Der letzte Sommer im Elternhaus
Hans kam damals an einem Mittwoch, als die Sonne schon hoch stand und das Dach so aufheizte, dass die Schieferplatten knisterten. Das Gartentor war vor Jahren aus den Angeln gefallen; er stieg darüber und blieb einen Moment vor dem Eingang stehen. Drei Stufen führten zur Haustür, die unterste war durchgefault. Er drückte vorsichtig die zweite, tastete den Halt ab und ging dann hinein.
Drinnen lag der Geruch von abgestandener Luft und Mäusen, Staub bedeckte die Fensterbänke gleichmäßig, und eine riesige Spinnenwebe spannte sich von der Deckenbalken bis zum alten Geschirrschrank. Hans öffnete das Fenster, musste kräftig schieben, bis es nachgab, und der Duft erhitzter Brennnesseln und trockenen Grases vom Hof drang herein. Er ging durch alle vier Zimmer und machte im Kopf eine Liste: Böden wischen, den Ofen prüfen, die Wasserleitung in der Sommerküche reparieren, alles Verfaulte entsorgen. Dann würde er Hilde anrufen, seine Mutter, die Neffen. Ihnen Bescheid geben: Kommt im August her, verbringen wir gemeinsam ein paar Wochen, so wie früher.
Früher das war über zwanzig Jahre her, als der Vater noch lebte und die ganze Familie jeden Sommer hier zusammenkam. Hans erinnerte sich an das Einkochen von Marmelade im Kupferkessel, wie die Brüder Eimer Wasser aus dem Brunnen schleppen mussten, wie die Mutter abends auf der Veranda vorlas. Nach dem Tod des Vaters war die Mutter in die Stadt zu seinem jüngeren Bruder gezogen, das Haus wurde verriegelt. Hans kam nur einmal im Jahr, schaute nach dem Rechten, und fuhr wieder davon. Aber diesen Frühling war es anders gewesen: Er wollte versuchen, etwas zurückzuholen. Wenigstens ein einziges Mal.
Die erste Woche arbeitete er allein. Er reinigte das Schornsteinrohr, ersetzte zwei Bretter der Veranda, wusch die Fenster. In die Kreisstadt fuhr er wegen Farbe und Zement, regelte mit dem Elektriker die neue Beleuchtung. Der Vorsitzende vom Gemeinderat traf ihn einmal am Dorfladen und schüttelte den Kopf:
Warum, Hans, steckst du noch Mühe in die alte Hütte? Am Ende verkaufst du sie doch.
Hans antwortete nur knapp:
Vor Herbst verkauf ich nicht. Und ging weiter.
Hilde kam als Erste, am Samstagabend, mit Mann und den beiden Kindern. Sie stiegen aus dem Auto, blickten auf den Hof und zogen die Augenbrauen hoch.
Du meinst ernsthaft, wir bleiben hier einen Monat?
Drei Wochen, korrigierte Hans. Die Kinder an die frische Luft bringen, und es tut euch auch gut.
Es gibt nicht einmal eine Dusche hier.
Doch, es gibt eine Sauna im Schuppen. Heize sie heute noch an.
Die Kinder, ein Junge von elf und ein Mädchen von acht, trotteten wenig begeistert zu der Schaukel, die Hans gestern an der alten Eiche befestigt hatte. Hilde, Hans Schwägerin, ging schweigend ins Haus und schleppte eine Tasche voller Lebensmittel. Hans half ihnen auszuräumen. Sein Bruder blickte immer noch skeptisch, sagte aber nichts mehr.
Am Montag brachte ein Nachbar die Mutter. Sie trat in das Haus, blieb in der Stube stehen und seufzte:
Alles wirkt so klein, sagte sie leise. Ich habe es größer in Erinnerung.
Du warst dreißig Jahre nicht mehr hier, Mama.
Zweiunddreißig.
Sie ging in die Küche, strich mit der Hand über die Arbeitsplatte.
Hier war es immer kalt. Vater hat immer versprochen, die Heizung zu machen, aber es ist nie dazu gekommen.
Hans hörte in ihrer Stimme keine Nostalgie, sondern Müdigkeit. Er schenkte ihr Tee ein, setzte sie auf die Veranda. Sie saß da, blickte in den kleinen Garten und sprach darüber, wie schwer es war, Wasser zu tragen, wie der Rücken nach dem Waschen schmerzte, wie die Nachbarn getratscht hatten. Hans hörte zu und wusste: Für sie war dieses Haus kein Nest, sondern eine alte Wunde.
Abends, nachdem die Mutter schlafen ging, saßen Hans und sein Bruder Peter am Lagerfeuer im Hof. Die Kinder schliefen schon, Hilde las in der Stube bei Kerzenlicht der Strom lief in der einen Hälfte des Hauses wieder, in der anderen reichten die Kabel noch nicht.
Warum tust du dir das überhaupt an?, fragte Peter und schaute in die Flammen.
Ich wollte uns alle zusammentrommeln.
Wir sehen uns doch bei den Feiertagen.
Das ist etwas anderes.
Peter grinste.
Hans, du träumst zu viel. Glaubst du, drei Wochen auf dem Land machen uns plötzlich zu besten Freunden?
Ich weiß nicht, gestand Hans. Ich wollte es versuchen.
Peter schwieg, dann sanfter:
Ich bin froh darüber, ehrlich. Aber erwarte kein Wunder.
Hans wartete nicht. Aber er hoffte.
Die folgenden Tage waren angefüllt mit Arbeit. Hans reparierte den Zaun, Peter half das Dach des Schuppens zu decken. Der Junge, Ben, langweilte sich erst, fand dann im Schuppen alte Angelruten und zog fortan oft zum Bach. Das Mädchen, Lotte, half der Oma beim Unkrautjäten in dem Gemüsebeet, das Hans hastig neben der Südwand angelegt hatte.
Eines Tages, beim gemeinsamen Streichen der Veranda, lachte Hilde plötzlich auf.
Wir sind wie eine Bauhütte!
Die Bauhütte hatte wenigstens einen Plan, knurrte Peter, doch er lächelte dabei.
Hans merkte, wie allmählich die Spannung nachließ. Abends versammelten sie sich am langen Tisch auf der Veranda, die Mutter kochte Gemüsesuppe, Hilde buk Quarkkuchen mit dem Käse vom Dorfbauern. Die Gespräche drehten sich um Kleinigkeiten: Wo man Fliegengitter bekommt, ob das Gras unter den Fenstern gemäht werden müsste, ob die Pumpe wieder geht.
An einem Abend, als die Kinder schliefen, sagte die Mutter:
Euer Vater wollte das Haus verkaufen, damals ein Jahr vor seinem Tod.
Hans erstarrte mit der Teetasse in der Hand. Peter runzelte die Stirn.
Warum?
Er war müde. Sagte, ein Haus ist wie ein Anker. Er wollte in die Stadt ziehen, näher zur Klinik. Ich war dagegen, das hier war unser Gut, dachte ich. Wir stritten. Er hat es nie getan, und dann ging alles schnell.
Hans stellte seine Tasse hin.
Gibst du dir die Schuld?
Ich weiß es nicht. Ich bin einfach… müde von diesem Ort. Alles erinnert daran, dass ich mich durchgesetzt habe, und er hatte keine ruhige Zeit mehr.
Peter lehnte sich zurück.
Davon hast du nie etwas gesagt.
Ihr habt nie gefragt.
Hans sah seine Mutter an. Sie saß gebeugt, die Hände voller Falten vom langen Leben und jetzt erkannte er: Das Haus war für sie keine Schatzkammer, sondern Last.
Vielleicht hätten wir verkaufen sollen, sagte er leise.
Vielleicht, stimmte sie zu. Aber ihr seid hier groß geworden. Das bedeutet etwas.
Und was genau?
Sie hob den Blick.
Dass ihr euch erinnert, wie ihr wart. Bevor das Leben alle auseinandergetrieben hat.
Hans konnte das erst nicht glauben. Doch am nächsten Tag, als sie mit Peter und Ben zum Bach gingen und der Junge seinen ersten Barsch fing, sah er, wie der Bruder Ben umarmte und aus echtem Herzen lachte. Und abends, als die Mutter Lotte auf der Veranda erzählte, wie sie hier ihrem Vater das Lesen beigebracht hatte, hörte Hans nicht Schmerz in ihrer Stimme, sondern Versöhnung. Oder so etwas ähnliches.
Der Abreisetag war auf Sonntag angesetzt. Am Vorabend heizte Hans die Sauna an, alle schwitzten miteinander, danach gab es Tee auf der Veranda. Ben fragte, ob sie wohl im nächsten Jahr wieder herkämen. Peter blickte Hans an, schwieg.
Am nächsten Morgen half Hans beim Einladen. Die Mutter umarmte ihn zum Abschied.
Danke, dass du uns geholt hast.
Ich dachte, es würde besser.
Es war gut. Auf eine eigene Art.
Peter klopfte ihm auf die Schulter.
Verkauf, wenn du willst. Ist in Ordnung.
Mal sehen.
Das Auto fuhr davon, Staub lag auf dem Weg. Hans kehrte ins Haus zurück, sammelte Geschirr ein, nahm den Müll. Dann schloss er die Fenster, verriegelte die Türen. Aus seiner Tasche holte er das alte Vorhängeschloss aus dem Schuppen und hing es ans Tor. Das Schloss war schwer, rostig, aber zuverlässig.
Er blieb am Gartenzaun stehen und blickte zum Haus. Das Dach gerade, die Veranda stabil, die Fenster wie neu. Das Haus schien lebendig. Doch Hans wusste: Das war eine Täuschung. Ein Haus lebt nur, solange Menschen darin sind. Drei Wochen war es lebendig. Vielleicht reicht das.
Er setzte sich ins Auto und fuhr los. Im Rückspiegel leuchtete kurz das Dach auf, dann verschwand es hinter den Bäumen. Hans fuhr langsam die holprige Dorfstraße entlang und dachte daran, dass er im Herbst den Makler anrufen würde. Aber jetzt jetzt würde er sich erinnern. Daran, wie sie am Tisch saßen, wie die Mutter über Peters Witz lachte, wie Ben stolz seinen Fisch zeigte.
Das Haus hat seinen Zweck erfüllt. Es hat sie zusammengeführt. Und das genügt wohl, um es loszulassen, ohne Schmerz.





