Der Schüler an der Haltestelle
Der Bus ließ auf sich warten, während der Wind eisig von der Elbe heraufzog und sich unter den Schal von Karl-Heinz drängte. Rastlos wechselte er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, griff in die Manteltasche, um sicherzugehen, dass das Monatsticket noch da war, und blickte erneut die Straße entlang. Laut Fahrplan hätte der Bus längst da sein müssen. Auf der Anzeigetafel blinkte jedoch nur die Uhrzeit und eine endlose Werbelaufzeile. Die Menschen um ihn herum zogen ihre Schals fester, schimpften vor sich hin oder vertieften sich stumm in ihre Handys.
Er stand etwas abseits vom Wartehäuschen, um nicht das laute Diskutieren über Preise und Politik hinter seinem Rücken zu hören. Die Finger schmerzten trotz der Handschuhe, der Rücken zog. Am Morgen hatte er seine Enkelin Greta in die Kita gebracht, war in der Arztpraxis gewesen, um Rezepte abzuholen, und nun fuhr er zum Baumarkt, wo er gelegentlich im Lager aushalf. Das tat er weniger des Geldes wegen seine Rente, die aus den Beträgen der Deutschen Rentenversicherung kam, reichte zum Leben. Es war eher der Wunsch, nicht allein zu Hause zu versauern, der ihn nach draußen zog. Die Leere des Tages wog schwerer als ein knapper Geldbeutel.
Einst war Karl-Heinz pünktlich um sechs im Betrieb, verließ die Werkshalle häufig erst im Dunkeln. Er war Vorarbeiter in der mechanischen Fertigung gewesen, verantwortlich für Maschinen, Menschen, das Erreichen der Planzahlen. Damals schien es, als würde ohne ihn alles zusammenbrechen. Nun war der Betrieb Geschichte; an Stelle der alten Hallen prangte ein buntes Einkaufszentrum. Niemand fragte ihn noch nach Rat, keiner rief oder lud ihn zu Versammlungen ein. Beim letzten Werksjubiläum war er vor über zehn Jahren dabei dann gab es weder Betrieb noch Jubiläen.
Er ertappte sich, wie er zum wiederholten Mal an diesen Früher-Gedanken festhing, als drehe er sich im Kreis durch denselben Flur seines Lebens. Er verzog das Gesicht und versuchte, sich abzulenken, indem er die Zettel am Haltestellenfenster studierte: Englischkurse, Waschmaschinenreparatur, Umzugshilfe. Vielleicht hätte auch sein Name dort hängen können, falls er sich getraut hätte, private Dreherkurse anzubieten. Doch wen interessierte das noch im Zeitalter von CNC-Maschinen?
Hinter ihm schlug die Tür des Häuschens, ein Mann trat mit schwerem Seufzen heraus und stellte sich neben ihn. Es roch nach Kälte und irgendwie nach Apotheke.
Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob die 32 schon vorbei ist? krächzte der Mann.
Karl-Heinz wandte den Kopf. Vor ihm stand ein hochgewachsener Kerl, vielleicht Mitte dreißig, mit dunkler Jacke, tief ins Gesicht gezogener Mütze, wettergegerbten Wangen und müden Augen. Über seine Schulter hing eine schwarze Umhängetasche. Ein schüchterndes Grinsen offenbarte eine Zahnlücke.
Habe ich nicht gesehen, antwortete Karl-Heinz. Ich warte seit zwanzig Minuten, es kam alles andere.
Klassisch, der Mann seufzte erneut, richtete den Blick gen Straße. Wie immer eben.
Er schien überlegt zu haben, wieder ins Wartehäuschen zu gehen, blieb aber doch stehen. Karl-Heinz wollte sich gerade wegdrehen, da fiel ihm an der Tasche des anderen ein kleiner Metall-Anstecker in Form eines Drehmeißels auf. Solche hatte man früher im Betrieb für neue Ideen verliehen. Eine alte Erinnerung regte sich, ein Name blieb jedoch noch im Nebel.
Verzeihung, aber, begann der Mann, die Augen zusammenkneifend. Waren Sie zufällig früher im Werk? In der Mechanik?
Karl-Heinz richtete sich ein wenig auf.
War ich, erwiderte er nach einer Pause. Schon eine Weile her. Dann schaute er genauer in das Gesicht des Mannes, in dessen helle, aufmerksame Augen. Woher wissen Sie das?
Ein kurzes Lachen.
Ich habe bei Ihnen gelernt, sagte der andere. In der Berufsschule. Praktikum bei Ihnen im Bereich. 1998. Gruppe M-3. Ich war da noch ziemlich grün, immer mit der käseweißen Schirmmütze unterwegs. Sascha nannten sie mich.
Der Name klickte in seinem Kopf ein, wie das Werkstück in die Vorrichtung. Karl-Heinz sah kurz nicht diesen erwachsenen Mann, sondern einen schlaksigen Jungen in abgewetzter Jacke, abstehenden Ohren und mit genau jener Zahnlücke als Markenzeichen. Der Junge, der damals den Meißel immer falsch angesetzt hatte und stur seinen eigenen Weg ging.
Sascha Klimt? fragte Karl-Heinz vorsichtig.
Ja, richtig! Das Gesicht des Mannes war ein einziges Strahlen. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich wiedererkennen.
Doch, sagte Karl-Heinz langsam. Du warst derjenige, der drei Mal hintereinander das Werkzeug abgebrochen hat. Ich habe dich damals zusammengestaucht.
Sascha lachte schallend.
Stimmt! Sie haben gesagt, aus mir würde nie ein vernünftiger Dreher werden, wenn ich nur ans Rauchen denke.
Karl-Heinz spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Was hatte er damals bloß immer rausgehauen, wenn er angespannt war, wegen des Tagesplans, der Kontrollen. Die Worte purzelten einfach so heraus, ohne dass er sie gewogen hätte. Jetzt, im eisigen Wind an der Haltestelle, wurde ihm für jeden schroffen Satz unangenehm zumute.
Na ja, murmelte er, man sagt so manches
Sascha schüttelte den Kopf.
Unterschätzen Sie das nicht, sagte er mit ernsterer Stimme. Das hat sich mir eingebrannt. Nach Ihren Worten bin ich das erste Mal freiwillig länger geblieben, um zu kapieren, warum mein Werkzeug dauernd fliegt. Sie waren schon auf dem Weg nach Hause, erinnern Sie sich? Da stand ich allein am Maschinchen. Aber Sie kamen noch mal zurück.
Die Szene tauchte plötzlich glasklar in ihm auf: der Lärm der Halle, das gelbe Licht, der Geruch von Kühlschmierstoff, Späne auf dem Boden. Schon klapperten die Spinde in der Umkleide, als er Karl-Heinz wegen der vergessenen Aktentasche zurückging und Sascha immer noch an der Maschine tüfteln sah.
Ich kam zurück, klar, sagte er nachdenklich. Habe dir gezeigt, wie du den Vorschub richtig einstellst. Nichts Besonderes.
Sascha sah ihn an, als wolle er widersprechen.
Sie haben mir nicht nur gezeigt, wie’s geht, sagte er. Sie sind eine ganze Stunde dabeigeblieben. Bis das Licht ausging. Wissen Sie noch, wie der Schichtmeister reinkam und meckerte, wieso wir noch da sind? Und Sie meinten: ‘Lass den Jungen, sonst kommt er morgen wieder mit Ausschuss.’ Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass es jemandem nicht egal war, ob ich’s packe oder nicht.
Karl-Heinz zuckte mit den Schultern, innerlich bewegt.
War halt mein Job, meinte er schlicht. Hättest du Mist gemacht, hätte ich büßen dürfen.
Schon, aber Sie hätten mich auch einfach rauswerfen können. Wie andere das gemacht haben.
Sascha blickte wieder zur Straße.
Wegen jenem Abend bin ich nicht von der Berufsschule abgegangen, setzte er hinzu, eher flüchtig, als wolle er nicht auf Einzelheiten eingehen.
Wie meinst du das? fragte Karl-Heinz verwundert.
Ich wollte damals eigentlich hinschmeißen wollte im Lager arbeiten gehen. Schule lief mies, Streit zu Hause, kein Geld. Aber nachdem Sie sich Zeit für mich genommen haben, dachte ich, vielleicht ist es doch nicht Hoffnungslos. Hab durchgezogen, zu Ende gemacht, und bin dann in den Betrieb. Sie waren da schon in einer anderen Abteilung, wir sahen uns kaum noch.
Der Wind wurde stärker, trieb Papier über die Straße. Karl-Heinz versuchte, im erwachsenen Sascha wieder den Jugendlichen von damals zu entdecken.
Warst du bis zum Schluss im Betrieb? fragte er.
Bis zur Schließung, sagte Sascha. Dann bin ich zu einer kleinen Firma gewechselt. Wir stellen jetzt Teile für Medizintechnik her, ein netter Familienbetrieb, überschaubar, aber stabil. Ich leite den Bereich.
Sascha fügte schüchtern hinzu: Die Jungs sind jung, haben CAD und Computer im Griff. Ich zeig’ ihnen trotzdem noch alles per Hand. Wie Sie uns damals. Erst lachen sie, dann merken sie, dass’s mit den Händen oft schneller geht.
Ein Bus tauchte am Horizont auf nicht der ihre , die Menschen seufzten, vertieften sich wieder in ihre Geräte. Karl-Heinz spürte eine seltsame Wärme in der Brust, durchzogen von Wehmut.
Dann hat sich die Ausbildung doch gelohnt, sagte er trocken.
Mehr, als man denkt, erwiderte Sascha ernst. Ich habe Sie oft gesucht, wir haben Sie neulich im Kollegenkreis erwähnt. Ich hab sogar im Internet gesucht, aber da waren bloß alte Betriebsanweisungen.
Internet ist nicht meine Welt, brummte Karl-Heinz. Hab noch ein Tastenhandy. Meine Enkelin lacht immer.
So einen hat mein Vater auch, sagte Sascha. Will sich nicht von trennen.
Beide schwiegen. Der Wind war abgeflaut, irgendwo nieselte ein Niesen. Karl-Heinz spürte, wie der altgewordene Ärger der letzten Jahre, das Gefühl, überflüssig geworden zu sein, in den Hintergrund trat. Es gab da draußen tatsächlich Menschen, denen seine Arbeit etwas bedeutete.
Und wo sind Sie jetzt? Noch am Arbeiten? fragte Sascha.
Bin in Rente, erwiderte Karl-Heinz. Hilf’ nur ab und zu im Baumarkt, gleich bei der nächsten Haltestelle. Groß was Schleppen muss ich nicht mehr. Meist ists Papierkram.
Vernünftig, verschone deinen Rücken, nickte Sascha. Dann, nach kurzem Zögern:
Wollen wir vielleicht noch einen Kaffee trinken gehen, wenn Sie Zeit haben? Das Café drüben ist ganz nett, ich müsste zwar eigentlich weiter, aber das kann warten.
Zufällig hatte Karl-Heinz noch anderthalb Stunden bis zur nächsten Schicht. Er konnte es ruhig angehen lassen.
Zeit hab ich, sagte er. Komm, wir gehen.
Wenige Minuten später kam ihr Bus. Beide stiegen ein, kämpften sich bis in die Mitte. Sascha zog seine Karte durch den Entwerter, drehte sich um:
Ich zahl für Sie.
Nicht nötig, winkte Karl-Heinz ab, aber Sascha tat es dennoch.
Sehen Sies als Zinsen, murmelte er.
Im Bus war es eng, es roch nach Gummi und Parfüm. Karl-Heinz hielt sich fest und schaute hinaus auf vertraute Straßen. Früher waren hier seine Lehrlinge auf dem Weg zur Praxis unterwegs gewesen, heute war alles anders fremde Gesichter, fremde Stimmen.
Das Café war klein, die Fenster gaben den Blick auf eine belebte Kreuzung frei. Drinnen war es warm, leise spielte Musik. Sie setzten sich ans Fenster. Sascha bestellte zwei Americano und Schwarzwälder Kirschtorte.
Ich esse Süßes, wenn ich nervös bin, erklärte er. Ist heute seltsam aufregend.
Kein Grund für Aufregung, brummte Karl-Heinz, spürte aber selbst so etwas wie Spannung. Einen Schüler nach so langer Zeit zu treffen, war wie in ein altes Notizbuch zu schauen, in dem jemand neue Zeilen geschrieben hatte.
Erzählen Sie mal, sagte Sascha, als die Bedienung gegangen war. Wie sind Sie eigentlich damals ins Werk gekommen? Ich erinnere mich nur an Bruchstücke aus Erzählungen.
Karl-Heinz zuckte mit den Schultern. Wie alle eben. Nach der Bundeswehr ins Lehrwerk, dann an die Maschine, später Meister geworden. Bis zur Rente. Nicht besonders spannend.
Ich glaube Ihnen kein Wort, lachte Sascha. Sie hatten immer alles im Griff.
Das war nur Fassade, grinste Karl-Heinz. Auch ich hab am Anfang Werkzeuge abgebrochen. Wir hatten nun mal härtere Bedingungen. Fehler bedeutete Ausschuss, Plan nicht erfüllt, Ärger beim Chef. Oben der Chef, unten die Kollegen. Da blieb nur: so tun, als hätte man alles im Griff.
Er probierte den Kaffee. Die angenehme Bitterkeit tat gut. Die Torte war fast zu süß, aber er nahm dennoch ein Stück. Die Marmelade darin erinnerte ihn an Kindertage.
Erinnern Sie sich an Ihre Lehrlinge? Die, die nachher im Werk gelandet sind?
Einige schon, nickte Sascha. Mit Holger schreibe ich noch, der sitzt mittlerweile auf Montage in Bayern. Jens zog nach Österreich, arbeitet da an Maschinen. Die halbe Gruppe ist fort. Aber die, die im Beruf geblieben sind, sprechen von Ihnen.
Karl-Heinz hob erstaunt die Augenbrauen.
Wieso das?
Sie haben uns zu Menschen gemacht, nicht nur zu Drehern, sagte Sascha. Wissen Sie noch, wie wir zu Herrn Bauer, dem alten Fräser, mussten? Obwohl dem schon die Hände zitterten.
Ah, dem Otto, nickte Karl-Heinz. Der konnte am Klang erkennen, wann ein Lager den Geist aufgab.
Genau. Sie sagten immer: ‘Lernt von dem Alten, Bücher können warten.’ Das habe ich verinnerlicht. Wenn meine alten Kollegen heute gehen, stelle ich sicher, dass die Jungen zuschauen.
Sascha lächelte schief. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Ihren Tonfall anschlage besonders, wenn ich schimpfe.
Ach, verschon sie damit, verzog Karl-Heinz das Gesicht. In der Zeit war ich manchmal schroff. Heute frage ich mich, wie ihr mich ausgehalten habt.
Wir wussten, dass Sie sich sorgen das hat man gespürt. Sie haben nie nur gemeckert, sondern kamen immer wieder, haben geholfen. Ich erinnere mich, wie Sie mir die Hand am Vorschub führten. Damals lag mein Vater im Krankenhaus. Ich war völlig aufgewühlt. Sie fragten nichts, blieben einfach da, meinten: ‘Ganz ruhig. Nicht hetzen. Das Werkstück läuft dir nicht weg.’ Das hatte Eindruck.
Karl-Heinz blickte aus dem Fenster. Die Passanten hasteten vorbei, Autos hielten am roten Licht. An den Tag mit Saschas Vater erinnerte er sich nicht mehr richtig für ihn war es nur einer von unzähligen Arbeitstagen.
Ich wusste nicht, dass dein Vater krank war, sagte er leise.
Ich habe es niemandem gesagt, es war mir peinlich. Mein Vater war arbeitslos, die Gesundheit fraß ihn auf. Aber darum geht’s nicht. Sie waren der erste Erwachsene, der mich nicht bemitleidete oder fallen ließ. Sie haben mich wie einen normalen Menschen behandelt. Das hat mir viel gegeben.
Sascha machte eine Pause, vertiefte sich scheinbar in Torte. Karl-Heinz erinnerte sich daran, wie er sich früher nach einem gutem Vorbild gesehnt hatte. Er erinnerte sich daran, wie der alte Karl damals zu ihm gesagt hatte: Hab keine Angst vor der Maschine, nur vor deiner eigenen Bequemlichkeit. Erst später begriff er, wie bleibend solche Worte sind.
Also habe ich dich doch nicht umsonst gescheucht, versuchte Karl-Heinz zu scherzen.
Im Gegenteil, sagte Sascha mit Nachdruck. Ich habe jetzt zwölf Leute unter mir. Drei davon sind gerade aus der Berufsschule. Wenn ich sie einfach lasse, packen sie in vier Wochen Pakete im Versand. Aber wenn ich sie ein bisschen fordere, etwas an die Hand nehme, dann machen sie lieber weiter und werden vielleicht selbst ein Vorbild für andere. Oft frage ich mich, woher ich das habe dann denke ich an Sie.
Sascha lachte, seine Augen blitzen freundlich. Sie hätten mich damals rausschmeißen können. Erinnern Sie sich noch? Ich habe eine Woche gefehlt, weil ich am Großmarkt aushelfen musste. Der Meister war schon bereit, mich rauszuwerfen. Sie sagten: ‘Geben wir ihm noch eine Chance.’ Danach habe ich Samstagsdienste geschoben, Extra-Schichten gemacht heute bin ich froh darüber.
Das Bild kam Karl-Heinz zurück: Der Meister, die Rauchschwaden, der bockig schweigende Junge mit gesenktem Blick. Karl-Heinz hatte damals gesagt: Wir warten noch mit der Abmeldung. Er bekommt eine Auflage. Und dann hatte er Sascha zu zusätzlichen Aufgaben verdonnert.
Stimmt, das weiß ich noch. Du warst sauer auf mich.
Und wie! Aber dann merkte ich, dass Sie nicht gegen, sondern für mich waren. Sonst weiß ich nicht, wo ich heute wäre.
Sascha stellte die leere Tasse ab, sah Karl-Heinz offen an.
Ich wollte Ihnen das schon lange sagen, sagte er ruhig. Nicht, weil Sie mich gerettet haben das habe ich schon selbst gemacht. Aber weil Sie ihren Job ehrlich gemacht haben. Es klingt wenig, aber es war sehr viel.
Die Worte klangen schlicht und aufrichtig. Karl-Heinz fühlte, wie etwas in ihm nachgab, als wäre in einer alten Maschine ein gut geöltes Gewinde eingerastet. Plötzlich sah er sein Leben nicht mehr als Folge von Schichten, sondern als Kette von Menschen, die durch ihn gegangen waren. Die meisten waren fort, aber vor ihm saß einer, dessen Blick Dank ausstrahlte.
Na, sag mal, wehrte er albern ab, was schulde ich dir für den Kaffee?
Nichts, lachte Sascha. Ich schulde noch viel mehr.
Sie redeten noch eine Weile, tauschten Anekdoten aus, sprachen über Maschinen, über den Abriss der alten Werkhallen, über die Angst der Jungen vor Verantwortung. Karl-Heinz gab erneut Ratschläge: Dienste einteilen, fordern, nicht klein machen.
Als sie das Café verließen, rieselte feiner Schnee. Die Straßen glänzten, die Menschen beeilten sich. Bis zum Baumarkt waren es zehn Minuten zu Fuß, aber Karl-Heinz ließ sich Zeit.
Ich begleite Sie noch, sagte Sascha. Mein Weg geht in dieselbe Richtung.
Sie gingen nebeneinander, hielten ab und zu an den Ampeln. Sascha erzählte von seinem Sohn, der gern mit Baukästen bastelte, aber Mathematik nicht ausstehen konnte. Karl-Heinz dachte an Greta, die pausenlos Trickfilme auf dem Tablet schaute.
Bring ihn mal mit, sagte Karl-Heinz, und es überraschte ihn selbst. Ich zeig ihm, wie man den Meißel schleift. Auf meinem alten Schleifstein in der Küche. Soll er mal echtes Eisen sehen. Nur, wenn er will.
Sascha lachte.
Versprochen! Geben Sie mir Ihre Adresse.
Am Baumarkt angekommen, mit den großen Schildern und der Glasfront, blieb Karl-Heinz stehen. Er fühlte sich in dieser Welt der Sonderangebote noch immer ein Fremdkörper.
Hier bin ich, sagte er. Dein Weg geht wohl woanders hin.
Ja, aber könnte ich Sie manchmal anrufen? Einfach so. Oder wenn ich einen Rat brauche für meine Leute?
Natürlich nur nicht am Abend, dann läuft bei uns der Großeltern-Fernsehzirkus.
Sie tauschten Nummern. Sascha speicherte ihn als Karl-Heinz Werkmeister ab und zeigte ihm den Eintrag.
Stimmt so, nickte Karl-Heinz.
Sie gaben sich die Hand ein kräftiger, warmer Händedruck. Für einen Moment fühlte Karl-Heinz sich nicht wie ein Rentner an der Ladentür, sondern wie der alte Meister, der einen Schützling in die Selbstständigkeit entlässt.
Danke, für alles, sagte Sascha.
Mach hinne, du kommst noch zu spät, winkte Karl-Heinz.
Sascha drehte sich um, ging gegen den Wind fort, hob noch einmal die Hand. Karl-Heinz erwiderte den Gruß und sah ihm lange nach, bis er hinter der Ecke verschwunden war.
Es war ruhig in ihm selbst. Keinerlei Gram, kein nagendes Gefühl, zu spät gekommen zu sein. Stattdessen strömte ein beständiges, zufriedenes Gefühl durch ihn wie nach getaner Arbeit, wenn das Werkstück endlich präzise sitzt und man die Maschine ausschaltet.
Drinnen begrüßte er die junge Verkäuferin am Empfang, schlenderte an Regalen vorbei: neue Akkuschrauber, Bohrmaschinen, Wasserwaagen. In einer Ecke lagen ein paar klassische Handhobel, ein wenig eingestaubt. Einen Moment blieb er stehen, schaute sie an, als sähe er alte Freunde.
In der Umkleide zog er die Arbeitsjacke an, griff nach seinem alten, abgewetzten Aktenkoffer. Darin, gut versteckt, lag ein vergilbtes Foto: Werkhalle, Maschinen, junge Burschen im Blaumann, er mittendrin, noch mit vollem Haar. Früher hatte er die Aufnahme selten angeschaut heute suchten seine Finger das Papier fast von selbst.
Er setzte sich auf die Bank, drehte das Foto. Die Gesichter waren ein wenig verblasst, aber einige erkannte er den, der nach Hamburg gegangen war, den mit den Sommersprossen. Irgendwo darunter auch Sascha, damals noch ganz unauffällig.
Mit dem Finger fuhr er durch die Reihe, blieb hängen, schaute genau hin: Da war der Junge mit der Mütze und der berüchtigten Lücke im Gebiss. Frech grinsend, skeptische Augen.
Ja, dich hab ich wieder gefunden, flüsterte er.
Das Foto zitterte ein wenig, aber nicht aus Schwäche. Es war, als werde es heller in seiner Brust. Er steckte es sorgsam zurück, neben das alte Notizheft mit handgeschriebenen Formeln und Namen aus Werkzeiten.
Als er das Schließfach schloss, verweilte seine Stirn einen Moment am kühlen Metall. Keine Grollfragmente mehr im Kopf stattdessen tauchten Stimmen, Gesichter, Lachen aus der Werkhalle auf. Die leise Gewissheit: Seine Arbeit ist nicht spurlos entschwunden. Sie lebt weiter in anderen Händen, in fremden Worten, egal ob am Computer oder an der alten Maschine.
Er richtete sich auf, zog die Jacke zurecht und ging in den Markt, wo Lieferscheine und Kisten warteten. Vorbei an der Werkzeugabteilung hielt er kurz inne, nahm ein feines Feilen-Set in die Hand und ließ es abwägend kreisen.
Wollen Sie das mitnehmen? fragte der Verkäufer.
Vielleicht später, entgegnete Karl-Heinz. Ich überlege es mir noch.
In Gedanken hatte er aber schon einen Plan. Am Abend, wenn Greta kam, würde er den alten Schleifstein vom Balkon holen, säubern, kontrollieren. Ihr zeigen, wie Metall sich dem sicheren Griff beugt. Nicht, um aus ihr eine Dreherin zu machen sondern um weiterzugeben, was einst ihm und dann seinen Schülern übertragen wurde.
Und bei diesem Gedanken wurde ihm wärmer zu Mute als von jedem Tee. Mit leisem Lächeln schlenderte er durch die Regale weiter und sein Schritt war ein wenig leichter als noch am Morgen.





