Plötzlicher Auszug ohne Abschied: Er reichte die Scheidung ein, ohne dass seine Frau etwas ahnte

14. September.
Es ist nun einige Monate her, seit Bernd mich ohne jede Vorwarnung verlassen hat. Immer noch merke ich die Spuren davon in meinem Herzen. Er ging unschön, ohne ein Wort, ohne ein Anzeichen, dass er sich trennen würde. Gestern kam ich wie gewöhnlich nach Hause und sah im Flur den leeren Kleiderbügel und die leeren Schränke. Ich stand verloren in der Wohnung, wusste nicht, wohin mit mir. Sein Verschwinden war ein Schock ich hatte keinen blassen Schimmer. Nach dem Umziehen wärmte ich mir die Suppe auf und aß schweigend in Gedanken, lächelte bitter: Ach, Bernd Dich kannte ich wirklich nicht! So eine gute Ehefrau das muss man auch erstmal bringen, dachte ich später, als ich beim Abspülen war.
Fast dreißig Jahre haben wir, die Brüggemanns, zusammengelebt. Unsere einzige Tochter, Annika, war erwachsen geworden, hatte geheiratet und war nach Spanien gezogen. Jetzt ist Annika weg, das Haus leer, hoffentlich kommt Bernd nicht auf dumme Gedanken!, hatte meine alte Freundin Margarete mal gewarnt. Ich lachte darüber: Was du immer hast! Machst dir zu viele Sorgen, Margarete! Glaub mir, ich kenne Bernd!
Du lachst umsonst, sagte Margarete ernst, ich kenne Dutzende solcher Geschichten! Kinder aus dem Haus, Mann schaut sich um, Frau bleibt allein zurück und keiner braucht sie! Ich konterte: Ach Margarete, du bist wie eh und je ein Sorgenkind! Hätten wir nicht als Mädchen im Internat zusammengehangen, ich hätte dir nie zugehört!
Nach Annikas Auszug verbrachten Bernd und ich sogar mehr Zeit miteinander: Kino, Spaziergänge im Stadtpark, Wochenenden im Schrebergarten, abends Freunde einladen, Grillen. Es war gemütlich, ruhig, fast wie ein Neuanfang. Unser Leben schien einen schönen, verlässlichen Rhythmus gefunden zu haben. Mit einundfünfzig war Bernd, ich war gerade fünfzig. Zeit, gemeinsam alt zu werden, öfter Annika zu besuchen, vielleicht bald Enkelkinder zu bekommen.
Sag mal, Annika lässt sich mit Nachwuchs aber Zeit, meinte Margarete, nachdem wir aus Spanien zurück waren und ich erzählt hatte, wie glücklich Annika in ihrer Beziehung war. Ach Margarete, schmunzelte ich, bei dir gelingts einfach nicht, sich zu freuen, hm? Immer musst du einen Spruch bringen.
Und wie sollte ich anders? Stimmt doch, drei Jahre verheiratet und immer noch kein Kind!, beharrte sie. Sie wollen die Welt erkunden, Zeit füreinander, seufzte ich, die Zeiten, in denen Kinder das Lebenszentrum waren, sind eben vorbei.
Nach anderthalb Jahren dann die frohe Nachricht: Zwillinge! Ein Mädchen und ein Junge Lena und Mattis. Diese Kinder bringe ich noch heute all meinen Freundinnen auf Fotos mit. Mit acht Monaten, kräftig und fröhlich, holten Bernd und ich nach Spanien, um Annika zu besuchen und die Enkelkinder im Arm zu halten.
Sind die nicht bezaubernd?, schwärmte ich beim Kaffeetrinken mit Margarete, als ich ihr die Fotos zeigte. Guck mal Lena, die ist ganz die Annika! Und Mattis, der Papa in klein! Na ja, ob man das schon sagen kann, brummte Margarete, warte mal, bis sie laufen und reden. Ach, du mit deinen Bedenken, schüttelte ich den Kopf und sammelte die Bilder wieder ein. Auch heute noch klebe ich die besten Aufnahmen in meine alten Fotoalben manchmal braucht es für Erinnerungen eben ein echtes Blatt Papier.
Margarete lebte aus Überzeugung allein, wie sie immer betonte. Männer hatte sie einige, meistens verheiratet. So ein verheirateter Mann ist recht praktisch, pflegte sie zu sagen, seiner Frau bringt er schmutzige Wäsche, mir Liebe und Aufmerksamkeit.
Von ihrer Großmutter hatte sie eine hübsche Einzimmerwohnung mit Balkon, unweit der U-Bahn, geerbt. Gleich nach dem Erbe zog sie aus dem Elternhaus aus. Ich will leben, wie ich will, rief sie und so machte sies. Sie färbte sich die Haare knallrot, kaufte sich roten Lippenstift und ihr erstes Paar Stöckelschuhe. Helene, komm zum Umzug vorbei, hier werden die Männer Schlange stehen!
Bei diesem besagten Umzug lernte ich damals auch Bernd kennen und kurz darauf heirateten wir. Also ehrlich!, rief Margarete, als sie die Einladung bekam, der erste Mann gleich Hochzeit? Wo bleibt das Abwägen? Langweilig, wie du bist! Aber ich war überzeugt: Bernd war der Richtige für immer.
Und so war es bis zu jenem Tag
Margarete? Hallo?, rief ich ins Telefon, Bernd ist weg. Komplett weg. Hat nichts gesagt, kein Zettel, Handy aus. Wann warst du das letzte Mal im Urlaub?, fragte sie auf einmal. Urlaub? Margarete! Ich spreche von Bernd! Er hat mich verlassen! Was hat das mit Urlaub zu tun? Setz dich ins Flugzeug, Helene, komm mit nach Georgien, meine Tante wohnt da!
Ich zögerte, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto reizvoller schien mir die Idee. Also sagte ich: Gut Margarete, auf nach Georgien!
Dort, fernab von allem, in Tiflis, erlebte ich einen unvergleichlichen Sommer. Margaretes Tante, die lebensfrohe Elisabeth, war vor Jahrzehnten einem Georgier gefolgt, hatte in Tiflis eine Großfamilie gegründet, vier Söhne, alle mittlerweile selbst in Familien. Margarete und ich wurden mit offenen Armen empfangen die Fülle, die Lebensfreude, das leckere Essen, alles nahm mich auf. Nach wenigen Tagen hatte ich aufgehört, über Bernd und meinen Kummer nachzudenken.
Es ist im Grunde ganz einfach, dachte ich eines Abends, als der Duft von Chinkali und frischem Brot die Luft erfüllte. Er hat sich verliebt, hatte nicht den Mut zu reden und im Grunde ist es nicht meine Schuld. So spielt das Leben.
Trink deinen Granatapfelsaft, drückte mir Margarete ein Glas in die Hand. Was ist denn nur heute mit deinem Gesicht los, Helene? fragte sie. Wie meinst du? Ich nahm ein paar Schlucke fruchtig, wild, intensiv.
Irgendwie, sagte sie, siehst du aus, als hättest du zehn Jahre abgelegt.
Und tatsächlich, in Tiflis, dieser traumhaften Stadt, begegnete ich Lasha. Er war der Cousin eines der Söhne von Elisabeth, unser Altersgenosse, groß, schlank, mit silbernen Locken und sanften Augen. Wir saßen lange draußen im Innenhof, tranken georgischen Wein, aßen selbstgemachten Käse, sangen Lieder und ich bemerkte, wie sein Blick immer wieder den meinen suchte. Noch heute denke ich an diesen magischen Abend zurück.
Danke, flüsterte ich Margarete beim Abschied, beugte mich zu ihr, und sie drückte meine Hände wortlos, aber voller Verständnis.
So endete mein Sommer. Seither glaube ich, dass manchmal das Leben einfach entscheidet und wir nur lernen müssen, einen neuen Anfang zu wagen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Plötzlicher Auszug ohne Abschied: Er reichte die Scheidung ein, ohne dass seine Frau etwas ahnte
Als ich vom Einkaufen nach Hause kam, hing im Flur plötzlich eine fremde Jacke, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.