Weggenommen — Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Aber was will man von ihr auch erwarten? Hinterwäldlerin! — Was?! — empörte sich Christina. — Was du gehört hast! — sagte ihr Mann Eduard. — Meine Mutter ist hundertmal besser als deine ach so gebildeten Verwandten! Diese sturen und gewissenlosen Schnösel. — Dann geh doch zu ihr! — rief Eduard und knallte die Tür. — Und ob ich gehe! Garantiert! *** — Also ehrlich, deine Mutter hat euer junges Familienglück ruiniert — seufzte Inga, Christinas Freundin. — Noch kein Jahr vorbei. — Sie hat gar nichts ruiniert, darauf lief alles hinaus — sagte Christina traurig und rührte melancholisch Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem Café. — Wie das? Ihr habt doch noch letztens Pläne für ein Kind geschmiedet — hielt Inga dagegen. — Vielleicht war es Schicksal. — In Person deiner Mutter? — hakte Inga nach. — Ach was, wirklich nicht! — fuhr Christina auf. — Meine Mutter ist unschuldig. Dass es um Papas Auto geht, war nur der letzte Tropfen. Vor drei Jahren, ein Jahr vor ihrer Hochzeit, hatte Christina ihren Vater verloren. Ihre Mutter, Olga Afanassjewna, litt furchtbar unter dem Tod ihres geliebten Pawel und landete sogar im Krankenhaus. Sie weinte viel und erinnerte sich an die glücklichen Jahre mit ihrem Mann. Vor nicht allzu langer Zeit war noch alles gut… Olga und Pawel haben früher in einem Dorf in Mecklenburg gelebt, dort sich kennengelernt, später sind sie nach Hamburg gezogen, haben sich ein Leben aufgebaut und von der Firma eine Wohnung bekommen. Christina wurde später geboren, ein absolutes Wunschkind. Sie führten eine innige Ehe ohne Streit. Christina wuchs zu einem freundlichen, klugen und schönen Mädchen heran. Leider verlor sie früh beide Omas. Die Häuschen auf dem Land wurden verkauft, und auch die Verbindung zu Glücksmomenten in der alten Heimat war weg. Christina liebte das Dorf aber genauso, verbrachte dort jeden Sommer. Beide Omas hatten einen kleinen Betrieb, den sie mit Leidenschaft führten und der gute Erträge abwarf. Sie bewunderte ihre Omas und beschloss, während sie einer von ihnen bei der Kuh half, ihre Zukunft der Tiermedizin zu widmen. Jahre später hielt sie an diesem Wunsch fest und arbeitete inzwischen nicht mit Kühen, sondern als Tierärztin für Katzen und Hunde in einer modernen Praxis. Eduard lernte sie auf der Arbeit kennen, als er mit einem teuren Rassehund zur Impfung kam. Die beiden waren sofort voneinander angetan. Sie redeten über alles Mögliche: Christina schwärmte von ihrer Zeit bei den Omas im Dorf, von ihrer Familie, der Stadt, ihren Eltern. Eduard erzählte von seinen Eltern, beide Akademiker an der Uni Hamburg, und von ihren hanseatischen Traditionen. Er zeigte deutlich, dass er sich seiner Herkunft überlegen fühlte, versuchte dies aber nett zu verbergen. Von klein auf wurde ihm eingeredet, auf Landleute herabzublicken — besonders von seiner Mutter, die ihren akademischen Stand völlig auslebte und gerne ihre Ehe mit einem geborenen Hamburger betonte. Tatsächlich stammte auch sie ursprünglich vom Land, verschwieg dies aber lieber. Christina faszinierte Eduard sehr, er machte ihr zwei Monate nach dem Kennenlernen einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Eduards geerbte Wohnung im Grindelviertel — Altbau, schöne Gegend, aber dringend renovierungsbedürftig und das Geld dafür fehlte. Eduard war stolz auf die prominenten, gutsituierten Nachbarn, die ihre Wohnungen in Lofts mit Panoramafenstern verwandelt hatten. Ihre teuren Autos parkten vor der Tür. Wenn er davon sprach, rollte Christina innerlich die Augen. Sie war bodenständig und urteilte über Menschen nicht nach Geld, sondern nach Charakter. Christinas Mutter mochte Eduard auf Anhieb, hatte aber auch ein ungutes Gefühl — irgendwie wirkte er zu perfekt. Aber sie sagte nichts, solange Christina glücklich war. Die Hochzeit war schlicht; Eduards Eltern waren sparsam und berechnend. Sie hätten die Wohnung lieber vermietet, aber die verstorbene Oma hatte ausdrücklich gewollt, dass Eduard nach seiner Hochzeit dort wohnt. *** — Was war eigentlich mit dem Auto deines verstorbenen Vaters? — fragte Inga. — Papa hatte ein Auto und einen gemauerten Garagenplatz — begann Christina. — Nach Papas Tod habe ich das Erbe abgetreten, damit Mama alles behält. Sie hatte einen Führerschein und fuhr manchmal. Ich kann nicht fahren und brauche das Auto nicht. Aber dann hatte Mama einen kleinen Unfall und fuhr seitdem kein Auto mehr. Nach unserer Hochzeit hat sie Eduard eine Vollmacht gegeben, damit er Papas Auto nutzen konnte; sie fand es zu schade, wenn es herumstand. Verkaufen wollte sie es aber auch noch nicht, es war fast neu und Papas ganzer Stolz. Christina wurde traurig, als sie sich an ihren Vater erinnerte. — Eduard hat einen Führerschein? — fragte Inga. — Ja, aber kein eigenes Auto. Er war total begeistert, als Mama ihm die Vollmacht gab — lächelte Christina. Sie gingen gemeinsam den Wagen anschauen, Eduard war hin und weg und lobte Olga Afanassjewna über den grünen Klee. — Mama bat ihn nur, ihr auch zu helfen: Sie zu Arztterminen zu fahren, beim Einkaufen zu helfen usw. Er versprach es. Olga Afanassjewna fuhr jede Woche in den großen REWE im Stadtteil. Ab jetzt rief sie Eduard an, der half und sie fuhr. Oder sie musste ins Bauhaus, weil sie renovierte. Als ihre Mutter einmal zur Feier einer alten Freundin wollte, bat sie Eduard um einen Fahrdienst zum Restaurant, wollte auch wieder abgeholt werden — aber Eduard lehnte wegen angeblich wichtiger Termine ab. Das Taxi war teuer; sie musste es dennoch nehmen, im schicken Abendkleid… Eine Woche später wiederholte sich alles: Eduard hatte keine Zeit. Sie verschob sogar Arztbesuche — wollte nicht mehr alleine lange Strecken machen. Dann hörte sie, dass Eduard in dieser Zeit ständig für seine Eltern unterwegs war. — Mein Vater hat kein eigenes Auto, Carsharing geht nicht mehr wegen irgendeiner Sperrung der Firmen… Taxi ist teuer — erklärte Eduard. — Meine Mutter braucht mich dauernd im Supermarkt, bald ist ihr Geburtstag, da wird alles gekauft. Und auch mein Vater musste viel erledigen. — Ja, ja… — meinte Olga Afanassjewna nur trocken. Sie war verletzt. Eduards Eltern war das Taxi zu teuer, ihr scheinbar aber nicht. Mehr noch, Christina erzählte, Eduard benutze das Auto auch für Besuche bei seiner Verwandtschaft in Lübeck und später, um Bekannten bei der Ernte aus dem Schrebergarten zu helfen. Nach einer dieser Fahrten war das Auto in der Werkstatt gelandet — aber alles wieder repariert. *** — Da hat meine Mutter die Vollmacht wieder eingezogen. Sie hat Eduard ‚das Auto weggenommen‘ und gesagt, sie würde es verkaufen — erzählte Christina. — Eduard war beleidigt, wir haben gestritten. Und weißt du was? Ich bin auf Mamas Seite. Seine Familie ist wirklich dreist geworden. Ich sah Eduard kaum noch, er fuhr ständig für seine Verwandten herum. In der Zeit nutzte meine Mutter das Taxi! — Echt übel. Er hat doch versprochen — sagte Inga. — Mich hat eh keiner gefragt — ärgerte sich Christina. — Sie riefen nur an, um zu sagen, wann und wohin es geht. Unsere Pläne waren egal. — Und deshalb habt ihr gestritten? — Nicht nur deshalb — seufzte Christina. — Sondern weil Eduard meine Mutter als Hinterwäldlerin beschimpft hat. Unser Ehe war sowieso zum Scheitern verurteilt. Er ist total von seiner Mutter abhängig — sie sagt ihm, was er tun soll. Sie telefonieren stundenlang. Beide sind schreckliche Snobs. *** — Gut, dass du dich von dieser Provinz-Christina getrennt hast, mein Junge — sagte Eduards Mutter, als sie vom Streit erfuhr. — Du findest noch eine Richtige. Ich wollte mich ja nicht einmischen, aber nun ist Schluss. Ich habe auch schon eine Kandidatin im Auge… Aline, klug und schön, aus guter Familie! Die sind verwandt mit alten Hamburger Senatoren, das weiß jeder. Da stimmt die Herkunft! — Ach Mama… — nuschelte Eduard. — Das ist meine Entscheidung. — Wird sich zeigen! — schnappte seine Mutter. — Und komm mir bloß nicht wieder mit Christina an. Lass sie ihre Hunde behandeln. Für unsere Familie ist sie nichts. — Das war also dein Plan?! — merkte Eduard. — Schon möglich… Musste ich doch! So eine Chance darf nicht verpasst werden. Du heiratest Aline, und Punkt! Sofort Scheidung, habe ich gesagt! Hätte ich deinem Vater bloß vorher nicht die Selbstständigkeit eingeredet… *** — Wir kümmern uns jetzt um dich, dann tut das Pfötchen gar nicht mehr weh — sagte Christina sanft zu ihrem nächsten haarigen Patienten. Auf der Arbeit fühlte sie sich wohl, sie liebte Tiere und war glücklich mit ihrem Beruf. Und Eduard? Kaum geschieden heiratete er ein junges Mädchen — Studentin an derselben Uni wie seine Eltern. — Sicher auch so ein „blauer Stammbaum“… — dachte Christina und zog den weißen Kittel aus. Feierabend. Plötzlich musste sie lachen. Stammbaum… Herkunft… Genau wie bei manchen ihrer teuren Patienten, die für Zuchtausstellungen gekauft werden. — Und weißt du was? Meine Mama will das Auto jetzt doch nicht verkaufen, — berichtete Christina Inga. — Sie fährt wieder selbst. Und sie hat mich um Entschuldigung gebeten, dass sie uns durch das Auto verstritten hat. Aber ich finde, sie hat alles richtig gemacht. — Find ich auch — stimmte Inga zu. — Mit so einer Schwiegermutter wäre es früher oder später ohnehin zum Eklat gekommen. Die Sache mit dem Auto hat es nur beschleunigt. Mit Aline fand Eduard kein Glück. Ihre Familie hielt ihn und seine Eltern für nicht standesgemäß. Sie taten so, als würden sie sich herablassen, ihn zu heiraten. — Eine Missheirat, — seufzte Alines Mutter. — Aber Liebe ist eben Liebe… Eduards Mutter versuchte, den neuen Verwandten zu gefallen — doch sie behandelten sie von oben herab. Eduards Vater kümmerte sich derweil um seinen Lehrauftrag an der Uni und hielt den ganzen Standesdünkel für kindisch — und irgendwie hatte er recht.

Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Obwohl, was kann man von so einer Landei schon erwarten?

Wie bitte?! regte sich Annalena auf.

Hast du doch gehört! entgegnete ihr Mann, Dieter.

Meine Mama ist hundertmal besser als deine überkandidelten Verwandten! Die sind dreist und haben keinen Anstand.

Dann geh doch zu ihr! schrie Dieter und knallte die Tür zu.

Ja, das mach ich! Und wie ich das mache!

***

Also ehrlich, deine Mutter hat eure noch junge kleine Familie zerstört, seufzte Anja, Annalenas beste Freundin. Noch kein Jahr war rum!

Zerstört hat sie gar nichts, es lief eh alles darauf hinaus, murmelte Annalena traurig und rührte wie in Trance Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem altmodischen Berliner Café.

Wieso, du hast mir doch erst neulich erzählt, dass ihr ein Kind wollt! widersprach Anja.

Das war wohl Schicksal.

In Gestalt deiner Mutter? hakte Anja neugierig nach.

Ach bitte, sei nicht so, ärgerte sich Annalena. Meine Mutter kann nichts dafür. Papas alter Opel war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Vor drei Jahren, ein Jahr bevor Annalena heiratete, starb ihr Vater, Herr Friedrich. Ihre Mutter, Elke Falkenrath, litt fürchterlich unter dem Verlust und musste sogar ins Krankenhaus. Sie weinte oft, erinnerte sich an Friedrich, an die glücklichen Jahre. Es war, als wäre das Glück von gestern nur ein Traum gewesen…

Früher lebten Elke und Friedrich im kleinen Dorf Rheinsfeld. Dort hatten sie sich bei einem Dorffest kennengelernt. Viel später zogen sie in die Stadt Hamburg, bekamen von Friedrichs Firma eine kleine Wohnung. Und irgendwann wurde Annalena geboren spät, aber sehr erwünscht.

Sie lebten immer in großer Einigkeit, stritten nie. Annalena war ein freundliches, hilfsbereites Kind. Klug und schön, jeder mochte sie.

Leider verlor Annalena früh ihre beiden Omas. Die hübschen Backsteinhäuschen in Rheinsfeld wurden verkauft; der Faden zu diesem glückserfüllten Ort riss ab.

Nicht nur Annalenas Eltern, auch sie selbst liebte das Dorf von Herzen. Sie verbrachte dort alle Sommerferien. Die Großmütter hatten Hühner, einen Garten, Kühe. Mit Freude kümmerten sie sich um ihr kleines Reich und erwirtschafteten ein gutes Auskommen.

Annalena war stolz auf sie. Als sie eines Tages ihrer Großmutter im Stall half, entschied sie sich, Tierärztin zu werden.

Jahre später erfüllte sie sich ihren Kindheitstraum nur behandelte sie keine Kühe, sondern Katzen und Hunde in einer Hamburger Kleintierpraxis.

Dieter, ihr späterer Mann, begegnete sie dort kennenzulernen: Er kam mit einem teuren Windhund zur Impfung. Sie fanden Gefallen aneinander und gingen bald miteinander aus.

Sie redeten nächtelang als ginge kein Thema je aus. Annalena erzählte fasziniert von ihren Tieren, Omas, Kindheit und dem Wechsel aus dem Dorf ins Hamburger Leben.

Dieter berichtete von seinen Eltern: Professoren beide, an der Universität Hamburg. Strenge Rituale, bildungsbürgerliche Werte. Ein wenig fühlte er sich Annalenas Eltern überlegen; verbarg das aber, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.

Diese Überheblichkeit hatte ihm seine Mutter eingetrichtert die war besonder stolz auf ihren Stand und die glückliche Heirat in ein “urhamburgisches” Professorenhaus. Solche Gelegenheiten, meinte sie, bekommt nicht jeder.

Dabei war Dieters Mutter selbst Kind einfacher Bauersleute aus dem Umland, verschwieg das aber konsequent.

Dieter war hingerissen von Annalena und machte ihr schon nach zwei Monaten einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Dieters Erbschaft: eine Altbauwohnung im Grindelviertel, 50er Jahre, aber renovierungsbedürftig und dafür fehlte das Geld.

Dieter spazierte mit hocherhobener Nase durchs Treppenhaus, stolz, mit den wohlhabenden Nachbarn Tür an Tür zu wohnen. Da parkten BMWs vor der Tür, die Leute grüßten freundlich und verschwanden diskret in Luxuswohnungen, Panoramafenstern und allem Drum und Dran. Hier riecht alles nach gutem Leben, schwärmte Dieter.

Annalena konnte da nur lächeln. Sie richtete sich am Herzen aus, nicht am Kontostand.

Nach dem ersten Besuch des Schwiegersohns fühlte Elke sich zwiespältig. Einerseits nett, andererseits wirkte Dieter übertrieben höflich, unecht. Sie ahnte, dass hinter seiner Maske etwas lauerte und sorgte sich um Annalena.

Doch sie sagte nichts, blickte in Annalenas verliebte Augen und hielt ihre Bedenken zurück. Also gab es eine schlichte Hochzeit, denn Dieters Eltern gaben ihr Geld nicht gerne aus.

Sie hatten lange gehofft, Dieters Wohnung zu vermieten, die hätte ein stattliches Sümmchen Mieteinnahmen gebracht, aber erst musste renoviert werden, das war teuer. Außerdem war Dieters Großmutter klar gewesen: Dieter sollte in der Wohnung mit seiner Frau leben. Basta.

***

Was war denn jetzt mit dem Auto deines Vaters? fragte Anja.

Meine Eltern hatten einen Wagen und einen gemauerten Garagenplatz, begann Annalena. Als Papa starb, schlug ich mein Erbe zugunsten meiner Mutter aus. Sie hatte einen Führerschein, fuhr Papas Wagen gelegentlich. Ich hatte gar keinen. Wozu also das Auto? Eines Tages baute Mama aber einen kleineren Unfall und wollte von da an nicht mehr fahren. Ich ebenso wenig. Ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit kam Mama dann auf die Idee, Dieter eine Vollmacht zu geben, damit er Papas Golf benutzen konnte. Sie fand es zu schade, dass er einfach herumstand, verkaufen wollte sie ihn nicht, er war neu und von Papa liebevoll ausgesucht

Annalena wurde still und dachte an ihren Vater.

Dieter hat also Führerschein? fragte Anja.

Ja, aber kein Auto. Er hat sich riesig gefreut.

Sie fuhren gemeinsam zur Garage, begutachteten den dunkelroten Golf und Dieter war wie ein Kind zu Weihnachten. Er überschlug sich vor Freude und Dankbarkeit gegenüber Elke.

Aber Mama bat ihn, ihr zu helfen: Sie ab und zu zur Hausärztin bringen, oder in den Baumarkt, oder samstags in den großen Supermarkt am Stadtrand zu fahren. Dieter versprach es.

Elke kaufte samstags üblicherweise alle Vorräte, also rief sie Dieter und der half. Dann plante sie eine Wohnungsrenovierung. Der Wagen war oft nützlich.

Eines Tages wollte Elke zum 60. Geburtstag einer alten Freundin. Feier im Restaurant, schicker Abend, sie bat Dieter, sie zu bringen und nachts heimzufahren.

Dieter aber sagte ab, angeblich zu beschäftigt. Elke war enttäuscht ein Taxi quer durch Hamburg kostete ein Vermögen, absagen wollte sie aber auch nicht; im Ballkleid mit Bus und Bahn unmöglich.

Die Woche darauf das Gleiche. Dieter keine Zeit, sogar einen Arzttermin verschob Elke extra, um auf ihn zu warten…

Dann erfuhr Elke durch einen Zufall: Dieter hatte all die Zeit seine eigenen Eltern im Wagen herumgefahren.

Papa hat immer Carsharing benutzt, aber dann wurde sein Account gesperrt, jetzt geht das nirgends mehr. Anwälte sagen Geduld, aber Taxis sind teuer, rechtfertigte sich Dieter. Meine Mama hat bald Geburtstag, musste viel einkaufen. Und mein Vater brauchte auch Hilfe.

Hm sagte Elke nur leise.

Sie war verletzt. Ihren Eltern war das Taxi zu teuer für sie offenbar nicht. Noch dazu hatte Annalena herausgefunden, dass Dieter mit dem Wagen oft auch entfernte Verwandte chauffierte, ja sogar die Ernte vom Schrebergarten transportierte. Nach einer Tour musste der Golf übrigens zur Reparatur, aber alles wieder in Ordnung…

***

Naja, und dann hat Mama Dietern die Vollmacht entzogen. Kurz gesagt: Sie hat ihm das Auto weggenommen, erzählte Annalena. Verkauf sei geplant. Dieter war beleidigt, wir haben uns gestritten. Ehrlich, ich verstehe Mama. Seine Familie hat echt übertrieben. Ich habe meinen Mann kaum noch gesehen, dauernd fuhr er irgendwohin für seine Mutter. Meine Mutter dagegen musste Taxi fahren!

Oje… Er hatte es doch versprochen! sagte Anja.

Mich hat keiner gefragt, knurrte Annalena. Seine Mutter sagte ihm, wohin er fahren soll, Zeit für uns blieb kaum. Ich habe ihn nicht mehr wirklich zu Hause gesehen.

Deswegen der Streit?

Nein, das Schlimmste war sein Landausdruck für meine Mama. Und ehrlich, unsere Ehe war eh zum Scheitern verurteilt. Dieter hängt zu sehr am Rockzipfel seiner Mutter. Sie sagt, was richtig ist, und er spurt. Beide sind entsetzliche Snobs.

***

Gut, dass du diese arme Annalena endlich los bist, Sohnemann, sagte Dieters Mutter, als sie vom Streit erfuhr. Du findest eine Vernünftige. Ich hab da an der Uni schon ein nettes Fräulein im Auge Stefanie, klug, hübsch, gute Familie Nachfahrer eines Adligen, wie mir Leute mit Ahnung sagten gute Stellung, nützlich!

Ach, Mama murmelte Dieter.

Sei leise! blaffte seine Mutter. Und wage es ja nicht, dich mit Annalena zu versöhnen! Sie soll weiter Hunde verarzten. Für unsere Familie ist die nichts!

Hast dus vielleicht absichtlich gemacht? fragte Dieter.

Also… Naja… die Augen seiner Mutter flackerten. Was hätte ich denn sonst tun sollen? So eine Chance darf man nicht auslassen. Du heiratest Stefanie, und Schluss! Sofort scheiden, verstanden? Ich hätte nie auf deinen Vater gehört und dir so viel Freiheit lassen dürfen. Geheiratet hast du am Ende irgendeine…

***

Gleich ist alles wieder gut und die Pfote wird gar nicht mehr weh tun, flüsterte Annalena einem kleinen Cockerspaniel zu. In der Kleintierpraxis fühlte sie sich aufgehoben, sie liebte Tiere und ihre Arbeit. Dieter hatte inzwischen eine blutjunge Studentin von der Uni geheiratet, an der seine Eltern lehrten.

Bestimmt aus vornehmer Familie, sinnierte Annalena und zog den weißen Kittel aus. Der Arbeitstag war vorbei.

Plötzlich musste sie laut auflachen. Abstammung, Stammbaum, Herkunft fast wie bei den teuren Rassekatzen, die zu Wettbewerben gebracht werden…

Übrigens, Mama will den Golf doch nicht verkaufen, erzählte Annalena Anja. Sie fährt wieder selbst. Hat sich entschuldigt, weil sie Dieter und mich so in Streit gebracht hat. Aber ich sagte, dass sie nichts falsch gemacht hat. Es sollte wohl so kommen.

Stimmt, pflichtete Anja bei. Mit so einer Schwiegermutter wäre es eh irgendwann gescheitert. Die Sache mit dem Auto hat’s nur beschleunigt.

In der Ehe mit Stefanie fand Dieter kein Glück, erinnerte sich oft an die herkunftslose Annalena. Stefanies Clan ruhte sich auf seiner angeblichen Adelsabstammung aus und behandelte Dieter und seine Eltern herablassend als hätten sie sich herabgelassen, dem bürgerlichen Dieter den Zutritt zu ihrer Familie zu gestatten.

Ein Fehltritt in der Heirat… seufzte die Mutter von Stefanie. Aber was soll man machen, wenn Liebe im Spiel ist…

Dieters Mutter versuchte immer, den neuen Verwandten zu gefallen, doch es gelang ihr nie. Sie wurde nicht für voll genommen.

Dieters Vater kümmerte sich ohnehin lieber weiter ums Unterrichten und hielt sich aus all dem heraus. Für ihn war das alles nutzloses Geschachere und vielleicht hatte er sogar recht.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Weggenommen — Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Aber was will man von ihr auch erwarten? Hinterwäldlerin! — Was?! — empörte sich Christina. — Was du gehört hast! — sagte ihr Mann Eduard. — Meine Mutter ist hundertmal besser als deine ach so gebildeten Verwandten! Diese sturen und gewissenlosen Schnösel. — Dann geh doch zu ihr! — rief Eduard und knallte die Tür. — Und ob ich gehe! Garantiert! *** — Also ehrlich, deine Mutter hat euer junges Familienglück ruiniert — seufzte Inga, Christinas Freundin. — Noch kein Jahr vorbei. — Sie hat gar nichts ruiniert, darauf lief alles hinaus — sagte Christina traurig und rührte melancholisch Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem Café. — Wie das? Ihr habt doch noch letztens Pläne für ein Kind geschmiedet — hielt Inga dagegen. — Vielleicht war es Schicksal. — In Person deiner Mutter? — hakte Inga nach. — Ach was, wirklich nicht! — fuhr Christina auf. — Meine Mutter ist unschuldig. Dass es um Papas Auto geht, war nur der letzte Tropfen. Vor drei Jahren, ein Jahr vor ihrer Hochzeit, hatte Christina ihren Vater verloren. Ihre Mutter, Olga Afanassjewna, litt furchtbar unter dem Tod ihres geliebten Pawel und landete sogar im Krankenhaus. Sie weinte viel und erinnerte sich an die glücklichen Jahre mit ihrem Mann. Vor nicht allzu langer Zeit war noch alles gut… Olga und Pawel haben früher in einem Dorf in Mecklenburg gelebt, dort sich kennengelernt, später sind sie nach Hamburg gezogen, haben sich ein Leben aufgebaut und von der Firma eine Wohnung bekommen. Christina wurde später geboren, ein absolutes Wunschkind. Sie führten eine innige Ehe ohne Streit. Christina wuchs zu einem freundlichen, klugen und schönen Mädchen heran. Leider verlor sie früh beide Omas. Die Häuschen auf dem Land wurden verkauft, und auch die Verbindung zu Glücksmomenten in der alten Heimat war weg. Christina liebte das Dorf aber genauso, verbrachte dort jeden Sommer. Beide Omas hatten einen kleinen Betrieb, den sie mit Leidenschaft führten und der gute Erträge abwarf. Sie bewunderte ihre Omas und beschloss, während sie einer von ihnen bei der Kuh half, ihre Zukunft der Tiermedizin zu widmen. Jahre später hielt sie an diesem Wunsch fest und arbeitete inzwischen nicht mit Kühen, sondern als Tierärztin für Katzen und Hunde in einer modernen Praxis. Eduard lernte sie auf der Arbeit kennen, als er mit einem teuren Rassehund zur Impfung kam. Die beiden waren sofort voneinander angetan. Sie redeten über alles Mögliche: Christina schwärmte von ihrer Zeit bei den Omas im Dorf, von ihrer Familie, der Stadt, ihren Eltern. Eduard erzählte von seinen Eltern, beide Akademiker an der Uni Hamburg, und von ihren hanseatischen Traditionen. Er zeigte deutlich, dass er sich seiner Herkunft überlegen fühlte, versuchte dies aber nett zu verbergen. Von klein auf wurde ihm eingeredet, auf Landleute herabzublicken — besonders von seiner Mutter, die ihren akademischen Stand völlig auslebte und gerne ihre Ehe mit einem geborenen Hamburger betonte. Tatsächlich stammte auch sie ursprünglich vom Land, verschwieg dies aber lieber. Christina faszinierte Eduard sehr, er machte ihr zwei Monate nach dem Kennenlernen einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Eduards geerbte Wohnung im Grindelviertel — Altbau, schöne Gegend, aber dringend renovierungsbedürftig und das Geld dafür fehlte. Eduard war stolz auf die prominenten, gutsituierten Nachbarn, die ihre Wohnungen in Lofts mit Panoramafenstern verwandelt hatten. Ihre teuren Autos parkten vor der Tür. Wenn er davon sprach, rollte Christina innerlich die Augen. Sie war bodenständig und urteilte über Menschen nicht nach Geld, sondern nach Charakter. Christinas Mutter mochte Eduard auf Anhieb, hatte aber auch ein ungutes Gefühl — irgendwie wirkte er zu perfekt. Aber sie sagte nichts, solange Christina glücklich war. Die Hochzeit war schlicht; Eduards Eltern waren sparsam und berechnend. Sie hätten die Wohnung lieber vermietet, aber die verstorbene Oma hatte ausdrücklich gewollt, dass Eduard nach seiner Hochzeit dort wohnt. *** — Was war eigentlich mit dem Auto deines verstorbenen Vaters? — fragte Inga. — Papa hatte ein Auto und einen gemauerten Garagenplatz — begann Christina. — Nach Papas Tod habe ich das Erbe abgetreten, damit Mama alles behält. Sie hatte einen Führerschein und fuhr manchmal. Ich kann nicht fahren und brauche das Auto nicht. Aber dann hatte Mama einen kleinen Unfall und fuhr seitdem kein Auto mehr. Nach unserer Hochzeit hat sie Eduard eine Vollmacht gegeben, damit er Papas Auto nutzen konnte; sie fand es zu schade, wenn es herumstand. Verkaufen wollte sie es aber auch noch nicht, es war fast neu und Papas ganzer Stolz. Christina wurde traurig, als sie sich an ihren Vater erinnerte. — Eduard hat einen Führerschein? — fragte Inga. — Ja, aber kein eigenes Auto. Er war total begeistert, als Mama ihm die Vollmacht gab — lächelte Christina. Sie gingen gemeinsam den Wagen anschauen, Eduard war hin und weg und lobte Olga Afanassjewna über den grünen Klee. — Mama bat ihn nur, ihr auch zu helfen: Sie zu Arztterminen zu fahren, beim Einkaufen zu helfen usw. Er versprach es. Olga Afanassjewna fuhr jede Woche in den großen REWE im Stadtteil. Ab jetzt rief sie Eduard an, der half und sie fuhr. Oder sie musste ins Bauhaus, weil sie renovierte. Als ihre Mutter einmal zur Feier einer alten Freundin wollte, bat sie Eduard um einen Fahrdienst zum Restaurant, wollte auch wieder abgeholt werden — aber Eduard lehnte wegen angeblich wichtiger Termine ab. Das Taxi war teuer; sie musste es dennoch nehmen, im schicken Abendkleid… Eine Woche später wiederholte sich alles: Eduard hatte keine Zeit. Sie verschob sogar Arztbesuche — wollte nicht mehr alleine lange Strecken machen. Dann hörte sie, dass Eduard in dieser Zeit ständig für seine Eltern unterwegs war. — Mein Vater hat kein eigenes Auto, Carsharing geht nicht mehr wegen irgendeiner Sperrung der Firmen… Taxi ist teuer — erklärte Eduard. — Meine Mutter braucht mich dauernd im Supermarkt, bald ist ihr Geburtstag, da wird alles gekauft. Und auch mein Vater musste viel erledigen. — Ja, ja… — meinte Olga Afanassjewna nur trocken. Sie war verletzt. Eduards Eltern war das Taxi zu teuer, ihr scheinbar aber nicht. Mehr noch, Christina erzählte, Eduard benutze das Auto auch für Besuche bei seiner Verwandtschaft in Lübeck und später, um Bekannten bei der Ernte aus dem Schrebergarten zu helfen. Nach einer dieser Fahrten war das Auto in der Werkstatt gelandet — aber alles wieder repariert. *** — Da hat meine Mutter die Vollmacht wieder eingezogen. Sie hat Eduard ‚das Auto weggenommen‘ und gesagt, sie würde es verkaufen — erzählte Christina. — Eduard war beleidigt, wir haben gestritten. Und weißt du was? Ich bin auf Mamas Seite. Seine Familie ist wirklich dreist geworden. Ich sah Eduard kaum noch, er fuhr ständig für seine Verwandten herum. In der Zeit nutzte meine Mutter das Taxi! — Echt übel. Er hat doch versprochen — sagte Inga. — Mich hat eh keiner gefragt — ärgerte sich Christina. — Sie riefen nur an, um zu sagen, wann und wohin es geht. Unsere Pläne waren egal. — Und deshalb habt ihr gestritten? — Nicht nur deshalb — seufzte Christina. — Sondern weil Eduard meine Mutter als Hinterwäldlerin beschimpft hat. Unser Ehe war sowieso zum Scheitern verurteilt. Er ist total von seiner Mutter abhängig — sie sagt ihm, was er tun soll. Sie telefonieren stundenlang. Beide sind schreckliche Snobs. *** — Gut, dass du dich von dieser Provinz-Christina getrennt hast, mein Junge — sagte Eduards Mutter, als sie vom Streit erfuhr. — Du findest noch eine Richtige. Ich wollte mich ja nicht einmischen, aber nun ist Schluss. Ich habe auch schon eine Kandidatin im Auge… Aline, klug und schön, aus guter Familie! Die sind verwandt mit alten Hamburger Senatoren, das weiß jeder. Da stimmt die Herkunft! — Ach Mama… — nuschelte Eduard. — Das ist meine Entscheidung. — Wird sich zeigen! — schnappte seine Mutter. — Und komm mir bloß nicht wieder mit Christina an. Lass sie ihre Hunde behandeln. Für unsere Familie ist sie nichts. — Das war also dein Plan?! — merkte Eduard. — Schon möglich… Musste ich doch! So eine Chance darf nicht verpasst werden. Du heiratest Aline, und Punkt! Sofort Scheidung, habe ich gesagt! Hätte ich deinem Vater bloß vorher nicht die Selbstständigkeit eingeredet… *** — Wir kümmern uns jetzt um dich, dann tut das Pfötchen gar nicht mehr weh — sagte Christina sanft zu ihrem nächsten haarigen Patienten. Auf der Arbeit fühlte sie sich wohl, sie liebte Tiere und war glücklich mit ihrem Beruf. Und Eduard? Kaum geschieden heiratete er ein junges Mädchen — Studentin an derselben Uni wie seine Eltern. — Sicher auch so ein „blauer Stammbaum“… — dachte Christina und zog den weißen Kittel aus. Feierabend. Plötzlich musste sie lachen. Stammbaum… Herkunft… Genau wie bei manchen ihrer teuren Patienten, die für Zuchtausstellungen gekauft werden. — Und weißt du was? Meine Mama will das Auto jetzt doch nicht verkaufen, — berichtete Christina Inga. — Sie fährt wieder selbst. Und sie hat mich um Entschuldigung gebeten, dass sie uns durch das Auto verstritten hat. Aber ich finde, sie hat alles richtig gemacht. — Find ich auch — stimmte Inga zu. — Mit so einer Schwiegermutter wäre es früher oder später ohnehin zum Eklat gekommen. Die Sache mit dem Auto hat es nur beschleunigt. Mit Aline fand Eduard kein Glück. Ihre Familie hielt ihn und seine Eltern für nicht standesgemäß. Sie taten so, als würden sie sich herablassen, ihn zu heiraten. — Eine Missheirat, — seufzte Alines Mutter. — Aber Liebe ist eben Liebe… Eduards Mutter versuchte, den neuen Verwandten zu gefallen — doch sie behandelten sie von oben herab. Eduards Vater kümmerte sich derweil um seinen Lehrauftrag an der Uni und hielt den ganzen Standesdünkel für kindisch — und irgendwie hatte er recht.
Ich bin deine EnkelinAls ich die knarrende Tür öffnete, lächelte er, mein Großvater, und flüsterte: „Endlich bist du hier, meine geliebte Enkelin.“