Educational
05
„Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – Schwiegersohn unterbricht Schwiegermutter Hans blickte mit einer Tasse kalten Tee in der Hand aus dem Fenster. Sein Blick galt nicht der grauen Häuserreihe, sondern dem altbekannten, auberginefarbenen Opel Astra, der unten vor dem Haus parkte. Als ihm klar wurde, wer gekommen war, schnürte sich sein Magen zusammen. „Meine Eltern sind auf dem Parkplatz“, sagte er leise, während er sich verwundert zu seiner Frau umdrehte. Sabine, die gerade am Herd stand und in einen Topf rührte, stockte für einen Moment. Ihre Schultern spannten sich an, dann sackten sie hoffnungslos nach unten. „Na toll, jetzt geht das wieder los“, seufzte sie und legte den Löffel auf den Untersetzer. „Am besten holen wir gleich den Sekt für Mut – oder Baldrian.“ Hans erwiderte nichts. Er horchte auf die gedämpften Stimmen im Treppenhaus und dann hörte er auch schon, wie ein Schlüssel im Schloss drehte – der Sicherheitsschlüssel, den Erna Schröder, seine Schwiegermutter, aus „reiner Vorsicht“ erhalten hatte. Die Tür schwang auf, kalte Luft, gemischt mit angespannter Stimmung, zog in die Wohnung. Erna Schröder betrat als Erste die Diele. Eine energische Frau um die sechzig, perfekt frisiert und im eleganten Herbstmantel. In ihrer Hand ein riesiges Tupper-Behältnis. „Sabinchen, mein Schatz! Hans!“, rief sie mit übertrieben fröhlicher Stimme, die mehr überspielen als willkommen heißen sollte. „Wir bringen euch Kartoffelklöße – einen ganzen Berg voll! Ich weiß ja, dass ihr nie die Zeit zum Kochen habt.“ Hinter ihr folgte Wilfried Schröder, der Schwiegervater: kräftiger Kerl im abgelebten Adidas-Anorak, das Gesicht rot vom Streit oder von Zugluft. Auf der Schulter eine schwere Kühltasche, die er mit Schwung zu Boden ließ. Die Vase auf dem Sideboard bebte. „Sag mal, Erna! Willst du die gleich für die ganze Woche bekochen? Die halbe Ernte vom Schrebergarten ist hier reingewandert. Und ich darf wieder als Packesel alles schleppen – aber wehe, ich trag mal was für meine Modelleisenbahn…“, brummte er. Erna zog seelenruhig ihre Gummistiefel aus, drehte sich nicht mal um. „Natürlich, Wilfried. Für die Familie ist dir alles zu schwer, aber für den Hobbykeller schleppst du bis zum Umfallen. Hallo, Kinder.“ Sie umarmte Sabine, nickte Hans knapp zu und zog eine Duftwolke hinter sich her. Wilfried kickte die Treter weg, steuerte in die Küche und stellte die Kühltasche mit erleichtertem Seufzen ab. „Du, Sabine… hast du Wasser heiß? Ich brauch erst mal einen Tee. Im Auto war’s wieder wie im Kühlschrank!“ „Von deinem Fahrstil wird einem nicht nur die Kehle trocken…“, kam Ernas Stimme aus dem Flur. „Du fährst an jeder Kreuzung, als wärst du im Rallye-Modus!“ Wilfried schnappte sich den Wasserkocher: „Du würdest ja am liebsten beim Rotlicht einnicken! Wir wären noch immer auf der Stadtautobahn, wenn ich wie du fahren würde! Und ständig dein: ‘Wilfried, da ist ein Schlagloch!’, ‘Da läuft ein Radfahrer!’, ‘Schau mal, das Schild!’ Ich fahr seit 40 Jahren, ich weiß schon selbst, wo ich hinsehen muss!“ Ein kurzer Blickwechsel zwischen Hans und Sabine – der übliche Auftakt. Bis jetzt noch harmlos. Eine Stunde später saßen alle versammelt im Wohnzimmer. Das Abendessen war vorbei, Ernas Klöße sicher im Kühlschrank verstaut. Zeit für einen ruhigen Tee? Von wegen. Jeder neutrale Smalltalk mutierte zum Anlass für neue Zwistigkeiten. „Ihr und eure Serien“, ätzte Erna und schlürfte ehrfürchtig aus der Porzellantasse. „In unserer Jugend hatte Kino noch Tiefgang – ‘Das Leben der Anderen’, ‘Die Feuerzangenbowle’… Heute gibt es nur noch Action und Endlos-Türkendramen. Alles geht den Bach runter!“ „Jo, ganz schlimmer Verfall!“, knurrte Wilfried, auf dem Stuhl ausgestreckt. „Selber hängst du doch an diesen Rosamunde-Pilcher-Schinken. Da wird auch nur geheult und gezankt.“ „Du verstehst halt nichts, Wilfried! Ich studiere das Leben, wie andere Leute leben. Aber was guckst du? Immer nur Nachrichten, ein Elend nach dem nächsten! Davon kann ich nachts gar nicht schlafen!“ „Dann lass es halt gut sein! Niemand zwingt dich. Mach’s dir gemütlich mit deinem ‘Herzflimmern’ und schau, wie die Weiber sich zanken.“ Da knallte Sabine energisch die Tasse auf den Tisch. „Mama, Papa, reicht’s jetzt? Können wir nicht EINEN ruhigen Abend verbringen? Wir haben euch zwei Wochen nicht gesehen und dann das… Müsst ihr wirklich jedes Mal so eskalieren?“ Kurze Stille. Erna schürzte beleidigt die Lippen, Wilfried glotzte finster zum Fenster. Hans hatte Mitleid – vierzig Jahre Ehe, Tochter großgezogen, und jetzt dieser Kleinkrieg als Hauptbeschäftigung im Rentneralltag. Dann kam der Dammbruch – Thema Dachsanierung am Schrebergartenhaus. „Ich hab’s immerhin allein geschafft!“, prahlte Wilfried. „Eine Dachseite in einer Woche, keiner hat geholfen!“ Erna erstarrte mit einem Stück Kuchen auf der Gabel. „Du nennst das keine Hilfe? Wer hat dir die Ziegel zugetragen? Wer hat dir Mittagessen gebracht?“ „Ja, und jedes Ziegelstück wurde vor dir kommentiert: ‘Das ist schief, das ist gebrochen!’ Ich hätte schneller fertig sein können, allein! Und von deinem Eintopf hatte ich Sodbrennen! Du hast da Salz reingekippt wie ins Streusalz!“ „Ach, so ist das! Dann gibt’s ab heute kein Essen mehr für dich! Koch dir deinen Kram selbst.“ Erna stand auf, die Augen funkelten. „Super! Endlich keine Frikadellen mehr mit Omas Zwiebeln – stinken bis in den Hobbyraum! Da ess ich lieber allein in der Garage!“, blaffte Wilfried, ebenfalls aufstehend. Schweigen. Sabine wurde blass, Hans sah hilflos von einem zum anderen. „Jetzt reicht’s!“, sagte Hans mit leiser, aber fester Stimme. Beide schauten ihn überrascht an. „Ich will das nicht mehr hören. Ihr kommt in UNSER Haus und macht jedes Mal Theater. Ihr seht eure Tochter, wollt aber nur streiten. Könnt ihr das nicht bei euch zu Hause klären?“ „Wie redest du denn…?“, setzte Erna an. „Ich spreche als jemand, der das nicht mehr erträgt. Sabine auch nicht! Von jetzt an kommt ihr nur noch getrennt zu Besuch – Mutter nachmittags, Vater am Abend. Bis ihr lernt, euch wie zivilisierte Menschen zu benehmen!“, sagte Hans bestimmt. Totenstille. Erna sah ihn an, als hätte er ein Tabu gebrochen. Wilfried ließ die Schultern hängen. „Willst du uns rausschmeißen?“, hauchte Erna. „Nein. Ich schütze nur meine Frau und unser Zuhause. Und jetzt geht bitte.“ Ohne ein weiteres Wort zog sich Erna wortlos ihren Mantel an und verließ die Wohnung. Wilfried zögerte kurz, nickte Sabine zu und folgte ihr. Hans trat ans Fenster. Er sah Erna schnellen Schrittes zur Bushaltestelle laufen, Wilfried brauste mit dem Opel davon – beide in verschiedene Richtungen. Sabine stand mit Tränen in den Augen im Wohnzimmer. „Mein Gott… was haben wir getan? Jetzt sind sie bestimmt nachtragend…“, sagte sie leise. „Was hätten wir machen sollen? Ich konnte das nicht mehr sehen. Es tut mir leid“, Hans schloss sie in die Arme. An dem Wochenende tauchten die Schröders nicht auf. Sabine wusste, dass sie gekränkt waren. Erna meldete sich erst nach zwei Wochen wieder, druckste herum: „Tja, wir wollten ja kommen, aber ihr habt’s ja verboten…“ „Mama, das ist nur, weil ihr immer wie Hund und Katz streitet. Überall, aber bitte nicht bei uns“, entgegnete Sabine. „Na, ich hab’s verstanden… Die Schwiegereltern sind euch lieber, der Schwiegersohn spielt sich hier auf!“ „Mama, bei Hans’ Eltern ist es immer ruhig. Ich hab die noch nie streiten hören. Immer friedlich“, sagte Sabine ruhig. „Ach, jetzt bekomme ich schon die anderen Eltern als Vorbild vorgesetzt? Sorry, dass wir so schlimm sind!“, schnappte Erna beleidigt und legte auf. Da schwieg sie erstmal und reagierte nur noch mit einer SMS: Sabine solle doch mit ihren so angenehmen Schwiegereltern reden. „Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – wie unser Familienfrieden beinahe an den Eltern zerbrach
10. November Manchmal frage ich mich wirklich, wie weit man die Familienbande dehnen kann, bevor sie reißen.
Homy
Plötzlicher Auszug ohne Abschied: Er reichte die Scheidung ein, ohne dass seine Frau etwas ahnte
14. September.Es ist nun einige Monate her, seit Bernd mich ohne jede Vorwarnung verlassen hat.
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044
Vorgangsnummer Als anonyme Nummer im System: Wie ein falscher Gerichtsbeschluss mein Leben blockierte, warum ich vor der Apotheke Standpauken hielt, Kontoauszüge und Anträge sammelte, wie ich der Fehlerfalle bei Gerichtsvollziehenden entkam – und trotzdem Wochen später noch beweisen musste, dass ich kein Schuldner bin
Vorgangsnummer Die Kassiererin in der Apotheke reichte ihm das Kartenlesegerät, und wie gewohnt hielt
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07
Kein einziger Fahrgast wollte einem zehnjährigen Mädchen den Platz überlassen – Da habe ich verstanden, was es wirklich bedeutet, allein zu sein
Kein einziger Fahrgast im Zug wollte einem zehnjährigen Mädchen den Platz überlassen. In diesem Moment
Homy
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025
Solange es noch nicht zu spät ist Natalia balancierte einen Beutel mit Medikamenten in der einen, eine Mappe mit Arztberichten in der anderen Hand und versuchte dabei, die Schlüssel nicht fallen zu lassen, als sie die Tür zur Wohnung ihrer Mutter schloss. Ihre Mutter stand im Flur, weigerte sich stur, sich auf den Hocker zu setzen, obwohl ihre Beine zitterten. — Ich schaff das schon alleine, — sagte die Mutter und griff nach der Tüte. Natalia schob sie sanft, aber bestimmt zur Seite, wie man ein Kind vom Herd fernhält. — Jetzt setzt du dich hin. Ohne Diskussion. Sie kannte diesen Tonfall an sich selbst. Er kam immer dann, wenn alles auseinanderzufallen drohte und sie zumindest die Ordnung zusammenhalten musste: Wo die Unterlagen liegen, wann die Tabletten genommen werden müssen, wen man anrufen soll. Ihre Mutter war über diesen Ton oft beleidigt, schwieg dann aber. Heute war das Schweigen noch schwerer. Im Wohnzimmer saß ihr Vater am Fenster, im Haushemd, die Fernbedienung in der Hand, aber der Fernseher war aus. Er blickte nicht hinaus in den Hof, sondern irgendwohin tief ins Glas, als liefe dort ein anderer Sender. — Papa, — Natalia trat näher. — Ich habe die Präparate vom Arzt besorgt, und hier ist die Überweisung zum CT. Morgen früh gehen wir los. Der Vater nickte. Das Nicken war so genau wie eine Unterschrift auf einem Formular. — Du brauchst mich nicht fahren, — sagte er. — Ich schaffe das allein. — Von wegen alleine, — entgegnete die Mutter und wurde gleich wieder weicher, fast, als habe sie sich vor ihrem eigenen Ton erschreckt. — Ich gehe mit. Natalia wollte sagen, dass ihre Mutter das lange Warten in den Praxen nicht durchhalten würde, dass sie hohen Blutdruck hat, danach völlig erschöpft wäre und es trotzdem nicht zugeben würde. Aber sie schwieg. Sie spürte Irritation in sich aufsteigen: Warum bleibt wieder alles an ihr hängen? Warum reicht es nie, einfach zu tun, was nötig ist? Sie sortierte die Unterlagen auf den Tisch, prüfte die Termine, heftete die aktuellen Laborwerte mit einer Büroklammer zusammen und merkte wieder diese gewohnte Erschöpfung ihrer „Verantwortlichen“-Rolle. Sie war siebenundvierzig, hatte ihre eigene Familie, einen Beruf, die Baufinanzierung für den Sohn – und trotzdem, wenn bei den Eltern etwas passierte, blieb sie die Hauptzuständige, ohne dass das je jemand offiziell bestimmt hätte. Das Telefon klingelte, und auf dem Display erschien die Nummer ihrer Hausarztpraxis. Natalia ging in die Küche und schloss die Tür hinter sich. — Frau Sergejewna? — Die Stimme klang jung, höflich-offiziell. — Onkologisches Zentrum. Wegen der Biopsie… Das Wort „Biopsie“ hatte Natalia schon gehört, aber es fühlte sich trotzdem jedes Mal fremd an, als ginge es nicht um ihr eigenes Leben. — …wir haben einen dringenden Krebsverdacht. Es sind weitere Untersuchungen nötig. Ich weiß, das ist schwer, aber Zeit ist entscheidend. Natalia klammerte sich an die Tischkante, um nicht in sich zusammenzufallen. Vor ihrem inneren Auge tauchten Bilder auf, die sie nicht bestellt hatte: Krankenhausflure, Infusionen, fremde Gesichter, der Rücken ihrer Mutter mit Kopftuch. Sie hörte ihren Vater im Wohnzimmer husten, und auf einmal war auch der Husten ein Beweis. — Krebsverdacht, — wiederholte sie. — Also noch nicht sicher, aber…? — Wir sprechen von hoher Wahrscheinlichkeit. Ich empfehle wirklich, keine Zeit zu verlieren, — erklärte der Arzt. — Kommen Sie direkt morgen früh mit allen Unterlagen, ich nehme Sie ohne Wartezeit dran. Natalia bedankte sich und legte auf, während sie sekundenlang einfach nur auf die Herdplatte vor sich starrte, als könnte dort eine Anleitung erscheinen, wie es nun weitergehen soll. Als sie zurückkam, schaute ihre Mutter sie bereits an. — Was ist? — fragte die Mutter. — Sag es. Natalia öffnete den Mund, und die Worte kamen trocken heraus. — Verdacht auf Krebs. Es muss schnell gehen. Die Mutter setzte sich. Im Gesicht des Vaters zeigte sich keine Reaktion, nur die Finger an der Fernbedienung griffen so fest zu, dass die Knöchel weiß wurden. — Na bitte, — sagte er leise. — Jetzt ist es so weit. Natalia wollte widersprechen, sagen „Red nicht so“, „Nichts ist entschieden“, aber ein Kloß versperrte ihr die Kehle. Plötzlich spürte sie, wie viel in ihrer Familie immer darauf beruhte, schlimme Worte nicht auszusprechen. Jetzt war das Wort gesagt, und die Wände wurden dünner. Später kehrte sie nach Hause zurück, aber konnte nicht schlafen. Ihr Mann schlief, der Sohn schrieb Nachrichten in seinem Zimmer, und sie saß in der Küche und machte eine Liste: Welche Papiere werden gebraucht, welche Tests wiederholen, wen anrufen. Sie rief ihren Bruder an. — Sascha, — sagte sie bemüht ruhig. — Bei Papa sieht es nach Krebsverdacht aus. Wir fahren morgen zur Untersuchung. — Verdacht auf was? — Ihr Bruder fragte fast so, als hätte er es nicht verstanden. — Krebs. Es entstand eine lange Pause. — Ich kann morgen nicht, — sagte ihr Bruder endlich. — Ich habe Dienst. Natalia schloss die Augen. Sie wusste, dass ihr Bruder tatsächlich arbeiten musste, kein Chef war und nicht einfach gehen konnte. Aber die alte Welle in ihr rollte hoch: Er „kann“ nie, sie „kann“ immer. — Sascha, — sagte sie, und ihre Stimme zitterte. — Es geht nicht um die Arbeit. Es geht um Papa. — Ich komme abends vorbei, — erwiderte er schnell. — Du weißt doch… — Ich weiß schon, — unterbrach Natalia. — Du kannst gut verschwinden, wenn’s schwierig wird. Sie bereute es sofort, aber die Worte waren draußen. Der Bruder schwieg, dann atmete er hörbar aus. — Fang jetzt nicht damit an, — sagte er. — Du willst immer alles kontrollieren und hinterher… beschwerst du dich. Natalia legte auf und spürte plötzlich gähnende Leere in der Brust. Sie hörte, wie der Kühlschrank ansprang, und dachte: Jetzt ist keine Zeit, um Recht zu haben. Aber gerade, wenn Angst da ist, kommt alles hoch. Am nächsten Tag fuhren sie zu dritt zum Zentrum: Natalia am Steuer, die Mutter daneben, der Vater hinten mit der Mappe, als sei darin nicht Papier, sondern etwas, das man nie verlieren darf. In der Anmeldung füllte Natalia Formulare aus, zeigte Perso, Versicherungskarte, Überweisung. Die Mutter wollte helfen, vertauschte aber Namen und Daten. Der Vater stand abseits und blickte die Menschen im Flur an: kahlköpfige Männer, Frauen mit Tüchern, graue Gesichter – und in seinem Blick lag kein Mitleid, sondern stilles Erkennen. — Frau Sergejewna, — rief die Schwester. — Bitte kommen Sie herein. Im Behandlungsraum blätterte der Arzt zügig durch die Papiere. Natalia beobachtete seine Hände, versuchte aus dem Gesicht zu lesen, wie schlimm es war. Der Arzt sprach sachlich, aber die Worte waren gefährlich: „Aggressivität“, „Staging“, „noch zu prüfen“. Der Vater saß starr wie bei einer Amtssitzung. — Wir wiederholen einige Tests und machen noch eine Biopsie, — sagte der Arzt. — Manchmal ist die Probe nicht ausreichend. — Also sind Sie sich nicht sicher? — fragte Natalia. — In der Medizin weiß man selten etwas ganz sicher ohne erneute Bestätigung, — erklärte er. — Aber wir müssen so handeln, als ob es ernst ist. Dieser Satz traf härter als der Verdacht. Handeln, als ob wenig Zeit bleibt. Natalia spürte, wie ihr Notfall-Modus ansprang. Alles andere – Beruf, Pläne, Erschöpfung – wurde unwichtig. Die folgenden Tage verschmolzen: morgens Anrufe, Termine, Fahrten, tagsüber Wartezimmer, Formulare, Unterschriften; abends saßen sie zu dritt in der Elternküche und sprachen scheinbar nur über Organisation. — Ich nehme mir Urlaub, — sagte Natalia am zweiten Abend, als sie Suppe einschenkte. — Die Arbeit kommt klar. — Nicht nötig, — entgegnete der Vater. — Du hast doch dein eigenes Leben. — Papa, — stellte Natalia ihm die Suppe hin. — Jetzt ist keine Zeit für Stolz. Die Mutter sah die beiden an, und Natalia bemerkte, wie deren Unterlippe zitterte. Die Mutter hatte immer durchgehalten. Damals, als der Vater in den Neunzigern arbeitslos wurde, als Natalia sich scheiden ließ, als der Bruder abstürzte. Sie hielt so sehr durch, dass nie jemand nachfragt, wie es ihr geht. — Ich möchte nicht, dass ihr… — begann die Mutter und verstummte. — Dass wir was? — fragte Natalia leise. — Dass ihr euch nachher nicht mehr vergebt, — die Mutter umklammerte den Löffel. Natalia wollte sagen, viele Wunden hätten sie sowieso nie verziehen – sie wurden nur nie benannt. Aber sie schwieg. Nachts lag sie wach neben ihrem Mann und dachte daran, wie der Vater alt geworden war. Sie erinnerte sich plötzlich, wie er ihr das Radfahren beigebracht hatte, ihre Sattel festhielt, bis sie allein losfuhr. Damals hatte sie keine Angst zu stürzen, weil sie wusste, er war da. Jetzt war sie da – aber es fühlte sich an, als hielt sie nicht nur den Sattel, sondern das ganze Haus. Am dritten Tag kam ihr Bruder schließlich doch vorbei. Er kam mit einem Obstbeutel und verlegener Miene ins Elternhaus. — Hallo, — sagte er, und Natalia spürte, wie Zorn in ihr hochstieg, weil das Lächeln so unpassend war. — Hallo, — antwortete sie knapp. In der Küche schnitt die Mutter Äpfel, der Vater schwieg. Der Bruder begann, von seiner Arbeit zu erzählen, als wolle er die Stille neutralisieren. — Sascha, — platzte Natalia heraus. — Du weißt schon, was los ist? — Natürlich, — unterbrach er scharf. — Ich bin nicht doof. — Warum warst du dann gestern nicht da? — Ihre Stimme wurde lauter. — Warum entscheidest du immer danach, was dir passt? Der Bruder wurde bleich. — Weil halt jemand arbeiten muss, — erwiderte er. — Glaubst du, das Geld fällt vom Himmel? Du bist halt immer korrekt, alles nach Plan. Und ich… — Und du was? — Natalia lehnte sich vor. — Du bist erwachsen, Sascha. Kein Teenager mehr. Der Vater hob die Hand. — Es reicht jetzt, — sagte er leise. Aber Natalia konnte nicht mehr aufhören. Angst um den Vater und über Jahre aufgestaute Wut auf den Bruder, die Mutter, auf sich selbst, all das mischte sich. — Du bist immer abgehauen, wenn’s schwierig war, — sagte sie. — Als Mama mit Kreislauf im Bett lag, als Papa damals… als er getrunken hat – weißt du noch? Du warst einfach weg. Und ich bin geblieben. Die Mutter stellte nervös das Messer ab. — Lass das jetzt, — sagte sie. — Das ist lange her. — Lange her, — wiederholte Natalia. — Aber es ist nie weggegangen. Der Bruder schlug mit der Hand auf den Tisch. — Und du glaubst, es war einfach, da zu bleiben? — rief er. — Du leitest halt gern alles. Du liebst es, dass wir dich brauchen, und dann beschuldigst du uns genau dafür. Natalia spürte, wie seine Worte ins Schwarze trafen, dem sie sonst immer auswich. Sie mochte es wirklich, gebraucht zu werden. Es hatte etwas Schweres und Süßes. Braucht man dich, hat man Rechte. — Ich hasse euch nicht, — sagte sie, aber glaubte es selbst nicht ganz. Der Vater stand auf – langsam, als bräuchte jedes Aufstehen eine Entscheidung. — Ihr denkt, ich merke nichts, — sagte er. — Ihr teilt mich auf, als wäre ich ein Gegenstand. Als wäre ich schon nicht mehr… Er schwieg. Die Mutter trat zu ihm, nahm seine Hand. — Sag nichts, — flüsterte sie. Natalia sah den Vater plötzlich nicht mehr als „Papa“, sondern als Menschen, der in Wartezimmern sitzt, fremde Diagnosen hört und Angst hat, das aber überspielt. Sie schämte sich. Das Telefon vibrierte auf dem Tisch. Natalia sah automatisch hin: Die Nummer der Laborpraxis, wo sie die Proben abgegeben hatten. — Hallo, — sagte sie. — Frau Sergejewna? — Die Stimme klang erschöpft, nicht wie beim Arzt. — Hier ist das Labor. Es gab einen Fehler mit den Probenetiketten. Wir überprüfen das gerade, aber es gibt die Möglichkeit, dass die Werte Ihres Vaters vertauscht wurden. Natalia brauchte einen Moment, um zu begreifen. Die Worte „Fehler“ und „vertan“ ergaben keinen Sinn. — Wie — vertauscht? — Es gab eine Diskrepanz bei den Barcodes, — erklärte die Stimme. — Bitte kommen Sie morgen früh zur kostenlosen Wiederholung der Tests. Auch die Biopsie wird nochmals begutachtet. Es tut uns leid. Natalia legte auf und starrte ein paar Sekunden auf das Display, als könnte dort noch auftauchen, dass sie sich verhört hatte. — Was? — fragte der Bruder. Natalia blickte auf. Im Raum war es still, selbst der Kühlschrank schien zu schweigen. — Sie… — sagte sie. — Sie meinen, sie könnten die Proben vertauscht haben. Die Mutter schlug die Hand vor den Mund. Der Vater sackte wieder auf den Stuhl, als hätten die Beine nachgegeben. — Also… — stammelte der Bruder. — Das heißt, es muss gar nicht sein… Natalia nickte. Sie spürte in dem Moment keine Erleichterung, sondern eine seltsame Leere. Als hätte jemand den Alarm abgeschaltet, und jetzt hörte man, was all die Tage gesagt wurde. Am nächsten Tag fuhren sie wieder gemeinsam ins Labor. Natalia am Steuer, die Eltern daneben, der Bruder mit dem Bus. Keiner scherzte, niemand sprach übers Wetter. Sie warteten gemeinsam und hörten, wie die Krankenschwester Namen aufrief. Der Vater spendete schweigend Blut. Natalia sah zu, wie die Nadel in die Vene ging, wie das Röhrchen sich füllte – und dachte: Das hier ist kein Film, keine Unterrichtsstunde, sondern ihr Leben, in dem ein Probenfehler Tage komplett umdrehen kann. Zwei Tage bis zum Befund. Die fühlten sich anders an. Keine pure Panik, sondern Unsicherheit. Die Mutter tat, als sei nichts passiert, bot Tee an, fragte, ob Natalia überarbeitet war. Der Vater schwieg noch mehr. Der Bruder rief ein-, zweimal an: „Wie geht’s?“ – „Es geht.“ Immer wieder ertappte sie sich bei der Hoffnung, endlich würde jemand sagen: „Es tut mir leid.“ Aber niemand tat es. Auch sie nicht. Weil sie gar nicht wusste, für was sie zuerst um Verzeihung bitten sollte. Als die Onkologin schließlich anrief und sagte, dass die neue Bewertung keinen Krebsverdacht bestätigte, saß Natalia im Feierabendstau auf dem Mittleren Ring. Der Arzt erklärte, der ursprüngliche Befund sei durch Etikettenfehler und Probenmangel entstanden – jetzt sei alles deutlich, man brauche Kontrolle in sechs Monaten. — Heißt das, kein Krebs? — fragte Natalia, ihre Stimme brach. — Derzeit kein Hinweis auf ein malignes Geschehen, — antwortete der Arzt. — Beobachtung bleibt Pflicht. Natalia beendete das Gespräch, umklammerte das Lenkrad. Die Autos um sie herum hupten, einer versuchte sich reinzudrängeln, doch auf einmal liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Nicht aus Freude, sondern weil die Anspannung, die sie all die Tage gehalten hatte, nun wegfiel – zusammen mit noch etwas Tieferem. Am Abend traf sich die Familie wieder bei den Eltern. Natalia brachte einen fertigen Kuchen mit – zum Selberbacken fehlte ihr die Kraft. Der Bruder brachte Blumen für die Mutter. Der Vater sah sie an, als wären sie alle von einem weiten Weg zurückgekehrt. — So, — sagte der Bruder, versuchte zu lächeln. — Jetzt einmal tief durchatmen. — Ausatmen kann man, — antwortete der Vater. — Aber wieder einatmen – wie soll das gehen? Natalia blickte ihn an. Kein Vorwurf im Ton, sondern nur Erschöpfung. — Papa, — sagte sie. — Ich… Sie verstummte. Sie spürte: Rechtfertigungen würden alles wieder ins alte Schema führen: „Ich wollte ja nur helfen“, „Ich war angespannt“. Sie musste anders sprechen. — Ich hatte Angst, — sagte sie schließlich. — Ich habe, wie immer, angefangen zu kommandieren. Und Sascha angeschrien. Entschuldige. Der Bruder senkte den Blick. — Ich auch, — sagte er. — Ich hatte richtig Angst. Und habe mich in die Arbeit verkrochen. Tut mir leid. Die Mutter schluchzte – aber ohne zu weinen. Sie setzte sich zu ihrem Mann, nahm dessen Hand. — Ich habe immer so getan, als wäre alles in Ordnung, — sagte sie. — Damit ihr zwei euch nicht streitet. Damit ich selbst keine Angst habe. Aber eigentlich hat uns das alle voneinander entfernt. Der Vater drückte ihre Hand. — Ich brauche keine perfekten Kinder, — sagte er. — Ich brauche, dass ihr da seid. Und mich nicht zum Anlass nehmt. Natalia nickte. Es tat weh, denn sie wusste: Die Narben der letzten Tage bleiben. Sätze wie „Verschwinden, wenn’s schwierig wird“ oder „immer bestimmen wollen“ – sie verschwinden nicht von einem „Entschuldigung“. Aber etwas war anders. Jetzt hatten sie ausgesprochen, was sie sonst verschwiegen. — Abgemacht, — sagte Natalia, ruhig. — Ich höre auf, alles allein bestimmen zu wollen. Ich helfe, aber ihr müsst Verantwortung übernehmen. Sascha, kannst du künftig mittwochs kommen, wenn Kontrollen anstehen? Keine Ausreden. Der Bruder zögerte, nickte dann aber. — Ja. Mittwochs hab ich frei. Ich komme. — Und ich, — sagte die Mutter, — tue nicht mehr so, als könnte ich alles. Wenn es mir schlecht geht, sage ich es. Und werde mich nicht weiter verstellen. Der Vater musterte sie und lächelte schwach. — Und ich gehe ab jetzt gemeinsam zum Arzttermin, — meinte er. — Damit es keine … Spekulationen gibt. Natalia spürte zaghaft wieder Wärme in sich. Kein ausgelassenes Glück, sondern etwas Ähnliches wie Hoffnung. Nach dem Essen half sie der Mutter beim Spülen. Die Teller klirrten, das Wasser rauschte. Natalia trocknete sich die Hände ab, blieb in der Tür stehen. — Mama, — sagte sie leise. — Ich will gar nicht die Chefin sein. Ich habe einfach Angst, dass alles zerbricht, wenn ich loslasse. Die Mutter blickte sie ernst an. — Probier es mal. Schritt für Schritt loslassen. Nicht alles auf einmal. Wir lernen es auch erst. Natalia nickte. Sie ging in den Flur, zog den Mantel an, prüfte, dass das Licht aus war, dass die Tür zu war. Auf der Treppe blieb sie kurz stehen, horchte noch einmal auf die Stimmen hinter der Tür. Kein Streit, kein Knall – nur gedämpftes Reden. Sie ging die Stufen hinunter zum Auto und verstand: „Solange es noch nicht zu spät ist“ – das meint nicht nur einen beängstigenden Anruf. Es meint, jetzt die Chance zu nutzen, miteinander zu sprechen, bevor die Angst sie zu Fremden macht. Diese Chance muss man immer wieder bestätigen – durch Mittwoche, gemeinsame Wege, leise Geständnisse, die schwer fallen, aber mehr halten als Kontrolle.
Solange es noch nicht zu spät ist Sabine balancierte in einer Hand eine Tüte mit Medikamenten, in der
Homy
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010
Weggenommen — Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Aber was will man von ihr auch erwarten? Hinterwäldlerin! — Was?! — empörte sich Christina. — Was du gehört hast! — sagte ihr Mann Eduard. — Meine Mutter ist hundertmal besser als deine ach so gebildeten Verwandten! Diese sturen und gewissenlosen Schnösel. — Dann geh doch zu ihr! — rief Eduard und knallte die Tür. — Und ob ich gehe! Garantiert! *** — Also ehrlich, deine Mutter hat euer junges Familienglück ruiniert — seufzte Inga, Christinas Freundin. — Noch kein Jahr vorbei. — Sie hat gar nichts ruiniert, darauf lief alles hinaus — sagte Christina traurig und rührte melancholisch Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem Café. — Wie das? Ihr habt doch noch letztens Pläne für ein Kind geschmiedet — hielt Inga dagegen. — Vielleicht war es Schicksal. — In Person deiner Mutter? — hakte Inga nach. — Ach was, wirklich nicht! — fuhr Christina auf. — Meine Mutter ist unschuldig. Dass es um Papas Auto geht, war nur der letzte Tropfen. Vor drei Jahren, ein Jahr vor ihrer Hochzeit, hatte Christina ihren Vater verloren. Ihre Mutter, Olga Afanassjewna, litt furchtbar unter dem Tod ihres geliebten Pawel und landete sogar im Krankenhaus. Sie weinte viel und erinnerte sich an die glücklichen Jahre mit ihrem Mann. Vor nicht allzu langer Zeit war noch alles gut… Olga und Pawel haben früher in einem Dorf in Mecklenburg gelebt, dort sich kennengelernt, später sind sie nach Hamburg gezogen, haben sich ein Leben aufgebaut und von der Firma eine Wohnung bekommen. Christina wurde später geboren, ein absolutes Wunschkind. Sie führten eine innige Ehe ohne Streit. Christina wuchs zu einem freundlichen, klugen und schönen Mädchen heran. Leider verlor sie früh beide Omas. Die Häuschen auf dem Land wurden verkauft, und auch die Verbindung zu Glücksmomenten in der alten Heimat war weg. Christina liebte das Dorf aber genauso, verbrachte dort jeden Sommer. Beide Omas hatten einen kleinen Betrieb, den sie mit Leidenschaft führten und der gute Erträge abwarf. Sie bewunderte ihre Omas und beschloss, während sie einer von ihnen bei der Kuh half, ihre Zukunft der Tiermedizin zu widmen. Jahre später hielt sie an diesem Wunsch fest und arbeitete inzwischen nicht mit Kühen, sondern als Tierärztin für Katzen und Hunde in einer modernen Praxis. Eduard lernte sie auf der Arbeit kennen, als er mit einem teuren Rassehund zur Impfung kam. Die beiden waren sofort voneinander angetan. Sie redeten über alles Mögliche: Christina schwärmte von ihrer Zeit bei den Omas im Dorf, von ihrer Familie, der Stadt, ihren Eltern. Eduard erzählte von seinen Eltern, beide Akademiker an der Uni Hamburg, und von ihren hanseatischen Traditionen. Er zeigte deutlich, dass er sich seiner Herkunft überlegen fühlte, versuchte dies aber nett zu verbergen. Von klein auf wurde ihm eingeredet, auf Landleute herabzublicken — besonders von seiner Mutter, die ihren akademischen Stand völlig auslebte und gerne ihre Ehe mit einem geborenen Hamburger betonte. Tatsächlich stammte auch sie ursprünglich vom Land, verschwieg dies aber lieber. Christina faszinierte Eduard sehr, er machte ihr zwei Monate nach dem Kennenlernen einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Eduards geerbte Wohnung im Grindelviertel — Altbau, schöne Gegend, aber dringend renovierungsbedürftig und das Geld dafür fehlte. Eduard war stolz auf die prominenten, gutsituierten Nachbarn, die ihre Wohnungen in Lofts mit Panoramafenstern verwandelt hatten. Ihre teuren Autos parkten vor der Tür. Wenn er davon sprach, rollte Christina innerlich die Augen. Sie war bodenständig und urteilte über Menschen nicht nach Geld, sondern nach Charakter. Christinas Mutter mochte Eduard auf Anhieb, hatte aber auch ein ungutes Gefühl — irgendwie wirkte er zu perfekt. Aber sie sagte nichts, solange Christina glücklich war. Die Hochzeit war schlicht; Eduards Eltern waren sparsam und berechnend. Sie hätten die Wohnung lieber vermietet, aber die verstorbene Oma hatte ausdrücklich gewollt, dass Eduard nach seiner Hochzeit dort wohnt. *** — Was war eigentlich mit dem Auto deines verstorbenen Vaters? — fragte Inga. — Papa hatte ein Auto und einen gemauerten Garagenplatz — begann Christina. — Nach Papas Tod habe ich das Erbe abgetreten, damit Mama alles behält. Sie hatte einen Führerschein und fuhr manchmal. Ich kann nicht fahren und brauche das Auto nicht. Aber dann hatte Mama einen kleinen Unfall und fuhr seitdem kein Auto mehr. Nach unserer Hochzeit hat sie Eduard eine Vollmacht gegeben, damit er Papas Auto nutzen konnte; sie fand es zu schade, wenn es herumstand. Verkaufen wollte sie es aber auch noch nicht, es war fast neu und Papas ganzer Stolz. Christina wurde traurig, als sie sich an ihren Vater erinnerte. — Eduard hat einen Führerschein? — fragte Inga. — Ja, aber kein eigenes Auto. Er war total begeistert, als Mama ihm die Vollmacht gab — lächelte Christina. Sie gingen gemeinsam den Wagen anschauen, Eduard war hin und weg und lobte Olga Afanassjewna über den grünen Klee. — Mama bat ihn nur, ihr auch zu helfen: Sie zu Arztterminen zu fahren, beim Einkaufen zu helfen usw. Er versprach es. Olga Afanassjewna fuhr jede Woche in den großen REWE im Stadtteil. Ab jetzt rief sie Eduard an, der half und sie fuhr. Oder sie musste ins Bauhaus, weil sie renovierte. Als ihre Mutter einmal zur Feier einer alten Freundin wollte, bat sie Eduard um einen Fahrdienst zum Restaurant, wollte auch wieder abgeholt werden — aber Eduard lehnte wegen angeblich wichtiger Termine ab. Das Taxi war teuer; sie musste es dennoch nehmen, im schicken Abendkleid… Eine Woche später wiederholte sich alles: Eduard hatte keine Zeit. Sie verschob sogar Arztbesuche — wollte nicht mehr alleine lange Strecken machen. Dann hörte sie, dass Eduard in dieser Zeit ständig für seine Eltern unterwegs war. — Mein Vater hat kein eigenes Auto, Carsharing geht nicht mehr wegen irgendeiner Sperrung der Firmen… Taxi ist teuer — erklärte Eduard. — Meine Mutter braucht mich dauernd im Supermarkt, bald ist ihr Geburtstag, da wird alles gekauft. Und auch mein Vater musste viel erledigen. — Ja, ja… — meinte Olga Afanassjewna nur trocken. Sie war verletzt. Eduards Eltern war das Taxi zu teuer, ihr scheinbar aber nicht. Mehr noch, Christina erzählte, Eduard benutze das Auto auch für Besuche bei seiner Verwandtschaft in Lübeck und später, um Bekannten bei der Ernte aus dem Schrebergarten zu helfen. Nach einer dieser Fahrten war das Auto in der Werkstatt gelandet — aber alles wieder repariert. *** — Da hat meine Mutter die Vollmacht wieder eingezogen. Sie hat Eduard ‚das Auto weggenommen‘ und gesagt, sie würde es verkaufen — erzählte Christina. — Eduard war beleidigt, wir haben gestritten. Und weißt du was? Ich bin auf Mamas Seite. Seine Familie ist wirklich dreist geworden. Ich sah Eduard kaum noch, er fuhr ständig für seine Verwandten herum. In der Zeit nutzte meine Mutter das Taxi! — Echt übel. Er hat doch versprochen — sagte Inga. — Mich hat eh keiner gefragt — ärgerte sich Christina. — Sie riefen nur an, um zu sagen, wann und wohin es geht. Unsere Pläne waren egal. — Und deshalb habt ihr gestritten? — Nicht nur deshalb — seufzte Christina. — Sondern weil Eduard meine Mutter als Hinterwäldlerin beschimpft hat. Unser Ehe war sowieso zum Scheitern verurteilt. Er ist total von seiner Mutter abhängig — sie sagt ihm, was er tun soll. Sie telefonieren stundenlang. Beide sind schreckliche Snobs. *** — Gut, dass du dich von dieser Provinz-Christina getrennt hast, mein Junge — sagte Eduards Mutter, als sie vom Streit erfuhr. — Du findest noch eine Richtige. Ich wollte mich ja nicht einmischen, aber nun ist Schluss. Ich habe auch schon eine Kandidatin im Auge… Aline, klug und schön, aus guter Familie! Die sind verwandt mit alten Hamburger Senatoren, das weiß jeder. Da stimmt die Herkunft! — Ach Mama… — nuschelte Eduard. — Das ist meine Entscheidung. — Wird sich zeigen! — schnappte seine Mutter. — Und komm mir bloß nicht wieder mit Christina an. Lass sie ihre Hunde behandeln. Für unsere Familie ist sie nichts. — Das war also dein Plan?! — merkte Eduard. — Schon möglich… Musste ich doch! So eine Chance darf nicht verpasst werden. Du heiratest Aline, und Punkt! Sofort Scheidung, habe ich gesagt! Hätte ich deinem Vater bloß vorher nicht die Selbstständigkeit eingeredet… *** — Wir kümmern uns jetzt um dich, dann tut das Pfötchen gar nicht mehr weh — sagte Christina sanft zu ihrem nächsten haarigen Patienten. Auf der Arbeit fühlte sie sich wohl, sie liebte Tiere und war glücklich mit ihrem Beruf. Und Eduard? Kaum geschieden heiratete er ein junges Mädchen — Studentin an derselben Uni wie seine Eltern. — Sicher auch so ein „blauer Stammbaum“… — dachte Christina und zog den weißen Kittel aus. Feierabend. Plötzlich musste sie lachen. Stammbaum… Herkunft… Genau wie bei manchen ihrer teuren Patienten, die für Zuchtausstellungen gekauft werden. — Und weißt du was? Meine Mama will das Auto jetzt doch nicht verkaufen, — berichtete Christina Inga. — Sie fährt wieder selbst. Und sie hat mich um Entschuldigung gebeten, dass sie uns durch das Auto verstritten hat. Aber ich finde, sie hat alles richtig gemacht. — Find ich auch — stimmte Inga zu. — Mit so einer Schwiegermutter wäre es früher oder später ohnehin zum Eklat gekommen. Die Sache mit dem Auto hat es nur beschleunigt. Mit Aline fand Eduard kein Glück. Ihre Familie hielt ihn und seine Eltern für nicht standesgemäß. Sie taten so, als würden sie sich herablassen, ihn zu heiraten. — Eine Missheirat, — seufzte Alines Mutter. — Aber Liebe ist eben Liebe… Eduards Mutter versuchte, den neuen Verwandten zu gefallen — doch sie behandelten sie von oben herab. Eduards Vater kümmerte sich derweil um seinen Lehrauftrag an der Uni und hielt den ganzen Standesdünkel für kindisch — und irgendwie hatte er recht.
Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Obwohl, was kann man von so einer Landei schon erwarten?
Homy
Educational
0407
Eine Freundin hat ohne meine Erlaubnis Gäste zu unserer Berghütte zu ihrem Geburtstag eingeladen – Wie ich und mein Mann unser Wochenendhaus mit viel Mühe renovierten, die Gartenerträge liebend gern an Kollegen verteilten, und was passiert, wenn jemand plötzlich ungefragt eine Feier in deinem Ferienhaus plant
Vor sechs Jahren haben mein Mann und ich uns eine gemütliche Gartenlaube in der Nähe von München gekauft.
Homy
Educational
012
Ausgenutzt — “Ich zeig’ dich an!”, schrie die Mutter. — “Nur zu! Fang schon an!”, entgegnete Larissa ruhig. Sie machte sich keine Sorgen. Alle Unterlagen waren ordnungsgemäß, bis ins Detail. Schon wieder war die Mutter da, um ihre Nerven zu strapazieren. In die Wohnung ließ Larissa sie nicht rein, aber die Mutter brüllte Drohungen durch die Tür, stand tobend im Hausflur und schlug mit der Faust gegen das Holz. Sie schimpfte ihre Tochter eine Verbrecherin, Diebin, rief, Larissa hätte sich unrechtmäßig fremdes Eigentum angeeignet. Man hätte die Polizei rufen können, doch Larissa brachte es nicht übers Herz – es war schließlich ihre Mutter. Die Nachbarn hielten sich lieber raus. „Wieder Familienstreit…“, seufzte Frau Sauer, die alte Dame aus der Nachbarwohnung, während sie dem Lärm und den Schreien vom Treppenhaus lauschte. „Ach, Semjonowa…“, bedauerte Frau Schmidt, die eine Etage tiefer wohnte, und schüttelte den Kopf. Semjonowa, um die Frau Schmidt sorgenvoll seufzte, war Larissas geliebte Oma: Pauline Semonowa Kortkowa. Sie hatte Larissa von klein auf großgezogen. *** „Sie kommt nicht, steh nicht am Fenster – es zieht, du erkältest dich!“, sagte Pauline Semonowa zur kleinen fünfjährigen Larissa. „Geh lieber malen, schau, Oma hat dir neue, wunderschöne Ausmalbilder gekauft.“ Oma konnte überreden. Larissa vergaß ihren Kummer und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Hocker, von Oma mit einer Auflage in Katzenpfotenform versehen, war ihr Lieblingsplatz zum Malen… Pauline Semonowa werkelte in der Küche, kochte Borschtsch, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln fürs Püree. Die Wanduhr mit Pendel tickte gemütlich, der Wasserkocher brodelte, der Kühlschrank summte leise, und draußen tobte ein Schneesturm. Es war herrlich heimelig. „Warum? Warum kommt Mama so selten? Bei uns ist es doch so schön!“, wunderte sich Larissa. Immer und immer wieder wanderten ihre Gedanken zur Mama. Marina, Larissas Mutter, wohnte nicht weit entfernt, nur zwei S-Bahn-Stationen, aber sie wollte nicht zu Mutter und Tochter kommen – sie richtete ihr eigenes Leben ein. Larissa war mit neunzehn zur Welt gekommen, ein Jahr später starb Marinas Mann Nikolai bei einem Motorradunfall. Er hatte in der Wohnung gelebt, die ihm seine Oma hinterlassen hatte. Seine Eltern lebten im Ausland und kümmerten sich nicht, ihn zog die Oma groß. Dort lebten erst Marina und Nikolai, dann auch die kleine Larissa. Nach dem Tod ihres Mannes gehörte die Einzimmerwohnung Marina. Doch lange trauerte Marina nicht. „Ich bin jung, ich will leben“, sagte sie ihrer Mutter. „Ich bin erst zwanzig. Ich suche mir einen neuen Mann.“ „Du musst dein Kind großziehen, keine Zeit für Abenteuer! Und Lernen wäre noch besser! Oder am besten alles gleichzeitig!“, schimpfte Pauline Semonowa. „Ich habe studiert, geheiratet, dich im fünften Semester bekommen und mit Auszeichnung abgeschlossen.“ „Nicht jeder ist so wie du! Außerdem hast du doch selbst gesagt, zuerst warst du auf der Fachschule, dann hast du gearbeitet, dann erst aufs Abendgymnasium – mit dreißig. Und ich bin erst zwanzig. Muss ich alles stemmen – arbeiten, studieren, Kind großziehen?! Du hattest wenigstens einen Mann, ich bin Witwe…“ Dann fing Marina meist an zu weinen, und Pauline Semonowa hatte Mitleid – wie wäre es wohl, mit zwanzig Witwe zu sein? „Bring mir Larissa, ich helfe dir…“ „Danke, Mami!“, war Marina sofort fröhlich und küsste die Mutter auf die Wange. Bald kam Larisas Kindergartenalter. Pauline Semonowa besorgte einen Platz gleich um die Ecke. Sie selbst kündigte ihren Job – sie war ohnehin im Ruhestand. Marina hingegen kam kaum noch zu Mutter und Tochter. Sie arbeitete und stürzte sich in Partnersuche. Studieren wollte sie nicht. Sie war zufrieden so. Pauline Semonowa war enttäuscht, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Zeit zum Grübeln hatte sie trotzdem wenig – alle Fürsorge um die kleine Larissa lag auf ihren Schultern. Hundertmal haderte sie mit sich, dass sie Hilfe angeboten hatte – aber wie hätte sie anders handeln sollen? Dass Marina so schamlos würde, die Tochter komplett der eigenen Mutter zu überlassen, konnte niemand ahnen. Um der Fairness halber muss man sagen: Marina zahlte zumindest Geld für das Kind, und gelegentlich – „wie die liebe Sonne“, wie Pauline Semonowa sagte – tauchte sie auf. Für Larissa war das ein Festtag. Mutter brachte Süßes, Puppen, verschiedene Spielsachen und verschwand, duftend nach Parfum, meist ganz schnell. Oft klebte Larissa danach stundenlang am Fenster und weinte – warum hat Mama so wenig Zeit? Marina versprach jedes Mal, öfter und länger zu kommen – brach das Versprechen aber immer wieder. Die Jahre vergingen. Marina heiratete zweimal neu und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die Wohnung, zog in die Großstadt – da, so hoffte sie, sei die Partnersuche leichter… Larissa hörte irgendwann auf, auf ihre Mutter zu warten, fand es sogar unangenehm, Zeit mit ihr zu verbringen – sie hatten sich nichts zu sagen. Marina kam jetzt nur noch einmal im Jahr, übernachtete und Larissa musste ihr Zimmer räumen, schlief bei Oma auf dem Sofa. Mit der Mutter verband sie nichts. Die ersten Schritte, der erste Zahn, die ersten Wörter – all die wichtigen Etappen erlebte Larissa mit ihrer Oma. Erster Schultag, Theater-AG, Musikschule – Mutter verpasste alles und interessierte sich auch nicht. Für Larissa war ihre Mutter immer wie ein schöner Schmetterling – einmal kurz zu bestaunen, dann flattert er auch schon weiter. Zu Larisas Studienbeginn heiratete Marina zum vierten Mal. Pauline Semonowa wurde oft krank, musste zum Arzt. Mit 75 war sie lange fit geblieben, doch das Alter machte sich bemerkbar. „Ach, wär ich doch noch länger da… Ich muss dir helfen, Larissa. Deine Mutter braucht dich ja nicht.“ „Aber Oma, warum redest du so traurig! Alles wird gut, du wirst wieder gesund. Die Medizin ist heute viel besser als früher.“ Larissa war Optimistin, das musste so sein, und Pauline Semonowa war stolz auf sie. Einen Studienplatz hatte die Enkelin selbst geschafft, in einem guten Fach und lernte fleißig. Gleich nach dem Abschluss wurde die Oma krank; Larissa pflegte sie hingebungsvoll, anstatt arbeiten zu gehen. Pauline Semonowa hatte etwas gespart – sie war wieder arbeiten gegangen, sobald Larissa größer war, und blieb bis vor kurzem im Job. Jetzt kam das Ersparte zugute. Larissa pflegte Oma gesund. Marina kam nie, obwohl sie über die Krankheit ihrer Mutter informiert war. Kein Geld, keine Geschenke, keine Besuche – kaum war sie das vierte Mal verheiratet, war Schluss. „Hab keine Zeit“, sagte sie nur am Telefon. Als Larissa sie um Hilfe bat, stellte Marina sich selbst krank. „Weißt du, mir geht’s wahrscheinlich noch schlechter – hab’s nur nie gesagt. Hab selbst Anspruch auf Schwerbehinderung. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selbst Hilfe.“ Marina verabschiedete sich schnell. Pauline Semonowa lächelte, als sie davon erfuhr. „Die hat gar nichts. Tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss! Ich kenn’ sie doch. Was für ein Pflegefall? Die hat’s lustig. Ist doch frisch verheiratet – wozu sich jetzt kümmern?“ Pauline Semonowa war traurig, ihre Tochter so undankbar und egoistisch. Aber die Enkelin machte alles wett. Larissa pflegte die Oma gesund, sie erholte sich. Als erstes ging Pauline Semonowa zum Notar. „Wir machen jetzt die Wohnung auf dich“, sagte sie. „Oma, nicht schon wieder solche Gedanken!“ „Ich pass auf dich auf. Sieh selbst, das Leben ist unberechenbar. Marina ist wie eine Fremde, hilft dir nie, denkt immer nur an ihre Männer. Sie hat das alles nicht verdient. Auch das Ersparte sollst du bekommen.“ So machten sie es. Pauline Semonowa lebte noch zwei Jahre, dann starb sie – diesmal endgültig erkrankt. „Ich hab’nicht mal geheiratet, keine Kinder bekommen – du wolltest doch meinen Hochzeitstanz und später mit Urenkeln spielen, liebe Oma…“, schluchzte Larissa an ihrem Grab. Marina kam zu Beerdigung nicht. Sie sagte, sie fühle sich zu schlecht. Überwies etwas Geld – sah ihre Pflicht damit als erfüllt an. Larissa organisierte alles alleine. Außer ein paar Nachbarn, Freunde und Kolleginnen von Pauline Semonowa, war niemand da. Die halfen, wo sie konnten – für einen guten Menschen. Kaum hatte Marina erfahren, dass das Erbe an ihr vorbeiging, „wurde sie schlagartig gesund“. „Wahres Wunder, noch eben war sie fast ein Pflegefall“, schimpfte Larissa, als ihre Mutter wieder vor der Tür tobte. Nach dem Tod der Oma ließ Larissa die Mutter genau ein einziges Mal in die Wohnung. Das bedauerte sie bitter. Marina warf aus Wut Omas Lieblingsvase gegen die Wand, zerriss beinahe die notarielle Besitzurkunde. Sie stampfte und schrie, Larissa hatte Mühe, sie hinaus zu befördern. „Das ist MEINE Wohnung! MEINE!“, brüllte Marina. „Diebin! Du hast Omas Krankheit ausgenutzt, um dich illegal zu bereichern! Ich geh’ vor Gericht! Ich werde es beweisen!“ Marina war überzeugt, die Mutter sei bei der Unterschrift nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Sie drohte Larissa, kam mehrmals, aber Larissa ließ sie nicht hinein. „Sie war krank! Das hast du mir selbst erzählt – sie lag nach dem Schlaganfall! Das heißt, das Gehirn war beschädigt! Sie war nicht im Besitz ihrer Geisteskräfte. Das ist illegal!“, schrie Marina und hämmerte an die Tür. „Seht doch, Leute! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat eine arme Rentnerin betrogen! Das gehört ihr gar nicht!“ Die Nachbarn lächelten nur – es waren alte Leute, die Pauline Semonowa und Larissa gut kannten. Sie wussten Bescheid. Vor Gericht kam es nie. Marina wurde wirklich ernsthaft krank, der Streit spielte keine Rolle mehr. „Tochter… ich brauche deine Hilfe…“, flüsterte Marina am Telefon. „Männer haben keine Ahnung von Pflege… Du hast doch Oma gepflegt, komm doch zu mir…“ „Sorry, Mama, geht nicht“, entgegnete Larissa. „Ich bin schwanger, und der Arzt sagt, ich darf nichts Schweres heben.“ „Schwanger?!“, schrie Marina (wo war ihre leise Stimme hin?). „Ja, verheiratet, glücklich, erwarte ein Kind“, sagte Larissa mit Würde und fügte bissig hinzu: „Du wolltest doch vor Gericht gehen – warum hast du’s nicht getan?“ „Du Miststück!“, wetterte die Mutter und legte auf. „Marina, schrei doch nicht so!“, mischte sich Marinas Mann, Sergej, ein, der sie verliebt anblickte. „Wir nehmen einen Kredit, engagieren eine Pflegerin…“ „Ach, hau ab!“, giftete Marina. Ihr Mann nervte sie. Sergej, ein zehn Jahre älterer Witwer, hatte sich extra für die Ehe finanziell ins Zeug gelegt und Larissa eine Zeitlang geblendet, obwohl eigentlich kein Geld da war. Inzwischen wusste er um Marinas wahren Charakter – aber das Herz will, was es will. Sie ließ sich nicht gleich scheiden, wollte wenigstens Unterkunft bei Sergej, solange sich kein besserer Kandidat fand. Doch dann kam das Gesundheitsproblem. *** „Hättest du nicht alles auf die leichte Schulter nehmen und dich krank stellen sollen, Mama…“, sagte Larissa leise, sah abends in den Sternenhimmel. „Von oben sieht man eben alles.“ Sie dachte, wie glücklich sie doch war. Und dass ihr geliebter Ehemann Juri vom Schicksal – oder von Oma – zu ihr geführt worden war. Denn die hatte sie immer so geliebt und nur ihr Glück gewünscht…
Ich zeige dich an!, schrie die Mutter. Nur zu! Fang doch an!, entgegnete Clarissa. Sie blieb ganz ruhig.
Homy
Educational
011
Die ältere Dame wandte sich an Robert und sprach Worte, die ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagten: „Heute wird ein wunderschöner, sonniger Tag. Wir werden genug Zeit haben, etwas zu unternehmen.“
Die alte Dame wandte sich zu Robert und ihre Worte krochen wie kalte Finger über seinen Rücken: “
Homy
Sie beschloss, nicht länger zu schweigen: Verlorene Liebe oder nur eine vorübergehende Krise?
Julia konnte es nicht länger ertragen. Sie verstand nicht, warum Thomas so gleichgültig geworden war
Homy