatsächlich hatte Akulina das gewisse Etwas, das sie zur Ehefrau Grigori Ustinovs machte – und Tatjana wurde davon noch banger, bereute, dass Akulina sie nicht anschrie und beschimpfte. »Er ist immer in Arbeit und Sorge, unser Grigori Leonidowitsch«, erklärte Akulina. »Ob im Gemeinderat, in seiner Kommission – Müßiggang ist bei ihm nie. Nicht als junger Mann, nicht als Erwachsener. Vater, Großvater.« »Ist es nicht langweilig mit so einem? Immer so fürsorglich und ernst? Ein ganzes Leben lang?« Und wieder lächelte Akulina nur leise, schwieg, und erinnerte sich dann: »Manchmal war es schon langweilig! Wirklich! Ich hab meine Jugend an seiner Seite gar nicht oft bemerkt. Da waren unsere Großeltern, die halfen bei der Kinderaufzucht, beim Vieh – wir Jungvermählte hätten frei feiern, spielen können. Aber Grigori Leonidowitsch hatte nur Bücher im Kopf, nie Festlichkeiten. So war es immer.« »Warum hast du ihn dann geheiratet – den Langweiler?« Seltsam eigentlich, dass sie überhaupt so ins Gespräch kamen, aber Akulina sprach ruhig, als wäre sie ganz unter sich: »Mein Vater wollte es. Seliger Papa. Ich folgte ihm, verstand: Wenn ich in der Jugend etwas vermisse, kommt das später zurück.« »Und – war’s so?« »Natürlich! Nach ein zwei Jahren fand ich seinen Charakter wunderbar. Ich wunderte mich, wie es in anderen Häusern so viel Streit, Schimpfen, Trinken gab. Wenn ein Mann seine Frau aufs Feld schickte und sich auf den Ofen warf – so was fände ich schrecklich! Ich bin anderes gewohnt: dass alles seine Ordnung hat, und was schlecht läuft, das macht Leonidowitsch nicht!« »Ein leichtes Leben. Und keineswegs ein Frauenleben!« »Genau das ist ein Frauenleben! Und ich sag’s dir: Ich hab ihn mir verdient! Später wurde aus Grigori Leonidowitsch ein hochgeachteter Mann, und als junger erinnert sich kaum jemand an ihn – er war eine graue Maus, nur mit seinen Büchern beschäftigt, für die Mädchen uninteressant … Nur ich bin ihm gefolgt, danke meinem Vater! Die anderen bissen sich später vor Ärger in die Ellbogen, aber zu spät! Die beste Zeit war vorbei!« Akulina lächelte plötzlich und lachte sogar. Eine kluge Frau lachte ein naives Mädchen an. So war Akulina, nicht im Traum, sondern wirklich! Sie nahm Tatjana sanft am Ärmel, zog sie aus der Gasse heraus auf die Straße und erzählte weiter von jener besten Zeit, als sie die erste Braut von Pokrowka war, immer in ihren gelben Schnürschuhen mit hohen Absätzen – während Tatjana arm war und sich mit einem Messer im Stiefelschaft gegen aufdringliche Heiratskandidaten wehrte. Und jetzt gingen sie nebeneinander, zwei der schönsten Frauen von Pokrowka. Wie beste Freundinnen, unzertrennlich! Die eine ging von Kindheit an auf hohen Absätzen und kam nie ins Straucheln; die andere kannte Absätze nur vom Hörensagen, und doch schritten sie heute Seite an Seite, überraschten die sonntägliche, zwar stille, aber wachsame Pokrowkaer Straße. Doch Tatjana blieb nicht lang das naive, wortlose Mädchen, legte lachend einen Arm um die Freundin und sagte: »Du, Akulina, könntest mich doch mal zu euch ins Haus einladen! War noch nie bei den Ustinovs zu Gast!« Akulina stockte. Sie gingen noch ein Stück weiter zur Haustür. Akulina zog die Riegel, öffnete das Hoftor mit dem neuen, dicken Lederriemen – da war der Hof, die Veranda, das Haus der Ustinovs! Dieser Mensch lebte wie alle: eine große Küche mit Tisch in der Ecke, der Herd mit blauer Bordüre… Tatjana warf einen Blick ins Wohnzimmer – sauber, wenn auch nicht wie bei ihr zu Hause, wo Ficus und Kommode stehen und sonst nichts; hier stand allerlei herum – Kindersachen, die Wiege, nackte Enkel flitzten umher, und mittendrin saß auf einem Schemelherd Grigoris Tochter Liza, barfüßig, sommersprossig und schwanger, nähte hektisch einen Mantel. Verwundert nickte sie Tatjana zu: »Was sucht Tatjana Pankratowa in unserem Haus?« Liza war kein böses Weib, aber sehr einfältig, verschluckte die Worte beim Reden… Und im Nebenraum: was man in Pokrowka selten sieht, außer bei den Ustinovs und wenigen anderen – Bücher. Ein Schrank mit Glas, voller Bücher. Tatjana hatte anderswo schon mehr Bücher gesehen, aber nicht im Bauernhaus, sondern im Gutshaus, wo sie als Kind Dienst tat. Sie schleppte Holz und Wasser ins Haus, putzte Böden, und der Sohn des Hauses brachte ihr Lesen und Schreiben bei, ließ sie laut lesen, dann selbst, und all die vielen Bücher schienen endlos – zwei Wände voll! Tatjana lernte gerne, und sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie dachte: So viele Bücher schafft kein Mensch im ganzen Leben zu lesen. Doch da packte ihr Lehrer, der junge Herr, sie an der Brust, schob sie auf das Sofa mit den geschnitzten Löwen… Sie war nur kurz verdattert, und schon lag der Lehrer auf dem Fußboden unter den starren Blicken der Löwen – mit nasser, roter Nase und den Füßen in der Luft. Damals war Tatjanas Ausbildung vorbei. Ihr Leben in Mittelrussland auch – im Sommer zogen sie und ihr Bruder mit den Eltern nach Sibirien, in den Tomsker Kreis… Der Bruder starb unterwegs, und wäre es nicht so gekommen, sie hätten vielleicht ein fast märchenhaftes neues Dorf gefunden. Tatjana war den Leuten in Pokrowka nie böse, aber manche Sehnsucht nach anderen Menschen blieb. Sie bereute nur, dass sie im Gutshaus nicht all die schönen Bücher lesen konnte, die von solchen Menschen erzählten. Dieses ungestillte Verlangen und die schmerzliche Verlusterfahrung drückten jetzt, beim Anblick der Bücher hinter Glas, so schwer aufs Herz, dass sie Grigori beneidete und wütend wurde – er hatte alles aus den Büchern erfahren, was sie nicht konnte! Warum teilte er sein Wissen nicht? Warum konnte er es ihr nicht erzählen? Akulina erzählte er’s bestimmt, auch wenn sie keine Lust darauf hatte… Davon hätte sie gerne gelernt! Und hätte damals der Lehrer mehr gewagt, sie hätte ihn nicht abgewehrt – nein, nicht abgewehrt! Indes legte Akulina Schal und Walkjacke ab, stellte nasse Filzstiefel auf den Ofen zum Trocknen und sagte: »Zieh dich aus…« – Doch Tatjana stand noch immer da, blickte auf die Bücher, und Akulina warf einen Blick dorthin. »Ach, lass doch… Soll sie halt lesen…«, sagte sie, ohne zu präzisieren, wer »sie« war. »Andere hätten die Büchlein längst verbrannt, damit der Mann keinen Unsinn treibt, aber ich – mir reicht’s so! Weniger Wohlstand, dafür keine Vorwürfe im Haus. Mein Schwiegersohn Schurka bringt mir genug Tadel, da brauch ich das nicht auch noch! Sollen die Bücher bleiben! So schlimm ist das nicht. Zieh dich aus, Tatjana!« Tatjana setzte sich auf die Ofenbank, zog den Rock aus, öffnete die Tür zur Diele, um ihn hinauszuwerfen – da schoss der Hund Barin ins Haus. »Schluss jetzt! Was machst du hier, du Vieh!«, schimpfte Akulina. »Weißt du nicht, dass du nicht ins Haus darfst! Raus jetzt!«, und sie griff nach dem Ofenholz. Aber Barin wich nicht, legte sich auf den Boden, zitterte, und heulte mit erhobenem Kopf. Es war ein klagendes, angsterfülltes Heulen. »Und wo ist der Hausherr?«, fragte Tatjana sofort. »Ist Grigori Leonidowitsch zu Hause?« Wenn Tatjana in Ustinovs Haus ging, fürchtete sie mehr als alles, Grigori zu treffen – sie wüsste nicht, was sie sagen, wie sie grüßen sollte. Doch jetzt kam eine viel stärkere, noch unbekannte Angst, und sie fragte Akulina: »Wo ist er? Wo ist der Hausherr?« Doch Akulina ahnte keinen Verdacht, wurde rot, drehte ihr den Rücken zu und schimpfte weiter mit Barin. Mehrmals schwang sie das Feuerholz, rief dann beleidigt: »Im Wald ist er, unser Grigori Leonidowitsch! Wenn du es so genau wissen musst – seit heute Morgen. Hoch zu Ross…« Barin heulte weiter, Akulina drohte ihm: »Jetzt hau ich dir aber die Schnauze ein, wirklich. Oder glaubst du mir nicht?« Ob Barin es glaubte oder nicht – er winselte weiter, schüttelte den nassen Leib, Eiszapfen hingen am Schwanz und an den Ohren. Tatjana beugte sich zu Barin, griff in sein Fell, dort, wo der Fleck am größten war. Als sie die Hand öffnete, sah sie: bräunliche, riechende Flüssigkeit. »Blut! Blut ist das!« »Na und? Der Hund kann sich doch leicht irgendwo gerauft haben! Er ist sehr friedlich, aber hat schon mal einem anderen Rüden ein Ohr abgebissen, ganz gleich, dass der größer war!« »Das ist nicht sein, nicht Barins Blut. Er hat keine Wunde!« »Wessen dann? Wenn du es weißt!« »Vielleicht… Grigori Leonidowitsch…«, antwortete Tatjana schluchzend und verbarg das Gesicht. Da wurde Akulina endgültig wütend: »Genau das hast du wohl gebraucht! Feine Besucherin, eingeladene, sehen wollte, wie es bei uns ist!«, Akulina schleuderte das Holz in die Ecke, trat Barin, drehte sich um und flüchtete ins Wohnzimmer. »Ihm geschieht nichts, Grigori Leonidowitsch! Den ganzen Krieg hat er überlebt, ist zu mir zurückgekehrt, meine Gebete hat er gehört, und jetzt sollte ihm plötzlich was zustoßen? Glaub ich dir nicht! Keinen neidischen Zungen glaub ich, niemandem!« An der Fensterscheibe rannen die Schneeflocken hinab, es klang, als wollte ein unsichtbarer Besucher ins Haus, ganz vorsichtig… Doch im fernen Wald, ahnte Tatjana, wo das Unglück geschah, gab es keine Vorsicht. Dort herrschte Grausamkeit, blind und taub gegen jedes Leid, gegen alles Blut. Liza rannte mit Nadel in der Hand aus dem Zimmer, bleich, verängstigt – sie glaubte Tatjana: »Unglück! Es ist bestimmt ein Unglück passiert! Der Hund weiß es, es ist was mit Papa!« Tatjana packte sie an den Schultern: »Auf welchem Pferd ist Grigori losgeritten?« »Auf Mokoschka! Kluges Tier, aber was weiß man schon! Pech, pures Pech!« Liza konnte kein r rollen, aber sie sprach schnell, zitterte, starrte auf Barin. Barin stand schon auf den Hinterläufen, schlug mit den Vorderpfoten an die Tür und forderte die Menschen zum Mitkommen auf. »Gleich, gleich!«, versprach Tatjana ihm. »Jetzt! Liza!«, rief sie gebieterisch. »Renn vors Haus, spann das Pferd an, wir fahren! Barin zeigt uns den Weg!« »Aber wir haben heute keine Pferde, Tatjana Pawlowna! Gar keine mehr, Papa auf Mokoschka, Schurka auf dem neuen, meine Stute lahmt… Nichts mehr da! Nichts! Wie auf Befehl! Nichts, nichts, nichts! Willst du uns alle umbringen – es ist nun mal so!« Liza heulte, umklammert den riesigen Bauch, kreischte los, wollte Tatjana irgendwas durch das Heulen erklären, aber Tatjana hörte nicht mehr zu und stürmte aus dem Ustinov-Haus. Halbe Stunde später, oder weniger, trat Michail aus der Tür und sah, wie seine Frau hastig das Scheckpferd einspannte, und daneben hüpfte, bellte und winselte der bunte Hund – Barin, der Ustinovsche. »Wohin so eilig?«, fragte Michail zögerlich. »Es muss sein!«, antwortete Tatjana. »Mach schon, öffne das Tor!« *** Ustinovs Gesicht erschien Tatjana totenblass, weißer als Schnee; erst als er sagte: »Wer ist da?«, war sie sicher, dass er lebte. Er fragte: »Welches Pferd hab ich? Miroshka? Ist er wahrhaft tot? Mein Miroshka…« »Er ist tot!«, sagte Tatjana mit der Hand an den eiskalten Lippen des Pferdes, weinte, wusste nicht, ob Ustinov überleben würde. Seine Stimme war schwach, klang wie von drüben. »Wie konntest du sie abwehren, Grigori?« »Hätte ich das gewusst… Zwei hab ich getroffen, die anderen flohen.« Mit zerfetztem Ärmel zeigte er auf einen toten Wolf im Schnee, den Tatjana erst über den Pferderücken erkannte. Eine zweite blutige Spur führte in den Wald. Ustinov tastete nach Tatjanas Hand, führte sie zur kalten Nüstern des Pferdes. Noch tropfte warmes, zähes Blut… »Er ist wirklich… ganz fort?« »Ganz.« Plötzlich sah er sie an, verwundert: »Tatjana? Woher?« Sie antwortete nicht, er wiederholte: »Wie kommst du hierher? Seltsam…« »Seltsam! Ich sollte hier nicht sein, oder? Jemand anderer sollte hier sein, nicht ich? Aber sie ist nicht da, Grigori! Sie ist nicht da und wäre nie hier! Merk dir das, Grigori!« »Und Miroshka?«, fragte Ustinov leiser. »Lassen wir ihn zurück?« »Er ist kalt!« »Und ich bin auch kalt! Ganz kalt!« »Quatsch! Nicht ganz! Wärt ihr beide wirklich kalt, hätte ich euch hier gelassen! Aber solange noch ein Funken Wärme da ist, nehme ich dich mit! Ich geb dich nicht her!«, rief sie und brachte ihn ins Schlitten, drängte das Pferd an: »Los jetzt, zieh! Lebendig bist du – zieh!« Barin heulte, wollte Miroshka nicht allein lassen, leckte ihm über die Schnauze, fiel in den Schnee. Wollte nicht glauben, dass es zu spät war. »Rücken heil, Grigori?«, fragte Tatjana, peitschte das Pferd. »Heil…« »Bauch?« »Auch heil…« »Bein vielleicht?« »Rechts Oberhalb Knie aufgerissen… Und wohin bringst du mich, Tatjana?« »Kaum erwischt dich mal das Unglück, Ustinov! Zu wenig haben Menschen und Tiere dir angetan! Dir müsste man die Zunge herausreißen!« »Bist du bei Sinnen, Tatjana? Warum?« »Damit du nicht mehr fragst – wohin! Damit du schweigst, egal wohin! Damit du jetzt in meiner Stube, in meinem Bett schweigend liegst! Ich pflege den Verletzten, bin die Schwester der Barmherzigkeit! So, jetzt wird’s Zeit!« »Du meinst das ernst, Tatjana? Bist du denn verrückt geworden?« »Wir haben genug gespielt, dieses endlose »man darf nicht, kann nicht, soll nicht«! Du hast deine Frau, ich meinen Mann, aber brauchen wir die? Genug betrogen! Jetzt ist es an der Zeit – ich nehme dich zu mir, nimm mein Eigenes! Wer fragt, sage ich: Meins hab ich im Wald gefunden, mein Eigentum hab ich vom Feld geholt. Meinem Menschen bin ich so viele Jahre gefolgt, immer allein… Jetzt, wem gehört er? Jeder Mensch mit Herz versteht mich! Nur du nicht – und ich frage dich nicht! Du allein bist so verständnislos, so herzlos – aber diesmal hör ich nicht auf dich, nein! Alles vorbei! Heute bin ich die barmherzige Schwester – nur das zählt! So lang ich will, sorg ich dich heute!« »Hör mir zu, Tatjana… So läuft das nicht…« »Genug! Hab genug gehört! Dein ewiges »darf nicht« hab ich Jahre lang geschluckt! Jetzt reicht’s!« Und so fuhren sie, über unberührte Kuppen, mal in völliger Dunkelheit, mal im fahlen Licht des zaghaften Mondes, dann bellte Barin, jagte voraus. Ustinov stöhnte: »Auf dem Solowka kommen sie, Tatjana. Am Barin hör ich’s – auf dem Solowka!« Tatjana hielt an, sie schwiegen. Auch Barin verstummte vorn. Ustinov dachte: »Akulina?«, aber glaubte es nicht. Auch Tatjana dachte an die Walkjacke, die pelzbesetzte, an das ruhige, helläugige Gesicht. »Ist sie es? – Unmöglich!« So warteten sie schweigend — wer zu ihnen kam? Schurka, der Schwiegersohn Grigoris, kam. Er hielt das Pferd, rief: »Wer da? Freund oder Feind?« Zuerst bellte Barin: »Ach, Schurka, erkennst nicht deinen Herrn? Was los mit dir, Schurka?« Aber Ustinov schwieg. Und Tatjana schwieg. »Wer da?«, rief Schurka noch lauter, noch unruhiger. »Ich bin’s!«, antwortete endlich Ustinov. »Warum schweigt ihr denn, Vater, wenn man fragt?« Ustinov schwieg weiter, Schurka fragte: »Mit wem seid ihr unterwegs?«, trieb sein Pferd, kam näher, erkannte: »Du, Tatjana Pawlowna? Also, du? Von wo hast du Vater hierher gebracht? Aus welchem Unglück? Und wo ist Miroshka, Vater?« »Den hat’s getroffen… Endgültig. Und ich bin selbst schwer verwundet… Wer schickte dich zu mir?« »Lizonka, Vater. Ich war zu Besuch. Und wir, Vater, mit Mischka Gorjatschkin, wir haben gar nicht getrunken. Kein bisschen Karten gespielt.« »Bist du nüchtern, Schurka?« »Kann sofort pusten, Vater! Kein Tropfen mit Mischka! In welchem Schlitten fahrt ihr weiter, Vater? In dem oder in eurem? Na? Warum schweigt ihr? Ist euch schlecht?« Grigori blickte Tatjana finster an, als liege in der Entscheidung schon die Antwort – ob er bei ihr bliebe, trotz aller gesellschaftlichen Regeln, ob als neuer Mann Schluss wäre mit heimlichen Blicken, Andeutungen, unausgesprochenen Gefühlen… Bleibt er, oder… »In meinem fahr ich…«, sagte er und wandte sich ab. Schurka sprang, schleppte seinen Schwiegervater umständlich, an Tatjana vorbei, über ihre Knie, sie saß stumm, bewegungslos, dann fragte sie leise: »Und was ist mit mir? Was wird aus mir? Was – mit mir?« Ustinov stöhnte vor Schmerz. Schurka half ihm, prüfte, ob er blutete. Tatjana fragte immer nur: »Was wird aus mir?« Endlich lag Ustinov ganz in Schurkas Schlitten, Schurka bettete ihn in den Stroh, drehte das Pferd um und fuhr wortlos, ohne Tatjana auch nur einen Blick zu schenken, heimwärts.
Ich hasse dich nicht!Ich hasse dich nicht!