Auch ich möchte einmal glücklich sein
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Eine junge Frau, leicht über vierzig, hatte jegliches Interesse am Leben verloren.
Sie arbeitete als Hebamme in einer Geburtsklinik, ihre Arbeit war das Einzige, das ihr noch Freude bereitete, denn sie lebte allein.
Ihr Ehemann war im Dienst ums Leben gekommen; er war Polizist gewesen. Sie hatten nur zwei Jahre zusammen verbracht, als er starb, und ihr Sohn wurde erst drei Monate nach seinem Tod geboren. Sie hat ihn allein großgezogen, er ist längst erwachsen, verheiratet, lebt und arbeitet in einer anderen Stadt, hat sein eigenes Leben und es geht ihm gut.
Manchmal kam Gleb damals hieß er schon Klaus kurz zu seiner Mutter zu Besuch, rief oft an, aber trotzdem war sie meist allein …
Ihre Kolleginnen beneideten sie insgeheim sie lebte scheinbar nur für sich selbst. Aber Lieselotte, wie sie wirklich hieß, quälte ihre Einsamkeit sehr. Die anderen sprachen während der Pausen über ihre Familien, über Sorgen und Freuden.
Ihr blieb dazu nichts zu sagen sie fühlte nur Leere, nach Hause wollte sie gar nicht mehr gehen …
Lieselotte hörte den Gesprächen der anderen zu, nickte ab und zu, wunderte sich manchmal über das, was ihre Kolleginnen berichteten, aber in ihrem Innersten musste sie sich eingestehen, dass sie sie beneidete.
Sie konnte mit ihrer Freiheit so gar nichts anfangen.
Die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann war immer da seine verliebten Blicke, seine starken Hände.
Diese kurze, junge, so plötzlich abgerissene Liebe hatte eine schmerzhafte Wunde in ihr zurückgelassen, die nicht verheilen wollte.
Lebendig fühlte sie sich nur noch bei der Arbeit.
Kürzlich hatte sie die Geburt eines Mädchens betreut. Die Mutter, selbst kaum älter als ein Mädchen, war unglücklich. Sie lag nur da, wandte das Gesicht zur Wand und schwieg.
Guten Morgen, Mama, nannte Lieselotte sie liebevoll so, wie sie es bei den glücklichen jungen Frauen zu tun pflegten. Aber das Mädchen rührte diese Worte offensichtlich kalt. Ohne die Augen zu öffnen, antwortete sie schroff:
Gehen Sie einfach, wir haben uns nichts zu sagen. Ich habe doch gleich erklärt, dass ich das Kind nicht will, ich will es nicht sehen und werde es nicht mitnehmen. Ich habe eigene Pläne …
Lieselotte versuchte noch etwas zu erwidern, doch das Mädchen wandte sich ab und sagte kein Wort mehr.
Als die enttäuschte Lieselotte das Zimmer verließ, begegnete sie der diensthabenden Schwester, die nur mit den Schultern zuckte und sich bedeutungsvoll an die Stirn tippte ein leises Nicken Richtung der jungen Mutter, die ihr Kind zurückgelassen hatte.
Wir hatten hier schon mal so eine, murmelte die Schwester, wollte damals einem reichen Mann die Frau ausspannen, aber der hatte dann nichts, da wollte sie das Kind auch nicht mehr …
Lieselotte kannte natürlich ähnliche Geschichten, schließlich arbeitete sie schon fast zwanzig Jahre als Hebamme, aber meist gingen die Mädchen dann am Ende doch mit ihren Kindern nach Hause.
Doch bei dieser Mutter war alles anders. Sie schien wirklich nicht daran zu denken, ihre Tochter jemals zu sich nehmen zu wollen.
Unbewusst trugen Lieselottes Schritte sie später ins Säuglingszimmer, zu dem kleinen Findelkind.
Gerade wollte sie hinein, als sie in der Tür fast mit Dr. Konstantin Leonhard, dem Kinderarzt, zusammenstieß. Es war ruhig im Säuglingsbereich, die kleinen Babys hatten eben gegessen und schliefen friedlich.
Vorsichtig trat sie an das kleine verlassene Mädchen heran. In dem Moment zuckten dessen zarte Wimpern und das Baby schlug die Augen auf.
Lieselotte blieb stehen und wagte kaum zu atmen gleich würde das Kleine vielleicht weinen und die anderen aufwecken. Doch das Mädchen blickte sie ruhig an, mit so tiefen, ernsten Augen, als wüsste es mehr als alle anderen.
Braves Mädchen …
Da erschrak sie fast, denn leise war Dr. Leonhard zu ihr getreten.
Die Kolleginnen hatten schon ab und zu getuschelt, er sei nicht abgeneigt, aber Lieselotte lächelte dann nur. Er war zwar ein guter Arzt, doch mehr empfand sie für ihn nicht.
Du bist wirklich ein Niedliches, hab keine Angst, sagte der Doktor, strich dem Baby liebevoll über das Köpfchen und blickte Lieselotte sonderbar fragend an, sodass sie verlegen wurde …
Von diesem Tag an schaute Lieselotte fast täglich im Säuglingszimmer vorbei.
Sie war überzeugt, dass das Mädchen sie schon erkannte, und der Blick des Kindes erfüllte Lieselottes Herz mit einer ungewohnten Wärme.
Was treibst du so oft im Säuglingszimmer?, stichelten irgendwann die Kolleginnen mit Augenzwinkern. Wegen dem Doktor, was?
Nein, sie geht zu dem zurückgelassenen Mädchen, mischte sich eine andere ein.
Willst sie etwa aufnehmen? Die Mutter hat gestern unterschrieben, das Kind aufgegeben und ist weg …
Pass auf, gewöhn dich nicht zu sehr an die Kleine, bald holen sie sie ab …
Zu sich nehmen! Da spürte Lieselotte, was in ihrem Innersten brodelte.
Die Idee gefiel ihr mehr als alles andere in letzter Zeit.
Viel Zeit blieb ihr nicht. Findelkinder wurden einen Monat im Klinikum betreut, dann kamen sie ins Kinderheim, vielleicht sogar in eine andere Stadt und dann hätte eine andere Familie eine kleine Tochter.
Lieselotte bekam Angst und reichte offiziell die Papiere zur Adoption ein. Sie erfüllte alle Voraussetzungen, doch als alleinstehende Frau hatten Ehepaare oft Vorrang.
Da kam ihr ein mutiger Gedanke.
Sie wusste, dass Doktor Leonhard sie mochte und sie wusste auch, dass er außerhalb der Stadt eine kleine Wohnung hatte und für den Weg zur Arbeit zwei Stunden brauchte.
Vielleicht konnte sie ihren Antrag mit einer Scheinehe unterstützen wenn es nicht klappte, könnte man sich später ja wieder scheiden lassen …
Herr Dr. Leonhard, darf ich Ihnen ein Angebot machen?, fragte Lieselotte an diesem Tag, ich könnte Ihnen ein Zimmer vermieten, ganz in der Nähe der Klinik.
Aber ich hätte noch eine Bitte: Können Sie vielleicht für eine Zeit mein Ehemann werden? Ich möchte die kleine Tochter adoptieren, aber alleine bekomme ich sie wahrscheinlich nicht.
Das ist zwar überraschend aber ich … stimme zu, lächelte er, schaute sie dabei aber merkwürdig an.
Plötzlich trat er näher und … küsste Lieselotte sanft.
Sie erschrak, und noch dazu ging grad jemand vorbei das würden die Kolleginnen nicht übersehen!
Das war nur damit es glaubwürdig aussieht, erklärte Konstantin sofort, und Lieselotte blieb nichts zu entgegnen …
Spätabends, als sie im Bett lag, dachte Lieselotte liebevoll an das kleine Mädchen, das sie schon ganz als ihr eigenes fühlte. Und wieder erinnerte sie sich an den unverhofften, zärtlichen Kuss von Konstantin und wollte sich selbst nicht eingestehen, dass es ihr gefiel …
Die Hochzeit war schnell erledigt, gefeiert wurde mit den Kolleginnen im Kreißsaal. Alle freuten sich sehr für sie, und alle wussten inzwischen, dass Lieselotte und Konstantin die Papiere für die Adoption der kleinen Annemarie eingereicht hatten …
Jetzt war Lieselotte eine verheiratete Frau, sie hatten ein Töchterchen, das heranwuchs, und sie hatte keine Zeit mehr, traurig zu sein.
Ihr Konstantin war ein aufrichtiger, guter Mensch, das hatte sie geahnt. Erst jetzt spürte sie, wie in ihrer Seele die Liebe endlich wieder keimte.
Sie wollte wieder leben, ihre Tochter großziehen, das Leben spüren und lieben … diesen Mann, den sie selbst gebeten hatte, ihr Ehemann zu werden.
Konstantin, Annemarie und Lieselotte eine Familie.
Lieselotte wollte so sehr glücklich werden und sie hat es, aufrichtig, geschafft!





