Nur durch einen DNA-Test. Fremde brauchen wir hier nicht, erklärte die Schwiegermutter.
– Nur hunderttausend Euro! grinste Liselotte. Mensch Maria, so billig schätzt du also die Freiheit deines Töchterchens ein? Oder findest du vielleicht sogar noch zweihunderttausend zusammen?
– Wenns sein muss, dann krame ich die zusammen, brummte Maria. Na, bist du einverstanden? Wenns wirklich nur ums Geld geht.
– Mal ehrlich, Maria, wie lange hast du darüber nachgedacht, mir sowas anzubieten? fragte Liselotte. Lassen wir den Geldkram mal beiseite! Sag mal, als Frau zu Frau!
– Lass die Moralpredigten stecken, Maria verzog das Gesicht, wir haben doch alle so unsere Leichen im Keller! Und du als dreifache Mutter solltest doch wissen, für das eigene Kind
– Ach, du willst mich einfach kaufen? Liselotte hievte eine Augenbraue hoch. Oder etwa meine Klara? Weil du denkst, wir leben hier am Existenzminimum und würden uns über ein bisschen Schweigegeld freuen? Und dann ist plötzlich alles gut?
Mal ehrlich, dein Fabian hat meine Klara erst bezirzt und dann sitzen lassen, nachdem sie du weißt schon.
Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Einfach ab in den Busch? Oder doch lieber gleich zurück zu Mama, damit jemand hinter seinem Chaos aufräumt?
– Liselotte, lass uns doch mal ehrlich reden, sagte Maria. Mein Fabian ist erst achtzehn! Was soll der denn mit Kind und Familie?
Der muss doch noch studieren! Einen Job finden! Was soll denn aus ihm werden mit so einer Bürde um den Hals?
– Und davor hat dein Fabian natürlich überhaupt nicht nachgedacht, als er sich an meine Klara rangemacht hat? Liselotte grinste schief. Jetzt kann er ja mal üben, wie das mit Verantwortung so ist!
Hat er ein Kind gemacht, dann soll er sich gefälligst auch drum kümmern! Ansonsten gibts ja noch andere Wege: Gerichte, Unterhalt…
Maria spuckte fast vor Schreck.
– Gleich fliegt dir eine Taube in den Mund! schnaubte Liselotte. Und bloß weil ich hier den ganzen Tag schufte, heißt das nicht, dass ich von nichts eine Ahnung habe!
– Ich will hier keinen Streit! Maria schluckte schwer, riss sich aber zusammen. Ich möchte einfach nur den Aufwand ersetzen. Falls du verstehst.
– Für was willst du denn zahlen? fragte Liselotte Für die Tatsache, dass dein Fabian meine Klara geschwängert hat? Dass er seit Monaten vor ihr davonläuft?
Oder willst du damit bezahlen, dass meine Klara vielleicht einen Abbruch machen soll? Oder ist das einfach schon mal ein Vorschuss auf späteren Unterhalt, falls Klara das Kind bekommt?
Maria war baff von so viel Auswahl. Der letzte Vorschlag gefiel ihr am wenigsten.
Denn das hieße ja, dass ihr Sohn jeden Moment dran wäre und zur Rechenschaft gezogen wird.
– Jetzt bring mich nicht durcheinander! Maria fuchtelte mit dem Finger. Ich biete dir echtes Geld, damit wir das Ganze ein für alle Mal klären!
Wie du das dann löst, ist mir doch egal! Ihr könnt abtreiben, das Kind behalten, es ins Heim geben ganz wie ihr wollt!
Nur: mein Fabian wird von der ganzen Geschichte einfach rausgehalten! Und wenn dir das zu wenig ist, sag halt, wieviel du brauchst!
Notfalls nehm ich nen Kredit auf Marinus!
– Ach Maria, weißt du was? sagte Liselotte Als anständige Frau sage ich dir nicht, wohin du dich scheren kannst. Aber wenn du mit so einem Angebot ankommst, hast du von Anstand eh nie etwas gehört!
Jetzt weißt du jedenfalls, wo der Hase läuft und wohin du deine Euros stecken kannst!
– Liselotte, lass uns das doch friedlich regeln! fauchte Maria gereizt.
– Na dann geh in Frieden! konterte Liselotte. Sonst hetz ich noch meinen Dackel auf dich!
Ob Maria ihren Sohn wirklich beschützen konnte, blieb unklar, aber solange Liselotte sauer war, kam Klara ihrem Fabian garantiert nicht zu nahe.
Also hatte Fabian Zeit, sich zu sammeln und in Ruhe weiter zu lernen.
Und sollte Liselotte ihre Meinung ändern, dann war Fabian eh schon über alle Berge. Sie würden ihn auf die Uni in die Stadt schicken!
Und Stadt bleibt Stadt: Da kann man sich verstecken, dass einen keiner mehr findet nicht mal in hundert Jahren!
Maria musste sich echt zusammenreißen, Liselotte nicht an die Haare zu gehen.
– Diese Überhebliche! Dreht die Nase wegen ein bisschen Geld!
Und ich komm ihr so freundlich! Aber sie droht mit dem Hund! So ein Theater!
Mit solchen Leuten gehst du nicht mal zusammen auf einen Biergarten! Die wickeln dich um den Finger und drehen dir die Bratwurst aus dem Brötchen!
Aber was Maria damals nicht ahnte: Das alles war erst der Anfang einer langen Geschichte.
Auch wenn sie eigentlich schon viel früher begann.
Eltern erfahren von den Problemen ihrer Kinder meist als Letzte. Und meistens erst dann, wenns fast schon zu spät ist, irgendwas zu retten.
Als Maria von Hilde, der alten Klatschtante, aufs Butterbrot geschmiert bekam, dass ihr Fabian Klaras werdender Vater sei, blieb ihr das Herz fast stehen.
– Ausgerechnet mein Fabian soll auf Klara abgefahren sein? Das glaub ich nicht! Die ist ja Maria wollte sich schon verplappern, aber bremste sich die kommt doch aus einer Großfamilie! Da ist doch nix zu holen! Auf sowas fährt mein Fabian doch nicht ab!
– Was ich gehört hab, trage ich eben weiter, meinte Hilde. Glaub mir oder frag irgendwen in Oberkirchbach! Wissen eh schon alle. Außer dir vielleicht!
Während Hilde noch vor sich hinkicherte, zog sich Maria ins Haus zurück. Weder ihr Mann noch Fabian waren da beide seit dem Morgen im Wald. Erst zum Abend wollten sie wieder zurückkommen.
Eigentlich hätte Maria im Haushalt genug zu tun gehabt, aber ihr fiel eh alles aus der Hand. Immer nur diese Nachricht im Kopf.
Von denen gibts echt genug!
– Warum? Wozu? Und für wen? Wozu brauchen wir diesen Mist jetzt?
Nach einem Nachmittag voller Nervenchaos hätte Maria fast den Verstand verloren. Kaum kam Fabian zurück, stürzte sie sich auf ihn:
– Was hast du dir denn dabei gedacht? Gibts in Oberkirchbach nicht genug normale Mädchen?
Fabian musste beichten. Er hatte gehofft, noch bis zum Ferienende durchzukommen und sich dann nach Freiburg ins Ausbildungswohnheim abzusetzen.
Da wäre er auf jeden Fall außer Reichweite gewesen. Vielleicht wärs dann gar nicht aufgeflogen!
Aber dem Zorn der Mutter entkam er nicht.
Fabian verdrückte ein Tränchen und jammerte ordentlich nach Mitleid.
Ein Adonis war er nie gewesen. Kopfnoten maximal mittelmäßig, Figur unauffällig. War halt keiner für den großen Auftritt bei den Mädchen.
Aber Alter und Hormone fordern ihren Tribut! Die Jungs im Dorf lachten eh schon, er bleibe wohl ewig ein Eigenbrötler.
– Aber Klara war einverstanden!
– Die nimmt doch jeden, der laufen kann! Maria schimpfte. Wird langsam 20, und die Jungs meiden sie wie den Teufel!
Da gibts halt wenig Dummköpfe, die sich auf deren Familie einlassen! Alles arm wie Kirchenmäuse, und der Vater liegt krank daheim!
Wenn du erst mal so eine Klara hast, darfst du die ganze Sippe durchfüttern!
– Mama, die ist nett! Richtig lieb und anhänglich! Fabian schluchzte drauflos.
– Und dass sie aussieht wie die Rückseite eines Traktoranhängers, hat dich auch nicht gestört? Maria brüllte.
Fabian wurde rot und schaute betreten auf den Boden.
– Mein Gott, warum nur!? Maria hielt sich ans Herz.
– War ja nur ein- oder zweimal, murmelte Fabian.
– Mehr brauchts auch gar nicht! rief Maria entsetzt. Das Ergebnis siehst du bald!
Du willst doch nächsten Herbst auf die Uni! Was willst du mit einem Kind? Die ziehen dir Unterhalt ab!
– Vielleicht ist es gar nicht von mir? stammelte Fabian hoffnungsvoll.
– Das wär zu schön! Aber wer soll’s denn sonst gewesen sein? stöhnte Maria. Egal, wenns keine Einigung gibt, dann nur mit DNA-Test! Wir nehmen keine Kuckuckskinder!
– Sie hat geschworen, sie bleibt mir treu
– Hoff so sehr, dass sie gelogen hat knurrte Maria und holte das kleine Sparkästchen. Marinus!
Das galt jetzt Fabians Vater, der sich vorsorglich schon in Sicherheit gebracht hatte.
– Marinus, hier sieht’s echt mau aus! schrie Maria.
– Ist auf dem Festgeldkonto, konterte Marinus läuft nächste Woche aus. Schon vergessen?
– Na klar, was meinst du, wie oft man bei sowas die Nerven verliert! Maria sank ins Sessel, Sparkästchen fest umklammert. Hast dus schon gehört, was Fabian da angerichtet hat?
– Unser Junge ist erwachsen! Marinus schmunzelte. Dann sparen wir wohl auf die Hochzeit?
– Hochzeit? Hast du einen Schatten? Mit wem denn? Maria verschluckte sich fast an ihrer Empörung. Im Leben nicht! Da wird bezahlt, ausgelöst! Meinst du, hunderttausend Euro reichen?
– Woher soll ich das wissen? Marinus zuckte mit den Schultern. Wobei: Liselotte kann jetzt jeden Cent brauchen!
– Damit kommen wir nicht durch, schüttelte Maria den Kopf.
Sie zählte das Bargeld, dann rechnete sie durch, was noch auf der Bank lag.
– Zweihunderttausend hätten wir, sagte sie schließlich. Biete ich erstmal hundert an. Wenn sie feilscht, kriegt sie zweihundert! Wenns sein muss, nächste Woche dann fünfzigtausend mehr.
Maria nickte bekräftigend zu ihrem eigenen Plan.
– Soll ich mit? fragte Marinus.
– Hättest du besser auf deinen Sohn aufgepasst, müssten wir jetzt auch kein Lösegeld zahlen! murrte Maria. Ich mach das schon alleine!
***
Liselottes Antwort war wenig konkret, da sparte man sich gleich das Gespräch mit Klara die hatte eh nichts zu melden.
Fabian zumindest brachte seine Ferien noch heil über die Bühne und durfte dann nach Freiburg aufs Ausbildungswohnheim. Die klare Anweisung: Erst nächsten Sommer wieder herkommen!
Wo also der Hauptdarsteller abgehauen war, sprach keiner mehr groß von ihm.
Klara, die erst schwanger herumkugelte und dann das Kind bekam, war das neue Dorfgespräch. Und Liselotte bekam natürlich auch ihr Fett weg.
– Nicht mal Unterhalt für die Kleine rausgeschlagen! Jetzt können sie zusehen, wie sie ihre Marmeladenbrote bezahlen!
Liselotte antwortete bei diesen Lästereien nur lapidar, das ginge die anderen einen feuchten Kehricht an!
– Wir werden schon klarkommen, werden auch nicht bei euch betteln!
Ende Juni war Fabian wieder kurz im Dorf. Doch seine Eltern sperrten ihn weg wie einen Schatz, der nicht an die Öffentlichkeit sollte. Kurz danach, ab in die Stadt. Die Uni wartet.
Aber mit den Noten reichte es nicht mal fürs gebührenpflichtige Studium.
– Marinus, jetzt geh zum Kreiswehrersatzamt! knurrte Maria. Wenn er zur Bundeswehr muss, vergisst er den ganzen Ärger! Und vielleicht klappts dann nächstes Jahr mit der Uni!
Doch das brachte nichts. Und für seine Hartnäckigkeit handelte Marinus sich erst gebrochene Rippen ein, dann fünfzehn Tage Ordnungshaft.
Als Marinus wieder da war, hatte er eine bahnbrechende Idee:
– Wir lassen ihn Klara heiraten, er erkennt das Kind an, und schon hat Fabian Aufschub bis das Kind drei ist!
Und wenn er dann noch eins macht, wieder Aufschub! Und mit ein bisschen Glück, ist er bis dahin eh schon zu alt für die Truppe!
– Dir haben sie aber das letzte bisschen Verstand ausgeschlagen! rief Maria. So eine Schwiegerfamilie wünscht man echt keinem Feind!
– Na dann ab zur Bundeswehr! meinte Marinus schulterzuckend.
Fabian einzuziehen war Maria noch deutlich unangenehmer als ihn auf Klara loszulassen. Aber wie heißts so schön die Optionen sind überschaubar.
– Wir gehen auf die Knie, ergab sich Maria. Marinus, hol das Sparkästchen! Vielleicht kriegen wir sie ja weich
– Nach dem, was sie dir an den Kopf geworfen hat? Marinus zog eine Grimasse. Nach all dem Dorfgetuschel?
Vielleicht lebt Fabian einfach im Wald, bis er siebenundzwanzig ist!
– Los jetzt, Sparkästchen, und nichts wie hin! kommandierte Maria.





