Educational
015
Ich bin die älteste Schwester in einer großen Familie: Ich habe alle gefüttert, mich um sie gekümmert, und sie täglich in den Kindergarten und zur Schule gebracht – meine Eltern haben mich nie gefragt, ob ich das möchte. Ich hatte kaum Freunde, weil mir die Zeit zum Treffen fehlte; meine Altersgenossen haben sich über mich lustig gemacht und meinten, ich könne nur Windeln wechseln. Es tat so weh, dass ich oft weinte – mein Vater sah das und schlug mich mit dem Gürtel. Er sagte immer, er würde mir den „Unsinn“ aus dem Kopf schlagen. Eine Kindheit hatte ich nicht. Nach der achten Klasse ging ich auf die örtliche Realschule – den Weg hatten meine Eltern für mich entschieden: Ich sollte Köchin werden, damit die Familie immer satt ist. Drei Jahre später arbeitete ich in einem Café. Mein Vater zwang mich, Essen zu stehlen; ich verweigerte es. Meine Mutter warf mir Egoismus vor, weil die Familie angeblich wegen mir hungern musste. Sie nahmen mir auch mein erstes Gehalt weg. Als ich mein zweites bekam, rannt ich fort, stieg in irgendeinen Zug – das Ziel war mir egal, Hauptsache, ich entkam aus der Hölle. Ich wusste: Wenn ich bleibe, geht mein Leben zugrunde. Es war schwer, aber noch schwieriger war es, wie ein Sklave für meine Eltern zu leben. Ich schwor mir, meinen Weg zu gehen, egal was es kostet – ich schrubbte Böden, fegte und schaffte den Aufstieg in die Küche. Ich sparte sogar als mein Lohn sich vervielfachte. Jeden Cent legte ich zurück. Mein Traum: eine eigene Wohnung, in der ich die Herrin bin. Ich lebte die ganze Zeit bei einer alten Dame, zahlte ihr eine symbolische Miete und half ihr im Haushalt. Sie war so etwas wie eine Ersatzfamilie für mich: Nach Feierabend wartete sie mit Kräutertee und selbstgebackenem Kuchen auf mich. In solchen Momenten war ich der glücklichste Mensch der Welt. Bald lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Eine Hochzeit gab es nicht – wir unterschrieben einfach im Standesamt. Danach zog ich zu seinen Eltern. Wenige Monate später bekam ich meine Tochter, dann meinen Sohn. Langsam dachte ich wieder an meine Eltern. Nach Rücksprache mit meinem Mann entschieden wir, sie zu besuchen. Ich besorgte Geschenke und machte mich auf den Weg. Doch als sie mich sahen, schimpften sie sofort, meine Brüder tranken, die Schwester ebenfalls. Mama und Papa bemerkten nicht mal, dass ich nicht allein war – sie schauten nicht auf die Enkel, sondern warfen mir die Tür vor der Nase zu. Vielleicht nennt ihr das kleinlich, aber ich drehte mich um und ging. Ich nahm die Geschenke wieder mit. Nicht einmal zur Beerdigung bin ich später gegangen.
Ich bin die älteste Schwester in einer großen Familie. Ich habe immer alle versorgt, aufgepasst und sie
Homy
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013
„Hol deinen Vater ab! Es wird höchste Zeit!“ – sagte uns Sara. „Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert! Deine Schwester will das Haus, aber wir sollen deinen Vater versorgen. Soll er etwa bei uns einziehen? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?“ – wandte ich mich fragend an meinen Mann. Zufällig hatte ich das gesamte Gespräch zwischen meinem Mann und seiner Schwester Sara mitbekommen. Jahrelang lebte ich nach dem Grundsatz meiner Mutter: Misch dich nicht ein in die Beziehung zwischen deinem Mann und seinen Eltern. Doch im Gegensatz zu meinem Vater hatte mein Mann keine intakte Familie. „Was sollen wir denn machen? Sara hat drei Kinder! Sie kann sich unmöglich auch noch um den Vater kümmern!“ „Warum kümmert sie sich nicht um ihn, wo sie doch zusammen wohnen?“ Diese Geschichte begann schon vor langer Zeit. Mein Schwiegervater braucht schon lange Hilfe. Gemeinsam mit meinem Mann besuchen wir ihn oft und unterstützen ihn, weil er sich alleine nicht versorgen kann. Selbst Einkaufen geht nicht mehr. Deshalb übernehmen wir das gemeinsam. Sara und ihre Kinder wohnen im Haus meines Schwiegervaters. „Sie hat Kinder! Und wir etwa nicht?“ – warf ich meinem Mann vor. Das Problem ist, dass Sara sich überhaupt nicht um ihren Vater kümmern möchte. Sie tut so, als wäre das gar nicht ihr Thema. Doch jetzt ist der Zustand des Vaters schlechter geworden, er braucht echte Pflege. Natürlich können wir nicht immer einfach helfen, wenn wir getrennt leben. Also sagte meine Schwägerin: „Nehmt Vater endlich zu euch! Es wird Zeit! Es ist unfair, dass er immer noch bei mir wohnt! Jetzt seid ihr dran, euch zu kümmern!“ Ich war sprachlos über diese Unverschämtheit. Schließlich halfen wir immer, und eigentlich wohnt doch Sara im Haus ihres Vaters und nicht umgekehrt. Mir gefiel überhaupt nicht, dass mein Mann direkt zustimmte. Sara ärgerte sich schon lange darüber, dass das Haus laut Grundbuch immer noch dem Vater gehörte. Ihr war klar, dass nach dem Tod das Haus unter den Geschwistern geteilt werden würde – deshalb verlangte sie, dass ihr Bruder den Vater übernimmt und sie im Gegenzug das ganze Haus erhalten sollte. „Wir haben Kinder und eine eigene Wohnung. Sara hat nichts!“ „Und? Was soll’s?“ Dein Vater ist ein sehr lieber Mensch. Ich habe grundsätzlich nichts gegen ihn im Haus. Platz genug hätten wir. Aber: Wir sparen schon seit Jahren, zahlen fleißig unseren Hypothekenkredit ab, um uns das eigene Heim zu leisten. Und was hat Sara geleistet? Genau: nichts! Und jetzt will sie einfach so das ganze Haus? Aber es sollte doch eigentlich geteilt werden! „Manchmal bekommt ein Kind das ganze Haus.“ „Manchmal! Aber dann gibt’s wenigstens einen anderen Nachlass. Was schlägst du vor? Natürlich nehmen wir Papa zu uns. Aber das Haus muss geteilt werden! Wir haben schließlich auch Kinder, und das Geld wäre für uns nicht unwichtig!“ – sagte ich zu meinem Mann. Mein Mann beredete das Thema mit seiner Schwester. „Aber ich kann mir doch von der Hälfte gar kein neues Haus leisten!“ – empörte sich Sara. „Dann kauf dir halt ein kleines Haus!“ „Was, wenn ich das nicht will? Warum denkst du nicht an meinen Komfort?“ „Denkst DU denn an meinen Komfort? Seit Jahren zahlen wir Hypothek. Und du willst das Haus, ohne was dafür zu tun? Das läuft so nicht!“ entgegnete mein Mann. Schließlich holten wir den Schwiegervater zu uns. Die Pflege ist machbar – er versucht, möglichst vieles selbst zu erledigen, aber Hilfe ist natürlich nötig. Sara ruft weiterhin jede Woche an – mit neuen Forderungen oder Bitten: mal fehlen ihr Geld, mal braucht sie das Auto. Ein halbes Jahr später sagte mein Schwiegervater, er wolle ein Testament verfassen und uns das ganze Haus vermachen. „Ich vertraue meiner Tochter nicht. Sie hat mich sehr enttäuscht!“ – sagte mein Schwiegervater mit einem bitteren Lächeln.
Nimm deinen Vater zu euch! Es wird allerhöchste Zeit! sagte uns Klara. Ich verstehe gar nicht, was hier passiert!
Homy
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015
Meine Schwiegermutter erschien auf unserer Einweihungsparty – und ich habe sie rausgeworfen!
Du, ich muss dir was erzählen, was letztens bei unserer Einzugsfeier passiert ist meine Schwiegermutter
Homy
Educational
09
Nach dem Unfall konnte meine Tochter nicht mehr laufen
Nach dem Unfall konnte meine Tochter nicht mehr laufen. Meine Tochter tanzt, seit sie vier Jahre alt war.
Homy
Nach der Hochzeit belauschte ich zufällig ein Gespräch meines Mannes mit meiner Mutter – und was ich hörte, ließ mein Blut in den Adern gefrieren
Einige Wochen nach der Hochzeit wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr, als ich zufällig ein Gespräch
Homy
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012
Anna kam zweimal die Woche zu ihrer Mutter, stellte ihr Essen und Wasser ans Bett und ging wieder.
Meine Nachbarin heißt Frieda. Ihre Tochter, die einzige, heißt Lotte. Friedas Mutter lebt schon seit
Homy
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08
Ferien ohne festen Plan – Warum unsere kleine Familie den Silvesterstress hinter sich ließ und einfach mal zuhause blieb
Ferien ohne Zeitplan In der Küche brummte der Dunstabzug, und Andreas las zum dritten Mal die Nachricht
Homy
Educational
019
Die angelehnte Tür Zuerst bemerkte er gar nicht, was anders war. Wie gewohnt stieg er im neunten Stock aus dem Aufzug, tastete nach dem Schlüsselbund und schlenderte zu seiner Wohnungstür, während der Champagner und die Salate noch als dumpfes Rauschen in seinem Kopf nachhallten. Im Treppenhaus herrschte für diese Silvesternacht ungewöhnliche Stille; nur eine Etage tiefer wurde gelacht und Türen flogen zu. Vor seiner Wohnung blieb er stehen, lehnte die Hand an die Wand, um das Schloss nicht zu verfehlen, und erst da sah er flüchtig links ein Flackern im Augenwinkel. Die Nachbartür, gleich neben seiner, stand einen Spalt breit offen. Im Halbdunkel des Flurs glimmte eine bunte Lichterkette, über den Garderobenständer geworfen, und aus der Tiefe drang leise eine Frauenstimme: „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit…“ Er blieb, mit dem Schlüssel in der Luft, stehen. Im Treppenhaus war es kühl, es roch nach etwas Gebratenem, das aus irgendeiner Wohnung drang, und nach seinem eigenen Rasierwasser. In seinem Kopf hallten noch die Trinksprüche: „Auf die Gesundheit, auf uns, dass wir nicht alt werden!“; und gerade jetzt wurde es seltsam leer. Bei den Freunden war es laut, eng, Kinder tobten umher, jemand warf Knallbonbons aus dem Fenster. Er hatte gelacht, getrunken, zugehört, wenn es um Immobilien, Urlaube in Spanien und Renovierungen ging. Als Mitternacht schlug, stießen sie an, umarmten sich, ein paar flossen Tränen beim dritten Glas. Dann ein kurzes Taxi durch die fast menschenleere Stadt, die Lichterketten in Bäumen – und jetzt stand er hier, die Schuhe drückten, ein schwummeriges Gefühl im Schädel und diese eigenartige Klarheit: Er kam allein nach Hause. Die Nachbarn. Er kannte ihre Gesichter, aber nicht ihre Namen. Der ältere Herr mit den grauen Schläfen und dem kleinen Bäuchlein unter dem Strickpullover, der im Aufzug immer freundlich nickte. Seine Frau, klein, mit kurzem Haar und Netzbeutel, immer voller Tüten. Sie lebten schon länger hier als er. Als er vor fünfzehn Jahren einzog, war ihr Name schon am Türschild; er hatte nie genauer hingesehen. Ein Gruß, ein Kopfnicken, gelegentlich ein kurzes Wort über das warme Wasser, das wieder fehlt. Und das war’s. Er blickte auf die angelehnte Tür. Die Musik lief, aber leise. Die Lichterkette flackerte, als hätte sie keine Lust. Drinnen war es dunkel, nur das Flurlicht schimmerte schwach. Die Tür bewegte sich nicht. „Vorbeigehen“ war der erste, naheliegende Gedanke. Vielleicht lüften sie, haben es vergessen – nicht seine Angelegenheit. Fast hätte er schon seinen Schlüssel in die Tür gesteckt, doch etwas hielt ihn zurück. Eine angelehnte Tür in so einer Nacht, wo alle entweder Gäste haben oder sich zuhause verschanzen, um keine bösen Überraschungen erleben zu müssen. Alte Lieder, wie aus seiner Kindheit. Und dieses seltsame Gefühl: Wenn er jetzt einfach in seine Wohnung geht, sich auszieht und das Fernsehkonzert einschaltet, dann bleibt sein Leben genauso – neben Menschen, über die er nichts weiß, nur durch eine Wand getrennt. Er zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und lauschte. Keine Stimmen, kein Lachen – nur das Lied endete und das nächste begann: „Der blaue Wagen“. Er verzog das Gesicht. Was, wenn jemandem etwas passiert ist? Gestürzt? In den Nachrichten liest man ständig von alten Leuten, die erst Tage später gefunden werden. Vor zwei Wochen hatte er den Nachbarn in der Apotheke gesehen: Er kaufte Medikamente, kramte ewig im Geldbeutel, entschuldigte sich vor der ganzen Schlange. „Na gut“, murmelte er zu sich selbst und machte einen Schritt auf die Tür zu. Er schob sie vorsichtig mit den Fingern. Sie gab etwas nach, dann stieß sie auf etwas Weiches. Durch den Spalt sah er mehr vom Flur: den abgetretenen Teppich, ein Paar Schuhe, Damenpantoffeln mit Fell. Geruch von gebratenem Hähnchen und Mandarinen – der Duft war bereits abgekühlt, aber er lag noch in der Luft. Jacken hingen an der Garderobe, die Lichterkette baumelte bis zum Boden. „Hallo?“ rief er zögerlich. „Äh… ist jemand da?“ Keine Antwort. Die Musik lief gleichmäßig weiter, also Strom und Geräte funktionierten. Er klopfte mit den Knöcheln. „Nachbarn, alles okay bei Ihnen?“ Drinnen polterte etwas dumpf, dann hörte er Schritte. Die Tür öffnete sich etwas weiter und im Spalt erschien das Gesicht der Hausherrin. Die Wangen rosig, der Blick müde, die Festtagsfrisur hatte ihre Form verloren. Sie trug einen glänzenden Pullover, um den Hals eine schlichte Kette. „Ach!“, sagte sie überrascht und griff sofort nach der Türklinke, als wolle sie die Tür gleich schließen. „Entschuldigen Sie, wir hier…“ Er hob die Hände, als wolle er sich rechtfertigen. „Ich… also… die Tür war angelehnt. Ich habe mir Sorgen gemacht. Alles in Ordnung?“ Sie sah ihn einen Moment prüfend an, bemerkte den schief sitzenden Schlips, die Plastiktüte mit Salatresten und – so schien es – erkannte ihn. „Ah, aus der Neun“, sagte sie. „Ja, ja, alles gut. Wir haben nur… das Fenster offen gehabt und…“ Von drinnen rief ein Männerstimme: „Wer ist da, Lissi? Wieder die Silvesterknaller?“ „Der Nachbar!“, rief sie zurück. „Unserer von gegenüber!“ Die Tür ging auf und ihr Mann erschien. Hemd über der Hose, oberster Knopf geöffnet, ein Glas mit bernsteinfarbenem Inhalt. Sein Gesicht war verknittert, doch die Augen klar. „Ach, guten Abend!“, sagte er. „Frohes neues Jahr!“ „Ihnen auch!“, antwortete Anton – und dachte, dass er ihre Namen immer noch nicht kannte. „Ich… habe die Tür gesehen. Dachte, vielleicht ein Luftzug, und Sie sind weg.“ „Ach, wir…“, Lissi lächelte kurz, „aus Gewohnheit. Wenn ich Müll rausbringe, schließe ich nie ganz ab. Heute war alles so hektisch, hab vergessen. Tut mir leid, wenn Sie erschreckt wurden.“ Er nickte und hatte schon zum Rückzug angesetzt. „Na, dann ist ja alles gut. Ich geh dann mal. Noch mal…“ „Moment!“, rief der Nachbar plötzlich. „Bleiben Sie doch kurz. Jetzt sind Sie schon mal da.“ Er zögerte. „Ach, ich war ja schon bei Freunden, habe gegessen und getrunken. Ist ein bisschen unangenehm…“ „Quatsch!“, winkte der Mann ab. „Was ist schon dabei? Wir grüßen uns zwanzig Jahre und nie sitzen wir mal zusammen. Lissi, gib dem Herrn ein Gläschen!“ Sie zuckte die Schultern, aber es klang viel mehr nach Zustimmung. „Schuh aus, komm rein“, sagte sie. „Ganz unkompliziert. Küche ist dort.“ Er blickte unsicher auf seine eigene Tür. In der Tasche schwer der Schlüssel, in der Hand die Tüte mit Salat und der Sektflasche, die er bei den Freunden gar nicht geöffnet hatte. Die stille Wohnung schien plötzlich besonders leer. „Gut, aber nur kurz“, sagte er. Er stellte die Schuhe zu ihren, nicht viele: zwei Paar Männerhalbschuhe, alt, aber gepflegt, Damenschuhe, keine Kinderschuhe. Die Tüte nahm er mit, unsicher, wohin damit. „Gib her“, Lissi reichte die Hand. „Was bringst du mit?“ „Ach, nur ein bisschen Salat und Sekt“, murmelte er verlegen. „Perfekt! Unser Sekt ist gerade aus“, sagte sie. „Du bringst also ein Geschenk.“ Die Küche war klein, aber gemütlich. Auf dem Tisch noch Salatteller, Heringssalat, Wurst, Mandarinen. Eine Vase mit Tannenzweigen und zwei Figuren. Am Fenster glimmte eine andere Lichterkette. Auf einem Stuhl saß eine Frau um die Fünfzig mit sanftem Gesicht und stöberte durchs Handy. Daneben ein leerer Becher auf dem Hocker. „Meine Schwester, Tanja“, stellte Lissi sie vor. „Tanja, unser Nachbar aus der Neun. Wie heißt…?“ „Anton“, ergänzte er. „Anton Seidel.“ „Ach, so förmlich!“, lachte ihr Mann. „Wir machen keine Förmlichkeiten. Ich bin Viktor“, er schmiegte ihm die Hand. „Lass das Seidel weg.“ Sie schüttelten Hände. Viktors Hand warm und rau, kräftig. „Setz dich, Anton“, Tanja rückte den Hocker zurecht. „Lissi bringt gleich einen Teller.“ Anton setzte sich, leicht verlegen. Er sah ein Schwarzweiß-Foto an der Wand: ein junger Viktor in Uniform, daneben Lissi mit langen Haaren, ein kleiner Junge an der Hand. Auf dem Kühlschrank Magneten von Orten, die er nie besucht hatte. „Na dann“, Viktor schenkte klare Flüssigkeit ein. „Auf dass man manchmal Türen öffnet und nicht nur schließt.“ Anton lächelte. Der Satz erschien ihm groß, aber Viktors Ton war müde, nicht pathetisch, eher bestimmt. Sie stießen an. Der Schnaps war mild, breitete Wärme aus. Nebenan dudelte weiter Musik, inzwischen ein Lied über „drei weiße Pferde“. „Wo hast du gefeiert?“, fragte Lissi und schob Anton Salat rüber. „Bei Freunden“, antwortete er. „Große Runde, Kinder, laut.“ „Und allein zu Hause?“, Tanja blickte über die Brille. Er nickte, ohne Details zu nennen. „Tochter in Hamburg mit Familie“, schob er die übliche Ausrede hinterher, wollte aber eigentlich heute nicht darüber reden. „Sie hat ihr eigenes Leben.“ „Verstehe“, sagte Lissi leise. „Unser Sohn wohnt zwischen Oldenburg und Bremen, feiert mit den Enkeln bei der Schwiegermutter. Wir sind nicht böse. Junge Leute gehen ihre Wege.“ Viktor schnaubte. „Nicht böse…“, wiederholte er. „Aber die Enkel haben wir lang nicht gesehen.“ Tanja lächelte ein bisschen traurig. „Wie lange wohnst du schon hier, Anton?“, fragte sie und aß eine Mandarine. „Fünfzehn Jahre“, antwortete er. „Seit… der Scheidung. Habe die Wohnung geholt, bin hergezogen.“ „Ach!“, Lissi schüttelte den Kopf. „Ich dachte, du wärst neu. So jugendlich!“ Anton schmunzelte. „Danke. Bin zweiundfünfzig.“ „Viktor ist zweiundsechzig“, warf Tanja ein. „Er sagt, er sei noch ein Junge.“ „Bin ich auch“, Viktor gießt nach. „Im Herzen.” Das Lachen war leise, aber ehrlich. Anton spürte, wie sich die Anspannung löste. Er sah die Details: sauber gefaltete Servietten, die alte Tischdecke mit ein paar Rote-Bete-Flecken, ein vergessener Hähnchenschenkel. „Ich erinnere mich an dich“, sagte Lissi plötzlich. „Du hast mal mit Bücherkartons eingezogen. Ich fand, es gibt nun einen belesenen Nachbarn.“ „Beim Umzug“, bestätigte Anton. „Ich habe alles selbst geschleppt, hatte tagelang Rückenweh.“ „Einmal kamst du total eingeschneit nach Haus“, erinnerte Viktor. „Vor zehn Jahren, ich half dir, die Tannenbaumzweige aus dem Türrahmen zu bekommen.“ Anton staunte. An die Tanne erinnerte er sich schwach, hatte aber nicht erwartet, dass das jemand mitkriegt. „Komisch“, sagte er. „Man lebt nebeneinander und weiß nur diese Bruchstücke.“ „Was will man mehr?“, meinte Tanja achselzuckend. „Hauptsache, nachts ist Ruhe und im Flur liegt kein Müll.“ „Oder dass niemand einen überflutet!“, lachte Viktor. „Unsere Studenten von unten kennen wir zu gut.“ Sie lachten über die Geschichten – Partys, die ruppige Nachbarin und andere Haustypen – der Gespräch floss irgendwann ganz entspannt. Anton erzählte vom Büro, Homeoffice, von Kollegen, die alle jünger sind als seine Tochter. Viktor berichtete vom Werk, vom Reparaturservice und ja, wie sie die Datscha verkaufen mussten. Lissi erzählte von beruflichen Sorgen in der Bibliothek, Tanja von Verwaltungssorgen im Mietshaus. „Wir dachten immer“, Lissi schenkte ein, „du wärst ein wichtiger Boss. Immer so korrekt gekleidet.“ „Ach was“, lachte Anton. „Normaler Manager. Dresscode.“ „Trotzdem“, ließ sie nicht locker, „du wirkst wie jemand, der den Überblick hat.“ Kommt mir oft nicht so vor, dachte Anton. Gerade jetzt, zwischen all den unbekannten Geschichten. „Und ihr dachtet… was arbeite ich?“ „Ich hielt dich für Jurist“, sagte Viktor ehrlich. „Du gehst so… entschlossen.“ „Ich glaubte, du wärst Lehrer“, meinte Tanja. „Du hast mal einen Jungen zurechtgewiesen, sanft, nicht geschimpft, als er im Hausflur malte.“ Anton erinnerte sich vage. Sohn der Nachbarn von weiter unten. „Komisch“, sagte er. „Man stellt Bruchstücke zu ganzen Biografien zusammen.“ „Und über uns?“, hakte Lissi nach. Er schwieg. Er hatte wenig nachgedacht. „Naja… Familie eben. Kinder, Enkel, feiern zusammen.“ Viktor seufzte. „Da glaubt man, wir hätten Riesenparty mit Quetsche. Und dabei… sitzen wir zu dritt in der Küche mit Fernsehen.“ „Und Musik!“, lachte Tanja. „Ich brauch die Lieder.“ Stille entstand. Das nächste Lied begann. „Wir hatten immer volles Haus“, meinte Lissi leise. „Sohn, Freunde, meine Eltern. Den Tisch bauten wir im Wohnzimmer aus. Jetzt… alle verstreut. Eltern tot, Sohn weit weg. Wir sind nicht traurig, es ist nur ungewohnt.“ Anton nickte. Er dachte an frühere Feste mit Familie, Schwiegereltern, Freunden – dann Trennung, wechselnde Weihnachtsabende mit Tochter, Kollegen, oder allein daheim. Dieses Jahr hatte er sich für die Freunde entschieden, weil es lauter war. Doch als Gast fühlt er sich oft fehl am Platz. „Als ich von den Freunden heim bin“, sagte er unerwartet, „fühlte ich mich, als käme ich ins Hotel. Wohnung, Sachen – aber…“ Keine Worte. „Versteh ich“, sagte Tanja. „Nach dem Tod meines Mannes war es genauso. Alles gehört mir, aber nichts richtig.“ Lissi legte ihr die Hand auf die Schulter. Anton schmerzte das im Hals. „Entschuldige“, sagte er leise. „Ich wusste das nicht.“ „Wieso solltest du?“, erwiderte Tanja freundlich. „Wir grüßen uns doch nur im Aufzug.“ Sie sprachen lange. Zeit dehnte sich, aber angenehm. Geschichten von Stromausfall, Silvester mit Gasflamme, Nachbarn, die an Silvester das Bad fluten, Anton im Zug mit Plastikgläsern. Die Schalen leerten sich, die Musik wurde ruhiger, draußen knallten noch vereinzelt Raketen. Es war nach drei. Anton merkte: Es gefiel ihm. Nicht laut, sondern gut. Er hörte Lissi über ihre Sorgen als Bibliothekarin, Viktor scherzte über seine Wehwehchen, Tanja berichtete von Mieterbeschwerden. „Ich dachte immer, wir hier sind wie die Leute in der U-Bahn“, sagte Viktor irgendwann. „Einsteigen, durchfahren, aussteigen. Aber jetzt – sitzt man zusammen, und das Altwerden ist nicht mehr so beängstigend.“ Anton schmunzelte. „Nicht das Altwerden ist schlimm, sondern das Alleinsein.“ „Ja“, nickte Lissi. „Manchmal nachts denke ich: Wenn mir was passiert, Viktor ist im Laden oder auf der Datscha. Wer merkt es? Und du, Anton?“ Er zögert. Kollegen, Tochter – alle weit weg. „Niemand“, sagt er ehrlich. „Vielleicht ruft der Chef an, wenn ich zu lange fehle.“ „Siehst du!“, meint Tanja. „Wir sind zu dritt auf dem Flur und kennen nicht mal die Nummern.“ Viktor lacht. „Darauf willst du wohl hinaus, Schwesterherz?“ „Genau. Lass uns die Nummern tauschen. Nicht zum Telefonieren, aber für den Notfall.“ Anton nickte. Die Idee ist einfach, aber gerade jetzt fühlt sie sich wichtig an. „Machen wir“, sagt er. Sie schreiben die Nummern auf. Lissi notiert seine, pinnt sie an den Kühlschrank. „Jetzt wissen wir deinen Namen, nicht nur ‘unserer aus der Neun’.“ Um vier werden alle ruhiger. Müdigkeit legt sich über die Runde wie eine Decke. Lissi gähnt, Viktor reibt die Augen, Tanja schaut auf die Uhr. „Du solltest nach Hause“, sagt Lissi. „Wir haben dich lang aufgehalten.“ Anton sieht aufs Handy. Zwanzig vor fünf. Der Körper fühlt sich schwer an, müde. „Ja, wohl schon“, stimmt er zu. „Danke euch. Für…“ Er sucht das Wort und findet keins. Fürs Essen, Gespräch, fürs Offensein. „Für Gesellschaft“, ergänzt Tanja. „Uns hat es auch gefallen.“ Viktor wankt auf, steht auf, ein bisschen schwankend. „Komm, ich bring dich zur Tür“, meint er. „Im Flur verirrt man sich leicht.“ Sie gehen in die Diele. Musik läuft kaum noch, die Lichterkette glimmt träge. Anton zieht die Schuhe an, schließt den Mantel. Viktor lehnt sich an die Wand. „Hör mal, Anton – wenn was ist… klopf einfach. Keine Scheu. Wir sind direkt nebenan.“ Anton nickt. „Du auch“, sagt er. „Wenn was zu tragen ist, was kaputt… Computer, da kenne ich mich aus.“ „Computer!“, blüht Viktor auf. „Das Notebook spinnt sowieso.“ „Ich schimpfe nicht“, ruft Lissi aus der Küche. „Ich stelle nur fest!“ Sie lachen beide. „Dann machen wir das. Ich schau mal vorbei.“ Viktor streckt ihm die Hand hin. „Frohes neues Jahr, Nachbar. Möge es… zumindest so gut sein wie dieser Abend.“ „Wünsche ich euch auch.“ Anton seufzt. „Frohes neues Jahr.“ Er tritt auf den Flur. Ihre Tür schließt sich leise – diesmal nicht misstrauisch. Seine Tür begegnet ihm mit gewohnter Stille. Er schließt auf, schaltet das Licht. Die Wohnung sieht aus wie immer: Sofa, Fernseher, der Tisch mit dem Teebecher von morgens, Mandarinen auf dem Fensterbrett, die Vase leer. Anton geht ins Zimmer, hängt den Mantel an die Stuhllehne. Die Küche brummt leise von der Heizung. Er setzt sich, schließt für einen Moment die Augen. Gesichter tauchen im Kopf auf: Lissi, müde, aber freundlich, Viktor mit seinen ruppigen Witzen, Tanja mit dem wachen Blick. Ihre Geschichten, Klagen, Lachen. Und die Erkenntnis: All die Jahre lebte hinter dieser Wand ein kleines Leben, von dem er fast nichts wusste. Er sieht zur Wand, hinter der ihre Küche ist. Lissi räumt jetzt wahrscheinlich auf, Viktor schaltet die Musik ab, Tanja bereitet das Sofa. Die Wand scheint auf einmal dünner, weniger trennend. Er geht in die Küche, rieselt Wasser ins Glas, trinkt, stellt es ab, macht die Leitung nicht mehr an, um nicht zu stören. Geht zurück, löscht das Licht, legt sich. Der Schlaf kommt schnell, doch bevor er ganz hinübergleitet, denkt er: Morgen bringe ich etwas zum Tee hinüber. Einfach so, ohne Grund. … Drei Tage später, abends, nach der Arbeit: Im Hausflur riecht es nach Kartoffeln und irgendetwas Süßem. Auf seiner Etage ist es ruhig. Anton steigt hoch, zückt den Schlüssel – da öffnet sich plötzlich die Nachbartür. Lissi steht im Morgenmantel mit einem Handtuch. „Anton!“, spricht sie ihn jetzt ohne Förmlichkeit an. „Schön, dass du – du – da bist.“ Er bleibt mit dem Schlüssel im Schloss stehen. „Ist etwas passiert?“, fragt er, sofort wachsam. „Nein“, sie lächelt. „Ich hab Apfelkuchen gebacken. Und gedacht, du könntest mal nach dem Computer sehen? Viktor flucht schon wieder.“ Anton spürt das warme Gefühl in sich. „Natürlich“, sagt er. „Ich stell nur schnell meine Sachen rein.“ Er legt die Tasche ab und geht zu Lissi zurück. Sie hält das Kuchenblech, der Duft schlicht und heimisch. „Komm rein“, sagt sie. „Viktor schimpft schon drinnen.“ Er tritt über die Schwelle. Die Lichterkette hängt noch, aber sie ist jetzt aus. Es läuft keine Musik. Im Rest der Wohnung ist Alltag. Und Anton spürt: Die Tür, die sich in der Silvesternacht öffnete, wird für ihn nie wieder ganz geschlossen sein. Er lächelt – und geht zur Küche.
Tagebuch, 1. Januar, Berlin Ich habe zuerst gar nicht bemerkt, dass irgendetwas anders war.
Homy
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010
Der letzte Sommer im Elternhaus – Wie Vladimir seine Familie für drei Wochen im alten Dorfhaus vereint, Erinnerungen sammelt und Abschied nimmt
Der letzte Sommer im Elternhaus Hans kam damals an einem Mittwoch, als die Sonne schon hoch stand und
Homy
Meine Frau hält Zuhause alles in Schuss, während ich hier bei dir bin, mein Schatz – Wie ich nach einem folgenschweren Anruf herausfand, dass mein Ehemann auf einer „Firmenfeier“ fremdging, und der Wendepunkt nach zehn Ehejahren alles veränderte
Meine Frau kümmert sich um den Haushalt, während ich hier mit dir bin, meine LiebeEin Unbekannter rief
Homy