Der Schüler an der Bushaltestelle Der Bus ließ auf sich warten, während ein eisiger Wind von der Spree über das Gesicht peitschte und unter den Kragen kroch. Peter Schneider trat von einem Fuß auf den anderen, tastete in seiner Jackentasche nach der Monatskarte und blickte erneut erwartungsvoll die Straße entlang. Laut Fahrplan hätte der Bus schon da sein sollen, doch auf der Anzeigetafel blinkten nur Uhrzeit und Werbesprüche. Die Wartenden zogen ihre Schals höher über die Nasen, einige schimpften leise, andere starrten stumm aufs Handy. Er stand etwas abseits vom überdachten Haltestellenhäuschen, um die lauten Diskussionen über Preise und Politik hinter sich nicht hören zu müssen. Die Finger schmerzten in den Handschuhen, der Rücken meldete sich. Am Morgen hatte er den Enkel in die Kita gebracht, war in der Arztpraxis, um Rezepte zu holen, und fuhr jetzt zum Bau- und Heimwerkermarkt, wo er manchmal im Lager aushalf. Das war nicht wegen des Geldes – die Rente reichte schon –, eher um nicht zu Hause einzurosten. Leere Tage wogen schwerer als der Mangel an Euro. Früher kam er jeden Morgen um sieben zum Werk und ging erst spät in der Dunkelheit nach Hause. Meister in der Maschinenbearbeitung, verantwortlich für Maschinen, Leute, den Zeitplan. Damals dachte er, ohne ihn würde der ganze Betrieb stillstehen. Nun gab es die Werkhallen nicht mehr; auf ihrem Platz entstand ein Einkaufszentrum mit grellbunter Leuchtreklame. Keiner fragte mehr nach seiner Meinung, kein Anruf, keine Versammlung. Zum letzten Mal wurde er vor über zehn Jahren zum Werksjubiläum eingeladen – danach war Schluss mit Werk und Jubiläen. Als er bemerkte, wie er wieder seine „früher“-Erinnerungen durchkaute, wie in einem endlosen Gang, zwang er sich, auf die Zettel an der Glasscheibe der Haltestelle zu schauen. Englischkurse, Waschmaschinenreparatur, Lagerhelfer gesucht. Vielleicht hätte dort auch mal sein Name stehen können, hätte er sich getraut, Nachhilfe im Drehen anzubieten. Aber wer braucht das noch, wo inzwischen alles computergesteuert läuft. Hinter ihm schlug die Tür der Haltestelle zu, jemand trat neben ihn, atmete schwer aus; kalte Luft und ein Hauch von Apothekengeruch lagen in der Luft. — Entschuldigen Sie, ist die 32 schon gefahren? — fragte eine leicht heisere Männerstimme. Peter Schneider drehte sich um. Vor ihm stand ein großer Kerl, etwa fünfunddreißig, dunkle Jacke, Mütze tief in die Stirn gezogen. Die Wangen waren vom Wind gerötet, unter den Augen Schatten, umgehängt eine schwarze Umhängetasche. Ein schüchternes Lächeln blitzte mit einer Zahnlücke auf. — Hab ich nicht gesehen, — antwortete Peter. — Stehe seit zwanzig Minuten, bisher kam nichts. — Typisch, — der Mann nickte und sah die Straße entlang. — Wie immer. Er zögerte, schien ins Wartehäuschen zurückgehen zu wollen, blieb aber stehen. Gerade als Peter sich wieder abwenden wollte, sah er an der Tasche des Mannes einen kleinen Metall-Anstecker in Form eines Drehmeißels – solche gab es früher im Werk als Auszeichnung für clevere Verbesserungsvorschläge. Da regte sich am Rand seines Bewusstseins eine vage Erinnerung. — Entschuldigen Sie… — begann der Mann, blinzelte. — Haben Sie zufällig mal im Werk gearbeitet? In der mechanischen Abteilung? Peter Schneider richtete sich ein wenig auf. — Ja, — sagte er, — ist aber lange her. Woher wissen Sie das? Der Mann lachte kurz auf. — Ich habe bei Ihnen gelernt, — sagte er. — In der Berufsschule. Praktikum in Ihrer Abteilung. 1998. Gruppe M-3. Ich war damals… — er stockte, — noch ziemlich jung, hab immer Käppi getragen. Sascha hieß ich. Der Name rutschte an seinen Platz, wie ein Teil in eine Nut. Jetzt sah Peter vor seinem inneren Auge nicht den erwachsenen Mann, sondern den dünnen Jungen mit den abstehenden Ohren und derselben Zahnlücke, der damals am Drehbank stand und alles auf seine Art machen wollte. — Sascha…Klimke? — fragte er vorsichtig. — Ja! — das Gesicht des Mannes strahlte. — Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich wiedererkennen. — Doch, — sagte Peter langsam. — Du hast damals dreimal hintereinander den Drehmeißel abgebrochen. Ich habe dich zusammengeschnauzt wie sonst was. Sascha lachte laut los. — Stimmt. Sie haben gesagt, aus mir wird nie ein ordentlicher Dreher, solange ich immer nur ans Rauchen denke. Peter spürte, wie ihm die Scham ins Gesicht stieg. Wer weiß, was er damals alles zu den Jungs gesagt hatte, im Stress mit Plänen, Fehlzeiten, Kontrollen. Die Worte kamen halt raus, bedeuteten ihm nicht viel. Und jetzt, an der Haltestelle, kamen sie ihm urplötzlich sehr schwer vor. — Na ja… — murmelte er, — was man damals eben so gesagt hat. Sascha schüttelte den Kopf. — Da täuschen Sie sich, — sagte er leise. — Das ist mir bis heute im Kopf geblieben. Nach Ihrer Standpauke habe ich zum allerersten Mal nach der Schicht freiwillig nochmal alles ausprobiert, warum mir ständig die Meißel abbrechen. Sie waren schon fast weg, erinnern Sie sich? Ich hab alleine weitergemacht, aber Sie sind nochmal zurückgekommen. Das Bild tauchte gestochen scharf auf: das Brummen der Maschinenhalle, gelbes Licht, der Geruch von Kühlmittel, nasser Betonboden. In der Umkleide waren alle schon gegangen, aber er, Peter, kam wegen der vergessenen Mappe zurück – und sah Sascha am Drehbank, wie er verbissen weiter probierte. — Ich bin zurückgekommen, — sagte Peter langsam. — Habe dir gezeigt, wie man den Vorschub richtig einstellt. Nichts Großes. Sascha sah ihn an, als könne er das kaum glauben. — Sie sind eine Stunde bei mir geblieben, — sagte er. — Bis das ganze Licht ausging. Der Schichtführer hat gemeckert, aber Sie haben gesagt: „Lass den Jungen machen. Sonst kommt er morgen wieder mit Ausschuss zurück.“ — Und das war das erste Mal, dass ich gespürt habe, dass es wirklich jemandem nicht egal ist, ob ich das hinkriege oder nicht. Peter zuckte mit den Schultern, doch innerlich bewegte es ihn. — War halt mein Job, — sagte er. — Wenn du Murks produziert hättest, hätte ich Ärger bekommen. — Mag sein, — sagte Sascha. — Aber die meisten hätten mich einfach rausgeworfen. Er blickte auf die Straße. — Danach bin ich auf der Berufsschule geblieben, — warf er beiläufig ein. — Wie meinst du das? — Ich wollte schon hinschmeißen, — erklärte Sascha. — Zu Hause nur Stress, kein Geld. Dann dachte ich, vielleicht bin ich doch nicht ganz hoffnungslos. Ich zog das Ding bis zum Abschluss durch, kam dann ins Werk — da waren Sie aber schon in einer anderen Abteilung. Ein Bus tauchte auf, aber es war nicht ihrer. Die Leute an der Haltestelle stöhnten, sahen wieder auf ihre Handys. Peter spürte ein sonderbares, warmes Gefühl in seiner Brust – gemischt mit leichter Wehmut. — Dann hat sich das Lernen ja doch gelohnt, — sagte er. — Und wie, — antwortete Sascha ernst. — Ich habe schon länger nach Ihnen gesucht. Wir haben noch manchmal über Sie gesprochen. Ich habe Ihren Namen gegoogelt, aber alles, was ich fand, waren alte Anordnungen. — Ich und das Internet, — grinste Peter. — Ich hab ein Tastenhandy. Mein Enkel lacht sich kaputt. — Mein Vater auch, — lachte Sascha. — Der will auch nichts anderes. Sie schwiegen. Der Wind ließ etwas nach, hinter ihnen nieste jemand. Peter fühlte, dass sich ein altes Groll-Gefühl in ihm verabschiedete. Es zählte offenbar wirklich, was er einst getan hatte. — Und was machen Sie jetzt? — fragte Sascha. — Arbeiten Sie noch? — Ich bin Rentner. Helfe ab und zu im Baumarkt-Lager. Nicht schwer, mehr Papierkram. — Hauptsache, nicht schwer, — nickte Sascha. — Rückenschonend. Er zögert, dann sagt er plötzlich: — Wenn Sie noch Zeit haben… Wollen Sie einen Kaffee trinken? Gleich um die Ecke ist ein gutes Café. Peter checkte die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis zum Schichtbeginn im Lager — das reichte. — Zeit hab ich, — sagte er. — Gehen wir. Der Bus kam kurz darauf. Sie stiegen ein und kämpften sich in die Mitte. Sascha hielt seine Karte an den Automaten, drehte sich um: — Ich lade Sie ein. — Nicht nötig, — winkte Peter ab, aber Sascha hatte schon bezahlt. — Sehen Sie’s als Zinsen an, — meinte er leise. Es war voll, es roch nach Gummi und Parfüm. Peter hielt sich an der Stange fest und beobachtete, wie draußen bekannte Straßen vorbeizogen. Früher fuhr er mit seinen Lehrlingen diese Wege zur Ausbildung. Heute andere Gesichter, andere Stimmen. Das Café war klein, mit großen Fenstern zum Kreuzungsbereich. Sie setzten sich an einen Fensterplatz und zogen die Jacken aus. Sascha bestellte zwei Americano und Kuchen. — Ich esse immer Süßes, wenn ich aufgeregt bin, — erklärte er. — So wie jetzt. — Ach was, — knurrte Peter, spürte aber selbst eine gewisse Anspannung. — Erzählen Sie — wie sind Sie überhaupt zum Werk gekommen? — fragte Sascha, als die Bedienung weg war. — Ich erinnere mich nur an Fetzen aus alten Gesprächen. Peter zuckte die Schultern. — Wie alle. Nach der Bundeswehr ins Werk, erst an der Maschine, dann als Meister. Bis zur Rente. Nichts Besonderes. — Klingt nicht überzeugend, — schüttelte Sascha den Kopf. — Sie hatten immer eine Ausstrahlung, als wüssten Sie alles. — Täuschung, — grinste Peter. — Ich hab am Anfang genauso alles falsch gemacht. Aber damals war der Druck anders: Fehler — Teil Ausschuss — Plan im Eimer. Da musste man auf Chef tun. Er probierte den Kaffee, das Bittere prickelte angenehm am Gaumen. Der Kuchen war zu süß, aber doch nahm er einen Bissen — erinnerte vage an früher. — Erinnern Sie sich an Ihre Jungs später? Die, die nach der Lehre im Werk blieben? — Manche, — nickte Sascha. — Mit Kolja habe ich noch Kontakt — der arbeitet auf Montage in Bayern. Jens ist nach Hamburg gegangen. Viele sind über Deutschland verteilt. Aber alle, die im Beruf geblieben sind, sprechen oft von Ihnen. Peter hob erstaunt die Brauen. — Warum das? — Sie haben uns nicht einfach als billige Arbeitskräfte gesehen, — sagte Sascha. — Sie haben uns behandelt wie Menschen. Wissen Sie noch, wie Sie uns damals zum alten Fräser geschickt haben, obwohl der schon gezittert hat? — André Weiß? — überlegte Peter. — Der hatte einen Blick wie ein Messschieber — hat am Geräusch erkannt, ob ein Lager am Sterben war. — Genau! Sie sagten: „Lernt von ihm, solange er da ist. Bücher laufen nicht weg.“ — Das habe ich nie vergessen. Wenn unsere Alten heute gehen, zeige ich sie den Jungen auch erst noch. Er grinste. — Ich muss mich oft dabei ertappen, wie ich Ihren Tonfall nachmache, — gab er zu. — Besonders beim Schimpfen. — Mein Ton…das war oft ruppig, — verzog Peter das Gesicht. — Frag mich manchmal selbst, wie ihr das ausgehalten habt. — Wir wussten, dass Ihnen was an uns lag, — sagte Sascha ruhig. — Sie haben immer geholfen. Ich erinnere mich genau, wie Sie mir die Hand am Vorschub geführt haben. Mein Vater war damals im Krankenhaus, ich war die ganze Zeit nervös. Sie haben das nicht angesprochen, aber einfach gesagt: „Ruhig, lass dir Zeit. Das Teil rennt dir nicht weg.“ Das hat geholfen, auch später. Peter sah hinaus. Draußen liefen eilige Menschen vorbei. Er suchte die Erinnerung mit Saschas Vater, aber sie blieb blass. Für ihn war es nur einer von hunderten Tagen gewesen, an denen er Hände, Vorschub oder Winkel korrigierte. — Ich wusste nicht, dass dein Vater krank war, — sagte er leise. — Ich hab’s keinem gesagt, — winkte Sascha ab. — War mir peinlich. Aber wichtig war was anderes: Sie waren der erste Erwachsene, der mich nicht bemitleidet und nicht fertiggemacht hat. Sie behandelten mich wie einen ganz normalen Menschen. Das war… viel wert. Er schwieg, tat beschäftigt mit dem Kuchen. Peter spürte einen Kloß im Hals. Er dachte an den erfahrenen Schrauber, der ihm mal gesagt hatte: „Hab keine Angst vor der Maschine, sondern vor deiner eigenen Faulheit.“ Damals nur ein Satz, aber geblieben fürs Leben. — Dann war’s ja nicht umsonst, dass ich dich gescheucht habe, — versuchte Peter zu witzeln. — Überhaupt nicht umsonst, — wiederholte Sascha ernst. — Ich habe jetzt zwölf Leute in meiner Abteilung. Drei sind direkt nach der Lehre gekommen. Wenn man die laufen lässt, landen sie in der Paketlieferung oder irgendwo im Lager. Aber schon nach kurzer Unterstützung machen sie viel mehr draus. Und manchmal frage ich mich: woher weiß ich das — und dann denke ich an Sie. Er lächelte, und in seinen Augen glomm etwas Warmes. — Sie hätten mich auch rausschmeißen können, — fügte er hinzu. — Erinnern Sie sich, wie ich eine Woche Praktikum geschwänzt habe, weil ich am Markt jobben musste? Der Berufsschulmeister wollte mich schon von der Liste streichen lassen. Sie aber haben gesagt, ich soll Nacharbeit machen und dass Sie mich selbst rausschmeißen würden, wenn noch mal was vorfällt. Ein Bild zuckte auf: das Meisterbüro, rauchgeschwängerte Luft, Sascha mit gesenktem Blick, der Meister wutrot, Peter besonnen. Ja, das war so. — Ich erinnere mich, — sagte er. — Du warst damals stinkig auf mich. — Klar, — schmunzelte Sascha. — Aber im Nachhinein war das meine Rettung. Er stellte seine Kaffeetasse ab und sah Peter direkt an. — Ich wollte Ihnen das immer mal sagen, — sagte er. — Danke. Nicht fürs Retten. Sondern dafür, dass Sie damals Ihre Arbeit ehrlich gemacht haben. Das bringt viel mehr, als man denkt. Die Worte standen im Raum, einfach und klar. Peter fühlte, wie in ihm etwas klickte, wie bei einer gut geölten Maschine. Auf einmal sah er sein Leben nicht mehr als Kette von Schichten und Formularen, sondern als eine Reihe von Menschen, die durch ihn gegangen waren. Jemand war geblieben, hier saß er vor ihm, mit ehrlicher Dankbarkeit im Blick. — Wie viel schulde ich dir für den Kaffee? — fragte Peter, um nicht zu weich zu werden. — Nichts, — winkte Sascha ab. — Eigentlich schulde ich Ihnen. Sie saßen noch ein bisschen und sprachen über Maschinen, neue und alte Zeiten. Sascha erzählte vom eigenen Team, darüber, wie schwer es die Jugend heute mit Verantwortung hat. Peter bemerkte, wie er sich wieder beim Ratschlägegeben ertappte. Als sie das Café verließen, rieselte feiner Schnee. Die Straße glitzerte, die Menschen hasteten mit hochgezogenen Schals. — Ich bring Sie noch, — bot Sascha an. — Liegt auf dem Weg. Sie schlenderten nebeneinander, hielten an Zebrastreifen, erzählten von Saschas Sohn, der lieber baut als rechnet, und von Peters Enkel vor dem Tablet. — Bring den mal zu mir, — sagte Peter plötzlich. — Ich zeig ihm, wie man einen Meißel richtig schärft. In der Küche auf dem alten Schleifstein. Wenn er Lust hat. Sascha grinste. — Unbedingt, — sagte er. — Geben Sie mir Ihre Adresse. Am Baumarkt blieben sie stehen. Die große Leuchtreklame, Glasfront, Einkaufswagen — Peter fühlte sich hier immer ein bisschen fremd. — Hier ist mein Arbeitsplatz, — sagte er. — Von hier aus musst du vermutlich in die andere Richtung. — Stimmt, aber… Darf ich Sie mal ab und zu anrufen? Nur so, oder wenn es im Team mal Stress gibt? — Klar, — sagte Peter überrascht, wie leicht es ihm fiel. — Nur abends nicht, da hat mein Enkel Fernsehen. Sie tauschten Nummern aus. Sascha tippte „Peter Schneider Werk“ ins Handy, zeigte ihm das Display. — Alles richtig, — nickte Peter. Der Händedruck war fest und warm. Für einen Moment war Peter nicht mehr der alte Sack am Lagereingang, sondern wieder der Meister, der seinen Jungen zur Schicht gehen lässt. — Danke nochmal, für alles, — sagte Sascha. — Geh schon, — winkte Peter ab. — Sonst kommst du zu spät. Sascha lief los, bog am Ende der Straße ab, winkte noch ein letztes Mal. Peter sah ihm hinterher, bis er verschwunden war. Im Inneren war es ruhig – kein Groll, keine ewige Traurigkeit, dass die eigene Zeit vorbei ist. Da war nur noch eine angenehme Wärme – wie nach einem gut erledigten Auftrag. Er trat hinein, grüßte die junge Kollegin am Empfang, lief an Regalen mit Bohrmaschinen und Werkzeugen vorbei. Ein paar alte Feilen lagen im Eck; er blieb hängen wie bei alten Bekannten. In der Umkleide zog er die Arbeitsjacke an, holte seine alte Mappe hervor. In einem Seitenfach eine angegilbte Fotografie: Werkhalle, Maschinen, junge Kerle in Blaumann, er mittendrin, damals noch mit Haaren. Er betrachtete die Gesichter, fand auch den Jungen mit Kappe und Zahnlücke – Sascha. Dreist, wachsam. — Gefunden, — murmelte er leise. Das Foto zitterte nicht vor Schwäche in der Hand, sondern weil das Herz plötzlich leichter war. Er steckte es zurück zu seinem Notizheft mit alten Formeln und Namen der Lehrlinge. Bevor er den Spind schloss, legte er die Stirn an das kalte Metall. Keine Bruchstücke alter Verbitterung mehr. Nur Gesichter, Stimmen, Lachen – und die ruhige Gewissheit: Seine Arbeit hat Spuren hinterlassen, lebt weiter – selbst, wenn die Maschinen heute Computer sind. Er richtete sich auf, straffte die Jacke und ging in den Markt, wo Papiere und Kisten warteten. Unterwegs blieb er bei einem Set Feilen stehen. — Möchten Sie kaufen? — fragte der Verkäufer. — Später, — sagte Peter. — Ich überlege noch. Aber im Kopf hatte er längst beschlossen: Am Abend holt er den alten Schleifstein in der Küche vor, bürstet ihn ab, prüft das Kabel — und zeigt dem Enkel, wie Eisen sich formen lässt, wenn die Hand ruhig und sicher bleibt. Nicht, um einen Dreher aus ihm zu machen, sondern damit etwas weitergeht, was einst erlernt und weitergegeben wurde. Und diese Aussicht wärmte mehr als jeder Tee. Mit einem Lächeln schlenderte er weiter zwischen den Regalen, der Schritt leicht wie lange nicht mehr.

Der Schüler an der Haltestelle

Der Bus ließ auf sich warten, während der Wind eisig von der Elbe heraufzog und sich unter den Schal von Karl-Heinz drängte. Rastlos wechselte er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, griff in die Manteltasche, um sicherzugehen, dass das Monatsticket noch da war, und blickte erneut die Straße entlang. Laut Fahrplan hätte der Bus längst da sein müssen. Auf der Anzeigetafel blinkte jedoch nur die Uhrzeit und eine endlose Werbelaufzeile. Die Menschen um ihn herum zogen ihre Schals fester, schimpften vor sich hin oder vertieften sich stumm in ihre Handys.

Er stand etwas abseits vom Wartehäuschen, um nicht das laute Diskutieren über Preise und Politik hinter seinem Rücken zu hören. Die Finger schmerzten trotz der Handschuhe, der Rücken zog. Am Morgen hatte er seine Enkelin Greta in die Kita gebracht, war in der Arztpraxis gewesen, um Rezepte abzuholen, und nun fuhr er zum Baumarkt, wo er gelegentlich im Lager aushalf. Das tat er weniger des Geldes wegen seine Rente, die aus den Beträgen der Deutschen Rentenversicherung kam, reichte zum Leben. Es war eher der Wunsch, nicht allein zu Hause zu versauern, der ihn nach draußen zog. Die Leere des Tages wog schwerer als ein knapper Geldbeutel.

Einst war Karl-Heinz pünktlich um sechs im Betrieb, verließ die Werkshalle häufig erst im Dunkeln. Er war Vorarbeiter in der mechanischen Fertigung gewesen, verantwortlich für Maschinen, Menschen, das Erreichen der Planzahlen. Damals schien es, als würde ohne ihn alles zusammenbrechen. Nun war der Betrieb Geschichte; an Stelle der alten Hallen prangte ein buntes Einkaufszentrum. Niemand fragte ihn noch nach Rat, keiner rief oder lud ihn zu Versammlungen ein. Beim letzten Werksjubiläum war er vor über zehn Jahren dabei dann gab es weder Betrieb noch Jubiläen.

Er ertappte sich, wie er zum wiederholten Mal an diesen Früher-Gedanken festhing, als drehe er sich im Kreis durch denselben Flur seines Lebens. Er verzog das Gesicht und versuchte, sich abzulenken, indem er die Zettel am Haltestellenfenster studierte: Englischkurse, Waschmaschinenreparatur, Umzugshilfe. Vielleicht hätte auch sein Name dort hängen können, falls er sich getraut hätte, private Dreherkurse anzubieten. Doch wen interessierte das noch im Zeitalter von CNC-Maschinen?

Hinter ihm schlug die Tür des Häuschens, ein Mann trat mit schwerem Seufzen heraus und stellte sich neben ihn. Es roch nach Kälte und irgendwie nach Apotheke.

Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob die 32 schon vorbei ist? krächzte der Mann.

Karl-Heinz wandte den Kopf. Vor ihm stand ein hochgewachsener Kerl, vielleicht Mitte dreißig, mit dunkler Jacke, tief ins Gesicht gezogener Mütze, wettergegerbten Wangen und müden Augen. Über seine Schulter hing eine schwarze Umhängetasche. Ein schüchterndes Grinsen offenbarte eine Zahnlücke.

Habe ich nicht gesehen, antwortete Karl-Heinz. Ich warte seit zwanzig Minuten, es kam alles andere.

Klassisch, der Mann seufzte erneut, richtete den Blick gen Straße. Wie immer eben.

Er schien überlegt zu haben, wieder ins Wartehäuschen zu gehen, blieb aber doch stehen. Karl-Heinz wollte sich gerade wegdrehen, da fiel ihm an der Tasche des anderen ein kleiner Metall-Anstecker in Form eines Drehmeißels auf. Solche hatte man früher im Betrieb für neue Ideen verliehen. Eine alte Erinnerung regte sich, ein Name blieb jedoch noch im Nebel.

Verzeihung, aber, begann der Mann, die Augen zusammenkneifend. Waren Sie zufällig früher im Werk? In der Mechanik?

Karl-Heinz richtete sich ein wenig auf.

War ich, erwiderte er nach einer Pause. Schon eine Weile her. Dann schaute er genauer in das Gesicht des Mannes, in dessen helle, aufmerksame Augen. Woher wissen Sie das?

Ein kurzes Lachen.

Ich habe bei Ihnen gelernt, sagte der andere. In der Berufsschule. Praktikum bei Ihnen im Bereich. 1998. Gruppe M-3. Ich war da noch ziemlich grün, immer mit der käseweißen Schirmmütze unterwegs. Sascha nannten sie mich.

Der Name klickte in seinem Kopf ein, wie das Werkstück in die Vorrichtung. Karl-Heinz sah kurz nicht diesen erwachsenen Mann, sondern einen schlaksigen Jungen in abgewetzter Jacke, abstehenden Ohren und mit genau jener Zahnlücke als Markenzeichen. Der Junge, der damals den Meißel immer falsch angesetzt hatte und stur seinen eigenen Weg ging.

Sascha Klimt? fragte Karl-Heinz vorsichtig.

Ja, richtig! Das Gesicht des Mannes war ein einziges Strahlen. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich wiedererkennen.

Doch, sagte Karl-Heinz langsam. Du warst derjenige, der drei Mal hintereinander das Werkzeug abgebrochen hat. Ich habe dich damals zusammengestaucht.

Sascha lachte schallend.

Stimmt! Sie haben gesagt, aus mir würde nie ein vernünftiger Dreher werden, wenn ich nur ans Rauchen denke.

Karl-Heinz spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Was hatte er damals bloß immer rausgehauen, wenn er angespannt war, wegen des Tagesplans, der Kontrollen. Die Worte purzelten einfach so heraus, ohne dass er sie gewogen hätte. Jetzt, im eisigen Wind an der Haltestelle, wurde ihm für jeden schroffen Satz unangenehm zumute.

Na ja, murmelte er, man sagt so manches

Sascha schüttelte den Kopf.

Unterschätzen Sie das nicht, sagte er mit ernsterer Stimme. Das hat sich mir eingebrannt. Nach Ihren Worten bin ich das erste Mal freiwillig länger geblieben, um zu kapieren, warum mein Werkzeug dauernd fliegt. Sie waren schon auf dem Weg nach Hause, erinnern Sie sich? Da stand ich allein am Maschinchen. Aber Sie kamen noch mal zurück.

Die Szene tauchte plötzlich glasklar in ihm auf: der Lärm der Halle, das gelbe Licht, der Geruch von Kühlschmierstoff, Späne auf dem Boden. Schon klapperten die Spinde in der Umkleide, als er Karl-Heinz wegen der vergessenen Aktentasche zurückging und Sascha immer noch an der Maschine tüfteln sah.

Ich kam zurück, klar, sagte er nachdenklich. Habe dir gezeigt, wie du den Vorschub richtig einstellst. Nichts Besonderes.

Sascha sah ihn an, als wolle er widersprechen.

Sie haben mir nicht nur gezeigt, wie’s geht, sagte er. Sie sind eine ganze Stunde dabeigeblieben. Bis das Licht ausging. Wissen Sie noch, wie der Schichtmeister reinkam und meckerte, wieso wir noch da sind? Und Sie meinten: ‘Lass den Jungen, sonst kommt er morgen wieder mit Ausschuss.’ Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass es jemandem nicht egal war, ob ich’s packe oder nicht.

Karl-Heinz zuckte mit den Schultern, innerlich bewegt.

War halt mein Job, meinte er schlicht. Hättest du Mist gemacht, hätte ich büßen dürfen.

Schon, aber Sie hätten mich auch einfach rauswerfen können. Wie andere das gemacht haben.

Sascha blickte wieder zur Straße.

Wegen jenem Abend bin ich nicht von der Berufsschule abgegangen, setzte er hinzu, eher flüchtig, als wolle er nicht auf Einzelheiten eingehen.

Wie meinst du das? fragte Karl-Heinz verwundert.

Ich wollte damals eigentlich hinschmeißen wollte im Lager arbeiten gehen. Schule lief mies, Streit zu Hause, kein Geld. Aber nachdem Sie sich Zeit für mich genommen haben, dachte ich, vielleicht ist es doch nicht Hoffnungslos. Hab durchgezogen, zu Ende gemacht, und bin dann in den Betrieb. Sie waren da schon in einer anderen Abteilung, wir sahen uns kaum noch.

Der Wind wurde stärker, trieb Papier über die Straße. Karl-Heinz versuchte, im erwachsenen Sascha wieder den Jugendlichen von damals zu entdecken.

Warst du bis zum Schluss im Betrieb? fragte er.

Bis zur Schließung, sagte Sascha. Dann bin ich zu einer kleinen Firma gewechselt. Wir stellen jetzt Teile für Medizintechnik her, ein netter Familienbetrieb, überschaubar, aber stabil. Ich leite den Bereich.

Sascha fügte schüchtern hinzu: Die Jungs sind jung, haben CAD und Computer im Griff. Ich zeig’ ihnen trotzdem noch alles per Hand. Wie Sie uns damals. Erst lachen sie, dann merken sie, dass’s mit den Händen oft schneller geht.

Ein Bus tauchte am Horizont auf nicht der ihre , die Menschen seufzten, vertieften sich wieder in ihre Geräte. Karl-Heinz spürte eine seltsame Wärme in der Brust, durchzogen von Wehmut.

Dann hat sich die Ausbildung doch gelohnt, sagte er trocken.

Mehr, als man denkt, erwiderte Sascha ernst. Ich habe Sie oft gesucht, wir haben Sie neulich im Kollegenkreis erwähnt. Ich hab sogar im Internet gesucht, aber da waren bloß alte Betriebsanweisungen.

Internet ist nicht meine Welt, brummte Karl-Heinz. Hab noch ein Tastenhandy. Meine Enkelin lacht immer.

So einen hat mein Vater auch, sagte Sascha. Will sich nicht von trennen.

Beide schwiegen. Der Wind war abgeflaut, irgendwo nieselte ein Niesen. Karl-Heinz spürte, wie der altgewordene Ärger der letzten Jahre, das Gefühl, überflüssig geworden zu sein, in den Hintergrund trat. Es gab da draußen tatsächlich Menschen, denen seine Arbeit etwas bedeutete.

Und wo sind Sie jetzt? Noch am Arbeiten? fragte Sascha.

Bin in Rente, erwiderte Karl-Heinz. Hilf’ nur ab und zu im Baumarkt, gleich bei der nächsten Haltestelle. Groß was Schleppen muss ich nicht mehr. Meist ists Papierkram.

Vernünftig, verschone deinen Rücken, nickte Sascha. Dann, nach kurzem Zögern:
Wollen wir vielleicht noch einen Kaffee trinken gehen, wenn Sie Zeit haben? Das Café drüben ist ganz nett, ich müsste zwar eigentlich weiter, aber das kann warten.

Zufällig hatte Karl-Heinz noch anderthalb Stunden bis zur nächsten Schicht. Er konnte es ruhig angehen lassen.

Zeit hab ich, sagte er. Komm, wir gehen.

Wenige Minuten später kam ihr Bus. Beide stiegen ein, kämpften sich bis in die Mitte. Sascha zog seine Karte durch den Entwerter, drehte sich um:
Ich zahl für Sie.

Nicht nötig, winkte Karl-Heinz ab, aber Sascha tat es dennoch.

Sehen Sies als Zinsen, murmelte er.

Im Bus war es eng, es roch nach Gummi und Parfüm. Karl-Heinz hielt sich fest und schaute hinaus auf vertraute Straßen. Früher waren hier seine Lehrlinge auf dem Weg zur Praxis unterwegs gewesen, heute war alles anders fremde Gesichter, fremde Stimmen.

Das Café war klein, die Fenster gaben den Blick auf eine belebte Kreuzung frei. Drinnen war es warm, leise spielte Musik. Sie setzten sich ans Fenster. Sascha bestellte zwei Americano und Schwarzwälder Kirschtorte.

Ich esse Süßes, wenn ich nervös bin, erklärte er. Ist heute seltsam aufregend.

Kein Grund für Aufregung, brummte Karl-Heinz, spürte aber selbst so etwas wie Spannung. Einen Schüler nach so langer Zeit zu treffen, war wie in ein altes Notizbuch zu schauen, in dem jemand neue Zeilen geschrieben hatte.

Erzählen Sie mal, sagte Sascha, als die Bedienung gegangen war. Wie sind Sie eigentlich damals ins Werk gekommen? Ich erinnere mich nur an Bruchstücke aus Erzählungen.

Karl-Heinz zuckte mit den Schultern. Wie alle eben. Nach der Bundeswehr ins Lehrwerk, dann an die Maschine, später Meister geworden. Bis zur Rente. Nicht besonders spannend.

Ich glaube Ihnen kein Wort, lachte Sascha. Sie hatten immer alles im Griff.

Das war nur Fassade, grinste Karl-Heinz. Auch ich hab am Anfang Werkzeuge abgebrochen. Wir hatten nun mal härtere Bedingungen. Fehler bedeutete Ausschuss, Plan nicht erfüllt, Ärger beim Chef. Oben der Chef, unten die Kollegen. Da blieb nur: so tun, als hätte man alles im Griff.

Er probierte den Kaffee. Die angenehme Bitterkeit tat gut. Die Torte war fast zu süß, aber er nahm dennoch ein Stück. Die Marmelade darin erinnerte ihn an Kindertage.

Erinnern Sie sich an Ihre Lehrlinge? Die, die nachher im Werk gelandet sind?

Einige schon, nickte Sascha. Mit Holger schreibe ich noch, der sitzt mittlerweile auf Montage in Bayern. Jens zog nach Österreich, arbeitet da an Maschinen. Die halbe Gruppe ist fort. Aber die, die im Beruf geblieben sind, sprechen von Ihnen.

Karl-Heinz hob erstaunt die Augenbrauen.

Wieso das?

Sie haben uns zu Menschen gemacht, nicht nur zu Drehern, sagte Sascha. Wissen Sie noch, wie wir zu Herrn Bauer, dem alten Fräser, mussten? Obwohl dem schon die Hände zitterten.

Ah, dem Otto, nickte Karl-Heinz. Der konnte am Klang erkennen, wann ein Lager den Geist aufgab.

Genau. Sie sagten immer: ‘Lernt von dem Alten, Bücher können warten.’ Das habe ich verinnerlicht. Wenn meine alten Kollegen heute gehen, stelle ich sicher, dass die Jungen zuschauen.

Sascha lächelte schief. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Ihren Tonfall anschlage besonders, wenn ich schimpfe.

Ach, verschon sie damit, verzog Karl-Heinz das Gesicht. In der Zeit war ich manchmal schroff. Heute frage ich mich, wie ihr mich ausgehalten habt.

Wir wussten, dass Sie sich sorgen das hat man gespürt. Sie haben nie nur gemeckert, sondern kamen immer wieder, haben geholfen. Ich erinnere mich, wie Sie mir die Hand am Vorschub führten. Damals lag mein Vater im Krankenhaus. Ich war völlig aufgewühlt. Sie fragten nichts, blieben einfach da, meinten: ‘Ganz ruhig. Nicht hetzen. Das Werkstück läuft dir nicht weg.’ Das hatte Eindruck.

Karl-Heinz blickte aus dem Fenster. Die Passanten hasteten vorbei, Autos hielten am roten Licht. An den Tag mit Saschas Vater erinnerte er sich nicht mehr richtig für ihn war es nur einer von unzähligen Arbeitstagen.

Ich wusste nicht, dass dein Vater krank war, sagte er leise.

Ich habe es niemandem gesagt, es war mir peinlich. Mein Vater war arbeitslos, die Gesundheit fraß ihn auf. Aber darum geht’s nicht. Sie waren der erste Erwachsene, der mich nicht bemitleidete oder fallen ließ. Sie haben mich wie einen normalen Menschen behandelt. Das hat mir viel gegeben.

Sascha machte eine Pause, vertiefte sich scheinbar in Torte. Karl-Heinz erinnerte sich daran, wie er sich früher nach einem gutem Vorbild gesehnt hatte. Er erinnerte sich daran, wie der alte Karl damals zu ihm gesagt hatte: Hab keine Angst vor der Maschine, nur vor deiner eigenen Bequemlichkeit. Erst später begriff er, wie bleibend solche Worte sind.

Also habe ich dich doch nicht umsonst gescheucht, versuchte Karl-Heinz zu scherzen.

Im Gegenteil, sagte Sascha mit Nachdruck. Ich habe jetzt zwölf Leute unter mir. Drei davon sind gerade aus der Berufsschule. Wenn ich sie einfach lasse, packen sie in vier Wochen Pakete im Versand. Aber wenn ich sie ein bisschen fordere, etwas an die Hand nehme, dann machen sie lieber weiter und werden vielleicht selbst ein Vorbild für andere. Oft frage ich mich, woher ich das habe dann denke ich an Sie.

Sascha lachte, seine Augen blitzen freundlich. Sie hätten mich damals rausschmeißen können. Erinnern Sie sich noch? Ich habe eine Woche gefehlt, weil ich am Großmarkt aushelfen musste. Der Meister war schon bereit, mich rauszuwerfen. Sie sagten: ‘Geben wir ihm noch eine Chance.’ Danach habe ich Samstagsdienste geschoben, Extra-Schichten gemacht heute bin ich froh darüber.

Das Bild kam Karl-Heinz zurück: Der Meister, die Rauchschwaden, der bockig schweigende Junge mit gesenktem Blick. Karl-Heinz hatte damals gesagt: Wir warten noch mit der Abmeldung. Er bekommt eine Auflage. Und dann hatte er Sascha zu zusätzlichen Aufgaben verdonnert.

Stimmt, das weiß ich noch. Du warst sauer auf mich.

Und wie! Aber dann merkte ich, dass Sie nicht gegen, sondern für mich waren. Sonst weiß ich nicht, wo ich heute wäre.

Sascha stellte die leere Tasse ab, sah Karl-Heinz offen an.

Ich wollte Ihnen das schon lange sagen, sagte er ruhig. Nicht, weil Sie mich gerettet haben das habe ich schon selbst gemacht. Aber weil Sie ihren Job ehrlich gemacht haben. Es klingt wenig, aber es war sehr viel.

Die Worte klangen schlicht und aufrichtig. Karl-Heinz fühlte, wie etwas in ihm nachgab, als wäre in einer alten Maschine ein gut geöltes Gewinde eingerastet. Plötzlich sah er sein Leben nicht mehr als Folge von Schichten, sondern als Kette von Menschen, die durch ihn gegangen waren. Die meisten waren fort, aber vor ihm saß einer, dessen Blick Dank ausstrahlte.

Na, sag mal, wehrte er albern ab, was schulde ich dir für den Kaffee?

Nichts, lachte Sascha. Ich schulde noch viel mehr.

Sie redeten noch eine Weile, tauschten Anekdoten aus, sprachen über Maschinen, über den Abriss der alten Werkhallen, über die Angst der Jungen vor Verantwortung. Karl-Heinz gab erneut Ratschläge: Dienste einteilen, fordern, nicht klein machen.

Als sie das Café verließen, rieselte feiner Schnee. Die Straßen glänzten, die Menschen beeilten sich. Bis zum Baumarkt waren es zehn Minuten zu Fuß, aber Karl-Heinz ließ sich Zeit.

Ich begleite Sie noch, sagte Sascha. Mein Weg geht in dieselbe Richtung.

Sie gingen nebeneinander, hielten ab und zu an den Ampeln. Sascha erzählte von seinem Sohn, der gern mit Baukästen bastelte, aber Mathematik nicht ausstehen konnte. Karl-Heinz dachte an Greta, die pausenlos Trickfilme auf dem Tablet schaute.

Bring ihn mal mit, sagte Karl-Heinz, und es überraschte ihn selbst. Ich zeig ihm, wie man den Meißel schleift. Auf meinem alten Schleifstein in der Küche. Soll er mal echtes Eisen sehen. Nur, wenn er will.

Sascha lachte.

Versprochen! Geben Sie mir Ihre Adresse.

Am Baumarkt angekommen, mit den großen Schildern und der Glasfront, blieb Karl-Heinz stehen. Er fühlte sich in dieser Welt der Sonderangebote noch immer ein Fremdkörper.

Hier bin ich, sagte er. Dein Weg geht wohl woanders hin.

Ja, aber könnte ich Sie manchmal anrufen? Einfach so. Oder wenn ich einen Rat brauche für meine Leute?

Natürlich nur nicht am Abend, dann läuft bei uns der Großeltern-Fernsehzirkus.

Sie tauschten Nummern. Sascha speicherte ihn als Karl-Heinz Werkmeister ab und zeigte ihm den Eintrag.

Stimmt so, nickte Karl-Heinz.

Sie gaben sich die Hand ein kräftiger, warmer Händedruck. Für einen Moment fühlte Karl-Heinz sich nicht wie ein Rentner an der Ladentür, sondern wie der alte Meister, der einen Schützling in die Selbstständigkeit entlässt.

Danke, für alles, sagte Sascha.

Mach hinne, du kommst noch zu spät, winkte Karl-Heinz.

Sascha drehte sich um, ging gegen den Wind fort, hob noch einmal die Hand. Karl-Heinz erwiderte den Gruß und sah ihm lange nach, bis er hinter der Ecke verschwunden war.

Es war ruhig in ihm selbst. Keinerlei Gram, kein nagendes Gefühl, zu spät gekommen zu sein. Stattdessen strömte ein beständiges, zufriedenes Gefühl durch ihn wie nach getaner Arbeit, wenn das Werkstück endlich präzise sitzt und man die Maschine ausschaltet.

Drinnen begrüßte er die junge Verkäuferin am Empfang, schlenderte an Regalen vorbei: neue Akkuschrauber, Bohrmaschinen, Wasserwaagen. In einer Ecke lagen ein paar klassische Handhobel, ein wenig eingestaubt. Einen Moment blieb er stehen, schaute sie an, als sähe er alte Freunde.

In der Umkleide zog er die Arbeitsjacke an, griff nach seinem alten, abgewetzten Aktenkoffer. Darin, gut versteckt, lag ein vergilbtes Foto: Werkhalle, Maschinen, junge Burschen im Blaumann, er mittendrin, noch mit vollem Haar. Früher hatte er die Aufnahme selten angeschaut heute suchten seine Finger das Papier fast von selbst.

Er setzte sich auf die Bank, drehte das Foto. Die Gesichter waren ein wenig verblasst, aber einige erkannte er den, der nach Hamburg gegangen war, den mit den Sommersprossen. Irgendwo darunter auch Sascha, damals noch ganz unauffällig.

Mit dem Finger fuhr er durch die Reihe, blieb hängen, schaute genau hin: Da war der Junge mit der Mütze und der berüchtigten Lücke im Gebiss. Frech grinsend, skeptische Augen.

Ja, dich hab ich wieder gefunden, flüsterte er.

Das Foto zitterte ein wenig, aber nicht aus Schwäche. Es war, als werde es heller in seiner Brust. Er steckte es sorgsam zurück, neben das alte Notizheft mit handgeschriebenen Formeln und Namen aus Werkzeiten.

Als er das Schließfach schloss, verweilte seine Stirn einen Moment am kühlen Metall. Keine Grollfragmente mehr im Kopf stattdessen tauchten Stimmen, Gesichter, Lachen aus der Werkhalle auf. Die leise Gewissheit: Seine Arbeit ist nicht spurlos entschwunden. Sie lebt weiter in anderen Händen, in fremden Worten, egal ob am Computer oder an der alten Maschine.

Er richtete sich auf, zog die Jacke zurecht und ging in den Markt, wo Lieferscheine und Kisten warteten. Vorbei an der Werkzeugabteilung hielt er kurz inne, nahm ein feines Feilen-Set in die Hand und ließ es abwägend kreisen.

Wollen Sie das mitnehmen? fragte der Verkäufer.

Vielleicht später, entgegnete Karl-Heinz. Ich überlege es mir noch.

In Gedanken hatte er aber schon einen Plan. Am Abend, wenn Greta kam, würde er den alten Schleifstein vom Balkon holen, säubern, kontrollieren. Ihr zeigen, wie Metall sich dem sicheren Griff beugt. Nicht, um aus ihr eine Dreherin zu machen sondern um weiterzugeben, was einst ihm und dann seinen Schülern übertragen wurde.

Und bei diesem Gedanken wurde ihm wärmer zu Mute als von jedem Tee. Mit leisem Lächeln schlenderte er durch die Regale weiter und sein Schritt war ein wenig leichter als noch am Morgen.

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Der Schüler an der Bushaltestelle Der Bus ließ auf sich warten, während ein eisiger Wind von der Spree über das Gesicht peitschte und unter den Kragen kroch. Peter Schneider trat von einem Fuß auf den anderen, tastete in seiner Jackentasche nach der Monatskarte und blickte erneut erwartungsvoll die Straße entlang. Laut Fahrplan hätte der Bus schon da sein sollen, doch auf der Anzeigetafel blinkten nur Uhrzeit und Werbesprüche. Die Wartenden zogen ihre Schals höher über die Nasen, einige schimpften leise, andere starrten stumm aufs Handy. Er stand etwas abseits vom überdachten Haltestellenhäuschen, um die lauten Diskussionen über Preise und Politik hinter sich nicht hören zu müssen. Die Finger schmerzten in den Handschuhen, der Rücken meldete sich. Am Morgen hatte er den Enkel in die Kita gebracht, war in der Arztpraxis, um Rezepte zu holen, und fuhr jetzt zum Bau- und Heimwerkermarkt, wo er manchmal im Lager aushalf. Das war nicht wegen des Geldes – die Rente reichte schon –, eher um nicht zu Hause einzurosten. Leere Tage wogen schwerer als der Mangel an Euro. Früher kam er jeden Morgen um sieben zum Werk und ging erst spät in der Dunkelheit nach Hause. Meister in der Maschinenbearbeitung, verantwortlich für Maschinen, Leute, den Zeitplan. Damals dachte er, ohne ihn würde der ganze Betrieb stillstehen. Nun gab es die Werkhallen nicht mehr; auf ihrem Platz entstand ein Einkaufszentrum mit grellbunter Leuchtreklame. Keiner fragte mehr nach seiner Meinung, kein Anruf, keine Versammlung. Zum letzten Mal wurde er vor über zehn Jahren zum Werksjubiläum eingeladen – danach war Schluss mit Werk und Jubiläen. Als er bemerkte, wie er wieder seine „früher“-Erinnerungen durchkaute, wie in einem endlosen Gang, zwang er sich, auf die Zettel an der Glasscheibe der Haltestelle zu schauen. Englischkurse, Waschmaschinenreparatur, Lagerhelfer gesucht. Vielleicht hätte dort auch mal sein Name stehen können, hätte er sich getraut, Nachhilfe im Drehen anzubieten. Aber wer braucht das noch, wo inzwischen alles computergesteuert läuft. Hinter ihm schlug die Tür der Haltestelle zu, jemand trat neben ihn, atmete schwer aus; kalte Luft und ein Hauch von Apothekengeruch lagen in der Luft. — Entschuldigen Sie, ist die 32 schon gefahren? — fragte eine leicht heisere Männerstimme. Peter Schneider drehte sich um. Vor ihm stand ein großer Kerl, etwa fünfunddreißig, dunkle Jacke, Mütze tief in die Stirn gezogen. Die Wangen waren vom Wind gerötet, unter den Augen Schatten, umgehängt eine schwarze Umhängetasche. Ein schüchternes Lächeln blitzte mit einer Zahnlücke auf. — Hab ich nicht gesehen, — antwortete Peter. — Stehe seit zwanzig Minuten, bisher kam nichts. — Typisch, — der Mann nickte und sah die Straße entlang. — Wie immer. Er zögerte, schien ins Wartehäuschen zurückgehen zu wollen, blieb aber stehen. Gerade als Peter sich wieder abwenden wollte, sah er an der Tasche des Mannes einen kleinen Metall-Anstecker in Form eines Drehmeißels – solche gab es früher im Werk als Auszeichnung für clevere Verbesserungsvorschläge. Da regte sich am Rand seines Bewusstseins eine vage Erinnerung. — Entschuldigen Sie… — begann der Mann, blinzelte. — Haben Sie zufällig mal im Werk gearbeitet? In der mechanischen Abteilung? Peter Schneider richtete sich ein wenig auf. — Ja, — sagte er, — ist aber lange her. Woher wissen Sie das? Der Mann lachte kurz auf. — Ich habe bei Ihnen gelernt, — sagte er. — In der Berufsschule. Praktikum in Ihrer Abteilung. 1998. Gruppe M-3. Ich war damals… — er stockte, — noch ziemlich jung, hab immer Käppi getragen. Sascha hieß ich. Der Name rutschte an seinen Platz, wie ein Teil in eine Nut. Jetzt sah Peter vor seinem inneren Auge nicht den erwachsenen Mann, sondern den dünnen Jungen mit den abstehenden Ohren und derselben Zahnlücke, der damals am Drehbank stand und alles auf seine Art machen wollte. — Sascha…Klimke? — fragte er vorsichtig. — Ja! — das Gesicht des Mannes strahlte. — Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich wiedererkennen. — Doch, — sagte Peter langsam. — Du hast damals dreimal hintereinander den Drehmeißel abgebrochen. Ich habe dich zusammengeschnauzt wie sonst was. Sascha lachte laut los. — Stimmt. Sie haben gesagt, aus mir wird nie ein ordentlicher Dreher, solange ich immer nur ans Rauchen denke. Peter spürte, wie ihm die Scham ins Gesicht stieg. Wer weiß, was er damals alles zu den Jungs gesagt hatte, im Stress mit Plänen, Fehlzeiten, Kontrollen. Die Worte kamen halt raus, bedeuteten ihm nicht viel. Und jetzt, an der Haltestelle, kamen sie ihm urplötzlich sehr schwer vor. — Na ja… — murmelte er, — was man damals eben so gesagt hat. Sascha schüttelte den Kopf. — Da täuschen Sie sich, — sagte er leise. — Das ist mir bis heute im Kopf geblieben. Nach Ihrer Standpauke habe ich zum allerersten Mal nach der Schicht freiwillig nochmal alles ausprobiert, warum mir ständig die Meißel abbrechen. Sie waren schon fast weg, erinnern Sie sich? Ich hab alleine weitergemacht, aber Sie sind nochmal zurückgekommen. Das Bild tauchte gestochen scharf auf: das Brummen der Maschinenhalle, gelbes Licht, der Geruch von Kühlmittel, nasser Betonboden. In der Umkleide waren alle schon gegangen, aber er, Peter, kam wegen der vergessenen Mappe zurück – und sah Sascha am Drehbank, wie er verbissen weiter probierte. — Ich bin zurückgekommen, — sagte Peter langsam. — Habe dir gezeigt, wie man den Vorschub richtig einstellt. Nichts Großes. Sascha sah ihn an, als könne er das kaum glauben. — Sie sind eine Stunde bei mir geblieben, — sagte er. — Bis das ganze Licht ausging. Der Schichtführer hat gemeckert, aber Sie haben gesagt: „Lass den Jungen machen. Sonst kommt er morgen wieder mit Ausschuss zurück.“ — Und das war das erste Mal, dass ich gespürt habe, dass es wirklich jemandem nicht egal ist, ob ich das hinkriege oder nicht. Peter zuckte mit den Schultern, doch innerlich bewegte es ihn. — War halt mein Job, — sagte er. — Wenn du Murks produziert hättest, hätte ich Ärger bekommen. — Mag sein, — sagte Sascha. — Aber die meisten hätten mich einfach rausgeworfen. Er blickte auf die Straße. — Danach bin ich auf der Berufsschule geblieben, — warf er beiläufig ein. — Wie meinst du das? — Ich wollte schon hinschmeißen, — erklärte Sascha. — Zu Hause nur Stress, kein Geld. Dann dachte ich, vielleicht bin ich doch nicht ganz hoffnungslos. Ich zog das Ding bis zum Abschluss durch, kam dann ins Werk — da waren Sie aber schon in einer anderen Abteilung. Ein Bus tauchte auf, aber es war nicht ihrer. Die Leute an der Haltestelle stöhnten, sahen wieder auf ihre Handys. Peter spürte ein sonderbares, warmes Gefühl in seiner Brust – gemischt mit leichter Wehmut. — Dann hat sich das Lernen ja doch gelohnt, — sagte er. — Und wie, — antwortete Sascha ernst. — Ich habe schon länger nach Ihnen gesucht. Wir haben noch manchmal über Sie gesprochen. Ich habe Ihren Namen gegoogelt, aber alles, was ich fand, waren alte Anordnungen. — Ich und das Internet, — grinste Peter. — Ich hab ein Tastenhandy. Mein Enkel lacht sich kaputt. — Mein Vater auch, — lachte Sascha. — Der will auch nichts anderes. Sie schwiegen. Der Wind ließ etwas nach, hinter ihnen nieste jemand. Peter fühlte, dass sich ein altes Groll-Gefühl in ihm verabschiedete. Es zählte offenbar wirklich, was er einst getan hatte. — Und was machen Sie jetzt? — fragte Sascha. — Arbeiten Sie noch? — Ich bin Rentner. Helfe ab und zu im Baumarkt-Lager. Nicht schwer, mehr Papierkram. — Hauptsache, nicht schwer, — nickte Sascha. — Rückenschonend. Er zögert, dann sagt er plötzlich: — Wenn Sie noch Zeit haben… Wollen Sie einen Kaffee trinken? Gleich um die Ecke ist ein gutes Café. Peter checkte die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis zum Schichtbeginn im Lager — das reichte. — Zeit hab ich, — sagte er. — Gehen wir. Der Bus kam kurz darauf. Sie stiegen ein und kämpften sich in die Mitte. Sascha hielt seine Karte an den Automaten, drehte sich um: — Ich lade Sie ein. — Nicht nötig, — winkte Peter ab, aber Sascha hatte schon bezahlt. — Sehen Sie’s als Zinsen an, — meinte er leise. Es war voll, es roch nach Gummi und Parfüm. Peter hielt sich an der Stange fest und beobachtete, wie draußen bekannte Straßen vorbeizogen. Früher fuhr er mit seinen Lehrlingen diese Wege zur Ausbildung. Heute andere Gesichter, andere Stimmen. Das Café war klein, mit großen Fenstern zum Kreuzungsbereich. Sie setzten sich an einen Fensterplatz und zogen die Jacken aus. Sascha bestellte zwei Americano und Kuchen. — Ich esse immer Süßes, wenn ich aufgeregt bin, — erklärte er. — So wie jetzt. — Ach was, — knurrte Peter, spürte aber selbst eine gewisse Anspannung. — Erzählen Sie — wie sind Sie überhaupt zum Werk gekommen? — fragte Sascha, als die Bedienung weg war. — Ich erinnere mich nur an Fetzen aus alten Gesprächen. Peter zuckte die Schultern. — Wie alle. Nach der Bundeswehr ins Werk, erst an der Maschine, dann als Meister. Bis zur Rente. Nichts Besonderes. — Klingt nicht überzeugend, — schüttelte Sascha den Kopf. — Sie hatten immer eine Ausstrahlung, als wüssten Sie alles. — Täuschung, — grinste Peter. — Ich hab am Anfang genauso alles falsch gemacht. Aber damals war der Druck anders: Fehler — Teil Ausschuss — Plan im Eimer. Da musste man auf Chef tun. Er probierte den Kaffee, das Bittere prickelte angenehm am Gaumen. Der Kuchen war zu süß, aber doch nahm er einen Bissen — erinnerte vage an früher. — Erinnern Sie sich an Ihre Jungs später? Die, die nach der Lehre im Werk blieben? — Manche, — nickte Sascha. — Mit Kolja habe ich noch Kontakt — der arbeitet auf Montage in Bayern. Jens ist nach Hamburg gegangen. Viele sind über Deutschland verteilt. Aber alle, die im Beruf geblieben sind, sprechen oft von Ihnen. Peter hob erstaunt die Brauen. — Warum das? — Sie haben uns nicht einfach als billige Arbeitskräfte gesehen, — sagte Sascha. — Sie haben uns behandelt wie Menschen. Wissen Sie noch, wie Sie uns damals zum alten Fräser geschickt haben, obwohl der schon gezittert hat? — André Weiß? — überlegte Peter. — Der hatte einen Blick wie ein Messschieber — hat am Geräusch erkannt, ob ein Lager am Sterben war. — Genau! Sie sagten: „Lernt von ihm, solange er da ist. Bücher laufen nicht weg.“ — Das habe ich nie vergessen. Wenn unsere Alten heute gehen, zeige ich sie den Jungen auch erst noch. Er grinste. — Ich muss mich oft dabei ertappen, wie ich Ihren Tonfall nachmache, — gab er zu. — Besonders beim Schimpfen. — Mein Ton…das war oft ruppig, — verzog Peter das Gesicht. — Frag mich manchmal selbst, wie ihr das ausgehalten habt. — Wir wussten, dass Ihnen was an uns lag, — sagte Sascha ruhig. — Sie haben immer geholfen. Ich erinnere mich genau, wie Sie mir die Hand am Vorschub geführt haben. Mein Vater war damals im Krankenhaus, ich war die ganze Zeit nervös. Sie haben das nicht angesprochen, aber einfach gesagt: „Ruhig, lass dir Zeit. Das Teil rennt dir nicht weg.“ Das hat geholfen, auch später. Peter sah hinaus. Draußen liefen eilige Menschen vorbei. Er suchte die Erinnerung mit Saschas Vater, aber sie blieb blass. Für ihn war es nur einer von hunderten Tagen gewesen, an denen er Hände, Vorschub oder Winkel korrigierte. — Ich wusste nicht, dass dein Vater krank war, — sagte er leise. — Ich hab’s keinem gesagt, — winkte Sascha ab. — War mir peinlich. Aber wichtig war was anderes: Sie waren der erste Erwachsene, der mich nicht bemitleidet und nicht fertiggemacht hat. Sie behandelten mich wie einen ganz normalen Menschen. Das war… viel wert. Er schwieg, tat beschäftigt mit dem Kuchen. Peter spürte einen Kloß im Hals. Er dachte an den erfahrenen Schrauber, der ihm mal gesagt hatte: „Hab keine Angst vor der Maschine, sondern vor deiner eigenen Faulheit.“ Damals nur ein Satz, aber geblieben fürs Leben. — Dann war’s ja nicht umsonst, dass ich dich gescheucht habe, — versuchte Peter zu witzeln. — Überhaupt nicht umsonst, — wiederholte Sascha ernst. — Ich habe jetzt zwölf Leute in meiner Abteilung. Drei sind direkt nach der Lehre gekommen. Wenn man die laufen lässt, landen sie in der Paketlieferung oder irgendwo im Lager. Aber schon nach kurzer Unterstützung machen sie viel mehr draus. Und manchmal frage ich mich: woher weiß ich das — und dann denke ich an Sie. Er lächelte, und in seinen Augen glomm etwas Warmes. — Sie hätten mich auch rausschmeißen können, — fügte er hinzu. — Erinnern Sie sich, wie ich eine Woche Praktikum geschwänzt habe, weil ich am Markt jobben musste? Der Berufsschulmeister wollte mich schon von der Liste streichen lassen. Sie aber haben gesagt, ich soll Nacharbeit machen und dass Sie mich selbst rausschmeißen würden, wenn noch mal was vorfällt. Ein Bild zuckte auf: das Meisterbüro, rauchgeschwängerte Luft, Sascha mit gesenktem Blick, der Meister wutrot, Peter besonnen. Ja, das war so. — Ich erinnere mich, — sagte er. — Du warst damals stinkig auf mich. — Klar, — schmunzelte Sascha. — Aber im Nachhinein war das meine Rettung. Er stellte seine Kaffeetasse ab und sah Peter direkt an. — Ich wollte Ihnen das immer mal sagen, — sagte er. — Danke. Nicht fürs Retten. Sondern dafür, dass Sie damals Ihre Arbeit ehrlich gemacht haben. Das bringt viel mehr, als man denkt. Die Worte standen im Raum, einfach und klar. Peter fühlte, wie in ihm etwas klickte, wie bei einer gut geölten Maschine. Auf einmal sah er sein Leben nicht mehr als Kette von Schichten und Formularen, sondern als eine Reihe von Menschen, die durch ihn gegangen waren. Jemand war geblieben, hier saß er vor ihm, mit ehrlicher Dankbarkeit im Blick. — Wie viel schulde ich dir für den Kaffee? — fragte Peter, um nicht zu weich zu werden. — Nichts, — winkte Sascha ab. — Eigentlich schulde ich Ihnen. Sie saßen noch ein bisschen und sprachen über Maschinen, neue und alte Zeiten. Sascha erzählte vom eigenen Team, darüber, wie schwer es die Jugend heute mit Verantwortung hat. Peter bemerkte, wie er sich wieder beim Ratschlägegeben ertappte. Als sie das Café verließen, rieselte feiner Schnee. Die Straße glitzerte, die Menschen hasteten mit hochgezogenen Schals. — Ich bring Sie noch, — bot Sascha an. — Liegt auf dem Weg. Sie schlenderten nebeneinander, hielten an Zebrastreifen, erzählten von Saschas Sohn, der lieber baut als rechnet, und von Peters Enkel vor dem Tablet. — Bring den mal zu mir, — sagte Peter plötzlich. — Ich zeig ihm, wie man einen Meißel richtig schärft. In der Küche auf dem alten Schleifstein. Wenn er Lust hat. Sascha grinste. — Unbedingt, — sagte er. — Geben Sie mir Ihre Adresse. Am Baumarkt blieben sie stehen. Die große Leuchtreklame, Glasfront, Einkaufswagen — Peter fühlte sich hier immer ein bisschen fremd. — Hier ist mein Arbeitsplatz, — sagte er. — Von hier aus musst du vermutlich in die andere Richtung. — Stimmt, aber… Darf ich Sie mal ab und zu anrufen? Nur so, oder wenn es im Team mal Stress gibt? — Klar, — sagte Peter überrascht, wie leicht es ihm fiel. — Nur abends nicht, da hat mein Enkel Fernsehen. Sie tauschten Nummern aus. Sascha tippte „Peter Schneider Werk“ ins Handy, zeigte ihm das Display. — Alles richtig, — nickte Peter. Der Händedruck war fest und warm. Für einen Moment war Peter nicht mehr der alte Sack am Lagereingang, sondern wieder der Meister, der seinen Jungen zur Schicht gehen lässt. — Danke nochmal, für alles, — sagte Sascha. — Geh schon, — winkte Peter ab. — Sonst kommst du zu spät. Sascha lief los, bog am Ende der Straße ab, winkte noch ein letztes Mal. Peter sah ihm hinterher, bis er verschwunden war. Im Inneren war es ruhig – kein Groll, keine ewige Traurigkeit, dass die eigene Zeit vorbei ist. Da war nur noch eine angenehme Wärme – wie nach einem gut erledigten Auftrag. Er trat hinein, grüßte die junge Kollegin am Empfang, lief an Regalen mit Bohrmaschinen und Werkzeugen vorbei. Ein paar alte Feilen lagen im Eck; er blieb hängen wie bei alten Bekannten. In der Umkleide zog er die Arbeitsjacke an, holte seine alte Mappe hervor. In einem Seitenfach eine angegilbte Fotografie: Werkhalle, Maschinen, junge Kerle in Blaumann, er mittendrin, damals noch mit Haaren. Er betrachtete die Gesichter, fand auch den Jungen mit Kappe und Zahnlücke – Sascha. Dreist, wachsam. — Gefunden, — murmelte er leise. Das Foto zitterte nicht vor Schwäche in der Hand, sondern weil das Herz plötzlich leichter war. Er steckte es zurück zu seinem Notizheft mit alten Formeln und Namen der Lehrlinge. Bevor er den Spind schloss, legte er die Stirn an das kalte Metall. Keine Bruchstücke alter Verbitterung mehr. Nur Gesichter, Stimmen, Lachen – und die ruhige Gewissheit: Seine Arbeit hat Spuren hinterlassen, lebt weiter – selbst, wenn die Maschinen heute Computer sind. Er richtete sich auf, straffte die Jacke und ging in den Markt, wo Papiere und Kisten warteten. Unterwegs blieb er bei einem Set Feilen stehen. — Möchten Sie kaufen? — fragte der Verkäufer. — Später, — sagte Peter. — Ich überlege noch. Aber im Kopf hatte er längst beschlossen: Am Abend holt er den alten Schleifstein in der Küche vor, bürstet ihn ab, prüft das Kabel — und zeigt dem Enkel, wie Eisen sich formen lässt, wenn die Hand ruhig und sicher bleibt. Nicht, um einen Dreher aus ihm zu machen, sondern damit etwas weitergeht, was einst erlernt und weitergegeben wurde. Und diese Aussicht wärmte mehr als jeder Tee. Mit einem Lächeln schlenderte er weiter zwischen den Regalen, der Schritt leicht wie lange nicht mehr.
Die Uhr tickt unaufhaltsam