Sieben Tage davor
Am Montagabend wurde in einer kleinen deutschen Stadt erneut das warme Wasser abgestellt. Nicht in der ganzen Stadt, nur in ein paar Häusern beim Markt. Trotzdem redeten die Leute darüber, als hätte man die Elbe gestaut. Am Brotstand wurde geschimpft, beim Anstehen nach Mandarinen diskutiert und in der Straßenbahn darüber gestritten, in welchen Häusern die Rohre älter sind. Schnee gab es immer noch nicht, der Asphalt glänzte feucht und die Lichterketten über der Hauptstraße wirkten viel zu früh aufgehängt.
Margarete Althaus schloss die Tür zu ihrem Abteil Wäsche & Strick hinter der letzten Kundin und massierte sich mit der Hand den unteren Rücken. Im Laden war es stickig, obwohl durch den Spalt zwischen Fenster und Rahmen ein kühler Luftzug kam. An den Ständern hingen Pullis mit Elchmotiven, dicke Wollsocken, Pyjamas mit der Aufschrift Frohes Neues Jahr und irgendwelche anderen englischen Worte, deren Sinn sie nicht kannte. Über dem Tresen flackerte die Lampe, surrte ein wenig, als summte eine Biene in der Ecke.
Bis Ladenschluss waren noch zwanzig Minuten. Margarete zählte im Kopf schon die Einnahmen, stellte sich vor, wie sie gleich den Teekessel aufsetzte und ihren Sohn anrief. Fast zwei Wochen kein Wort mehr, seit jenem Streit übers Geld und wegen seiner neuen Arbeitsstelle. Er hatte gesagt, er könne sie nicht mehr unterstützen, das Haus habe Vorrang, sie müsse an die Zukunft denken. Sie hatte scharf geantwortet, er noch schärfer, seitdem stand die Nummer im Handy wie die einer Fremden.
Da öffnete sich wieder die Ladentür. Eine Frau kam herein, in einer dicken Steppjacke, eine Knopf am Ärmel fehlte.
Ich bräuchte dicke Socken, sagte sie, schüttelte Regentropfen von der Schulter. Für meinen Mann. Er läuft immer mit denselben herum.
Männer eben, lächelte Margarete, schon in ihrem festen Kundenton. Dort, schurwollene, die sind gerade im Angebot.
Während die Frau die Pakete prüfte, vibrierte Margaretes Handy im Kitteltaschen. Sie warf einen Blick aufs Display, erstarrte kurz: eine unbekannte Nummer, aber mit der örtlichen Vorwahl.
Nehmen Sie die hier, die gehen gut, sagte sie zur Kundin fast automatisch.
Die Frau nickte, kramte nach Portemonnaie. Das Handy vibrierte weiter.
Entschuldigen Sie mich kurz, murmelte Margarete und trat zur Seite. Grün geklickt.
Althaus, hallo?
Guten Abend…, zögerte eine Männerstimme, ist das das Strickwarengeschäft am Markt?
Ja, bestätigte sie, erstaunt.
Ich… hab da letzte Woche einen blauen Pulli gekauft, mit Rauten. Da meinte man, ich könnte umtauschen, falls was wäre, aber… er ist zu kurz, und ich hab wohl die Telefonnummer nicht ganz richtig gelesen. Hab einfach angerufen, stand was Verschmiertes auf dem Kassenzettel. War das jetzt überhaupt richtig?
Margarete lächelte. Blaue Pullover mit Rauten, gestapelt auf der Theke.
Doch, Sie sind richtig. Kommen Sie einfach morgen vorbei, wir finden sicher eine Lösung.
Die Stimme am anderen Ende klang erleichtert: Super. Es ist peinlich, der Frau zu gestehen, dass sie die Größe verwechselt hat…
Sie beendete das Gespräch und verkaufte die Socken. Danach stand sie noch lange nach Ladenschluss im stillen Laden und betrachtete ihr Handy. Dann wählte sie die Nummer ihres Sohnes, ließ ihren Finger über der grünen Taste ruhen und steckte das Handy weg. Morgen, dachte sie, morgen gibt es Zeit genug.
Zeitgleich quälte sich die Linie 3 am Marktplatz vorbei. Am Steuer saß Jörg Schneider, der leise brummte: Jemand hatte beim Apothekenstop so blöd geparkt, dass er kaum durchkam. Fahrgäste murmelten, einer las den Fahrplan vor als würde das etwas ändern.
Schon klar, knurrte Jörg ins Abteil, ich sitz nicht erst seit gestern hier.
Mit 57 kannte er jedes Schlagloch auf dieser Route so genau wie die Muttermale auf seinem Arm. Er wusste, wo der Bus wackelte, wo sich Wasser sammelte und wo im Winter das Eis lag. Diesmal ließ der Schnee sich Zeit und Jörg ertappte sich manchmal bei Sehnsucht nach glitzernden Laternen im Zwielicht, spiegelnd im Schnee.
An der nächsten Haltestelle stieg eine Frau mit Bommelmütze ein, in der Hand eine Tüte vom Eckladen bei Franzi. Hinter ihr quetschte sich ein Teenager mit Kopfhörern, dann ein älterer Herr mit Gehstock.
Fahrgeld bitte durchgeben, rief Jörg, während Münzen und Scheine, dann auch EC-Karten, von Hand zu Hand wanderten. Im Bus roch es nach Mandarinen und nassen Wollmützen. Das Radio knisterte, versuchte eine Weihnachtsmelodie zu spielen.
Fährt der Bus heute bis zum Bahnhof?, rief es von hinten.
Klar, antwortete Jörg, fahren wir ganz bis ran.
Er sagte das, wie sein alter Kollege es vor Jahren stets getan hatte. Der Kollege war inzwischen verstorben. Seitdem war Jörg noch schweigsamer geworden. Zu Hause wartete seine Frau, das Zusammenleben längst freundschaftlich-nachbarschaftlich. Die Tochter meldete sich aus Köln nur einmal im Monat, immer eilig, und er nickte am Hörer, als könne sie das sehen.
An der Ampel bei der Post blinkte das Handy auf der Ablage. Nachricht vom Disponenten: Ab morgen neuer Fahrplan ab sieben Uhr, Ausdruck abholen. Er seufzte: noch früher raus, noch weniger Schlaf. Ab und zu wachte er nachts auf, dachte, das alles sei nur vorübergehend und bald fände sich etwas anderes. Dann fielen ihm sein Alter, Kredite und die Medikamente der Frau ein, die Gedanken verstummten von selbst.
Haltestelle Stadtbibliothek. Eine Frau mit Umhängetasche stieg ein. Jörg erkannte das Gesicht, wusste erst nicht, woher. Sie stieg ein, kramte nach Geld, blickte auf, erstarrte.
Jörg?, sagte sie zögerlich.
Er blinzelte.
Sabine?, entfuhr es ihm, und er erschrak über seinen Ton.
Lange nicht gesehen, sagte sie, unsicher lächelnd und reichte einen Schein. Ich dachte, du fährst in einem anderen Bezirk.
Bin versetzt, ab erstem vorübergehend, antwortete er, nahm das Fahrgeld.
Sabine setzte sich, hielt sich fest am Griff. Sie war seine erste Frau; seit zwanzig Jahren geschieden, seit die Tochter zehn war. Jeder lebte sein Leben, selten begegnete man sich jetzt, bei Feiertagen, und noch seltener fiel ein Gespräch. Jetzt: Haltestelle Bibliothek, Buslinie, Dezemberende.
Gut festhalten, sagte Jörg in den Lautsprecher gemeint nur für sie. Die Straße ist glatt.
Die Straße war nur nass, nicht eisig. Aber so ließ sich das Eigentliche leichter umgehen.
In der Stadtbibliothek, Ziel von Sabines Fahrt, wurde schon der Weihnachtsbaum aufgestellt. Auszubildende wickelten glitzernde Girlanden, steckten Bänder ins Tonpapier. Papiersterne vom letzten Jahr hingen an der Decke.
Sabine Wagner, Leiterin der Ausleihe, stellte die Tasche ab, zog den Mantel aus.
Sabine, du kommst gerade richtig!, rief die Kollegin. Unser Rechner hängt, aber die Leute geben Bücher zurück.
Ich schau gleich nach, sagte Sabine und ging zum Tresen.
Der Computer zeigte einen blauen Bildschirm. Sie startete neu, während sie auf das Rückgaberegal sah. Da lag ein schmales grünes Buch, darin steckte etwas Weißes.
Was ist das?, fragte sie.
Jemand hat’s ohne Ausweis abgegeben, sagte, er hat’s eilig. Hab den Namen notiert, der Zettel ist aber unter die Papiere geraten.
Sabine öffnete das Buch, entdeckte ein Foto: Ein vielleicht achtjähriger Junge auf einem Schlitten, neben ihm ein Mann mit Strickmütze, lachend. Im Hintergrund: die Schneeberge fast knietief. Eingerissene Ecken, vergilbt.
Sie sah sich das Männergesicht genau an, spürte, wie etwas in ihr vibrierte. Die Freude glich der von Jörg, wenn der noch herzhaft lachte. Aber es war wohl nicht er nur eine ähnliche Art zu schauen.
Interessant, murmelte sie. Wem das wohl gehört
Vielleicht wars keine Absicht, meinte die Kollegin. Oder doch als Andenken?
Sabine legte das Bild vorsichtig zurück, wollte am Abend den Namen auf dem Zettel suchen. Komisches Gefühl, als sei das Bild irgendwie für sie bestimmt was Quatsch war. Zufall eben.
In der Stadt redete man inzwischen über ganz andere Dinge. Im WhatsApp-Chat hatte jemand geschrieben, er habe in Bus 3 ein Tütchen mit Geschenken vergessen: Spielzeug, warme Handschuhe, eine Weihnachtskarte ohne Namen. Der Fahrer habe es im Park einem Jungen gegeben, der zufällig der Sohn der eigentlichen Verliererin war. Die Leute diskutierten, streuten neue Details bei.
Jörg las die Geschichte später nachts auf dem Sofa. Er hatte das Päckchen tatsächlich, am Nachmittag, gefunden; es stand auf dem Rücksitz, gefüllt mit Kleinigkeiten. Zuerst wollte er es zur Endstation bringen, aber im Park sprach ihn ein Junge in dünner Jacke an.
Warten Sie hier auf den Weihnachtsmann?, fragte der.
Und du?, fragte Jörg zurück.
Der Junge zuckte mit den Schultern. Mama meint, der hat keine Zeit, so viel zu tun…
Jörg reichte das Tütchen rüber. Hier, nimm es mit zu deiner Mutter. Sag ihr, alles ist wieder da.
Der Junge staunte, bedankte sich und lief los. Erst abends dachte Jörg, vielleicht hatte ers dem Falschen gegeben? Im Chat hieß es dann, alles wäre gut, das Kind das Richtige. Er schmunzelte: Richtiger Junge, falscher Fahrer, meinte er, und schlief ungewöhnlich leicht ein.
Am nächsten Tag betrat der Mann mit dem Pulli Margaretes Laden. Nicht groß, alte Jacke, Plastiktüte dabei.
Sie hatten gestern angerufen? fragte Margarete.
Er nickte, zog den Pullover raus. Meiner Frau zu kurz, mir eigentlich egal
Sie hielt ihn sich an die Ärmel passten wirklich nicht.
Wir tauschen ihn einfach, ich habe die Größe drüber da, schlug Margarete vor.
Der Mann blickte sich um. Bei Ihnen ist es schön warm. Haben Sie heißes Wasser?
Gestern wars weg, aber wir haben einen Durchlauferhitzer.
Glück gehabt. Bei uns im Haus ists dauernd weg. Frau meckert, Weihnachten ohne warmes Wasser kein richtiges Fest.
Sie fand einen passenden Pullover, reichte ihn rüber. Der Mann holte einen Zettel hervor: Ich arbeite im Service, überprüfe Telefone. Als Sie mich angerufen haben, war starkes Echo. Ihr Gerät müsste langsam raus kann Sie gern beraten, wenn Sie günstig ersetzen möchten.
Margarete nahm den Zettel, las: Markt, Telefonnummer, Echo geprüft.
Danke, sagte sie. Ich seh’s mir an.
Sie drehte abends lange den Zettel in der Hand. Dann wählte sie doch die Nummer vom Sohn. Diesmal drückte sie die grüne Taste ohne Zögern.
Hallo, meldete er sich fast sofort. Mama?
Ja, ich bins. Wie gehts?
Kurze Pause.
Gut. Viel Arbeit. Und dir?
Auch. Sag mal – mein Telefon macht Zicken. Was empfiehlt sich, kannst du mir was raten?
Der Sohn taute auf, erklärte, auf welche Tarife und Modelle zu achten sei. Margarete hörte zu, stellte hin und wieder eine Frage, genoss einfach, dass er wieder in normalem Ton redete.
Mitten im Gespräch sagte der Sohn plötzlich leise: Mama, das mit dem Geld… Da hab ich übertrieben. Nicht böse sein, ja?
Sie holte Luft.
Und ich… ich auch. Tut mir leid.
Am dritten Tag kamen endlich die Schneewolken. Morgens war der Himmel gleichmäßig grau, mittags rieselten die ersten Flocken, deckten Dächer, Bäume, den Marktstand mit dem o, das längst nicht mehr leuchtete.
An der Haltestelle bei der Bibliothek duckten sich Wartende in Schals. Bus 3 hatte zehn Minuten Verspätung, Beschwerden wurden schon im Chat getippt, da bog plötzlich die gelbe Flanke um die Ecke.
Endlich, murmelte jemand.
Jörg öffnete die Türen, ließ die Leute einsteigen. Diesmal war Sabine wieder dabei, setzte sich näher zur Fahrerkabine.
Hallo, sagte sie, als sie das Geld übergab.
Guten Tag, erwiderte Jörg, überrascht, dass er Sie sagte.
Der Bus rollte los. Schnee raschelte über die Scheibe, die Wischer kehrten gemächlich zur Seite.
Ich habe ein Foto gefunden, erzählte Sabine nach einer Weile. Bibliothek. Junge auf Schlitten, Mann mit Mütze. Sieht aus wie im hiesigen Hof, Schnee so hoch.
Früher war mehr Winter, sagte Jörg.
Ja. Ich dachte, vielleicht vermisst es jemand. Erinnerungen.
Jörg nickte, wortlos. In Gedanken tauchte ein altes Bild seiner Tochter auf, sieben Jahre alt, damals mit zu seinen Eltern im Dorf. Das Foto drin in irgendeinem Dokumentenschub, lange nicht angesehen.
Ich kann einen Zettel aufhängen, falls jemand das Bild sucht, schlug Sabine vor.
Mach das, sagte er. Manche brauchen Erinnerung daran, was sie mal hatten.
Sie blickte ihn prüfend an: Wie gehts dir?
Arbeiten halt, sagte er, und dir?
Auch. Die Kinder freuen sich über Schnee, die Großen haben neue Sorgen.
Beide lächelten. Hinten schimpfte jemand wieder über das fehlende warme Wasser, ein anderer meinte, das sei Zeichen, mehr Kaltbäder zu nehmen.
In der Bibliothek bimmelte das Telefon. Sabine hob ab.
Stadtbibliothek, Wagner.
Hallo, ich war gestern bei Ihnen Bücher abgeben. Ich habe da ein Foto… Mein Mann und mein Sohn… Haben Sie das etwa gefunden?
Sabine lächelte, auch wenn ihre Gesprächspartnerin das nicht sehen konnte.
Ja. Kommen Sie vorbei es liegt für Sie bereit!
Erleichtertes Aufatmen.
Danke! Ich habe alles durchsucht. Das ist das einzige Bild, auf dem die beiden zusammen sind. Mein Mann ist letztes Jahr gestorben…
Als die Frau das Foto holte, war sie klein, dunkel gekleidet, roter Schal. Sie nahm das Bild, als sei es porzellanfragil.
Ich dachte, es wäre für immer weg, flüsterte sie. Als hätte ich beide erneut verloren.
Manches kehrt zurück, sagte Sabine. Auch wenn man nicht mehr damit rechnet.
Die Frau tupfte sich die Augen trocken und stellte als Dank eine Pralinenschachtel auf den Schreibtisch.
Frohes neues Jahr. Sie haben mir das Fest gerettet.
Sabine sah ihr nach und dachte über all die Zufälle nach. Hätte sie nach Feierabend nicht umgeräumt, wäre das Foto verloren gegangen aber es war geblieben.
Bis zum vierten Tag lag die Stadt schon unter Schnee. Die Quartiere waren weiß, die Markthändler stapelten Mandarinen auf Schnee, Girlanden über den Buden flackerten zwar unregelmäßig, aber verbreiteten doch Feststimmung.
Margarete ging mit einem Lebensmittelbeutel nach Hause. Die Erbse in der Dose klimperte. Am Imbissstand kaufte sie ein Krautpäckchen und biss noch draußen hinein; die Wärme breitete sich sofort aus.
Das Handy vibrierte. Wieder eine unbekannte Nummer, wieder die hiesige Vorwahl.
Hallo? Guten Tag, äh, entschuldigen Sie, ich glaub, ich bin falsch. Man gab mir Ihre Nummer als die vom Sohn des Fensterbauers… Aber hier ist…
Eine Verkäuferin, erwiderte Margarete überrascht.
Oh, tut mir leid! Ich hab sicher falsch notiert. Man sagte, er macht alles schnell, unsere Fenster sind so alt, da ziehts überall.
Da zieht es fast bei allen, erwiderte Margarete. Der Winter ist da.
Meine Mama wohnt allein, fuhr die Anruferin fort. Ich weiß nicht, wie ich ihr sage, dass ich Silvester nicht kommen kann. Arbeit. Wenigstens will ich ihr neue Fenster spendieren, dass es nicht so schlimm ist.
Margarete hörte die Mischung aus Müdigkeit und schlechtem Gewissen. Sie erkannte das.
Sagen Sie es ehrlich, riet Margarete. Geschenke sind toll, aber die Stimme, das Gespräch, zählt mehr.
Meinen Sie? Ich habe Angst, sie enttäuscht zu haben…
Wird sie. Aber sonst wartet sie und das ist schlimmer.
Die Frau schwieg.
Danke, sagte sie dann. Komisch, dass ausgerechnet Sie mir das sagen… Ich ruf sie nachher an und finde dann einen Fensterbauer.
Sie verabschiedeten sich. Margarete steckte das Handy weg und fühlte sich leichter. Sie dachte an ihren Sohn und seine seltenen Besuche. Vielleicht hatte auch er Angst, etwas Wichtiges zu sagen. Der seltsame Anruf wirkte wie ein Zeichen, dass nicht nur ihr manches schwer fiel.
Am selben Abend fiel das WLAN in der Bibliothek aus. Leser maulten, blieben aber trotzdem im Lesesaal. Sabine ging durch die Regalreihen, half Suchen.
Sie entdeckte an der Info-Tafel ihr eigenes Schreiben von morgens: Foto gefunden, Junge mit Schlitten und Mann, Auskunft in der Bibliothek. Darunter hatte jemand einen Zettel geheftet: Tüte mit Geschenken in Bus 3 gefunden, zurückgegeben. Danke an den Fahrer.
Sabine lächelte. Als Absender: Die Gruppe UnserStädtchen.
Hier steht bald: Habe die Liebe gefunden, zahle Finderlohn, scherzte ihre Kollegin.
Sabine: Oder: Hoffnung verloren bitte zurückbringen.
Beide lachten, ganz leicht.
Am fünften Tag, am 30. Dezember, war die Stadt in Silvesterhast. Auf dem Markt drängten sich Leute, die wegen Hähnchenschenkeln schimpften und Mayonnaisenpreise verglichen. Auf dem Platz vorm Rathaus wurde an einer Bühne geschraubt, Mikrofone getestet.
Jörg fuhr zur Endhaltestelle und holte seinen neuen Fahrplan. Im Flur roch es nach Filterkaffee und Rauch, die Uhr hing zehn Minuten nach.
Jörg!, rief der junge Disponent. Hier war jemand für dich von der Bibliothek, wollte dich sprechen.
Ein Zettel: Jörg. Wenn du Zeit hast, komm in der Bibliothek vorbei. Sabine. Unten die Handynummer.
Jörg sah den Zettel lange an. Schließlich steckte er ihn weg, stapfte los. Der Schnee knirschte unter den Sohlen und die Luft war feuchtkalt.
Anstatt zum Wagen zu gehen, bog er zur Bibliothek ab. Zehn Minuten später trat er ein. Im Eingang stand ein Weihnachtsbaum mit Papiersternen und altmodischen Glaskugeln, auf einer leuchtete das blanke Glas schon durch die Farbe.
Hallo, sagte die junge Dame. Wen suchen Sie?
Sabine Wagner ich glaube, sie wartet auf mich.
Man führte ihn zur Ausleihe. Sabine sortierte Karten, stand sofort auf.
Du bist gekommen. Ich dachte fast, du kommst nicht.
Dienstplan abgeholt. Ist eng mit der Zeit.
Dann machen wirs kurz, sie lächelte. Ich habe etwas gefunden. Nicht nur das Foto.
Sie zog einen alten Briefumschlag aus der Schublade, darauf sein Name, Adresse von vor zwanzig Jahren.
Fand ich zwischen den Büchern, erklärte Sabine. Ein Brief, den ich nie abgeschickt habe. Jetzt dachte ich, du sollst ihn kriegen. Nicht vorlesen, nicht diskutieren einfach nehmen.
Jörg nahm ihn, zitterte leicht.
Sicher?
Ja. Was ich früher nicht sagen konnte, steht da. Zu spät zum Nachholen, aber nicht zu spät zum Loslassen.
Sie schwiegen kurz. Im Hintergrund blätterte jemand um.
Ich hätte auch manches nie gesagt. Schreiben liegt mir eben nicht.
Man kann auch einfach mal vorbeikommen, schlug sie vor. Der Bus fährt ja eh vorbei.
Jörg nickte als hätte jemand unbemerkt Möbel in seinem Leben gerückt, und plötzlich blieb darin mehr Platz.
Auf dem Marktplatz stand Margarete vor ihrem Laden und beobachtete das Gedränge. Ihr Einkaufszettel für morgen in der Hand. Ihr Sohn hatte für Silvestertag Besuch zugesagt, nach dem letzten Telefonat voller Tipps zu Handys und Tarifen.
Bin nicht lang da habe am ersten Dienst, aber komme vorbei.
Mach das, sagte Margarete. Ich mache Salat wie du ihn magst.
Sie dachte daran, wie früher solche Absprachen selbstverständlich waren und heute schon ein kleines Wunder.
An den Laden trat eine Frau mit rotem Schal die, welche im Bibliotheksbild ihre Familie wiederfand, auch wenn Margarete das nicht wusste.
Haben Sie richtig warme Herrensocken?, fragte sie.
Ja, für wen?
Für meinen Sohn. Das erste Jahr nicht zu Hause er hat Schichtdienst. Solls wenigstens warm haben.
Kurzer Wortwechsel, die Socken werden gekauft, die Frau geht. In ihrer Tüte das Logo vom Laden, in dem einst der Rautenpulli gekauft wurde.
Abends, am 30. Dezember, standen alle im Stau. Auf dem Marktplatz die Buden, Glühwein, Bratwurst. Lichtproben auf der Bühne, Mikros pfeifen.
An der Bushaltestelle trafen sich drei: Jörg am Steuer, Sabine mit Mandarinen, Margarete mit Erbsendose.
Das Fahrgeld, bitte, rief Jörg.
Sabine reichte den Schein, Margarete schob ihr Geld wortlos; erst im nächsten Moment blickte sie auf.
Sind Sie der Fahrer, der das Päckchen gefunden hat?, fragte sie. Im Chat stand das.
Mag sein. Da war ein Junge…
Das ist mein Enkel, sagte Sabine lachend. Naja, Nachbarsjunge, aber ich nenne ihn so. Seine Mutter hat erzählt, er sagte den ganzen Tag: Es war ein Wunder!
Jörg zuckte die Schultern: Päckchen ist halt wieder da.
Nicht alles kommt zurück, meinte Margarete.
Sie schwiegen. Im Bus besprachen andere Feuerwerkskäufe, Radio spielte eine bekannte Neujahrsmelodie.
Haben Sie gestern einer Frau geraten, ihrer Mutter ehrlich zu sagen, dass sie nicht an Silvester kommt?, fragte Sabine, an Margarete gewandt.
Ich? O nein!
Eine Freundin berichtete von so einem Anruf versehentlich verbunden, im Modenladen, und der Rat: Ehrlichkeit zählt. Ich meine, Sie erkennen sich an der Stimme.
Margarete lachte. Die Welt ist klein. Hätte nicht gedacht, dass man mir mal zuhört.
Ein Wort kann vieles bewegen, warf Jörg ein.
Sie fuhren fast schweigend weiter. Aber alle drei hatten das Gefühl, da spanne sich eine feine Verbindung durchs Leben keine Magie, nur eine Reihe von kleinen Entscheidungen.
Am Silvesterabend lag Schnee, Straßenlampen warfen goldenes Licht auf glitzernde Flocken. Auf dem Platz sammelten sich Familien und Kinder, fotografierten einander im Licht der großen Bühne.
Margarete deckte den Tisch. In der Küche roch es nach Kartoffelsalat und Brathähnchen, Mandarinen lagen auf dem Fensterbrett, die Uhr zeigte zehn vor elf. Ihr Sohn sollte früher kommen, verspätete sich aber.
Sie schaute zum Handy, wählte durch.
Mama! Bin gleich da, hier klemmt der Verkehr. Mach dir keine Sorgen!
Ich warte, sagte sie nur.
Er lachte, versprach zu kommen.
Sie lächelte und stellte den Wasserkocher an. Die Hausschuhe für ihn standen in der Diele bereit.
Jörg saß in dieser Zeit am Küchentisch, starrte aufs Fenster. Seine Frau ordnete Tabletten für die Woche, im TV das neue Jahr aus einer fremden Hauptstadt.
Hast du Dienst?, fragte die Frau.
Morgen früh.
Jörg zog den Brief hervor, riss ihn auf, las die ersten Zeilen. Da standen Worte, die er einst gern gehört hätte, die dann aber ausblieben: Entschuldigung, Reue, das Eingeständnis von Überforderung. Er faltete das Blatt sorgfältig zusammen und legte es in die Schublade.
Was war das?, fragte die Frau.
Ein alter Brief. Aber er kam genau richtig.
Er schenkte sich Tee ein, nahm Kuchen. Das Handy blinkte: Papa, frohes neues! Schalt um Mitternacht den Fernseher an, ich winke dir.
Er schrieb zufrieden zurück: Mach ich. Ich warte.
Sabine feierte allein im dritten Stock. Mandarinen, Salat, ein bisschen Wurst. Fernseher dudelte. Auf der Fensterbank das kopierte Foto mit Schlittenkind und Mann. Die Frau, die das Foto geholt hatte, ließ sich eine Kopie anfertigen, das Original trat die Heimreise an.
Sabine stellte die Fotokopie zu den anderen Aufnahmen, unter anderem von ihrer Tochter mit Mütze. Schnee überall knietief.
Fünf Minuten vor Mitternacht klingelte ihr Handy.
Mama, rief die Tochter, habs geschafft noch kurz durchgekommen. Frohes neues!
Danke, Kind. Frierst du nicht?
Mitnichten. Alles hell, alles fröhlich hier. Ich schick dir später ein Video bleib bloß wach und warte auf die Glöckchen!
Ich warte, versprach Sabine.
Wenig später betrachtete sie die Szenerie aus dem Fenster: Auf dem Platz versammelten sich die Menschen, Stimmen, Lachen, erste Raketen.
Zur gleichen Zeit füllte sich auch draußen die Menge: Margarete mit ihrem Sohn, der es doch noch schaffte, Jörg mit Frau, die er zum Rausgehen motiviert hatte, die Frau mit dem roten Schal und dem Jungen mit dem Stofftier aus der Fundtasche. Die Busdisponentin mit der Verkäuferin vom Brotstand. Und nicht zuletzt die Frau, die sich getraute, der Mutter doch die Wahrheit zu sagen und neue Fenster in Auftrag gab.
Sie kannten sich kaum, waren aber unsichtbar miteinander verbunden. Der Moderator auf der Bühne zählte den Countdown, doch hörte kaum jemand hin alle sahen auf den Rathausturm.
Kurz vor zwölf tauchte ein Mann in dunkler Jacke und Strickmütze im Gedränge auf. Er lief gemächlich, als suche er jemanden. Der Junge mit dem Teddybär kreuzte ihn, sie tauschten ein Lächeln. Der Mann blieb bei der Tanne stehen, blickte der Sternspitze nach dann ging er weiter. Niemand schenkte ihm große Aufmerksamkeit, niemand merkte sich sein Gesicht.
Die Uhr schlug zwölf. Menschen riefen, umarmten sich, ließen Sektkorken knallen. Schneeflocken setzten sich auf Schultern, Mützen und Handschuhe.
Margarete stand am Sohn, der einen Becher Limonade reichte.
Frohes neues, Mama!, sagte er leise.
Frohes neues, antwortete sie, den Kloß im Hals unterdrückend.
Jörg blickte zu den Lichtern. Seine Frau hielt seinen Arm, diesmal fester.
Gut, dass wir rausgegangen sind, flüsterte sie.
Ja, sagte Jörg.
Sabine hörte aus der Wohnung den Jubel, Nachbarn klirrten mit Gläsern, Kinder juchzten. Sie hob ihr Glas, sagte leise zum Zimmer:
Frohes neues Jahr.
Zwischen ihren Büchern standen die beiden Fotos im goldenen Licht der Lichterkette. Draußen rieselte der Schnee immer stärker.
In der kleinen Stadt, in der vor einer Woche noch kein Schnee gefallen war, kein warmes Wasser floß und kaum noch jemand an Wunder glaubte, gingen die Menschen in dieser Nacht mit einer leisen Ruhe ins Bett. Nichts Großes war geschehen kein Millionensegen, keine plötzlichen Heilungen, kein Märchenwesen.
Aber jemand hatte ein Foto gefunden, ein anderer ein Geschenk zurückgegeben, jemand falsch gewählt und damit das Richtige gesagt. Ein Brief, zwanzig Jahre alt, wurde losgelassen, ein Versprechen gehalten. Kleine, fast unsichtbare Verschiebungen, Muster eines Netzes, das man nicht ganz begreifen, aber fühlen konnte.
Die ganze Nacht fiel Schnee. Am Morgen, Neujahrstag, räumten Hausmeister, Kinder zogen Schlitten, Erwachsene die Müllsäcke aus dem Haus. Gegen sieben setzte sich Bus 3 wieder in Bewegung. Im Strickwarengeschäft funkelte schon die Lichterkette im Fenster. In der Bibliothek lagen neue Bücher aus, dufteten nach frischer Druckerschwärze.
Das Leben ging seinen ganz normalen Gang. Zwischen all den Wegen, Buslinien, Anrufen und Fotos bewegte sich womöglich jemand Unsichtbares, der Fäden zog, damit wiedergefunden wird, was man für verloren hielt. Oder die Menschen machen das ganz von allein merken es bloß nicht immer.
So oder so: In diesem Jahr spürte das kleine Städtchen, dass die Welt ihm doch ein bisschen zugewandt ist. Und manchmal ist genau das alles, was man braucht.




