Selbst eingebrockt
Papa, was sind das denn für neue Sachen? Hast du einen Antiquitätenladen geplündert? Franziska zieht irritiert die Augenbrauen hoch, als sie das weiße Häkeldeckchen auf ihrer Kommode betrachtet. Du warst mir ja noch nie als Fan von alten Schnickschnack bekannt. Dein Geschmack ist wirklich wie der von Oma Gertrud…
Ach, Franziska? Was machst du denn hier ohne vorher Bescheid zu sagen? antwortet Wolfgang Schuster, als er aus der Küche kommt. Ich also, dich habe ich heute nicht erwartet…
Ihr Vater versucht sichtlich, locker zu wirken, doch sein Blick ist eindeutig schuldbewusst.
Das merke ich, dass du mich nicht erwartet hast, sagt Franziska mit angesäuerter Miene und steuert ins Wohnzimmer, wo sie gleich weitere Überraschungen erwartet. Papa Wo kommt das alles her? Was geht hier vor sich?
Franziska erkennt ihre Wohnung kaum wieder.
Als sie die Wohnung damals geerbt hatte, war sie ziemlich heruntergekommen. Altmodische DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer angeschlagenen Kommode, rostige Heizkörper, teils abblätternde Tapeten Aber es war ihre eigene Wohnung.
Franziska hatte inzwischen ein kleines Polster angespart. Sie investierte alles in eine umfangreiche Renovierung, und zwar nicht irgendeine: Skandinavischer Stil, helle Farben und Minimalismus ließen die Zwei-Zimmer-Wohnung wesentlich größer wirken. Mit viel Liebe suchte sie passende Akzente aus, die perfekten Gardinen, kuschelige Teppiche…
Doch jetzt hängen statt ihrer blickdichten, lichtabweisenden Vorhänge nur simple Kaprontüllschals am Fenster. Das italienische Sofa ist unter einer synthetischen Kuscheldecke begraben, auf der ein zähnefletschender Tiger prangt. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine knallpinke Plastikwaage, gefüllt mit ebenso giftig-pinken Kunstrosen.
Und das war noch harmlos. Am meisten beunruhigen Franziska die Gerüche. Aus der Küche dringt das Zischen von Öl und eine kräftige Fischwolke. Es riecht nach Zigaretten. Dabei raucht ihr Vater eigentlich nicht…
Franziska, du musst mich verstehen sagt Wolfgang schließlich. Es ist nämlich so Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir vorher sagen, aber irgendwie kam ich nie dazu.
Nicht allein? Franziska ist perplex. Papa, das war anders abgemacht!
Franziska, du musst doch begreifen, mit deiner Mutter ist mein Leben doch nicht vorbei. Ich bin ja noch ein recht junger Mann, noch bekomme ich nicht mal Rente. Habe ich denn kein Recht auf ein bisschen Privatleben?
Franziska ist völlig überrumpelt. Na klar, ihr Vater hat jedes Recht, sich wieder zu verlieben. Aber doch nicht in ihrer Wohnung!
Die Scheidung der Eltern ist erst ein Jahr her. Die Mutter nahm den Seitensprung erstaunlich ruhig, fühlte sich eher wie von einer Last befreit und stürzte sich in Selbstfindung und Freundinnenabende Langeweile also Fehlanzeige.
Wolfgang dagegen war am Boden zerstört. Er kehrte in seine alte Junggesellenwohnung zurück und war geschockt. Zehn Jahre lang hatte er die Wohnung an Mieter überlassen, bis einer mal mit brennender Zigarette einschlief. Geld für Reparaturen hatte er nie und so geriet die Wohnung in Vergessenheit. Verkaufen wollte er aber lieber auch nicht, aber zum Leben taugt sie ganz und gar nicht.
Eigentlich konnte man dort gar nicht wohnen. Verrußte Wände, zerbrochene Fenster, Schimmel am Fensterbrett Das glich eher dem Set eines Horrorfilms als einem bewohnbaren Ort.
Ach Franziska, ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll klagt der Vater damals. Hier ist es einfach gefährlich, und bis zum Winter schaffe ich den Umbau nicht. Und ich habe einfach nicht genug Geld, alles zu machen. Na ja, dann erfrier ich eben So ist das Schicksal.
Franziska konnte das nicht mit ansehen. Unmöglich hätte sie ihren Vater, der ihr alles gegeben hatte, in so einer Bruchbude wohnen lassen. Was, wenn ihm was passiert? Schließlich stand ihre Wohnung leer; sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters missglückten Vermieter-Experimenten wollte sie nicht nochmal Mieter reinlassen.
Papa, wohn doch erst mal bei mir, schlägt sie vor. Meine Wohnung ist bezugsfertig, alles da, was man braucht. Du machst ganz in Ruhe deine Baustelle, und wenn alles fertig ist, ziehst du zurück. Aber eine Bedingung: Keine Gäste.
Darf ich wirklich? fragt Wolfgang ungläubig. Du bist ein Schatz, Franziska! Du rettest mir wirklich den Hals. Versprochen, alles bleibt ruhig und ordentlich.
Na klar. Ruhig.
Während Franziska sich an das Gespräch erinnert, öffnet sich plötzlich die Badezimmertür und eine Wolke aus duftendem Dampf entweicht. Mit gemächlichem Schritt tritt eine etwa fünfzigjährige Frau heraus in Franziskas Frotteebademantel. Ihrem Lieblingsmantel. Der Riegel verdeckt gerade so die üppigen Rundungen der fremden Frau.
Oh, Wolfgang, wir haben Besuch? fragt die Dame mit rauer, vom Rauchen gezeichneter Stimme und lächelt gönnerhaft. Ein Hinweis wäre nett gewesen, dann wäre ich nicht im Hausanzug hier.
Und Sie sind? fragt Franziska, die Augen verengt. Und warum tragen Sie meinen Mantel?
Ich bin Birgit, die Frau, die dein Vater liebt. Und warum bist du so angespannt? Ich habe mir eben den Mantel genommen. Der hing doch eh nur nutzlos herum.
Franziskas Puls hämmert vor Wut.
Ziehen Sie den sofort aus, zischt sie.
Franziska! greift Wolfgang ein und stellt sich dazwischen. Bitte, mach jetzt keine Szene! Birgit hat doch nur…
Birgit hat einfach fremde Sachen in fremder Wohnung genommen! unterbricht ihn Franziska scharf. Papa, bist du noch bei Trost? Du bringst deine Geliebte hierher und erlaubst ihr auch noch, meinen Sachen durchzuwühlen, als wäre es das Normalste der Welt?!
Birgit wirft demonstrativ die Augen und setzt sich mit Nachdruck auf den Tigermantel im Wohnzimmer.
Was für eine Unverschämtheit du bist, sagt sie. Wäre ich Wolfgang, hätte ich dich mit dem Gürtel gezüchtigt, trotz deines Alters. Wie kannst du nur so mit deinem Vater reden? Seine Entscheidung, mit einer anderen Frau zu leben, geht dich nichts an, junge Dame.
Franziska ist fassungslos. Da maßregelt sie eine fremde Frau wie ein kleines Kind, das in eine Pfütze gemacht hat, und das direkt auf ihrem Sofa.
Mag ja sein, sagt Franziska ruhig. So lange das nicht in meiner Wohnung geschieht.
Deiner? Birgit zieht die Brauen hoch und blickt fragend zu Wolfgang.
Der drückt sich an die Wand und lässt den Kopf sinken, während sein Blick zwischen wütender Tochter und frecher Geliebter hin- und herspringt. Er scheint zu hoffen, dass sich der Sturm von selbst legt, doch die Prognose schlägt gerade in die schlechteste Richtung um.
Ach… Hat mein Papa Ihnen das nicht gesagt? lächelt Franziska kühl. Dann sage ich es Ihnen. Er ist hier nur Gast. Die Wohnung gehört mir, und bis zur letzten Pfanne steht alles hier wegen mir. Ich habe ihm erlaubt, hier zu wohnen, aber ich hätte nicht gedacht, dass er seine Herzensdamen anschleppt.
Birgit wird rot im Gesicht.
Wolfgang?.. ihre Stimme ist plötzlich eisig. Was redet sie da? Du hast doch gesagt, das ist deine Wohnung. Hast du etwa gelogen?
Der Vater will am liebsten unsichtbar werden, seine Ohren glühen vor Scham.
Birgit, das hast du falsch verstanden. Ich wollte dich nicht mit Details belasten… Ich habe eine eigene Wohnung, nur eben nicht diese. Ich wollte das nicht weiter vertiefen.
Nicht belasten?! Schön, danke! Jetzt werde ich hier von deiner Tochter runtergeputzt!
Jetzt ist Franziskas Geduld endgültig zu Ende.
Raus, sagt sie leise.
Was? Birgit ist sprachlos.
Raus hier. Ihr beide. Ihr habt eine Stunde. Und wenn ihr dann immer noch hier seid, dann machen wir das offiziell. Ich habe euch bei mir herzlich aufgenommen…
Franziska will zur Tür gehen, doch Wolfgang löst sich endlich von der Wand und eilt zu ihr.
Tochter! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! Ich gehe da kaputt!
Er klammert sich an ihren Ärmel und Franziskas Herz wird weich. Erinnerungen an ihre Kindheit, Pflichtgefühl, Mitleid mit dem fast alten Mann… Ein Kloß sitzt ihr im Hals.
Doch ihr Blick fällt auf Birgit.
Die sitzt selbstgefällig und voller Verachtung im fremden Mantel und fixiert Franziska mit purem Hass. Alle Zweifel sind wie weggeblasen. Wenn sie jetzt nachgibt, wird morgen die fremde Frau die Schlösser austauschen und die Tapeten neu machen.
Papa, du bist erwachsen. Miet dir eine Wohnung, sagt Franziska und entzieht ihren Arm. Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein, und jetzt bringst du irgendeine Fremde her, lässt sie meine Sachen tragen und mein Zuhause verunstalten…
Ach, behalt doch deinen Zuhause für dich! unterbricht Birgit giftig. Komm, Wolfgang. Lass dich von ihr nicht so behandeln. So eine undankbare Tochter…
Nach einer halben Stunde Packen ist die Entscheidung gefallen. Wolfgang verlässt das Haus schweigend und gebeugt wie ein alter Mann. Franziska wird seinen Blick nie vergessen der Blick eines geprügelten Hundes, den man in den Regen gesetzt hat. Sie bleibt stehen und rührt sich nicht.
Als die beiden weg sind, lüftet sie sofort. Der Fisch-, Rauch- und Parfumgeruch muss raus. Sie sammelt ihren Mantel, die Decke und alles zusammen, was Birgit zurückgelassen hat. Alles landet in der Mülltonne. Am nächsten Tag ruft sie die Reinigung und den Schlüsseldienst. Sie kann nichts mehr anfassen, was diese fremde Frau berührt hat. Besonders nicht sie.
Vier Tage vergehen.
Jetzt ist Franziskas Wohnung wieder sauber und unberührt. Keine künstlichen Blumen, keine unangenehmen Gerüche. Sie lebt zwar bei ihrem Mann, aber allein die Gewissheit stimmt sie ruhig.
Mit dem Vater spricht sie nicht mehr. Am vierten Tag ruft er an.
Hallo, antwortet Franziska zögernd.
Na, Franziska sagt Wolfgang mit schwankender Stimme. Bist du jetzt glücklich? Zufrieden? Birgit ist weg. Hat mich verlassen
Was für eine Überraschung, kann sie nicht zurückhalten. Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und klar wurde, wie viel da zu tun ist?
Der Vater schnäuzt sich.
Ja Ich habe einen Heizlüfter aufgestellt. Wir schliefen auf der Luftmatratze. Sie hat es drei Tage ausgehalten Dann sagte sie, ich wäre ein armer Kerl und ein Lügner. Sie hat ihre Sachen gepackt und ist zur Schwester gefahren. Sie warf mir vor, ich hätte nur ihre Zeit vergeudet Und wir haben uns doch geliebt, Franziska!
Liebe? Von wegen. Du wolltest es bequem haben, sie auch. Ihr habt euch einfach beide getäuscht.
Stille. Ihr Vater hat noch etwas auf dem Herzen.
Es ist schwer allein dort, Franziska, sagt er schließlich. Es ist wirklich gruselig Darf ich zurückkommen? Ich versprechs ich bleibe allein! Ganz sicher!
Franziska blickt auf den Boden. Ihr Vater sitzt da draußen, im Chaos und in der Kälte. Aber dieses Chaos hat er sich selbst geschaffen: Erst hat er die Mutter betrogen, dann die Tochter belogen und schließlich Birgit verarscht.
Ja, sie hat Mitleid mit ihm. Aber das Mitleid würde sie beide kaputt machen.
Nein, Papa. Du kannst nicht zurück, sagt sie. Hol dir Handwerker, mach den Umbau. Lerne, mit dem umzugehen, was du selbst verursacht hast. Das Einzige, womit ich helfen kann, ist dir gute Leute zu empfehlen. Mehr nicht. Falls du Hilfe brauchst, meld dich.
Dann legt Franziska auf.
Hart? Vielleicht. Aber Franziska will keine Flecken mehr auf ihrem Mantel und ihrer Seele. Manche Flecken gehen nie raus man muss sie einfach gar nicht erst hereinlassen.





