„Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – Schwiegersohn unterbricht Schwiegermutter Hans blickte mit einer Tasse kalten Tee in der Hand aus dem Fenster. Sein Blick galt nicht der grauen Häuserreihe, sondern dem altbekannten, auberginefarbenen Opel Astra, der unten vor dem Haus parkte. Als ihm klar wurde, wer gekommen war, schnürte sich sein Magen zusammen. „Meine Eltern sind auf dem Parkplatz“, sagte er leise, während er sich verwundert zu seiner Frau umdrehte. Sabine, die gerade am Herd stand und in einen Topf rührte, stockte für einen Moment. Ihre Schultern spannten sich an, dann sackten sie hoffnungslos nach unten. „Na toll, jetzt geht das wieder los“, seufzte sie und legte den Löffel auf den Untersetzer. „Am besten holen wir gleich den Sekt für Mut – oder Baldrian.“ Hans erwiderte nichts. Er horchte auf die gedämpften Stimmen im Treppenhaus und dann hörte er auch schon, wie ein Schlüssel im Schloss drehte – der Sicherheitsschlüssel, den Erna Schröder, seine Schwiegermutter, aus „reiner Vorsicht“ erhalten hatte. Die Tür schwang auf, kalte Luft, gemischt mit angespannter Stimmung, zog in die Wohnung. Erna Schröder betrat als Erste die Diele. Eine energische Frau um die sechzig, perfekt frisiert und im eleganten Herbstmantel. In ihrer Hand ein riesiges Tupper-Behältnis. „Sabinchen, mein Schatz! Hans!“, rief sie mit übertrieben fröhlicher Stimme, die mehr überspielen als willkommen heißen sollte. „Wir bringen euch Kartoffelklöße – einen ganzen Berg voll! Ich weiß ja, dass ihr nie die Zeit zum Kochen habt.“ Hinter ihr folgte Wilfried Schröder, der Schwiegervater: kräftiger Kerl im abgelebten Adidas-Anorak, das Gesicht rot vom Streit oder von Zugluft. Auf der Schulter eine schwere Kühltasche, die er mit Schwung zu Boden ließ. Die Vase auf dem Sideboard bebte. „Sag mal, Erna! Willst du die gleich für die ganze Woche bekochen? Die halbe Ernte vom Schrebergarten ist hier reingewandert. Und ich darf wieder als Packesel alles schleppen – aber wehe, ich trag mal was für meine Modelleisenbahn…“, brummte er. Erna zog seelenruhig ihre Gummistiefel aus, drehte sich nicht mal um. „Natürlich, Wilfried. Für die Familie ist dir alles zu schwer, aber für den Hobbykeller schleppst du bis zum Umfallen. Hallo, Kinder.“ Sie umarmte Sabine, nickte Hans knapp zu und zog eine Duftwolke hinter sich her. Wilfried kickte die Treter weg, steuerte in die Küche und stellte die Kühltasche mit erleichtertem Seufzen ab. „Du, Sabine… hast du Wasser heiß? Ich brauch erst mal einen Tee. Im Auto war’s wieder wie im Kühlschrank!“ „Von deinem Fahrstil wird einem nicht nur die Kehle trocken…“, kam Ernas Stimme aus dem Flur. „Du fährst an jeder Kreuzung, als wärst du im Rallye-Modus!“ Wilfried schnappte sich den Wasserkocher: „Du würdest ja am liebsten beim Rotlicht einnicken! Wir wären noch immer auf der Stadtautobahn, wenn ich wie du fahren würde! Und ständig dein: ‘Wilfried, da ist ein Schlagloch!’, ‘Da läuft ein Radfahrer!’, ‘Schau mal, das Schild!’ Ich fahr seit 40 Jahren, ich weiß schon selbst, wo ich hinsehen muss!“ Ein kurzer Blickwechsel zwischen Hans und Sabine – der übliche Auftakt. Bis jetzt noch harmlos. Eine Stunde später saßen alle versammelt im Wohnzimmer. Das Abendessen war vorbei, Ernas Klöße sicher im Kühlschrank verstaut. Zeit für einen ruhigen Tee? Von wegen. Jeder neutrale Smalltalk mutierte zum Anlass für neue Zwistigkeiten. „Ihr und eure Serien“, ätzte Erna und schlürfte ehrfürchtig aus der Porzellantasse. „In unserer Jugend hatte Kino noch Tiefgang – ‘Das Leben der Anderen’, ‘Die Feuerzangenbowle’… Heute gibt es nur noch Action und Endlos-Türkendramen. Alles geht den Bach runter!“ „Jo, ganz schlimmer Verfall!“, knurrte Wilfried, auf dem Stuhl ausgestreckt. „Selber hängst du doch an diesen Rosamunde-Pilcher-Schinken. Da wird auch nur geheult und gezankt.“ „Du verstehst halt nichts, Wilfried! Ich studiere das Leben, wie andere Leute leben. Aber was guckst du? Immer nur Nachrichten, ein Elend nach dem nächsten! Davon kann ich nachts gar nicht schlafen!“ „Dann lass es halt gut sein! Niemand zwingt dich. Mach’s dir gemütlich mit deinem ‘Herzflimmern’ und schau, wie die Weiber sich zanken.“ Da knallte Sabine energisch die Tasse auf den Tisch. „Mama, Papa, reicht’s jetzt? Können wir nicht EINEN ruhigen Abend verbringen? Wir haben euch zwei Wochen nicht gesehen und dann das… Müsst ihr wirklich jedes Mal so eskalieren?“ Kurze Stille. Erna schürzte beleidigt die Lippen, Wilfried glotzte finster zum Fenster. Hans hatte Mitleid – vierzig Jahre Ehe, Tochter großgezogen, und jetzt dieser Kleinkrieg als Hauptbeschäftigung im Rentneralltag. Dann kam der Dammbruch – Thema Dachsanierung am Schrebergartenhaus. „Ich hab’s immerhin allein geschafft!“, prahlte Wilfried. „Eine Dachseite in einer Woche, keiner hat geholfen!“ Erna erstarrte mit einem Stück Kuchen auf der Gabel. „Du nennst das keine Hilfe? Wer hat dir die Ziegel zugetragen? Wer hat dir Mittagessen gebracht?“ „Ja, und jedes Ziegelstück wurde vor dir kommentiert: ‘Das ist schief, das ist gebrochen!’ Ich hätte schneller fertig sein können, allein! Und von deinem Eintopf hatte ich Sodbrennen! Du hast da Salz reingekippt wie ins Streusalz!“ „Ach, so ist das! Dann gibt’s ab heute kein Essen mehr für dich! Koch dir deinen Kram selbst.“ Erna stand auf, die Augen funkelten. „Super! Endlich keine Frikadellen mehr mit Omas Zwiebeln – stinken bis in den Hobbyraum! Da ess ich lieber allein in der Garage!“, blaffte Wilfried, ebenfalls aufstehend. Schweigen. Sabine wurde blass, Hans sah hilflos von einem zum anderen. „Jetzt reicht’s!“, sagte Hans mit leiser, aber fester Stimme. Beide schauten ihn überrascht an. „Ich will das nicht mehr hören. Ihr kommt in UNSER Haus und macht jedes Mal Theater. Ihr seht eure Tochter, wollt aber nur streiten. Könnt ihr das nicht bei euch zu Hause klären?“ „Wie redest du denn…?“, setzte Erna an. „Ich spreche als jemand, der das nicht mehr erträgt. Sabine auch nicht! Von jetzt an kommt ihr nur noch getrennt zu Besuch – Mutter nachmittags, Vater am Abend. Bis ihr lernt, euch wie zivilisierte Menschen zu benehmen!“, sagte Hans bestimmt. Totenstille. Erna sah ihn an, als hätte er ein Tabu gebrochen. Wilfried ließ die Schultern hängen. „Willst du uns rausschmeißen?“, hauchte Erna. „Nein. Ich schütze nur meine Frau und unser Zuhause. Und jetzt geht bitte.“ Ohne ein weiteres Wort zog sich Erna wortlos ihren Mantel an und verließ die Wohnung. Wilfried zögerte kurz, nickte Sabine zu und folgte ihr. Hans trat ans Fenster. Er sah Erna schnellen Schrittes zur Bushaltestelle laufen, Wilfried brauste mit dem Opel davon – beide in verschiedene Richtungen. Sabine stand mit Tränen in den Augen im Wohnzimmer. „Mein Gott… was haben wir getan? Jetzt sind sie bestimmt nachtragend…“, sagte sie leise. „Was hätten wir machen sollen? Ich konnte das nicht mehr sehen. Es tut mir leid“, Hans schloss sie in die Arme. An dem Wochenende tauchten die Schröders nicht auf. Sabine wusste, dass sie gekränkt waren. Erna meldete sich erst nach zwei Wochen wieder, druckste herum: „Tja, wir wollten ja kommen, aber ihr habt’s ja verboten…“ „Mama, das ist nur, weil ihr immer wie Hund und Katz streitet. Überall, aber bitte nicht bei uns“, entgegnete Sabine. „Na, ich hab’s verstanden… Die Schwiegereltern sind euch lieber, der Schwiegersohn spielt sich hier auf!“ „Mama, bei Hans’ Eltern ist es immer ruhig. Ich hab die noch nie streiten hören. Immer friedlich“, sagte Sabine ruhig. „Ach, jetzt bekomme ich schon die anderen Eltern als Vorbild vorgesetzt? Sorry, dass wir so schlimm sind!“, schnappte Erna beleidigt und legte auf. Da schwieg sie erstmal und reagierte nur noch mit einer SMS: Sabine solle doch mit ihren so angenehmen Schwiegereltern reden. „Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – wie unser Familienfrieden beinahe an den Eltern zerbrach

10. November

Manchmal frage ich mich wirklich, wie weit man die Familienbande dehnen kann, bevor sie reißen. Es ist so typisch für uns, dass ich es kaum anders kenne und doch bleibt die Hoffnung, vielleicht läuft es beim nächsten Mal besser.

Heute Nachmittag habe ich, wie so oft an Samstagen, mit einer dampfenden Tasse Kräutertee am Fenster gestanden. Draußen war Hamburg mal wieder grau und nass, der Nieselregen tropfte von den Dächern der Altbauten. Ich betrachtete die parkenden Autos, als mein Blick auf einen altmodischen, weinroten Opel Astra fiel sofort schoss mir ein unguter Verdacht durch den Kopf. Mein Magen zog sich zusammen.

“Meine Eltern stehen vor dem Haus,” murmelte ich in die Küche, wo Annegret gerade am Herd stand und die Kartoffelsuppe umrührte. Bei dem Satz zuckte sie zusammen, ihre Schultern sackten ab und ein resignierter Seufzer entglitt ihr.

“Oh super,” stöhnte sie. “Wollen wir gleich den Sekt aufmachen? Für die Nerven. Oder hast du vielleicht Baldrian da?”

Ich schüttelte nur den Kopf und hörte auf den nervösen Krach vor der Wohnungstür. Der Schlüssel im Schloss. Klar, Beate meine Schwiegermutter hatte natürlich wie immer auf ‘Notfälle’ bestanden und einen Ersatzschlüssel erhalten. Die Tür flog auf, ein Schwall kalter Winterluft und meine Schwiegereltern drängten herein.

Beate stürmte als Erste hinein Mitte sechzig, energisch, modischer Kurzhaarschnitt, ein olivgrüner Mantel. Sie schwenkte triumphierend einen riesigen Tupperbehälter.

“Annelein, mein Kind! Matthias!” rief sie viel zu herzlich. “Wir haben euch was Leckeres mitgebracht! Ich hab euch Maultaschen gemacht, ein ganzes Blech voll ihr kommt ja nie dazu, mit der ganzen Arbeit.”

Kurz darauf schleppte Bernd mein Schwiegervater eine schwere Kühltasche hinterher. Groß, etwas schlaksig, trug immer noch seine alte Übergangsjacke vom HSV aus den 90ern. Sein Gesicht war leicht gerötet, ob vor Ärger oder Kälte, ließ sich schwer sagen.

“Schon wieder so viel, Beate!” brummte er und ließ die Tasche so schwungvoll auf den Fliesenboden krachen, dass fast die Vase wackelte. “Musst du immer gleich für ein ganzes Regiment kochen? Und die halbe Ernte aus dem Schrebergarten gleich mit? Hättest du alleine schleppen können, wie ein Sack Zement!”

Beate schob sich mit demonstrativer Gelassenheit die Schuhe von den Füßen, ignorierte ihn gekonnt.

“Ja klar, Bernd. Für die Familie ist es dir immer zu schwer. Aber in deinen Hobbykeller schleppst du zehn Werkzeugkisten und klagst nicht!” Sie drehte sich zu uns um. “Schön, euch zu sehen, Kinder.”

Sie umarmte Annegret herzlich und nickte mir kurz und kühl zu, während sie den süßlichen Duft ihres Parfüms in den Flur zog.

Bernd stellte endlich die Kühltasche in die Küche, zog die ausgetretenen Lederschuhe aus und seufzte.

“Anne, ist der Wasserkocher noch an? Mir ist eiskalt. Und im Auto zieht’s wie Hechtsuppe du solltest mal deine Türdichtung machen lassen, Beate!”

Beate rief aus dem Wohnzimmer: “Von deinem Fahren bekommt nicht nur die Gurgel Probleme, Bernd, sondern das Herz rutscht einem in die Hose! Jede Kurve nimmst du, als wärst du Rallyefahrer!”

Bernd fauchte zurück: “Und du schläfst an jeder roten Ampel beinahe ein! Hätten wir dich ans Steuer gelassen, wären wir immer noch in Altona!” Er goss heißes Wasser in seine Teetasse. “Du immer mit deinen Warnungen: ‘Hier ist ein Radfahrer’, ‘Aufpassen, da ist eine Baustelle’ ich weiß schon, wie ich Auto fahre, das mach ich seit vierzig Jahren!”

Annegret und ich warfen uns einen Blick zu. Das war wie immer nur der Auftakt. So harmlos sind sie noch, da gehts erst richtig los, wenn sie zusammen länger als zehn Minuten im Raum sind.

Später saßen wir zu viert am Tisch, die Suppe war gegessen, die Maultaschen im Kühlschrank verstaut. Ich versuchte, das Gespräch auf ungefährliche Themen zu lenken: Wie läuft es im Verlag? Habt ihr den neuen Film im Abaton gesehen? Die Baustelle vorm Haus ist endlich weg…

Aber alles brachte neue Diskussionen.

“Wie ihr immer eure Serien anseht”, klagte Beate und nippt stilvoll am Espresso, “früher gabs wenigstens noch richtige Filme mit Sinn. ‘Das Leben der Anderen’, ‘Kir Royal’ Heute kommt doch nur noch Krimi oder so ein Quatsch, und ständig diese seichten skandinavischen Geschichten. Alles geht den Bach runter!”

“Ja, alles dekadent,” brummte Bernd genüßlich und lümmelte sich im Stuhl. “Du hängst doch selbst dauernd im Nachmittagsprogramm, lauter Herzensdramen und Gezanke.”

“Bernd, du verstehst eben nichts! Ich will wissen, wie andere leben! Und was schaust du? Nachrichten, wo nur über Krisen geredet wird da kann nachts ja keiner schlafen!”

“Na, dann schalt doch aus! Dann schau halt deine ‘Unser kleines Dorf’, weiß ich was. Ich zwing dich nicht, Nachrichten zu gucken.”

Annegret knallte ihre Teetasse hart auf den Tisch.

“Mama, Papa reicht’s mal? Könnt ihr nicht einen Abend ohne diese Streitereien auskommen? Wir haben euch zwei Wochen nicht gesehen! Muss es immer eskalieren?”

Stille. Beate schürzte die Lippen, Bernd schaute zum Fenster.

Ich empfand Mitleid. Sie waren seit über vierzig Jahren verheiratet, haben Annegret großgezogen, sind jetzt in Rente und haben sich gegenseitig als einzige Unterhaltung. Streiten schien das Einzige, was sie verband.

Dann kam der Punkt, an dem alles kippte das Thema Datsche, Sommer, Dach neu decken

“Da hab ich ganz schön rangeklotzt”, brüstete sich Bernd, “eine Seite vom Dach hab ich in einer Woche gemacht alles alleine!”

Beate erstarrte mit dem Kuchengabel in der Hand.

“Wie alleine? Wer hat denn die Schindeln gereicht, und stundenlang auf der Leiter gestanden? Wer hat dir das Mittagessen gebracht? Heißt das nicht helfen?”

“Geholfen!”, funkelte Bernd. “Du hast jede Latte kommentiert! ‘Die ist schief’, ‘Die schindel splittert’, ‘Die passt nicht zur Wandfarbe’. Ich wär schneller alleine gewesen. Und von deinem Mittagessen hab ich Magengrimmen bekommen so viel Salz, das war wie Meerwasser!”

“Ach, das ist es also!”, rief Beate wütend und sprang auf. “Meine Hilfe willst du nicht! Ich bring dir nichts mehr. Kein Mittag, kein Abendbrot. Kannste selbst kochen!”

“Freu ich mich drauf!”, Bernd erhob sich ebenfalls, das Gesicht knallrot. “Vierzig Jahre ess ich deine falschen Frikadellen mit Zwiebeln, die du nicht richtig verstecken kannst stinken, wie ein Iltis! Ich ess lieber in der Garage!”

Funkstille. Annegret wurde blass, ich war ratlos.

“Genug!”, sagte ich leise, aber bestimmt. Beide schauten überrascht zu mir auf. “Genug,” wiederholte ich und stand auf. Meine Hände zitterten, doch meine Stimme war fest. “Mir reichts.”

“Matthias, bitte nicht…”, begann Anne, doch ich sah sie nur an sie schwieg.

“Ich kann das nicht mehr ertragen. Ihr kommt immer wieder, und jedes Mal eskaliert ihr vor unseren Augen. Ihr verbringt keinen schönen Abend mit eurer Tochter, ihr seht immer nur, wie ihr euch gegenseitig schlecht machen könnt. Könnt ihr das bitte bei euch zu Hause klären?”

“Matthias! Was fällt dir ein?”, versuchte Beate zu protestieren, doch ihre Stimme versagte.

“Ich rede als jemand, der genug hat von diesem ewigen Streit. Anne ist auch am Ende. Es reicht! Von jetzt an kommt ihr nur noch getrennt zu uns. Mama, du kommst am Wochenende tagsüber Papa, du abends. Aber nicht mehr zusammen.”

Im Raum herrschte tiefe Stille. Beate starrte entsetzt, als hätte ich gerade eine Familientradition entweiht, Bernd sackte sichtlich ein.

“Du… willst uns rausschmeißen?”, hauchte Beate.

“Ich will nur mein Zuhause und Annegret beschützen”, antwortete ich ruhig. “Jetzt zieht euch an, bitte, es ist besser, wenn ihr geht. Und überlegt euch, wann ihr einzeln kommen wollt.”

Wortlos zog Beate ihren Mantel über, griff nach ihrer Handtasche und verschwand, ohne sich umzudrehen. Bernd stand noch unschlüssig in der Tür, nickte kurz Anne zu, dann trottete er hinterher.

Ich sah aus dem Fenster und bemerkte, wie Beate schnellen Schrittes Richtung Bushaltestelle ging, während Bernd gemächlich zum Astra schlurfte. Jede fuhr in eine andere Richtung nach Hause. Anne stand stumm in der Mitte des Wohnzimmers, die Arme um den Körper gelegt, Tränen liefen ihr über das Gesicht.

“Mein Gott Was haben wir bloß getan?”, flüsterte sie.

“Wir hatten keine Wahl mehr. Ich konnte das nicht länger mit ansehen”, sagte ich und nahm sie in den Arm.

Das nächste Wochenende blieb es still. Irgendwann wurde klar, sie waren tatsächlich gekränkt.

Beate meldete sich erst nach zwei Wochen. Sie begann das Gespräch zaghaft.

“Wir wollten ja mal wieder vorbeikommen, aber ihr habt uns das ja verboten…”, seufzte sie.

“Mama ihr benehmt euch hier wie zwei streitende Katzen. Das geht nicht, es muss irgendwo einen Ort geben, an dem wir mal kurz einfach Ruhe haben”, erklärte Anne ruhig.

“Na toll, jetzt sind wir also abgeschrieben. Und dein Mann hält sich auch für was Besseres als wäre er im Schloss aufgewachsen,” knurrte Beate.

“Mama, bei seiner Mutter ist es immer ruhig nie laute Worte, nie Streit. Ich hätte einfach mal gern ein normales Treffen ohne Streit”, versuchte Anne zu erklären.

“Ach, jetzt vergleichst du mich also auch noch mit anderen Schwiegermüttern? Na besten Dank”, fauchte Beate. “Dann such dir doch bessere Eltern!”

“Darum gehts doch gar nicht!”, protestierte Anne, begriff aber, dass ihre Worte nicht ankamen.

“Möchtest du damit sagen, dass unsere Themen unwichtig sind? Hauptsache, bei der anderen Familie geht alles glatt,” meckerte Beate weiter und legte abrupt auf.

Anne starrte noch Minuten aufs Telefon. Schließlich legte sie es beiseite irgendwann muss man es einfach sein lassen.

Seitdem schweigt Mama. Ich weiß nicht, ob und wann sie wiederkommt. Anne überlegt, sie mal anzurufen aber Beate antwortet nicht. Stattdessen kam nur eine knappe SMS: Sie solle sich doch lieber mit den ruhigen Schwiegereltern abgeben.

Familie ist manchmal ein Fragezeichen, das nie ganz aufgelöst wird.

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Homy
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„Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – Schwiegersohn unterbricht Schwiegermutter Hans blickte mit einer Tasse kalten Tee in der Hand aus dem Fenster. Sein Blick galt nicht der grauen Häuserreihe, sondern dem altbekannten, auberginefarbenen Opel Astra, der unten vor dem Haus parkte. Als ihm klar wurde, wer gekommen war, schnürte sich sein Magen zusammen. „Meine Eltern sind auf dem Parkplatz“, sagte er leise, während er sich verwundert zu seiner Frau umdrehte. Sabine, die gerade am Herd stand und in einen Topf rührte, stockte für einen Moment. Ihre Schultern spannten sich an, dann sackten sie hoffnungslos nach unten. „Na toll, jetzt geht das wieder los“, seufzte sie und legte den Löffel auf den Untersetzer. „Am besten holen wir gleich den Sekt für Mut – oder Baldrian.“ Hans erwiderte nichts. Er horchte auf die gedämpften Stimmen im Treppenhaus und dann hörte er auch schon, wie ein Schlüssel im Schloss drehte – der Sicherheitsschlüssel, den Erna Schröder, seine Schwiegermutter, aus „reiner Vorsicht“ erhalten hatte. Die Tür schwang auf, kalte Luft, gemischt mit angespannter Stimmung, zog in die Wohnung. Erna Schröder betrat als Erste die Diele. Eine energische Frau um die sechzig, perfekt frisiert und im eleganten Herbstmantel. In ihrer Hand ein riesiges Tupper-Behältnis. „Sabinchen, mein Schatz! Hans!“, rief sie mit übertrieben fröhlicher Stimme, die mehr überspielen als willkommen heißen sollte. „Wir bringen euch Kartoffelklöße – einen ganzen Berg voll! Ich weiß ja, dass ihr nie die Zeit zum Kochen habt.“ Hinter ihr folgte Wilfried Schröder, der Schwiegervater: kräftiger Kerl im abgelebten Adidas-Anorak, das Gesicht rot vom Streit oder von Zugluft. Auf der Schulter eine schwere Kühltasche, die er mit Schwung zu Boden ließ. Die Vase auf dem Sideboard bebte. „Sag mal, Erna! Willst du die gleich für die ganze Woche bekochen? Die halbe Ernte vom Schrebergarten ist hier reingewandert. Und ich darf wieder als Packesel alles schleppen – aber wehe, ich trag mal was für meine Modelleisenbahn…“, brummte er. Erna zog seelenruhig ihre Gummistiefel aus, drehte sich nicht mal um. „Natürlich, Wilfried. Für die Familie ist dir alles zu schwer, aber für den Hobbykeller schleppst du bis zum Umfallen. Hallo, Kinder.“ Sie umarmte Sabine, nickte Hans knapp zu und zog eine Duftwolke hinter sich her. Wilfried kickte die Treter weg, steuerte in die Küche und stellte die Kühltasche mit erleichtertem Seufzen ab. „Du, Sabine… hast du Wasser heiß? Ich brauch erst mal einen Tee. Im Auto war’s wieder wie im Kühlschrank!“ „Von deinem Fahrstil wird einem nicht nur die Kehle trocken…“, kam Ernas Stimme aus dem Flur. „Du fährst an jeder Kreuzung, als wärst du im Rallye-Modus!“ Wilfried schnappte sich den Wasserkocher: „Du würdest ja am liebsten beim Rotlicht einnicken! Wir wären noch immer auf der Stadtautobahn, wenn ich wie du fahren würde! Und ständig dein: ‘Wilfried, da ist ein Schlagloch!’, ‘Da läuft ein Radfahrer!’, ‘Schau mal, das Schild!’ Ich fahr seit 40 Jahren, ich weiß schon selbst, wo ich hinsehen muss!“ Ein kurzer Blickwechsel zwischen Hans und Sabine – der übliche Auftakt. Bis jetzt noch harmlos. Eine Stunde später saßen alle versammelt im Wohnzimmer. Das Abendessen war vorbei, Ernas Klöße sicher im Kühlschrank verstaut. Zeit für einen ruhigen Tee? Von wegen. Jeder neutrale Smalltalk mutierte zum Anlass für neue Zwistigkeiten. „Ihr und eure Serien“, ätzte Erna und schlürfte ehrfürchtig aus der Porzellantasse. „In unserer Jugend hatte Kino noch Tiefgang – ‘Das Leben der Anderen’, ‘Die Feuerzangenbowle’… Heute gibt es nur noch Action und Endlos-Türkendramen. Alles geht den Bach runter!“ „Jo, ganz schlimmer Verfall!“, knurrte Wilfried, auf dem Stuhl ausgestreckt. „Selber hängst du doch an diesen Rosamunde-Pilcher-Schinken. Da wird auch nur geheult und gezankt.“ „Du verstehst halt nichts, Wilfried! Ich studiere das Leben, wie andere Leute leben. Aber was guckst du? Immer nur Nachrichten, ein Elend nach dem nächsten! Davon kann ich nachts gar nicht schlafen!“ „Dann lass es halt gut sein! Niemand zwingt dich. Mach’s dir gemütlich mit deinem ‘Herzflimmern’ und schau, wie die Weiber sich zanken.“ Da knallte Sabine energisch die Tasse auf den Tisch. „Mama, Papa, reicht’s jetzt? Können wir nicht EINEN ruhigen Abend verbringen? Wir haben euch zwei Wochen nicht gesehen und dann das… Müsst ihr wirklich jedes Mal so eskalieren?“ Kurze Stille. Erna schürzte beleidigt die Lippen, Wilfried glotzte finster zum Fenster. Hans hatte Mitleid – vierzig Jahre Ehe, Tochter großgezogen, und jetzt dieser Kleinkrieg als Hauptbeschäftigung im Rentneralltag. Dann kam der Dammbruch – Thema Dachsanierung am Schrebergartenhaus. „Ich hab’s immerhin allein geschafft!“, prahlte Wilfried. „Eine Dachseite in einer Woche, keiner hat geholfen!“ Erna erstarrte mit einem Stück Kuchen auf der Gabel. „Du nennst das keine Hilfe? Wer hat dir die Ziegel zugetragen? Wer hat dir Mittagessen gebracht?“ „Ja, und jedes Ziegelstück wurde vor dir kommentiert: ‘Das ist schief, das ist gebrochen!’ Ich hätte schneller fertig sein können, allein! Und von deinem Eintopf hatte ich Sodbrennen! Du hast da Salz reingekippt wie ins Streusalz!“ „Ach, so ist das! Dann gibt’s ab heute kein Essen mehr für dich! Koch dir deinen Kram selbst.“ Erna stand auf, die Augen funkelten. „Super! Endlich keine Frikadellen mehr mit Omas Zwiebeln – stinken bis in den Hobbyraum! Da ess ich lieber allein in der Garage!“, blaffte Wilfried, ebenfalls aufstehend. Schweigen. Sabine wurde blass, Hans sah hilflos von einem zum anderen. „Jetzt reicht’s!“, sagte Hans mit leiser, aber fester Stimme. Beide schauten ihn überrascht an. „Ich will das nicht mehr hören. Ihr kommt in UNSER Haus und macht jedes Mal Theater. Ihr seht eure Tochter, wollt aber nur streiten. Könnt ihr das nicht bei euch zu Hause klären?“ „Wie redest du denn…?“, setzte Erna an. „Ich spreche als jemand, der das nicht mehr erträgt. Sabine auch nicht! Von jetzt an kommt ihr nur noch getrennt zu Besuch – Mutter nachmittags, Vater am Abend. Bis ihr lernt, euch wie zivilisierte Menschen zu benehmen!“, sagte Hans bestimmt. Totenstille. Erna sah ihn an, als hätte er ein Tabu gebrochen. Wilfried ließ die Schultern hängen. „Willst du uns rausschmeißen?“, hauchte Erna. „Nein. Ich schütze nur meine Frau und unser Zuhause. Und jetzt geht bitte.“ Ohne ein weiteres Wort zog sich Erna wortlos ihren Mantel an und verließ die Wohnung. Wilfried zögerte kurz, nickte Sabine zu und folgte ihr. Hans trat ans Fenster. Er sah Erna schnellen Schrittes zur Bushaltestelle laufen, Wilfried brauste mit dem Opel davon – beide in verschiedene Richtungen. Sabine stand mit Tränen in den Augen im Wohnzimmer. „Mein Gott… was haben wir getan? Jetzt sind sie bestimmt nachtragend…“, sagte sie leise. „Was hätten wir machen sollen? Ich konnte das nicht mehr sehen. Es tut mir leid“, Hans schloss sie in die Arme. An dem Wochenende tauchten die Schröders nicht auf. Sabine wusste, dass sie gekränkt waren. Erna meldete sich erst nach zwei Wochen wieder, druckste herum: „Tja, wir wollten ja kommen, aber ihr habt’s ja verboten…“ „Mama, das ist nur, weil ihr immer wie Hund und Katz streitet. Überall, aber bitte nicht bei uns“, entgegnete Sabine. „Na, ich hab’s verstanden… Die Schwiegereltern sind euch lieber, der Schwiegersohn spielt sich hier auf!“ „Mama, bei Hans’ Eltern ist es immer ruhig. Ich hab die noch nie streiten hören. Immer friedlich“, sagte Sabine ruhig. „Ach, jetzt bekomme ich schon die anderen Eltern als Vorbild vorgesetzt? Sorry, dass wir so schlimm sind!“, schnappte Erna beleidigt und legte auf. Da schwieg sie erstmal und reagierte nur noch mit einer SMS: Sabine solle doch mit ihren so angenehmen Schwiegereltern reden. „Wenn Sie nur noch zum Streiten herkommen, dann bleiben Sie bitte weg“ – wie unser Familienfrieden beinahe an den Eltern zerbrach
Gott sei Dank, endlich ist es so weit! – Die Großmutter atmete schwer, doch ihr Gesicht strahlte vor echtem Glück. Zärtlich strich sie mit ihren trockenen Händen über das Gesicht ihres Enkels und ließ sie dann auf die Bettdecke sinken.