Educational
08
Missbilligt – Kinder von verschiedenen Vätern haben: Die Geschichte von Dorothea, einer alleinerziehenden Mutter mit drei Töchtern und drei Vätern, und die Vorurteile im deutschen Alltag
Vor vielen Jahren lebte in unserer Nachbarschaft eine Familie, an die ich mich heute noch gut erinnere.
Homy
Educational
07
Lieber auf der eigenen Couch als mit der Schwiegermutter in der Einzimmerwohnung – warum ich meine Entscheidung schnell bereut habe
So ein Quatsch, sagte mir Annika triumphierend. Ilyas Mutter hat praktisch nur darauf gewartet, dass
Homy
Educational
08
Sieben Tage bis Silvester: Montagabend im deutschen Kleinstadtwinter – das Warmwasser bleibt wieder kalt, im Brot-Kiosk schimpft man, auf dem Markt diskutiert man, in der Straßenbahn streiten sich alle über alte Leitungen. Kein Schnee, nasse Straßen glänzen unter zu früh aufgehängten Lichterketten. Im „Strickwaren“-Laden denkt Tamara über ihren Sohn nach, mit dem sie seit dem Streit um Geld nicht mehr spricht. Kurz vor Ladenschluss ruft ein Mann an – ein blauer Pullover, falsche Nummer, das kleine Gespräch, das ein bisschen Nähe bringt. Busfahrer Klaus kennt jedes Schlagloch auf Linie 3, seine Frau wartet daheim, die Tochter ruft selten an. In der Bibliothek findet Tanja zwischen zurückgegebenen Büchern ein altes Foto – ein Junge auf dem Schlitten, ein Mann daneben, Erinnerungen an früher. Im Stadtchat sucht jemand ein verlorenes Geschenk, der Busfahrer gibt es zufällig einem Kind zurück. Am nächsten Tag kehrt Tamara Herr Pullover den richtigen Schnitt aus, bekommt Hilfsangebote für ihren kaputten Laden-Telefon, und wählt schließlich die Nummer des Sohnes. Es taut zögerlich auf. Die alte Liebe zwischen Klaus und Tanja blitzt wieder auf in einer kurzen Begegnung in der Straßenbahn. In der Adventsbücherei wird eine verlorene Erinnerung an eine verzweifelte Mutter zurückgegeben: Ein Foto – einziger Moment Vater mit Sohn. Auf dem Markt werden immer noch Socken gekauft, Diskussionen und Ratschläge geteilt, Winter eben. Fremde Telefonanrufe bringen tröstende Worte, Menschen sprechen endlich aus, was ihnen auf dem Herzen liegt. Der 30. Dezember bringt Musikproben auf dem Marktplatz, Menschen mit Listen, letzten Einkäufen, verpasste Chancen, kleine Begegnungen. In der Silvesternacht schneit es endlich, überall stehen die Menschen zusammen, Familien finden sich, Nachbarn und zufällige Bekanntschaften auch. Worte, Fotos, Pakete, kleine Versprechen und alte Briefe – lauter Alltagswunder flechten ein feines Netz, das niemand wirklich sieht, aber das tröstet und wärmt. Sieben Tage bis Silvester: Im Schnee, zwischen Suppengemüse und Straßenbahn, stillen Versöhnungen und stummen Blicken, findet ein deutsches Städtchen Zugang zu kleinen Wundern – und feiert ein neues Jahr in leiser Verbundenheit.
Sieben Tage davor Am Montagabend wurde in einer kleinen deutschen Stadt erneut das warme Wasser abgestellt.
Homy
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08
Der Nachbar im falschen Alter – Eine Alltagsgeschichte aus dem deutschen Mietshaus über Gewohnheiten, Generationenkonflikte und unerwartete Freundschaft zwischen Herrn Petersen aus dem achten Stock und dem neuen Studenten Ivan, der mit Techno-Musik und modernen Sitten das ruhige Hausleben aufmischt, bis beide lernen, dass Nachbarschaft mehr ist als nur Ruhe und Ordnung.
Der Nachbar mit dem falschen Alter Für Herr Peter Schmid beginnt jeder Morgen auf dieselbe Weise.
Homy
Kostenlose Haushaltshilfe und Köchin – Meine Schwangerschaft interessiert niemanden: Als Schwiegertochter in einem Dorf bei Stuttgart gefangen zwischen Familiendiensten und Ignoranz
Kostenlose Putzkraft und Köchin Niemand interessiert sich für meine SchwangerschaftIch bin ihre kostenlose
Homy
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08
Schichtwechsel im Sanatorium: Zwei Wochen Auszeit zwischen Alltag und Neubeginn – Svetlanas leiser Neustart in einer deutschen Rehaklinik
Hey, ich muss dir mal was erzählen ganz entspannt, wie bei einem Kaffeekränzchen unter Freundinnen.
Homy
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014
Auftritt nach siebzig – Als im Flur der Staubsauger dröhnte und der Essenswagen rumpelte, saß Anna Peters bereits im Bademantel auf dem Bett und sah auf das blau glitzernde Kleid, das wie ein Requisit aus einer anderen Welt wirkte, vergessen im Altenheimzimmer. Noch 20 Minuten bis zum Abendessen, zwei Stunden bis die Ehrenamtlichen kommen. Die alte Handyklingel blinkte stumm. Mehr Trubel brauchte es nicht. Die Schwester lugte in ihrem hellblauen Kittel herein. „Frau Peters, gehen Sie heute zum Konzert? Die jungen Leute versprechen einen Chor.“ Anna nickte: „Wo soll ich denn sonst hin?“ Als das Essen rief, verschwand das Kleid zurück in den Schrank – eine Routinegeste, ein Blick in das Spiegelbild: dieselben entschlossenen Züge, schmale Lippen, dezentes Augen-Make-up, wie früher. Im Speisesaal summte es. Frauen und Männer an langen Tischen, manche in Jogginghose, andere mit Krawatte. Papier-Schneeflocken an der Wand, unregelmäßig blinkende Lichterkette. An Tamaras Tisch – ehemalige Buchhalterin, nun Queen der Gesellschaftsspiele – duftete es nach Kompott und Kotelett. „Schon gehört? Die Jungs kommen wieder. Mit Gitarren, wie letztes Jahr.“ Semyon, der hagere Mann mit Stock, erwiderte trocken: „Die singen immer dasselbe.“ Anna kannte das – früher hatte sie eigene Programme geführt: „Schlagerabend“, „Filmsongs“. Lächeln, Pausen, Gesten, alles Routine. Heute half sie im Alltag und vermied die Bühne. Doch nun wollten alle ein Programm machen, Tamara pushte sie: „Du bist doch unsere Künstlerin!“ Anna hielt sich zurück; sie hatte ihre Lieder gesungen – fand sie. Trotzdem: Im Vorfeld spürte sie das alte Lampenfieber und das Kribbeln, wenn Erwartung in der Luft lag. Der nächste Nachmittag war festlich: selbstgemachter Auftritt vor dem offiziellen Konzert der Ehrenamtlichen. Gedichte, Lieder und Späße, alles gestemmt von den Bewohnern. Anna koordinierte, lehnte die Solorolle erst ab. Doch unter dem Schein der alten Glitzerrobe, die sie dann doch überstreifte, ließ sie sich schließlich überzeugen, sang leise, zaghaft, dann mit wachsendem Mut. Der Applaus kam nicht vom Publikum, sondern von Freunden. Der Festabend wurde ein gemeinsames Erlebnis: Kein strenges Programm, kein Bühnenkult. Menschen verschiedenen Alters, mit und ohne Gehstock, sangen zusammen. Auch die Ehrenamtlichen ließen sich anstecken. Anna verstand: „In unserem Alter ist man nie zu alt für ein bisschen Bühne.“ Am Ende stand sie am Fenster – im Spiegelbild eine Frau in blauem Kleid: Keine Bühnenlegende, einfach Anna, die sich getraut hatte, wieder zu singen. Draußen fiel Schnee. Drinnen wartete schon die nächste Probe. Bühne frei für das Leben – auch nach siebzig.
Szene nach siebzig Als der Staubsauger im Flur brummte und hinter der Tür der Servierwagen mit dem Abendessen
Homy
Ich habe meine Schwiegertochter an ihrem Geburtstag überrascht – sie wusste nichts davon Mein Sohn und meine Schwiegertochter ahnten nicht, dass ich ebenfalls zu ihrem Geburtstag kommen würde. „Mein Sohn und meine Schwiegertochter ahnten nicht, dass ich ebenfalls zu ihrem Geburtstag kommen würde“ – ihr Geheimnis hat mir das Herz gebrochen. In einer kleinen Stadt nahe Stuttgart, wo das Herbstlaub unter den Schritten raschelt, hat sich mein Leben mit 58 Jahren schlagartig verändert. Ich heiße Edith Schneider und habe meine Familie immer als meinen festen Halt gesehen. Doch der jüngste Geburtstag meiner Schwiegertochter, an dem ich unangemeldet erschien, hat mir eine bittere Wahrheit offenbart, die mich bis heute verfolgt.
Weißt du, ich muss dir mal was erzählen, das mich in letzter Zeit ziemlich mitgenommen hat.
Homy
Educational
013
Der Schüler an der Bushaltestelle Der Bus ließ auf sich warten, während ein eisiger Wind von der Spree über das Gesicht peitschte und unter den Kragen kroch. Peter Schneider trat von einem Fuß auf den anderen, tastete in seiner Jackentasche nach der Monatskarte und blickte erneut erwartungsvoll die Straße entlang. Laut Fahrplan hätte der Bus schon da sein sollen, doch auf der Anzeigetafel blinkten nur Uhrzeit und Werbesprüche. Die Wartenden zogen ihre Schals höher über die Nasen, einige schimpften leise, andere starrten stumm aufs Handy. Er stand etwas abseits vom überdachten Haltestellenhäuschen, um die lauten Diskussionen über Preise und Politik hinter sich nicht hören zu müssen. Die Finger schmerzten in den Handschuhen, der Rücken meldete sich. Am Morgen hatte er den Enkel in die Kita gebracht, war in der Arztpraxis, um Rezepte zu holen, und fuhr jetzt zum Bau- und Heimwerkermarkt, wo er manchmal im Lager aushalf. Das war nicht wegen des Geldes – die Rente reichte schon –, eher um nicht zu Hause einzurosten. Leere Tage wogen schwerer als der Mangel an Euro. Früher kam er jeden Morgen um sieben zum Werk und ging erst spät in der Dunkelheit nach Hause. Meister in der Maschinenbearbeitung, verantwortlich für Maschinen, Leute, den Zeitplan. Damals dachte er, ohne ihn würde der ganze Betrieb stillstehen. Nun gab es die Werkhallen nicht mehr; auf ihrem Platz entstand ein Einkaufszentrum mit grellbunter Leuchtreklame. Keiner fragte mehr nach seiner Meinung, kein Anruf, keine Versammlung. Zum letzten Mal wurde er vor über zehn Jahren zum Werksjubiläum eingeladen – danach war Schluss mit Werk und Jubiläen. Als er bemerkte, wie er wieder seine „früher“-Erinnerungen durchkaute, wie in einem endlosen Gang, zwang er sich, auf die Zettel an der Glasscheibe der Haltestelle zu schauen. Englischkurse, Waschmaschinenreparatur, Lagerhelfer gesucht. Vielleicht hätte dort auch mal sein Name stehen können, hätte er sich getraut, Nachhilfe im Drehen anzubieten. Aber wer braucht das noch, wo inzwischen alles computergesteuert läuft. Hinter ihm schlug die Tür der Haltestelle zu, jemand trat neben ihn, atmete schwer aus; kalte Luft und ein Hauch von Apothekengeruch lagen in der Luft. — Entschuldigen Sie, ist die 32 schon gefahren? — fragte eine leicht heisere Männerstimme. Peter Schneider drehte sich um. Vor ihm stand ein großer Kerl, etwa fünfunddreißig, dunkle Jacke, Mütze tief in die Stirn gezogen. Die Wangen waren vom Wind gerötet, unter den Augen Schatten, umgehängt eine schwarze Umhängetasche. Ein schüchternes Lächeln blitzte mit einer Zahnlücke auf. — Hab ich nicht gesehen, — antwortete Peter. — Stehe seit zwanzig Minuten, bisher kam nichts. — Typisch, — der Mann nickte und sah die Straße entlang. — Wie immer. Er zögerte, schien ins Wartehäuschen zurückgehen zu wollen, blieb aber stehen. Gerade als Peter sich wieder abwenden wollte, sah er an der Tasche des Mannes einen kleinen Metall-Anstecker in Form eines Drehmeißels – solche gab es früher im Werk als Auszeichnung für clevere Verbesserungsvorschläge. Da regte sich am Rand seines Bewusstseins eine vage Erinnerung. — Entschuldigen Sie… — begann der Mann, blinzelte. — Haben Sie zufällig mal im Werk gearbeitet? In der mechanischen Abteilung? Peter Schneider richtete sich ein wenig auf. — Ja, — sagte er, — ist aber lange her. Woher wissen Sie das? Der Mann lachte kurz auf. — Ich habe bei Ihnen gelernt, — sagte er. — In der Berufsschule. Praktikum in Ihrer Abteilung. 1998. Gruppe M-3. Ich war damals… — er stockte, — noch ziemlich jung, hab immer Käppi getragen. Sascha hieß ich. Der Name rutschte an seinen Platz, wie ein Teil in eine Nut. Jetzt sah Peter vor seinem inneren Auge nicht den erwachsenen Mann, sondern den dünnen Jungen mit den abstehenden Ohren und derselben Zahnlücke, der damals am Drehbank stand und alles auf seine Art machen wollte. — Sascha…Klimke? — fragte er vorsichtig. — Ja! — das Gesicht des Mannes strahlte. — Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich wiedererkennen. — Doch, — sagte Peter langsam. — Du hast damals dreimal hintereinander den Drehmeißel abgebrochen. Ich habe dich zusammengeschnauzt wie sonst was. Sascha lachte laut los. — Stimmt. Sie haben gesagt, aus mir wird nie ein ordentlicher Dreher, solange ich immer nur ans Rauchen denke. Peter spürte, wie ihm die Scham ins Gesicht stieg. Wer weiß, was er damals alles zu den Jungs gesagt hatte, im Stress mit Plänen, Fehlzeiten, Kontrollen. Die Worte kamen halt raus, bedeuteten ihm nicht viel. Und jetzt, an der Haltestelle, kamen sie ihm urplötzlich sehr schwer vor. — Na ja… — murmelte er, — was man damals eben so gesagt hat. Sascha schüttelte den Kopf. — Da täuschen Sie sich, — sagte er leise. — Das ist mir bis heute im Kopf geblieben. Nach Ihrer Standpauke habe ich zum allerersten Mal nach der Schicht freiwillig nochmal alles ausprobiert, warum mir ständig die Meißel abbrechen. Sie waren schon fast weg, erinnern Sie sich? Ich hab alleine weitergemacht, aber Sie sind nochmal zurückgekommen. Das Bild tauchte gestochen scharf auf: das Brummen der Maschinenhalle, gelbes Licht, der Geruch von Kühlmittel, nasser Betonboden. In der Umkleide waren alle schon gegangen, aber er, Peter, kam wegen der vergessenen Mappe zurück – und sah Sascha am Drehbank, wie er verbissen weiter probierte. — Ich bin zurückgekommen, — sagte Peter langsam. — Habe dir gezeigt, wie man den Vorschub richtig einstellt. Nichts Großes. Sascha sah ihn an, als könne er das kaum glauben. — Sie sind eine Stunde bei mir geblieben, — sagte er. — Bis das ganze Licht ausging. Der Schichtführer hat gemeckert, aber Sie haben gesagt: „Lass den Jungen machen. Sonst kommt er morgen wieder mit Ausschuss zurück.“ — Und das war das erste Mal, dass ich gespürt habe, dass es wirklich jemandem nicht egal ist, ob ich das hinkriege oder nicht. Peter zuckte mit den Schultern, doch innerlich bewegte es ihn. — War halt mein Job, — sagte er. — Wenn du Murks produziert hättest, hätte ich Ärger bekommen. — Mag sein, — sagte Sascha. — Aber die meisten hätten mich einfach rausgeworfen. Er blickte auf die Straße. — Danach bin ich auf der Berufsschule geblieben, — warf er beiläufig ein. — Wie meinst du das? — Ich wollte schon hinschmeißen, — erklärte Sascha. — Zu Hause nur Stress, kein Geld. Dann dachte ich, vielleicht bin ich doch nicht ganz hoffnungslos. Ich zog das Ding bis zum Abschluss durch, kam dann ins Werk — da waren Sie aber schon in einer anderen Abteilung. Ein Bus tauchte auf, aber es war nicht ihrer. Die Leute an der Haltestelle stöhnten, sahen wieder auf ihre Handys. Peter spürte ein sonderbares, warmes Gefühl in seiner Brust – gemischt mit leichter Wehmut. — Dann hat sich das Lernen ja doch gelohnt, — sagte er. — Und wie, — antwortete Sascha ernst. — Ich habe schon länger nach Ihnen gesucht. Wir haben noch manchmal über Sie gesprochen. Ich habe Ihren Namen gegoogelt, aber alles, was ich fand, waren alte Anordnungen. — Ich und das Internet, — grinste Peter. — Ich hab ein Tastenhandy. Mein Enkel lacht sich kaputt. — Mein Vater auch, — lachte Sascha. — Der will auch nichts anderes. Sie schwiegen. Der Wind ließ etwas nach, hinter ihnen nieste jemand. Peter fühlte, dass sich ein altes Groll-Gefühl in ihm verabschiedete. Es zählte offenbar wirklich, was er einst getan hatte. — Und was machen Sie jetzt? — fragte Sascha. — Arbeiten Sie noch? — Ich bin Rentner. Helfe ab und zu im Baumarkt-Lager. Nicht schwer, mehr Papierkram. — Hauptsache, nicht schwer, — nickte Sascha. — Rückenschonend. Er zögert, dann sagt er plötzlich: — Wenn Sie noch Zeit haben… Wollen Sie einen Kaffee trinken? Gleich um die Ecke ist ein gutes Café. Peter checkte die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis zum Schichtbeginn im Lager — das reichte. — Zeit hab ich, — sagte er. — Gehen wir. Der Bus kam kurz darauf. Sie stiegen ein und kämpften sich in die Mitte. Sascha hielt seine Karte an den Automaten, drehte sich um: — Ich lade Sie ein. — Nicht nötig, — winkte Peter ab, aber Sascha hatte schon bezahlt. — Sehen Sie’s als Zinsen an, — meinte er leise. Es war voll, es roch nach Gummi und Parfüm. Peter hielt sich an der Stange fest und beobachtete, wie draußen bekannte Straßen vorbeizogen. Früher fuhr er mit seinen Lehrlingen diese Wege zur Ausbildung. Heute andere Gesichter, andere Stimmen. Das Café war klein, mit großen Fenstern zum Kreuzungsbereich. Sie setzten sich an einen Fensterplatz und zogen die Jacken aus. Sascha bestellte zwei Americano und Kuchen. — Ich esse immer Süßes, wenn ich aufgeregt bin, — erklärte er. — So wie jetzt. — Ach was, — knurrte Peter, spürte aber selbst eine gewisse Anspannung. — Erzählen Sie — wie sind Sie überhaupt zum Werk gekommen? — fragte Sascha, als die Bedienung weg war. — Ich erinnere mich nur an Fetzen aus alten Gesprächen. Peter zuckte die Schultern. — Wie alle. Nach der Bundeswehr ins Werk, erst an der Maschine, dann als Meister. Bis zur Rente. Nichts Besonderes. — Klingt nicht überzeugend, — schüttelte Sascha den Kopf. — Sie hatten immer eine Ausstrahlung, als wüssten Sie alles. — Täuschung, — grinste Peter. — Ich hab am Anfang genauso alles falsch gemacht. Aber damals war der Druck anders: Fehler — Teil Ausschuss — Plan im Eimer. Da musste man auf Chef tun. Er probierte den Kaffee, das Bittere prickelte angenehm am Gaumen. Der Kuchen war zu süß, aber doch nahm er einen Bissen — erinnerte vage an früher. — Erinnern Sie sich an Ihre Jungs später? Die, die nach der Lehre im Werk blieben? — Manche, — nickte Sascha. — Mit Kolja habe ich noch Kontakt — der arbeitet auf Montage in Bayern. Jens ist nach Hamburg gegangen. Viele sind über Deutschland verteilt. Aber alle, die im Beruf geblieben sind, sprechen oft von Ihnen. Peter hob erstaunt die Brauen. — Warum das? — Sie haben uns nicht einfach als billige Arbeitskräfte gesehen, — sagte Sascha. — Sie haben uns behandelt wie Menschen. Wissen Sie noch, wie Sie uns damals zum alten Fräser geschickt haben, obwohl der schon gezittert hat? — André Weiß? — überlegte Peter. — Der hatte einen Blick wie ein Messschieber — hat am Geräusch erkannt, ob ein Lager am Sterben war. — Genau! Sie sagten: „Lernt von ihm, solange er da ist. Bücher laufen nicht weg.“ — Das habe ich nie vergessen. Wenn unsere Alten heute gehen, zeige ich sie den Jungen auch erst noch. Er grinste. — Ich muss mich oft dabei ertappen, wie ich Ihren Tonfall nachmache, — gab er zu. — Besonders beim Schimpfen. — Mein Ton…das war oft ruppig, — verzog Peter das Gesicht. — Frag mich manchmal selbst, wie ihr das ausgehalten habt. — Wir wussten, dass Ihnen was an uns lag, — sagte Sascha ruhig. — Sie haben immer geholfen. Ich erinnere mich genau, wie Sie mir die Hand am Vorschub geführt haben. Mein Vater war damals im Krankenhaus, ich war die ganze Zeit nervös. Sie haben das nicht angesprochen, aber einfach gesagt: „Ruhig, lass dir Zeit. Das Teil rennt dir nicht weg.“ Das hat geholfen, auch später. Peter sah hinaus. Draußen liefen eilige Menschen vorbei. Er suchte die Erinnerung mit Saschas Vater, aber sie blieb blass. Für ihn war es nur einer von hunderten Tagen gewesen, an denen er Hände, Vorschub oder Winkel korrigierte. — Ich wusste nicht, dass dein Vater krank war, — sagte er leise. — Ich hab’s keinem gesagt, — winkte Sascha ab. — War mir peinlich. Aber wichtig war was anderes: Sie waren der erste Erwachsene, der mich nicht bemitleidet und nicht fertiggemacht hat. Sie behandelten mich wie einen ganz normalen Menschen. Das war… viel wert. Er schwieg, tat beschäftigt mit dem Kuchen. Peter spürte einen Kloß im Hals. Er dachte an den erfahrenen Schrauber, der ihm mal gesagt hatte: „Hab keine Angst vor der Maschine, sondern vor deiner eigenen Faulheit.“ Damals nur ein Satz, aber geblieben fürs Leben. — Dann war’s ja nicht umsonst, dass ich dich gescheucht habe, — versuchte Peter zu witzeln. — Überhaupt nicht umsonst, — wiederholte Sascha ernst. — Ich habe jetzt zwölf Leute in meiner Abteilung. Drei sind direkt nach der Lehre gekommen. Wenn man die laufen lässt, landen sie in der Paketlieferung oder irgendwo im Lager. Aber schon nach kurzer Unterstützung machen sie viel mehr draus. Und manchmal frage ich mich: woher weiß ich das — und dann denke ich an Sie. Er lächelte, und in seinen Augen glomm etwas Warmes. — Sie hätten mich auch rausschmeißen können, — fügte er hinzu. — Erinnern Sie sich, wie ich eine Woche Praktikum geschwänzt habe, weil ich am Markt jobben musste? Der Berufsschulmeister wollte mich schon von der Liste streichen lassen. Sie aber haben gesagt, ich soll Nacharbeit machen und dass Sie mich selbst rausschmeißen würden, wenn noch mal was vorfällt. Ein Bild zuckte auf: das Meisterbüro, rauchgeschwängerte Luft, Sascha mit gesenktem Blick, der Meister wutrot, Peter besonnen. Ja, das war so. — Ich erinnere mich, — sagte er. — Du warst damals stinkig auf mich. — Klar, — schmunzelte Sascha. — Aber im Nachhinein war das meine Rettung. Er stellte seine Kaffeetasse ab und sah Peter direkt an. — Ich wollte Ihnen das immer mal sagen, — sagte er. — Danke. Nicht fürs Retten. Sondern dafür, dass Sie damals Ihre Arbeit ehrlich gemacht haben. Das bringt viel mehr, als man denkt. Die Worte standen im Raum, einfach und klar. Peter fühlte, wie in ihm etwas klickte, wie bei einer gut geölten Maschine. Auf einmal sah er sein Leben nicht mehr als Kette von Schichten und Formularen, sondern als eine Reihe von Menschen, die durch ihn gegangen waren. Jemand war geblieben, hier saß er vor ihm, mit ehrlicher Dankbarkeit im Blick. — Wie viel schulde ich dir für den Kaffee? — fragte Peter, um nicht zu weich zu werden. — Nichts, — winkte Sascha ab. — Eigentlich schulde ich Ihnen. Sie saßen noch ein bisschen und sprachen über Maschinen, neue und alte Zeiten. Sascha erzählte vom eigenen Team, darüber, wie schwer es die Jugend heute mit Verantwortung hat. Peter bemerkte, wie er sich wieder beim Ratschlägegeben ertappte. Als sie das Café verließen, rieselte feiner Schnee. Die Straße glitzerte, die Menschen hasteten mit hochgezogenen Schals. — Ich bring Sie noch, — bot Sascha an. — Liegt auf dem Weg. Sie schlenderten nebeneinander, hielten an Zebrastreifen, erzählten von Saschas Sohn, der lieber baut als rechnet, und von Peters Enkel vor dem Tablet. — Bring den mal zu mir, — sagte Peter plötzlich. — Ich zeig ihm, wie man einen Meißel richtig schärft. In der Küche auf dem alten Schleifstein. Wenn er Lust hat. Sascha grinste. — Unbedingt, — sagte er. — Geben Sie mir Ihre Adresse. Am Baumarkt blieben sie stehen. Die große Leuchtreklame, Glasfront, Einkaufswagen — Peter fühlte sich hier immer ein bisschen fremd. — Hier ist mein Arbeitsplatz, — sagte er. — Von hier aus musst du vermutlich in die andere Richtung. — Stimmt, aber… Darf ich Sie mal ab und zu anrufen? Nur so, oder wenn es im Team mal Stress gibt? — Klar, — sagte Peter überrascht, wie leicht es ihm fiel. — Nur abends nicht, da hat mein Enkel Fernsehen. Sie tauschten Nummern aus. Sascha tippte „Peter Schneider Werk“ ins Handy, zeigte ihm das Display. — Alles richtig, — nickte Peter. Der Händedruck war fest und warm. Für einen Moment war Peter nicht mehr der alte Sack am Lagereingang, sondern wieder der Meister, der seinen Jungen zur Schicht gehen lässt. — Danke nochmal, für alles, — sagte Sascha. — Geh schon, — winkte Peter ab. — Sonst kommst du zu spät. Sascha lief los, bog am Ende der Straße ab, winkte noch ein letztes Mal. Peter sah ihm hinterher, bis er verschwunden war. Im Inneren war es ruhig – kein Groll, keine ewige Traurigkeit, dass die eigene Zeit vorbei ist. Da war nur noch eine angenehme Wärme – wie nach einem gut erledigten Auftrag. Er trat hinein, grüßte die junge Kollegin am Empfang, lief an Regalen mit Bohrmaschinen und Werkzeugen vorbei. Ein paar alte Feilen lagen im Eck; er blieb hängen wie bei alten Bekannten. In der Umkleide zog er die Arbeitsjacke an, holte seine alte Mappe hervor. In einem Seitenfach eine angegilbte Fotografie: Werkhalle, Maschinen, junge Kerle in Blaumann, er mittendrin, damals noch mit Haaren. Er betrachtete die Gesichter, fand auch den Jungen mit Kappe und Zahnlücke – Sascha. Dreist, wachsam. — Gefunden, — murmelte er leise. Das Foto zitterte nicht vor Schwäche in der Hand, sondern weil das Herz plötzlich leichter war. Er steckte es zurück zu seinem Notizheft mit alten Formeln und Namen der Lehrlinge. Bevor er den Spind schloss, legte er die Stirn an das kalte Metall. Keine Bruchstücke alter Verbitterung mehr. Nur Gesichter, Stimmen, Lachen – und die ruhige Gewissheit: Seine Arbeit hat Spuren hinterlassen, lebt weiter – selbst, wenn die Maschinen heute Computer sind. Er richtete sich auf, straffte die Jacke und ging in den Markt, wo Papiere und Kisten warteten. Unterwegs blieb er bei einem Set Feilen stehen. — Möchten Sie kaufen? — fragte der Verkäufer. — Später, — sagte Peter. — Ich überlege noch. Aber im Kopf hatte er längst beschlossen: Am Abend holt er den alten Schleifstein in der Küche vor, bürstet ihn ab, prüft das Kabel — und zeigt dem Enkel, wie Eisen sich formen lässt, wenn die Hand ruhig und sicher bleibt. Nicht, um einen Dreher aus ihm zu machen, sondern damit etwas weitergeht, was einst erlernt und weitergegeben wurde. Und diese Aussicht wärmte mehr als jeder Tee. Mit einem Lächeln schlenderte er weiter zwischen den Regalen, der Schritt leicht wie lange nicht mehr.
Der Schüler an der Haltestelle Der Bus ließ auf sich warten, während der Wind eisig von der Elbe heraufzog
Homy
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020
Fernbedienung für Zwei Als die Uhr vier schlug, knallte die Tür so heftig, dass der alte Daunenmantel an der Garderobe schaukelte und gleich drei Leute in den Flur stolperten: zuerst der große Sascha mit Rucksack und einer Tüte Mandarinen, dann seine Frau Anna, eingepfercht zwischen Kindermantel und Brettspiel, und zum Schluss der achtjährige Leo, der schon die Strickmütze über die Augen zog und aus unerfindlichen Gründen laut brummte. „Wir sind da!“, rief Sascha in die Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen. Aus der Küche lugte sofort die Mutter, Frau Natalia Peters, mit einem Messer in der Hand und kariertem Schürzchen hervor. Die Wangen rosig, die Haare mit einer Klammer hochgesteckt, und auf dem Tisch hinter ihr thronte ein Berg bereits geschnittener Kartoffeln und Wurst. „Ach, meine Lieben!“ Sie klatschte das Messer auf das Brett und kam ihnen, die Hände am Schürzchen abschmierend, entgegen. „Kommt rein, zieht euch aus, macht es euch gemütlich. Nicht im Flur stehen, hier zieht’s.“ Aus dem Wohnzimmer drang die Stimme eines Ansagers und das gedämpfte Stimmengewirr einer Studiokulisse – im Fernsehen lief irgendein Nachmittagskonzert. Vater, Herr Waleri Sergejewitsch, meldete sich von dort, ohne aufzustehen: „Hallo, hallo! Ich bin hier, ich halte die Stellung am Bildschirm.“ Sascha half Leo beim Schuheausziehen und erhaschte schon einen Blick auf den vertrauten Wohnzimmeranblick: Tisch halb gedeckt, auf dem Couchtisch vor dem Sofa lag die Fernbedienung, daneben eine Schale mit Süßigkeiten, an der Wand blinkte die alte Lichterkette. Der Fernseher lief natürlich. Die Lautstärke war nicht hoch, aber das Surren blieb wie das Brummen eines Kühlschranks. Bestimmt läuft der schon den ganzen Tag, dachte Sascha und spürte das altbekannte Genervtsein, das er sich mühsam nicht anmerken ließ. „Mama, ich helfe dir“, sagte er und trug die Tüte in die Küche. „Das ist für dich. Da ist echtes Sekt drin, nicht so ein…“ Er stockte, als er die sowjetische Flasche mit goldener Etikette auf dem Tisch sah. „Na gut, dann haben wir eben zwei Sorten.“ „Ich hab schon alles gekauft“, sagte Frau Peters sanft, aber mit leisem Vorwurf. „Aber kann ruhig noch stehen bleiben – vielleicht schmeckt euer modernes ja besser. Anna, meine Liebe, zieh den Mantel aus. Ich mach grad noch Salat, dann gibt’s Tee.“ Anna lächelte und nickte, obwohl Sascha spürte, dass sie sich leicht verspannte. Auf dem Weg hierher hatten sie darüber gesprochen, dieses Jahr alles mal anders zu machen: Kein endloses Fernsehgedröhne, dafür Spiele, Musik, dass die Kinder nicht nur am Handy hängen. Doch kaum über die Schwelle, da stießen sie sogleich auf den vertrauten Geräuschteppich der ständig laufenden Sendungen. Herr Sergejewitsch hatte sich inzwischen auf seinem angestammten Platz in der Sofaecke eingerichtet, als säße er auf der Brücke eines Schiffes. Die Fernbedienung lag griffbereit, er berührte sie immer wieder, zappte durch die Programme, beinahe schon automatisch, ohne wirklich hinzusehen: Konzert, Glitzer, Moderator, wieder Konzert. Na wunderbar, dachte er mit leichter Sorge. Jetzt kommen sie gleich mit ihren Lautsprechern und Playlists. Soll ich dann etwa alles abschalten? Als gäbe es mein Silvester gar nicht mehr. Den Fernseher hatte er schon am Morgen eingeschaltet, als Frau Peters Kartoffeln schälte, und seitdem lief er durch. Herr Sergejewitsch mochte Stimmen und Musik im Raum. So war das immer gewesen. Schon als Sascha klein war, hin und her zwischen Tisch und Baum tollte, lief der Fernseher als Hintergrund, als Beweis, dass im ganzen Land Fest war. „Opa, dürfen wir Trickfilme gucken?“, polterte Leo ins Zimmer und warf den Rucksack auf den Boden. „Später, jetzt läuft ein gutes Konzert“, antwortete Herr Sergejewitsch, ohne den Blick zu heben. „Schau nur, wie die singen.“ „Aber ich mag die nicht“, brummte Leo und runzelte die Stirn. Sascha kam kurz in das Zimmer, um sich die Hände an der Jeans abzuwischen. „Papa, können wir’s abends wenigstens ein wenig leiser machen? Wir wollten mal ‚Carcassonne‘ spielen, hab ich mitgebracht.“ „Was?“ „Brettspiel, mit Karten, Burgen, Straßen. Macht Spaß.“ „Na spielt doch, euch hält doch keiner auf! Der Fernseher schreit ja nicht. Der kann ruhig weiterlaufen.“ Sascha wollte erklären, dass schon allein das ununterbrochene Gedudel störe, doch sein Blick traf den von Frau Peters, die gerade mit einem Teller Aufschnitt vorbeiging und die beiden abwartend musterte. „Esst erst mal, dann könnt ihr spielen, so viel ihr wollt. Bis Mitternacht ist noch ewig Zeit.“ Sascha kam das nicht wie ein Übermaß an Zeit vor. Er kannte das schon: Erst „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, dann Konzert, dann Bundespräsident, dann wieder Konzert – und ehe man sich’s versieht, gähnen alle und sitzen immer noch über der Spiele-Box. In der Küche roch es nach Mayonnaise, frischer Petersilie und gebratenen Zwiebeln. Auf dem Fensterbrett kühlten Kartoffelspalten für Heringssalat aus. Frau Peters schnippelte flink Gewürzgurken in die Schüssel mit anderen Zutaten. „Mama, lass uns die Hälfte vom Kartoffelsalat mal ohne Wurst machen?“, fragte Anna vorsichtig beim Hinsetzen. „Ich mag’s lieber veggie, und Leo isst auch kaum Fleisch.“ „Ohne Wurst ist das kein richtiger Salat, sondern… keine Ahnung, irgendwas anderes. Na gut, ich leg ihm was auf die Seite.“ „Super,“ atmete Anna auf. Sie mochte ihre Schwiegermutter, wirklich, aber jedes Silvester fühlte sie sich wie Gast in einem Stück, in dem die Rollen fest vergeben waren, und Sashas Mutter hielt sich an ihre Rezepte und Rituale wie an Rettungsleinen. Anna verstand es, wollte aber, dass auch ihre und Sashas Gewohnheiten ihren Platz haben. Nicht nur zu Hause, sondern auch hier. „Du wieder mit deinen Experimente“, rief Herr Sergejewitsch aus dem Wohnzimmer. „Am Ende ist wieder alles ohne Salz und Geschmack. Ich würz’s dann eben nach.“ „Wird schon passen,“ brummte Frau Peters eingeschnappt. Sascha bemerkte den Unterton und dachte, es war vielleicht doch nicht so klug von Anna, die Wurstfrage anzusprechen. Aber er erinnerte sich auch daran, wie Leo letztes Silvester das Salatbesteck weglegte und leise vor sich hin nölte, dass ihm davon übel sei, und wusste: Nein, es war richtig. Nach einer halben Stunde saßen sie alle um den Tisch. Es war noch hell draußen, keine Kerzen angezündet, der Baum leuchtete in der Ecke, der Fernseher lief leiser – ein erster stiller Kompromiss: Sascha hatte im Vorbeigehen den Ton gedrosselt und Herr Sergejewitsch tat, als merkte er nichts. „Auf unser Wiedersehen“, hob Herr Sergejewitsch das Sektglas. „Gut, dass ihr gekommen seid. Wer weiß – die Kinder werden groß…“ Er brach ab und winkte ab. „Egal. Schön, dass ihr da seid.“ Sascha spürte ein Ziehen im Inneren. Er wusste, der Vater hatte Angst, allein zu bleiben in der dreizimmerigen Wohnung mit Teppichen und Vitrine. Angst, dass eines Tages die Kinder sagen: „Wir feiern lieber mit Freunden, wir haben eigene Rituale.“ Und der Fernseher, das Konzert, der Kartoffelsalat schienen Garantien für die Behauptung, dass das Vergangene noch da ist, nichts verschwindet. „Wir auch, wirklich“, sagte Sascha. Sie stießen an, der Sekt war herb mit einem Hauch Bitterkeit. Leo griff nach Mandarinen, Anna füllte Saft nach, Frau Peters portionierte Salat. „Schaut ihr heute wieder ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘?“ fragte Anna möglichst neutral. „Natürlich! Ohne das – kein Silvester. Fängt um neun an. Erst essen, dann Tee, dann Film.“ „Könnten wir’s dieses Jahr auslassen…? Wir kennen den doch alle fast auswendig. Vielleicht könnten wir stattdessen…“ „Du brauchst mich nicht anschauen“, unterbrach Frau Peters, auch wenn Sascha sie gar nicht ansah. „Ohne den Film weiß ich gar nicht, dass Silvester ist. Seit meiner Jugend ist der dabei. Im Krankenhaus hab ich den einmal geschaut. Erinnerst du dich, Waleri, im Flur war damals ein Fernseher.“ „Stimmt“, nickte er. Sascha spürte, wie ihm die Argumente wegschwammen, als rede er nicht bloß über einen Film, sondern begehe einen Angriff auf ihre Lebensgeschichte. „Wir können ihn gucken,“ schob Anna rasch nach. „Nur vielleicht nachher mal spielen? Ich hab das Spiel extra mitgebracht.“ „Ja, ja, wir spielen später,“ winkte Herr Sergejewitsch ab. „Habt doch alle Zeit der Welt.“ Er griff wieder zur Fernbedienung und zappte, Sascha zählte unwillkürlich die Klicks wie Uhrenschläge. Nach dem Essen wurde Leo kribbelig. „Papa, wann spielen wir denn?“ „Gleich, wir räumen erst ab.“ „Ich mach das schon alleine“, mischte sich Frau Peters ein. „Geht und spielt, ich komm später dazu.“ „Mama, wir machen das doch zusammen!“ „Du bringst mir alles durcheinander. Ich hab mein System. Geht schon mal vor!“ Das System: alles in die Spüle, Salat abdecken, Gläser extra, und sie kannte die Platzierung mit verbundenen Augen. Sascha und Anna wechselten einen Blick – helfen wäre nett, aber ein Streit in diesem Moment hätte es verschärft. „Okay, dann machen wir uns schon mal fürs Spiel fertig.“ Sie gingen ins Wohnzimmer. Herr Sergejewitsch hatte zum Start von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gezappt. Die bekannte Melodie erklang. „Oh, jetzt wird’s spannend!“, freute sich der Vater. „Papa, wir wollten doch…“, setzte Sascha an. „Später, ich liebe den Anfang. Ihr könnt ja in der Küche spielen.“ „Da ist kaum Platz, und Mama räumt noch auf. Wir wollten eigentlich alle zusammen…“ „Wozu zusammen? Ihr spielt, ich schau, wie immer. Oder schaut einfach mit!“ Sascha atmete tief durch. Da war der Moment, vor dem er sich fürchtete. „Papa, jedes Jahr läuft’s gleich. Wir wollten… nur mal ein bisschen anders. Reden, spielen. Ohne Fernseh-Kulisse.“ „Stört dich der Fernseher? Er steht doch nur da. Ich mach leiser.“ „Der kommt nicht in den Teller, sondern in den Kopf“, platzte Sascha heraus. „Man kann einfach nicht reden, wenn immer irgendwas dröhnt.“ „Keiner dröhnt“, beleidigt nahm Herr Sergejewitsch noch lauter. Da kam Frau Peters rein, das Spannungsfeld war sofort spürbar. „Was ist los?“ „Nichts“, sagten Sascha und sein Vater fast gleichzeitig. Auf dem Bildschirm hob der Held schon das Glas in der Sauna. Sprüche, die sie alle kannten, legten sich über sie. „Wir wollen einfach spielen“, murmelte Anna. „Zusammen. Der Film geht bestimmt auch später…“ „Wir schauen den Film“, stellte Frau Peters fest. „So machen wir das immer.“ Sascha wurde wütend und schuldbewusst zugleich. Sie hören uns gar nicht, dachte er. Als wäre der Wunsch, was anders zu machen, bloß Laune. Als hätten sie das Recht auf Tradition und wir nicht. Leo stand in der Tür, drückte seinen Kuschel-Dino, schaute von Erwachsenen zum Fernseher, Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich will den Film nicht“, sagte er plötzlich. „Der ist langweilig.“ Pause. Der Fernseher plapperte ins Leere. „Leo, das ist kein langweiliger Film, du bist nur noch zu klein, um den zu verstehen.“ „Aber ich wollte doch spielen. Das war doch so abgemacht.“ Sascha drehte sich um und drückte im Affekt auf AUS. Die Mattscheibe wurde dunkel. Es war plötzlich still – Wasser tropfte, eine Kugel klimperte am Ast. „Sascha“, hauchte Frau Peters. „Papa“, gleichzeitig Herr Sergejewitsch. In beider Stimmen klangen Enttäuschung und Ratlosigkeit. „Wir spielen nur fünf Minuten“, setzte Sascha hastig nach. „Du bist bei mir zu Hause und machst meinen Fernseher aus. Als wär ich hier überflüssig.“ Das traf ihn härter als vermutet. „Ich wollt nicht… Nur, weil Leo…“ Leo schluchzte schon, Anna nahm ihn auf den Arm. „Ganz ruhig. Es wird alles gut.“ Frau Peters schaute Sascha an – Müdigkeit, Angst, Liebe und Sorge in einem Blick. Sie verstehen nicht, dachte sie. Der Film ist wie ein Anker; solange es ihn gibt, gibt es auch mein Früher noch. „Sascha“, sagte sie leise. „Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen. Ich will einfach nur sitzen und meinen Film schauen. Spielt doch. Aber warum ausschalten?“ Saschas Argumente verpufften wie Spinnweben. „Weil… wenn er läuft, seid ihr nicht bei uns. Ihr seid beim Fernseher. Wir wollen MIT euch sein, nicht NUR neben euch.“ Das Wort hing im Raum. Herr Sergejewitsch schaute weg. Ich hab mein Lebenlang für dich geschafft, Fernseher angeschafft trotz wenig Geld, und jetzt…? Er dachte an die Abende in der leeren Wohnung, als nur das Gerät Stimmen bot, und seine Furcht vor der Stille. „Also gut“, sagte er plötzlich, sich selbst erstaunt. „Ihr spielt jetzt. Halbe Stunde, Stunde – dann schalten wir wieder ein. In Ordnung?“ Sascha blinzelte. „Papa…“ „Ich stör auch nicht, spiele sogar mit – nur später gucken wir dann weiter, ja?“ Frau Peters war baff, aber in seiner Stimme lag nicht Resignation, sondern der Wille, gemeinsam zu feiern und Altes zu behalten. „Okay“, meinte Anna. „Wir bauen auf dem Wohnzimmertisch auf, Fernseher bleibt aus. Wenn der Präsident kommt, gemeinsam schauen. Danach euer Film, aber leise. Wer will, spielt weiter.“ „Ich will mit Opa und Oma spielen!“, schniefte Leo – aber jetzt schon fröhlicher. Frau Peters atmete auf. Bin doch kein Unmensch, dachte sie. Fürs Kind können die Regeln auch mal lockerer werden. „Na dann her mit dem Spiel! Aber schnell erklären – sonst verlauf ich mich in euren Mini-Straßen.“ Saschas Anspannung wich langsam. Er schaltete den Fernseher auf Pause: der Held blieb mit erhobenem Glas eingefroren. „Der kann warten“, sagte er. „Andreas K. ist geduldig.“ Herr Sergejewitsch schmunzelte – der alte Witz saß. Sie legten das Spiel aus, schoben die Bonbonschale weg, Leo mischte voller Begeisterung die Kärtchen, Herr Sergejewitsch wurde plötzlich eifrig, als er bemerkte, wie viele Punkte seine Straße bringt. „Ich bin eben Stratege“, zwinkerte er. Anna lachte. Die ersten zehn Minuten waren chaotisch, doch langsam wurde es ein gemeinsames Werk, und Frau Peters ertappte sich dabei, dass sie ehrlich lachte. Später, als Leo auf die Toilette rannte, lehnt sich Sascha zu ihr: „Danke, dass du mitmachst.“ „Mach ich nicht. Ich probier nur mal – denk nicht, dass uns das nicht schwer fällt, alles zu ändern. Wir kennen den Ablauf seit Jahrzehnten.“ „Weiß ich. Aber wir brauchen auch mal unsre eigenen Sachen. Damit Leo sich später an unsere Spiele erinnert, nicht nur an Fernsehabende.“ „Wird er sowieso“, seufzte Frau Peters. „Hauptsache, wir sind zusammen.“ Gegen neun war das Spiel aus – überraschend gewann Herr Sergejewitsch, grinste und lugte zum Fernseher. „Jetzt bin ich dran!“ „Deins“, sagte Sascha. „Leg los.“ Alle setzten sich zum Fernsehen. Der Film begann, doch nun war der Kasten nicht mehr alles. Reste des Spiels lagen herum, und erstmals fühlte es sich nicht mehr so an, als sei der Bildschirm das Zentrum. Als der Bundespräsident sprach, holte Frau Peters standesgemäß Sekt und Gläser. „Schenk den Kindern Saft ein – sonst heißt’s, ich bring ihnen das Trinken bei!“ Sie standen beisammen, hörten vertraute Worte über Schwierigkeiten, Hoffnung, Zukunft – Herr Sergejewitsch schaute mehr die Familie als den Bildschirm an. Das sind sie, dachte er. Wenn es ihnen wichtig ist zu spielen, dann egal. Hauptsache, sie kommen. Als das Glockenspiel erklang, stießen sie an, Leo wünschte sicherheitshalber gleich dreimal was, weil er durcheinander war. Danach flimmerte der Fernseher wieder – aber leise, wie ein Flüstern. Der Film blieb Hintergrund statt Hauptfigur. Frau Peters saß am Sofarand, und Anna und Sascha diskutierten schon, wer die nächste Runde „Carcassonne“ anfangen dürfe. „Mama, willst du, dass wir morgen noch einmal den Film allein schauen – nur wir drei?“ „Wozu?“ „Na… du sagst, das ist DEIN Film. Lass uns daraus euer eigenes Ritual machen. Und abends wird gespielt. Dann gibts zwei Silvester für uns.“ Sie überlegte. Das klang so, als würde ihre Tradition nicht geraubt, sondern neues Gewicht bekommen. „Schauen wir morgen. Nach dem Aufstehen.“ Herr Sergejewitsch hörte es, tat aber, als schaute er den Film. Aber es wurde ihm ruhiger ums Herz. Nicht wegen des Kompromisses, sondern weil der Sohn wenigstens suchte, wie sie alle ihren Platz finden. Leo baute aus den Spielsteinen einen Turm, glücklich und konzentriert. Er wusste nicht, dass heute ein leiser Kampf um die Fernbedienung und das Recht auf das Richtige Silvester tobte. Für ihn wird dieser Abend der sein, an dem Opa überraschend gewann, Oma lachte und Mama und Papa sich nicht stritten. Gegen eins merkte Frau Peters, dass sie kaum auf den Bildschirm sah. Der Fernseher war Kulisse, aber erstmalig war ihr wichtiger, was HIER passierte. Sascha saß neben dem Vater, diskutierte die Spielregeln der nächsten Runde. Anna und Leo verstauten Sallatreste und Mandarinenschalen. Der Duft war nach Essen, Tanne und abgestandenen Sekt. „Mama, komm schon! Papa tüftelt an einem Strategieplan!“ „Komme gleich!“ Sie machte in der Küche das Licht aus, blieb sekundenlang in der Tür stehen. Der Fernseher beleuchtete die Gesichter, die Lichterkette blinkte. Das alles schien sehr heimisch. Na, soll doch. So und so – Hauptsache, sie sind hier. Sie setzte sich neben ihren Mann, der heimlich zur Seite rückte, damit sie Platz hatte. Die Fernbedienung lag zwischen ihnen – heute Symbol des Zusammenrückens, nicht des Streitens. „Na dann, zeigt mal eure Straßen.“ Das neue Jahr nahm seinen Lauf. Draußen krachte Feuerwerk, im Fernsehen liefen die Helden weiter durch vertraute Adressen. Doch im Wohnzimmer hatte sich eine eigene, kleine Landkarte gebildet: Fernsehzone, Spielzone, Küchenzone, und dazwischen kleine, feste Wege, auf denen man zueinander fand. Niemand hatte verloren oder gewonnen. Jeder war ein Stück gerückt. Und es wurde spürbar wärmer.
Fernbedienung für zwei Um vier Uhr am Nachmittag fiel die Wohnungstür mit solchem Schwung ins Schloss
Homy