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05
Immer erreichbar: Wie Frau Nadja mit 75 das Smartphone, die Familiengruppe und das digitale Leben meistert – Eine bewegende Geschichte von Generationswandel und neuen Verbindungen im Herzen Deutschlands
Verbindung Morgens begann für Helga Behrendt alles immer gleich. Der Wasserkessel summte leise auf dem
Homy
Ich dachte, meine Tochter hätte eine glückliche Familie… bis zu meinem Besuch bei ihnen
Ich dachte, meine Tochter hätte eine glückliche Familie bis ich sie besuchteIch war fest davon überzeugt
Homy
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07
Die furchtlose Schwiegertochter – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können, – sagte sie ruhig. – Und falls du auf die Idee kommst, mich anzugreifen, vergrabe ich DICH hier! – Und warum hast du dann zugelassen, dass ich dich gefesselt habe? – fragte er verwirrt. – Ich wollte einfach wissen, was das für ein Zirkus werden soll. – Dasha warf das Stück Eisen beiseite. – In den Situationen, in denen ich überlebt habe, würdest du schon nach deiner Mama schreien! – Wie lange hast du noch vor, mich hier festzuhalten? – fragte Dasha gelassen. – Falls es dir entgangen ist: Das ist Entführung! – Ich kann dich hier so lange festhalten, wie ich will, – grinste Grisha. – Und Entführung? Das musst du erst mal beweisen! – Man wird mich suchen! – erwiderte Dasha. – Denkst du! – Grishas Grinsen wurde noch breiter. – Für die Polizei sieht es so aus, als wärst du freiwillig abgehauen! – Wie bitte? – Dasha runzelte die Stirn. – Du hast doch am Geldautomaten Geld abgehoben, oder? – Klar, du hast es mir überwiesen, damit ich keine Gebühren zahlen muss, – antwortete Dasha. – Wer weiß das schon? Fakt ist, du hast am Automaten gestanden und Geld abgehoben! Und dann bist du noch an der Tankstelle am Stadtrand gewesen! – Grisha tippte sich an die Schläfe. – Überall gibt es Kameras! Du hast nicht nur vollgetankt, sondern auch drei Kanister gefüllt! Und als du sie verstaut hast, lagen deine Koffer schon drin! – Aber sie werden auch dich befragen! Du warst ja die ganze Zeit mit mir zusammen, – sagte Dasha. – Ich erkläre einfach, dass du mich am Stadtrand rausgelassen hast und ich alleine nach Hause zurückgekehrt bin, – entgegnete Grisha. – Nach allen Indizien hast du deine Sachen gepackt, Geld abgehoben, Sprit gebunkert und bist auf und davon! – Und wie lange hast du vor, mich hier zu behalten? – wiederholte Dasha, diesmal weniger ruhig. – So lange ICH will, – zuckte Grisha mit den Schultern. – Solange die Welt sich dreht, oder du noch atmest! Die Drohung hätte Dasha einschüchtern sollen. Doch sie zuckte nicht einmal. – Nur eine Frage, – Dasha sah Grisha direkt in die Augen: – Wozu das alles? – Faszinierend, wie cool du bleibst! – schnaufte Grisha. – Ich habe das Gefühl, dass du zu meinem Bruder genauso gefühlskalt bist! Du bist eh nur wegen des Geldes bei ihm! Du tust nur auf brav, damit du ihn später noch ausnehmen kannst! – Also bist du gekommen, um deinen Bruder zu beschützen? – Dasha lächelte. – Willst du die „falsche“ Schwiegertochter entlarven? – Ehrlich, Dasha, – Grisha hockte sich vor die gefesselte Frau, – ein normaler Mensch würde die ständigen Spitzen der Eltern und all die Probleme nie so wegstecken und trotzdem immer freundlich bleiben! Egal wie man dich sich anschaut – du bist die perfekte Hausfrau! Nichts bringt dich aus der Fassung! Immer lächelst du, als wäre es das Natürlichste der Welt! – Und? – fragte Dasha. – Das ist doch nicht normal! – Grisha schüttelte den Kopf. – Kein Mensch hält das aus, wenn er nicht ein großes Ziel hat! Und mein Bruder Ivan hat Wohnung, Gartenhaus, Garage, zwei Autos und eine Firma! Der Opa war zu großzügig, alle anderen beneiden ihn. Aber Ivan ist eben nicht der Opa! Und du könntest ihn leicht über den Tisch ziehen. Für dich ist er eine perfekte Beute! Also lässt du alles geduldig über dich ergehen – von ihm, den Eltern und auch noch von mir! Und du selbst… na ja, ist klar. – Hast du mich also hierher verschleppt, um meine wahren Motive herauszufinden oder um mich leise zu beseitigen? – fragte Dasha nüchtern. – Siehst du! Sogar jetzt regst du dich kein bisschen auf! – rief Grisha. – Jede andere würde jetzt hysterisch werden – doch du bist wie aus Stein! Bist du ein Psychopath? Fühlst du überhaupt was? – Grisha, was ich in meinem Leben erlebt und überstanden habe, ist mit den heutigen Problemen einfach nicht zu vergleichen, – erwiderte Dasha. – Alles was du aufgezählt hast, ist nichts gegen das, was ich überstehen musste! – Das erzählst du doch nur, um Mitleid zu bekommen! – widersprach Grisha. – Damit ich dich losbinde! – Willst du vielleicht meine Lebensbeichte hören, Entführer? – Dasha blickte grübelnd. – Na los, erzähl schon, – stöhnte Grisha und lehnte sich in der Ruine an die Wand. – Niemandem habe ich bisher alles erzählt, – Dasha wurde nachdenklich. – Vielleicht fange ich gleich bei meiner Geburt an… *** Dasha wurde nicht im Krankenhaus geboren, auch nicht im eigenen Zuhause, sondern in einem Linienbus, der Arbeiter zum Werk brachte. Papa wollte Mama spät, aber doch noch ins Krankenhaus bringen, weil sie lautstark klagte und schrie. Wirklich überraschend, dass sie überhaupt drauf kamen, dass nach neun Monaten Schwangerschaft die Geburt ansteht! So wurde Dasha Zeugin der Geburt vor zwei Dutzend mürrischer, unausgeschlafener Männer. Papa bekam von denen ordentlich was ab, Mama hatte zumindest Mitleid – sie hatte ja gerade geboren! So wurde der Bus direkt ins Krankenhaus umgeleitet. Die Ärzte warnten vor allen möglichen Komplikationen, aber Dasha wurde gesund und kräftig geboren. Das ganze Krankenhaus war auf den Beinen, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Dasha wurde von Oma abgeholt. So nahm Zoja Wassiljewna das Enkelkind mit, nicht aber die Tochter. Sie nahm das Kind von der Schwester, stieg in ein Taxi und verschwand. Die Mama, Natascha, holte Papa Tolik erst Stunden später ab. Die Gerüchteküche brodelte – den Eltern war es wohl egal, dass sie das Kind nicht behalten durften! Nur die Geburt selbst wurde ausgiebig gefeiert. Erst später kehrte Dasha für fünf Jahre zu den Eltern zurück – unter äußerst dramatischen Umständen. Zoja Wassiljewna nahm nach der Entlassung aus dem Kreißsaal die Enkelin in Pflege – sie selbst war bereits fast im Rentenalter. Spät ein eigenes Kind bekommen, die Tochter ebenfalls spät ein Kind – also fehlten ihr Kraft und Gesundheit für die neue Aufgabe. Aber in ein Kinderheim geben? Niemals! Also zog sie Dasha fünf Jahre lang groß – bis sie selbst schließlich das Zeitliche segnete. Der Schicksalsschlag traf sie morgens beim Frühstück. Wie sie noch das Gas auf dem Herd ausmachte, weiß nur der Himmel. Dasha war allein mit ihr zu Hause. Sonst niemand! Fünf Tage verbrachte Dasha eingesperrt mit ihrer toten Großmutter, bis der Kindergarten endlich fragte, wo die beiden blieben, und zum Nachschauen kam. All diese Zeit lernte Dasha zu überleben: rohe Nudeln, schimmliges Brot, sauer gewordene Suppe, angefaultes Gemüse. Als die Tür aufgebrochen wurde – Oma hatte sie immer gut verriegelt, damit Tochter und Schwiegersohn nicht einfach unangekündigt auftauchen – da… – Hoffen wir, – sagte der Psychologe, – dass das nicht in ihrem Gedächtnis bleibt. Aber wahrscheinlich ist das eine Narbe fürs Leben! Nach dem Tod der Oma fing sich Natascha kurzzeitig, schickte Tolik fort und sorgte dafür, dass Dasha wieder zu ihr durfte. Tolik riss sich auch kurzzeitig zusammen. Er ließ sogar vom Alkohol ab – für eine Weile. Dasha lebte für ein Jahr in einer scheinbar normalen Familie. Sogar zur Einschulung begleiteten sie beide Elternteile. Es hätte alles besser werden können – aber schlechte Gewohnheiten zerstören nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Und die Dasha-Eltern hatten bereits keine gesunden Seelen mehr. Zuerst stürzte Tolik ab, dann zog Natascha nach. Dann ging alles den Bach runter… Das Schicksal wandte sich ab oder das Jugendamt hatte anderes zu tun – Dasha lebte sechs weitere Jahre mit ihren Eltern. Und das unter Bedingungen, die man niemandem wünscht! Ein Haushalt, in dem dem Alkohol gehuldigt wird, verdient nicht den Namen gesund: Dauerpartys, ständiger Wechsel an Leuten, Gebrüll, Streit, Versöhnung, Trinksprüche. Hygiene und Ordnung waren Fremdwörter. Manchmal herrschte ein Dreitagezyklus: einen Tag essen, drei Tage trinken. Und Dasha durfte das alles live miterleben. So erfuhr sie – schwebend am Rande –, warum sie bei ihren Eltern lebte. Das Thema wurde ständig diskutiert – mit immer neuen Details! Ab und zu lichtete sich die Wolkendecke. Aber nie bei beiden Eltern gleichzeitig. Mal war die Mutter wieder halbwegs fit, dann der Vater. Dann wurde das Haus auf Vordermann gebracht, Gäste fortgeschickt, Lebensmittel eingekauft. Wer wieder klar war, versuchte ein guter Elternteil zu sein! – Sei froh, dass du wenigstens eine Mama hast, die dich nicht verhungern lässt! Ohne sie würdest du untergehen! Dasselbe sagte auch Papa Tolik. – Iss, lass es dir schmecken! Papa sorgt gut für dich; du bist doch schon ganz dünn, das sieht ja keiner mehr! So lebte Dasha von einem Hoffnungsschimmer zum nächsten. Was ihr eingebläut wurde, blieb. Sie, das schmale, dürre Kind, zog Vater oder Mutter durch den Schnee nach Hause, wenn diese wieder mal völlig betrunken umgekippt waren. Sie wusste: Wenn Papa oder Mama erfrieren, bin auch ich verloren! Das hatte man ihr so sehr eingebläut, dass sie sie schleppte. Und so rettete sie beide – nicht nur einmal. Das Kinderheim, in das Dasha mit zwölf kam, hätte ihre Rettung sein können – sie war nun vor den Eltern sicher, die jede Bodenhaftung verloren hatten. Vor den anderen Kindern war sie aber nicht sicher. Kinder können grausam sein – besonders, wenn es ums Überleben geht. Im Kinderheim von Dasha galt nur ein Gesetz: das Gesetz der Wildnis. Entweder Raubtier oder Beute! Dazwischen gab es nichts. Dasha war klein und schmächtig, mangels gutem Essen. Für ihr Leben, für jeden Bissen musste sie jeden Tag kämpfen! Keine Schwäche, kein Mitleid, schon gar nicht mit sich selbst. Sie überlebte. Sie lernte. Und sie begriff, dass draußen in der Welt ganz andere Regeln herrschen. Es dauerte ein Jahr bis sie das wirklich verstand. Und dann lernte sie Ivan kennen. Als sie in seinen Augen Güte und Zärtlichkeit sah, seine Fürsorge spürte, seine echte Seele, ohne Bosheit und Angst, da verliebte sich Dasha. Ivan war es egal, dass sie aus dem Heim kam. Er liebte sie einfach. Seine Eltern dagegen waren entschieden gegen die Beziehung. Sie sagten ihr offen ins Gesicht: Du passt nicht zu unserem Sohn. Worauf Dasha nur antwortete: – Ich werde ihm eine gute Frau sein! Sie waren längst verheiratet. Kaum in Worte zu fassen, wie viele Vorwürfe sie tagtäglich einstecken musste: Sie putze nicht richtig, könne nicht kochen, sei keine gute Frau für Ivan. Alles, was eine nörgelnde Schwiegermutter so auf Lager hat. Dasha schien das alles nicht zu berühren. Und sie beschwerte sich nie bei ihrem Mann über das Verhalten seiner Eltern. Ivans jüngerer Bruder Grisha beobachtete das alles. Zehn Jahre lang. In dieser Zeit hatte Ivan die Firma und das Vermögen des Großvaters übertragen bekommen, wurde wohlhabend. Dasha selbst hatte zwei Häuser verkauft, eines von den Eltern, eines von der Oma – das Geld gab sie Ivan für die gemeinsame Wohnung. Ivan und Dasha bekamen eine wunderbare Tochter. Er führte die Firma, sie arbeitete als Salonmanagerin – und war dazu noch eine perfekte Hausfrau. Im Haus herrschten Ordnung und Gemütlichkeit, sie war eine liebevolle, zugewandte Ehefrau. Grisha fragte sich: Wer alles schafft, was Dasha schafft, und zehn Jahre lang die Angriffe der Eltern aushält, der hat einen bestimmten Grund – irgendein Ziel, das er eiskalt verfolgt! Er beschloss, Dasha zu entführen, in ein verlassenes Dorf zu bringen und herauszufinden, was sie wirklich antreibt. Er dachte, sie würde um alles für ihren Mann ertragen, nur um ihn später ausnehmen zu können! *** – Grisha, was ich erlebt und ausgehalten habe, ist mit den heutigen Schwierigkeiten lächerlich! – sagte Dasha ruhig. – Arbeit, Haushalt, Tochter – selbst die Vorwürfe deiner Mutter sind für mich Kleinigkeiten! – ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. – Sogar deine Entführung hier ist eher eine Komödie! – Ich könnte dich hier lassen, – entgegnete Grisha. – Wirklich? – Dasha grinste. – Na los, versuch’s! Sie warf die Seile ab, stand auf und hielt ein Stück verrostetes Eisen in der Hand. – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können – wenn du es versuchst, vergrabe ich dich hier! – Warum hast du dich dann fesseln lassen? – fuhr er auf. – Ich wollte wissen, woher dieser Zirkus kommt. – Dasha ließ das Eisen fallen. – In den Situationen, in denen ich überleben musste, würdest du im Eck kauern und nach Mama schreien! Und die Probleme, die für dich so schlimm scheinen, sind für mich ein Witz! Ich liebe deinen Bruder. Ich liebe meine Familie! Und stehst du unserem Glück im Weg, dann bist du einfach weg – auch ohne diesen ganzen Entführungszirkus und ohne Spuren! Ihre Stimme klang kalt und hart. Grisha glaubte ihr. Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken. – Bring mich nach Hause, Entführer! – forderte Dasha lächelnd. Als Grisha sie vor dem Haus absetzte, fragte er: – Muss ich jetzt die Stadt verlassen? Willst du mich anzeigen? – Mach einfach weniger Dummheiten, – grinste Dasha. – Und beurteile nie andere nach dir selbst! Grisha verließ die Stadt trotzdem. Dasha erzählte ihrem Mann kein Wort. Sie meldete sich nur für eine Maniküre an – beim Kampf mit den Seilen hatte sie drei Nägel gebrochen. Das war ein echtes Problem! Die furchtlose Schwiegertochter – Vom Linienbus ins Leben: Wie Dasha jede Herausforderung meistert, Schwiegermütter bezwingt und Kontrahenten das Fürchten lehrt
Furchtlose Schwiegertochter Ach, Gregor, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können, sagte
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07
Der Schwiegervater akzeptiert die Schwiegertochter nicht – Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Reizen dich normale Frauen etwa nicht mehr? Was kann sie überhaupt? Was weiß sie? – Mit Verachtung sah Herr Vasilius auf seine Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt fähig? „Dabei wird gerade sie sich um ihn kümmern müssen“, dachte Andreas und sagte deshalb: – Papa, sie wird niemals Mama ersetzen können, aber sie ist meine Frau! Ich bitte dich daher um einen Funken Respekt! – Und, wie schmeckt der Eintopf? – fragte Veronika. – Galina kocht besser! – erwiderte Herr Vasilius. – Deftiger! Aber wir werden den hier auch essen, wegwerfen tun wir nichts! – Meinen Sie das ernst? – empörte sich Veronika. – Es fehlt einfach etwas, – verzog Andreas das Gesicht. – Nichts Weltbewegendes, aber irgendwas fehlt, und ohne das ist es nicht ganz das Gleiche! – Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich das nicht erwartet! – Veronika riss sich das Kopftuch vom Haar. – Wenn euch Galinas Essen so gut schmeckt, dann lasst sie doch für euch kochen! Ich setze keinen Fuß mehr in diese Küche! – Und was soll man dann essen? – lachte der Schwiegervater. – Zum Essen, Herr Vasilius, gehen ich eben in die Kantine! Da deckt mir dann eure Galina auf! Wofür bezahle ich sie denn? – ärgerte sich Veronika. – So! – Herr Vasilius schlug mit der Faust auf den Tisch. – Junge Dame! Du bist hier genauso ein Fremdkörper wie sie! Und denke daran: Ich schmeiße nicht sie raus, sondern dich! – Papa! – rief Andreas entsetzt. – Geht es nicht etwas kultivierter? Das ist immerhin meine Frau! – Und warum benimmt sie sich dann wie …? – schnaubte Herr Vasilius. – Sie soll sich ihre Allüren dahin stecken, wo sie sie hergeholt hat! Sonst schicke ich sie ganz schnell zurück zu ihren Eltern in die Plattenbau-Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Siemens-Werk! – Jetzt reden Sie aber ganz anders! – schüttelte Veronika den Kopf. – Als ich Ihnen hinterhergerannt bin wie einer kleinen Kindernanny, waren Sie freundlicher! – Damals hattest du auch keine Starallüren! – grinste Herr Vasilius. – Papa, so redet man nicht über Vika, – mischte sich Nikolaus, der jüngere Sohn, ein. – Sie gibt sich wirklich Mühe! Galina ist doch zehn Jahre älter! Sie hat mehr Erfahrung! Und schon drei Scheidungen hinter sich! Klar weiß Galina, wie man mit einer Suppe die Männerwelt betört! Aber Vika ist anders! – Erzähle mir keinen Unsinn! – wieder ein Faustschlag des Familienoberhaupts auf den Tisch. – In null Komma nichts fliegst du aus dem Haus! Die Einzimmerwohnung, die Mama dir am Stadtrand gelassen hat? Genau dorthin kannst du dann ziehen! Verstanden? – Andreas, warum sagst du nichts? – Nikolaus schob dem Bruder den Ellbogen in die Seite. – Was denn? – meinte Andreas schulterzuckend. – Galinas Suppe schmeckt wirklich besser! – Du denkst nur ans Essen! – wandte sich Nikolaus ab. – Und deine Frau? – Sie soll sich raushalten! – und Andreas griff wieder zur Löffel, um schneller mit der Suppe fertigzuwerden. Zum Hauptgang gab es Braten und den machte Galina. – Danke, Nikolaus! – sagte Veronika. – Wenigstens ein Mann im Haus! Immerhin! Nikolaus errötete bis zur Farbe der Suppe und schaufelte, dem Bruder folgend, los. – Ja, wir sollten aufessen, – nickte Herr Vasilius. – Kalt schmeckt das bestimmt wirklich grauenhaft! Veronika wollte schon sagen: „Ja, erstickt doch daran!“, unterdrückte es aber. Mit Würde stand sie auf und verließ das Esszimmer. – Sie wird immer frecher! – zeigte Herr Vasilius in Richtung Schwiegertochter. – War mal ein anständiges Mädchen! Was Geld nicht alles mit Menschen anstellt! Pass auf, Andreas, am Ende macht sie noch einen richtigen Mann aus dir – Portemonnaie mit zwei Ohren und du tanzt nach ihrer Pfeife! – So weit kommt’s nicht! – Andreas ballte die Faust. – Ich krieg sie schon gebändigt! – Mach dich nicht lächerlich, – winkte Herr Vasilius ab. – So behandelt man keine Frau, – brummelte Nikolaus. – Dich hat keiner gefragt! – warf Andreas seinem Bruder böse hin. – Sieh lieber zu, dass du was erreichst! Mit 25 hast du noch nichts auf die Beine gestellt! Guckst immer nur, wo’s Geld gibt, mal bei mir, mal beim Vater! – Ich hab ein Start-up, – murmelte Nikolaus mit gesenktem Blick. – Demnächst machen wir Gewinn! – In diesem Jahrtausend oder soll ich bis zum nächsten warten? – lachte Herr Vasilius. – Na, nimm’s nicht übel! Solche Gespräche zogen sich stundenlang hin. Seit drei Jahren, nach dem Tod der Hausherrin, hatte sich der Charakter des Familienchefs endgültig verdüstert. Seine größte Freude war es nun, anderen das Leben schwerzumachen. Doch da trat Galina ins Esszimmer, über die man an diesem Tag schon oft gesprochen hatte: – Herr Vasilius, es wird Zeit für die Behandlung! Sie wissen doch: Disziplin! – Ich weiß, Galinchen, – stand Herr Vasilius vom Tisch auf. – Bring mich, mein Schatz, zu einem gesunden und glücklichen Leben! Andreas wurde rot und steif. – Andreas Vasilius, – Galina wandte ihren Blick dem ältesten Sohn zu, – später komme ich zu Ihnen! Wir müssen wegen Ihres eingewachsenen Zehs schauen! Sonst müssen Sie ins Krankenhaus! Andreas’ Gesicht entspannte sich, ein glückseliges Lächeln schlich sich ein. – Natürlich, Galinchen! Nur Nikolaus betrachtete die Szene mit kaum verhohlener Verachtung. – Du bist zu hart zu ihr, – meinte Nikolaus, nachdem der Vater mit Galina gegangen war, – sie ist wirklich nett. Und der Vater erholt sich endlich etwas. – Pass du mal lieber auf dich auf, Moralapostel! – schnaufte Andreas. – Du hast nichts, aber willst anderen den Kopf waschen! Bring du erst mal was auf die Reihe, dann kannst du den Mund aufmachen! Mehr brauchte Nikolaus nicht, um mit einer Ausrede aus dem Esszimmer zu fliehen. Und zehn Minuten später, im hintersten Gästezimmer: – Vika, Liebling! Lass uns abhauen, weg von diesen Leuten! – Wohin sollten wir denn gehen? Wovon sollen wir leben? – Ich sorge schon für uns! – Bring erst mal Geld nach Hause… – Und du bist bereit, das alles zu ertragen? – Habe ich eine Wahl? *** Jede Familie hat eine Kraft, die sie zusammenhält. Wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie zu bröckeln. Sie zerfällt Schritt für Schritt, bis nichts mehr übrig ist. Bei uns war das lange Zeit Anna-Maria. Sie war eine tolle Ehefrau, liebevolle Mutter und fantastische Hausherrin. Aber mit 52 war sie völlig ausgelaugt. Wahrscheinlich, weil sie immer die Beste war und sich selbst aufbrauchte. Abends schlief sie ein und wachte morgens nicht mehr auf. Erst ihr Tod zeigte, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne, noch der Ehemann konnten wirklich etwas leisten. Gleich nach der Trauerfeier fielen alle in eine Schockstarre. Jeder hatte zwar seinen Alltag zu bewältigen und schaffte das irgendwie. Aber das beklemmende Gefühl von Leere nagte an ihnen. – Ich habe die Firma verkauft, das Geld ist auf dem Konto, mehr will ich nicht, – sagte Herr Vasilius. – Papa, warum? – fragte Andreas verblüfft. – Du hast doch alles in diese Firma gesteckt! – Ich habe keine Seele mehr! – antwortete der Vater. – Ich wollte sie euch Söhnen übergeben, aber du hast dein eigenes Geschäft aufgebaut, und dein Bruder… treibt auch sein eigenes Ding! Am Ende braucht keiner meine Firma! – Und was willst du jetzt machen? – hakte Andreas nach. – Nichts mehr! Ich lege mich hin und bleibe liegen! – sagte Herr Vasilius. – Das Geld reicht mir bis ans Lebensende. Was übrig bleibt, teilst du mit Nikolaus! Übrigens, wo steckt dein Bruder wieder? – Woher soll ich das wissen, – zuckte Andreas mit den Schultern. – Der hat doch dieses Start-up! – Ist mir inzwischen egal, – seufzte Herr Vasilius. – Mir ist echt alles egal… Andreas und Nikolaus beobachteten mit Bitterkeit, wie ihr Vater langsam verblasste. – Wir sollten ihm eine Pflegekraft holen, – schlug Nikolaus vor. – Nicht, dass er sich noch was antut! – Und wer bezahlt das? – grinste Andreas. – Er hat doch… – begann Nikolaus verlegen. – Versuch du erstmal, ihn zu überreden! – nickte Andreas. – Er schickt dich und die Pflegekraft zum Teufel! – Ich kann nicht bei ihm bleiben, ich habe mein Start-up! – meinte Nikolaus. – Vielleicht ziehst du zu uns? – Ich überleg’s schon, – antwortete Andreas. – Aber ich wollte heiraten, und dann starb Mama. Vielleicht war’s ein Zeichen, es nicht zu tun… – Was meinst du damit? – verstand Nikolaus nicht. – Naja, Veronika, die mit der ich zusammen bin, sie ist Krankenschwester und eine Haushaltstüchtige. Aber mit ihr ist’s langweilig. Na ja… – Du denkst, sie könnte werden wie Mama? – fragte Nikolaus. – Uns würde erstmal schon irgendjemand reichen, der nach außen ein bisschen Normalität schafft, – sagte Andreas. – Niemand wird Mama ersetzen! Das Gespräch führte zu nichts – aber danach geschah vieles. Andreas zog zurück ins Elternhaus zu Vater und Bruder und brachte seine junge Frau Veronika mit: – Jetzt ist das unser Zuhause, – sagte er zu Veronika. – Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mit dem Heiratsantrag gezögert habe und es keine richtige Hochzeit gab? – Ja, ich verstehe es, – antwortete Veronika leise. – Ich bitte dich, uns zu helfen; hier gab’s nie Personal, nur meine Mutter… – sagte Andreas, und am Ende versagte ihm die Stimme. – Es ist schon gut, – lächelte Veronika. – Ab jetzt muss ich nicht mehr zur Arbeit fahren… – Natürlich! – Andreas nickte heftig. – Du bekommst Zugang zum Konto! Für alles Notwendige! Ihr Einzug wurde unterschiedlich aufgenommen. Nikolaus reagierte freundlich und bot Hilfe an, sobald er zuhause sei. Aber der Schwiegervater: – Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Sind normale Frauen für dich nichts mehr? Was kann sie? Was weiß sie? – Mit Verachtung musterte Herr Vasilius die Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt im Stande? „Sie wird sich doch um ihn kümmern müssen,“ dachte Andreas, sagte aber: – Sie wird Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau. Also bitte um etwas Respekt! – Ich verspreche gar nichts, – brummelte Herr Vasilius. – Schauen wir mal, was sie taugt! Hätte Veronika geahnt, was sie in den kommenden zwei Jahren alles ertragen würde, hätte sie den Fuß nie über diese Türschwelle gesetzt. Mit Haushaltsdingen kam sie klar, denn das Haus war technisch modern ausgestattet. Man musste nur Knöpfe drücken. Die größten Schwierigkeiten kamen aber vom Schwiegervater. Absichtlich oder nicht – das war nicht immer klar – doch ständig gab es Beschwerden, sie müsse endlich mal etwas Richtiges lernen! Wie gesagt, sie hielt zwei Jahre durch. Dann konnten auch Andreas’ Bitten sie nicht mehr beruhigen. Sie versammelte die Männer des Hauses und sagte: – Es reicht! Ich hole mir jetzt eine Haushaltshilfe! Und ich habe schon eine gefunden! Sie ist stur und lässt sich von euch nichts sagen – sie ist für mich da! Was sie sagt, gilt dann für uns alle! – Wenn das so eine Niete ist wie du, können wir euch beide gleich rausschmeißen! – meinte Herr Vasilius unzufrieden. Doch Andreas und Nikolaus unterstützten Veronikas Vorhaben. Ihnen war klar, wie schwer Veronika es mit dem Vater hatte. Der Einzug von Galina war kein Feiertag. Mit kühlem Blick musterte sie Haus und Bewohner, murmelte etwas Unverständliches und machte sich an die Arbeit. Doch verborgen blieb den Männern eine zusätzliche Abmachung zwischen Veronika und Galina. Galina sollte mit ihrem Charme Herrn Vasilius bezirzen. Mit 57 war Herr Vasilius noch längst kein alter Greis. Galina war 37 – also wenn Prinzipien mal außen vor blieben, wäre das ein Erfolgsrezept. – Der alte Grantler muss weich werden! Sonst bekommt Galina ihr gutes Gehalt umsonst! Und der Plan ging auf – fast zu gut. Galina kümmerte sich nicht nur um Herrn Vasilius, sondern auch um Andreas, der ihr Altersgenosse war. Bemerkt Veronika das? Natürlich! Wehren konnte sie sich aber nicht. Andreas schränkte ihren Zugang zum Familienkonto ein. Und das Geld wanderte fast komplett in Galinas Tasche. Veronika suchte Trost bei Nikolaus, der schon immer heimlich in sie verliebt war. Sie wären längst gemeinsam abgehauen – nur wovon hätten sie leben sollen? Einfach ins Ungewisse flüchten, ohne Sicherheit, war zu riskant. So fanden sie wenigstens Trost beieinander – im abgelegenen Gästezimmer. *** – Wenn du wüsstest, wie ich sie alle hasse! – sagte Veronika, an Nikolaus’ Brust geklammert. – Es ist schrecklich, aber ich stimme dir vollkommen zu, – antwortete Nikolaus. – Furchtbare Menschen! Ich schäme mich, dass sie meine Familie sind! – Lass uns alles auf den Tisch bringen und gehen! Sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen! – schlug Veronika vor. – Ja, warum nicht! – stimmte Nikolaus zu. – Außerdem, ich hab heute einen großen Auftrag bekommen! Mein Start-up läuft! Wir werden nicht ohne Geld dastehen! Veronika und Nikolaus flohen heimlich wie auf der Flucht. Der eigentliche Sturm tobte im Haus. Als Herr Vasilius – das Herz in der Hand – alles begriff: – Der ältere Sohn schnappt mir die Frau, der jüngere nimmt die Frau vom älteren! Tolle Familie, die wir sind! Und Galina auch noch – wie sie an Nikolaus vorbeigegangen ist, versteh ich auch nicht! Es wurde laut gestritten, Geschirr flog, Möbel krachten, gegenseitige Schuldzuweisungen prasselten auf alle Seiten ein. Es gab keinen, der nicht getroffen wurde. Die Familie, die Anna-Maria einst mit so viel Liebe zusammengehalten hatte, war zerfallen. Denn sie war die Seele – und nur sie wusste, wie man die Männer bändigt. Ohne sie rutschten sie allesamt ans unterste Ende ihrer Bedürfnisse. Hauptsache einfach, Hauptsache bequem. Denken – Fehlanzeige.
Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Finden dich erwachsene Frauen nicht mehr anziehend?
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010
Die Wohnung der Schwester schenken? – Von wegen! „Du bist wirklich…“, sagte Frau Petermann streng. „Ich hab dich auch lieb, Mama“, antwortete Julia leise. Was muss eine Tochter tun, um für die Mutter… „die Richtige“ zu sein? Manchmal nichts – sondern einfach aufhören, der anderen, immer bevorzugten Tochter zu helfen. Schließlich gibt es in jeder Familie jemanden, der geliebter ist als die anderen… Und das war natürlich nie Julia. Schon seit der Geburt von Alina war klar: „Gib nach – du bist doch die Ältere! Das Kleine braucht’s mehr, für sie ist’s wichtiger, bequemer, besser – such’s dir aus.“ Und Julia gab immer nach. Sie liebte ja ihre kleine, etwas hilflose Schwester! Hilflos? Na ja, weil Alina nie etwas alleine geschafft hat – immer musste ihr jemand helfen: die Eltern, oder eben Julia. Alle sprangen sofort für sie. Oder wie Oma Olga sagte „kIedelten gleich los“. Im Gegensatz zu anderen liebte die alte Dame ihre ältere Enkelin mehr. Sie meinte, die Eltern würden Julia nicht fair behandeln. Und außerdem waren sie überzeugt: Die Jüngere ist viel hübscher als ihre Schwester, „so eine hübsche Puppe, ganz anders als du!“ Ja, das hat ihre Mutter Julia eines Tages wirklich so direkt ins Gesicht gesagt: „Und dich kann man halt einfach nicht lieben, Punkt!“ Und das, obwohl Julia hervorragend in der Schule war und keinen Ärger machte. Während der Kleinen bis fünfzehn der Zucker in den Tee gerührt wurde… Julia fuhr am liebsten zu Oma: Dort war alles gut und geborgen. Das hat man eben an Orten, wo man einen wirklich mag. Oma Olga wohnte in einer großen 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Die hatte noch ihr Mann, Opa Peter, bekommen, als er damals im Siemens-Werk arbeitete. Da wurde Julias Vater Arne geboren und groß – und dahin brachte er später auch seine Frau Alla. Irgendwann nahmen Arne und Alla einen Kredit auf und zogen endlich in die eigene Wohnung. Omas Wohnung war voll mit „ihrem guten Zeug“, wie sie ihre Schätze nannte. Die Mutter schimpfte nur: „Alles Gerümpel!“ Es roch nach Büchern und Gewürzen. Überall lagen gehäkelte Deckchen, von Oma handgemacht. Alle Geräte alt, aber noch funktionstüchtig: „Früher war Qualität eben selbstverständlich!“ „Schmeiß doch das alles raus, dann hast du’s leichter mit dem Putzen!“, meckerte Alla jedes Mal. „Mir fällt das Putzen auch so nicht schwer. Das ist mein Leben! Ich misch mich doch auch nicht in euer Leben ein! Dann lasst mich einfach machen!“ Die Mutter schwieg, gegen Oma hatte sie nie eine Chance. Julia merkte jedes Mal, wie gut das Gefühl war, wenn Oma ihre Mama „besiegte“. Für Mama war das… weniger schön. Oma mischte sich nie in irgendwelche Angelegenheiten ein. Sie kritisierte ihre Schwiegertochter nicht – dabei wusste sie natürlich genau, wie unfair vieles in dieser Familie lief. Oma Olga versuchte mit Arne zu reden: „Was habt ihr eigentlich mit dem Mädchen vor? Ihr hängt alles auf Julia ab!“ Doch sein einziges Kommentar: „Wir regeln das schon!“ Damit war das Gespräch beendet. Die Zeit verging. Zwischen den beiden Schwestern lagen fünf Jahre. Mit 22 heiratete die hübsche Alina. Julia war 27, klug, sympathisch, kein Kind von Traurigkeit – aber an Männern ging trotzdem immer irgendwas schief. Dann starb Oma Olga. Ganz sanft, im Schlaf. Wie sie es sich gewünscht hatte. Was jedoch niemand erwartet hatte: Oma hatte ein Testament gemacht. Alles ging an Julia. Nur an Julia! Die Eltern waren fassungslos – wie bitte? Die geliebte Alina geht leer aus? Unfassbar! Alina hatte inzwischen Mann, Zwillinge und wohnte mit der Familie zur Miete. Julia hatte niemanden, kein Haustier, kein Kind – wozu also ihr eine Wohnung?! Die sollte sie doch gleich der Schwester schenken! Am besten, sie überreicht Alina die Wohnung direkt als Neujahrsgeschenk – wie großherzig. Der Plan: Die ganze Familie feiert Silvester in Omas alter Wohnung. Julia richtet das Essen, macht alles schön, dann steht sie auf und sagt: „Ich schenke die Wohnung Alina, das ist am fairsten!“ Großartige (eigentlich königliche) Idee, fanden die Eltern. Julia sollte die Wohnung bis dahin entrümpeln – alles raus, als Erstes natürlich die verhassten Häkeldeckchen! Selbstverständlich organisiert Julia auch Essen, Geschenke, Schlafplätze für alle – so wie sie es jedes Jahr gemacht hat. Doch diesmal beschließt Julia: Das war’s! Keine Wohnung für die Schwester, kein Familienfest auf ihre Kosten. Sie hat jemanden kennengelernt – Oleg, ein netter Kollege. Er möchte Silvester nur mit ihr feiern! Zum ersten Mal wird Julia an sich selbst denken. Mit einer Freundin und deren Bekannten, einem Makler, verkauft Julia die 2-Zimmer-Wohnung. Sie kauft sich von dem Geld eine Einzimmerwohnung mit großer Küche in Berlin – renoviert, möbliert und direkt an der U-Bahn! Kurz vor Silvester zieht Julia aus. Die Familie glaubt noch, Julia sei in der alten Omi-Wohnung und macht alles für sie bereit. „Hast du den Baum schon geschmückt?“, fragt Mama. „Hab ich“, lügt Julia – tatsächlich hat sie gemeinsam mit Oleg geschmückt. „Hast du guten Sekt?“ „Klar!“ (Den bringt Oleg mit.) „Sind genügend Betten für alle gerichtet?“ „Natürlich, Mama.“ Am Silvesterabend fährt die Familie zu Omas alter Wohnung und wähnt sich im Glück. Doch der Schlüssel passt nicht. Und statt Julia öffnet ein bärtiger, schlecht gelaunter Typ, der in Unterhemd und langen schwarzen Uroma-Schlafhosen mit einem riesigen Hund dasteht. „Was wollt ihr hier?“, knurrt er. „Gleich haut’s was!“ „Wer sind Sie überhaupt?“, fragt Alinas Mann leise. „Ich? Ich bin der neue Bewohner! Sorry, hab’s Smoking nicht mehr aus der Reinigung bekommen, Silvester und so…“ „Und Julia?“ fragt Mama ängstlich. „Ach, die! Die ist weg. Hat gesagt, sie zieht in ein neues Leben!“ Die Familie steht ratlos da. „Und was heißt das?“ „Heißt: Sie hat aus- und ich bin eingezogen! – Ach ja, sie schickt Grüße. Hat gesagt: Wenn die Bagage kommt, schöne Grüße ausrichten und dann ab nach Hause!“ Der neue Besitzer klappt die Tür zu. Die Familie bleibt draußen – und merkt, dass Julia es diesmal wirklich ernst meint. „Du bist wirklich …“, sagt Alla zu ihrer Tochter am Telefon. „Ich hab dich auch lieb, Mama. Frohes Neues Jahr!“ Und Julia ging – diesmal wirklich – in ein neues Leben. Eines, auf das sie sich endlich freuen konnte.
Die Wohnung gibst du deiner Schwester? Träum weiter! Du bist wirklich unglaublich, sagte Frau Petra Wagner.
Homy
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09
Endlich den richtigen Anlass gefunden, um einen Heiratsantrag zu machen – eine herzerwärmende Geschichte aus einem ganz normalen deutschen Mietshaus, über Nachbarschaftshilfe, tierische Notfälle, eine quirlige Tochter, einen geschenkten Hündchen-Traum und wie daraus Liebe, eine große neue Familie mit Hund und Katze und ein glückliches Zusammenleben wurden
Weißt du was, ich musste dir unbedingt diese Geschichte erzählen, die neulich bei uns passiert ist.
Homy
Erster Eindruck – Wenn Clément spät in der Nacht seine neue Freundin Elodie seiner Mutter Simone vorstellt, prallen Welten aufeinander: Mutterliebe, Eifersucht und Vorurteile im deutschen Familienalltag
Mama, darf ich dir Annika vorstellen, sagte Johannes etwas verlegen und zeigte auf die junge Frau, die
Homy
Educational
012
Auch ich will endlich glücklich sein Ein großes Dankeschön für eure Unterstützung, für Likes, Anteilnahme und eure Rückmeldungen zu meinen Geschichten, für die Abos und natürlich ein RIESIGES Danke im Namen von mir und meinen fünf Samtpfoten für eure großzügigen Spenden. Teilt bitte die Geschichten, die euch gefallen haben, in den sozialen Netzwerken – das freut jede Autorin! Eine junge Frau, Anfang vierzig, verliert jeglichen Lebensmut. Sie arbeitet als Hebamme in einer Geburtsklinik – ihr einziger Lichtblick – und lebt allein. Ihr Mann, einst Kommissar bei der Polizei, verstarb im Dienst. Sie waren nur zwei Jahre verheiratet, als er starb; ihr Sohn kam drei Monate danach zur Welt. Sie zog ihn allein groß. Heute ist er erwachsen, verheiratet, lebt und arbeitet in einer anderen Stadt – sein Leben läuft gut. Gleb besucht seine Mutter nur selten, ruft allerdings oft an – aber sie bleibt doch allein zurück … Ihre Kolleginnen beneiden sie dafür, dass sie nur für sich lebt – doch Liuba leidet unter der Einsamkeit. Die anderen erzählen in der Mittagspause von ihren Familien, ihren Sorgen und Freuden. Sie selbst hat nichts beizutragen – sie empfindet nur Leere, möchte gar nicht erst nach Hause … Liuba hört den anderen zu, nickt, ist manchmal erschrocken von deren Berichten – und gesteht sich doch insgeheim ihre eigene Sehnsucht nach deren Leben ein. Ihr so genanntes freies Leben freut sie überhaupt nicht. Sie erinnert sich immer noch an ihren verstorbenen Mann: seine verliebten Blicke, seine Hände. Diese kurze, junge, abrupt beendete Liebe hat eine tiefe Wunde in ihrer Seele hinterlassen, die nie heilen wollte. Lebensfreude verspürt sie nur bei der Arbeit. Neulich half sie einer sehr jungen Frau, das Kind auf die Welt zu bringen. Ein süßes Mädchen wurde geboren, aber die jugendliche Mutter war darüber alles andere als glücklich. Sie lag abgewandt an der Wand und schwieg. “Guten Morgen, Mami,” begrüßte Liuba sie, so wie sie es sonst bei glücklichen Müttern tat. Doch diese Worte ließen die Mutter nur noch ablehnender werden; ohne die Augen zu öffnen, erwiderte sie schroff: “Gehen Sie bitte. Wir haben uns nichts zu sagen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Ich habe gleich gesagt, dass ich das Kind nicht will. Ich werde es nicht abholen und habe andere Pläne …” Liuba versuchte noch, etwas zu sagen, aber die junge Mutter schwieg beharrlich. Als die enttäuschte Liuba das Zimmer verließ, zuckte die diensthabende Schwester mit den Schultern und vollführte mit einem Kopfnicken in Richtung der Mutter eine verständnislose Geste: “So eine hatten wir schon mal hier – wollte einem Mann die Familie ausspannen, dachte er hätte Geld, aber er war arm. Nun braucht sie das Kind nicht mehr – so etwas gibt’s leider auch …” Natürlich hatte auch Liuba in zwanzig Jahren als Hebamme ähnliche Fälle erlebt. Aber die meisten jungen Frauen holten ihre Kinder am Ende doch. Doch dieses Mal erschien ihr die Mutter endgültig entschlossen. Ohne es wirklich zu wissen, warum, beschloss Liuba, das kleine “Weggegebenenkind” zu besuchen. Beinahe hätte sie den Kinderarzt Dr. Konstantin Lewe, der gerade aus dem Zimmer kam, angerempelt. Es war ruhig auf der Station; die Kleinen hatten gegessen und schliefen. Sie ging vorsichtig zu dem kleinen Mädchen, das von der Mutter verlassen wurde, und plötzlich zuckten deren Wimpern – sie öffnete die Augen. Liuba blieb regungslos stehen – sie wollte das Kind nicht mit ihren Tränen aufwecken. Doch das Mädchen blickte sie ruhig, mit tiefen, ernsten und erstaunlich weisen Augen an – als wüsste sie schon alles. “Ein tolles Mädchen …” Liuba erschrak, als Konstantin Lewe plötzlich hinter ihr stand … Die Kolleginnen frotzeln manchmal, dass der Kinderarzt ein Auge auf Liuba habe – sie lächelt darüber hinweg. Ein netter Mann, aber sie verspürt nicht mehr für ihn. “Sie ist wirklich toll, keine Sorge,” streichelte der Arzt sanft das Baby und ließ seinen Blick überraschend fragend auf Liuba ruhen … Von da an besuchte Liuba das Kinderzimmer fast täglich. Sie glaubte, das kleine Mädchen würde sie bereits erkennen; die Art, wie die Kleine sie ansah, weckte zum ersten Mal seit Langem wieder warme Gefühle in ihr. “Du verbringst wohl viel Zeit auf der Kinderstation?”, bemerkten die Kolleginnen, “wegen dem Doktor, oder?” “Nein, sie geht zu dem Abgabe-Kind – immer wieder zu dem kleinen Mädchen.” “Willst du sie etwa zu dir nehmen? Die Mutter hat gestern endgültig unterschrieben und ist schon weg …” “Damit solltest du vorsichtig sein! Du gewöhnst dich an sie, aber bald wird sie fortgegeben …” Zu sich nehmen! Genau das bewegte sich unbewusst schon in ihrem Herzen. Dieser Gedanke wuchs, nachdem ihn eine Kollegin ausgesprochen hatte, sogleich in ihrer Seele. Viel Zeit blieb nicht – Weggabekinder bleiben maximal einen Monat in der Klinik, dann kommen sie ins Kinderheim. Vielleicht wird das Kind auch ganz in eine andere Stadt gebracht, von neuen Eltern adoptiert … Liuba bekam Angst und stellte die Unterlagen für eine Adoption zusammen. Die Voraussetzungen passten, doch als Alleinstehende hatte sie gegen verheiratete Paare das Nachsehen. Und dann kam Liuba eine kühne Idee. Sie wusste, dass Konstantin Lewe sie mochte, und dass er außerhalb der Stadt eine Wohnung gemietet hatte, jeden Tag über zwei Stunden zur Arbeit pendelte. Ein Mann wurde dringend gebraucht – später konnte man sich ja wieder scheiden lassen … “Herr Dr. Lewe, ich hätte da ein Angebot: Möchten Sie ein Zimmer bei mir in Kliniknähe mieten?”, schlug Liuba dem Kinderarzt noch am selben Tag vor. “Und noch eine Bitte: Können Sie mich auf Zeit heiraten? Ich möchte das kleine Mädchen adoptieren, aber fürchte, dass ich allein keine Chance habe.” “Das kommt überraschend. Aber … ich bin einverstanden,” lächelte Dr. Lewe, sein Blick jedoch rätselhaft. Plötzlich trat er näher – und küsste Liuba sanft. Sie war völlig überrumpelt, noch dazu lief jemand am Flur vorbei – das gibt bestimmt Gerede! “Das war nur für den Schein, damit keiner Verdacht schöpft,” erklärte Dr. Lewe sofort, aber Liuba war sprachlos … Abends, als sie einschlief, dachte Liuba sanft an ihr kleines Mädchen, das sie schon als ihr eigenes empfand. Und an diesen unerwartet zärtlichen Kuss von Kosta – und wollte sich fast nicht eingestehen, wie sehr ihr das gefallen hatte. Die Eheschließung ging schnell; gefeiert wurde auf der Geburtsstation mit den Kollegen. Alle freuten sich – sie wussten längst, dass Liuba und Kosta die Adoptionsunterlagen eingereicht hatten … Nun ist Liuba eine verheiratete Frau, hat eine kleine Tochter, keine Zeit zum Grübeln. Ihr Kosta – zuverlässig, herzlich, das wusste sie immer. Aber nun spürt sie endlich wieder Liebe in ihrer Seele. Sie will leben, ihre Tochter großziehen, das Leben genießen – und lieben … diesen Mann, dem sie selbst … einen Antrag gemacht hat. Kosta, Marina und Liuba – eine Familie. Liuba wünschte sich so sehr, endlich glücklich zu werden, dass ihr dieser Wunsch … wirklich erfüllt wurde!
Auch ich möchte einmal glücklich sein Ich danke euch allen von Herzen für eure Unterstützung, für die
Homy
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05
Der Schlüssel in der Hand Der Regen trommelte monoton gegen das Fenster der kleinen Mietwohnung, als würde er mit dem Takt eines Metronoms die Sekunden bis zum Ende zählen. Michael saß am Rand seines durchgelegenen Schaumstoffbetts, zusammengekauert, als wollte er sich unsichtbar machen für sein eigenes Schicksal. Seine großen, einst kräftigen Hände, die jahrelang an deutschen Maschinen in der Werkzeugfabrik gearbeitet hatten, lagen jetzt nutzlos auf den Knien. Die Finger krampften manchmal in hilflosen Versuchen, etwas Unsichtbares festzuhalten. Er blickte nicht einfach auf die Wand gegenüber – er sah auf den fleckigen Tapeten eine Karte seiner hoffnungslosen Wege: von der städtischen Allgemeinpraxis zur teuren radiologischen Spezialklinik. Sein Blick war ausgeblichen, wie ein alter Schwarz-Weiß-Film, in dem das Bild schon lange eingefroren ist. Wieder ein neuer Arzt, wieder dieses herablassende „Was wollen Sie denn, Herr Berger, in Ihrem Alter?“ Wut hatte er schon lange nicht mehr, dafür fehlte ihm die Kraft. Geblieben war nur die Müdigkeit. Der Schmerz im Rücken war längst mehr als ein Symptom – er war zum ständigen Hintergrund geworden, ein weißes Rauschen der Hilflosigkeit, das alles andere übertönte. Pflichtbewusst nahm Michael alle Medikamente, rieb sich mit Salben ein, lag auf der kalten Pritsche im Physio-Raum der Kassenarztpraxis, fühlte sich wie ein altes Ersatzteillagerteil auf Halde. Und all die Zeit wartete er. Passiv, fast religiös wartete er auf einen rettenden Ring – den jemand werfen musste: der Staat, ein begabter Chefarzt in der Uniklinik, ein Professor mit Geheimrezept. Irgendjemand. Er starrte in den Horizont seines Lebens und sah nur den grauen Regenschleier am Fenster. Wo früher Michael Wille und Tatendrang hatte – als Vorarbeiter und Familienvater – blieb ihm jetzt nur noch eine Funktion: zu ertragen und auf ein Wunder von außen zu hoffen. Seine Familie? War einmal, zerronnen wie Rheinwasser im Frühjahr. Die Zeit verging unbemerkt. Erst zog Tochter Katja, sein ganzer Stolz, nach München für das Studium und ein besseres Leben. „Papa, ich unterstütze Euch, sobald ich auf eigenen Beinen stehe“, hörte er sie verkünden. Wirklich bedeutsam war es ihm gar nicht mehr. Dann ging auch seine Frau. Nicht zum Einkaufen um die Ecke, sondern für immer. Rita erlag viel zu rasch einem bösartigen Tumor, viel zu spät entdeckt. Michael blieb zurück, mit schmerzendem Rücken und dem stummen Vorwurf, noch am Leben zu sein. Sie – seine Kraft, seine Lebensfreude, seine Rita – verlosch in drei Monaten. Bis zuletzt hatte er sich um sie gekümmert. Ihre letzten Worte im Krankenhaus, fest seine Hand drückend: „Halte durch, Michl…“ Er zerbrach daran. Katja rief an, bot ihm an, zu ihr nach München in ihre kleine Wohnung zu ziehen. Aber was würde er dort? In fremder Umgebung nur zur Last fallen – nein. Und sie plante keine Rückkehr nach Aachen. Jetzt kam nur noch Rita’s jüngere Schwester, Veronika, wöchentlich – pünktlich wie ein Uhrwerk. Sie brachte Suppe im Tupper, Grießklößchen, eine neue Packung Ibuprofen. „Und, Michl, wie geht’s?“ – „Ach, geht schon“, antwortete er immer und schaute zu, wie sie Ordnung in seine kleine Höhle brachte. Als könnte sie damit auch Ordnung in seinem Leben machen. Dann verschwand sie, hinterließ den Duft fremden Parfums – und das dumpfe Pflichtgefühl, das ihn länger beschäftigte. Er war dankbar. Aber einsam. Nicht nur körperlich – es war, als ob Wände aus Hilflosigkeit, Trauer und stiller Wut ihn einschlossen. Eines besonders grauen Abends fiel sein Blick auf einen Schlüssel am Boden, wahrscheinlich verloren, als er sich zuletzt mühsam von der Arztpraxis zurückgeschleppt hatte. Einfach ein Schlüssel. Ein Stück Metall. Er blickte ihn an, wie etwas völlig Neues. Da lag er, wartete. Da fiel ihm sein Großvater ein, glasklar, als schaltete in seinem Erinnerungsgewölbe jemand das Licht an. Großvater Peter Berger, einarmig aus dem Krieg zurück, band sich als Kinderschreck mit einer Hand und einer verbogenen Gabel die Schuhe zu. Langsam, konzentriert, mit diesem leisen, siegesgewissen Schnauben hinterher. „Siehst du, Michl,“ sagte er oft, in seinen Augen ein triumphierendes Feuer, „das Werkzeug liegt meistens direkt vor deiner Nase. Manchmal erkennst du’s nur nicht, weil es aussieht wie Schrott. Aber Schrott kann dein Freund werden.“ Als Junge glaubte Michael, das wäre Opas Lustigmacherei. Opa war Held, Helden können alles. Aber seine eigene Schlacht gegen Rückenschmerz und Einsamkeit war kein Raum für Heldentaten mit Essbesteck. Jetzt aber, im Blick auf den Schlüssel, wurde die Szene zur Mahnung: Opa wartete nicht auf Wunder. Er nahm, was da war, und bezwang damit nicht den Schmerz, sondern die eigene Ohnmacht. Und was machte er, Michael? Er wartete. Bitterschmerzlich und passiv am Rand fremder Gnade. Mit dieser Erkenntnis machte sich in ihm ein seltsames Beben breit. Jetzt lag da dieser Schlüssel. Dieser Metallklumpen führte Opas Worte mit sich: Sieh das Werkzeug im Alltäglichen. Michael erhob sich – mit dem üblichen Aufstöhnen, das ihm selbst gegenüber peinlich war. Zwei schleppende Schritte zum Schlüssel, Strecken, Gelenke wie Glasscherben. Er hob den Schlüssel auf, wandte sich zur Wand. Ohne Plan, einfach dem inneren Impuls folgend, drückte er das stumpfe Ende des Schlüssels auf die Stelle am Rücken, wo der Schmerz am wildesten loderte. Lehnte sich mit bedachtsamem Druck dagegen – nicht um zu massieren, sondern gegenzuhalten. Schmerz gegen Schmerz, Realität gegen Realität. An einer Stelle ließ der Schmerz nach, ein dumpfes Loslassen, als gäbe die Spannung im Schmerz für einen Moment den Widerstand auf. Er variiert leicht die Position – noch einmal Druck, noch ein kleines Aufatmen. Jede Bewegung tastend. Es war kein Heilen, es waren Verhandlungen. Und das Werkzeug war der Türschlüssel, nicht Hightech aus der Rehaklinik. Es war albern. Der Schlüssel keine Wunderwaffe. Doch am nächsten Abend, als die Schmerzen erneut kamen, wiederholte er es. Und noch einmal. Michael entdeckte Druckpunkte, wo das Gegenhalten endlich kein zusätzliches Leiden, sondern eine Art Befreiung brachte. Bald nutzte er den Türrahmen, für sanfte Dehnungsversuche. Das Wasserglas auf dem Nachttisch erinnerte ihn: Trinken. Einfach so. Kostenlos. Er hörte auf zu warten. Nahm, was war: einen Schlüssel, eine Tür, den Boden für vorsichtige Dehnung, seinen eigenen Willen. Er fing ein Notizbuch an, in dem er kleine Siege dokumentierte: „Heute fünf Minuten länger am Herd durchgehalten“. Drei leere Konservendosen stellte er auf die Fensterbank, füllte Erde aus dem Gemeinschaftsgarten hinein, setzte Zwiebeln. Kein Gartenbau, aber drei Streifen Leben, für die er Verantwortung übernahm. Nach einem Monat, beim Kontrolltermin, sagt der Arzt verblüfft: „Da hat sich etwas getan. Haben Sie Übungen gemacht?“ „Ja,“ sagt Michael schlicht, „mit einfachen Mitteln.“ Vom Schlüssel erzählt er nicht. Das würde keiner verstehen. Aber er weiß: Die Rettung kam nicht auf einem weißen Hightech-Schiff, sie lag als Schlüssel auf dem Boden, solange er nur auf die Wand gestarrt und gewartet hatte, dass jemand anderes das Licht anknipst. An einem Mittwoch, als Veronika kam, erstarrte sie im Türrahmen. Auf dem Fensterbrett grünten frische Zwiebelsprossen. Die Wohnung roch nach Hoffnung, nicht nach Medikamenten. „Was… hast du da gemacht?“, fragte sie ungläubig. Michael, der gerade seine kleinen Setzlinge aus der Tasse goss, drehte sich um. „Garten,“ sagte er einfach. „Willst du was für die Suppe haben? Was Frisches?“ An diesem Abend blieb sie länger. Sie tranken Tee, und Michael erzählte von der Treppe im Altbau, die er jeden Tag eine Stufe höher schaffte. Rettung kam nicht als Dr. Brinkmann mit Zaubertrank. Sie zeigte sich als Schlüssel, Türrahmen, leere Dose und Betontreppe. Sie löste keinen Schmerz, keine Trauer, kein Alter auf. Aber sie legte ihm Werkzeuge in die Hand – nicht zum Sieg in einem Krieg, sondern für kleine, tägliche Siege. Und plötzlich merkt man, dass, wenn man aufhört, auf goldene Leitern vom Himmel zu warten, das unscheinbare Treppenhaus vor der eigenen Wohnungstür der Weg nach oben ist. Langsam, mit Zwischenhalten, aber Schritt für Schritt. Nach oben. Und auf dem Fensterbrett in drei Blechdosen wuchs der vorzüglichste Schnittlauchgarten, den es je gab.
Der Schlüssel in meiner Hand Der Regen trommelte unablässig gegen das Fenster meiner kleinen Wohnung
Homy
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06
Das Schicksal, geboren zu werden Natalia war wütend – so wütend wie lange nicht mehr. Alles war klar: sie war schwanger. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt – es war das Jahr 1993, eine unsichere Zeit in Deutschland, in der Menschen mit Job als Glückspilze galten. Gerade erst hatte Natalia eine feste Anstellung bekommen und ein für damalige Verhältnisse gutes Gehalt. Kaum lief das Leben besser, folgte dieser Rückschlag. Wer würde sie nach der Elternzeit überhaupt noch brauchen? Ein Kind hatten sie doch schon – ihren siebenjährigen Sohn Klaus, der gerade in die erste Klasse gekommen war. Noch vor den Neunzigern, als im Land wenigstens ein bisschen Stabilität herrschte, wollten Natalia und ihr Mann Nikolaus ein weiteres Kind – aber es hatte damals nicht geklappt. Nun war es eigentlich zu spät. Das Gespräch beim Abendessen war lang und schwer. Am Ende entschieden sich Natalia und Nikolaus gemeinsam für einen Abbruch. Sie lebten in einem großen Ort, die Praxis war nur ein paar Gehminuten entfernt. Damals gab es noch keine sogenannten „Bedenkzeiten“, niemand ermunterte Schwangere, die Entscheidung abzuwägen – darum konnte sich Natalia ohne große Umstände einen Termin geben lassen. Die Ärztin, die einzige Frauenärztin im ganzen Ort und eine erfahrene Spezialistin, stellte nur eine einzige Frage: Ob Natalia die Schwangerschaft behalten wolle oder nicht. An einem heißen Frühsommertag machte Natalia sich auf den Weg ins Krankenhaus, das noch etwas weiter lag als die Praxis. Die Sonne brannte schon am Morgen und die Luft war stickig – es war über dreißig Grad. Obwohl sie ans Spazieren gewöhnt war, wurde ihr diesmal jeder Schritt schwer. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei, ihr Kopf schwirrte und sie wurde furchtbar müde. Nachdem sie kaum weit von zuhause fort war, drehte sie um – den ganzen Tag verschlief sie darauf wie nach zwei durchwachten Nächten. Am nächsten Morgen, als Natalia es endlich zur Klinik schaffte, teilte man ihr mit, dass die Ärztin, die den Eingriff machen sollte, für mindestens zwei Wochen ausfiel. *** „Zwei Wochen, Mama, kannst du dir das vorstellen?!“, schrie Natalia ins Telefon. „Für mich ist das eine Katastrophe! Bald spüre ich, wie sich das Kind bewegt!“ Ihre Schwiegermutter hörte geduldig zu und seufzte nur: „Kind, vielleicht soll es einfach nicht sein?“ „Wie meinst du das, Mama? Was sollen wir bloß machen, wie sollen wir leben? Wer nimmt mich nach noch einer Elternzeit?“ „Natalia, dein Schwiegervater und ich, wir helfen, wir passen auf das Kleine auf…“ „Nein, Mama!“, unterbrach Natalia entschieden. Die Schwiegermutter seufzte erneut. Sie, eine gläubige Frau, mochte die Pläne ihrer Schwiegertochter und des Sohnes nicht, doch sie wollte sich nicht einmischen. *** Verzweifelt suchte Natalia eine Lösung. Im Kreiskrankenhaus gab es eine riesige Warteliste, einen Termin konnte man frühestens in drei Wochen bekommen, denn es sei kein Notfall. *** „Natalia, ich habe eine Bekannte im Nachbarkreis, sie könnte dir helfen!“ trällerte Olga, eine alte Freundin, durchs Telefon. „Was kostet es?“, fragte Natalia ohne Umschweife. „Gar nicht viel – du musst nur morgen früh vor zehn Uhr da sein. Die Ärztin heißt Elisabeth Griese, merk dir den Namen!“ Am nächsten Morgen fuhr Natalia mit dem Bus. Im Halbschlaf fühlte sie sich munter genug – die Symptome der Schwangerschaft nervten sie nur noch mehr. Der Wunsch, das „Problem“ loszuwerden, war beinahe schon zwanghaft. Im Nachbarkreis war es regnerisch, windig, und kühler Sommerregen hatte die glühende Hitze abgelöst. In ihre Jacke gehüllt, eilte Natalia zum Krankenhaus – sie hatte Angst, zu spät zu kommen und musste fast rennen. Als sie die Tür hinter sich ins leere Foyer zog, knarrte diese so laut wie in einem schlechten Horrorfilm: abblätternde Farbe an den Wänden, leere Garderobe, klamme Stille. Natalia blickte in ein offenstehendes Zimmer – vermutlich die Aufnahme. Unerwartet saß hinter dem Schreibtisch eine alte, zerzauste Schwester. Natalia klopfte höflich an: „Guten Tag, wie komme ich zu Frau Dr. Griese?“ „Hier gibt’s keine Griese!“, krächzte die Schwester ohne aufzusehen, ihr Blick auf ein leeres Blatt gerichtet. „Wie meinen Sie, nicht da – oder nie?“, wunderte sich Natalia. „Hier gibt’s keine, was ist daran so schwer?!“, rief die Frau lauter. Als sie aufblickte, erstarrte Natalia: Die Schwester hatte trübe, fast glasige Augen und schwarze, spitze Zähne. Im Affekt floh Natalia aus dem Krankenhaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Erst im vollbesetzten Bus beruhigte sie sich wieder. *** „Was ist los?“, klang Olga beleidigt am Telefon, „ich hab so viel organisiert, und du bist nicht erschienen! Dr. Griese hat dich bis Mittag erwartet!“ „Weißt du, vielleicht… ich warte lieber auf unsere Frau Dr. Braun“, murmelte Natalia und legte auf. Draußen begann schwerer Regen zu trommeln. Nachdenklich schaute Natalia aus dem Fenster. So hartnäckig hatte sie ihr Ziel verfolgt, aber irgendetwas – eine unsichtbare Hand? – lenkte sie immer wieder davon ab. Draußen eilte eine junge Frau mit einem etwa siebenjährigen Jungen und einem Kinderwagen an ihr vorbei, der Junge lachte, das kleine Mädchen im Wagen hielt vergnügt ihr Gesicht in den Regen. Für einen Moment stach es Natalia ins Herz. Vielleicht könnten auch sie und ihre Familie in zwei Jahren so durch den Regen laufen… *** „Es ist zu spät, die Frist ist um“, lächelte Frau Dr. Braun mit großen rehbraunen Augen, die Natalia immer an ein Rehkitz erinnert hatten. „Und das soll jetzt etwa ein Grund zur Freude sein?“, fragte Natalia mit einem schwachen Lächeln. Doch sie spürte Erleichterung. „Nein, aber kein Grund zu verzweifeln“, zuckte Frau Braun die Schultern. Beruhigt ging Natalia heim. Sie verkündete ihrem Mann, dass sie das Kind bekommen würden. Und in der Nacht träumte Natalia: Sie ging durch einen blühenden Park. Vor ihr stand ein fünfzehnjähriges, schlankes, blondes Mädchen im geblümten Sommerkleid, mit lachenden Grübchen auf den Wangen, Sommersprossen auf der Nase und grünen, mandelförmigen Augen, wie Kolis. Das Mädchen winkte ihr, formte aus der Entfernung einen Handkuss und rief: „Nenn mich Leni!“ Dann rannte sie lachend davon. *** Sechzehn Jahre waren vergangen. Oft dachte Natalia an jene Zeit zurück, wenn sie in die fröhlichen, mandelgrünen Augen ihrer Tochter Leni sah – hochgewachsen, blond, mit Sommersprossen und den Grübchen auf den Wangen. Sie erzählte Leni die ganze Geschichte – und anstatt beleidigt zu sein, lächelte das Mädchen nur und umarmte ihre Mutter. Seitdem wusste Natalia: Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Und manchmal schicken sie ihnen schon vor der Geburt ein Zeichen.
Das Schicksal geboren zu werden Katharina war unglaublich wütend. So wütend war sie schon lange nicht
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