Befreit — Im Ernst? Ich glaub dir kein Wort. So hätte deine Mutter doch niemals handeln können! — rief Sonja aus. — Doch, das konnte sie, — entgegnete Andreas düster. — Aber wir haben das doch so oft besprochen, alles gemeinsam geplant … — Wir! Das ist das Stichwort — «wir»! — sagte Andreas. — Sie aber, sie hatte offensichtlich ganz eigene Pläne … Andreas war Sonja gegenüber ziemlich verlegen. Aber was sollte er machen?! *** — Was für eine Idylle! Der Schrebergarten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einer Laube geträumt hat? — schwärmte Margarita Wassiljewna, Andreas’ Mutter und Sonjas Schwiegermutter. — Ach was frag ich, du warst ja damals noch ein kleiner Junge! Papa und ich haben jahrelang für diesen Garten gespart, das weiß ich noch genau … Margarita Wassiljewna saß beschattet unter dem weit ausladenden Apfelbaum auf ihrem geflochtenen Lieblingssessel. Andreas hatte ihn fürsorglich hinausgetragen und direkt vor die Gartenlaube gestellt, damit seine Mutter beim Plaudern alles im Blick hatte. Margarita Wassiljewna schwelgte in Erinnerungen und beobachtete zufrieden, wie ihre Schwiegertochter Sonja und Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die fünf und sechs Jahre alten Enkel zwischen den Beeten Fangen spielten. Die Sonne war schon am Untergehen, doch es blieb viel zu tun. Aber kein Problem! Die Kinder würden mithelfen, dafür waren sie schließlich auch da. — Ach Kinder, danke euch! Was täte ich nur ohne euch? — seufzte Margarita Wassiljewna. — Gestern wollte ich eigentlich noch selbst mit der S-Bahn in den Garten fahren, sind ja auch nur etwa vierzig Minuten. Aber am Abend hat’s mir so schlimm den Rücken verrissen! Da blieb mir nichts übrig, als euch zu bitten. Die Arbeit türmt sich – Kartoffeln müssen gehäufelt, Karotten gejätet und ausgedünnt werden, und und und; aber ich bin nur noch Klotz am Bein. Weder bücken noch setzen kann ich mich, eine richtige Last … — Machen Sie sich keine Sorgen, Margarita Wassiljewna, — entgegnete Sonja höflich lächelnd. — Natürlich helfen wir Ihnen, wir sind doch eine Familie. Auch wenn ihr nicht wirklich nach Lächeln zumute war. Wieder einmal hatte Andreas’ Mutter all ihre Pläne über den Haufen geworfen! Eigentlich wollten sie dieses Wochenende mit den Kindern im Erlebnisbad entspannen. Die Jungs hatten sich schon so darauf gefreut, endlich einmal dorthin zu fahren. Aber Margarita Wassiljewna … Sie ging natürlich vor – wichtiger als jedes Erlebnisbad oder sonstige Pläne. Sie brauchte ja Hilfe. So sah das eben Andreas, der gute, wohlerzogene, hilfsbereite und einzige Sohn. Und Sonja ertrug es und wollte keinen Streit. — Erlebnisbad?! — wunderte sich Margarita Wassiljewna damals am Telefon. — Wozu das denn, nur Chlorluft! Gleich daneben ist doch die Havel! Da kann man auch baden! Wer geht denn bei so schönem Wetter ins Erlebnisbad? Unsinn. Baden wurde es nicht. Keine Zeit. Und der Fluss war eben doch nicht das Erlebnisbad – das Wasser war eher schmutzig. — Was soll man dort denn machen? — sagte Margarita Wassiljewna und drückte Andreas und Sonja, kaum aus dem Auto gestiegen, reichlich angerostete Spaten und Hacken in die Hand. — Mücken füttern? Die Einheimischen springen schon alle noch in die Havel, aber es wird von Jahr zu Jahr dreckiger dort. Die Enten schwimmen direkt bei den Badenden vorbei, und im Fernsehen hieß es heute noch: Bloß nicht bei Enten baden, sonst bekommt man irgendwelche Ausschläge! In Berliner Teichen, na gut, da sind Enten vielleicht harmlos, aber im Fluss? Nein danke. Sonja schwieg, biss die Zähne zusammen und erwiderte nichts auf die Tirade ihrer Schwiegermutter. Die Kinder hatten sich aufs Baden gefreut, und auch ihr war danach gewesen. Aber wann hätten sie das machen sollen? Im Garten gab es zu viel zu tun. Sie waren ja zum Helfen gekommen. Der Schrebergarten war in schlechtem Zustand. Die betagte Laube musste renoviert werden. Der Zaun hing windschief, das Tor war kaum mehr nutzbar. Die Regentonnen waren durchgerostet, die Himbeer-, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher waren zu einer undurchdringlichen Hecke verwachsen – wie im Märchen vom Dornröschen, das von einem hinausreisenden Prinzen befreit werden musste. Unkraut überall, die Gemüsebeete wild verstreut im Schatten der ungepflegt auswuchernden Bäume, deren Kronen längst niemand mehr gestutzt hatte. Nachdem Andreas’ Vater, Dietmar, gestorben war, hatte Margarita Wassiljewna den Garten jahrelang vernachlässigt. Das Auto des Mannes hatte sie verkauft – sie hatte ja keinen Führerschein, und Andreas hatte ein eigenes Fahrzeug. Plötzlich entschied sie dann, sie dürfe die Gartenlaube aus Respekt vor dem verstorbenen Mann nicht vergammeln lassen. Es war sein großer Traum, sein Lebenswerk! Wie viel Arbeit habe er da reingesteckt! Sie fühlte sich auf einmal schuldig, das alles versanden zu lassen und legte mit Feuereifer wieder los. Anfangs schuftete sie noch alleine, fuhr mit der S-Bahn raus; aber Pflanzen und Gartenarbeit hatten immer Dietmar erledigt, Margarita hatte keine Ahnung. Doch sie beschloss tapfer, sich einzuarbeiten – ihrem Mann zuliebe. Geld hatte Margarita nie übrig: Also flackerte sie den Zaun notdürftig, an einer Stelle flocht sie sogar ein Stück aus Zweigen und Ästen, wie ein wackliges Buschwerk. Als Andreas einmal zu Hilfe kam und das sah, schüttelte er nur seufzend den Kopf. Am selben Abend beschlossen er und Sonja, zumindest den billigsten neuen Zaun aufstellen zu lassen. Das Dach der Laube reparierten sie selbst, ersetzten die Tür, und besorgten ein neues Gewächshaus. — Ach Kinder, macht euch doch keinen Stress, — wiegelte Margarita Wassiljewna freundlich ab. — Ich bastle hier nur ein bisschen für unseren Dietmar, und damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ihr habt euer Leben, ich meins … Aber frisches Gemüse, Kartoffelchen, die Beeren für die Enkel – das ist doch toll! Ihr profitiert ja auch selbst davon. Für Grillfeste könnt ihr den Garten immer nutzen, Feiertage feiern, und irgendwann, wenn es so weit ist, bekommt ihr alles. Du bist ja mein einziger Sohn, Andi. — Ach Mama, lass doch das Traurige, — bremste Andreas die Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte ihn dann immer lange und wischte sich verstohlen eine Träne weg. So fing es an. Nach und nach wurde die ganze Freizeit von Sonja und Andreas vom Garten beansprucht. Wie verhext, überfiel Margarita Wassiljewna jedes Mal eine andere „Krankheit“, sobald sie zusammenkamen. Dann saß sie auf ihrem Sessel, in eine Decke gehüllt, jammerte über Kopf, Rücken oder Seite – und dirigierte mit kräftiger Stimme die Gartenarbeiten. — Mein Junge! Da, nimm den Spaten mit dem blauen Griff, der ist schärfer! Genau, der steht neben dem Rechen, — rief sie. — Und da steht noch Farbe auf dem Boden, das Gartentor muss gestrichen werden. Das eilt aber nicht. Aber wenn du willst, ich sag dir gleich, wo ich den Pinsel hingelegt hab, ich hab alles schon besorgt. Andreas führte sogfältig alle Anweisungen der Mutter aus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres, als Beete umzugraben und Tore zu streichen. Dabei träumte er eigentlich von anderen Aktivitäten am Wochenende. Aber die Mutter betonte immer wieder, sie täten das nicht für sie, sondern für sich und die Kinder. — Schließlich wird alles euer! Ihr arbeitet für euch, — so beschwor es die Schwiegermutter. Schließlich bekam der Garten ein neues Gesicht. Nur ein paar Erdbeerstauden blieben, viele Felder wichen Blumenbeeten und frisch eingesätem Rasen. Jetzt konnte man endlich Grillfeste feiern und Gäste einladen. Platz war da genug. — Sonja, lass uns deinen Geburtstag im Garten feiern, — schlug Andreas vor. — Wir laden Freunde ein, grillen, gehen an die Havel, angeln … — Klingt super! — Sonja lächelte. Sie hatten so viel investiert, jetzt war es höchste Zeit, ihren Lohn zu genießen. Sonja rief gleich ihre beste Freundin an, mit der sie und die Familie schon lange befreundet waren — ihre Kinder waren auch im passenden Alter. Sogar Sonjas Cousine mit Ehemann lud sie ein. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – gemeinsames Einkaufen im Großmarkt begeisterte die Kinder. Alle redeten nur noch vom Fest. Freunde und Familie waren voller Vorfreude. Doch als Sonja und Andreas den Tag vor dem Fest zum Garten fuhren, um ein paar Sachen abzuladen, hing am Tor ein großes, fremdes Vorhängeschloss. — Was soll das? — Andreas runzelte die Stirn, hielt die plötzlich nutzlosen alten Schlüssel in der Hand. Im offenen Kofferraum lagen neuer Grill, Spieße, Angelruten – alles, was sie gekauft hatten. Die Kinder hüpften herum und fingen gleich an zu spielen. Sonja schwieg ratlos. — Weißt du … — setzte Andreas an. — Meine Mutter hat mich gestern angerufen, ich war aber gerade am Steuer und konnte nicht rangehen. Später sah ich ihre Nachricht, sie hätte eine Überraschung für uns. Ich hab dem keine besondere Bedeutung beigemessen – und dann völlig vergessen … Ich ruf sie gleich an. — Mama, hast du das Schloss am Gartentor ausgewechselt? — fragte Andreas direkt, als sie am Telefon war. — Na toll, jetzt ist die ganze Überraschung futsch … — seufzte Margarita Wassiljewna. — Warum seid ihr denn überhaupt dahin gefahren? Da kam die schockierende Nachricht: Sie hatte den Garten vor zwei Tagen verkauft. — Ich habe ein super Angebot bekommen, — erklärte sie am Telefon dem völlig fassungslosen Andreas. — Wie hätte ich da ablehnen können! Ihr seid doch immer nur widerwillig rausgefahren, das hab ich genau gesehen. Ihr habt mich sicher verflucht … Jetzt müsst ihr nicht mehr, freut euch! Bin die Last endlich los! Und ihr auch. Die Abwicklung ging schnell, alles ganz sauber – und die Käufer sind keine Betrüger, sondern eine zuverlässige Kollegin von der Arbeit. Sie hat sich um alles gekümmert. — Du hast UNSEREN Garten verkauft?! — stammelte Andreas fassungslos. — Nicht unseren, mein Sohn, meinen — das muss ich dir klar sagen, — entgegnete Margarita Wassiljewna. — Er gehörte dir ja nie. Aber egal, ich hab schon alles geplant! Von dem Geld fahren wir alle zusammen ans Meer! Das war die Überraschung, aber jetzt hast du sie verdorben. Ich wollte es euch feierlich bei euch zuhause erzählen, weil Sonja ja bald Geburtstag hat. Ihr wart doch noch nie am Meer – immer nur Arbeit, Arbeit! Jetzt gönne ich es euch allen. Den Rest leg ich auf ein Sparbuch. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum ihr heute überhaupt in den Garten gefahren seid? Die Nachricht traf Sonja so sehr, dass sie im Auto in Tränen ausbrach. Andreas schwieg düster und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Jungs tobten schon längst um die geparkte Karre herum – sie fanden immer eine Beschäftigung. — Weißt du was, Schwamm drüber … — sagte Andreas schließlich. — Jede Last hat ihr ausgedient. — Ich finds so schade, um all die Zeit und Kraft, die wir in diesen Garten gesteckt haben! Unsere freien Wochenenden – immer nur Arbeit, nie Erholung, — murmelte Sonja traurig. Sie saßen im Auto, blickten auf das frisch reparierte Dach, den Apfelbaum voll Früchten, den neuen Zaun. Aber all das war jetzt Eigentum eines Fremden. — Schon wahr … — stimmte Andreas zu. — Aber was willst du machen? Und weißt du – aufs Meer hab ich gar keine Lust mehr. Soll sie doch alleine fahren … *** Letztlich fuhr die ganze Familie doch – Margarita Wassiljewna bestand darauf. Zusammen verbrachten Andreas, Sonja, die Kinder und sie ein paar Tage am Meer. — Seht ihr, was ich euch für ein fürstliches Geschenk gemacht habe? Alles für euch! — lobte sich Margarita Wassiljewna. — Dima hätte das auch so gewollt. Die Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie nicht ganz los. Doch jetzt war sie überzeugt, mit dem Garten genug für ihn getan zu haben. Es war Zeit, an sich zu denken. — Man lebt nur einmal. Oder wie sagt man? „Man muss das Leben genießen!“ — erklärte Margarita Wassiljewna zufrieden, voller Stolz, während ihre fröhlichen, gebräunten Enkel wieder einmal durch die Wohnung tobten. Bereut hat sie nichts. *** — Ich vermisse den Garten trotzdem, — sagte Sonja immer wieder zu ihrem Mann. — Er wuchs uns ans Herz. — Wie auch nicht, wir haben ja jeden Stein dort selbst verlegt, jedes Beet liebevoll gepflegt, — erwiderte Andreas. — Für Mutter war der Garten eine Bürde. Und sie hat mir klargemacht, dass es nie meiner war – solche Dinge muss man sich eben selbst erarbeiten … — Ja. Selbst … — sagte Sonja nachdenklich. Was sie noch alles dachte, behielt sie für sich. Warum Andreas weiter traurig machen?

Losgeworden

Ernsthaft? Das glaube ich dir nicht. Deine Mutter würde doch nie so was tun, meinte Mechthild.

Oh doch, murmelte Andreas düster.

Aber wir haben doch alles mehrfach besprochen, geplant

Wir, genau. Wir ist das Zauberwort! seufzte Andreas. Aber Mama hatte wohl schon wieder ganz andere Pläne…

Andreas war das Ganze vor Mechthild extrem peinlich. Aber was sollte er machen?!

***

Ach, wie idyllisch ist das hier! Unser Garten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einem Schrebergarten geträumt hat? schwärmte Gertrud Wiesenthal, Andreas’ Mutter und Mechthilds Schwiegermutter, während sie die Hände in den Schoß legte. Ach, du warst ja damals noch ein Winzling! Dein Vater und ich haben Cent für Cent zurückgelegt, um das hier zu kaufen das waren noch Zeiten.

Gertrud saß gemütlich im Schatten eines riesigen Apfelbaums, in ihrem altbewährten Korbstuhl, den Andreas liebevoll ins Freie gestellt hatte, direkt neben das Gartenhäuschen. So konnte seine Mutter auch beim Plaudern alles beobachten.

Gertrud schwelgte in Erinnerungen und schaute vergnügt zu, wie Schwiegertochter Mechthild und Sohnemann Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die beiden Kinder, fünf und sechs Jahre alt, kreischend Fangen über die überwucherten Wege spielten. Die Sonne stand schon schief, aber zu tun gab’s mehr als genug. Na, egal! Die Enkel sind ja schließlich zum Helfen da!

Ach, Kinder, was würde ich nur ohne euch machen! stöhnte Gertrud dramatisch. Gestern wollte ich noch fix mit der S-Bahn herfahren, das sind ja nur dreißig Minuten und dann knallt plötzlich mein Rücken! Musste ich euch halt wieder belästigen. Aber ohne Hilfe wird das nichts, Kartoffeln müssen gehackt werden, Möhren ausgedünnt, das Unkraut explodiert förmlich, irgendwas ist immer. Ich häng hier nur blöd rum und bin keine Hilfe.

Keine Sorge, wir helfen Ihnen natürlich, Frau Wiesenthal, antwortete Mechthild höflich lächelnd. Wahre Begeisterung klang allerdings nicht mit. Wieder war alle Planung durch Andreas’ Mutter über den Haufen geworfen! Geplant war ein gemütlicher Sonntag mit der Familie, Schwimmbadbesuch die Jungs bettelten seit Wochen aber jetzt stand stattdessen Gärtnern auf dem Programm. Doch Gertrud war da waren sich alle einig eben wichtiger als ein Hallenbad-Besuch. So sah es jedenfalls Andreas, dieser mustergültige Sohn mit Herz am rechten Fleck. Und Mechthild schwieg, um Streit zu vermeiden.

Schwimmbad?! empörte sich Frau Wiesenthal am Telefon. Wozu das, Chlor ist doch pures Gift! Unser Fluss ist gleich um die Ecke vom Garten! Viel gesünder. Schwimmen im Sommer im Schwimmbad also bitte! Was für ein Unsinn.

Schwimmen fiel allerdings aus. Keine Zeit, und der Fluss war auch alles andere als einladend braunes Wasser, dreimal darf man raten.

Was wollt ihr da? gab Gertrud dann von sich, während sie Mechthild und Andreas, kaum dass sie aus dem Auto stiegen, verrostete Spaten und Hacken in die Hand drückte. Moskitos füttern? Gut, alle Nachbarn machen das auch so, aber ehrlich: Jedes Jahr mehr Matsch und Schmutz. Die Enten schwimmen da zwischen den Badenden rum, und gestern kam im Fernsehen richtig ungesund, da kann man sich alles Mögliche holen. Die Enten im Stadtteich sind ja hübsch, aber im Fluss, das ist gefährlich.

Mechthild biss sich auf die Zunge und sagte nichts. Die Kinder wollten eigentlich nur ins Wasser, sie selbst übrigens auch. Aber wozu diskutieren? Arbeit gabs hier ohnehin genug.

Der Kleingarten war in einem durchaus natürlichen Zustand. Das Häuschen gammelig, der Zaun windschief, das Tor hing in den Angeln. Die Regentonnen rosteten vor sich hin, Himbeer-, Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche bildeten einen dornigen Wall, durch den sich selbst Dornröschen den Weg hätte freikämpfen müssen. Unkraut überall, Gemüsebeete im tiefsten Schatten, die Bäume schon ewig nicht verschnitten.

Nach dem Tod von Andreas Vater, Dieter Wiesenthal, hatte Gertrud den Garten Jahre lang kaum betreten. Das Auto ihres Mannes wurde verkauft Führerschein hatte sie keinen, und Andreas hatte längst ein eigenes Auto.

Doch irgendwann beschloss sie, dem Schrebergarten im Andenken an ihren Mann neues Leben einzuhauchen seine Herzensangelegenheit, sein Werk! Arbeit ohne Ende. Sie fühlte sich der Erinnerung verpflichtet, auch wenn sie von Pflanzen und Pflege herzlich wenig Ahnung hatte aber das hielt sie nicht ab.

Geld hatte Gertrud nie zu viel, und notdürftig flickte sie den Zaun mit allem, was nicht bei drei auf dem Kompost lag: An einer Stelle verzierte sogar ein improvisiertes Flechtwerk aus Stöcken und Ästen das Bauwerk. Als Andreas einmal helfen kam und das Durcheinander sah, schüttelte er nur resigniert den Kopf.

Am Abend besprachen Andreas und Mechthild, dass sie doch lieber in einen neuen billigen Zaun investieren sollten. Das Häuschen flickten sie selbst, eine neue Tür kam her, ein neues Gewächshaus.

Ach nein, lasst nur, Kinder! Bitte nicht. Ich mach das alles nur in Gedenken an Dieter, sonst dreh ich ja durch! Ihr habt doch euer eigenes Leben wehrte Gertrud immer ab. Aber das frische Gemüse, neue Kartoffeln, Beeren für die Enkel ist doch herrlich! Für euch ists doch auch. Ihr könnt immer zum Grillen kommen, feiern, entspannen. Später geht eh alles an euch, Andi. Du bist ja mein einziger Sohn

Nicht so traurig, Mama, Andreas bremste sie sanft und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie nahm ihn in den Arm, ein bisschen feucht um die Augen.

Und so wurde der Schrebergarten zur festen Größe im Familienkalender. Ohne großen Widerstand übernahm Mechthild die Gartenarbeit, immer war irgendwas, immer war Gertrud plötzlich krank oder platt, saß im Korbstuhl, den sie liebevoll mit einer Decke drapierte, und delegierte die Aufgaben per Kommando aus der Ferne.

Andi! Nimm die Schaufel mit dem blauen Griff, die schneidet besser! Genau, neben dem Rechen! rief sie. Und da steht noch Farbe das Gartentor sollte dringend gestrichen werden. Aber kein Stress, wenn du’s machst, sag ich, wo die Pinsel sind, hab alles vorbereitet.

Andreas arbeitete sich durch die Liste seiner Mutter und tat so, als fände er Gärtnern und Malen ganz entzückend. An seinen eigentlichen Hobbys am Wochenende dachte er lieber gar nicht mehr. Aber Gertrud betonte gern, dass sie das alles nicht für sich, sondern für die Familie tun würden.

Ihr macht das für euch, für eure Kinder, predigte sie regelmäßig.

Irgendwann schafften sie es, den Garten gesellschaftsfähig zu machen: Ein paar Erdbeeren blieben, die Gemüsebeete schrumpften auf vier Quadratmeter, dafür kamen Blumen und Rasen. Endlich hätte man das Grundstück auch guten Gewissens zeigen können und Feste feiern!

Mechthild, stell dir vor, wir feiern deinen Geburtstag im Garten, schlug Andreas eines Tages vor. Alle Freunde einladen, grillen, zur Alster angeln gehen klingt doch nach Plan!

Super Idee, grinste Mechthild.

Nach all den Schweißtropfen und Euro, die sie in das Terrain gesteckt hatten, war jetzt endlich Zeit, mal die Früchte zu genießen.

Mechthild griff sofort zum Telefon, lud ihre beste Freundin samt Familie ein Kinder im selben Alter, das war immer ein Fest. Auch ihre Cousine samt Anhang sollte herkommen.

Alles wurde vorbereitet, mehrfach durch den Supermarkt gerannt; die Kinder waren völlig aus dem Häuschen es wurde im Vorfeld nur über das große Fest gesprochen. Auch die Freunde waren voll Vorfreude und besorgten schon passende Geschenke.

Tja, als Mechthild, Andreas und die Kinder aber am Vortag der Party zum Garten fahren wollten, die Autos bis unters Dach voll mit Grill, Spießen, Angelruten und Deko, da prangte am Eingang ein riesiges neues Schloss. Eines, das definitiv nicht ihnen gehörte.

Wie jetzt?! Andreas hielt immer noch ungläubig den Schlüssel des alten Schlosses in der Hand.

Aus dem Kofferraum lugte der Grill heraus, die Jungs sprangen schon auf dem Parkplatz herum. Mechthild stand ratlos daneben.

Gestern hat Mama noch angerufen, aber ich war am Steuer. Dann hab ich nur noch ‘ne Message gesehen: Ich hab’ eine Überraschung für euch! Erzähl ich bald. Ehrlich, hab’s überlesen. Ich ruf sie lieber gleich an.

Mama! Hast du das Schloss am Gartentor gewechselt?! fiel Andreas sofort mit der Tür ins Haus.

Ach, jetzt hast du die Überraschung ruiniert seufzte Gertrud am anderen Ende. Warum fahrt ihr eigentlich hin?

Dann platze die Bombe: Frau Wiesenthal hatte den Garten zwei Tage zuvor verkauft.

Ich hab ein bombiges Angebot bekommen, erklärte sie am Telefon, als Andreas immer noch kaum Luft bekam. Da kann man doch nicht Nein sagen! Ihr habt euch eh immer gequält und ganz sicher innerlich geflucht. Nun habt ihr eure Ruhe und ich auch. Schluss mit Schinderei! Der Käufer ist kein Fremder, total vertrauenswürdig, ein Kollege von der Arbeit. Alles geregelt, sogar den ganzen Papierkram hat er übernommen.

Du hast unsern Schrebergarten verkauft?! Andreas rang immer noch nach Fassung.

Nicht unsern, Schatz, meinen! erinnerte Gertrud ihn liebevoll. Dir gehörte der nie. Aber egal. Ich hab alles durchdacht: Von dem Geld fahre ich mit euch allen ans Meer! Das war die Überraschung jetzt weißt dus halt so. Ich wollte euch eigentlich besuchen und das ganz feierlich verkünden! Ich weiß ja, Mechthild feiert bald Geburtstag und ich wollte euch die Reise schenken. Ihr wart doch nie an der Ostsee, immer nur arbeiten, ich dachte, jetzt endlich ab ans Wasser! Den Rest pack ich aufs Sparbuch. Und übrigens: Was willst du eigentlich heute im Garten?

Mechthild weinte im Auto. Andreas schweigsam, klopfte mit den Fingern auf das Lenkrad und dachte nach. Die Kinder liefen inzwischen schon um den Wagen herum, wie immer in bester Laune.

Weißt du was, dann eben ohne Schrebergarten seufzte er schließlich. Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

Es tut mir einfach leid um die viele Zeit und Kraft, die wir da reingesteckt haben! Unsere Wochenenden, alles wie verpufft, jammerte Mechthild traurig.

Vor ihnen lag das Gartenhäuschen mit der frisch reparierten Dachrinne, der Apfelbaum voller Früchte, der neue Zaun alles schon nicht mehr ihres.

Ja, schon stimmte Andreas zu. Aber jetzt können wir es eh nicht ändern. Und ehrlich? Strandurlaub brauche ich nicht da darf Mutter gern alleine fahren

***

Am Ende fuhren sie natürlich doch alle zusammen: Gertrud hatte sich durchgesetzt. Dicht an dicht lagen sie zu fünft am Ostseestrand: Gertrud, Mechthild, Andreas und die Jungs.

Seht ihr, was für ein königliches Geschenk ich euch gemacht habe! Ich habs nur für euch getan, Kinder, lobte sich Frau Wiesenthal selbst und war rotzfrech stolz. Dieter hätte das sicher auch gewollt.

Traurig über Dieter blieb sie zwar aber die Gartenphase in Gedenken an ihn hielt sie jetzt für ausgereizt. Jetzt war Zeit für sich selbst.

Man lebt eben nur einmal. Oder wie heißt das? “Carpe diem”, genau! sagte Gertrud zufrieden, blickte ihren fröhlichen, braungebrannten Enkeln beim Toben in der Wohnung zu und bereute nichts.

***

Mir fehlt der Garten immer noch, sagte Mechthild danach oft zu Andreas. Alles wächst einem so ans Herz.

Wen wunderts schließlich haben wir jeden Stein umgedreht, jede Distel eigenhändig entfernt! meinte Andreas. Aber Mama, die hatte die Schnauze wohl einfach voll. “Ballast abgeworfen”, sozusagen. Und mir hat sie nebenbei erklärt, dass fremdes Eigentum zu begehren unfein ist und man sich alles selbst erarbeiten muss

Klar, am besten eigenhändig sinnierte Mechthild.

Was sie wirklich dachte, verschwieg sie aber lieber. Man muss Andreas ja nicht grundlos die Laune verderben, oder?

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Homy
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Befreit — Im Ernst? Ich glaub dir kein Wort. So hätte deine Mutter doch niemals handeln können! — rief Sonja aus. — Doch, das konnte sie, — entgegnete Andreas düster. — Aber wir haben das doch so oft besprochen, alles gemeinsam geplant … — Wir! Das ist das Stichwort — «wir»! — sagte Andreas. — Sie aber, sie hatte offensichtlich ganz eigene Pläne … Andreas war Sonja gegenüber ziemlich verlegen. Aber was sollte er machen?! *** — Was für eine Idylle! Der Schrebergarten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einer Laube geträumt hat? — schwärmte Margarita Wassiljewna, Andreas’ Mutter und Sonjas Schwiegermutter. — Ach was frag ich, du warst ja damals noch ein kleiner Junge! Papa und ich haben jahrelang für diesen Garten gespart, das weiß ich noch genau … Margarita Wassiljewna saß beschattet unter dem weit ausladenden Apfelbaum auf ihrem geflochtenen Lieblingssessel. Andreas hatte ihn fürsorglich hinausgetragen und direkt vor die Gartenlaube gestellt, damit seine Mutter beim Plaudern alles im Blick hatte. Margarita Wassiljewna schwelgte in Erinnerungen und beobachtete zufrieden, wie ihre Schwiegertochter Sonja und Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die fünf und sechs Jahre alten Enkel zwischen den Beeten Fangen spielten. Die Sonne war schon am Untergehen, doch es blieb viel zu tun. Aber kein Problem! Die Kinder würden mithelfen, dafür waren sie schließlich auch da. — Ach Kinder, danke euch! Was täte ich nur ohne euch? — seufzte Margarita Wassiljewna. — Gestern wollte ich eigentlich noch selbst mit der S-Bahn in den Garten fahren, sind ja auch nur etwa vierzig Minuten. Aber am Abend hat’s mir so schlimm den Rücken verrissen! Da blieb mir nichts übrig, als euch zu bitten. Die Arbeit türmt sich – Kartoffeln müssen gehäufelt, Karotten gejätet und ausgedünnt werden, und und und; aber ich bin nur noch Klotz am Bein. Weder bücken noch setzen kann ich mich, eine richtige Last … — Machen Sie sich keine Sorgen, Margarita Wassiljewna, — entgegnete Sonja höflich lächelnd. — Natürlich helfen wir Ihnen, wir sind doch eine Familie. Auch wenn ihr nicht wirklich nach Lächeln zumute war. Wieder einmal hatte Andreas’ Mutter all ihre Pläne über den Haufen geworfen! Eigentlich wollten sie dieses Wochenende mit den Kindern im Erlebnisbad entspannen. Die Jungs hatten sich schon so darauf gefreut, endlich einmal dorthin zu fahren. Aber Margarita Wassiljewna … Sie ging natürlich vor – wichtiger als jedes Erlebnisbad oder sonstige Pläne. Sie brauchte ja Hilfe. So sah das eben Andreas, der gute, wohlerzogene, hilfsbereite und einzige Sohn. Und Sonja ertrug es und wollte keinen Streit. — Erlebnisbad?! — wunderte sich Margarita Wassiljewna damals am Telefon. — Wozu das denn, nur Chlorluft! Gleich daneben ist doch die Havel! Da kann man auch baden! Wer geht denn bei so schönem Wetter ins Erlebnisbad? Unsinn. Baden wurde es nicht. Keine Zeit. Und der Fluss war eben doch nicht das Erlebnisbad – das Wasser war eher schmutzig. — Was soll man dort denn machen? — sagte Margarita Wassiljewna und drückte Andreas und Sonja, kaum aus dem Auto gestiegen, reichlich angerostete Spaten und Hacken in die Hand. — Mücken füttern? Die Einheimischen springen schon alle noch in die Havel, aber es wird von Jahr zu Jahr dreckiger dort. Die Enten schwimmen direkt bei den Badenden vorbei, und im Fernsehen hieß es heute noch: Bloß nicht bei Enten baden, sonst bekommt man irgendwelche Ausschläge! In Berliner Teichen, na gut, da sind Enten vielleicht harmlos, aber im Fluss? Nein danke. Sonja schwieg, biss die Zähne zusammen und erwiderte nichts auf die Tirade ihrer Schwiegermutter. Die Kinder hatten sich aufs Baden gefreut, und auch ihr war danach gewesen. Aber wann hätten sie das machen sollen? Im Garten gab es zu viel zu tun. Sie waren ja zum Helfen gekommen. Der Schrebergarten war in schlechtem Zustand. Die betagte Laube musste renoviert werden. Der Zaun hing windschief, das Tor war kaum mehr nutzbar. Die Regentonnen waren durchgerostet, die Himbeer-, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher waren zu einer undurchdringlichen Hecke verwachsen – wie im Märchen vom Dornröschen, das von einem hinausreisenden Prinzen befreit werden musste. Unkraut überall, die Gemüsebeete wild verstreut im Schatten der ungepflegt auswuchernden Bäume, deren Kronen längst niemand mehr gestutzt hatte. Nachdem Andreas’ Vater, Dietmar, gestorben war, hatte Margarita Wassiljewna den Garten jahrelang vernachlässigt. Das Auto des Mannes hatte sie verkauft – sie hatte ja keinen Führerschein, und Andreas hatte ein eigenes Fahrzeug. Plötzlich entschied sie dann, sie dürfe die Gartenlaube aus Respekt vor dem verstorbenen Mann nicht vergammeln lassen. Es war sein großer Traum, sein Lebenswerk! Wie viel Arbeit habe er da reingesteckt! Sie fühlte sich auf einmal schuldig, das alles versanden zu lassen und legte mit Feuereifer wieder los. Anfangs schuftete sie noch alleine, fuhr mit der S-Bahn raus; aber Pflanzen und Gartenarbeit hatten immer Dietmar erledigt, Margarita hatte keine Ahnung. Doch sie beschloss tapfer, sich einzuarbeiten – ihrem Mann zuliebe. Geld hatte Margarita nie übrig: Also flackerte sie den Zaun notdürftig, an einer Stelle flocht sie sogar ein Stück aus Zweigen und Ästen, wie ein wackliges Buschwerk. Als Andreas einmal zu Hilfe kam und das sah, schüttelte er nur seufzend den Kopf. Am selben Abend beschlossen er und Sonja, zumindest den billigsten neuen Zaun aufstellen zu lassen. Das Dach der Laube reparierten sie selbst, ersetzten die Tür, und besorgten ein neues Gewächshaus. — Ach Kinder, macht euch doch keinen Stress, — wiegelte Margarita Wassiljewna freundlich ab. — Ich bastle hier nur ein bisschen für unseren Dietmar, und damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ihr habt euer Leben, ich meins … Aber frisches Gemüse, Kartoffelchen, die Beeren für die Enkel – das ist doch toll! Ihr profitiert ja auch selbst davon. Für Grillfeste könnt ihr den Garten immer nutzen, Feiertage feiern, und irgendwann, wenn es so weit ist, bekommt ihr alles. Du bist ja mein einziger Sohn, Andi. — Ach Mama, lass doch das Traurige, — bremste Andreas die Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte ihn dann immer lange und wischte sich verstohlen eine Träne weg. So fing es an. Nach und nach wurde die ganze Freizeit von Sonja und Andreas vom Garten beansprucht. Wie verhext, überfiel Margarita Wassiljewna jedes Mal eine andere „Krankheit“, sobald sie zusammenkamen. Dann saß sie auf ihrem Sessel, in eine Decke gehüllt, jammerte über Kopf, Rücken oder Seite – und dirigierte mit kräftiger Stimme die Gartenarbeiten. — Mein Junge! Da, nimm den Spaten mit dem blauen Griff, der ist schärfer! Genau, der steht neben dem Rechen, — rief sie. — Und da steht noch Farbe auf dem Boden, das Gartentor muss gestrichen werden. Das eilt aber nicht. Aber wenn du willst, ich sag dir gleich, wo ich den Pinsel hingelegt hab, ich hab alles schon besorgt. Andreas führte sogfältig alle Anweisungen der Mutter aus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres, als Beete umzugraben und Tore zu streichen. Dabei träumte er eigentlich von anderen Aktivitäten am Wochenende. Aber die Mutter betonte immer wieder, sie täten das nicht für sie, sondern für sich und die Kinder. — Schließlich wird alles euer! Ihr arbeitet für euch, — so beschwor es die Schwiegermutter. Schließlich bekam der Garten ein neues Gesicht. Nur ein paar Erdbeerstauden blieben, viele Felder wichen Blumenbeeten und frisch eingesätem Rasen. Jetzt konnte man endlich Grillfeste feiern und Gäste einladen. Platz war da genug. — Sonja, lass uns deinen Geburtstag im Garten feiern, — schlug Andreas vor. — Wir laden Freunde ein, grillen, gehen an die Havel, angeln … — Klingt super! — Sonja lächelte. Sie hatten so viel investiert, jetzt war es höchste Zeit, ihren Lohn zu genießen. Sonja rief gleich ihre beste Freundin an, mit der sie und die Familie schon lange befreundet waren — ihre Kinder waren auch im passenden Alter. Sogar Sonjas Cousine mit Ehemann lud sie ein. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – gemeinsames Einkaufen im Großmarkt begeisterte die Kinder. Alle redeten nur noch vom Fest. Freunde und Familie waren voller Vorfreude. Doch als Sonja und Andreas den Tag vor dem Fest zum Garten fuhren, um ein paar Sachen abzuladen, hing am Tor ein großes, fremdes Vorhängeschloss. — Was soll das? — Andreas runzelte die Stirn, hielt die plötzlich nutzlosen alten Schlüssel in der Hand. Im offenen Kofferraum lagen neuer Grill, Spieße, Angelruten – alles, was sie gekauft hatten. Die Kinder hüpften herum und fingen gleich an zu spielen. Sonja schwieg ratlos. — Weißt du … — setzte Andreas an. — Meine Mutter hat mich gestern angerufen, ich war aber gerade am Steuer und konnte nicht rangehen. Später sah ich ihre Nachricht, sie hätte eine Überraschung für uns. Ich hab dem keine besondere Bedeutung beigemessen – und dann völlig vergessen … Ich ruf sie gleich an. — Mama, hast du das Schloss am Gartentor ausgewechselt? — fragte Andreas direkt, als sie am Telefon war. — Na toll, jetzt ist die ganze Überraschung futsch … — seufzte Margarita Wassiljewna. — Warum seid ihr denn überhaupt dahin gefahren? Da kam die schockierende Nachricht: Sie hatte den Garten vor zwei Tagen verkauft. — Ich habe ein super Angebot bekommen, — erklärte sie am Telefon dem völlig fassungslosen Andreas. — Wie hätte ich da ablehnen können! Ihr seid doch immer nur widerwillig rausgefahren, das hab ich genau gesehen. Ihr habt mich sicher verflucht … Jetzt müsst ihr nicht mehr, freut euch! Bin die Last endlich los! Und ihr auch. Die Abwicklung ging schnell, alles ganz sauber – und die Käufer sind keine Betrüger, sondern eine zuverlässige Kollegin von der Arbeit. Sie hat sich um alles gekümmert. — Du hast UNSEREN Garten verkauft?! — stammelte Andreas fassungslos. — Nicht unseren, mein Sohn, meinen — das muss ich dir klar sagen, — entgegnete Margarita Wassiljewna. — Er gehörte dir ja nie. Aber egal, ich hab schon alles geplant! Von dem Geld fahren wir alle zusammen ans Meer! Das war die Überraschung, aber jetzt hast du sie verdorben. Ich wollte es euch feierlich bei euch zuhause erzählen, weil Sonja ja bald Geburtstag hat. Ihr wart doch noch nie am Meer – immer nur Arbeit, Arbeit! Jetzt gönne ich es euch allen. Den Rest leg ich auf ein Sparbuch. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum ihr heute überhaupt in den Garten gefahren seid? Die Nachricht traf Sonja so sehr, dass sie im Auto in Tränen ausbrach. Andreas schwieg düster und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Jungs tobten schon längst um die geparkte Karre herum – sie fanden immer eine Beschäftigung. — Weißt du was, Schwamm drüber … — sagte Andreas schließlich. — Jede Last hat ihr ausgedient. — Ich finds so schade, um all die Zeit und Kraft, die wir in diesen Garten gesteckt haben! Unsere freien Wochenenden – immer nur Arbeit, nie Erholung, — murmelte Sonja traurig. Sie saßen im Auto, blickten auf das frisch reparierte Dach, den Apfelbaum voll Früchten, den neuen Zaun. Aber all das war jetzt Eigentum eines Fremden. — Schon wahr … — stimmte Andreas zu. — Aber was willst du machen? Und weißt du – aufs Meer hab ich gar keine Lust mehr. Soll sie doch alleine fahren … *** Letztlich fuhr die ganze Familie doch – Margarita Wassiljewna bestand darauf. Zusammen verbrachten Andreas, Sonja, die Kinder und sie ein paar Tage am Meer. — Seht ihr, was ich euch für ein fürstliches Geschenk gemacht habe? Alles für euch! — lobte sich Margarita Wassiljewna. — Dima hätte das auch so gewollt. Die Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie nicht ganz los. Doch jetzt war sie überzeugt, mit dem Garten genug für ihn getan zu haben. Es war Zeit, an sich zu denken. — Man lebt nur einmal. Oder wie sagt man? „Man muss das Leben genießen!“ — erklärte Margarita Wassiljewna zufrieden, voller Stolz, während ihre fröhlichen, gebräunten Enkel wieder einmal durch die Wohnung tobten. Bereut hat sie nichts. *** — Ich vermisse den Garten trotzdem, — sagte Sonja immer wieder zu ihrem Mann. — Er wuchs uns ans Herz. — Wie auch nicht, wir haben ja jeden Stein dort selbst verlegt, jedes Beet liebevoll gepflegt, — erwiderte Andreas. — Für Mutter war der Garten eine Bürde. Und sie hat mir klargemacht, dass es nie meiner war – solche Dinge muss man sich eben selbst erarbeiten … — Ja. Selbst … — sagte Sonja nachdenklich. Was sie noch alles dachte, behielt sie für sich. Warum Andreas weiter traurig machen?
Ich spülte gerade das Geschirr, als mein Mann stürmisch hereinkam und laut rief: Schon wieder meine Mutter. Schon wieder dieses Misstrauen. Es reicht.