Der Schwiegervater akzeptiert die Schwiegertochter nicht – Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Reizen dich normale Frauen etwa nicht mehr? Was kann sie überhaupt? Was weiß sie? – Mit Verachtung sah Herr Vasilius auf seine Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt fähig? „Dabei wird gerade sie sich um ihn kümmern müssen“, dachte Andreas und sagte deshalb: – Papa, sie wird niemals Mama ersetzen können, aber sie ist meine Frau! Ich bitte dich daher um einen Funken Respekt! – Und, wie schmeckt der Eintopf? – fragte Veronika. – Galina kocht besser! – erwiderte Herr Vasilius. – Deftiger! Aber wir werden den hier auch essen, wegwerfen tun wir nichts! – Meinen Sie das ernst? – empörte sich Veronika. – Es fehlt einfach etwas, – verzog Andreas das Gesicht. – Nichts Weltbewegendes, aber irgendwas fehlt, und ohne das ist es nicht ganz das Gleiche! – Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich das nicht erwartet! – Veronika riss sich das Kopftuch vom Haar. – Wenn euch Galinas Essen so gut schmeckt, dann lasst sie doch für euch kochen! Ich setze keinen Fuß mehr in diese Küche! – Und was soll man dann essen? – lachte der Schwiegervater. – Zum Essen, Herr Vasilius, gehen ich eben in die Kantine! Da deckt mir dann eure Galina auf! Wofür bezahle ich sie denn? – ärgerte sich Veronika. – So! – Herr Vasilius schlug mit der Faust auf den Tisch. – Junge Dame! Du bist hier genauso ein Fremdkörper wie sie! Und denke daran: Ich schmeiße nicht sie raus, sondern dich! – Papa! – rief Andreas entsetzt. – Geht es nicht etwas kultivierter? Das ist immerhin meine Frau! – Und warum benimmt sie sich dann wie …? – schnaubte Herr Vasilius. – Sie soll sich ihre Allüren dahin stecken, wo sie sie hergeholt hat! Sonst schicke ich sie ganz schnell zurück zu ihren Eltern in die Plattenbau-Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Siemens-Werk! – Jetzt reden Sie aber ganz anders! – schüttelte Veronika den Kopf. – Als ich Ihnen hinterhergerannt bin wie einer kleinen Kindernanny, waren Sie freundlicher! – Damals hattest du auch keine Starallüren! – grinste Herr Vasilius. – Papa, so redet man nicht über Vika, – mischte sich Nikolaus, der jüngere Sohn, ein. – Sie gibt sich wirklich Mühe! Galina ist doch zehn Jahre älter! Sie hat mehr Erfahrung! Und schon drei Scheidungen hinter sich! Klar weiß Galina, wie man mit einer Suppe die Männerwelt betört! Aber Vika ist anders! – Erzähle mir keinen Unsinn! – wieder ein Faustschlag des Familienoberhaupts auf den Tisch. – In null Komma nichts fliegst du aus dem Haus! Die Einzimmerwohnung, die Mama dir am Stadtrand gelassen hat? Genau dorthin kannst du dann ziehen! Verstanden? – Andreas, warum sagst du nichts? – Nikolaus schob dem Bruder den Ellbogen in die Seite. – Was denn? – meinte Andreas schulterzuckend. – Galinas Suppe schmeckt wirklich besser! – Du denkst nur ans Essen! – wandte sich Nikolaus ab. – Und deine Frau? – Sie soll sich raushalten! – und Andreas griff wieder zur Löffel, um schneller mit der Suppe fertigzuwerden. Zum Hauptgang gab es Braten und den machte Galina. – Danke, Nikolaus! – sagte Veronika. – Wenigstens ein Mann im Haus! Immerhin! Nikolaus errötete bis zur Farbe der Suppe und schaufelte, dem Bruder folgend, los. – Ja, wir sollten aufessen, – nickte Herr Vasilius. – Kalt schmeckt das bestimmt wirklich grauenhaft! Veronika wollte schon sagen: „Ja, erstickt doch daran!“, unterdrückte es aber. Mit Würde stand sie auf und verließ das Esszimmer. – Sie wird immer frecher! – zeigte Herr Vasilius in Richtung Schwiegertochter. – War mal ein anständiges Mädchen! Was Geld nicht alles mit Menschen anstellt! Pass auf, Andreas, am Ende macht sie noch einen richtigen Mann aus dir – Portemonnaie mit zwei Ohren und du tanzt nach ihrer Pfeife! – So weit kommt’s nicht! – Andreas ballte die Faust. – Ich krieg sie schon gebändigt! – Mach dich nicht lächerlich, – winkte Herr Vasilius ab. – So behandelt man keine Frau, – brummelte Nikolaus. – Dich hat keiner gefragt! – warf Andreas seinem Bruder böse hin. – Sieh lieber zu, dass du was erreichst! Mit 25 hast du noch nichts auf die Beine gestellt! Guckst immer nur, wo’s Geld gibt, mal bei mir, mal beim Vater! – Ich hab ein Start-up, – murmelte Nikolaus mit gesenktem Blick. – Demnächst machen wir Gewinn! – In diesem Jahrtausend oder soll ich bis zum nächsten warten? – lachte Herr Vasilius. – Na, nimm’s nicht übel! Solche Gespräche zogen sich stundenlang hin. Seit drei Jahren, nach dem Tod der Hausherrin, hatte sich der Charakter des Familienchefs endgültig verdüstert. Seine größte Freude war es nun, anderen das Leben schwerzumachen. Doch da trat Galina ins Esszimmer, über die man an diesem Tag schon oft gesprochen hatte: – Herr Vasilius, es wird Zeit für die Behandlung! Sie wissen doch: Disziplin! – Ich weiß, Galinchen, – stand Herr Vasilius vom Tisch auf. – Bring mich, mein Schatz, zu einem gesunden und glücklichen Leben! Andreas wurde rot und steif. – Andreas Vasilius, – Galina wandte ihren Blick dem ältesten Sohn zu, – später komme ich zu Ihnen! Wir müssen wegen Ihres eingewachsenen Zehs schauen! Sonst müssen Sie ins Krankenhaus! Andreas’ Gesicht entspannte sich, ein glückseliges Lächeln schlich sich ein. – Natürlich, Galinchen! Nur Nikolaus betrachtete die Szene mit kaum verhohlener Verachtung. – Du bist zu hart zu ihr, – meinte Nikolaus, nachdem der Vater mit Galina gegangen war, – sie ist wirklich nett. Und der Vater erholt sich endlich etwas. – Pass du mal lieber auf dich auf, Moralapostel! – schnaufte Andreas. – Du hast nichts, aber willst anderen den Kopf waschen! Bring du erst mal was auf die Reihe, dann kannst du den Mund aufmachen! Mehr brauchte Nikolaus nicht, um mit einer Ausrede aus dem Esszimmer zu fliehen. Und zehn Minuten später, im hintersten Gästezimmer: – Vika, Liebling! Lass uns abhauen, weg von diesen Leuten! – Wohin sollten wir denn gehen? Wovon sollen wir leben? – Ich sorge schon für uns! – Bring erst mal Geld nach Hause… – Und du bist bereit, das alles zu ertragen? – Habe ich eine Wahl? *** Jede Familie hat eine Kraft, die sie zusammenhält. Wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie zu bröckeln. Sie zerfällt Schritt für Schritt, bis nichts mehr übrig ist. Bei uns war das lange Zeit Anna-Maria. Sie war eine tolle Ehefrau, liebevolle Mutter und fantastische Hausherrin. Aber mit 52 war sie völlig ausgelaugt. Wahrscheinlich, weil sie immer die Beste war und sich selbst aufbrauchte. Abends schlief sie ein und wachte morgens nicht mehr auf. Erst ihr Tod zeigte, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne, noch der Ehemann konnten wirklich etwas leisten. Gleich nach der Trauerfeier fielen alle in eine Schockstarre. Jeder hatte zwar seinen Alltag zu bewältigen und schaffte das irgendwie. Aber das beklemmende Gefühl von Leere nagte an ihnen. – Ich habe die Firma verkauft, das Geld ist auf dem Konto, mehr will ich nicht, – sagte Herr Vasilius. – Papa, warum? – fragte Andreas verblüfft. – Du hast doch alles in diese Firma gesteckt! – Ich habe keine Seele mehr! – antwortete der Vater. – Ich wollte sie euch Söhnen übergeben, aber du hast dein eigenes Geschäft aufgebaut, und dein Bruder… treibt auch sein eigenes Ding! Am Ende braucht keiner meine Firma! – Und was willst du jetzt machen? – hakte Andreas nach. – Nichts mehr! Ich lege mich hin und bleibe liegen! – sagte Herr Vasilius. – Das Geld reicht mir bis ans Lebensende. Was übrig bleibt, teilst du mit Nikolaus! Übrigens, wo steckt dein Bruder wieder? – Woher soll ich das wissen, – zuckte Andreas mit den Schultern. – Der hat doch dieses Start-up! – Ist mir inzwischen egal, – seufzte Herr Vasilius. – Mir ist echt alles egal… Andreas und Nikolaus beobachteten mit Bitterkeit, wie ihr Vater langsam verblasste. – Wir sollten ihm eine Pflegekraft holen, – schlug Nikolaus vor. – Nicht, dass er sich noch was antut! – Und wer bezahlt das? – grinste Andreas. – Er hat doch… – begann Nikolaus verlegen. – Versuch du erstmal, ihn zu überreden! – nickte Andreas. – Er schickt dich und die Pflegekraft zum Teufel! – Ich kann nicht bei ihm bleiben, ich habe mein Start-up! – meinte Nikolaus. – Vielleicht ziehst du zu uns? – Ich überleg’s schon, – antwortete Andreas. – Aber ich wollte heiraten, und dann starb Mama. Vielleicht war’s ein Zeichen, es nicht zu tun… – Was meinst du damit? – verstand Nikolaus nicht. – Naja, Veronika, die mit der ich zusammen bin, sie ist Krankenschwester und eine Haushaltstüchtige. Aber mit ihr ist’s langweilig. Na ja… – Du denkst, sie könnte werden wie Mama? – fragte Nikolaus. – Uns würde erstmal schon irgendjemand reichen, der nach außen ein bisschen Normalität schafft, – sagte Andreas. – Niemand wird Mama ersetzen! Das Gespräch führte zu nichts – aber danach geschah vieles. Andreas zog zurück ins Elternhaus zu Vater und Bruder und brachte seine junge Frau Veronika mit: – Jetzt ist das unser Zuhause, – sagte er zu Veronika. – Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mit dem Heiratsantrag gezögert habe und es keine richtige Hochzeit gab? – Ja, ich verstehe es, – antwortete Veronika leise. – Ich bitte dich, uns zu helfen; hier gab’s nie Personal, nur meine Mutter… – sagte Andreas, und am Ende versagte ihm die Stimme. – Es ist schon gut, – lächelte Veronika. – Ab jetzt muss ich nicht mehr zur Arbeit fahren… – Natürlich! – Andreas nickte heftig. – Du bekommst Zugang zum Konto! Für alles Notwendige! Ihr Einzug wurde unterschiedlich aufgenommen. Nikolaus reagierte freundlich und bot Hilfe an, sobald er zuhause sei. Aber der Schwiegervater: – Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Sind normale Frauen für dich nichts mehr? Was kann sie? Was weiß sie? – Mit Verachtung musterte Herr Vasilius die Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt im Stande? „Sie wird sich doch um ihn kümmern müssen,“ dachte Andreas, sagte aber: – Sie wird Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau. Also bitte um etwas Respekt! – Ich verspreche gar nichts, – brummelte Herr Vasilius. – Schauen wir mal, was sie taugt! Hätte Veronika geahnt, was sie in den kommenden zwei Jahren alles ertragen würde, hätte sie den Fuß nie über diese Türschwelle gesetzt. Mit Haushaltsdingen kam sie klar, denn das Haus war technisch modern ausgestattet. Man musste nur Knöpfe drücken. Die größten Schwierigkeiten kamen aber vom Schwiegervater. Absichtlich oder nicht – das war nicht immer klar – doch ständig gab es Beschwerden, sie müsse endlich mal etwas Richtiges lernen! Wie gesagt, sie hielt zwei Jahre durch. Dann konnten auch Andreas’ Bitten sie nicht mehr beruhigen. Sie versammelte die Männer des Hauses und sagte: – Es reicht! Ich hole mir jetzt eine Haushaltshilfe! Und ich habe schon eine gefunden! Sie ist stur und lässt sich von euch nichts sagen – sie ist für mich da! Was sie sagt, gilt dann für uns alle! – Wenn das so eine Niete ist wie du, können wir euch beide gleich rausschmeißen! – meinte Herr Vasilius unzufrieden. Doch Andreas und Nikolaus unterstützten Veronikas Vorhaben. Ihnen war klar, wie schwer Veronika es mit dem Vater hatte. Der Einzug von Galina war kein Feiertag. Mit kühlem Blick musterte sie Haus und Bewohner, murmelte etwas Unverständliches und machte sich an die Arbeit. Doch verborgen blieb den Männern eine zusätzliche Abmachung zwischen Veronika und Galina. Galina sollte mit ihrem Charme Herrn Vasilius bezirzen. Mit 57 war Herr Vasilius noch längst kein alter Greis. Galina war 37 – also wenn Prinzipien mal außen vor blieben, wäre das ein Erfolgsrezept. – Der alte Grantler muss weich werden! Sonst bekommt Galina ihr gutes Gehalt umsonst! Und der Plan ging auf – fast zu gut. Galina kümmerte sich nicht nur um Herrn Vasilius, sondern auch um Andreas, der ihr Altersgenosse war. Bemerkt Veronika das? Natürlich! Wehren konnte sie sich aber nicht. Andreas schränkte ihren Zugang zum Familienkonto ein. Und das Geld wanderte fast komplett in Galinas Tasche. Veronika suchte Trost bei Nikolaus, der schon immer heimlich in sie verliebt war. Sie wären längst gemeinsam abgehauen – nur wovon hätten sie leben sollen? Einfach ins Ungewisse flüchten, ohne Sicherheit, war zu riskant. So fanden sie wenigstens Trost beieinander – im abgelegenen Gästezimmer. *** – Wenn du wüsstest, wie ich sie alle hasse! – sagte Veronika, an Nikolaus’ Brust geklammert. – Es ist schrecklich, aber ich stimme dir vollkommen zu, – antwortete Nikolaus. – Furchtbare Menschen! Ich schäme mich, dass sie meine Familie sind! – Lass uns alles auf den Tisch bringen und gehen! Sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen! – schlug Veronika vor. – Ja, warum nicht! – stimmte Nikolaus zu. – Außerdem, ich hab heute einen großen Auftrag bekommen! Mein Start-up läuft! Wir werden nicht ohne Geld dastehen! Veronika und Nikolaus flohen heimlich wie auf der Flucht. Der eigentliche Sturm tobte im Haus. Als Herr Vasilius – das Herz in der Hand – alles begriff: – Der ältere Sohn schnappt mir die Frau, der jüngere nimmt die Frau vom älteren! Tolle Familie, die wir sind! Und Galina auch noch – wie sie an Nikolaus vorbeigegangen ist, versteh ich auch nicht! Es wurde laut gestritten, Geschirr flog, Möbel krachten, gegenseitige Schuldzuweisungen prasselten auf alle Seiten ein. Es gab keinen, der nicht getroffen wurde. Die Familie, die Anna-Maria einst mit so viel Liebe zusammengehalten hatte, war zerfallen. Denn sie war die Seele – und nur sie wusste, wie man die Männer bändigt. Ohne sie rutschten sie allesamt ans unterste Ende ihrer Bedürfnisse. Hauptsache einfach, Hauptsache bequem. Denken – Fehlanzeige.

Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Finden dich erwachsene Frauen nicht mehr anziehend? Was kann sie denn? Was weiß sie? Herr Klaus Berger sah seine Schwiegertochter mit spöttischem Blick an. Wozu soll sie überhaupt taugen?
Dabei wird sie es sein, die sich um ihn kümmern muss, schoss es Sebastian durch den Kopf, also sagte er laut:
Papa, sie wird niemals Mama ersetzen. Aber sie ist meine Frau! Ein bisschen Respekt würde ich mir doch wünschen!
Na, wie schmeckt der Eintopf? fragte Franziska.
Bei Hannelore war der besser! grummelte Klaus Berger. Mehr Geschmack! Aber naja, wir werden auch diesen essen, kann ja nicht alles wegwerfen!
Wollen Sie mich veräppeln? protestierte Franziska.
Irgendwas fehlt halt, Sebastian verzog das Gesicht. Nichts Großes, aber ohne das ist es nicht dasselbe.
Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich sowas nicht erwartet! Franziska riss sich das Kopftuch vom Kopf. Wenn euch Hannelores Eintopf besser schmeckt, dann kocht doch mit ihr! Ich mache hier jedenfalls keinen Schritt mehr in die Küche!
Aber was ist mit dem Essen? feixte Klaus Berger.
Wissen Sie, Herr Berger, dann geh ich eben in die Kantine! Da deckt mir Ihre Hannelore bestimmt auch auf! Wofür zahle ich ihr denn schließlich? brauste Franziska auf.
Jetzt reicht’s! Klaus Berger knallte mit der Faust auf den Tisch. Gnädige Frau! Du bist hier genau so fremd wie sie! Pass auf, nicht sie fliegt hier raus, sondern du!
Papa! rief Sebastian empört. Kannst du dich etwas zivilisierter ausdrücken? Immerhin ist das meine Frau!
Wie benimmt sie sich denn? fauchte Klaus Berger weiter. Sie soll ihre dämlichen Allüren da lassen, wo sie herkommen!
Sonst kannst du schnell zu deinen Eltern zurück in die Plattenbau-Wohnung mit Blick auf das Bayer-Werk!
Schön, jetzt zeigen Sie Ihr wahres Gesicht! Franziska schüttelte den Kopf. Als ich Sie wie ein Kind umsorgt habe, waren Sie freundlicher!
Früher bist du ja auch ohne großen Auftritt ausgekommen! grinste Klaus Berger.
Papa, nicht so über Franziska, bat der jüngere Sohn Jonas. Sie gibt sich Mühe!
Hannelore ist zehn Jahre älter! Hat mehr Erfahrung! Und hat schon drei Ehen hinter sich!
Klar, Hannelore weiß, wie man mit einem Eintopf jeden Mann um den Finger wickeln kann! Aber Franziska, die ist anders!
Halt mir keine Vorträge! wieder krachte die Faust des Familienoberhaupts auf den Tisch. Du fliegst hier schneller raus, als du denkst!
Deine Mutter hat dir ihre Einzimmerwohnung am Stadtrand hinterlassen? Genau dahin kannst du gehen! Verstanden!
Und du, Sebastian? Jonas boxte seinen Bruder in die Seite.
Was soll ich sagen? Sebastian zuckte die Schultern. Hannelores Eintopf ist einfach besser!
Hauptsache, du hast was zum Schaufeln! wandte sich Jonas ab. Und so einer will was über seine Frau sagen!
Die soll sich da raushalten! Sebastian schaufelte weiter. Denn als Hauptgericht gab es Braten, den Hannelore gemacht hatte.
Danke, Jonas! Franziska warf ihm einen dankbaren Blick zu. Wenigstens ein Mann mit Anstand in diesem Haus, danke!
Jonas wurde so rot wie der Eintopf in seinem Teller und begann auch zu essen.
Ja, wir sollten alles aufessen, nickte Klaus Berger. Kalt schmeckt das bestimmt scheußlich!
Franziska wollte etwas sagen wie: Dann erstickt doch daran!, aber beherrschte sich. Sie erhob sich mit Würde und verließ das Esszimmer.
Die ist frech geworden, unglaublich! deutete Klaus Berger seiner Schwiegertochter nach. Und dabei war sie mal ein anständiges Mädchen!
Was Geld doch aus Leuten machen kann!
Pass auf, Sebastian, irgendwann bist du nur noch Geldbörse und ein Paar Ohren, und du rennst für sie wie ein Schäfchen!
Kommt nicht in Frage! Sebastian ballte die Faust. Ich lasse mir das nicht gefallen!
Mach dich nicht lächerlich, winkte Klaus Berger ab.
So geht man nicht mit einer Frau um, murmelte Jonas.
Dich hat keiner gefragt! schnauzte Sebastian seinen Bruder an. Kümmere dich um dich selbst! Mit fünfundzwanzig hast du immer noch nichts erreicht! Rennst ständig wegen Geld zu mir oder zu Vater!
Ich hab ein Start-Up, Jonas senkte den Blick. Bald sind wir im Plus!
Bald, heißt das noch in diesem Jahrhundert, oder warten wir aufs nächste? lachte Klaus Berger. Ist schon gut, nicht böse sein!
Solche Gespräche zogen sich oft endlos dahin. Seitdem die Hausherrin vor drei Jahren gestorben war, hatte sich der Charakter des Vaters endgültig verdüstert.
Er schien kaum noch Freude am Leben zu haben, außer, anderen das Leben schwer zu machen.
Doch dann kam Hannelore ins Esszimmer, über die sie schon mehrfach gesprochen hatten:
Herr Berger, wir müssen zu den Anwendungen! Sie kennen ja Ihren Rhythmus!
Ja, Hannelore, Klaus Berger erhob sich langsam. Führ mich, meine Liebe, zu Gesundheit und Glück!
Sebastian spannte sich an und errötete.
Herr Sebastian, Hannelore wandte sich an den älteren Sohn, später komme ich bei Ihnen vorbei. Ihr eingewachsener Zehennagel macht Ärger, sonst müssen Sie noch ins Krankenhaus!
Sebastian lächelte selig.
In Ordnung, Hannelore!
Nur Jonas sah ihr und dem Vater unübersehbar verächtlich hinterher.
Du brauchst nicht so auf sie herabzusehen, sagte Jonas, als Vater und Hannelore außer Hörweite waren. Sie ist in Ordnung. Und Vater lebt wenigstens wieder etwas auf.
Du Moralapostel, kümmer dich um dich! schnaubte Sebastian. Hast selbst nichts, aber immer große Reden! Bring erst mal was auf die Reihe, dann reden wir!
Jonas wollte das auch gar nicht weiter ausbreiten. Unter einem Vorwand verzog er sich nach hinten ins Gästezimmer. Fünf Minuten später seufzte er:
Franziska, meine Liebe! Lass uns von diesen Leuten einfach abhauen!
Wohin denn? Wovon sollen wir leben?
Ich bring das Geld auf!
Erst mal musst du welches haben
Willst du das alles denn weiter ertragen?
Habe ich eine Wahl?

***

Jede Familie hat eine Macht, die sie zusammenhält. Und wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie langsam zu zerfallen. Sie fällt auseinander bis nichts mehr übrig bleibt. In dieser Familie war es lange Zeit Anna Berger, die Mutter.
Sie war eine hervorragende Ehefrau, eine liebevolle Mutter, eine bemerkenswerte Hausherrin. Aber mit zweiundfünfzig Jahren war sie am Ende.
Vielleicht eben, weil sie immer unersetzbar war, hatte sie sich verbraucht. Abends schlief sie ein, am Morgen wachte sie nicht mehr auf.
Ihr Tod ließ erkennen, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne noch der Ehemann schafften irgendetwas alleine. Gleich nach der Beerdigung verfielen sie in eine Art Schockzustand.
Jeder hatte zwar seine Arbeit, aber das Loch im Herzen nagte unaufhörlich an ihnen.
Die Firma ist verkauft, das Geld liegt auf dem Konto, ich will nichts mehr, sagte Klaus Berger.
Papa, das meinst du nicht ernst! Sebastian war fassungslos. Dein Herzblut steckte in der Firma!
Ich habe keine Seele mehr, sagte der Vater. Ich hätte die Firma euch hinterlassen, aber du hast was Eigenes aufgezogen, und Jonas treibt sich in Start-Ups herum! Meiner will ja niemand!
Und was willst du tun? fragte Sebastian.
Nichts. Mich hinlegen und liegen bleiben! Das Geld reicht locker bis zum Lebensende. Und was übrig bleibt, teilt ihr euch. Wo steckt Jonas eigentlich wieder?
Woher soll ich das wissen, Sebastian zuckte die Schultern. Er hat halt sein Start-Up!
Ach, soll er machen, was er will, winkte Klaus ab. Es ist mir alles gleichgültig geworden
Sebastian und Jonas sahen voller Bitterkeit, wie ihr Vater von Tag zu Tag mehr verblasste.
Wir müssten eigentlich eine Pflegerin einstellen, sagte Jonas. Wer weiß, was noch passiert!
Wer bezahlt die denn? spottete Sebastian.
Er hat doch genug stammelte Jonas.
Er würde dich und die Pflegerin sofort rauswerfen! nickte Sebastian. Versuch dein Glück!
Ich kann nicht bei ihm bleiben. Ich hab mein Start-Up! Vielleicht könntest du wenigstens wieder zu uns ziehen?
Ich denke drüber nach, meinte Sebastian. Ich wollte heiraten, dann starb Mama. Vielleicht war das ein Zeichen, dass ich besser bleiben sollte
Was meinst du? Jonas verstand nicht ganz.
Na ja, Franziska die ich treffe Sie ist Krankenschwester. Praktisch, aber langweilig. Also, na ja
Denkst du, sie könnte je so werden wie Mama? fragte Jonas.
Uns reicht schon, wenn jemand den Anschein wahrt, zuckte Sebastian die Schultern. Unsere Mutter wird niemand je ersetzen können.
Das Gespräch brachte keine Entscheidung, aber danach änderte sich vieles.
Sebastian kehrte zum Vater ins Elternhaus zurück, Jonas wohnte auch da, und Sebastian brachte seine junge Frau mit:
Jetzt ist es unser Haus, sagte er zu Franziska. Du verstehst jetzt, warum ich so lange gezögert habe mit dem Antrag, weshalb es nie eine große Hochzeit gab?
Ja, ich verstehe, sagte Franziska leise.
Ich weiß gar nicht, wie ich dich bitten soll Wir hatten nie Personal. Es gab nur meine Mutter Sebastians Stimme wurde immer leiser.
Das ist schon in Ordnung, Franziska lächelte. Ich muss ja jetzt nicht mehr arbeiten gehen
Klar, Sebastian nickte, du hast Zugang zum Konto. Gib aus, wie du meinst!
Der Einzug der jungen Hausherrin wurde gemischt aufgenommen. Jonas war freundlich, bot Hilfe an. Aber Klaus Berger, der Schwiegervater, ließ nicht ab:
Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Ziehen dich richtige Frauen nicht mehr an? Was kann sie schon? Mit eisigem Spott musterte Klaus seine Schwiegertochter. Wozu soll sie schon taugen?
Und gerade sie soll auf ihn aufpassen, dachte Sebastian und sagte laut:
Papa, sie kann Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau! Ein wenig Respekt bitte!
Versprechen tu ich gar nichts, brummte Klaus Berger. Mal sehen, wie sie sich macht!
Hätte Franziska geahnt, was auf sie zukam, sie hätte das Haus nie betreten.
Im Alltag hatte sie keine Probleme. Die Technik nahm ihr viel Arbeit ab. Aber die größte Hürde war der Schwiegervater.
Ob er sie absichtlich schikanierte oder aus Gewohnheit, konnte keiner sagen aber ständig hatte er an ihr rumzumäkeln und empfahl ihr, doch endlich etwas zu lernen!
Zwei Jahre lang hielt sie das durch. Irgendwann halfen selbst Sebastians Beschwichtigungen nicht mehr. Franziska versammelte alle Männer des Hauses:
Erstickt dran, aber ab sofort kommt eine Haushaltshilfe ins Haus! Ich hab die Frau schon gefunden!
Die wird euch schon entgegentreten, und mir wird sie Rechenschaft ablegen, sonst niemandem! Was sie sagt, gilt wie gesagt!
Wenn die ein ebenso unfähiger Waschlappen ist wie du, hör mir auf! Dann werf ich euch beide raus! knurrte Klaus Berger.
Aber Sebastian und Jonas stellten sich hinter Franziska. Sie sahen selbst, dass es ihr mit ihrem Vater kaum länger zuzumuten war.
Hannelore wurde eingestellt. Sie musterte die Herrschaften mit prüfendem Blick und packte an.
Was die Männer nicht wussten: Franziska und Hannelore hatten neben dem Vertrag noch eine stille Abmachung: Hannelore sollte versuchen, mit Charme und Weiblichkeit Klaus Berger milde zu stimmen.
Klaus war gerade erst siebenundfünfzig, also nicht alt. Hannelore war siebenunddreißig.
Wenn man über Prinzipien hinwegsah und das hatten sie der Vereinbarung wegen längst musste das klappen.
Der alte Kerl muss weich werden! Sonst verdient Hannelore ihr gutes Gehalt umsonst!
Es klappte besser als erwartet. Hannelore kümmerte sich nicht nur um Klaus Berger, sondern warf ab und zu auch Sebastian viel Aufmerksamkeit zu. Die beiden waren im gleichen Alter.
Merkte Franziska das? Natürlich. Doch tun konnte sie nichts. Sebastian kappte ihren Zugang zum Konto, setzte ein Limit.
Und das ging fast gänzlich an Hannelore über. Trost fand Franziska bei Jonas, dem jüngeren Bruder, der sie vom ersten Tag an bewundert hatte.
Fast wären sie gemeinsam weggelaufen aber ihnen fehlte schlicht das Geld. Ins Ungewisse wollten sie auch nicht flüchten.
So blieben sie im entlegensten Gästezimmer und trösteten sich gegenseitig, so gut es ging.

***

Wenn du wüsstest, wie sehr ich sie hasse! schluchzte Franziska an Jonas Brust.
Es ist schrecklich, ich geb dir Recht! Solche Leute Ich schäme mich, mit denen verwandt zu sein! erwiderte Jonas bitter.
Lass uns alles offenlegen und gehen! Lass sie sich gegenseitig zerfleischen! schlug Franziska vor.
Von mir aus! stimmte Jonas zu. Übrigens: Mein Start-Up hat heute einen großen Auftrag erhalten! Es klappt endlich, wir sitzen nicht mehr auf dem Trockenen!
Sie flohen fast wie Gejagte. Die eigentliche Schlacht tobte im Haus.
Als Klaus Berger, das Herz krampfend, die Wahrheit kapierte der eine Sohn hatte ihm die Frau ausgespannt, der andere die Schwiegertochter! Und Hannelore war mittendrin!
Der Ältere schnappt mir die Frau weg, der Jüngere die Frau des Älteren! Familiendrama pur! Und Hannelore Wie Jonas dem widerstehen konnte, weiß der Himmel!
Es wurde geschrien, mit Geschirr geworfen, Möbel gingen zu Bruch, Vorwürfe flogen umher. Es gab kein Halten mehr.
Zerbrochen war die Familie, die Anna Berger mit Liebe zusammengehalten hatte. Sie war das einigende Band gewesen, das die Männer gezähmt hatte. Ohne sie hatten sie sich vollends selbst verloren. Nur das Nötigste zählte noch. Nachdenken konnten sie sowieso nicht mehr.

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Homy
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Der Schwiegervater akzeptiert die Schwiegertochter nicht – Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Reizen dich normale Frauen etwa nicht mehr? Was kann sie überhaupt? Was weiß sie? – Mit Verachtung sah Herr Vasilius auf seine Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt fähig? „Dabei wird gerade sie sich um ihn kümmern müssen“, dachte Andreas und sagte deshalb: – Papa, sie wird niemals Mama ersetzen können, aber sie ist meine Frau! Ich bitte dich daher um einen Funken Respekt! – Und, wie schmeckt der Eintopf? – fragte Veronika. – Galina kocht besser! – erwiderte Herr Vasilius. – Deftiger! Aber wir werden den hier auch essen, wegwerfen tun wir nichts! – Meinen Sie das ernst? – empörte sich Veronika. – Es fehlt einfach etwas, – verzog Andreas das Gesicht. – Nichts Weltbewegendes, aber irgendwas fehlt, und ohne das ist es nicht ganz das Gleiche! – Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich das nicht erwartet! – Veronika riss sich das Kopftuch vom Haar. – Wenn euch Galinas Essen so gut schmeckt, dann lasst sie doch für euch kochen! Ich setze keinen Fuß mehr in diese Küche! – Und was soll man dann essen? – lachte der Schwiegervater. – Zum Essen, Herr Vasilius, gehen ich eben in die Kantine! Da deckt mir dann eure Galina auf! Wofür bezahle ich sie denn? – ärgerte sich Veronika. – So! – Herr Vasilius schlug mit der Faust auf den Tisch. – Junge Dame! Du bist hier genauso ein Fremdkörper wie sie! Und denke daran: Ich schmeiße nicht sie raus, sondern dich! – Papa! – rief Andreas entsetzt. – Geht es nicht etwas kultivierter? Das ist immerhin meine Frau! – Und warum benimmt sie sich dann wie …? – schnaubte Herr Vasilius. – Sie soll sich ihre Allüren dahin stecken, wo sie sie hergeholt hat! Sonst schicke ich sie ganz schnell zurück zu ihren Eltern in die Plattenbau-Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Siemens-Werk! – Jetzt reden Sie aber ganz anders! – schüttelte Veronika den Kopf. – Als ich Ihnen hinterhergerannt bin wie einer kleinen Kindernanny, waren Sie freundlicher! – Damals hattest du auch keine Starallüren! – grinste Herr Vasilius. – Papa, so redet man nicht über Vika, – mischte sich Nikolaus, der jüngere Sohn, ein. – Sie gibt sich wirklich Mühe! Galina ist doch zehn Jahre älter! Sie hat mehr Erfahrung! Und schon drei Scheidungen hinter sich! Klar weiß Galina, wie man mit einer Suppe die Männerwelt betört! Aber Vika ist anders! – Erzähle mir keinen Unsinn! – wieder ein Faustschlag des Familienoberhaupts auf den Tisch. – In null Komma nichts fliegst du aus dem Haus! Die Einzimmerwohnung, die Mama dir am Stadtrand gelassen hat? Genau dorthin kannst du dann ziehen! Verstanden? – Andreas, warum sagst du nichts? – Nikolaus schob dem Bruder den Ellbogen in die Seite. – Was denn? – meinte Andreas schulterzuckend. – Galinas Suppe schmeckt wirklich besser! – Du denkst nur ans Essen! – wandte sich Nikolaus ab. – Und deine Frau? – Sie soll sich raushalten! – und Andreas griff wieder zur Löffel, um schneller mit der Suppe fertigzuwerden. Zum Hauptgang gab es Braten und den machte Galina. – Danke, Nikolaus! – sagte Veronika. – Wenigstens ein Mann im Haus! Immerhin! Nikolaus errötete bis zur Farbe der Suppe und schaufelte, dem Bruder folgend, los. – Ja, wir sollten aufessen, – nickte Herr Vasilius. – Kalt schmeckt das bestimmt wirklich grauenhaft! Veronika wollte schon sagen: „Ja, erstickt doch daran!“, unterdrückte es aber. Mit Würde stand sie auf und verließ das Esszimmer. – Sie wird immer frecher! – zeigte Herr Vasilius in Richtung Schwiegertochter. – War mal ein anständiges Mädchen! Was Geld nicht alles mit Menschen anstellt! Pass auf, Andreas, am Ende macht sie noch einen richtigen Mann aus dir – Portemonnaie mit zwei Ohren und du tanzt nach ihrer Pfeife! – So weit kommt’s nicht! – Andreas ballte die Faust. – Ich krieg sie schon gebändigt! – Mach dich nicht lächerlich, – winkte Herr Vasilius ab. – So behandelt man keine Frau, – brummelte Nikolaus. – Dich hat keiner gefragt! – warf Andreas seinem Bruder böse hin. – Sieh lieber zu, dass du was erreichst! Mit 25 hast du noch nichts auf die Beine gestellt! Guckst immer nur, wo’s Geld gibt, mal bei mir, mal beim Vater! – Ich hab ein Start-up, – murmelte Nikolaus mit gesenktem Blick. – Demnächst machen wir Gewinn! – In diesem Jahrtausend oder soll ich bis zum nächsten warten? – lachte Herr Vasilius. – Na, nimm’s nicht übel! Solche Gespräche zogen sich stundenlang hin. Seit drei Jahren, nach dem Tod der Hausherrin, hatte sich der Charakter des Familienchefs endgültig verdüstert. Seine größte Freude war es nun, anderen das Leben schwerzumachen. Doch da trat Galina ins Esszimmer, über die man an diesem Tag schon oft gesprochen hatte: – Herr Vasilius, es wird Zeit für die Behandlung! Sie wissen doch: Disziplin! – Ich weiß, Galinchen, – stand Herr Vasilius vom Tisch auf. – Bring mich, mein Schatz, zu einem gesunden und glücklichen Leben! Andreas wurde rot und steif. – Andreas Vasilius, – Galina wandte ihren Blick dem ältesten Sohn zu, – später komme ich zu Ihnen! Wir müssen wegen Ihres eingewachsenen Zehs schauen! Sonst müssen Sie ins Krankenhaus! Andreas’ Gesicht entspannte sich, ein glückseliges Lächeln schlich sich ein. – Natürlich, Galinchen! Nur Nikolaus betrachtete die Szene mit kaum verhohlener Verachtung. – Du bist zu hart zu ihr, – meinte Nikolaus, nachdem der Vater mit Galina gegangen war, – sie ist wirklich nett. Und der Vater erholt sich endlich etwas. – Pass du mal lieber auf dich auf, Moralapostel! – schnaufte Andreas. – Du hast nichts, aber willst anderen den Kopf waschen! Bring du erst mal was auf die Reihe, dann kannst du den Mund aufmachen! Mehr brauchte Nikolaus nicht, um mit einer Ausrede aus dem Esszimmer zu fliehen. Und zehn Minuten später, im hintersten Gästezimmer: – Vika, Liebling! Lass uns abhauen, weg von diesen Leuten! – Wohin sollten wir denn gehen? Wovon sollen wir leben? – Ich sorge schon für uns! – Bring erst mal Geld nach Hause… – Und du bist bereit, das alles zu ertragen? – Habe ich eine Wahl? *** Jede Familie hat eine Kraft, die sie zusammenhält. Wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie zu bröckeln. Sie zerfällt Schritt für Schritt, bis nichts mehr übrig ist. Bei uns war das lange Zeit Anna-Maria. Sie war eine tolle Ehefrau, liebevolle Mutter und fantastische Hausherrin. Aber mit 52 war sie völlig ausgelaugt. Wahrscheinlich, weil sie immer die Beste war und sich selbst aufbrauchte. Abends schlief sie ein und wachte morgens nicht mehr auf. Erst ihr Tod zeigte, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne, noch der Ehemann konnten wirklich etwas leisten. Gleich nach der Trauerfeier fielen alle in eine Schockstarre. Jeder hatte zwar seinen Alltag zu bewältigen und schaffte das irgendwie. Aber das beklemmende Gefühl von Leere nagte an ihnen. – Ich habe die Firma verkauft, das Geld ist auf dem Konto, mehr will ich nicht, – sagte Herr Vasilius. – Papa, warum? – fragte Andreas verblüfft. – Du hast doch alles in diese Firma gesteckt! – Ich habe keine Seele mehr! – antwortete der Vater. – Ich wollte sie euch Söhnen übergeben, aber du hast dein eigenes Geschäft aufgebaut, und dein Bruder… treibt auch sein eigenes Ding! Am Ende braucht keiner meine Firma! – Und was willst du jetzt machen? – hakte Andreas nach. – Nichts mehr! Ich lege mich hin und bleibe liegen! – sagte Herr Vasilius. – Das Geld reicht mir bis ans Lebensende. Was übrig bleibt, teilst du mit Nikolaus! Übrigens, wo steckt dein Bruder wieder? – Woher soll ich das wissen, – zuckte Andreas mit den Schultern. – Der hat doch dieses Start-up! – Ist mir inzwischen egal, – seufzte Herr Vasilius. – Mir ist echt alles egal… Andreas und Nikolaus beobachteten mit Bitterkeit, wie ihr Vater langsam verblasste. – Wir sollten ihm eine Pflegekraft holen, – schlug Nikolaus vor. – Nicht, dass er sich noch was antut! – Und wer bezahlt das? – grinste Andreas. – Er hat doch… – begann Nikolaus verlegen. – Versuch du erstmal, ihn zu überreden! – nickte Andreas. – Er schickt dich und die Pflegekraft zum Teufel! – Ich kann nicht bei ihm bleiben, ich habe mein Start-up! – meinte Nikolaus. – Vielleicht ziehst du zu uns? – Ich überleg’s schon, – antwortete Andreas. – Aber ich wollte heiraten, und dann starb Mama. Vielleicht war’s ein Zeichen, es nicht zu tun… – Was meinst du damit? – verstand Nikolaus nicht. – Naja, Veronika, die mit der ich zusammen bin, sie ist Krankenschwester und eine Haushaltstüchtige. Aber mit ihr ist’s langweilig. Na ja… – Du denkst, sie könnte werden wie Mama? – fragte Nikolaus. – Uns würde erstmal schon irgendjemand reichen, der nach außen ein bisschen Normalität schafft, – sagte Andreas. – Niemand wird Mama ersetzen! Das Gespräch führte zu nichts – aber danach geschah vieles. Andreas zog zurück ins Elternhaus zu Vater und Bruder und brachte seine junge Frau Veronika mit: – Jetzt ist das unser Zuhause, – sagte er zu Veronika. – Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mit dem Heiratsantrag gezögert habe und es keine richtige Hochzeit gab? – Ja, ich verstehe es, – antwortete Veronika leise. – Ich bitte dich, uns zu helfen; hier gab’s nie Personal, nur meine Mutter… – sagte Andreas, und am Ende versagte ihm die Stimme. – Es ist schon gut, – lächelte Veronika. – Ab jetzt muss ich nicht mehr zur Arbeit fahren… – Natürlich! – Andreas nickte heftig. – Du bekommst Zugang zum Konto! Für alles Notwendige! Ihr Einzug wurde unterschiedlich aufgenommen. Nikolaus reagierte freundlich und bot Hilfe an, sobald er zuhause sei. Aber der Schwiegervater: – Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Sind normale Frauen für dich nichts mehr? Was kann sie? Was weiß sie? – Mit Verachtung musterte Herr Vasilius die Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt im Stande? „Sie wird sich doch um ihn kümmern müssen,“ dachte Andreas, sagte aber: – Sie wird Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau. Also bitte um etwas Respekt! – Ich verspreche gar nichts, – brummelte Herr Vasilius. – Schauen wir mal, was sie taugt! Hätte Veronika geahnt, was sie in den kommenden zwei Jahren alles ertragen würde, hätte sie den Fuß nie über diese Türschwelle gesetzt. Mit Haushaltsdingen kam sie klar, denn das Haus war technisch modern ausgestattet. Man musste nur Knöpfe drücken. Die größten Schwierigkeiten kamen aber vom Schwiegervater. Absichtlich oder nicht – das war nicht immer klar – doch ständig gab es Beschwerden, sie müsse endlich mal etwas Richtiges lernen! Wie gesagt, sie hielt zwei Jahre durch. Dann konnten auch Andreas’ Bitten sie nicht mehr beruhigen. Sie versammelte die Männer des Hauses und sagte: – Es reicht! Ich hole mir jetzt eine Haushaltshilfe! Und ich habe schon eine gefunden! Sie ist stur und lässt sich von euch nichts sagen – sie ist für mich da! Was sie sagt, gilt dann für uns alle! – Wenn das so eine Niete ist wie du, können wir euch beide gleich rausschmeißen! – meinte Herr Vasilius unzufrieden. Doch Andreas und Nikolaus unterstützten Veronikas Vorhaben. Ihnen war klar, wie schwer Veronika es mit dem Vater hatte. Der Einzug von Galina war kein Feiertag. Mit kühlem Blick musterte sie Haus und Bewohner, murmelte etwas Unverständliches und machte sich an die Arbeit. Doch verborgen blieb den Männern eine zusätzliche Abmachung zwischen Veronika und Galina. Galina sollte mit ihrem Charme Herrn Vasilius bezirzen. Mit 57 war Herr Vasilius noch längst kein alter Greis. Galina war 37 – also wenn Prinzipien mal außen vor blieben, wäre das ein Erfolgsrezept. – Der alte Grantler muss weich werden! Sonst bekommt Galina ihr gutes Gehalt umsonst! Und der Plan ging auf – fast zu gut. Galina kümmerte sich nicht nur um Herrn Vasilius, sondern auch um Andreas, der ihr Altersgenosse war. Bemerkt Veronika das? Natürlich! Wehren konnte sie sich aber nicht. Andreas schränkte ihren Zugang zum Familienkonto ein. Und das Geld wanderte fast komplett in Galinas Tasche. Veronika suchte Trost bei Nikolaus, der schon immer heimlich in sie verliebt war. Sie wären längst gemeinsam abgehauen – nur wovon hätten sie leben sollen? Einfach ins Ungewisse flüchten, ohne Sicherheit, war zu riskant. So fanden sie wenigstens Trost beieinander – im abgelegenen Gästezimmer. *** – Wenn du wüsstest, wie ich sie alle hasse! – sagte Veronika, an Nikolaus’ Brust geklammert. – Es ist schrecklich, aber ich stimme dir vollkommen zu, – antwortete Nikolaus. – Furchtbare Menschen! Ich schäme mich, dass sie meine Familie sind! – Lass uns alles auf den Tisch bringen und gehen! Sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen! – schlug Veronika vor. – Ja, warum nicht! – stimmte Nikolaus zu. – Außerdem, ich hab heute einen großen Auftrag bekommen! Mein Start-up läuft! Wir werden nicht ohne Geld dastehen! Veronika und Nikolaus flohen heimlich wie auf der Flucht. Der eigentliche Sturm tobte im Haus. Als Herr Vasilius – das Herz in der Hand – alles begriff: – Der ältere Sohn schnappt mir die Frau, der jüngere nimmt die Frau vom älteren! Tolle Familie, die wir sind! Und Galina auch noch – wie sie an Nikolaus vorbeigegangen ist, versteh ich auch nicht! Es wurde laut gestritten, Geschirr flog, Möbel krachten, gegenseitige Schuldzuweisungen prasselten auf alle Seiten ein. Es gab keinen, der nicht getroffen wurde. Die Familie, die Anna-Maria einst mit so viel Liebe zusammengehalten hatte, war zerfallen. Denn sie war die Seele – und nur sie wusste, wie man die Männer bändigt. Ohne sie rutschten sie allesamt ans unterste Ende ihrer Bedürfnisse. Hauptsache einfach, Hauptsache bequem. Denken – Fehlanzeige.
— Du bist verantwortungslos, Mama. Gründe deine Familie woanders.