Educational
08
Vom Ehemann verlassen, von der Schwiegermutter aufgenommen: Wie Maria Fernanda in Berlin zur wahren Mutter wurde, als mein Mann Tiago uns im Stich ließ – Eine Geschichte über unerwartete Rettung, familiären Zusammenhalt und ein neues Leben für meine Tochter und mich
Verlassen vom Ehemann, Geborgen bei der Schwiegermutter Mein Leben brach von einem Moment auf den anderen
Homy
Educational
010
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“ — Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus. — Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen. Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um. — Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen? Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus. — Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr. — Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm? Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten. — Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß. — Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler! Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts. — Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik. — Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich! Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu. — Sind Sie jetzt fertig? — Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen… — Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus. Ludmila Petrowna wurde feuerrot. — Wie redest du mit mir?! — Verlassen Sie bitte mein Haus. — Was?! Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand. — Raus aus meinem Haus. — Du schmeißt mich raus?! Mich?! Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen. — Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben! — Auf Wiedersehen, Frau Petrowna. — Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles! Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war. Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still. Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder. Aber nicht heute. Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah. — Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden. Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche. Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat. — Du hast meine Mutter rausgeschmissen. Keine Frage. Eine Feststellung. — Ich habe sie gebeten zu gehen. — Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria! Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch. — Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat? Sergej stockte kurz, winkte dann ab. — Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm? — Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind. — Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen… Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte. — Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen. Sergej schwieg. — Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals. — Mama meint es nur gut… — Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist. Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche. Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem. Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig. Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch. Was war das? Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich. Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur. Die Haustür flog auf. Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen. — Guten Morgen, Schwiegertöchterchen. Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten. — Woher haben Sie die Schlüssel? Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund. — Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet. Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen. — Was wollen Sie hier? So früh? — Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training! Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer. Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren. — Steh auf! — Maria, bitte nicht jetzt… Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg. Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch. — Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung. Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her. — Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben? — Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt. — Halten Sie den Mund! Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an. — Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will. — Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes! Stille. Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg. — Sergej? Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe. — Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann. — Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen! — Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal. — Maria, bitte, lass uns reden… — Wir haben schon alles gesagt. Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief. — Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen. …Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus. Zwei Jahre vergingen viel zu schnell… …Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“. Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten. Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an. Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat. Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich. Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben. Genau so muss eine Mutter sein…
Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
Homy
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05
Als mich mein Mann mitten in der Nacht auf die Straße setzte, verlor ich jeden Lebensmut. Jahre später erkannte ich, dass genau dieser Moment mein größtes Glück war. Ich heiratete aus Liebe, ohne zu ahnen, welche Prüfungen das Leben mir stellen würde. Nach der Geburt meiner Tochter nahm ich 17 Kilo zu, und plötzlich war alles anders. Mein Mann fing an, mich zu beschimpfen, nannte mich „Kuh“ und „Schwein“, sah mich nicht mehr als Frau. Er verglich mich mit den Ehefrauen seiner Kollegen, meinte, sie seien wunderschön – ich hingegen sei zum „Tier“ geworden. Seine Worte trafen mich wie Messerstiche. Bald fand ich heraus, dass er eine Geliebte hatte – und machte nicht einmal ein Geheimnis daraus. Er telefonierte mit ihr direkt vor meinen Augen, schrieb ihr Nachrichten, für ihn waren meine Tochter und ich schlicht unsichtbar. Nachts weinte ich oft, hatte aber niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Ich bin Vollwaise, habe keine Familie, und nach der Hochzeit distanzierten sich meine Freundinnen. Er wusste, dass er mit mir machen konnte, was er wollte, und begann, mich zu schlagen. Das Weinen unserer Tochter brachte ihn auf die Palme, er schrie mich an, ich solle sie zum Schweigen bringen, drohte, uns rauszuwerfen. Den Tag werde ich nie vergessen: Er kam von der Arbeit und jagte mich aus der Wohnung. Es war später Abend, es regnete. Mit einer Tasche und meiner Tochter auf dem Arm stand ich auf der Straße, völlig verloren. Ich durfte nicht einmal unsere Sachen holen. Gerade als ich versuchte zu begreifen, was geschah, hielt ein Taxi – die Geliebte stieg aus, Koffer in der Hand, und zog in unsere Wohnung ein. In meiner Tasche hatte ich nur ein paar Euro. Meine einzige Hoffnung war das Krankenhaus, in dem ich früher gearbeitet hatte. Zum Glück hatte eine befreundete Krankenschwester Dienst und ließ uns dort übernachten. Am nächsten Morgen ging ich zum Pfandhaus, verkaufte meine Kette mit Kreuz – das letzte Erbstück meiner Mutter –, die Ohrringe, die mein Mann mir zur Hochzeit schenkte, und meinen Ehering. Ich fand eine Anzeige von einer alten Dame, Oma Margarethe, die ein Zimmer am Rand von Berlin vermietete. Sie wurde für uns zur Familie. Sie kümmerte sich um meine Tochter, sodass ich Arbeit finden konnte. Ohne Ausbildung begann ich, Fleisch in einer Metzgerei zu verpacken, abends putzte ich Treppenhäuser. Später traf ich eine Kundin, deren Wohnung ich putzte. Sie bot mir einen Job als Bürokraft in ihrer Firma an, mit gutem Gehalt. Dank ihr holte ich mein Abitur nach, studierte Jura und schloss erfolgreich ab. Heute studiert meine Tochter an der Uni, wir haben eine geräumige Wohnung, ein Auto und reisen mehrmals im Jahr ins Ausland. Meine eigene Anwaltskanzlei läuft gut – und ich bin dem Schicksal dankbar, dass mein Mann mich damals rauswarf. Ohne dieses Ereignis wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Vor kurzem haben meine Tochter und ich beschlossen, ein Grundstück am Stadtrand für ein Landhaus zu kaufen. Wir fanden einen schönen Ort in der Nähe von Potsdam. Kaum zu fassen: Der Hausmeister war mein Ex-Mann, und hinter ihm stand seine ehemalige Geliebte, inzwischen stark übergewichtig. Ich hatte den Impuls, ihm alles zu sagen, was ich all die Jahre in mir getragen hatte, aber ich sah ihm nur in die Augen. Da stand ein betrunkener Mann mit Bierbauch und Schulden – deshalb musste er das Haus verkaufen. Wir schwiegen, ich nahm meine Tochter bei der Hand und ging. Oma Margarethe ist noch immer ein Teil unseres Lebens – wir besuchen sie, bringen ihr Kuchen, helfen ihr. Nie werde ich vergessen, wie sie mir in meiner dunkelsten Stunde die Hand reichte. Und auch Helena, meine Chefin, die mir die Chance gab, an mich zu glauben und über mich hinauszuwachsen, bleibt für immer in meinem Herzen.
Als ich eines Abends völlig verzweifelt auf der Straße stand, hatte ich keine Lust mehr zu leben.
Homy
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042
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“ — Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus. — Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen. Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um. — Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen? Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus. — Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr. — Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm? Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten. — Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß. — Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler! Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts. — Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik. — Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich! Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu. — Sind Sie jetzt fertig? — Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen… — Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus. Ludmila Petrowna wurde feuerrot. — Wie redest du mit mir?! — Verlassen Sie bitte mein Haus. — Was?! Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand. — Raus aus meinem Haus. — Du schmeißt mich raus?! Mich?! Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen. — Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben! — Auf Wiedersehen, Frau Petrowna. — Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles! Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war. Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still. Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder. Aber nicht heute. Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah. — Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden. Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche. Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat. — Du hast meine Mutter rausgeschmissen. Keine Frage. Eine Feststellung. — Ich habe sie gebeten zu gehen. — Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria! Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch. — Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat? Sergej stockte kurz, winkte dann ab. — Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm? — Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind. — Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen… Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte. — Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen. Sergej schwieg. — Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals. — Mama meint es nur gut… — Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist. Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche. Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem. Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig. Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch. Was war das? Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich. Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur. Die Haustür flog auf. Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen. — Guten Morgen, Schwiegertöchterchen. Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten. — Woher haben Sie die Schlüssel? Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund. — Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet. Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen. — Was wollen Sie hier? So früh? — Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training! Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer. Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren. — Steh auf! — Maria, bitte nicht jetzt… Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg. Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch. — Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung. Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her. — Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben? — Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt. — Halten Sie den Mund! Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an. — Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will. — Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes! Stille. Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg. — Sergej? Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe. — Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann. — Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen! — Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal. — Maria, bitte, lass uns reden… — Wir haben schon alles gesagt. Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief. — Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen. …Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus. Zwei Jahre vergingen viel zu schnell… …Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“. Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten. Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an. Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat. Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich. Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben. Genau so muss eine Mutter sein…
Züchtet man aus ihm einen Schwächling Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Hannelore
Homy
Er verließ sie mit den Kindern – Zehn Jahre später kehrte er zurück, aber sie war nicht mehr dieselbe: Die bewegende Geschichte einer Frau, die für ihre Familie alles opferte, nach dem Verrat aus eigener Kraft aufstand und ihr Leben neu erschuf
Sie verließ er mit den Kindern. Zehn Jahre später kehrte er zurück, doch sie war längst eine andere.
Homy
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011
Schwanger vom verheirateten Kollegen und von ihm eiskalt im Stich gelassen: Mein Name ist Johanna Schneider aus Trier, und so wurde ich zur alleinerziehenden Mutter nach einer verbotenen Liebe im Schatten von Lügen und Verrat
Mein Name ist Leonie Hoffmann und ich lebe in Heidelberg, wo die alten Mauern und verwinkelten Gassen
Homy
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019
Und bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann mein Vater es geschafft hat, uns wirklich alles zu nehmen. Ich war 15, als es passierte. Wir lebten in einem kleinen, aber gepflegten Haus – mit Möbeln, der Kühlschrank war voll an Einkaufstagen und die Rechnungen waren fast immer pünktlich bezahlt. Ich war in der 10. Klasse und meine einzige Sorge war, mich durch Mathe zu kämpfen und genug Geld für die Turnschuhe zu sparen, die ich so sehr wollte. Alles begann sich zu verändern, als mein Vater immer später nach Hause kam. Er kam rein, sagte kein Wort, warf die Schlüssel auf den Tisch und verschwand direkt mit dem Handy in seinem Zimmer. Meine Mutter schimpfte: — Schon wieder zu spät? Glaubst du, das Haus macht sich von allein? Er antwortete trocken: — Lass mich, ich bin müde. Ich hörte alles von meinem Zimmer aus mit Kopfhörern, tat so, als würde nichts passieren. Eines Abends sah ich ihn im Garten telefonieren. Er lachte leise, sagte Dinge wie „fast erledigt“ und „keine Sorge, ich regel das“. Als er mich bemerkte, legte er sofort auf. Ich spürte ein seltsames Gefühl im Bauch, sagte aber nichts. An dem Tag, an dem er ging, war Freitag. Ich kam von der Schule und sah den offenen Koffer auf dem Bett. Meine Mutter stand mit roten Augen an der Schlafzimmertür. Ich fragte: — Wo geht er hin? Er sah mich nicht mal an und sagte: — Ich bin eine Weile weg. Meine Mutter schrie ihn an: — Eine Weile mit wem? Sag die Wahrheit! Da explodierte er: — Ich gehe zu einer anderen Frau. Ich habe genug von diesem Leben! Ich fing an zu weinen: — Und ich? Und meine Schule? Und das Haus? Er antwortete nur: — Ihr schafft das schon. Er schloss seinen Koffer, nahm die Dokumente aus der Schublade, griff zu seinem Portemonnaie und verließ das Haus ohne Abschiedswort. Am selben Abend versuchte meine Mutter, Geld vom Bankautomaten abzuheben, doch die Karte war gesperrt. Am nächsten Tag in der Bank erfuhr sie, dass das Konto leer war. Er hatte alles abgehoben, was sie gemeinsam gespart hatten. Obendrein erfuhren wir, dass zwei Monatsrechnungen nicht bezahlt waren und er einen Kredit aufgenommen hatte – ohne ihr Wissen, sie als Bürgin eingetragen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Tisch saß, Quittungen prüfte, mit einem alten Taschenrechner rechnete, weinte und immer wieder sagte: — Es reicht für nichts… es reicht einfach nicht… Ich versuchte, ihr beim Sortieren der Rechnungen zu helfen, begriff aber kaum, was eigentlich passierte. Eine Woche später wurde das Internet abgestellt, kurz darauf fast auch der Strom. Meine Mutter fing an zu putzen – in fremden Haushalten. Ich begann, Süßigkeiten in der Schule zu verkaufen. Es war mir peinlich, in der Pause mit der Tüte Schokolade herumzustehen, aber ich tat es, weil zuhause nicht mal das Nötigste reichte. Eines Tages öffnete ich den Kühlschrank: darin nur eine Kanne mit Wasser und ein halber Tomate. Ich setzte mich in die Küche und weinte allein. Am selben Abend gab es nur weißen Reis – sonst nichts. Meine Mutter entschuldigte sich ständig, dass sie mir nicht mehr geben konnte wie früher. Später sah ich auf Facebook ein Foto von meinem Vater mit jener Frau im Restaurant – sie stoßen mit Wein an. Meine Hände zitterten. Ich schrieb ihm: „Papa, ich brauche Geld für Schulmaterial.“ Er antwortete: „Ich kann nicht zwei Familien versorgen.“ Das war unser letztes Gespräch. Danach hat er nie wieder angerufen. Nie gefragt, ob ich meinen Abschluss geschafft habe, ob ich krank bin, ob ich etwas brauche. Er ist einfach verschwunden. Heute arbeite ich, bezahle alles selbst und unterstütze meine Mutter. Aber diese Wunde ist bis heute offen. Nicht nur wegen des Geldes – sondern wegen dem Verlassen, der Kälte, der Art, wie er uns im Stich ließ und einfach weiterlebte, als wäre nichts gewesen. Und trotzdem, viele Nächte wache ich immer noch auf – mit derselben Frage im Herzen: Wie überlebt man es, wenn der eigene Vater einem alles nimmt – und einen zwingt, als Kind das Überleben zu lernen?
Bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann genau mein Vater es geschafft hat, uns alles
Homy
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013
Vater von drei Kindern hätte nie gedacht, seinen Lebensabend in einem Seniorenheim zu verbringen: Erst am Ende erkennt man, ob man seine Kinder gut erzogen hat
Vater von drei Kindern hätte nie gedacht, seinen Lebensabend in einem Pflegeheim zu verbringen: Erst
Homy
Educational
026
Und bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann mein Vater es geschafft hat, uns wirklich alles zu nehmen. Ich war 15, als es passierte. Wir lebten in einem kleinen, aber gepflegten Haus – mit Möbeln, der Kühlschrank war voll an Einkaufstagen und die Rechnungen waren fast immer pünktlich bezahlt. Ich war in der 10. Klasse und meine einzige Sorge war, mich durch Mathe zu kämpfen und genug Geld für die Turnschuhe zu sparen, die ich so sehr wollte. Alles begann sich zu verändern, als mein Vater immer später nach Hause kam. Er kam rein, sagte kein Wort, warf die Schlüssel auf den Tisch und verschwand direkt mit dem Handy in seinem Zimmer. Meine Mutter schimpfte: — Schon wieder zu spät? Glaubst du, das Haus macht sich von allein? Er antwortete trocken: — Lass mich, ich bin müde. Ich hörte alles von meinem Zimmer aus mit Kopfhörern, tat so, als würde nichts passieren. Eines Abends sah ich ihn im Garten telefonieren. Er lachte leise, sagte Dinge wie „fast erledigt“ und „keine Sorge, ich regel das“. Als er mich bemerkte, legte er sofort auf. Ich spürte ein seltsames Gefühl im Bauch, sagte aber nichts. An dem Tag, an dem er ging, war Freitag. Ich kam von der Schule und sah den offenen Koffer auf dem Bett. Meine Mutter stand mit roten Augen an der Schlafzimmertür. Ich fragte: — Wo geht er hin? Er sah mich nicht mal an und sagte: — Ich bin eine Weile weg. Meine Mutter schrie ihn an: — Eine Weile mit wem? Sag die Wahrheit! Da explodierte er: — Ich gehe zu einer anderen Frau. Ich habe genug von diesem Leben! Ich fing an zu weinen: — Und ich? Und meine Schule? Und das Haus? Er antwortete nur: — Ihr schafft das schon. Er schloss seinen Koffer, nahm die Dokumente aus der Schublade, griff zu seinem Portemonnaie und verließ das Haus ohne Abschiedswort. Am selben Abend versuchte meine Mutter, Geld vom Bankautomaten abzuheben, doch die Karte war gesperrt. Am nächsten Tag in der Bank erfuhr sie, dass das Konto leer war. Er hatte alles abgehoben, was sie gemeinsam gespart hatten. Obendrein erfuhren wir, dass zwei Monatsrechnungen nicht bezahlt waren und er einen Kredit aufgenommen hatte – ohne ihr Wissen, sie als Bürgin eingetragen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Tisch saß, Quittungen prüfte, mit einem alten Taschenrechner rechnete, weinte und immer wieder sagte: — Es reicht für nichts… es reicht einfach nicht… Ich versuchte, ihr beim Sortieren der Rechnungen zu helfen, begriff aber kaum, was eigentlich passierte. Eine Woche später wurde das Internet abgestellt, kurz darauf fast auch der Strom. Meine Mutter fing an zu putzen – in fremden Haushalten. Ich begann, Süßigkeiten in der Schule zu verkaufen. Es war mir peinlich, in der Pause mit der Tüte Schokolade herumzustehen, aber ich tat es, weil zuhause nicht mal das Nötigste reichte. Eines Tages öffnete ich den Kühlschrank: darin nur eine Kanne mit Wasser und ein halber Tomate. Ich setzte mich in die Küche und weinte allein. Am selben Abend gab es nur weißen Reis – sonst nichts. Meine Mutter entschuldigte sich ständig, dass sie mir nicht mehr geben konnte wie früher. Später sah ich auf Facebook ein Foto von meinem Vater mit jener Frau im Restaurant – sie stoßen mit Wein an. Meine Hände zitterten. Ich schrieb ihm: „Papa, ich brauche Geld für Schulmaterial.“ Er antwortete: „Ich kann nicht zwei Familien versorgen.“ Das war unser letztes Gespräch. Danach hat er nie wieder angerufen. Nie gefragt, ob ich meinen Abschluss geschafft habe, ob ich krank bin, ob ich etwas brauche. Er ist einfach verschwunden. Heute arbeite ich, bezahle alles selbst und unterstütze meine Mutter. Aber diese Wunde ist bis heute offen. Nicht nur wegen des Geldes – sondern wegen dem Verlassen, der Kälte, der Art, wie er uns im Stich ließ und einfach weiterlebte, als wäre nichts gewesen. Und trotzdem, viele Nächte wache ich immer noch auf – mit derselben Frage im Herzen: Wie überlebt man es, wenn der eigene Vater einem alles nimmt – und einen zwingt, als Kind das Überleben zu lernen?
Bis heute wache ich manchmal nachts auf und frage mich, wann genau mein Vater es geschafft hat, uns alles
Homy
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022
Das ließ ich mir aufbürden! — Papa, was sind das für neue Sachen? Hast du etwa einen Antiquitätenladen geplündert? — Kristina zog verwundert die Augenbrauen hoch, während sie die weiße Häkeldecke auf ihrem Kommode betrachtete. — Wer hätte gedacht, dass du auf so alten Kram stehst. Dein Geschmack ist ja fast wie der von Oma Trude… — Ach, Krissilein? Was machst du denn hier ohne Anruf? — Oleg trat aus der Küche. — Ich… Also… Ich hab dich gar nicht erwartet… Vater bemühte sich, munter zu wirken, doch sein Blick war sichtlich schuldbewusst. — Das sieht man ja, — murmelte Kristina und ging missmutig ins Wohnzimmer, wo sie weitere Überraschungen erwarteten. — Papa… Woher kommt das alles? Was passiert hier eigentlich? Kristina erkannte ihre Wohnung kaum wieder. …Als sie die Wohnung von ihrer Oma geerbt hatte, war der Zustand deprimierend: Alte DDR-Möbel, ein klobiger Röhrenfernseher auf einer abgenutzten Kommode, verrostete Heizungen, sich ablösende Tapeten… Aber wenigstens ihr eigenes Zuhause. Kristina hatte damals einige Ersparnisse und steckte alles in eine Renovierung – und zwar nicht irgendeine! Sie hatte sich für skandinavischen Stil entschieden: Helle Farben, Minimalismus, alles wirkte offener. Sie arrangierte liebevoll jeden Akzent, suchte passende Gardinen, legte flauschige Teppiche aus… Nun aber hingen anstelle der schweren Verdunklungsvorhänge einfache Nylon-Store. Das italienische Sofa war begraben unter einer synthetischen Fleecedecke mit fletschendem Tiger. Auf dem Couchtisch stand eine knallpinke Plastikvase mit ebenso grell-pinken Kunststoffrosen. Und das war noch das geringste Übel. Viel schlimmer waren die Gerüche. Aus der Küche klang das Zischen von Bratöl und ein penetrantes Fisch-Aroma. Tabakqualm lag in der Luft. Dabei hat ihr Vater nie geraucht… — Krissilein, du verstehst ja … — begann Oleg schließlich. — Also… Ich bin nicht allein. Ich wollte es dir früher sagen, aber… naja. — Wie, nicht allein? — stotterte Kristina. — Papa, so war das nicht abgemacht! — Kristina, du musst doch verstehen, nur weil deine Mutter weg ist, ist mein Leben nicht vorbei! Ich bin noch ein junger Mann, nicht mal Rente. Hab ich kein Recht auf mein Privatleben? Kristina war überrumpelt. Klar hat ihr Vater ein Recht auf eine neue Partnerin. Aber doch nicht in ihrem eigenen Zuhause! …Die Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt. Die Mutter nahm Vaters Affäre gleichmütig, als wäre sie eine lästige Last los, und widmete sich ganz sich selbst. Sie hatte so viele Freundinnen, dass sie kaum Zeit zum Grübeln fand. Vater aber war am Boden zerstört. Vor der Ehe hatte er eine eigene Wohnung, doch dort war seit Jahren alles nur schlimmer geworden: Zuerst vermietet, dann bei einem Brand verwüstet. Geld für eine Renovierung fehlte, also hatte er die Wohnung einfach vergessen; verkauft wurde sie vorsichtshalber nicht, aber an ein Leben dort war undenkbar. Rußige Wände, kaputte Fenster, Schimmel – mehr Gruft als Wohnung. — Krissi, ich weiß nicht, wie ich hier wohnen soll… — seufzte Vater damals. — Hier ist es echt gefährlich. Und bis zum Winter schaffe ich die Renovierung nicht, Geld reicht auch nicht. Na ja, dann erfriere ich eben… Ist wohl mein Schicksal. Kristina hielt es nicht aus. Sie konnte doch nicht zulassen, dass ihr Vater so wohnte. Schließlich stand ihre eigene Wohnung jetzt leer – sie war gerade frisch verheiratet und zu ihrem Mann gezogen. Nach Vaters Vermietungs-Pech wollte sie die Wohnung keinesfalls vermieten. — Papa, wohn doch erstmal bei mir, — schlug sie vor. — Alles ist bereit, alle Annehmlichkeiten. Mach deinen eigenen Kram langsam fertig und zieh dann um. Aber eine Bedingung: Keine Gäste! — Echt jetzt? — fragte Vater erstaunt. — Danke, mein Schatz! Du rettest mich! Ich verspreche – alles ganz ruhig und friedlich. Jaja. Friedlich… Während Kristina sich an ihr Versprechen erinnerte, flog die Badezimmertür auf und ein Schwall duftenden Dampfes strömte heraus. Heraus schwebte eine etwa fünfzigjährige Frau im dicken Frottee-Bademantel von Kristina. Ihrem Lieblingsbademantel. Nun spannte er kaum noch über die üppigen Formen der Fremden. — Oh, Olegi, haben wir etwa Besuch? — fragte die Dame mit rauer Stimme und gönnerhaftem Lächeln. — Hättest ja mal vorher Bescheid geben können, dann wär ich nicht in Schlabberklamotten. — Wer sind Sie bitte? — fragte Kristina scharf. — Und weshalb tragen Sie meinen Bademantel? — Ich bin Jana, die Liebste deines Vaters. Und warum so gereizt? Der Bademantel hing doch eh nur rum. Kristinas Puls schoss vor Ärger hoch. — Nehmen Sie ihn sofort ab, — zischte sie. — Kristina! — flehte Oleg, stellte sich zwischen sie. — Nun hör auf! Jana hat doch nur… — Jana trägt fremde Sachen in einem fremden Haus! — unterbrach Kristina. — Papa, tickst du noch richtig? Du bringst deine Freundin hierher und lässt sie in meinen Sachen rumwühlen?! Jana verdrehte dramatisch die Augen und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich so schwer auf den Tigerplaid plumpsen ließ. — Du bist aber unverschämt, — stellte sie fest. — Wäre ich Oleg, wäre längst der Gürtel raus – egal wie alt! Wie redest du überhaupt mit deinem Vater? Dass er sich für eine andere entschieden hat, geht dich gar nichts an, Fräulein. Kristina war wie vor den Kopf gestoßen. Eine fremde Frau stänkert in ihrem Wohnzimmer. — Das stimmt, — sagte sie. — Aber nur, solange es nicht in meinem Haus passiert. — Deinem? — Jana hob eine Braue und blickte zu Oleg. Der stand gedrückt an der Wand, die Schultern hochgezogen, und blickte ängstlich von seiner zornigen Tochter zur frechen Freundin. Offensichtlich hoffte er, dass sich der Sturm einfach von selbst verziehen würde – doch die Wetterprognose hatte sich gerade dramatisch verschlechtert. — Ach… Mein Papa hat Ihnen das wohl vergessen zu sagen? — Kristina lächelte frostig. — Dann mach ich das mal: Er ist hier nur Gast. Die Wohnung ist meine. Jedes Stück vom Besteck bis zu den Gardinen habe ich gekauft. Ich hab ihn aufgenommen, aber nicht erwartet, dass er seine… Herzdamen hier anschleppt. Jana lief knallrot an. — Oleg?.. — ihre Stimme wurde eisig. — Was erzählt sie da? Du hast mir gesagt, es sei deine Wohnung. Hast du etwa gelogen? Vater drückte sich noch mehr in die Wand, als wolle er sich darin auflösen. Die Ohren brannten. — Also… Jana, so war das nicht gemeint. Du hast mich falsch verstanden, — stotterte er. — Ich hab eine eigene Wohnung, halt nur nicht diese. Ich wollte dich nicht mit Einzelheiten belasten. — Nicht belasten?! Toll, jetzt muss ich mir hier was anhören, nur wegen dir! Kristinas Geduld war erschöpft. — Raus, — sagte sie leise. — Wie bitte? — stutzte Jana. — Raus. Beide. Ihr habt eine Stunde. Seid ihr noch hier, reden wir besser mit dem Anwalt. So viel dazu: „habe jemand in mein Häuschen gelassen…“ Kristina ging zur Tür, doch Oleg drückte sich endlich von der Wand ab und stürzte ihr hinterher. — Kind! Willst du deinen eigenen Vater auf die Straße setzen? Du weißt doch, wie es bei mir aussieht! — jammerte er. — Ich erfriere doch da! Er klammerte sich an ihren Ärmel, und Kristinas Herz wurde weich. Kindheitserinnerungen, das Gefühl von Pflicht, Mitleid für den quasi-älteren Papa… Die Kehle war wie zugeschnürt. Doch dann fiel ihr Blick auf Jana. Die saß da, die Beine überschlagen, in Kristinas Bademantel, und schaute sie an mit solcher Abneigung, dass alle Zweifel verschwanden. Würde sie jetzt nachgeben, würde am nächsten Tag diese Frau die Türschlösser tauschen und neue Tapeten kleben. — Papa, du bist erwachsen. Such dir eine Wohnung, — entgegnete Kristina, befreite ihren Ärmel. — Du bist selbst schuld. Wir hatten abgemacht, du wohnst allein – stattdessen bringst du fremde Frauen, lässt sie meine Sachen tragen und meinen Geschmack ruinieren… — Ach komm, nimm deinen blöden Kram! — warf Jana ihr entgegen. — Geh, Olegi! Lass dich nicht so erniedrigen. Undankbares Kind… Eine halbe Stunde packen – und die Sache war erledigt. Vater verließ wortlos, zusammengekrümmt wie ein alter Mann, die Wohnung. Kristina würde nie seinen Hundeblick vergessen – wie ein ausgesetzter Streuner im Regen. Doch sie blieb standhaft, bewegte keinen Muskel. Kaum waren sie weg, riss sie die Fenster auf, um Fisch, Tabak und billiges Parfüm zu vertreiben. Dann packte sie Bademantel, Decke und alles, was Jana zurückgelassen hatte, und warf alles in den Müll. Am nächsten Tag: Reinigung und Schlosswechsel. Der Ekel vor den Sachen der Fremden saß tief. Besonders diese Frau… …Vier Tage später. Jetzt war Kristinas Wohnung wieder frei von Fremdem – keine Plastikblumen und keine „Duftwunder“. Sie wohnte zwar weiter beim Mann, aber das Gefühl von Befreiung war herrlich. Mit dem Vater hatte sie seitdem nicht mehr gesprochen. Am vierten Tag rief er von sich aus an. — Hallo, — sagte Kristina zögernd. — Na, Kristina… — begann Vater mit schwerer Zunge. — Zufrieden? Freust du dich jetzt? Jana ist weg. Hat mich verlassen… — Ach, wie überraschend, — entfuhr es Kristina. — Lass mich raten: Das passierte, als sie deine echte Wohnung gesehen hat und merkte, dass man da richtig ranklotzen müsste? Vater schniefte. — Genau… Ich hab ‘nen Heizstrahler aufgestellt, auf nem Luftbett geschlafen. Drei Tage hat sie’s ausgehalten… Dann meinte sie, ich wär ein armer Schlucker und Lügner. Hat zusammengepackt und ist zu ihrer Schwester. Meinte, mit mir hat sie nur Zeit verschwendet… Aber wir haben uns doch geliebt, Kristina! — Liebe? Da war doch nichts. Du wolltest dich bequem unterbringen, und sie auch. Ihr habt euch beide vertan. Pause. Vater gab nicht auf. — Es ist schlimm alleine hier, Tochter, — sagte er schließlich. — Es ist furchtbar… Kann ich zurückkommen? Ich bin allein, wirklich! Ich schwöre! Kristina senkte den Blick. Ihr Vater saß irgendwo in Kälte und Verfall. Aber das hatte er sich selbst gebaut: erst Affäre, dann Tochter belogen, jetzt auch noch Jana verarscht. Ja, sie hatte Mitleid. Aber daraus Nachsicht machen – das vergiftet beide. — Nein, Papa. Ich lasse dich nicht zurück, — sagte Kristina. — Hol dir Handwerker, mach die Bude fertig. Lerne, in den Umständen zu leben, die du dir selbst geschaffen hast. Das Einzige, was ich tun kann: Handwerker empfehlen. Mehr nicht. Meld dich, falls du Hilfe brauchst. Dann legte Kristina auf. Hart? Vielleicht. Aber sie wollte nicht, dass künftig irgendwer Flecken auf ihrem Bademantel und ihrer Seele hinterlässt. Manchmal gibt es Schmutz, den kann man nicht mehr reinigen – sondern nur von vornherein draußen halten aus dem eigenen Leben…
Selbst eingebrockt Papa, was sind das denn für neue Sachen? Hast du einen Antiquitätenladen geplündert?
Homy