Das ließ ich mir aufbürden! — Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude… — Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet… Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst. — Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich? Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder. …Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause. Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus… Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen. Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht… — Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja. — Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht! — Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben? Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause! …Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand. Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar. Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung. — Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal. Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten. — Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste! — Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich. Jaja. Friedlich… Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden. — Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten. — Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel? — Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum. Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch. — Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie. — Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur… — Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?! Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ. — Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein. Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer. — Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert. — Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg. Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert. — Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt. Jana lief knallrot an. — Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen? Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten. — Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten. — Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir! Kristinas Geduld war erschöpft. — Raus, — sagte sie leise. — Wie bitte? — stutzte Jana. — Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“ Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher. — Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da! Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt. Doch dann fiel ihr Blick auf Jana. Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben. — Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren… — Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind… Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel. Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau… …Vier Tage später. Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich. Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an. — Hallo, — sagte Kristina zögernd. — Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen… — Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste? Vater schniefte. — Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina! — Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan. Pause. Vater gab nicht auf. — Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre! Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht. Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide. — Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst. Dann legte Kristina auf. Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben…

Selbst eingebrockt

Papa, was sind das denn für neue Sachen? Hast du einen Antiquitätenladen geplündert? Franziska zieht irritiert die Augenbrauen hoch, als sie das weiße Häkeldeckchen auf ihrer Kommode betrachtet. Du warst mir ja noch nie als Fan von alten Schnickschnack bekannt. Dein Geschmack ist wirklich wie der von Oma Gertrud…

Ach, Franziska? Was machst du denn hier ohne vorher Bescheid zu sagen? antwortet Wolfgang Schuster, als er aus der Küche kommt. Ich also, dich habe ich heute nicht erwartet…

Ihr Vater versucht sichtlich, locker zu wirken, doch sein Blick ist eindeutig schuldbewusst.

Das merke ich, dass du mich nicht erwartet hast, sagt Franziska mit angesäuerter Miene und steuert ins Wohnzimmer, wo sie gleich weitere Überraschungen erwartet. Papa Wo kommt das alles her? Was geht hier vor sich?

Franziska erkennt ihre Wohnung kaum wieder.

Als sie die Wohnung damals geerbt hatte, war sie ziemlich heruntergekommen. Altmodische DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer angeschlagenen Kommode, rostige Heizkörper, teils abblätternde Tapeten Aber es war ihre eigene Wohnung.

Franziska hatte inzwischen ein kleines Polster angespart. Sie investierte alles in eine umfangreiche Renovierung, und zwar nicht irgendeine: Skandinavischer Stil, helle Farben und Minimalismus ließen die Zwei-Zimmer-Wohnung wesentlich größer wirken. Mit viel Liebe suchte sie passende Akzente aus, die perfekten Gardinen, kuschelige Teppiche…

Doch jetzt hängen statt ihrer blickdichten, lichtabweisenden Vorhänge nur simple Kaprontüllschals am Fenster. Das italienische Sofa ist unter einer synthetischen Kuscheldecke begraben, auf der ein zähnefletschender Tiger prangt. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine knallpinke Plastikwaage, gefüllt mit ebenso giftig-pinken Kunstrosen.

Und das war noch harmlos. Am meisten beunruhigen Franziska die Gerüche. Aus der Küche dringt das Zischen von Öl und eine kräftige Fischwolke. Es riecht nach Zigaretten. Dabei raucht ihr Vater eigentlich nicht…

Franziska, du musst mich verstehen sagt Wolfgang schließlich. Es ist nämlich so Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir vorher sagen, aber irgendwie kam ich nie dazu.

Nicht allein? Franziska ist perplex. Papa, das war anders abgemacht!

Franziska, du musst doch begreifen, mit deiner Mutter ist mein Leben doch nicht vorbei. Ich bin ja noch ein recht junger Mann, noch bekomme ich nicht mal Rente. Habe ich denn kein Recht auf ein bisschen Privatleben?

Franziska ist völlig überrumpelt. Na klar, ihr Vater hat jedes Recht, sich wieder zu verlieben. Aber doch nicht in ihrer Wohnung!

Die Scheidung der Eltern ist erst ein Jahr her. Die Mutter nahm den Seitensprung erstaunlich ruhig, fühlte sich eher wie von einer Last befreit und stürzte sich in Selbstfindung und Freundinnenabende Langeweile also Fehlanzeige.

Wolfgang dagegen war am Boden zerstört. Er kehrte in seine alte Junggesellenwohnung zurück und war geschockt. Zehn Jahre lang hatte er die Wohnung an Mieter überlassen, bis einer mal mit brennender Zigarette einschlief. Geld für Reparaturen hatte er nie und so geriet die Wohnung in Vergessenheit. Verkaufen wollte er aber lieber auch nicht, aber zum Leben taugt sie ganz und gar nicht.

Eigentlich konnte man dort gar nicht wohnen. Verrußte Wände, zerbrochene Fenster, Schimmel am Fensterbrett Das glich eher dem Set eines Horrorfilms als einem bewohnbaren Ort.

Ach Franziska, ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll klagt der Vater damals. Hier ist es einfach gefährlich, und bis zum Winter schaffe ich den Umbau nicht. Und ich habe einfach nicht genug Geld, alles zu machen. Na ja, dann erfrier ich eben So ist das Schicksal.

Franziska konnte das nicht mit ansehen. Unmöglich hätte sie ihren Vater, der ihr alles gegeben hatte, in so einer Bruchbude wohnen lassen. Was, wenn ihm was passiert? Schließlich stand ihre Wohnung leer; sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters missglückten Vermieter-Experimenten wollte sie nicht nochmal Mieter reinlassen.

Papa, wohn doch erst mal bei mir, schlägt sie vor. Meine Wohnung ist bezugsfertig, alles da, was man braucht. Du machst ganz in Ruhe deine Baustelle, und wenn alles fertig ist, ziehst du zurück. Aber eine Bedingung: Keine Gäste.

Darf ich wirklich? fragt Wolfgang ungläubig. Du bist ein Schatz, Franziska! Du rettest mir wirklich den Hals. Versprochen, alles bleibt ruhig und ordentlich.

Na klar. Ruhig.

Während Franziska sich an das Gespräch erinnert, öffnet sich plötzlich die Badezimmertür und eine Wolke aus duftendem Dampf entweicht. Mit gemächlichem Schritt tritt eine etwa fünfzigjährige Frau heraus in Franziskas Frotteebademantel. Ihrem Lieblingsmantel. Der Riegel verdeckt gerade so die üppigen Rundungen der fremden Frau.

Oh, Wolfgang, wir haben Besuch? fragt die Dame mit rauer, vom Rauchen gezeichneter Stimme und lächelt gönnerhaft. Ein Hinweis wäre nett gewesen, dann wäre ich nicht im Hausanzug hier.

Und Sie sind? fragt Franziska, die Augen verengt. Und warum tragen Sie meinen Mantel?

Ich bin Birgit, die Frau, die dein Vater liebt. Und warum bist du so angespannt? Ich habe mir eben den Mantel genommen. Der hing doch eh nur nutzlos herum.

Franziskas Puls hämmert vor Wut.

Ziehen Sie den sofort aus, zischt sie.

Franziska! greift Wolfgang ein und stellt sich dazwischen. Bitte, mach jetzt keine Szene! Birgit hat doch nur…

Birgit hat einfach fremde Sachen in fremder Wohnung genommen! unterbricht ihn Franziska scharf. Papa, bist du noch bei Trost? Du bringst deine Geliebte hierher und erlaubst ihr auch noch, meinen Sachen durchzuwühlen, als wäre es das Normalste der Welt?!

Birgit wirft demonstrativ die Augen und setzt sich mit Nachdruck auf den Tigermantel im Wohnzimmer.

Was für eine Unverschämtheit du bist, sagt sie. Wäre ich Wolfgang, hätte ich dich mit dem Gürtel gezüchtigt, trotz deines Alters. Wie kannst du nur so mit deinem Vater reden? Seine Entscheidung, mit einer anderen Frau zu leben, geht dich nichts an, junge Dame.

Franziska ist fassungslos. Da maßregelt sie eine fremde Frau wie ein kleines Kind, das in eine Pfütze gemacht hat, und das direkt auf ihrem Sofa.

Mag ja sein, sagt Franziska ruhig. So lange das nicht in meiner Wohnung geschieht.

Deiner? Birgit zieht die Brauen hoch und blickt fragend zu Wolfgang.

Der drückt sich an die Wand und lässt den Kopf sinken, während sein Blick zwischen wütender Tochter und frecher Geliebter hin- und herspringt. Er scheint zu hoffen, dass sich der Sturm von selbst legt, doch die Prognose schlägt gerade in die schlechteste Richtung um.

Ach… Hat mein Papa Ihnen das nicht gesagt? lächelt Franziska kühl. Dann sage ich es Ihnen. Er ist hier nur Gast. Die Wohnung gehört mir, und bis zur letzten Pfanne steht alles hier wegen mir. Ich habe ihm erlaubt, hier zu wohnen, aber ich hätte nicht gedacht, dass er seine Herzensdamen anschleppt.

Birgit wird rot im Gesicht.

Wolfgang?.. ihre Stimme ist plötzlich eisig. Was redet sie da? Du hast doch gesagt, das ist deine Wohnung. Hast du etwa gelogen?

Der Vater will am liebsten unsichtbar werden, seine Ohren glühen vor Scham.

Birgit, das hast du falsch verstanden. Ich wollte dich nicht mit Details belasten… Ich habe eine eigene Wohnung, nur eben nicht diese. Ich wollte das nicht weiter vertiefen.

Nicht belasten?! Schön, danke! Jetzt werde ich hier von deiner Tochter runtergeputzt!

Jetzt ist Franziskas Geduld endgültig zu Ende.

Raus, sagt sie leise.

Was? Birgit ist sprachlos.

Raus hier. Ihr beide. Ihr habt eine Stunde. Und wenn ihr dann immer noch hier seid, dann machen wir das offiziell. Ich habe euch bei mir herzlich aufgenommen…

Franziska will zur Tür gehen, doch Wolfgang löst sich endlich von der Wand und eilt zu ihr.

Tochter! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! Ich gehe da kaputt!

Er klammert sich an ihren Ärmel und Franziskas Herz wird weich. Erinnerungen an ihre Kindheit, Pflichtgefühl, Mitleid mit dem fast alten Mann… Ein Kloß sitzt ihr im Hals.

Doch ihr Blick fällt auf Birgit.

Die sitzt selbstgefällig und voller Verachtung im fremden Mantel und fixiert Franziska mit purem Hass. Alle Zweifel sind wie weggeblasen. Wenn sie jetzt nachgibt, wird morgen die fremde Frau die Schlösser austauschen und die Tapeten neu machen.

Papa, du bist erwachsen. Miet dir eine Wohnung, sagt Franziska und entzieht ihren Arm. Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein, und jetzt bringst du irgendeine Fremde her, lässt sie meine Sachen tragen und mein Zuhause verunstalten…

Ach, behalt doch deinen Zuhause für dich! unterbricht Birgit giftig. Komm, Wolfgang. Lass dich von ihr nicht so behandeln. So eine undankbare Tochter…

Nach einer halben Stunde Packen ist die Entscheidung gefallen. Wolfgang verlässt das Haus schweigend und gebeugt wie ein alter Mann. Franziska wird seinen Blick nie vergessen der Blick eines geprügelten Hundes, den man in den Regen gesetzt hat. Sie bleibt stehen und rührt sich nicht.

Als die beiden weg sind, lüftet sie sofort. Der Fisch-, Rauch- und Parfumgeruch muss raus. Sie sammelt ihren Mantel, die Decke und alles zusammen, was Birgit zurückgelassen hat. Alles landet in der Mülltonne. Am nächsten Tag ruft sie die Reinigung und den Schlüsseldienst. Sie kann nichts mehr anfassen, was diese fremde Frau berührt hat. Besonders nicht sie.

Vier Tage vergehen.

Jetzt ist Franziskas Wohnung wieder sauber und unberührt. Keine künstlichen Blumen, keine unangenehmen Gerüche. Sie lebt zwar bei ihrem Mann, aber allein die Gewissheit stimmt sie ruhig.

Mit dem Vater spricht sie nicht mehr. Am vierten Tag ruft er an.

Hallo, antwortet Franziska zögernd.

Na, Franziska sagt Wolfgang mit schwankender Stimme. Bist du jetzt glücklich? Zufrieden? Birgit ist weg. Hat mich verlassen

Was für eine Überraschung, kann sie nicht zurückhalten. Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und klar wurde, wie viel da zu tun ist?

Der Vater schnäuzt sich.

Ja Ich habe einen Heizlüfter aufgestellt. Wir schliefen auf der Luftmatratze. Sie hat es drei Tage ausgehalten Dann sagte sie, ich wäre ein armer Kerl und ein Lügner. Sie hat ihre Sachen gepackt und ist zur Schwester gefahren. Sie warf mir vor, ich hätte nur ihre Zeit vergeudet Und wir haben uns doch geliebt, Franziska!

Liebe? Von wegen. Du wolltest es bequem haben, sie auch. Ihr habt euch einfach beide getäuscht.

Stille. Ihr Vater hat noch etwas auf dem Herzen.

Es ist schwer allein dort, Franziska, sagt er schließlich. Es ist wirklich gruselig Darf ich zurückkommen? Ich versprechs ich bleibe allein! Ganz sicher!

Franziska blickt auf den Boden. Ihr Vater sitzt da draußen, im Chaos und in der Kälte. Aber dieses Chaos hat er sich selbst geschaffen: Erst hat er die Mutter betrogen, dann die Tochter belogen und schließlich Birgit verarscht.

Ja, sie hat Mitleid mit ihm. Aber das Mitleid würde sie beide kaputt machen.

Nein, Papa. Du kannst nicht zurück, sagt sie. Hol dir Handwerker, mach den Umbau. Lerne, mit dem umzugehen, was du selbst verursacht hast. Das Einzige, womit ich helfen kann, ist dir gute Leute zu empfehlen. Mehr nicht. Falls du Hilfe brauchst, meld dich.

Dann legt Franziska auf.

Hart? Vielleicht. Aber Franziska will keine Flecken mehr auf ihrem Mantel und ihrer Seele. Manche Flecken gehen nie raus man muss sie einfach gar nicht erst hereinlassen.

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Homy
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;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Das ließ ich mir aufbürden! — Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude… — Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet… Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst. — Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich? Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder. …Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause. Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus… Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen. Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht… — Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja. — Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht! — Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben? Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause! …Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand. Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar. Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung. — Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal. Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten. — Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste! — Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich. Jaja. Friedlich… Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden. — Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten. — Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel? — Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum. Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch. — Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie. — Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur… — Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?! Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ. — Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein. Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer. — Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert. — Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg. Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert. — Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt. Jana lief knallrot an. — Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen? Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten. — Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten. — Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir! Kristinas Geduld war erschöpft. — Raus, — sagte sie leise. — Wie bitte? — stutzte Jana. — Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“ Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher. — Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da! Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt. Doch dann fiel ihr Blick auf Jana. Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben. — Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren… — Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind… Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel. Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau… …Vier Tage später. Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich. Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an. — Hallo, — sagte Kristina zögernd. — Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen… — Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste? Vater schniefte. — Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina! — Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan. Pause. Vater gab nicht auf. — Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre! Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht. Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide. — Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst. Dann legte Kristina auf. Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben…
Nach der Untersuchung steckte mir der Arzt heimlich einen Zettel in die Tasche: „Fliehen Sie vor Ihrer eigenen Familie!“. Noch am selben Abend wurde mir klar, dass er mir gerade das Leben gerettet hatte… Doch das, was dann geschah, erschütterte alle – es ist einfach unfassbar…