Educational
07
Kein einziger Fahrgast wollte einem zehnjährigen Mädchen den Platz überlassen – Da habe ich verstanden, was es wirklich bedeutet, allein zu sein
Kein einziger Fahrgast im Zug wollte einem zehnjährigen Mädchen den Platz überlassen. In diesem Moment
Homy
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010
Weggenommen — Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Aber was will man von ihr auch erwarten? Hinterwäldlerin! — Was?! — empörte sich Christina. — Was du gehört hast! — sagte ihr Mann Eduard. — Meine Mutter ist hundertmal besser als deine ach so gebildeten Verwandten! Diese sturen und gewissenlosen Schnösel. — Dann geh doch zu ihr! — rief Eduard und knallte die Tür. — Und ob ich gehe! Garantiert! *** — Also ehrlich, deine Mutter hat euer junges Familienglück ruiniert — seufzte Inga, Christinas Freundin. — Noch kein Jahr vorbei. — Sie hat gar nichts ruiniert, darauf lief alles hinaus — sagte Christina traurig und rührte melancholisch Zucker in ihren Tee. Sie saßen in einem Café. — Wie das? Ihr habt doch noch letztens Pläne für ein Kind geschmiedet — hielt Inga dagegen. — Vielleicht war es Schicksal. — In Person deiner Mutter? — hakte Inga nach. — Ach was, wirklich nicht! — fuhr Christina auf. — Meine Mutter ist unschuldig. Dass es um Papas Auto geht, war nur der letzte Tropfen. Vor drei Jahren, ein Jahr vor ihrer Hochzeit, hatte Christina ihren Vater verloren. Ihre Mutter, Olga Afanassjewna, litt furchtbar unter dem Tod ihres geliebten Pawel und landete sogar im Krankenhaus. Sie weinte viel und erinnerte sich an die glücklichen Jahre mit ihrem Mann. Vor nicht allzu langer Zeit war noch alles gut… Olga und Pawel haben früher in einem Dorf in Mecklenburg gelebt, dort sich kennengelernt, später sind sie nach Hamburg gezogen, haben sich ein Leben aufgebaut und von der Firma eine Wohnung bekommen. Christina wurde später geboren, ein absolutes Wunschkind. Sie führten eine innige Ehe ohne Streit. Christina wuchs zu einem freundlichen, klugen und schönen Mädchen heran. Leider verlor sie früh beide Omas. Die Häuschen auf dem Land wurden verkauft, und auch die Verbindung zu Glücksmomenten in der alten Heimat war weg. Christina liebte das Dorf aber genauso, verbrachte dort jeden Sommer. Beide Omas hatten einen kleinen Betrieb, den sie mit Leidenschaft führten und der gute Erträge abwarf. Sie bewunderte ihre Omas und beschloss, während sie einer von ihnen bei der Kuh half, ihre Zukunft der Tiermedizin zu widmen. Jahre später hielt sie an diesem Wunsch fest und arbeitete inzwischen nicht mit Kühen, sondern als Tierärztin für Katzen und Hunde in einer modernen Praxis. Eduard lernte sie auf der Arbeit kennen, als er mit einem teuren Rassehund zur Impfung kam. Die beiden waren sofort voneinander angetan. Sie redeten über alles Mögliche: Christina schwärmte von ihrer Zeit bei den Omas im Dorf, von ihrer Familie, der Stadt, ihren Eltern. Eduard erzählte von seinen Eltern, beide Akademiker an der Uni Hamburg, und von ihren hanseatischen Traditionen. Er zeigte deutlich, dass er sich seiner Herkunft überlegen fühlte, versuchte dies aber nett zu verbergen. Von klein auf wurde ihm eingeredet, auf Landleute herabzublicken — besonders von seiner Mutter, die ihren akademischen Stand völlig auslebte und gerne ihre Ehe mit einem geborenen Hamburger betonte. Tatsächlich stammte auch sie ursprünglich vom Land, verschwieg dies aber lieber. Christina faszinierte Eduard sehr, er machte ihr zwei Monate nach dem Kennenlernen einen Antrag. Nach der Hochzeit zogen sie in Eduards geerbte Wohnung im Grindelviertel — Altbau, schöne Gegend, aber dringend renovierungsbedürftig und das Geld dafür fehlte. Eduard war stolz auf die prominenten, gutsituierten Nachbarn, die ihre Wohnungen in Lofts mit Panoramafenstern verwandelt hatten. Ihre teuren Autos parkten vor der Tür. Wenn er davon sprach, rollte Christina innerlich die Augen. Sie war bodenständig und urteilte über Menschen nicht nach Geld, sondern nach Charakter. Christinas Mutter mochte Eduard auf Anhieb, hatte aber auch ein ungutes Gefühl — irgendwie wirkte er zu perfekt. Aber sie sagte nichts, solange Christina glücklich war. Die Hochzeit war schlicht; Eduards Eltern waren sparsam und berechnend. Sie hätten die Wohnung lieber vermietet, aber die verstorbene Oma hatte ausdrücklich gewollt, dass Eduard nach seiner Hochzeit dort wohnt. *** — Was war eigentlich mit dem Auto deines verstorbenen Vaters? — fragte Inga. — Papa hatte ein Auto und einen gemauerten Garagenplatz — begann Christina. — Nach Papas Tod habe ich das Erbe abgetreten, damit Mama alles behält. Sie hatte einen Führerschein und fuhr manchmal. Ich kann nicht fahren und brauche das Auto nicht. Aber dann hatte Mama einen kleinen Unfall und fuhr seitdem kein Auto mehr. Nach unserer Hochzeit hat sie Eduard eine Vollmacht gegeben, damit er Papas Auto nutzen konnte; sie fand es zu schade, wenn es herumstand. Verkaufen wollte sie es aber auch noch nicht, es war fast neu und Papas ganzer Stolz. Christina wurde traurig, als sie sich an ihren Vater erinnerte. — Eduard hat einen Führerschein? — fragte Inga. — Ja, aber kein eigenes Auto. Er war total begeistert, als Mama ihm die Vollmacht gab — lächelte Christina. Sie gingen gemeinsam den Wagen anschauen, Eduard war hin und weg und lobte Olga Afanassjewna über den grünen Klee. — Mama bat ihn nur, ihr auch zu helfen: Sie zu Arztterminen zu fahren, beim Einkaufen zu helfen usw. Er versprach es. Olga Afanassjewna fuhr jede Woche in den großen REWE im Stadtteil. Ab jetzt rief sie Eduard an, der half und sie fuhr. Oder sie musste ins Bauhaus, weil sie renovierte. Als ihre Mutter einmal zur Feier einer alten Freundin wollte, bat sie Eduard um einen Fahrdienst zum Restaurant, wollte auch wieder abgeholt werden — aber Eduard lehnte wegen angeblich wichtiger Termine ab. Das Taxi war teuer; sie musste es dennoch nehmen, im schicken Abendkleid… Eine Woche später wiederholte sich alles: Eduard hatte keine Zeit. Sie verschob sogar Arztbesuche — wollte nicht mehr alleine lange Strecken machen. Dann hörte sie, dass Eduard in dieser Zeit ständig für seine Eltern unterwegs war. — Mein Vater hat kein eigenes Auto, Carsharing geht nicht mehr wegen irgendeiner Sperrung der Firmen… Taxi ist teuer — erklärte Eduard. — Meine Mutter braucht mich dauernd im Supermarkt, bald ist ihr Geburtstag, da wird alles gekauft. Und auch mein Vater musste viel erledigen. — Ja, ja… — meinte Olga Afanassjewna nur trocken. Sie war verletzt. Eduards Eltern war das Taxi zu teuer, ihr scheinbar aber nicht. Mehr noch, Christina erzählte, Eduard benutze das Auto auch für Besuche bei seiner Verwandtschaft in Lübeck und später, um Bekannten bei der Ernte aus dem Schrebergarten zu helfen. Nach einer dieser Fahrten war das Auto in der Werkstatt gelandet — aber alles wieder repariert. *** — Da hat meine Mutter die Vollmacht wieder eingezogen. Sie hat Eduard ‚das Auto weggenommen‘ und gesagt, sie würde es verkaufen — erzählte Christina. — Eduard war beleidigt, wir haben gestritten. Und weißt du was? Ich bin auf Mamas Seite. Seine Familie ist wirklich dreist geworden. Ich sah Eduard kaum noch, er fuhr ständig für seine Verwandten herum. In der Zeit nutzte meine Mutter das Taxi! — Echt übel. Er hat doch versprochen — sagte Inga. — Mich hat eh keiner gefragt — ärgerte sich Christina. — Sie riefen nur an, um zu sagen, wann und wohin es geht. Unsere Pläne waren egal. — Und deshalb habt ihr gestritten? — Nicht nur deshalb — seufzte Christina. — Sondern weil Eduard meine Mutter als Hinterwäldlerin beschimpft hat. Unser Ehe war sowieso zum Scheitern verurteilt. Er ist total von seiner Mutter abhängig — sie sagt ihm, was er tun soll. Sie telefonieren stundenlang. Beide sind schreckliche Snobs. *** — Gut, dass du dich von dieser Provinz-Christina getrennt hast, mein Junge — sagte Eduards Mutter, als sie vom Streit erfuhr. — Du findest noch eine Richtige. Ich wollte mich ja nicht einmischen, aber nun ist Schluss. Ich habe auch schon eine Kandidatin im Auge… Aline, klug und schön, aus guter Familie! Die sind verwandt mit alten Hamburger Senatoren, das weiß jeder. Da stimmt die Herkunft! — Ach Mama… — nuschelte Eduard. — Das ist meine Entscheidung. — Wird sich zeigen! — schnappte seine Mutter. — Und komm mir bloß nicht wieder mit Christina an. Lass sie ihre Hunde behandeln. Für unsere Familie ist sie nichts. — Das war also dein Plan?! — merkte Eduard. — Schon möglich… Musste ich doch! So eine Chance darf nicht verpasst werden. Du heiratest Aline, und Punkt! Sofort Scheidung, habe ich gesagt! Hätte ich deinem Vater bloß vorher nicht die Selbstständigkeit eingeredet… *** — Wir kümmern uns jetzt um dich, dann tut das Pfötchen gar nicht mehr weh — sagte Christina sanft zu ihrem nächsten haarigen Patienten. Auf der Arbeit fühlte sie sich wohl, sie liebte Tiere und war glücklich mit ihrem Beruf. Und Eduard? Kaum geschieden heiratete er ein junges Mädchen — Studentin an derselben Uni wie seine Eltern. — Sicher auch so ein „blauer Stammbaum“… — dachte Christina und zog den weißen Kittel aus. Feierabend. Plötzlich musste sie lachen. Stammbaum… Herkunft… Genau wie bei manchen ihrer teuren Patienten, die für Zuchtausstellungen gekauft werden. — Und weißt du was? Meine Mama will das Auto jetzt doch nicht verkaufen, — berichtete Christina Inga. — Sie fährt wieder selbst. Und sie hat mich um Entschuldigung gebeten, dass sie uns durch das Auto verstritten hat. Aber ich finde, sie hat alles richtig gemacht. — Find ich auch — stimmte Inga zu. — Mit so einer Schwiegermutter wäre es früher oder später ohnehin zum Eklat gekommen. Die Sache mit dem Auto hat es nur beschleunigt. Mit Aline fand Eduard kein Glück. Ihre Familie hielt ihn und seine Eltern für nicht standesgemäß. Sie taten so, als würden sie sich herablassen, ihn zu heiraten. — Eine Missheirat, — seufzte Alines Mutter. — Aber Liebe ist eben Liebe… Eduards Mutter versuchte, den neuen Verwandten zu gefallen — doch sie behandelten sie von oben herab. Eduards Vater kümmerte sich derweil um seinen Lehrauftrag an der Uni und hielt den ganzen Standesdünkel für kindisch — und irgendwie hatte er recht.
Deine Mutter hat sich unmöglich verhalten! Obwohl, was kann man von so einer Landei schon erwarten?
Homy
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012
Ausgenutzt — “Ich zeig’ dich an!”, schrie die Mutter. — “Nur zu! Fang schon an!”, entgegnete Larissa ruhig. Sie machte sich keine Sorgen. Alle Unterlagen waren ordnungsgemäß, bis ins Detail. Schon wieder war die Mutter da, um ihre Nerven zu strapazieren. In die Wohnung ließ Larissa sie nicht rein, aber die Mutter brüllte Drohungen durch die Tür, stand tobend im Hausflur und schlug mit der Faust gegen das Holz. Sie schimpfte ihre Tochter eine Verbrecherin, Diebin, rief, Larissa hätte sich unrechtmäßig fremdes Eigentum angeeignet. Man hätte die Polizei rufen können, doch Larissa brachte es nicht übers Herz – es war schließlich ihre Mutter. Die Nachbarn hielten sich lieber raus. „Wieder Familienstreit…“, seufzte Frau Sauer, die alte Dame aus der Nachbarwohnung, während sie dem Lärm und den Schreien vom Treppenhaus lauschte. „Ach, Semjonowa…“, bedauerte Frau Schmidt, die eine Etage tiefer wohnte, und schüttelte den Kopf. Semjonowa, um die Frau Schmidt sorgenvoll seufzte, war Larissas geliebte Oma: Pauline Semonowa Kortkowa. Sie hatte Larissa von klein auf großgezogen. *** „Sie kommt nicht, steh nicht am Fenster – es zieht, du erkältest dich!“, sagte Pauline Semonowa zur kleinen fünfjährigen Larissa. „Geh lieber malen, schau, Oma hat dir neue, wunderschöne Ausmalbilder gekauft.“ Oma konnte überreden. Larissa vergaß ihren Kummer und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Hocker, von Oma mit einer Auflage in Katzenpfotenform versehen, war ihr Lieblingsplatz zum Malen… Pauline Semonowa werkelte in der Küche, kochte Borschtsch, briet Frikadellen, stampfte Kartoffeln fürs Püree. Die Wanduhr mit Pendel tickte gemütlich, der Wasserkocher brodelte, der Kühlschrank summte leise, und draußen tobte ein Schneesturm. Es war herrlich heimelig. „Warum? Warum kommt Mama so selten? Bei uns ist es doch so schön!“, wunderte sich Larissa. Immer und immer wieder wanderten ihre Gedanken zur Mama. Marina, Larissas Mutter, wohnte nicht weit entfernt, nur zwei S-Bahn-Stationen, aber sie wollte nicht zu Mutter und Tochter kommen – sie richtete ihr eigenes Leben ein. Larissa war mit neunzehn zur Welt gekommen, ein Jahr später starb Marinas Mann Nikolai bei einem Motorradunfall. Er hatte in der Wohnung gelebt, die ihm seine Oma hinterlassen hatte. Seine Eltern lebten im Ausland und kümmerten sich nicht, ihn zog die Oma groß. Dort lebten erst Marina und Nikolai, dann auch die kleine Larissa. Nach dem Tod ihres Mannes gehörte die Einzimmerwohnung Marina. Doch lange trauerte Marina nicht. „Ich bin jung, ich will leben“, sagte sie ihrer Mutter. „Ich bin erst zwanzig. Ich suche mir einen neuen Mann.“ „Du musst dein Kind großziehen, keine Zeit für Abenteuer! Und Lernen wäre noch besser! Oder am besten alles gleichzeitig!“, schimpfte Pauline Semonowa. „Ich habe studiert, geheiratet, dich im fünften Semester bekommen und mit Auszeichnung abgeschlossen.“ „Nicht jeder ist so wie du! Außerdem hast du doch selbst gesagt, zuerst warst du auf der Fachschule, dann hast du gearbeitet, dann erst aufs Abendgymnasium – mit dreißig. Und ich bin erst zwanzig. Muss ich alles stemmen – arbeiten, studieren, Kind großziehen?! Du hattest wenigstens einen Mann, ich bin Witwe…“ Dann fing Marina meist an zu weinen, und Pauline Semonowa hatte Mitleid – wie wäre es wohl, mit zwanzig Witwe zu sein? „Bring mir Larissa, ich helfe dir…“ „Danke, Mami!“, war Marina sofort fröhlich und küsste die Mutter auf die Wange. Bald kam Larisas Kindergartenalter. Pauline Semonowa besorgte einen Platz gleich um die Ecke. Sie selbst kündigte ihren Job – sie war ohnehin im Ruhestand. Marina hingegen kam kaum noch zu Mutter und Tochter. Sie arbeitete und stürzte sich in Partnersuche. Studieren wollte sie nicht. Sie war zufrieden so. Pauline Semonowa war enttäuscht, so hatte sie sich das Leben ihrer einzigen Tochter nicht vorgestellt. Zeit zum Grübeln hatte sie trotzdem wenig – alle Fürsorge um die kleine Larissa lag auf ihren Schultern. Hundertmal haderte sie mit sich, dass sie Hilfe angeboten hatte – aber wie hätte sie anders handeln sollen? Dass Marina so schamlos würde, die Tochter komplett der eigenen Mutter zu überlassen, konnte niemand ahnen. Um der Fairness halber muss man sagen: Marina zahlte zumindest Geld für das Kind, und gelegentlich – „wie die liebe Sonne“, wie Pauline Semonowa sagte – tauchte sie auf. Für Larissa war das ein Festtag. Mutter brachte Süßes, Puppen, verschiedene Spielsachen und verschwand, duftend nach Parfum, meist ganz schnell. Oft klebte Larissa danach stundenlang am Fenster und weinte – warum hat Mama so wenig Zeit? Marina versprach jedes Mal, öfter und länger zu kommen – brach das Versprechen aber immer wieder. Die Jahre vergingen. Marina heiratete zweimal neu und ließ sich wieder scheiden. Sie vermietete die Wohnung, zog in die Großstadt – da, so hoffte sie, sei die Partnersuche leichter… Larissa hörte irgendwann auf, auf ihre Mutter zu warten, fand es sogar unangenehm, Zeit mit ihr zu verbringen – sie hatten sich nichts zu sagen. Marina kam jetzt nur noch einmal im Jahr, übernachtete und Larissa musste ihr Zimmer räumen, schlief bei Oma auf dem Sofa. Mit der Mutter verband sie nichts. Die ersten Schritte, der erste Zahn, die ersten Wörter – all die wichtigen Etappen erlebte Larissa mit ihrer Oma. Erster Schultag, Theater-AG, Musikschule – Mutter verpasste alles und interessierte sich auch nicht. Für Larissa war ihre Mutter immer wie ein schöner Schmetterling – einmal kurz zu bestaunen, dann flattert er auch schon weiter. Zu Larisas Studienbeginn heiratete Marina zum vierten Mal. Pauline Semonowa wurde oft krank, musste zum Arzt. Mit 75 war sie lange fit geblieben, doch das Alter machte sich bemerkbar. „Ach, wär ich doch noch länger da… Ich muss dir helfen, Larissa. Deine Mutter braucht dich ja nicht.“ „Aber Oma, warum redest du so traurig! Alles wird gut, du wirst wieder gesund. Die Medizin ist heute viel besser als früher.“ Larissa war Optimistin, das musste so sein, und Pauline Semonowa war stolz auf sie. Einen Studienplatz hatte die Enkelin selbst geschafft, in einem guten Fach und lernte fleißig. Gleich nach dem Abschluss wurde die Oma krank; Larissa pflegte sie hingebungsvoll, anstatt arbeiten zu gehen. Pauline Semonowa hatte etwas gespart – sie war wieder arbeiten gegangen, sobald Larissa größer war, und blieb bis vor kurzem im Job. Jetzt kam das Ersparte zugute. Larissa pflegte Oma gesund. Marina kam nie, obwohl sie über die Krankheit ihrer Mutter informiert war. Kein Geld, keine Geschenke, keine Besuche – kaum war sie das vierte Mal verheiratet, war Schluss. „Hab keine Zeit“, sagte sie nur am Telefon. Als Larissa sie um Hilfe bat, stellte Marina sich selbst krank. „Weißt du, mir geht’s wahrscheinlich noch schlechter – hab’s nur nie gesagt. Hab selbst Anspruch auf Schwerbehinderung. Du bist bei mir an der falschen Adresse, ich brauche selbst Hilfe.“ Marina verabschiedete sich schnell. Pauline Semonowa lächelte, als sie davon erfuhr. „Die hat gar nichts. Tut nur so, damit sie sich nicht kümmern muss! Ich kenn’ sie doch. Was für ein Pflegefall? Die hat’s lustig. Ist doch frisch verheiratet – wozu sich jetzt kümmern?“ Pauline Semonowa war traurig, ihre Tochter so undankbar und egoistisch. Aber die Enkelin machte alles wett. Larissa pflegte die Oma gesund, sie erholte sich. Als erstes ging Pauline Semonowa zum Notar. „Wir machen jetzt die Wohnung auf dich“, sagte sie. „Oma, nicht schon wieder solche Gedanken!“ „Ich pass auf dich auf. Sieh selbst, das Leben ist unberechenbar. Marina ist wie eine Fremde, hilft dir nie, denkt immer nur an ihre Männer. Sie hat das alles nicht verdient. Auch das Ersparte sollst du bekommen.“ So machten sie es. Pauline Semonowa lebte noch zwei Jahre, dann starb sie – diesmal endgültig erkrankt. „Ich hab’nicht mal geheiratet, keine Kinder bekommen – du wolltest doch meinen Hochzeitstanz und später mit Urenkeln spielen, liebe Oma…“, schluchzte Larissa an ihrem Grab. Marina kam zu Beerdigung nicht. Sie sagte, sie fühle sich zu schlecht. Überwies etwas Geld – sah ihre Pflicht damit als erfüllt an. Larissa organisierte alles alleine. Außer ein paar Nachbarn, Freunde und Kolleginnen von Pauline Semonowa, war niemand da. Die halfen, wo sie konnten – für einen guten Menschen. Kaum hatte Marina erfahren, dass das Erbe an ihr vorbeiging, „wurde sie schlagartig gesund“. „Wahres Wunder, noch eben war sie fast ein Pflegefall“, schimpfte Larissa, als ihre Mutter wieder vor der Tür tobte. Nach dem Tod der Oma ließ Larissa die Mutter genau ein einziges Mal in die Wohnung. Das bedauerte sie bitter. Marina warf aus Wut Omas Lieblingsvase gegen die Wand, zerriss beinahe die notarielle Besitzurkunde. Sie stampfte und schrie, Larissa hatte Mühe, sie hinaus zu befördern. „Das ist MEINE Wohnung! MEINE!“, brüllte Marina. „Diebin! Du hast Omas Krankheit ausgenutzt, um dich illegal zu bereichern! Ich geh’ vor Gericht! Ich werde es beweisen!“ Marina war überzeugt, die Mutter sei bei der Unterschrift nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Sie drohte Larissa, kam mehrmals, aber Larissa ließ sie nicht hinein. „Sie war krank! Das hast du mir selbst erzählt – sie lag nach dem Schlaganfall! Das heißt, das Gehirn war beschädigt! Sie war nicht im Besitz ihrer Geisteskräfte. Das ist illegal!“, schrie Marina und hämmerte an die Tür. „Seht doch, Leute! Hier wohnt eine Diebin! Sie hat eine arme Rentnerin betrogen! Das gehört ihr gar nicht!“ Die Nachbarn lächelten nur – es waren alte Leute, die Pauline Semonowa und Larissa gut kannten. Sie wussten Bescheid. Vor Gericht kam es nie. Marina wurde wirklich ernsthaft krank, der Streit spielte keine Rolle mehr. „Tochter… ich brauche deine Hilfe…“, flüsterte Marina am Telefon. „Männer haben keine Ahnung von Pflege… Du hast doch Oma gepflegt, komm doch zu mir…“ „Sorry, Mama, geht nicht“, entgegnete Larissa. „Ich bin schwanger, und der Arzt sagt, ich darf nichts Schweres heben.“ „Schwanger?!“, schrie Marina (wo war ihre leise Stimme hin?). „Ja, verheiratet, glücklich, erwarte ein Kind“, sagte Larissa mit Würde und fügte bissig hinzu: „Du wolltest doch vor Gericht gehen – warum hast du’s nicht getan?“ „Du Miststück!“, wetterte die Mutter und legte auf. „Marina, schrei doch nicht so!“, mischte sich Marinas Mann, Sergej, ein, der sie verliebt anblickte. „Wir nehmen einen Kredit, engagieren eine Pflegerin…“ „Ach, hau ab!“, giftete Marina. Ihr Mann nervte sie. Sergej, ein zehn Jahre älterer Witwer, hatte sich extra für die Ehe finanziell ins Zeug gelegt und Larissa eine Zeitlang geblendet, obwohl eigentlich kein Geld da war. Inzwischen wusste er um Marinas wahren Charakter – aber das Herz will, was es will. Sie ließ sich nicht gleich scheiden, wollte wenigstens Unterkunft bei Sergej, solange sich kein besserer Kandidat fand. Doch dann kam das Gesundheitsproblem. *** „Hättest du nicht alles auf die leichte Schulter nehmen und dich krank stellen sollen, Mama…“, sagte Larissa leise, sah abends in den Sternenhimmel. „Von oben sieht man eben alles.“ Sie dachte, wie glücklich sie doch war. Und dass ihr geliebter Ehemann Juri vom Schicksal – oder von Oma – zu ihr geführt worden war. Denn die hatte sie immer so geliebt und nur ihr Glück gewünscht…
Ich zeige dich an!, schrie die Mutter. Nur zu! Fang doch an!, entgegnete Clarissa. Sie blieb ganz ruhig.
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Sie beschloss, nicht länger zu schweigen: Verlorene Liebe oder nur eine vorübergehende Krise?
Julia konnte es nicht länger ertragen. Sie verstand nicht, warum Thomas so gleichgültig geworden war
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06
Befreit — Im Ernst? Ich glaub dir kein Wort. So hätte deine Mutter doch niemals handeln können! — rief Sonja aus. — Doch, das konnte sie, — entgegnete Andreas düster. — Aber wir haben das doch so oft besprochen, alles gemeinsam geplant … — Wir! Das ist das Stichwort — «wir»! — sagte Andreas. — Sie aber, sie hatte offensichtlich ganz eigene Pläne … Andreas war Sonja gegenüber ziemlich verlegen. Aber was sollte er machen?! *** — Was für eine Idylle! Der Schrebergarten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einer Laube geträumt hat? — schwärmte Margarita Wassiljewna, Andreas’ Mutter und Sonjas Schwiegermutter. — Ach was frag ich, du warst ja damals noch ein kleiner Junge! Papa und ich haben jahrelang für diesen Garten gespart, das weiß ich noch genau … Margarita Wassiljewna saß beschattet unter dem weit ausladenden Apfelbaum auf ihrem geflochtenen Lieblingssessel. Andreas hatte ihn fürsorglich hinausgetragen und direkt vor die Gartenlaube gestellt, damit seine Mutter beim Plaudern alles im Blick hatte. Margarita Wassiljewna schwelgte in Erinnerungen und beobachtete zufrieden, wie ihre Schwiegertochter Sonja und Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die fünf und sechs Jahre alten Enkel zwischen den Beeten Fangen spielten. Die Sonne war schon am Untergehen, doch es blieb viel zu tun. Aber kein Problem! Die Kinder würden mithelfen, dafür waren sie schließlich auch da. — Ach Kinder, danke euch! Was täte ich nur ohne euch? — seufzte Margarita Wassiljewna. — Gestern wollte ich eigentlich noch selbst mit der S-Bahn in den Garten fahren, sind ja auch nur etwa vierzig Minuten. Aber am Abend hat’s mir so schlimm den Rücken verrissen! Da blieb mir nichts übrig, als euch zu bitten. Die Arbeit türmt sich – Kartoffeln müssen gehäufelt, Karotten gejätet und ausgedünnt werden, und und und; aber ich bin nur noch Klotz am Bein. Weder bücken noch setzen kann ich mich, eine richtige Last … — Machen Sie sich keine Sorgen, Margarita Wassiljewna, — entgegnete Sonja höflich lächelnd. — Natürlich helfen wir Ihnen, wir sind doch eine Familie. Auch wenn ihr nicht wirklich nach Lächeln zumute war. Wieder einmal hatte Andreas’ Mutter all ihre Pläne über den Haufen geworfen! Eigentlich wollten sie dieses Wochenende mit den Kindern im Erlebnisbad entspannen. Die Jungs hatten sich schon so darauf gefreut, endlich einmal dorthin zu fahren. Aber Margarita Wassiljewna … Sie ging natürlich vor – wichtiger als jedes Erlebnisbad oder sonstige Pläne. Sie brauchte ja Hilfe. So sah das eben Andreas, der gute, wohlerzogene, hilfsbereite und einzige Sohn. Und Sonja ertrug es und wollte keinen Streit. — Erlebnisbad?! — wunderte sich Margarita Wassiljewna damals am Telefon. — Wozu das denn, nur Chlorluft! Gleich daneben ist doch die Havel! Da kann man auch baden! Wer geht denn bei so schönem Wetter ins Erlebnisbad? Unsinn. Baden wurde es nicht. Keine Zeit. Und der Fluss war eben doch nicht das Erlebnisbad – das Wasser war eher schmutzig. — Was soll man dort denn machen? — sagte Margarita Wassiljewna und drückte Andreas und Sonja, kaum aus dem Auto gestiegen, reichlich angerostete Spaten und Hacken in die Hand. — Mücken füttern? Die Einheimischen springen schon alle noch in die Havel, aber es wird von Jahr zu Jahr dreckiger dort. Die Enten schwimmen direkt bei den Badenden vorbei, und im Fernsehen hieß es heute noch: Bloß nicht bei Enten baden, sonst bekommt man irgendwelche Ausschläge! In Berliner Teichen, na gut, da sind Enten vielleicht harmlos, aber im Fluss? Nein danke. Sonja schwieg, biss die Zähne zusammen und erwiderte nichts auf die Tirade ihrer Schwiegermutter. Die Kinder hatten sich aufs Baden gefreut, und auch ihr war danach gewesen. Aber wann hätten sie das machen sollen? Im Garten gab es zu viel zu tun. Sie waren ja zum Helfen gekommen. Der Schrebergarten war in schlechtem Zustand. Die betagte Laube musste renoviert werden. Der Zaun hing windschief, das Tor war kaum mehr nutzbar. Die Regentonnen waren durchgerostet, die Himbeer-, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher waren zu einer undurchdringlichen Hecke verwachsen – wie im Märchen vom Dornröschen, das von einem hinausreisenden Prinzen befreit werden musste. Unkraut überall, die Gemüsebeete wild verstreut im Schatten der ungepflegt auswuchernden Bäume, deren Kronen längst niemand mehr gestutzt hatte. Nachdem Andreas’ Vater, Dietmar, gestorben war, hatte Margarita Wassiljewna den Garten jahrelang vernachlässigt. Das Auto des Mannes hatte sie verkauft – sie hatte ja keinen Führerschein, und Andreas hatte ein eigenes Fahrzeug. Plötzlich entschied sie dann, sie dürfe die Gartenlaube aus Respekt vor dem verstorbenen Mann nicht vergammeln lassen. Es war sein großer Traum, sein Lebenswerk! Wie viel Arbeit habe er da reingesteckt! Sie fühlte sich auf einmal schuldig, das alles versanden zu lassen und legte mit Feuereifer wieder los. Anfangs schuftete sie noch alleine, fuhr mit der S-Bahn raus; aber Pflanzen und Gartenarbeit hatten immer Dietmar erledigt, Margarita hatte keine Ahnung. Doch sie beschloss tapfer, sich einzuarbeiten – ihrem Mann zuliebe. Geld hatte Margarita nie übrig: Also flackerte sie den Zaun notdürftig, an einer Stelle flocht sie sogar ein Stück aus Zweigen und Ästen, wie ein wackliges Buschwerk. Als Andreas einmal zu Hilfe kam und das sah, schüttelte er nur seufzend den Kopf. Am selben Abend beschlossen er und Sonja, zumindest den billigsten neuen Zaun aufstellen zu lassen. Das Dach der Laube reparierten sie selbst, ersetzten die Tür, und besorgten ein neues Gewächshaus. — Ach Kinder, macht euch doch keinen Stress, — wiegelte Margarita Wassiljewna freundlich ab. — Ich bastle hier nur ein bisschen für unseren Dietmar, und damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ihr habt euer Leben, ich meins … Aber frisches Gemüse, Kartoffelchen, die Beeren für die Enkel – das ist doch toll! Ihr profitiert ja auch selbst davon. Für Grillfeste könnt ihr den Garten immer nutzen, Feiertage feiern, und irgendwann, wenn es so weit ist, bekommt ihr alles. Du bist ja mein einziger Sohn, Andi. — Ach Mama, lass doch das Traurige, — bremste Andreas die Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte ihn dann immer lange und wischte sich verstohlen eine Träne weg. So fing es an. Nach und nach wurde die ganze Freizeit von Sonja und Andreas vom Garten beansprucht. Wie verhext, überfiel Margarita Wassiljewna jedes Mal eine andere „Krankheit“, sobald sie zusammenkamen. Dann saß sie auf ihrem Sessel, in eine Decke gehüllt, jammerte über Kopf, Rücken oder Seite – und dirigierte mit kräftiger Stimme die Gartenarbeiten. — Mein Junge! Da, nimm den Spaten mit dem blauen Griff, der ist schärfer! Genau, der steht neben dem Rechen, — rief sie. — Und da steht noch Farbe auf dem Boden, das Gartentor muss gestrichen werden. Das eilt aber nicht. Aber wenn du willst, ich sag dir gleich, wo ich den Pinsel hingelegt hab, ich hab alles schon besorgt. Andreas führte sogfältig alle Anweisungen der Mutter aus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres, als Beete umzugraben und Tore zu streichen. Dabei träumte er eigentlich von anderen Aktivitäten am Wochenende. Aber die Mutter betonte immer wieder, sie täten das nicht für sie, sondern für sich und die Kinder. — Schließlich wird alles euer! Ihr arbeitet für euch, — so beschwor es die Schwiegermutter. Schließlich bekam der Garten ein neues Gesicht. Nur ein paar Erdbeerstauden blieben, viele Felder wichen Blumenbeeten und frisch eingesätem Rasen. Jetzt konnte man endlich Grillfeste feiern und Gäste einladen. Platz war da genug. — Sonja, lass uns deinen Geburtstag im Garten feiern, — schlug Andreas vor. — Wir laden Freunde ein, grillen, gehen an die Havel, angeln … — Klingt super! — Sonja lächelte. Sie hatten so viel investiert, jetzt war es höchste Zeit, ihren Lohn zu genießen. Sonja rief gleich ihre beste Freundin an, mit der sie und die Familie schon lange befreundet waren — ihre Kinder waren auch im passenden Alter. Sogar Sonjas Cousine mit Ehemann lud sie ein. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – gemeinsames Einkaufen im Großmarkt begeisterte die Kinder. Alle redeten nur noch vom Fest. Freunde und Familie waren voller Vorfreude. Doch als Sonja und Andreas den Tag vor dem Fest zum Garten fuhren, um ein paar Sachen abzuladen, hing am Tor ein großes, fremdes Vorhängeschloss. — Was soll das? — Andreas runzelte die Stirn, hielt die plötzlich nutzlosen alten Schlüssel in der Hand. Im offenen Kofferraum lagen neuer Grill, Spieße, Angelruten – alles, was sie gekauft hatten. Die Kinder hüpften herum und fingen gleich an zu spielen. Sonja schwieg ratlos. — Weißt du … — setzte Andreas an. — Meine Mutter hat mich gestern angerufen, ich war aber gerade am Steuer und konnte nicht rangehen. Später sah ich ihre Nachricht, sie hätte eine Überraschung für uns. Ich hab dem keine besondere Bedeutung beigemessen – und dann völlig vergessen … Ich ruf sie gleich an. — Mama, hast du das Schloss am Gartentor ausgewechselt? — fragte Andreas direkt, als sie am Telefon war. — Na toll, jetzt ist die ganze Überraschung futsch … — seufzte Margarita Wassiljewna. — Warum seid ihr denn überhaupt dahin gefahren? Da kam die schockierende Nachricht: Sie hatte den Garten vor zwei Tagen verkauft. — Ich habe ein super Angebot bekommen, — erklärte sie am Telefon dem völlig fassungslosen Andreas. — Wie hätte ich da ablehnen können! Ihr seid doch immer nur widerwillig rausgefahren, das hab ich genau gesehen. Ihr habt mich sicher verflucht … Jetzt müsst ihr nicht mehr, freut euch! Bin die Last endlich los! Und ihr auch. Die Abwicklung ging schnell, alles ganz sauber – und die Käufer sind keine Betrüger, sondern eine zuverlässige Kollegin von der Arbeit. Sie hat sich um alles gekümmert. — Du hast UNSEREN Garten verkauft?! — stammelte Andreas fassungslos. — Nicht unseren, mein Sohn, meinen — das muss ich dir klar sagen, — entgegnete Margarita Wassiljewna. — Er gehörte dir ja nie. Aber egal, ich hab schon alles geplant! Von dem Geld fahren wir alle zusammen ans Meer! Das war die Überraschung, aber jetzt hast du sie verdorben. Ich wollte es euch feierlich bei euch zuhause erzählen, weil Sonja ja bald Geburtstag hat. Ihr wart doch noch nie am Meer – immer nur Arbeit, Arbeit! Jetzt gönne ich es euch allen. Den Rest leg ich auf ein Sparbuch. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum ihr heute überhaupt in den Garten gefahren seid? Die Nachricht traf Sonja so sehr, dass sie im Auto in Tränen ausbrach. Andreas schwieg düster und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Jungs tobten schon längst um die geparkte Karre herum – sie fanden immer eine Beschäftigung. — Weißt du was, Schwamm drüber … — sagte Andreas schließlich. — Jede Last hat ihr ausgedient. — Ich finds so schade, um all die Zeit und Kraft, die wir in diesen Garten gesteckt haben! Unsere freien Wochenenden – immer nur Arbeit, nie Erholung, — murmelte Sonja traurig. Sie saßen im Auto, blickten auf das frisch reparierte Dach, den Apfelbaum voll Früchten, den neuen Zaun. Aber all das war jetzt Eigentum eines Fremden. — Schon wahr … — stimmte Andreas zu. — Aber was willst du machen? Und weißt du – aufs Meer hab ich gar keine Lust mehr. Soll sie doch alleine fahren … *** Letztlich fuhr die ganze Familie doch – Margarita Wassiljewna bestand darauf. Zusammen verbrachten Andreas, Sonja, die Kinder und sie ein paar Tage am Meer. — Seht ihr, was ich euch für ein fürstliches Geschenk gemacht habe? Alles für euch! — lobte sich Margarita Wassiljewna. — Dima hätte das auch so gewollt. Die Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie nicht ganz los. Doch jetzt war sie überzeugt, mit dem Garten genug für ihn getan zu haben. Es war Zeit, an sich zu denken. — Man lebt nur einmal. Oder wie sagt man? „Man muss das Leben genießen!“ — erklärte Margarita Wassiljewna zufrieden, voller Stolz, während ihre fröhlichen, gebräunten Enkel wieder einmal durch die Wohnung tobten. Bereut hat sie nichts. *** — Ich vermisse den Garten trotzdem, — sagte Sonja immer wieder zu ihrem Mann. — Er wuchs uns ans Herz. — Wie auch nicht, wir haben ja jeden Stein dort selbst verlegt, jedes Beet liebevoll gepflegt, — erwiderte Andreas. — Für Mutter war der Garten eine Bürde. Und sie hat mir klargemacht, dass es nie meiner war – solche Dinge muss man sich eben selbst erarbeiten … — Ja. Selbst … — sagte Sonja nachdenklich. Was sie noch alles dachte, behielt sie für sich. Warum Andreas weiter traurig machen?
Losgeworden Ernsthaft? Das glaube ich dir nicht. Deine Mutter würde doch nie so was tun, meinte Mechthild.
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07
Als meine Schwiegermutter mir und meinem Sohn den Zutritt zur Wohnung verweigerte – und mein Mann schwieg und zog das bequeme Leben bei Mama der eigenen Familie vor
Meine Schwiegermutter ließ mich und meinen Sohn nicht in die Wohnung mein Mann schwieg und entschied
Homy
DER KÄNGURU, DAS SEINEN MENSCHEN RETTETE Bayern, 2020. Auf einem abgeschiedenen Bauernhof, umgeben von Buchen und sanften Hügeln, lebte Hans Krämer, ein 71-jähriger pensionierter Landwirt, der die Gesellschaft von Tieren dem Lärm der Städte vorzog. Seine Frau war vor einem Jahrzehnt gestorben, und seitdem beschränkte sich sein Leben auf Haus, Garten und ein verwaistes Känguru, das er gerettet hatte, als es noch so klein wie eine Milchflasche war. Er nannte es Miro. „Das ist kein Haustier“, sagte Hans. „Es ist ein Lebensgefährte.“ Miro wuchs schnell. Er hüpfte frei über das Gelände, schlief aber immer in der Nähe der Veranda. Wenn Hans Radio hörte, legte sich Miro neben ihn. Wenn Hans die Erde umgrub oder den Zaun reparierte, folgte ihm das Känguru wie ein stiller Schatten. Eines Morgens arbeitete Hans in der Scheune und stolperte über ein loses Brett. Er stürzte schwer. Der Aufprall auf den Rücken lähmte ihn. Sein altes Nokia lag im Haus, und niemand würde die nächsten zwei Tage kommen. „Miro…“, flüsterte er durch zusammengebissene Zähne. „Hilf mir, Junge.“ Das Känguru näherte sich, beschnupperte sein Gesicht. Hans griff so gut er konnte nach seiner Pfote und zeigte in Richtung Haus. „Geh. Hol Hilfe… geh.“ Es schien absurd. Wie sollte ein Känguru das verstehen? Aber Miro verschwand Richtung Haus. Hans dachte, das Tier sei davongehüpft. Bis er fünfzehn Minuten später ein vertrautes Geräusch hörte. „Herr Krämer! Alles in Ordnung?!“ Es war Sarah, die junge Tierärztin, die gelegentlich nach den Wildtieren schaute, die Hans pflegte. Miro war bis zur Straße gesprungen, wo Sarahs Wagen stand, trommelte mit den Füßen auf den Boden, machte seltsame Geräusche, sah sie an, rannte hin und her und kehrte wieder. So lange, bis sie ihm folgte. „Ich habe ihn nie so erlebt“, sagte sie später. „Es war, als hätte er ohne Worte um Hilfe gebeten.“ Hans kam ins Krankenhaus. Drei gebrochene Rippen und eine Hüftverletzung. Hätte Miro keine Hilfe geholt, hätte Hans mehr als einen Tag dort allein, ohne Wasser, verbringen können. Die Geschichte erschien in den lokalen Zeitungen. „Das Helden-Känguru“, nannte man es. Miro wurde sogar im bayerischen Fernsehen gezeigt, mit einem roten Halstuch um den Hals. Hans erholte sich. Doch sein Blick hatte sich für immer verändert. „Ich dachte, ich hätte ihn gerettet“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Aber er hat mir gezeigt, dass echte Liebe keine Worte braucht, nur mutige Sprünge.“ Am Eingang seines Hofes hängt heute ein handgemaltes Schild: „Hier lebt ein Mann… und das Känguru, das ihn nicht allein sterben ließ.“ Und wenn du in der Dämmerung ganz leise vorbeigehst, siehst du vielleicht Miro auf der Veranda liegen, die Augen halb geschlossen, wie er über den alten Mann wacht, der ihm eine zweite Chance gab – und sie, ohne es zu ahnen, zurückbekam.
Bayern, 2020.Auf einem abgelegenen Bauernhof zwischen Buchenwäldern und sanften, grünen Hügeln lebt gerade
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