Vaters Wochenendhäuschen Wie Olga zufällig und ganz unerwartet erfuhr, dass das Wochenendhäuschen von ihr und ihrem Vater verkauft worden war – bei einem Telefonat mit der Mutter in einer anderen Stadt, als ein technischer Fehler sie zum Mithören eines vertraulichen Gesprächs machte. So etwas kennt man nur aus Filmen! Zwei Städte, zwei Menschen, die die wichtigsten Neuigkeiten teilen: Das Häuschen ist weg, gut verkauft – und jetzt ist sogar Geld da, um Olga ein wenig zu helfen! Olga erinnert sich an ihr schwieriges Verhältnis zur Physik, die ihr Vater ihr immer nahebringen wollte; an sonnige Septembertage, an süß duftende Äpfel aus dem Garten – Sorten, die ihr ebenso wenig vertraut waren wie die Gesetze der Physik. Die wirklich große Frage: Wie erklärt man die veränderte Herbstsonne? Und wie lebt man mit der heimlichen Verliebtheit in den Physiklehrer? Auf dem Häuschen blühte das wahre Glück: Der Vater, jetzt als Hauptmechaniker im Telegraphiestützpunkt tätig, pfeifend und zufrieden; die Mutter – die schöne, stolze Bibliotheksleiterin mit leuchtend roten Haaren und Sinn für Ordnung – nur selten zu Besuch, ihre perfekten Hände mehr für Bücher als für Beete gedacht. Die kleinen Alltagsdramen und das große, stille Verständnis des Vaters. Später: Olgas Studienjahre in einer fremden Stadt, die Einsamkeit, die zähe Schönheit des neuen Lebens – und die deutsche WG-Nachbarinnen aus der DDR, die stets ordnungsgemäß die geliehenen Zigaretten bezahlen und staunen über russische Gurken, aber Schweigen über die legendären Thüringer Würste. Nach dem Studium, die erste Ehe, Arbeit in der Redaktion der „Neuen Stimme“ des Flugzeugwerks, Trennung, und die zweijähriger Tochter Marisha. Der Vater kommt weiterhin regelmäßig und bringt Äpfel aus dem alten Garten. Später, am Häuschen: Herbsttage, Apfelernte, Drachensteigen, und die Gewissheit der Ewigkeit – bis der Vater nach einem Infarkt im Oktober geht. Olga lebt allein am Häuschen, wird von alten Freunden des Vaters unterstützt, fühlt die Unausweichlichkeit der Veränderung, das Versprechen, mit Marisha jeden Herbst zurückzukehren und den Garten zu pflegen. Das Wochenendhäuschen und die Erinnerungen: Apfelduft, Herbstnebel, der stille Rhythmus von Leben und Abschied. Und die letzte, bittere Überraschung – als Olga erfährt, dass das Häuschen ganz ohne ihr Wissen verkauft wurde, mit dem Setzling weißer Johannisbeere für den Vater noch im Gepäck, während der Regen die gelben Blätter gegen die Schwelle schlägt.

Vaters Gartenhaus

Dass das gemeinsame Gartenhaus mit ihrem Vater verkauft worden war, erfuhr Ulrike völlig überraschend und auf zufällige Weise. Sie telefonierte aus dem Postamt mit ihrer Mutter, die in einer anderen Stadt lebte und geriet, wie durch einen Fehler der Telefonistin, als ungewollte Drittperson in das Gespräch ihrer Mutter und deren Schwester Hannelore. Zwei Städte, zwei vertraute Stimmen, die in wenigen bezahlten Minuten das wichtigste Ereignis miteinander teilten: Das Gartenhaus existierte nicht mehr, es war gut verkauft und nun… Ja, ganz vieles sei jetzt möglich, vielleicht, so kam sogar heraus, könne Ulrike mit etwas Geld unterstützt werden!

Ulrikes Mutter und Tante so schmerzhaft vertraut die Stimmen, über hundert Kilometer entfernt, Schallwellen zu elektrischen Signalen gewandelt, übertragen auf Leitungen. Physik war Ulrike nie leichtgefallen; ihr Vater hatte sie immer zum Lernen gedrängt.

***

Papa, warum scheint die Sonne im September so anders?
Wie meinst du, Ulrike?
Ich weiß nicht recht… Ich kann es nicht erklären, das Licht ist irgendwie weicher, anders als im August.
Du solltest besser Physik lernen, im September steht die Sonne ganz anders! Fang das Apfel! Ihr Vater lachte und warf ihr einen riesigen, etwas platt gedrückten Apfel zu. Er glänzte rot und duftete nach Honig.

Ist das ein Boskoop?
Nein, die sind noch nicht reif. Das ist ein Jakob Lebel!

Ulrike biss mit einem Knacken ab, ihr Mund füllte sich mit süßer, weißer Schaumigkeit, die nach Sommer, warmem Regen und Erde schmeckte. Mit den Apfelsorten kannte sie sich genauso wenig aus wie mit der ungeliebten Physik das war im Moment auch ihr größtes Problem! Denn Ulrike Weber, Achtklässlerin, war nun schon im zweiten Jahr verliebt in ihren Physiklehrer. Alles drehte sich nur um dieses Gefühl, und die Physik schien mit ihren Gesetzmäßigkeiten überhaupt nicht in den Schreibheft-Rand zu passen. Doch ihr Vater begriff alles, allein schon an ihrem Blick und dem nachlassenden Appetit. Sie hatte ihm davon erzählt, letztes Jahr. Die Nacht über hatte sie wie ein Kind auf seinem Schoß geweint. Die Mutter war im Kurhaus, die ältere Schwester Hannelore studierte in München.

Im Gartenhaus war ihr Vater glücklich, er pfiff ständig Lieder zu Hause tat er das nie, da wurde immer die Mutter oder Hannelore zur Hauptperson. Die Mutter eine imposante Erscheinung, Leiterin der Bücherei einer Kaserne, groß, aufrecht, temperamentvoll, mit kupferrotem Haar, das sie mit Henna färbte. Alle paar Monate kam sie aus dem Bad mit riesigem Turban aufs Haupt, und es duftete nach Gras und Regen. Ihre Schönheit fiel jedem auf. Der Vater hingegen war etwas kleiner, rund zehn Jahre älter und unscheinbar. Das war einmal eine Bemerkung der Mutter an Hannelore, die Ulrike versehentlich aufgeschnappt und sehr getroffen hatte.

Der Hans ist unscheinbar. Aber ein Mann muss ja nicht schön sein.

Unsichtbar neben dem leuchtenden Kupfer der Haare, den lauten Gesten, dem klirrenden Geschirr und dem ungebändigten Temperament. Die Mutter liebte Komfort und Ordnung. Aber sie musste sich mit den Soldaten arrangieren, wie ihr Vater seine ehemaligen Kameraden nannte, die manchmal auf dem Boden im Durchgang der kleinen Wohnung übernachteten. Während der Vater noch in der Bundeswehr war, kamen sie oft auf Durchreise, jemand brauchte Hilfe bei der Arbeitssuche. Vaters Soldaten. In den sechziger Jahren fiel er dem großen Truppenabbau durch die Bundeswehrreform zum Opfer. Er wurde als Major entlassen und arbeitete danach als Chefmechaniker beim Postamt. Seine Kameraden halfen ihm später beim Bau des Gartenhauses. Sie arbeiteten kostenlos, halfen beim Umgraben und Mauern. Das Häuschen hatte nur ein Zimmer und eine Veranda, auf deren Dach Ulrike im Sommer gern las. Ihr Vater reichte ihr nach oben eine Schale mit Stachelbeeren, Kirschen oder Erdbeeren. Das waren die glücklichsten Stunden. Die Mutter mochte das Gartenhaus nicht, kam selten vorbei und schonte ihre Hände. Wunderschöne, gepflegte Hände mit breiten Nägeln. Ulrike bewunderte sie und ihr Vater küsste sie oft.

Mit solchen Händen gibt man nur Bücher heraus, niemals Kartoffeln, meinte er, zwinkernd zu Ulrike…

***

Die ersten Tropfen des Septemberregens klopften auf das Dach der Veranda. Fröhlich und frei, nicht melancholisch, trommelten sie. Ulrike schloss ihr Buch.

Ulrike, komm runter, Mama kommt bald mit Hannelore. Wir müssen Mittag machen! Vaters Stimme klang auf dem Garten so glasklar, wie sonst nie.

Doch Ulrike zögerte, streckte das Gesicht in den Himmel aufgebläht, grau, aber nicht bedrohlich. Ihr Gesicht wurde nass vom Regen. Sie umschlang sich selbst, um sich zu wärmen. Hier auf dem Dach näher am Himmel und weiter weg von der Erde sah sie wie Sonnenstrahlen durch die Wolken auf die Nachbarsgärten trafen. Die Physik war vergessen mit ihren strikten Gesetzen. Im ersten Semester auf der Journalistik in einer anderen Stadt gab es eh ganz neue Regeln.

Ulrike kam sofort ins Wohnheim. Aber die erste Septemberwoche wohnte sie noch zur Untermiete bei einer alten Dame, im Nebenzimmer weitere Studenten. Im Seminar das Eintauchen in Sprache, Literatur, Dozenten voller Charisma in die verliebte sich die ganze Klasse kollektiv. Nach den Vorlesungen drückte das Heimweh, Freunde hatte sie noch keine.

Sie aß in der Mensa, streifte abends durch die Straßen. Die Schönheit der Großstadt war ihr fremd, sie fror innerlich so fremd, dass sie sich fühlte, als würde sie nicht sie selbst sein, die in engen neuen Lackschuhen den steilen Hang entlang ging, vorbei am Hauptgebäude der Uni, mit Hundegebell im Ohr und wundem Fuß.

In der Küche roch es nach Vaters Äpfeln, die er der Vermieterin als Dank gebracht hatte. Von dem süßen, fast zu intensiven Geruch wurde Ulrike ganz sentimental und musste weinen; ihre Seele schien gegen die Mauern des Körpers zu schlagen.

Im Wohnheim teilte sie das Zimmer mit Austauschstudentinnen aus der DDR Viola, Magda, Marion. Der Kopf dröhnte vom ganzen Deutsch, abends musste sie raus vor die Tür zum Frische-Luft-Schnappen. Die Deutschen rauchten meistens auf der Stufe, liefen oft zu Ulrike, holten sich eine Zigarette und gaben später gewissenhaft Mark zurück, was die anderen Studenten irritierte. Umgekehrt waren sie begeistert von den eingelegten Tomaten ihrer Mutter und aßen sie gerne zu Bratkartoffeln. Waren Ulrikes Vorräte alle, wurde deutsche Wurst ausgepackt aber zum Teilen waren die Mädchen selten bereit. Im Mai ging das Austauschjahr zu Ende, die Deutschen reisten heim, zurück blieben stapelweise Winterstiefel, die sie in Ostdeutschland für die russischen Winter gekauft hatten. Deutsche Schuhe! Die Studenten aus Ulrikes Heimat stürzten sich heimlich darauf…

***

Ulrike, schneide bitte die Kohl, ich ziehe in der Zeit Möhren aus. Die Brühe ist schon fertig.

Auf der kleinen Küchenfensterscheibe perlte der lang gekochte Suppendampf. Der Köpfe Blumenkohl öffnete sich grün und ornamentreich auf dem Brett. Ulrike rupfte ein Blatt ab, genoss den erdigen Geschmack. Die Klinge hackte munter und schnell, der Kohl duftete süß. Sie öffnete das Fenster, ließ den Geruch von welken Herbstblättern, Feuer und Äpfeln herein. Den Vater sah sie von hinten, die Schaufel drückte schwer in die Erde, Ulrike wusste, dass er mit dem Rücken kämpfte. Sie warf das Messer fort, rannte ihm nach, umarmte ihn von hinten, schmiegte sich an. Er drehte sich still um, hielt sie fest, küsste sie auf den Schopf.

Die Schwester Hannelore kam allein, die Mutter blieb wegen Kopfschmerzen zu Hause.

***

Studium, Heirat im Wohnheim, Anfangen bei der Lokalzeitung Fliegende Feder beim Flugzeugwerk, erster Herzinfarkt des Vaters, Geburt der Tochter Marie und sogar der Scheidung all das schaffte Ulrike in fünf Jahren. Ihr Mann verließ sie wegen einer anderen Frau, sie lebte mit der zweijährigen Marie zur Untermiete. Ihr Vater bemühte sich, alle zwei Wochen am Wochenende zu kommen, brachte Lebensmittel, spielte mit seiner Enkelin.

Ulrike, sei der Mama nicht böse, dass sie nicht so oft kommt wie ich, ja? Ihr wird auf den Fahrten immer schlecht… Und weißt du, sie scheint inzwischen einen Freund zu haben…

Papa, was redest du da?! In eurem Alter doch keinen Freund!

Der Vater lachte sehr bitter. Verstummte. Ulrike sah plötzlich, dass sein Haar ganz weiß war und er sehr müde aussah. Das Pfeifen hatte er längst aufgegeben.

Papa, ich könnte doch ab Montag Urlaub nehmen? Lass uns ins Gartenhaus fahren, solange es noch warm ist wir drei, mit Marie!

***

Das Gartenhaus war bedeckt mit Laub, letzte warme Oktobertage, ein Hauch Altweibersommer. Der Ofen bullerte, Tee wurde aufgebrüht mit schwarzer Johannisbeere. Ulrike briet Kartoffelpuffer, der Vater harkte Laub, Marie half schon fleißig, warf es aber meistens gleich wieder herum und lachte. Das Öl bruzzelte laut. Aus dem hinteren Teil des Gartens klang das alte Pfeifen ihres Vaters.

Am Abend wurde ein Feuer gemacht. Die Straße war leer, die Nachbargärten verwaist. Der Vater steckte dicke Brotwürfel auf Kirschzweige, half Marie beim Rösten über den Flammen. Ulrike streckte die klammen Hände ins Feuer, es war immer magisch für sie.

Sie erinnerte sich an den ersten Studentensommer in Sachsen, Gitarrenklänge, das berauschende Verliebtsein, einfach in den Sommer und das Leben, ohne konkretes Objekt. An die Gesichter am Lagerfeuer die sahen dort anders aus, tief und geheimnisvoll. Mit ihrem ersten Mann hatte sie sich dort kennengelernt. Und im Betrieb rief man sie diese Woche zum Betriebsratsmeeting, um ihre Mitgliedschaft in der SPD zu besprechen. Noch am Vorabend hatte sie Statuten gebüffelt. Plötzlich kamen Fragen zum Scheitern der Ehe, zum moralischen Zustand Ulrike stammelte fast weinend. Ein Kollege sprang ihr bei, aufgeregt:

Hier sitzen Rüpel, keine Sozialdemokraten!

Später lachte sie darüber mit bitterer Ironie…

Als es ganz dunkel war, wurde das Feuer gelöscht. Ein Auto hielt am Gartentor, die Tür wurde laut zugeschlagen. Die Mutter! Schön, im knallroten Mantel, erklärte, ein Kollege habe sie nach Feierabend mitgenommen. Marie rannte zu Oma, der Vater runzelte die Stirn, küsste die Mutter verlegen.

Wer war dieser Kollege?
Ach Hans, was macht das schon für einen Unterschied? Er hat mich nur gefahren. Du kennst ihn nicht…

Beim Abendessen wollte kein Gespräch aufkommen, Marie wurde unleidlich. Die Mutter fragte Ulrike nach der Arbeit, dachte aber sichtlich an etwas anderes. Der Vater schwieg und starrte die Mutter an, wurde immer gebeugter. Der Abend war ruiniert…

***

Ein Jahr später war ihr Vater nicht mehr da. Ein schwerer Herzinfarkt, Anfang Oktober, auf einmal. Direkt nach der Beerdigung nahm Ulrike Urlaub, um im Gartenhaus zu wohnen. Marie blieb bei der Schwiegermutter.

Alles misslang. Die Apfelernte war üppiger denn je. Ulrike verschenkte Eimer voll an Nachbarn, kochte Marmelade mit Minze und Zimt, wie der Vater es gemocht hatte. Vaters Freund und früherer Kollege, Herr Brockmann, kam zum Helfen; sie hatten jahrelang gemeinsam im Plantagenbetrieb edle Setzlinge gekauft.

Ich bleib ein paar Tage, Ulrike, grabe alles um, schneide die Bäume, wenn du einverstanden bist.
Herr Brockmann, das müssen Sie wirklich nicht… Danke!

Beim vertrauten “Ulrike” schossen ihr Tränen in die Augen, und genau in diesem Moment überkam sie das Gefühl der Endgültigkeit, der Unumkehrbarkeit. Vorher war alles wie ein böser Traum gewesen vielleicht würde der Vater zurückkommen, vielleicht war es alles nicht wahr. In den ersten Tagen wusste sie morgens zwischen Schlaf und Erwachen nie, warum alles so weh tat. Ein Augenblick der Klarheit, der Gedanke: Der Vater ist nicht mehr da.

Später folgte die Schuld sie hatte ihn nicht halten können.

Verkauft das Gartenhaus nicht, ja? Ich komme immer wieder, helfe dir. Weißt du noch, das Jonagold haben wir zusammen ausgesucht, damals warst du ein Mädchen. Auf dem Weg nach Erfurt hat Hans mir mehr von dir erzählt als von Hannelore. Du warst so quirlig. Er sagte immer, die Bäume werden ihn überleben. Bei der Auswahl war er immer besonders gründlich ich wurde ungeduldig…

Herr Brockmann blieb drei Tage, grub den Garten um, schnitt die Apfelbäume, streute Dünger, pflanzte am Eingang drei Sträucher gelber Chrysanthemen mit Ulrikes Einverständnis.

Ein bisschen früher pflanzen wäre besser, doch es ist ein warmer Herbst, sie kommen sicher an! Zur Erinnerung an Hans… Die Rosen sollten wir noch abdecken, aber das beim nächsten Mal.

Sie umarmten sich zum Abschied. Es begann leise zu regnen. Ulrike stand lange am Gartentor und sah Herrn Brockmann fortgehen. Er spürte es, drehte sich um und winkte, dass sie ins Haus gehen solle. Der Regen wurde stärker, pochte traurig auf das Dach. Ein Windstoß schlug das Gartentor zu mit leisem Knarren. Die Haustür war bedeckt mit gelben Chrysanthemenblättern. Alles war hier Vaters und wird es bleiben: Der Regen, die Bäume, die Herbstluft, die Erde selbst. So wird er für immer da sein. Und Ulrike wird alles lernen. Sie kommt immer mit Marie, bis zum ersten Frost, zwei Stunden Fahrt mit dem Bus. Im Frühjahr, sobald der Schnee schmilzt, wird sie vielleicht eine kleine Heizung legen lassen sie muss anfangen, Geld zurückzulegen. Und im Frühling fährt sie mit Herrn Brockmann nach Erfurt, weiße Johannisbeeren aussuchen, das wollte ihr Vater immer…

***

Ein halbes Jahr später, Anfang April, gerade als nochmal Schnee lag, wurde das Gartenhaus verkauft. Ulrike erfuhr davon zufällig, wieder beim Anruf aus dem Postamt, auf der Rückfahrt aus Erfurt. Im engen Telefonkabinenraum am Boden, in einer Tüte, steckte ein Setzling weißer Johannisbeere von Vater gewollt, von ihr gebracht.

Lebensweisheit: Man kann nicht alles festhalten, was einem lieb und teuer ist. Aber die Erinnerungen, Menschen und Orte, die unser Herz berühren, bleiben für immer Teil unserer Geschichte. Neues Leben wächst auch auf verlassenen Wegen und Liebe vererbt sich in allem, was wir säen.

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Homy
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Vaters Wochenendhäuschen Wie Olga zufällig und ganz unerwartet erfuhr, dass das Wochenendhäuschen von ihr und ihrem Vater verkauft worden war – bei einem Telefonat mit der Mutter in einer anderen Stadt, als ein technischer Fehler sie zum Mithören eines vertraulichen Gesprächs machte. So etwas kennt man nur aus Filmen! Zwei Städte, zwei Menschen, die die wichtigsten Neuigkeiten teilen: Das Häuschen ist weg, gut verkauft – und jetzt ist sogar Geld da, um Olga ein wenig zu helfen! Olga erinnert sich an ihr schwieriges Verhältnis zur Physik, die ihr Vater ihr immer nahebringen wollte; an sonnige Septembertage, an süß duftende Äpfel aus dem Garten – Sorten, die ihr ebenso wenig vertraut waren wie die Gesetze der Physik. Die wirklich große Frage: Wie erklärt man die veränderte Herbstsonne? Und wie lebt man mit der heimlichen Verliebtheit in den Physiklehrer? Auf dem Häuschen blühte das wahre Glück: Der Vater, jetzt als Hauptmechaniker im Telegraphiestützpunkt tätig, pfeifend und zufrieden; die Mutter – die schöne, stolze Bibliotheksleiterin mit leuchtend roten Haaren und Sinn für Ordnung – nur selten zu Besuch, ihre perfekten Hände mehr für Bücher als für Beete gedacht. Die kleinen Alltagsdramen und das große, stille Verständnis des Vaters. Später: Olgas Studienjahre in einer fremden Stadt, die Einsamkeit, die zähe Schönheit des neuen Lebens – und die deutsche WG-Nachbarinnen aus der DDR, die stets ordnungsgemäß die geliehenen Zigaretten bezahlen und staunen über russische Gurken, aber Schweigen über die legendären Thüringer Würste. Nach dem Studium, die erste Ehe, Arbeit in der Redaktion der „Neuen Stimme“ des Flugzeugwerks, Trennung, und die zweijähriger Tochter Marisha. Der Vater kommt weiterhin regelmäßig und bringt Äpfel aus dem alten Garten. Später, am Häuschen: Herbsttage, Apfelernte, Drachensteigen, und die Gewissheit der Ewigkeit – bis der Vater nach einem Infarkt im Oktober geht. Olga lebt allein am Häuschen, wird von alten Freunden des Vaters unterstützt, fühlt die Unausweichlichkeit der Veränderung, das Versprechen, mit Marisha jeden Herbst zurückzukehren und den Garten zu pflegen. Das Wochenendhäuschen und die Erinnerungen: Apfelduft, Herbstnebel, der stille Rhythmus von Leben und Abschied. Und die letzte, bittere Überraschung – als Olga erfährt, dass das Häuschen ganz ohne ihr Wissen verkauft wurde, mit dem Setzling weißer Johannisbeere für den Vater noch im Gepäck, während der Regen die gelben Blätter gegen die Schwelle schlägt.
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