Das Schicksal geboren zu werden
Katharina war unglaublich wütend. So wütend war sie schon lange nicht mehr gewesen. Alles war klarsie war schwanger. Doch ausgerechnet jetzt, wo es am wenigsten passte. Es war das Jahr 1993, eine schwere, unsichere Zeit in Deutschland, als diejenigen, die ihre Arbeit behalten hatten, schon als Glückspilze galten. Gerade erst hatte Katharina eine feste Anstellung bekommen, für die sie nach damaligen Verhältnissen sogar recht gut bezahlt wurde.
Endlich schien sich das Leben zu bessernund nun das. Wer würde sie nach dem Mutterschutz denn noch wollen? Ein Kind war doch genug. Katharina und ihr Mann, Holger, zogen ihren siebenjährigen Sohn Lukas groß, der dieses Jahr in die erste Klasse kam. Schon vor den unruhigen Zeiten der Wende, in der noch ein wenig Stabilität herrschte, hatten sie sich ein zweites Kind gewünscht, doch es hatte nie geklappt. Und inzwischen war das alles nicht mehr nötig, dachte sie bei sich.
Das Gespräch beim Abendessen war lang und schwer. Doch schließlich trafen Katharina und Holger gemeinsam die Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen.
Sie lebten in einem größeren Dorf im Allgäu, die Arztpraxis lag nur wenige Gehminuten entfernt. Damals fragte einen niemand nach Bedenkzeit oder redete Frauen ins Gewissen; das Prozedere verlief unbürokratisch. Beim Termin wurde sie lediglich gefragt, ob sie die Schwangerschaft austragen wolle.
Die Prozedur sollte die einzige Frauenärztin des Ortes durchführen, eine fachlich geschätzte, aber barsche Person. An einem heißen Frühsommertag verließ Katharina früh das Haus, um ins Krankenhaus zu gehen, das etwas weiter weg lag. Es war schwülwarm, die Luft schon morgens weit über dreißig Grad. Auch wenn sie gewohnt war, weite Strecken zu laufen, wurde ihr Gang diesmal ungewohnt schwer, schien mit jedem Schritt beschwerlicher, als hätte man ihr Gewichte an die Füße gebunden. Ihr wurde schwindelig, sie wurde müde, fast schläfrig. Katharina begriff, dass sie es an diesem Tag nicht bis ins Krankenhaus schaffen würde, und kehrte um. Glücklicherweise war sie noch nicht weit gekommen. Den ganzen restlichen Tag verschlief sie daraufhin, als wäre sie seit Tagen wach gewesen.
Am nächsten Morgen erreichte sie schließlich das Krankenhaus, nur um zu erfahren, dass die Ärztin erkrankt warund für mindestens zwei Wochen nicht da sein würde.
***
Zwei Wochen, Mama, verstehst du?! schrie Katharina ins Telefon. Für mich ist das eine Katastrophe! Das Kind fängt ja bald schon an, sich zu bewegen!
Ihre Schwiegermutter lauschte geduldig, seufzte nur und sagte: Ach Kind, vielleicht ist es nicht dein Schicksal?
Wie, nicht mein Schicksal, Mama? Was sollen wir denn machen, wovon sollen Holger und ich leben, wie Lukas großziehen, wie weiterkommen? Nach dem Mutterschutz will mich doch niemand mehr!
Wir, der Opa und ich, helfen doch, passen auf das Kleine auf
Nein, Mama!, sagte Katharina entschlossen.
Ihre Schwiegermutter seufzte wieder. Ihr, einer gläubigen Frau, gefiel dieser Plan ihrer Schwiegertochter und ihres Sohnes gar nicht, doch sie mischte sich nicht weiter ein. Es war ja nicht ihr Leben, nicht ihre Familie.
***
Verzweifelt suchte Katharina nach Auswegen. Im Kreiskrankenhaus gab es endlose Wartelisten; vor drei Wochen war frühestens keine Aufnahme möglich, weil ihr Fall nicht als dringend eingestuft wurde.
***
Katharina, ich kenne da jemanden im Landkreis, sie könnte dir helfen!, zwitscherte ihre alte Freundin Ulrike am Telefon. Ich habe schon mit ihr gesprochen, sie wartet morgen früh auf dich, bis zehn Uhr musst du da sein. Die Ärztin heißt Dr. Elfriede Schustermerk dir den Namen!
Früh am nächsten Morgen saß Katharina im Bus. Halbwegs ausgeschlafen fühlte sie sich fit. Die Anzeichen der Schwangerschaft machten sie inzwischen wahnsinnig. Ihr Wunsch, das Problem loszuwerden, war schon fast zwanghaft.
Im Landkreis angekommen, stellte sie fest, dass der Hauptort im satten Grün lag. Doch an diesem Tag war es leer und düster. Nachts hatte es zu regnen begonnen, ein kühler Wind wehte, das Wetter hatte sich schlagartig abgekühlt.
Katharina zog ihre Jacke enger und eilte zur Klinik. Die Uhr tickte, sie wollte nicht zu spät kommen.
Fast rannte sie das letzte Stück. Drinnen herrschte leere. Die schwere Eingangstür quietschte hinter ihr, der Flur war düster, die abblätternde Farbe an den Wänden, leere Garderoben, nur spärlich Lichtes wirkte wie aus einem alten Gruselfilm.
Katharina schlich weiter und schaute in das erste offene Zimmeres war wohl das Aufnahmezimmer, auch wenn kein Schild an der Tür war.
Zu ihrer Überraschung saß dort eine ältere, zerzauste Frau über ein Blatt Papier gebeugt. Katharina klopfte höflich an:
Guten Morgen, wie komme ich zu Dr. Elfriede Schuster?
Gibts hier nicht!, krächzte die Frau, ohne aufzusehen, als wäre sie selbst das Echo der Eingangstür. Ihre Hände hingen leblos herab.
Wie, gibts nicht? Meinen Sie heute oder überhaupt nicht?, fragte Katharina irritiert.
Gibts. Nicht. Hörst du schlecht? blaffte die Frau und sah plötzlich aufihre blassen Augen waren fast schon unheimlich, und als sie noch die Zähne zeigteschwarz, spitzwurde Katharina kalt. Unwillkürlich wich sie zurück und floh, vergaß, warum sie überhaupt gekommen war.
Erst an der Bushaltestelle, unter Menschen, kam sie wieder zu sich.
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Was ist denn los? empörte sich Ulrike im Hörer. Ich habe alles für dich eingefädelt und du bist nicht gekommen! Die Dr. Schuster hat bis mittags auf dich gewartet!
Weißt du, ich Ich warte jetzt doch lieber auf unsere Frau Dr. Hirschfeld, murmelte Katharina und legte auf.
Der Regen klatschte schwer gegen die Fensterscheiben. Nachdenklich setzte sie sich aufs Sofa. So fest hatte sie auf ihr Ziel hingearbeitet, doch eine unsichtbare Hand hatte sie nun schon zum dritten Mal davon abgehalten. Katharina blickte hinaus: Die Straße war leer, nur eine Frau ging vorbeimit einem Jungen von vielleicht sieben Jahren, der einen Kinderwagen schob, in dem ein kleines Mädchen saß. Sie eilten nach Hause, denn ein Platzregen setzte ein. Die Mutter hielt mit Mühe einen Schirm über beide Kinder, doch das Mädchen lachte, hielt die Hände in den Regen, und ihr Bruder kicherte auch.
Katharina spürte einen Stich ins Herz. Vielleicht könnten sie in ein paar Jahren genauso dastehenim Regen, zu dritt.
***
Es ist jetzt ohnehin zu spät, Liebes, die Frist ist abgelaufen, sagte Dr. Hirschfeld und sah Katharina mit ihren großen, vertrauensvollen Rehaugen an.
Ist das etwa ein Grund zur Freude?, witzelte Katharina und spürte im Innersten Erleichterung.
Nicht unbedingt. Aber auch kein Grund zur Verzweiflung, schmunzelte die Ärztin.
Gelöst kam Katharina nach Hause und sagte Holger ganz ohne Zweifel: Das Kind kommt.
Und in der Nacht hatte sie einen wundersamen Traum: Sie spazierte durch einen Park in voller Blütenpracht. Plötzlich stand ein Mädchen vor ihr, etwa fünfzehn Jahre alt, groß und zierlich, Sommerkleid mit Blumenmuster, ein Frechdachsgrinsen mit Grübchen in den Wangen, ein paar Sommersprossen auf der Nase und die mandelförmigen, grünen Augen ihres Mannes Holger. Katharina wollte sie umarmen, doch das Mädchen winkte nur, schickte einen Luftkuss und rief:
Nenn mich Greta!
Dann verschwand sie lachend im Sonnenschein.
***
Sechzehn Jahre vergingen. Immer wieder betrachtete Katharina ihre Tochter Greta, groß, blond, mit den Grübchen und den Sommersprossen, und erinnerte sich dankbar daran, dass damals irgendwie jemand ihre Entscheidung gelenkt hatte. Sie erzählte diese Geschichte sogar ihrer Tochter. Greta nahm sie nur lächelnd in den Arm. Seitdem war Katharina sicher, dass der Satz Kinder wählen sich ihre Eltern nicht aus nicht wahr ist. Sie tun es, manchmal schon lange bevor sie geboren werden.





