Nach dem Unfall konnte meine Tochter nicht mehr laufen.
Meine Tochter tanzt, seit sie vier Jahre alt war. Erst machte sie Purzelbäume in der Kinderturngruppe, später entdeckte sie ihren Traum im Ballett. Für eine Zeit war ihr größter Wunsch, einmal auf der Bühne der Berliner Staatsoper zu stehen. Sie übte so lange, bis ihre Beine voller blauer Flecken und Blasen waren. Für sie war jede Anstrengung wertvoll, wenn es bedeutete, an den Auditions teilzunehmen oder ein Wettbewerb geschafft zu haben.
Das Glück war ihr hold sie schaffte mehr, als ich jemals vermutet hätte. Sie liebte es, auch andere zu unterrichten, zu bewerten, auf Wettkämpfe zu fahren. Sie war flink, ehrgeizig, voller Talent und gab nie auf, egal ob im Tanz oder im Privatleben.
In ihrer Ballettgruppe gab es einen jungen Mann, den sie sehr mochte. Er bekam immer die Hauptrollen, während sie oft nur hinter den anderen auftrat, aber mit Ausdauer und Charme gewann sie trotzdem seine Aufmerksamkeit. Sie kamen zusammen und bauten eine Beziehung auf.
Er war wirklich gutaussehend, aber oft etwas überheblich. Manchmal gefiel mir sein Verhalten nicht, besonders wenn meine Tochter in seinem Schatten stand. Erst viele Jahre nach ihrer Hochzeit erfuhren wir, wie unzuverlässig und eigensüchtig er wirklich war.
An jenem Tag, nach der letzten Probe, war meine Tochter in Gedanken versunken, trug Kopfhörer und bemerkte nicht, dass die Ampel von grün auf rot umsprang. Laut Verkehrsvorschriften hätte sie eigentlich Vorfahrt gehabt trotzdem raste ein Fahrer viel zu schnell los und konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen.
Ich hatte solche Angst, dass sie sich gar nicht mehr erholt. Mein Mann war am Boden zerstört, als er ihre Schmerzen sah.
Nur vier Monate später, mitten in der Reha, verließ er sie. Gerade als noch Hoffnung bestand, bald wieder laufen zu können. Das hat sie zutiefst getroffen. Ich habe sie unterstützt, wo ich nur konnte und sie schließlich zu uns nach Hause geholt.
Jetzt braucht sie täglich Betreuung und Hilfe. Das ganze Jahr ist vergangen und wir hoffen immer noch auf ein Wunder. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Sie träumt immer noch vom Tanzen. Gemeinsam sticken wir mit Perlen und Bändern, ich ermutige sie, einen eigenen Online-Shop für handgemachte Artikel zu eröffnen, doch bisher kann sie ihren liebsten Traum vom Tanzen einfach nicht loslassen und sich auf etwas völlig Neues einlassen.
Ich hoffe, dass die Unterstützung von Freunden und sogar von Unbekannten über das Internet ihr Mut macht und sie weiterbringt. Ich sage ihr immer: Was wir lieben, kann sich im Leben verändern, wie die Arbeit, wie Menschen um uns, und wie die ganze Welt. Veränderung gehört dazu, auch wenn sie manchmal äußeren Umständen entspringt.




